Samstag, 27. Januar 2007

Eine europäische Erbkrankheit, die Mukoviszidose

Mukoviszidose (zystische Fibrose, engl. Cystic fibrosis) ist die häufigste Erbkrankheit in (Nord-)Europa. Ihre Häufigkeit geht aber derzeit schon aufgrund von neu eingeführter Prenatal-Selektion zurück. Wenn eine Erbkrankheit oder ein Erbmerkmal eine ausgeprägt höhere Häufigkeit in einer Bevölkerung hat als in allen übrigen, dann ist das ein deutlicher Hinweis darauf, daß sie in der Geschichte dieser Bevölkerung einen "Selektionsvorteil" mit sich gebracht hat, der die offenbaren Selektionsnachteile aufgewogen hat. Die spannende Frage ist dann immer jeweils: welchen?

In der OMIM-Datenbank kann man sich die derzeit vorherrschenden Theorien zu derartigen Themen jeweils sehr schnell aneignen. Zu erfahren ist hier unter anderem, daß die Mukoviszidose - bei deutlich geringerer Häufigkeit - in Afrika und (!) Griechenland anders genetisch verschaltet als in Nordeuropa, was interessanterweise auf genetische Gemeinsamkeiten zwischen heutigen Afrikanern und Griechen hinweist. Auch "Bild der Wissenschaft" hat mehrere Artikel zu dem Thema. Die vorherrschende Theorie ist immer noch, daß Mukoviszidose einen Schutz gegen Tuberkulose-Infektionen darstellte.

In dem auch sonst lesenswerten Wissenschaftsblog von Yann Klimentidis findet sich nun der Hinweis auf eine neue Theorie zur Häufigkeit von Mukoviszidose bei Europäern, veröffentlicht im Dezember im "European Journal of Human Genetics". Danach stellte die Mukoviszidose-Veranlagung vor allem bei der Einführung des Konsumierens von Rohmilch-Produkten einen gesundheitlichen Schutz dar. Dieser sei später nicht mehr notwendig gewesen. Die heutige Häufigkeit sei aber ein "Nachhall" des Selektionsvorteils von damals.

Klingt das plausibel? - Man möchte es eher nicht "glauben". Aber das könnte auch nur ein vages "Bauchgefühl" sein. Man müßte überhaupt all die vielen bekannten menschlichen Erbkrankheiten und Veranlagungen, sowie Häufigkeitsverteilungen im weiteren Überblick als Hintergrundwissen besitzen, um treffgenauer beurteilen zu können, welche jeweiligen "selektiven Regime" für ihre heutige Häufigkeit verantwortlich gewesen sein können und welche nicht. Aber auf diesem Gebiet werden die nächsten Jahre sicherlich noch sehr viel Neues bringen. Das Buch "Human Evolutionary Genetics" ist der bisher aktuellste wissenschaftliche Zugang zu Grundlagen und Anwendungsgebieten dieses Themas.

Überhaupt entdeckt man in der schon genannten OMIM-Datenbank dazu viel mehr Forschungen und Theorien, als in der Wissenschaftspublizistik einem breiteren Publikum bislang präsentiert worden ist. Rundere Überblicks-Darstellungen fehlen seit Jahren.

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