Dienstag, 4. Mai 2021

"Pferde, Zepter, Krieg" (2007) - Das Buch, das die Urheimat der Indogermanen entdeckte

- Valentin Dergachiov - Der Entdecker der Urheimat der Indogermanen
Ein Archäologe der Republik Moldau, bzw. aus Bessarabien
 - Sein Buch ist bislang nur in russischer Sprache erschienen

Vorbemerkung (7.5.2021): Von sehr kundiger Seite wird uns mitgeteilt, daß viele der Beobachtungen des moldavischen Archäologen Valentin Dergachev, auf die in unserem vorliegenden Aufsatz hingewiesen wird, ihre Gültigkeit gerade unter Berücksichtigung der neuesten Daten der Archäogenetik behalten werden. Dazu werden bald, so ist zu hören, neue wissenschaftliche Aufsätze erscheinen.

Nicht der schlechteste Ort, um die Ur- und Frühgeschichte der Indogermanen zu erforschen, ist - offenbar - die Region Bessarabien (Wiki). Sie liegt im Norden der Mündung der Donau in das Schwarze Meer (s. Abb. 1). Warum? Eine der frühesten Ausbreitungsbewegungen der Indogermanen von der Mittleren Wolga aus richtete sich auf die reichen spätneolithischen Stadtkulturen nördlich des Schwarzen Meeres. Diese lagen in der heutigen Ukraine, im heutigen Bessarabien und im heutigen Siebenbürgen (1). Es war dies die berühmte und legendäre Cucuteni-Tripolje-Kultur (5.000-3.000 v. Ztr.) (Wiki), die erste Stadtkultur Europas. In ihrem Zentrum lag Bessarbien (s. Abb 1).

Abb. 1: Die deutschen Siedlungsgruppen in der Bukowina, in Siebenbürgen, in Bessarabien und in der Dobrudscha bis 1939

Die Cucuteni-Tripolje-Kultur (Wiki) entstand nach und aus dem Untergang der Linearbandkeramik. Sie entwickelte sich zeitlich parallel zur Frühgeschichte der Indogermanen an der Mittleren Wolga. Beide Kulturen dehnten sich über zwei Jahrtausende hinweg aus, die eine nach Osten, die andere nach Süden und Westen - bis schließlich die eine Kultur von der anderen "durchsetzt" wurde (23), überlagert wurde, und bis schließlich die Indogermanen das gesamte Gebiet der Cucuteni-Tripolje-Kultur "übernahmen" und dort eine andere Kultur und Lebensweise ausformten als zuvor dort bestanden hat.

Abb. 1a: Der Schwerpunkt, das Zentrum der Siedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur 4.500 bis 3.500 v. Ztr. lag eindeutig in Bessarabien (aus: 10)

Heute lebt im genannten Bessarabien (bzw. in der Republik Moldau) jener Archäologe, der diese Entwicklungen seit Jahrzehnten intensiv erforscht. Und er hat schon im Jahr 2007 das bis heute wichtigste - wenngleich bis heute völlig unbekannt gebliebene - Buch zur Ur- und Frühgeschichte der Indogermanen heraus gebracht hat, nämlich der moldavische Archäologe Valentin Anisimovich Dergachev (geb. 1943) (Abb. 2). Sein in russischer Sprache geschriebenes Buch trägt den Titel, der auf Deutsch zu übersetzen ist mit (2): "Zepter, Pferde und Krieg - Studien zur Verteidigung der Ausbreitungs-Theorie von M. Gimbutas". Wenn es jemals ein in russischer Sprache geschriebenes Buch gab, dessen Erscheinen in deutscher Sprache möglichst bald zu wünschen wäre, dann dieses. (Wenn es nicht anders geht, dann gerne auch auf Englisch ...)

Hatten wir doch schon vor zwei Jahren hier auf dem Blog - aufgrund neuester archäogenetischer Erkenntnisse - gejubelt (3):

Es ist "amtlich" - Das Urvolk der Indogermanen war die Chwalynsk-Kultur.

Und war es doch dieses Buch von Dergachev, das genau dieses Erkenntnis schon zwölf Jahre früher - allein aufgrund archäologischer Forschung - gewonnen hatte. Hatten wir auch dieses damals neueste und umwerfendste Forschungsergebnis der Archäogenetik nur einer inoffiziellen "Vorab"-Veröffentlichung des Archäologen David Anthony entnommen (3), so war dieses Forschungsergebnis dennoch grundlegend um umwerfend.

Abb. 2: Valentin Dergachev (Dergachyov, Dergaciov) (geb. 1943) - Entdecker der engeren Urheimat der Indogermanen

Und so erstaunt natürlich, daß die offizielle Veröffentlichung der wissenschaftlichen Daten, die damals benannt worden waren, soweit uns bekannt immer noch aussteht (aber: siehe Vorbemerkung!). Wo doch sonst die Archäogenetiker in den letzten Jahren immer "Schlag auf Schlag" die neuesten Erkenntnisse veröffentlicht hatten. Es muß angesichts des Zögern der Archäogenetiker (David Reich und seiner Kollegen) jedenfalls nicht wundern, daß der Name Valentin Dergachev auch zwei Jahre nach Bestätigung der Urheimat (Wiki) der Indogermanen durch die Archäogenetik immer noch keinen Klang bekommen hat, keine Bekanntheit erlangt hat, weder in der engeren Fachwelt, noch in einer weiteren, aufgeklärteren Öffentlichkeit. 

