Samstag, 28. Februar 2026

Das Volk der Himmelsscheibe von Nebra - Es bewahrte über 1300 v. Ztr. hinweg Kontinuität

Genetisch und kulturell bis mindestens 750 v. Ztr.
- Und zwar als "Unstrut-Gruppe"- trotz der Ausbreitung der süddeutschen Urnenfelder-Kultur
- Nahe Nebra an der Unstrut, dreißig bis fünfzig Kilometer westlich von Halle

Wer sich ein Bild von vorgeschichtlichen Kulturen machen möchte, tut gut daran, sich immer wieder vor Augen zu führen, daß der Rinderwagen ab 4.000 v. Ztr. Verbreitung gefunden hat zwischen Vorderem Orient, sowie Nord- und Ostsee, ja, daß der Rinderwagen noch um 1200 v. Ztr. in Ägypten als Streitwagen benutzt worden ist (s. Abb. 1) (Stg2010). 

Abb. 1: Verteidigung Ägyptens durch von Rindern gezogene Streitwagen - Wandrelief von Medinet Habu, 1176 v. Ztr.

Er tut außerdem gut daran, sich klar zu machen, daß ab 2.200 v. Ztr. in Europa, im Vorderen Orient und in Asien die große Ära der von Pferden gezogenen Streitwagen (Wiki) begonnen hat. Das wurde durch die Domestizierung des Pferdes ermöglicht (Stg2021).

Die Indogermanen, die sich ab 4.500 v. Ztr. von der Mittleren Wolga und ab 3.300 v. Ztr. vom Mittleren Dnjepr aus ausbreiteten, verehrten zwar das Wildpferd, das Przewalski-Pferd und nutzten es womöglich auch als bevorzugte Opfertiere, daß diese aber geritten worden sind oder als Zugpferde benutzt worden sind, scheint uns beim derzeitigen Stand der Forschung höchst zweifelhaft. Sie gingen bis 4.000 v. Ztr. zu Fuß und nutzten ab dieser Zeit auch den Rinderwagen  (Stg2024).

Abb. 2: Streitwagen der Eisen-, bzw. Bronzezeit - Bronzemodell aus Göchebi (Dedoplistsqaro), Georgien, erste Hälfte des 1. Jahrtausends v. Ztr., Sighnaghi-Museum, Georgien (Wiki)

Für die Zeit ab 2.200 v. Ztr. ist die Domestizierung des Pferdes sicher (Stg2021). Und jeder Gedanke auch an die europäische Bronzezeit wird sofort viel anschaulicher, wenn man sich klar macht, daß zu dieser Zeit sowohl Rinderwagen - für den Krieg wie den Transport - als auch Streitwagen - für die Kriegsführung - benutzt worden sind. Und daß die Geschwindigkeit dieser Fortbewegungsmittel den Alltag ebenso wie die Kriegsführung bestimmten.

Im Grunde macht es Sinn, an den Anfang jeden Blogartikels über die europäische Bronzezeit das Bild solcher Rinder- und Streitwagen zu stellen (Abb. 1 und 2). Denn sofort taucht ein ganz anderes Bild der bronzezeitlichen Gesellschaften vor dem inneren Auge auf als ohne daß sich diesen Umstand klar macht.

Die Verwendung der Streitwagen für den Krieg endete im Mittelmeer-Raum etwa um 750 v. Ztr. (zuletzt wohl genutzt von den Assyrern und Persern). Auf den britischen Inseln waren sie noch zur Zeit der Eroberung durch Cäsar in Gebrauch. 

Abb. 2: Verteidigung Ägyptens durch von Rindern gezogene Streitwagen - Wandrelief von Medinet Habu, 1176 v. Ztr.

Diese Hinweise eigentlich nur vorweg. Denn im folgenden geht es einmal erneut um die mitteleuropäische Bronzezeit. Und es ist immer wieder der Eindruck vorhanden, daß es an "Anschaulichkeit" fehlt, wenn davon die Rede ist. 

***

In unserem Blogartikel "Bollwerk Germanien" (Stg2025) war von dem sagenhaften Eroberungszug der keltischen Urnenfelderkultur, bzw. besser der keltischen Goldhut-Kultur ab etwa 1300 v. Ztr. vom heutigen Serbien aus nach Süddeutschland, nach Böhmen und Frankreich - und von dort weiter bis Schlesien und Mecklenburg - die Rede gewesen (Abb 4).

Abb. 3: Pferdegeschirr der Lausitzer Kultur (Wiki) aus dem 8. Jhdt. v. Ztr. aus Mittelpommern, entdeckt 2020 durch Raubgräber - Aus einem Hort bei Schönberg (poln. Kaliska) (Wiki) (s.a. Hölkew) (GMaps) gelegen im Landkreis Schlochau in der einstigen Grenzmark Posen-Westpreußen (Wiki), drei Kilometer nördlich von Baldenburg (Wiki), 60 Kilometer südwestlich von Köslin (3)

Dort in Mecklenburg kam es an der Tollense zur sagenhaften, siegreichen Abwehrschlacht der Nordischen Bronzekultur gegen die Urnenfelder-Leute (Stg2025). Skandinavien konnte in der Folge nicht von der Urnenfelderkultur erobert werden (ein Zeichen dafür, daß die Schlacht für die Urnenfelder-Leute höchstwahrscheinlich nicht siegreich verlaufen sein wird). Sehr wohl aber konnten die Urnenfelder-Leute in der Folge die britischen Inseln erobern. Und sehr wohl sollten sie - vermutlich - als "Seevölker" bis vor die Tore Ägyptens gelangen (Stg2025). 

Durch diesen Eroberungszug breitete sich südeuropäische Glockenbecher-Genetik nach Norden aus (Stg2025). Die südeuropäische ("italo-keltische") Glockenbecher-Genetik ist durch höhere Herkunftsanteile anatolisch-neolitscher Bauerngenetik gekennzeichnet und durch geringere Anteile an (indogermanischer) Steppgenetik. In der nordeuropäischen Schnurkeramik-Genetik ist es umgekehrt.

Um einige Anhaltspunkte zu gewinnen, nenne ich einmal die unterschiedlichen Herkunftsanteile an Steppengenetik in Prozent innerhalb meiner eigenen Familie (lt. MyHeritage) (s. Stg2025):

  • 47,6 % mein Vater (Brandenburger) (geschlußfolgert unter der Annahme, daß ich auf der Mitte zwischen meinem Vater und meiner Mutter liegen werde)
  • 45,4 % ein angeheiratetes blondes Friesen-, Pommern- und Schlesierkind
  • 43,6 % ich
  • 39,6 % meine Mutter (Österreicherin)
  • 39,4 % mein Kind
  • 36,8 % die Mutter meines Kindes (Herkunft aus dem Rheinland und aus der Pfalz)

Diese Herkunftsanteile korrelieren schon in meiner eigenen Familie klar mit hellerer oder dunklerer Pigmentierung der Haare und der Augen.

Abb. 4: Bollwerk Germanien in Norddeutschland an der Tollense und die Eroberung des übrigen Europas durch die Urnenfelder-Kultur ausgehend von Serbien, 1300 bis 800 v. Ztr. (Wiki) - Der zeitgleiche Seevölker-Sturm im Mittelmeerraum, ebenfalls von Serbien ausgehend

Die Herkunftsanteile an Steppengenetik in Prozent betrugen nun nach einer neuen archäogenetischen Studie zu Mitteldeutschland (1) ... 

