Montag, 26. November 2007

Nachdenken über Altruismus (1. Teil)

Altruismus - "Thema und Variationen"

Vielleicht ist "Studium generale" ein Blog, der sich "Altruismus-Blog" nennen sollte. Denn das ist doch - letztlich - sein Hauptthema. Und es ist nun ganz schwer, etwas Abschließendes oder auch nur einigermaßen Grundlegendes über Altruismus zu sagen. Denn es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, aufgrund derer sich Menschen altruistisch in ihre Gesellschaft einbringen können oder in die Gemeinschaft, in der sie leben.

Und wenn ich ein religiöser (oder patriotisch oder humanistisch eingestellter) Mensch bin, dann werde ich sagen, daß es wenig gibt außer dem Altruismus, außer dem eigenen Handeln, das mich enger und näher an meine eigene Art der Gottvorstellung, an das eigene Ideal der von mir herbei gesehnten (humaneren) Gesellschaft heranführt. Denn jede andere Einstellung, die meine Worte und Gedanken nicht mit meinen Taten in Einklang stehen läßt, wird allgemein als "unecht" und "falsch" empfunden, letztlich als Heuchelei und Unehrlichkeit.

Die berühmte Meißner-Formel der deutschen Jugendbewegung (also des "Wandervogels") von 1913 lautete:
„Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortlichkeit, in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten."
Ist es ihr gelungen, irgend etwas von diesen hohen Ansprüchen innerhalb des 20. Jahrhunderts zu verwirklichen, gesellschaftlich zur Anerkennung zu bringen? Ein Jahr später schon brach der Erste Weltkrieg aus ...

Hier, in dieser "Meißner-Formel" eines Teils der intellektuellen und moralischen "Avangarde" Deutschlands von 1913 wurde also besonders Wert gelegt auf die innere Wahrhaftigkeit, also auf den Einklang der Worte, der Gedanken mit den Taten. Aus diesem inneren Zusammenhang heraus gibt es - für Menschen, die das Bestreben haben, einigermaßen wahrhaftig sein zu wollen - manchmal einen "inneren Zwang", das für richtig Erkannte auch zu tun oder den Erkenntnissen, die man über das Leben und die Welt gewonnen hat, erforscht hat, nun auch gerecht zu werden - durch eigenes Handeln. Im eigenen Leben. Und genau in dem Augenblick könnte ein Martyrium seinen Anfang genommen haben, nämlich dann, wenn dieser Mensch - mit Jesus - sagt, man solle auf Gott (oder: auf die eigene innere Stimme der Wahrhaftigkeit) mehr hören als auf die Menschen.

In einer echt hedonistischen oder auch egoistischen ("Ellenbogen"-)Gesellschaft (- ist das dann auch die typisch atheistische Gesellschaft?) fühlen sich die wahrhaft altruistischen Menschen oft wie "Fremdkörper". Man höre Hölderlin genau zu. Immer wieder fragt er: Was soll ich hier - eigentlich? Die großen Zeiten (das antike Griechenland) sind untergegangen. Edle Menschen, für die es sich lohnen könnte zu leben, um deretwillen man so leicht bereit sein könnte, großartige Taten zu vollbringen, Taten der Freundschaft, Taten der Liebe, Taten des Freisinns, sie sind alle hinweg von dieser Erde, nicht mehr da.

Der Rest ist nur noch müder Abklatsch ... - - - (sagt Hölderlin ...).

Und indem Hölderlin oder ein beliebiger anderer Künstler oder herausragender Politiker so etwas sagt (- auch - etwa - von Bismarck gibt es viele ähnliche Äußerungen), rekuriert er ganz unbewußt, selbstverständlich auf das Gegenseitigkeits-Prinzip in menschlich sozialem Verhalten. Man will selber gut sein - WENN es denn die anderen sind. Aber in die menschliche Psyche scheint tatsächlich in tieferer Weise die Frage hineingestellt zu sein: Wozu Mensch sein in einer wölfischen Zeit? "Wer wird hier leben wollen - ohne Freiheit?" fragt ein Hirte in Schillers "Wilhelm Tell" (... nachdem der Landesherr dem freimütigen Liberalen Wilhelm Tell gegenüber Haftstrafe verhängt hat [freilich, Tell gelingt es, zu entfliehen ...]).

