Donnerstag, 10. Januar 2008

Gruppenselektion und Edward O. Wilson - "Die erste große wissenschaftliche These des 21. Jahrhunderts"?

"Superorganismen"

Manchmal beschleicht einen wirklich die Angst, daß es derzeit oder künftig langweiliger werden könnte auf naturwissenschaftlichem Gebiet als es in den letzten fünf oder acht Jahrzehnten dort gewesen ist. Aber dann gibt es wieder Meldungen, die einen von einer solchen Sorge befreien: Das nächste Buch des 78-jährigen berühmten Soziobiologen Edward O. Wilson, das er soeben beendet hat, wird den Titel tragen: "Superorganisms" (Times, Dienekes, Eurekalert). - Und eine Kontroverse darüber mit Richard Dawkins ist schon ausgebrochen (New Scientist 1, 2).

Die Hauptthese des neuen Buches von Edward O. Wilson, vor allem zunächst festgemacht an staatenbildenden Insekten und erstmals zusammen mit seinem deutschen Freund und Kollegen Bert Hölldobler (Würzburg) vor einigen Jahren veröffentlicht: "Kin selection may play a part within the colony. But group selection is the far more potent evolutionary force." Oder, wie es bei Eurekalert heißt: "Kin selection is, he writes, “not wrong” but incomplete."

Der Journalist Bryan Appleyard schreibt zu dem neuen Buch in der britischen Times: "Knowing him, it may well turn out to be the first great scientific statement of the 21st century." Ich würde als die erste große wissenschaftliche "Feststellung" des 21. Jahrhunderts schon alles das bezeichnen, was mit "Lewontin's Fehlschluß" bezeichnet worden ist, also den Fehlschluß, daß Rassen in naturwissenschaftlichem Sinne bei Menschen nicht existieren würden. Aber diese neue These von Wilson wird diese erstgenannte Feststellung inhaltlich wesentlich erweitern und konkretisieren: Auch Human-Evolution war und wird künftig sein (könnte sein) vor allem: Gruppenselektion, also Evolution durch geographische, kulturelle und genetische Seperation von Gruppen voneinander.
“It will be a reexamination of the forces of social evolution - what kind of changes are brought about by higher social organisation in insects and humans. We’ve done the insects now and I’m going into the humans, consulting and studying and building a new picture of the origins of social behaviour in humans.” What has him really excited is that he doesn’t know what he'll find. There are two possibilities - either human social behaviour evolves in much the same way as insects or human culture “has entirely changed the way evolution works”. Either way, the crucial point for Wilson is that group selection may offer us a way out of our deepest problem.

“If inter-group conflict turns out to be a powerful force in human evolution, as Darwin thought it was, then perhaps it would make it easier for the leaders of people on the edge of violence to step back and say, ‘Let’s try the other way, let’s try understanding why we feel this way’. We are bedevilled as a species by hair-trigger aggressive tendencies.”
Zukünftige Humanevolution: genetische Vereinheitlichung?

Was Wilson allerdings für die Zukunft prognostiziert, halte ich für äußerst zweifelhaft, bzw. spekulativ. Er sagt, es wird eine evolutive (genetische) "Vereinheitlichung" der Menschheit geben "von Stockholm bis Lagos". - Wir haben doch gerade erst herausbekommen, daß es gerade nicht "Vereinheitlichung", sondern Vielfalt war, die die Evolution des Menschen noch in den letzten Jahrtausenden und Jahrhunderten bestimmt - aber natürlich auch Evolution überhaupt ist von Vielfalt bestimmt. Wilson selbst ist, was nichtmenschlichen Artenreichtum betrifft, einer der bedeutendsten und wichtigsten Verteidiger derselben. Aber bezüglich des zukünftigen Menschen scheint er die genetische (und damit verbundene kulturelle) Gruppenvielfalt, die er in seiner genetisch-kulturellen Verflechtung als einer der ersten zusammen mit Charles Lumbsden schon vor Jahrzehnten erforscht hat, derzeit nicht für erhaltenswert und die evolutiven Möglichkeiten bereichernd anzusehen. Das kann man sehr inkonsequent nennen.

Wilson geht von Gruppenselektion zurück zu Individualselektion, wenn er über die Zukunft der Menschheit nachdenkt:
Interbreeding between previously separated populations will produce new gene combinations so, although we will be more homogenised on average, we will also be more varied.
Hm! Sicherlich könnte er damit auch einen weiteren Aspekt künftiger Humanevolution benannt haben. Aber ob es der einzige Aspekt künftiger Humanevolution bleiben wird, wie er es anklingen läßt? Natürlich hat Humanevolution immer wieder auch Vereinheitlichung mit sich gebracht. Aber eben andererseits auch immer wieder neue Entstehung von Vielfalt dadurch, daß der Mensch sich wieder mehr auf seinen eigenen lokalen Bereich beschränkte (- ganz früher: beschränken mußte).

Und da soll es künftig viel weniger Gruppenvielfalt geben als heute? Obwohl wir doch gerade die kulturelle (Gruppen-)Vielfalt des Menschen hier auf dieser Erde, seine Sprachvielfalt usw. als einen unersetzlichen, erhaltenswerten Wert ansehen, genauso wie die natürliche Artenvielfalt? Wilson sollte doch eigentlich wissen, daß Evolution noch nie und nirgends allein aufgrund des Prinzipes "Vereinheitlichung", aufgrund des Prinzipes "Monokultur" gearbeitet hat.

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