  • 52 % bei Menschen in der Frühbronzezeit 30 Kilometer westlich von Halle ("Aunjetitzer Kultur")
  • 49 % bei Menschen in der Spätbronzezeit 30 Kilometer westlich von Halle ("Unstrut-Gruppe")
  • 48 % bei Menschen in der Spätbronzezeit in Oberschlesien
  • 41 % bei Menschen in der Spätbronzezeit in Böhmen
  • 33 % bei Menschen in der Spätbronzezeit in Süddeutschland (Neckarsulm)

Diese Zahlen sind von mir selbst abgeleitet aus dem folgenden Zitat - und zwar unter der Voraussetzung, daß sich der dritte wesentliche Herkunftsanteil der Europäer seit dem Spätneolithikum, nämlich der Anteil der westeuropäischen Jäger-Sammler, von 10 bis 20 % im Durchschnitt bei den Menschen nicht mehr geändert hat. Er wird deshalb von mir im Mittel mit 15 % angenommen und einberechnet. Von dem folgenden Zitat können dann die oben genannten Prozent-Angaben abgeleitet werden (1):

Wir beobachten, daß spätbronzezeitliche Individuen aus Mitteldeutschland einen etwas höheren Anteil an anatolisch-neolithischer Abstammung (36,6 ± 2,9 %) aufweisen als jene aus der frühen Bronzezeit in Mitteldeutschland (33,2 ± 2,7 %). Darauf folgen spätbronzezeitliche Individuen aus Böhmen (43,7 ± 4,5 %) und spätbronzezeitliche Individuen aus Süddeutschland, die den höchsten Anteil an anatolisch-neolithischer Abstammung aufweisen (53,5 ± 5,3 %) (Abb. 2b, Ergänzende Daten  4a ). Von allen analysierten Individuen weist der genetische Ausreißer Neckarsulm021 (NES021) mit 67,2 ± 1,7 % den höchsten Anteil an EEF-verwandter Abstammung auf. Die vier spätbronzezeitlichen Individuen aus Oberschlesien/Zentralpolen zeigen ebenfalls einen geringeren Anteil an EEF-verwandter Abstammung (37,4 ± 2,9 %), ähnlich wie jene aus Mitteldeutschland. Angesichts der geringen Stichprobengröße bleibt jedoch offen, ob diese Individuen repräsentativ für die polnisch-schlesischen spätbronzezeitlichen Gruppen sind.

Dieselben Umstände sind in der Abbildung 3 grafisch dargestellt.

Abb. 5: Herkunftsanteile anatolisch-neolithischer Bauerngenetik in Süddeutschland (gelbe Linie oben), Böhmen (hellgrüne Linie), Mitteldeutschland (orange-braune Line) und Oberschlesien/Polen (blaue Linie)

Die anatolisch-neolithische Genetik lag in Süddeutschland schon in der Frühbronzezeit höher als in den anderen dargestellten Regionen (und dementsprechend die Steppengenetik niedriger), sie nahm aber ab 1800 v. Ztr. noch einmal sehr deutlich zu (vielleicht durch Zuwanderungen aus Serbien). In Böhmen nahm dieser Anteil etwas später und nicht ganz so abrupt zu. In Mitteldeutschland nahm er noch weniger abrupt zu. Auch in Oberschlesien/Polen nimmt er ab 1800 v. Ztr. recht deutlich zu, nimmt aber ab 1600 v. Ztr. wieder deutlich ab, um dann allmählich wieder erneut anzusteigen. Der Anstieg der anatolisch-neolithischen Herkunftsanteile in Mitteldeutschland wird in der Studie folgendermaßen erklärt (1):

Individuen der frühen Späten Bronzezeit in Mitteldeutschland können mit der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer-Herkunft in Deutschland als einziger Quelle modelliert werden, was auf eine regionale Kontinuität seit der frühen Bronzezeit als sparsamste Erklärung hindeutet (...). Im Gegensatz dazu läßt sich die Abstammung der meisten spätbronzezeitlichen Individuen in Mitteldeutschland nicht allein durch die früheren frühbronzezeitlichen Populationen dieser Region modellieren. Sie wird am besten durch zwei Abstammungsquellen beschrieben: Deutschland frühbronzezeitliche Aunjetitzer Kultur als lokale Quelle und Deutschland_Lech_Mittlere_Bronzezeit, Tschechien_Mittlere_Bronzezeit_Tumulus oder Deutschland_Süddeutschland_Singen_Frühe_Bronzezeit als zweite, geografisch und chronologisch nächstgelegene, nicht-lokale Herkunft (Ergänzende Daten  4c sowie Abb.  4a und 4b ). Dieses Muster deutet auf eine Mischung aus lokaler Kontinuität und Genfluß aus südlichen und/oder östlichen Regionen hin, was mit einer zunehmenden Vernetzung innerhalb der geografischen Verbreitung/Ausdehnung der Urnenfelderkultur übereinstimmt (...), aber ohne daß das genauer eingegrenzt werden kann.

Aufgrund welcher Funde gelangte man zu diesen neuen Erkenntnissen?

Dreißig Kilometer westlich von Halle liegen die Dörfer Kuckenburg und Esperstedt (GMaps). Hier wurde bis 2009 die A38 gebaut und im Zuge der vorhergehenden archäologischen Grabungen wurde unter und östlich der heutigen Autobahnabfahrt ein Gräberfeld und eine zugehörige befestigte Siedlung ergraben, ebenso wurde eine befestigte bei dem gegenüber liegenden Kuckenburg ergraben. Aus den hierbei gefundenen Menschenresten konnte nach einer neuen archäogenetischen Studie die DNA von 36 Personen der Urnenfelder-Zeit, genauer der örtlichen Unstrut-Gruppe (1300-750 v. Ztr.) (Wiki) gewonnen werden.

Wennungen - Proto-urbane Siedlung der Unstrut-Gruppe

Eine noch weitaus größere proto-urbane Siedlung der "Unstrut-Gruppe" wurde nur zwanzig Kilometer weiter südlich der Kuckenburg über dem Unstrut-Tal gefunden (GMaps). Diese liegt nur sechs Kilometer östlich von Nebra an der Unstrut, dem Fundort der Himmelsscheibe (1850 v. Ztr.) und wurde vierhundert Jahre nach der Niederlegung der Himmelsscheibe angelegt. Über Wennungen lesen wir (Wiki):

In der späten Bronze- und der frühen Eisenzeit (12. bis frühes 5. Jh. v. Ztr.) trug die Hochfläche westlich des Dorfes (bis zum Dissaubach) eine etwa 300 Hektar umfassende „Proto-Stadt“ der Unstrut-Kultur, die mit Gräben und Wällen geschützt war und an einem Fernhandelsweg vom Thüringer Becken in die Leipziger Tieflandsbucht lag.

Also grob ein Kilometer breit und drei Kilometer lang. Und weiter (Wiki): 

Gegenüber den zeitgenössischen Siedlungen mit meist nur 1 bis 2 Hektar Größe nahm diese Großsiedlung eine deutlich herausgehobene, überregionale Bedeutung ein. Sole und Metallerze wurden hier in großen Mengen verarbeitet. In tausenden Vorratsgruben wurde Getreide gespeichert. Ihre Einwohnerzahl wird für ihren Höhepunkt auf mehrere tausend Menschen geschätzt. Einzigartig für jene Zeit sind die Reste einer ornamental bemalten Hauswand, etwa 1.500 Lehmputzsplitter - die größte vorgeschichtliche Wandmalerei nördlich der Alpen. Teile der Siedlung wurden von 2007 bis 2010 im Zuge von Bauarbeiten an der ICE-Schnellfahrstrecke Erfurt - Leipzig ergraben.

Es finden sich online Artikel zu den gefundenen Wandornamenten (s. ArchOnl). In Wennungen wurde innerhalb der Siedlung auch eine - sehr abstoßende - Siedlungsbestattung gefunden, die im Museum in Halle ausgestellt wird: ein junges behindertes Geschwisterpaar, das getötet und achtlos in eine Grube geworfen worden ist (Yt2021). Über die Unstrut-Gruppe heißt es bezeichnenderweise auch (Wiki):

Anfänglich dominierte die Körperbestattung in Baumsärgen und Holzkästen. Sie wurde jedoch nie ganz gegenüber der Brandbestattung aufgegeben, deren Nutzung ab dem 1. Jahrtausend v. Ztr. zunehmend einsetzte.

Die Brandbestattung wurde durch die Urnenfelder-Kultur ausgebreitet. Der offenbar durch sie bewirkte Anstieg der anatolisch-neolithischen Genetik erfolgte in der Unstrut-Gruppe offenbar nur ebenso allmählich an wie die zeitgleiche Übernahme der die Sitte der Bandbestattung. Also Hinweise sowohl auf genetische wie kulturelle Kontinuität im Angesicht einer Umbruchszeit. Dementsprechend heißt es auch in der Studie (1):

Insgesamt legen unsere Ergebnisse nahe, daß die unterschiedlichen Bestattungspraktiken in Kuckenburg und Esperstedt kulturell motiviert waren und lokale Traditionen sowie die bestehende regionale Vernetzung widerspiegelten und nicht den Zuzug neuer genetischer Gruppen oder nicht-lokaler Individuen.