Natürlich haben ein Schiller, ein Hölderlin ihre Protagonisten diese Frage nur rein rhetorisch stellen lassen. Natürlich ist das eine Frage, die sich ein an seiner Gesellschaft leidender Mensch immer wieder stellt. Aber allein schon die Frage zu stellen, heißt, eigentlich bereit sein, mehr zu tun. Heißt: Eigentlich bereit zu sein, auch dann noch Gutes zu tun, wenn einem nicht Anerkennung, Achtung, Ehrung zuteil wird.
"Das Leben lehrt, auf Dank zu verzichten - aber es gebietet, seine Schuldigkeit zu tun."
(Friedrich der Große [?])
Aber Schiller bäumt sich auch auf:
Männerstolz vor Königsthronen -
Brüder, gält es Gut und Blut, -
Dem Verdienste seine Kronen
Untergang der Lügenbrut.
(Aus: "An die Freude") In diesem Zwiespalt lebt der Mensch. Zumindest der moderne Mensch. "Verkannt" zu sein. Sich dagegen aufzubäumen, gegen diese Verkennung. Sich in seinem eigentlichen Wert, in seinem eigentlichen menschlichen Wert von seinen Mitmenschen oder von der "Obrigkeit" nicht verstanden, nicht anerkannt, nicht geehrt zu fühlen. Dieses "Ringen um Anerkennung", es ist - nach Hegel und diversen "Frankfurter Schülern" - eine der treibenden Kräfte gesellschaftlichen und damit auch weltgeschichtlichen Fortschritts. (Siehe bspw. Axel Honeth.)

Dieses Ungenügen, von seinen Mitmenschen in seinen eigentlichen Anliegen nicht anerkannt zu sein. Ist es nicht ein allgemeines Gesetz, daß die wahrhaft großen Geister und Künstler erst nach ihrem Tod jene Anerkennung zuteil geworden ist, die sich dann über die Jahrhunderte gehalten hat?

Wohin flüchtet sich nun aber der Mensch in seiner Sehnsucht nach "Anerkennung"? Der wahrhaft altruistische Mensch? Schiller weiß dafür keine "wahrhaft" hedonistische (sprich letztlich "egoistische") Lösung. Er sagt (in "Worte des Wahns"), es wäre "vergeblich" und "leer", darauf zu hoffen, "daß das buhlende Glück / Sich dem Edlen vereinigen werde -":
...
Dem Schlechten folgt es mit Liebesblick,
Nicht dem Guten gehöret die Erde.
Er ist ein Fremdling, er wandert aus
Und suchet ein unvergänglich Haus.
Die beiden letzten Zeilen lasse man sich auf der Zunge zergehen ... Also, der Gute, der Edle sucht "Vergeltung" nicht in "irdischen Gütern", nicht in irdischer Anerkennung, nicht wirklich hier auf dieser Erde. Er vereinigt sich mit allem Göttlichen, Edlen in seiner Seele, wird dadurch fremd seiner Umwelt - aber Freund "den Göttern". - - -

Und sollte es nun Formen von evolutionsbiologischen Erklärungen für Altruismus geben, die auch noch auf solche "höhere" Formen von Altruismus anwendbar sind?

Haben denn Schiller, Hölderlin, Beethoven, Michelangelo und wie sie alle heißen, etwas für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, für den gesellschaftlichen Fortschritt getan? Kann man das Bevölkerungswachstum der westlichen Welt seit 1800 (in Deutschland grob eine Verdreifachung) auch ihrer inklusiven Fitneß zurechnen? Aber warum eigentlich nicht? Natürlich beruht die Entwicklung, Stabilität und der Zusammenhalt hochgradig arbeitsteiliger Gesellschaften - auch - auf jenen "Fremdlingen" in ihnen, mögen sie bekannt geworden sein oder für immer unbekannt geblieben sein, die höheren Formen des Altruismus zustreb(t)en, als bloß um materieller Anerkennung willen "Gutes" zu tun. Und - vielleicht - ist es ja letztlich genau diese Art des Altruismus, die - letztlich - die langfristige Stabilität hochgradig arbeitsteiliger Gesellschaften sicherstellt. - ?

Ich glaube fest daran. Es ist bisher - vielleicht - nicht viel mehr als "nur" ein "Glaube". Aber - fast - alle Erkenntnis ist zunächst nur Glaube, ist zunächst nur "für-wahr-Halten", ist zunächst nur diffuses "Lieben", ist zunächst nur "Philo-sophie" (Liebe der Weisheit, nicht ihr Besitz). Die Verifizierung erfolgt später. Auf anderen Wegen. Aber erst kommt immer der "große Wurf", der "große Glaube" - an das Göttliche im Menschen, an etwas, das über das "Banal-Materielle" in dieser Welt hinausführt, hinausleitet. So wie es der Glaube Friedrich Schillers war.

Wie sagte ein großer Leidender?
"Was bleibet aber, stiften die Dichter - - -"
- Hölderlin

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