Und (1):

Die Unstrut-Gruppe (ca. 1325–750 v. Ztr.), die zwischen dem Thüringer Wald und der Saale in Mitteldeutschland lebte und im Mittelpunkt dieser Studie steht, bestattete ihre Toten beispielsweise fast 500 Jahre lang, während benachbarte Gruppen wie die Saalemündungs-Gruppe zur Feuerbestattung übergingen.

In der Studie vereinzelte ausgewertete Funde stammen auch aus drei Dörfern in Oberschlesien.

Abb. 6: Die Fundorte der ausgewerteten Menschenfunde (1) - 1 Esperstedt, 2 Kuckenburg, 3 Leubingen, 4 Neckarsulm, 5 Türmitz (Sudetenland, tsch. Trmice), 6 Holubitz (tsch. Holubice), 7 Libschitz an der Moldau (tsch. Libčice nad Vltavou), 8 Kněževes (Dorf nahe Prag), 9 Praha-Ruzyně, 10 Schlan (tsch. Slaný), 11 Laband-Pschyschowka (Oberschlesien, poln. Łabędy Przyszówka), 12 Deutsch Neukirch (Oberschlesien, poln. Nowa Cerekwia), 13 Kornitz (Oberschlesien, poln. Kornice)

Sie gehören der Lausitzer Kultur an (GMaps). Da wir uns auch für die schlesische Landesgeschichte sehr interessieren, gehen wir im folgenden noch auf einige Einzelheiten dieser Fundorte ein.

Die bronzezeitlichen Menschenfunde aus Oberschlesien

Deutsch Neukirch

Die Menschenfunde stammen erstens aus dem Dorf Deutsch Neukirch (poln. Nowa Cerekwia) (Wiki), 16 Kilometer südlich von Leobschütz und 22 Kilometer entfernt von jenem Dorf Dobersdorf (GMaps), das auf unserem Parallelblog schon eine Rolle gespielt hat (Prbl2023). Die ausgewerteten Menschenfunde stammen aus Grabungen des Archäologischen Museums Breslau der Jahre 1973 und 1986 (1, Anhang, S. 50).

Kornitz

Die Menschenfunde stammen außerdem aus dem Dorf Kornitz (poln. Kornice) (Wiki), gelegen fünfzehn Kilometer östlich von Deutsch Neukirch (Wiki), sowie acht Kilometer westlich von Ratibor. Hier fanden 2008 bis 2013 Rettungsgrabungen des Archäologischen Museums Kattowitz statt im Vorfeld einer großflächigen Erweiterung der dortigen Fensterfabrik Eko-Okna (WikiFb) (Abb. 7). Sie ist der europaweit größte Hersteller von Aluminium- und PVC-Fenstern und -Türen. Die Firma hat gegenwärtig 13.000 Mitarbeiter.

Abb. 7: Fensterfabrik auf Gräberfeldern der Lausitzer Kultur bei Kornitz in Oberschlesien (Fb)

Über die Ausgrabung lesen wir (1, Anhang, S. 46):

Die Fundstätte liegt am linken Ufer der Zinna (poln. Psina), etwa 8 km westlich von Ratibor (Racibórz), in einer Region im Vorfeld des Mährischen Tores. Sie spielte eine wichtige Rolle für den Austausch und die Weitergabe kultureller Muster zwischen Gebieten südlich der Karpaten und Sudeten und Nordeuropa. Die Ausgrabungen führten zur Entdeckung jungpaläolithischer Fundstätten, neolithischer Siedlungen, darunter eine ausgedehnte Siedlung der Kugelamphorenkultur mit trapezförmigen Langhäusern, eines kleinen Siedlungskomplexes der Glockenbecherkultur mit Friedhof, zweier kleiner frühbronzezeitlicher Friedhöfe, einer mehrphasigen offenen und geschlossenen bronzezeitlichen Siedlung mit Friedhof, einer kaiserzeitlichen Siedlung, eines frühmittelalterlichen Friedhofs und eines spätmittelalterlichen Dorfes.

Über den hier erwähnten Oder-Nebenfluß Zinna lesen wir (Wiki):

Entlang der Zinna verlief auch die sprachliche Grenze zwischen dem lachischen und polnisch-schlesischen Dialekt - in einer örtlichen Überlieferung nördlich von Zinna fliegt wróna (Krähe) und südlich vrana.

Wir lesen über die Geschichte des Dorfes Kornitz im 20. Jahrhundert unter anderem (Wiki):

Bei der Volksabstimmung in Oberschlesien am 20. März 1921 stimmten vor Ort 133 Wahlberechtigte für einen Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland und 79 für eine Zugehörigkeit zu Polen. Auf dem Gut stimmten 62 für Deutschland und drei für Polen. Kornitz verblieb nach der Teilung Oberschlesiens beim Deutschen Reich.

Nebenbei erhalten wir hier einen eindrucksvollen Hinweis auf den polnischen Wirtschaftsaufschwung in den letzten Jahren. 

Abb. 8: Die Mährische Pforte entlang des Oberlaufs der Oder - An ihrem östlichen Ende stießen tschechischer und polnischer Siedlungsraum zusammen, über die Mährische Pforte breiteten sich die Deutschen ab 1250 von Schlesien nach Mähren hinein aus - Das Teschener Schlesien blieb im Westen mehrheitlich tschechisch und im Osten mehrheitlich polnisch besiedelt, die Mährische Pforte trennte die Sudeten im Westen von den Karpaten im Osten, sie trennte auch Böhmen (links der Oder) von Mähren (rechts der Oder) (Wiki)

Außerdem stammen ausgewertete Funde aus dem Dorf Pschyschowka (poln. Przyszówka, dt. auch Waldenau) (Wiki) (Abb. 10) bei dem Dorf Laband, elf Kilometer nördlich von Gleiwitz (GMaps).

Pschyschowka bei Laband

Im Anhang der Studie lesen wir zu letzteren (1, Anhang, S. 49):

Die Rettungsgrabung im Jahr 1938 wurde von T. Kubiczek unter der wissenschaftlichen Leitung von F. Pfützenreiter vom Oberschlesischen Regionalmuseum in Beuthen durchgeführt. (...) Die Ausgrabung legte 80 Gräber frei, darunter 58 Körpergräber, 17 Brandbestattungen (sowohl Gruben- als auch Urnengräber) und 4 nicht näher bestimmte Gräber. Die Gräber dieser Stätte werden den HaC- und HaD-Phasen der Hallstattzeit zugeordnet. Der Friedhof von Laband-Pschyschowka (Łabędy-Przyszówka) gehört zu einer besonderen Gruppe von Friedhöfen mit zwei Bestattungsriten, in denen Körpergräber im Allgemeinen die Brandgräber überwiegen (z. B. Świbie). Diese Ansammlung von Gemeinschaften, die mit der Lausitzer Kultur verbunden sind und sich durch ihre besonderen Bestattungsbräuche auszeichnen, befindet sich in einem begrenzten Gebiet im östlichen Oberschlesien und westlichen Kleinpolen, zwischen Tschenstochau (Częstochowa) und Gleiwitz (Gliwice).

Die anthropologische Sammlung des Museums Beuthen hat sich offenbar über das Jahr 1945 hinweg erhalten.

Abb. 8: Antennenschwert vom Typ Weltenburg aus dem Kaliska-II-Schatzfund aus Mittelpommern, 7. Jhdt. v. Ztr. (3)

Aber von den 58 Körpergräbern konnte offenbar nur aus einem auswertbares Genmaterial gewonnen werden. Es stammte aus der Zeit grob um 700 v. Ztr.. Der hier genannte Archäologe und Botaniker Franz Pfützenreiter wurde 1888 in Bernterode bei Heiligenstadt in Thüringen geboren, starb 1968 in Stuttgart (LeoBW), wirkte aber bis 1945 in Schlesien. Er promovierte 1932 in Breslau und wurde 1934 Direktor des Oberschlesischen Landesmuseums in Beuthen. Später war er tätig als Leiter des Heimatmuseums Fraustadt (Wiki), das nahe der schlesischen Grenze zur Provinz Posen lag, die 1919 an Polen abgetreten worden war. Fraustadt gehörte ursprünglich zur Provinz Posen und war ab 1919 Teil der "Grenzmark Posen-Westpreußen" (Wiki). Nach 1945 wurde Pfützenreiter nordwürttembergischer Landesbeauftragter für Naturschutz und Landschaftspflege. Über die Ergebnisse der Volksabstimmung am 20. März 1921 im Dorf Laband heißt es (Wiki):

In Laband stimmten 1332 Wahlberechtigte (44,1 % der abgegebenen Stimmen) für einen Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland, 1683 für eine Zugehörigkeit zu Polen (55,6 %), 8 Stimmen (0,3 %) waren ungültig. Die Wahlbeteiligung betrug 97,7 %. Laband verblieb nach der Teilung Oberschlesiens beim Deutschen Reich.

Das Schloß von Laband befand sich im Besitz der Adelsfamilie von Welczeck (Wiki), deren Angehörige über die Jahrhunderte als Offiziere und Diplomaten in preußischen Diensten standen. Noch 2011 wurde vor dem Verwaltungsgericht Köln über die deutsche Staatsangehörigkeit eines aus Pschyschowka stammenden Mannes entschieden (LegalData). 

Abb. 10: Postkarte aus Pschyschowka

Es wird spannend sein zu erfahren, wie es nach 750 v. Ztr. weiter ging. Sicher ist, daß es irgendwann im 1. Jahrhundert v. Ztr. zur Zuwanderung von Germanen aus Skandinavien kam. Diese lebten zuletzt als Thüringer in der Region der vormaligen Unstrut-Gruppe. Sie sind dann aber genetisch fast vollständig verschwunden. An ihrer Stelle breiteten sich ja dann die Slawen aus (Stg2025). Bis die Deutsche Ostsiedlung begann. 

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  1. Reconstruction of the lifeways of Central European Late Bronze Age communities using ancient DNA, isotope and osteoarchaeological analyses. E Orfanou, A Ghalichi, AB Rohrlach, E Paust, … Johannes Krause .... Harald Meller ... Philipp W. Stockhammer, Joachim Wahl, ... Wolfgang Haak.  Nature Communications, 24.2.2026 (Nature2026)
  2. Matthias Becker, Madeleine Fröhlich, Andreas Hüser, Helge Jarecki, Jan F. Kegler und Franziska Knoll: »Wenige hundert Schritte oberhalb des Dorfes Wennungen ...«, Archäologie in Deutschland 2011, 6-11 (Acad)
  3. The Kaliska II hoard: Interconnections and metal trade between Pomerania and the Nordic zone during the North European Bronze Age. By Grzegorz Szczurek, Łukasz Kowalski, Zofia Anna Stos-Gale, Maciej Kaczmarek, Roland Maas, Jon Woodhead. Journal of Archaeological Science: Reports. Volume 61, February 2025, 104877 (JAS2025)

Donnerstag, 26. Februar 2026

Dinosaurier-Spuren in den Alpen!

Über mehrere Kilometer verteilt in steilen Höhenlagen von 2000 Meter im nördlichsten Zipfel der Lombardei - Plateosaurus-Herden aus der Zeit vor 210 Millionen Jahren

Erstmals ergreift auch uns hier auf dem Blog die Dinosaurier-Begeisterung: Im "Valle di Fraele" im nördlichsten Zipfel der Lombardei - im Veltin, gelegen zwischen der Schweiz und Südtirol - wurde auf mehr als 2000 Meter Höhe im Herbst 2025 eine schiere Unmenge von Dinosaurier-Spuren aus der Zeit vor 210 Millionen Jahren entdeckt. Der ausführlichste und detaillierteste Bericht darüber findet sich hier ---> FinestresullArteWir verweisen auf ihn insbesondere auch deshalb, weil wir die Bildrechte für die dort eingestellten Fotografien nicht besitzen, die erst die ganze Faszination für dieses Thema wecken können.

Abb. 1: Plateosaurus gracilis (jüngeres Synonym: Sellosaurus gracilis ), ein Prosauropode aus der späten Trias Europas, Bleistiftzeichnung, digitale Kolorierung, 12. Dezember 2006, geändert am 12. Oktober 2007; Zeichner: Nobu Tamura (http://spinops.blogspot.com) Arme und andere Bearbeitungen von Benutzer:FunkMonk (Wiki)

Aber um welche Gegend handelt es sich beim "nördlichsten Zipfel der Lombardei"? In den Alpen sagt uns "Südtirol" noch am meisten. Deshalb nähern wir uns der Gegend über Karten an (Abb. 2, 3 und 5) und gehen wir dabei von Südtirol aus (Abb. 2):

Im Südwesten Südtirols liegt der Vintschgau und an seiner südwestlichen Grenze liegen der Ortler, liegen die Ortler Alpen und das Stilfser Joch (Wiki). Letzteres bildet die Verbindung zwischen dem Vinschgau in Südtirol und dem Veltin - gleichbedeutend mit der Provinz Sondrio - in der italienischen Lombardei.

In 22 Fußkilometer Entfernung westlich vom Stilfser Joch befindet sich das "Valle di Fraele", zu Deutsch das Fraele-Tal, das wohl künftig "Dinosaurier-Tal" heißen wird. Es ist auf Abb. 2 nur als dünner blauer Strich nördlich von Bormio erkennbar.

Abb. 2: Die Grenzen von Südtirol - ganz links, bzw. westlich der Vintschgau und der Ortler, südwestlich davon Bormio in der Lombardei

Das Fraele-Tal liegt nämlich im nördlichsten Zipfel der Lombardei 20 Kilometer nördlich des Urlaubsortes Bormio (Wiki) und 15 Kilometer östlich des Skiortes Livigno (Wiki) (Abb. 3).

Schon Leonardo da Vinci hat Bormio um seiner heißen Thermalquellen willen aufgesucht. Sie wurden spätestens seit seiner Zeit von vielen Italienern und Schweizern aufgesucht. Er notierte (Wiki):

An der Spitze das Valtellina-Tal und der Berg von Bormio. Schrecklich, immer voller Schnee. Hier entsteht das Hermelin. In Bormio befinden sich die Bäder. Das Valtellina, wie gesagt, ist ein Tal, umgeben von hohen, schrecklichen Bergen. Es produziert sehr kräftige Weine und so viel Vieh, daß die Einheimischen sagen, dort entstünde mehr Milch als Wein. Dies ist das Tal, durch das die Adda fließt.

Also schon damals stand in den Alpen die Milchproduktion im Vordergrund. Aber das nur am Rande.

Abb. 3: Die Provinz Sondrio, bzw. "das Veltin", die nördlichste Provinz der Lombardei - Umgrenzt von der Schweiz im Norden und Westen und von Südtirol im Osten - oben rechts: Bormio und nördlich davon - mit den beiden Seen - das Fraele-Tal

Über die Entdeckungsgeschichte der Dinosaurier-Spuren wird berichtet (FinestresullArte):

Die ersten Spuren wurden von Elio Della Ferrera entdeckt, einem Naturfotografen, der im Tal unterwegs war, um die alpine Fauna zu dokumentieren. Bei der Beobachtung eines felsigen Abhangs mit fast senkrechten Dolomitschichten mit dem Fernglas bemerkte Della Ferrera eine dichte Folge von Vertiefungen, die über die Felsen verteilt waren. Einige waren von beträchtlicher Größe, mit Durchmessern von bis zu vierzig Zentimetern; andere waren in regelmäßigen Reihen angeordnet, was auf einen nicht zufälligen Ursprung schließen läßt. Als der Fotograf nach einem anstrengenden Aufstieg den Aufschluß erreichte, sah er sich mit Hunderten von fossilen Fußabdrücken konfrontiert, von denen einige eindeutig Spuren von Fingern und Krallen aufwiesen. Die Hypothese, daß es sich um Fußabdrücke großer prähistorischer Tiere handelte, wurde am nächsten Tag bestätigt, als Della Ferrera den Paläontologen Cristiano Dal Sasso vom Naturhistorischen Museum in Mailand kontaktierte, mit dem er bereits in der Vergangenheit zusammengearbeitet hatte. Die zugeschickten Bilder ermöglichten eine erste Erkennung: Es handelte sich um Dinosaurier-Fußabdrücke, von denen noch nie zuvor berichtet worden war.

Über die Entdeckung ist dann ab Dezember 2025 weltweit berichtet worden (s. SciAm2026; s. ein deutscher Bericht (Yt2025) (FrRdsch2025).

Abb. 4: Die Nordhänge des Cime di Plator

Es wurden auch Einblicke über Drohnen-Aufnahmen gegeben (Yt2025), es wurde auch eine Animation von einer der Dinosaurier-Herden veröffentlicht, die diese Spuren hinterlassen hat - mit männlichen und weiblichen Tieren, sowie mit Jungtieren (Yt2025).

Zu einer paläoartistischen Rekonstruktion heißt es (FinestresullArte):

Die Umgebung, wie sie vor etwa 210 Millionen Jahren ausgesehen haben könnte, heute erhalten in den Felsen des Fraele-Tals (Stilfserjoch-Park). Entlang der Küste des Tethys-Ozeans wandelt eine Herde prosauropoder Dinosaurier bei Ebbe auf einer ausgedehnten schlammigen Karbonatebene. In der Herde befinden sich auch junge Exemplare, wie einige kleine fossile Fußabdrücke zeigen. Die Männchen und Weibchen sind hier in verschiedenen Farben abgebildet. Illustration von Fabio Manucci 

Kurz nachdem diese Herden diese Watt-Region durchwandert hatten, muß sie ausgetrocknet sein. Und sie muß dann nach und nach versteinert sein. Und schließlich wurden diese steinernen Platten als Hochgebirgs-Platten in die Höhe gehoben, "aufgefaltet". Nämlich als der afrikanische Kontinent gegen den europäischen Kontinent drückte. - Es wurde auch die erste Aufnahme der Dinosaurier-Spuren von Elio Della Ferrara veröffentlicht (FinestresullArte):

Das erste Bild, das Elio Della Ferrera, der Entdecker der neuen paläontologischen Fundstelle, an die zuständige Oberaufsichtsbehörde geschickt hat. Es wurde am 14. September 2025 aufgenommen und zeigt die so genannte “Schicht 0”, die an den hohen Wänden der Cime di Plator zutage tritt. Allein hier gibt es etwa zweitausend fossile Fußabdrücke, von denen die meisten auf prosauropode Dinosaurier zurückgeführt werden können. Foto von Elio Della Ferrera 

Mangels Bildrechten könnten wir hier als Ersatz nur eine ansatzweise ähnliche Aufnahme aus Nordamerika einstellen (Abb. 5). Diese stellt aber nach jeder Richtung hin eine Verharmlosung dar.

Abb. 5: Als illustratives Beispiel: Östliche Seite des "Dinosaur Ridge", Dakota Hogback, westlich von Denver, nördliches, zentrales Colorado, USA (Fotograf: James St. John) (Flickr)

Weiter wird berichtet (FinestresullArte):

Die Merkmale der Fußabdrücke deuten darauf hin, daß sie von prosauropoden Dinosauriern stammen, großen Pflanzenfressern mit langen Hälsen und relativ kleinen Köpfen, die als Vorfahren der jurassischen Sauropoden gelten. Es handelte sich um robust gebaute Tiere mit scharfen Klauen an Händen und Füßen. Einige Arten, wie z. B. Plateosaurus engelhardti, konnten bis zu zehn Meter lang werden. In der Schweiz und in Deutschland sind zahlreiche Skelette von Plateosaurus gefunden worden, der am ehesten als Urheber der im Val di Fraele gefundenen Spuren in Frage kommt.

Und weiter wird berichtet, wobei nun auch die engere Region des Fundortes bekannt wird (die sonst in der Berichterstattung noch nicht genannt wird) (FinestresullArte):

Die betroffenen Gebiete erstrecken sich über mindestens sieben Bergrücken mit Dutzenden von sich überlagernden Schichten, die sich über eine Länge von fast fünf Kilometern entlang des Südufers der Cancano-Seen zwischen dem Plator- und dem Doscopa-Gipfel erstrecken. Derzeit sind etwa dreißig Aufschlußpunkte untersucht worden. Der Plator-Doscopa-Komplex ist damit eine der umfangreichsten und reichhaltigsten Dinosaurier-Fußabdruckfundstellen der Welt für die Triaszeit.

Es handelt sich um die Nordhänge des Cime di Plator. Sie befinden sich südlich des Lago di Cancano (s. Abb. 4), eines künstlichen Stausees. Es gibt Menschen, die im Winter Skitouren auf die Gipfel des Cime di Plator unternehmen (PaoloSonja, Fb2024). Aber auch sommerliche Touren in diese abgelegene Region werden beworben (s. Bormio).

Abb. 6: Die Bergkette zwischen dem östlichen, mittleren und westlichen Cima di Plator, sowie dem Cima Doscopa (VanityFair)

Auf geht's also! Der nächste Urlaub geht ins Veltin (Abb. 6)! Sonstige Fotografien des italienischen Naturfotografen Elio Della Ferrera finden sich im übrigen auf diversen Plattformen im Internet (z.B.: Pictures).

In zahlreichen Dinosaurier-Parks gibt es Rekonstruktionen von Plateosaurus - sie sind aber auf Wikipedia Commons in der Regel als fehlerhafte Rekonstruktionen charakterisiert (s. WikiCom). Deshalb hier nur wenige Abbildungen von ihm (Abb. 1 und 7).

Der Plateosaurus war also offenbar vor allem in Mitteleuropa verbreitet, wo er erstmals auch entdeckt worden ist (Wiki):

Der erste Fund eines Plateosaurus gelang 1834 Johann Friedrich Engelhardt in der Region Heroldsberg unweit von Nürnberg. Er übergab das Material dem Frankfurter Wirbeltier-Paläontologen Hermann von Meyer zur Bearbeitung. Dieser beschrieb es 1837 unter dem Namen Plateosaurus engelhardti. Damit war Plateosaurus der fünfte wissenschaftlich beschriebene Dinosaurier. (...) Heute ist Plateosaurus einer der am besten bekannten Dinosaurier, von dem weit über 100 teils vollständige Skelette in sehr guter Erhaltung gefunden wurden. (...) Wegen seiner Häufigkeit in Süddeutschland verlieh der Paläontologe Friedrich August Quenstedt Plateosaurus den Spitznamen „schwäbischer Lindwurm“.

Mit dieser Entdeckung und mit diesen Ausführungen ist erstmals auch das Interesse des Autors dieser Zeilen für die Dinosaurier-Forschung geweckt!

Abb. 7: Größenvergleich des obertriassischen europäischen (vorwiegend deutschen) Nicht-Sauropoden-Sauropodomorphen Plateosaurus (WikiC)

Zu dem eingestellten Größenvergleich (Abb. 7) heißt es (WikiC):

Plateosaurus gracilis (ehemals Sellosaurus ) wird hier durch den Holotypus SMNS 5175 (dunkelblau) mit einer geschätzten Länge von mindestens 4,5 m und das größere Exemplar GPIT „Aixheim“ repräsentiert, dessen Länge auf bis zu 6 m geschätzt wird. Die Silhouetten und Größenangaben basieren auf den Diagrammen in Yates (2003), die nach den Exemplaren GPIT 18318a, SMNS 5175 und GPIT 18392 gezeichnet wurden. Die unvollständige Hand wurde nach P. trossingensis rekonstruiert (Mallison, 2010). Plateosaurus trossigensis (zu dem ein Großteil des ehemals als P. engelhardti bezeichneten Materials gehört ) wies ein extrem variables Wachstum auf, und beide hier abgebildeten Exemplare sind tatsächlich ausgewachsen. Die kleinere Silhouette wurde anhand einer Oberschenkellänge von 48 cm (1,57 Fuß) skaliert, was einer Gesamtlänge von 4,8 m (16 Fuß) entspricht. Diese Länge wurde für ein nicht katalogisiertes Exemplar im MSFM, das von Klein & Sander (2007) als „Schulterblatt 1“ bezeichnet wurde, extrapoliert. Die größere Silhouette wurde anhand des 99 cm (39 Zoll) langen Oberschenkelknochens eines nicht katalogisierten Exemplars im IFG (von Klein & Sander (2007) als „Oberschenkelknochen 13“ bezeichnet) skaliert, woraus sich eine Gesamtlänge von fast 10 m (33 Fuß) ergibt. Die postkranialen Strukturen der Silhouetten basieren auf dem digitalen Modell des Plateosaurus- Skeletts von Mallison (2010), das aus Scans von GPIT-PV-30784 (ehemals GPIT 1) und GPIT-PV-30785 (ehemals GPIT 2) erstellt wurde, während die Schädel hauptsächlich auf MSF 11.4 und NAAG_00011238 (Lallensack et al., 2021) basieren.

Die Floskel "When Giants walked the Earth" kommt einem dabei in den Sinn.

"When Giants walked the Earth"

Wir lasen sie 2004 in "Nature" (Nature2004), als der britische Genetiker Steve Jones (geb. 1944) (Wiki) mit diesen Worten seine Besprechung des damals gerade erschienen Buches von Marek Kohn beitelte, das selbst unter dem Titel "A Reason for Everything" erschienen war und den Untertitel trug "Natural Selection and the British Imagination". Klappentext:

Das Buch beginnt mit Alfred Russel Wallace, der 1858 (...) die Idee der natürlichen Selektion entdeckte - und endet mit einem Porträt von Richard Dawkins, dem prominentesten lebenden Verfechter der natürlichen Selektion in Großbritannien. „A Reason for Everything“ zeichnet die Lebenswege einiger der wichtigsten Denker der Jahre dazwischen nach, darunter Ronald Aylmer Fisher, J. B. S. Haldane, John Maynard Smith und Bill Hamilton, und ist eine elegante und differenzierte Darstellung der Entwicklung des Darwinismus vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Das waren also die "Giganten", die einstmals auf der Erde die Wissenschaftswelt beherrschten und unser Weltbild formten. Es waren - erstaunlicherweise - zu einem großen Teil Engländer (abgesehen von dem "Giganten" in Freiburg im Breisgau, dem Deutschen August Weißmann). Seit diesem Jahr 2004 fand diese Floskel auch in anderen Bereichen Eingang. Aber ChatGPT belehrt uns, daß diese Floskel wörtlich erstmals so 2004 in "Nature" benutzt worden ist.

Ja, sie erschien auch uns seit 2004 so passend, daß sie uns bis heute als stehende Floskel in Erinnerung geblieben ist. Der in dem Buch und in der Rezension behandelte William D. Hamilton (1936-2000) (Wiki), der Begründer der Soziobiologie und der Evolutionären Anthropologie, hat auch uns zeitlebens als jener "Gigant" fasziniert, der er war. - - - Ob sich auch seine Spuren in den Alpen finden? Versteinert? ... Gewiß ...

Samstag, 21. Februar 2026

„Noch ein solcher Sieg über die Römer und wir sind erledigt!“

Einiges zur nordwestlichen Peripherie des antiken Griechenland
- Die Archäogenetik wirft Licht auf Ambrakia - Eine Kolonie Korinths und nachmalige Hauptstadt des Königs Pyrrhus I.

Die heutige griechische Stadt Arta (Wiki) in Nordwestgriechenland, gelegen am Arachthos hieß in der Antike "Ambrakia" (Wiki). Ab 295 v. Ztr. war sie Hauptstadt von Epirus. Wo immer man in der heutigen Stadt gräbt, stößt man auf antike Überreste. Ambrakia wurde 625 v. Ztr. von Kolonisten aus Korinth gegründet. Auf dem Landweg ist Ambrakia von Korinth - wenn man sich bei Patras über die dortige Meerenge setzen läßt - 270 Kilometer entfernt (GMaps). (Will man allerdings nur über Land reisen, beträgt der Weg 600 Kilometer und führt nach dem ersten Drittel an Delphi vorbei [GMaps].) Ambrakia lag außerdem 50 Kilometer südlich von der Heiligen Eiche von Dodona.

Abb. 1: Aphrodite -Mamorstatuette aus einem Haus in Ambrakia, frühes 3. Jhdt. v. Ztr., Archäologisches Museum von Arta (MuseumArta)

Mit der nordöstlichen Peripherie des antiken Griechenland haben wir uns erst letzten Herbst hier auf dem Blog beschäftigt anläßlich einer damaligen Urlaubsreise nach Dion in Makedonien (Stg25aStg25b). Durch eine neue archäogenetische Studie (1) wird die Aufmerksamkeit auf die nordwestliche Peripherie gerichtet. Diese erlebte ihre Glanzzeit ebenfalls erst, als das Kernland - mit Korinth, Athen und Sparta - seine kulturelle und politische Mittelpunktstellung schon verloren hatte. 295 v. Ztr. wurde Ambrakia von König Pyrrhos I. von Epirus (319-272 v. Ztr.) zu seiner Hauptstadt erklärt. Er ließ zwei Theater erbauen (MuseumArta). Er stellte in seinem Palast Statuen des Herkules und der neun Schwestern (der Musen) auf - im sogenannten Musagète. Aus Ambrakia war schon im 6. Jhdt. v. Ztr. der Musiker Epigonos von Ambrakia (Wiki) hervorgegangen, der das Saiteninstrument des Epigonion in Griechenland eingeführt hat. Es sind in Ambrakia auch Musikinstrumente gefunden worden (MuseumArta).

Pyrrhos hatte die Römer in einer Schlacht besiegt. Aber um der Kennzeichnung seines Sieges gegen die Römer willen ist er bekannt geblieben: "Noch einen solchen Sieg und wir sind erledigt". Die eigenen Verluste in der Schlacht waren viel zu hoch, um auf diese Weise den Krieg langfristig durchhalten zu können. Immerhin wurde Ambrakia erst hundert Jahre später, 189 v. Ztr., und auch erst nach schwerer Belagerung durch die Römern erobert und geplündert. Die Belagerung ist durch den Historiker und Zeitgenossen Polybios (200 bis 120 v. Ztr.) (Wiki) geschildert worden (s. YtYt) (2, S. 214ff). Ambrakia hat sich dann nach Verhandlungen ergeben. Die Menschen aus Epirus, die die Stadt verteidigt hatten, durften abziehen. Polybios schreibt über den siegreichen römischen Feldherrn (2, S. 218):

Die Götterbilder und sonstigen Statuen und die Gemälde, deren es um so mehr waren, als Ambrakia Residenz des Pyrrhos gewesen war, führte er aus der Stadt hinweg.

Er brachte die Statuen des Musagète und viele andere Beutestücke nach Rom, wo dort mit diesen der Musenkult eingeführt wurde (MuseumArta).

Abb. 2: Die griechische Stadt Arta am Arachthos in Epirus (Wiki), das antike Ambrakia

Weitere 150 Jahre später, im Jahr 29 v. Ztr., wurde die Stadt Nikopolis (Wiki) von den Römern am Meeresufer, vierzig Kilometer westlich von Ambrakia (GMaps) gegründet (Wiki):

Um Bewohner für die neue Stadt zu bekommen, wurden nahe gelegene Dörfer wie z. B. Kassope durch Synoikismos mit Nikopolis zusammengelegt.

Dies führte auch zur allmählichen Aufgabe Ambrakiens und der umliegenden Region, da sich die Einwohner ebenfalls größtenteils in der neuen Stadt Nikopolis ansiedelten (MuseumArta). In den armen, entwurzelten und umgesiedelten Bevölkerungsteilen von Nikopolis faßte dann offenbar das Christentum früh Fuß (Wiki).

Wie lief die Gründung einer Stadt-Kolonie ab?

Zu den Einwohnern von Ambrakia ist eine neue archäogenetische Studie erschienen, die Licht wirft darauf, daß Ambrakia tatsächlich von Korinth aus besiedelt worden ist (1). Über die Anfangszeit von Ambrakia lesen wir (Wiki):

Die Gründung (...) wurde von Gorgos, dem unehelichen Sohn des Kypselos, des Tyrannen von Korinth, in einem Gebiet gegründet, das den Dryopen gehörte. Es wurde mit einem der besten Stadtplanungssysteme der Antike erbaut. Es erlangte große Seemacht, und die dort hergestellten Damenschuhe wurden unter dem Namen Ambrakides in ganz Griechenland bekannt.

Zur Zeit der Gründung (Wiki) ...

... basierte die Wirtschaft auf Ackerbau, Fischerei, Holz für den Schiffbau und dem Export der Produkte von Epirus. Nach der Vertreibung von Gorgus’ Sohn Periander entwickelte sich die Stadt zu einer starken Demokratie.

Es geschah das parallel zur ähnlichen Entwicklung in der Mutterstadt Korinth (Wiki):

Laut Aristoteles war Ambrakia eine Demokratie, nachdem das Volk den Tyrannen Periander gestürzt hatte. Dies fiel zeitlich mit dem Sturz des bekannteren korinthischen Tyrannen Periander um 580 v. Ztr. zusammen. Die Stadt erlebte daraufhin eine Blütezeit und wurde zur bedeutendsten der korinthischen Kolonien in der Region. Im 5. Jahrhundert v. Ztr. war Ambrakia mit geschätzten 100.000 Einwohnern die größte Stadt in Epirus. Sie nahm an den Perserkriegen teil, an der Schlacht von Salamis mit sieben Schiffen und an der Schlacht von Plataiai mit 500 Soldaten.

So nahm also auch die Peripherie Anteil an den Schicksalen des Kernlandes.

Abb. 3: Körpermerkmale im antiken Korinth und seiner Pflanzstadt Ambrakia (aus 1, Anlage) - 5 von 27 Personen waren hellhaarig

Wir lesen außerdem (Wiki)

Die frühe Politik Ambrakias war geprägt von der Loyalität zu Korinth (für das die Stadt vermutlich als Handelszentrum im epirusischen Handel diente) und der daraus resultierenden Abneigung gegen Korfu (da Ambrakia 433 v. Ztr. in der Schlacht von Sybota auf korinthischer Seite zwischen der rebellischen korinthischen Kolonie Korfu (...) und Korinth kämpfte). Die Politik der Ambrakioten war von zahlreichen Grenzkonflikten mit den Amphilochiern und Akarnaniern geprägt. Daher spielte das Reich eine bedeutende Rolle im Peloponnesischen Krieg bis zur vernichtenden Niederlage bei Idomene (426 v. Ztr.), die seine Ressourcen stark beeinträchtigte.

Das hier erwähnte Korfu liegt auf einer vorgelagerten Insel in der Adria 130 Kilometer nordwestlich von Ambrakia. In der neuen archäogenetischen Studie wird am Beispiel von Ambrakia der Vorgang einer Koloniegründung erforscht (1):

Der Gründungsprozeß begann - literarischen Quellen und archäologischen Funden zufolge - wenn eine Metropolis beschloß, eine Gruppe ihrer Bürger zur Gründung einer neuen Gemeinschaft ins Ausland auszusenden (Apoikia [...]). Ein designierter Anführer, der Oikiste, wurde ausgewählt, um die Expedition zu leiten. Er erhielt weitreichende Befugnisse. Diese Person spielte eine entscheidende Rolle bei der Gründung und der zukünftigen Ausrichtung der Kolonie. Der Oikiste befragte üblicherweise das Orakel von Delphi, das ihm in verschiedenen Aspekten der Gründung, einschließlich des Standorts, Rat gab. Nach Erhalt des Orakels führte der Oikiste die erste Gruppe von Siedlern an, sicherte das Gebiet und setzte die grundlegenden Gesetze und Gebräuche (Nomima) der neuen Gemeinschaft fest. Diese Gebräuche umfaßten typischerweise einen Rechtsrahmen, einen Kalender religiöser Feste, Protokolle für die Verehrung der Götter und eine Stammesorganisation der Bürger. Die Nomima dienten als einigende Traditionen, die in Kolonien mit Siedlern unterschiedlicher Herkunft von besonderer Bedeutung waren und zu prägenden Merkmalen der bürgerlichen Identität einer Kolonie wurden. Anhand dieser Elemente (Kulte, Tempel, materielle Kultur) identifizieren Archäologen und Historiker eine Kolonie in Bezug zur Metropolis, wobei diese Verbindung nicht immer eindeutig herzustellen ist.

Aber die Archäogenetik kann nun Beweise für die Herkunft liefern.

Abb. 4: Wie nah oder entfernt waren die Ambrakioten mit anderen Populationen und Völker verwandt - Hauptkomponenten-Analyse (1) - (Erläuterung im letzten Teil des Blogartikels)

In Ambrakia konnten viele Gräber ausgegraben werden und die Skelette sequenziert werden. Ebenso konnten DNA-Proben gewonnen werden aus Tenea, einer Stadt, die nahe zu Korinth gelegen ist und weiterhin auch zwei DNA-Proben aus Ammotopos, die die vor-korinthische Bevölkerung in Epirus repräsentieren.

Was sagt die Archäogenetik über Ambrakia?

Für die gewonnenen DNA-Proben ergaben sich nun im wesentlichen zwei Verwandtschafts-Cluster (1):

Das erste Cluster (die erste Verwandtschaftsgruppe) umfaßt den Großteil der Ambrakia-Proben (eine der drei archaischen, alle sechs klassischen und vier der fünf hellenistischen Proben), die beiden bronzezeitlichen Ammotopos-Proben sowie einige der Tenea-Proben (beide archaischen, zwei der drei hellenistischen und die späthellenistisch-frührömische). Diese Gruppe ist vor allem mit Genomen der späten Bronzezeit (1700-1050 v. Ztr.) aus dem heutigen Griechenland, Genomen der frühen Eisenzeit (1100-500 v. Ztr.) aus dem heutigen Bulgarien und den Genen der Bewohner der antiken griechischen Kolonie Himera auf Sizilien (780-400 v. Ztr.) verwandt.
The first cluster includes the majority of the Amvrakia samples (one of the three Archaic, all six Classical, and four of the five Hellenistic samples), the two BA Ammotopos samples, and some of the Tenea samples (both Archaic, two of the three Hellenistic, and the Late Hellenistic-Early Roman). This cluster is primarily close to LBA (1700-1050 BCE) genomes from across present-day Greece, Early Iron Age (1100-500 BCE) genomes from present-day Bulgaria, and the locals of the Ancient Greek colony of Himera in Sicily (780-400 BCE).

Mit diesen Proben ist eine große genetische Kontinuität einerseits zwischen Ambrakia und Korinth festgestellt, zum anderen auch von der archaischen bis in die hellenistische Zeit in Ambrakia. Es gab offenbar wenig Vermischung mit den vormaligen Einwohnern von Epirus oder mit Menschen anderer Herkunft. Als weiteres Verwandtschafts-Cluster ergab sich (1):

Der zweite Cluster (die zweite Verwandtschaftsgruppe) umfaßt alle vier römischen Individuen aus Tenea und eines der drei hellenistischen Individuen aus Ambrakia. Dieses ist zeitlich eng mit archaischen (750-480 v. Ztr.), römischen (27-476 n. Ztr.) und anderen anatolischen Genomen [darunter ein hellenistisches (510–30 v. Ztr.) und ein frühbronzezeitliches (3350–2000 v. Ztr.) Genom], einem römischen Genom aus der Kaiserzeit (1–530 n. Ztr.) aus Italien sowie einigen griechischen Genomen aus der römischen (250-400 n. Ztr.), frühbronzezeitlichen und mittelbronzezeitlichen (2900–1700 v. Ztr.) und spätbronzezeitlichen (1700–1050 v. Ztr.) Periode verwandt.
The second cluster comprises all four Roman Tenea individuals and one of the three Hellenistic Amvrakia individuals. It is placed close to Archaic (750-480 BCE), Roman (27-476 CE), and other Anatolian genomes [including a Hellenistic (510-30 BCE) and an Early Bronze Age (EBA, 3350-2000 BCE) genome], a Roman Imperial (1-530 CE) genome from Italy, and a few Greek genomes from the Roman (250-400 CE), EBA_MBA (2900-1700 BCE), and LBA (1700-1050 BCE) periods.

Es handelt sich also um Menschen, die aus Anatolien stammten, wo es so gut wie keine Steppengenetik gab. Ebenso gab es keine Steppengenetik noch bei einigen bronzezeitlichen Menschen in Griechenland. In der Bronzezeit gab es ja in Griechenland - wie wir aus vorausgegangenen Studien wissen - sowohl Individuen mit 20 %, ebenso wie mit 10 % und mit 0 % Steppenherkunfts-Anteil. Erst ab der archaischen Zeit war sich die Steppenherkunft mit 8 % auf alle Bewohner des antiken Griechenland gleichmäßig verbreitet.  

Abb. 5: Pyrrhus I. von Epirus (295-272 v. Ztr.) (Wiki)

Die anatolischen Genome kamen sicherlich im Gefolge der Eroberungen Alexanders des Großen und mehr noch nach der Eroberung Griechenlands durch die Römer aus Anatolien nach Griechenland und ebenso nach Italien hinein. (Gleichzeitig breitete sich ja auch die antik-griechische Genetik nach Süditalien und bis in die Balkan-Länder aus, unter anderem dadurch daß die Römer im umfangreichem Maße versklavte Griechen mit nach Italien nahmen.) 

Als Ergebnis wird in der Zusammenfassung der Studie formuliert (1):

Ambrakia scheint während seiner Gründung in der archaischen Zeit genetisch von einer einzigen Quelle geprägt worden zu sein. Diese Quelle stammte aus dem korinthischen Gebiet und wurde durch die archaische Bevölkerung von Tenea repräsentiert, was durch eine Identitätsanalyse (IBD) belegt wird. Eine direkte Abstammung aus dem spätbronzezeitlichen Griechenland, einschließlich einer lokalen spätbronzezeitlichen Bevölkerung, die durch die nahe gelegene Siedlung Ammotopos repräsentiert wird, konnte trotz zahlreicher unabhängiger populationsgenomischer Analysen nicht nachgewiesen werden. In der darauffolgenden klassischen und hellenistischen Zeit scheint sich die Bevölkerung Ambrakias nur geringfügig verändert zu haben, und es lassen sich Hinweise auf genetische Kontinuität über die Zeit beobachten. Die Migration von Korinthern nach Ambrakia trug maßgeblich zum ursprünglichen Genpool der Kolonie bei, was darauf hindeutet, daß die korinthische Kolonisation sowohl einen genetischen als auch einen kulturellen Austausch zwischen der Metropole und ihrer Kolonie umfaßte.

Sowohl im Haupttext wie im Supplement (Anhang) werden dann auch die Körpermerkmale der untersuchten, antiken DNA-Proben behandelt.

Dunkle Menschentypen im antiken Griechenland

Im Supplement heißt es (1, Suppl.):

Alle Individuen wiesen die höchste Wahrscheinlichkeit dafür auf, daß sie braune Augen hatten. Die meisten hatten vermutlich einen mittleren Hautton, drei von ihnen jedoch eine dunklere Hautfarbe (zwei aus dem klassischen Ambrakia und einer aus dem römischen Tenea). Ebenso hatten die meisten vermutlich braunes Haar mit einem dunklen Schimmer. Bemerkenswerterweise zeigte das späthellenistisch-frührömische Individuum aus Tenea trotz unserer Bemühungen, falsch-positive Ergebnisse für rote Haare auszuschließen, weiterhin eine hohe Wahrscheinlichkeit für diesen Phänotyp.
All individuals showed the highest probability for brown eyes. Most individuals likely had an intermediate skin tone, while three of them had a darker skin color (two from Classical Amvrakia and one from Roman Tenea). Similarly, most individuals likely had brown hair with a dark shade. Notably, despite our attempts to eliminate false positive results for red hair, the Late Hellenistic - Early Roman individual from Tenea still exhibited a high probability for this phenotype.

Vielleicht paßt letztere Angabe zu dem Umstand, daß ja sich auch der Name des oben erwähnten Königs Pyrrhus von "Feuerkopf", bzw. "rothaarig" ableitet. Auch beispielsweise Alexander der Große wird ja offenbar als blond beschrieben - wie überhaupt der Steppengenetik-Anteil bei den ursprünglichen Einwohnern der nördlichen Peripherie von Griechenland höher geblieben sein könnte (?).

Abb. 6: Mosaik in Ambraktia, 4. Jhdt. v. Ztr. (MuseumArta)

Es wird interessanterweise ausgeführt, daß die genetisch festgestellte Hautfarbe der DNA-Proben nicht mit der hellen Hautfarbe der Personen übereinstimmt, die in einem Mosaik im Kleinen Theater in Ambrakia (MuseumArta, Hermes) dargestellt gefunden worden sind (s. Abb. 6) (1):

Obwohl die phänotypischen Ergebnisse faszinierend sind, sollte ihre Zuordnung zu künstlerischen Darstellungen aus den Untersuchungsgebieten mit Vorsicht erfolgen. Künstlerische Darstellungen von Menschen aus diesen Regionen sind rar, und in den wenigen Fällen, in denen sie existieren, spiegeln sie oft eher symbolische oder idealisierte Bilder als realistische Darstellungen wider. So zeigt beispielsweise ein Mosaik aus weißen und schwarzen Kieselsteinen aus dem Kleinen Theater in Ambrakia mythologische Szenen mit menschlichen Figuren (dem jungen Eros). Die Verwendung weißer Kieselsteine, die helle Hauttöne andeuten sollen, unterstreicht den vorwiegend symbolischen und narrativen Ausdruck im Gegensatz zum physischen Realismus. Ähnlich verhält es sich in Tenea, wo ein seltenes Beispiel monumentaler Grabmalerei aus dem frühen 6. Jahrhundert v. Chr. ebenfalls mythologische Themen ohne die Darstellung menschlicher Figuren zeigt. Diese Kunstwerke sind zwar kulturell bedeutsam, liefern aber keine verläßlichen Belege für das physische Aussehen, da sie fantasievollen und symbolischen Darstellungen den Vorrang vor dem Realismus einräumen. Zudem sind in der Region kaum Skulpturen oder Tonfiguren erhalten, die Pigmentreste aufweisen, welche für eine phänotypische Analyse ausreichen würden. Aus den genannten Gründen sind direkte Korrelationen zwischen unseren phänotypischen Befunden und der künstlerischen Dokumentation leider nicht möglich.

Immerhin ist den Forschern die Problematik des Mißverhältnisses zwischen der antiken phänotypischen Alltags-Welt auf der Straße und der Art der Menschendarstellung im Kunstschaffen bewußt. Es sei noch darauf hingewiesen, daß die Mosaik-Darstellung auch eher fast blonde Haare andeutet (Abb. 6).

Wie hoch war jeweils der Steppengenetik-Anteil?

Wir wollen noch anmerken, daß merkwürdigerweise in der ganzen Studie nie von Steppen-Herkunft die Rede ist. So wird nicht klar, welcher Steppengenetik-Anteil jeweils festgestellt worden ist. 

Vielleicht können wir die Steppengenetik-Anteile "erahnen", wenn wir auf die Abbildung der Hauptkommponenten-Analyse schauen (Abb. 4). Auf dieser sehen wir zunächst ganz außen an den Rändern jeweils die ursprünglichen Jäger-Sammler-Völkergruppen, die in Europa und dem Nahen Osten vor dem Übergang zum Ackerbau lebten. Die Genetik der osteuropäischen Jäger und Sammler, die einen wesentlichen Teil der Steppen-Herkunft bildet, ist mit weißen, offenen Quadraten markiert (in der Grafik oben links: "RUS_M_EHG_7050-5500BCE").

In der Grafik sehen wir im linken Bildteil die europäischen Völker und im rechten Bildteil die anatolischen und iranischen Völker der Antike. Die anatolischen Völker haben in der Antike so gut wie keine Steppengenetik aufgewiesen (dunkelgrün, hellgrün und blau markiert). (Sie weisen unterschiedliche Anteile von anatolisch-neolithischer und iranisch-neolithischer Herkunft auf, vermischt mit natufischer, bzw. levantinisch-neolithischer Herkunft.) Dieser Herkunft ist in der Studie das Cluster 2 zugeordnet (im vergrößerten Ausschnitt der Grafik oben rechts).

Im mittleren linken Teil der Grafik sehen wir Menschenfunde aus dem antiken Italien (dunkelgrün), dem antiken Albanien (rosa), sowie dem antiken Sizilien (hellgrün). Zwischen diesen beiden Clustern nun - Anatolien einerseits und Adria/Italien andererseits - sind die antiken Griechen und Ambraktionen verwandtschaftlich verortet (rot und dunkles Dunkelblau).

Im vergrößerten Ausschnitt derselben sehen wir, daß die beiden Ammotopos-Individuen (hellgrüne, offene Kreise) ein wenig Richtung Italien und Sizilien verschoben sind. In Italien hat es in der Bronzezeit und bis in republikanische Zeit hinein zwischen 10 und 20 % Steppengenetik gegeben. Die beiden Ammotopos-Individuen werden also einen Steppengenetik-Anteil gehabt haben, der etwas höher war als der 8-Prozent-Durchschnitt im klassischen antiken Griechenland. Mehr können wir aus dieser Grafik aktuell zu dieser Frage nicht heraus lesen. 

__________

  1. Genetic affinities between the ancient Greek colony of Amvrakia and its metropolis. P Nikolaos, T Eugenia, V Despoina, P Stefanos et al.. In: Genome Biology, 7.2.2026 (GenBio2026)
  2. Des Polybios Geschichte. Übersetzt von A[dolf] Haakh. Hoffmann, Stuttgart 1858 (Neueste Sammlung ausgewählter Griechischer und Römischer Classiker. Band 25) (Digitalisate im Münchener DigitalisierungsZentrum: Bd. 7 [Buch XX–XXX]

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