Zum Beispiel auf Wikipedia-Artikeln wie "Kurgan-Kultur" (Wiki) oder "Urheimat" (Wiki) werden zwar (auf dem ersteren) die Inhalte des zeitgleich erschienenen Buches seines US-amerikanischen Kollegen David Anthony breit referiert, der Name Dergachev fällt aber nirgendwo. Das gilt sogar für den russischsprachigen Artikel zur Chwalynsk-Kultur (Wiki) (der auch sonst allerhand Veraltetes zu enthalten scheint). Auch in einem lesenswerten Aufsatz des von uns inzwischen recht geschätzten Archäologen Volker Heyd aus dem Jahr 2016 zur Thematik findet sich kein Hinweis auf das Buch von Dergachev. Der Archäologe Dergachev hat auch noch keinen eigenen Wikipedia-Artikel.

Auf dem englischsprachigen Wikipedia finden sich Wissenschafsartikel von V. Dergarchev zur Zeit nur auf Artikeln zur Cucuteni-Tripolje-Kultur (Wiki), zu den Skythen (Wiki) und Saken (Wiki) zitiert. Und dies ist noch 15 Jahre nach Erscheinen seines Buches so. Das ebenfalls 2007 erschienene Buch des US-amerikansichen Archäologen David Anthony hat seither hingegen viel, viel mehr Aufmerksamkeit erlangt.

Indem wir 2019 versuchten, über die uns bis dahin völlig unbekannte - selbst dem Namen nach unbekannte - Chwalynsk-Kultur Erkundigungen einzuziehen, stießen wir - dankenswerter Weise - wenigstens auf einen Beitrag im Internet, in dem wir umfassender aufgeklärt wurden. Es handelte sich dabei um einen Beitrag des spanischen Archäogenetik-Bloggers Dr. Carlos Quiles (3). In diesem wurden - soweit uns bekannt erstmalig und bislang auch letzmalig im Internet (abgesehen von unserem eigenen Blog) - Inhalte der Buchveröffentlichung von Dergachev aus dem Jahr 2007 referiert.

Horcht auf, Verleger und Übersetzer. In diesem Buch liegt die bislang detaillierteste Studie zur Entstehungs- und Frühgeschichte des Volkes der Indogermanen vor. Alle Bücher, die zuvor zu diesem Thema erschienen sind, sind diesem Buch gegenüber veraltet. Es ist die Entstehungsgeschichte jenes Volkes der Weltgeschichte, das so ziemlich in dieser am meisten "Wirbel" hervorgerufen hat in den letzten fünftausend Jahren. Es sei also wiederholt: Wenn es ein Buch gibt, das übersetzt werden sollte, dann dieses.

Ein Buch, das wissenschaftliche Vorgänger veraltet aussehen läßt

Während die schon im Untertitel genannte berühmte amerikanisch-litauische Archäologin Marija Gimbutas (1921-1994)(Wiki) seit 1956 bis zu ihrem Lebensende im Jahr 1994 Studien darüber veröffentlicht hatte, daß sich die Urheimat der Indogermanen in der sogenannten Kurgan-Kultur (Wiki) der Ukraine wiederfinden würde, eine These, die letztlich bis 2015 als umstritten, weil letztlich ungeklärt galt, während zugleich im Jahr 2007 der US-amerikanische Archäologe David Anthony die These von Marija Gimbutas zwar mit Hilfe neuerer archäologischer Erkenntnisse stützte, ohne aber die engere Urheimat der Indogermanen nun konkreter eingrenzen und benennen zu können, hat im gleichen Jahr 2007 Dergachev genau das letztere getan. Er hat den Ausgangspunkt aller indogermanischen Ausbreitungsbewegungen in seinem Buch benannt, nämlich: die Chwalynsk-Kultur.

Und zwar hat er in seinem Buch die Urheimat und frühe Ausbreitung der Indogermanen identifiziert - wie schon am Titel erkennbar - anhand der räumlichen Verbreitung und phasenweisen stilistischen Veränderungen von Tierkopf-Zeptern im Nordkaukaus- und Nordschwarzmeer-Raum über 2000 Jahre hinweg (3, 4). (2016 hat dieses Thema der Archäologe Volker Heyd zwar auch aufgegriffen, aber nur für den Karpatenraum und ohne Hinweis auf das Buch von Dergachev [23].) Diese Tierkopf-Zepter stellen damit für die Archäologie ein wesentliches kulturelles Merkmal des Urvolkes der Indogermanen dar, fast noch wichtiger als die Keramik.

Wir haben über diese Zepter hier auf dem Blog auch schon zwei Beiträge veröffentlicht (4, 5). Aber das Thema ist damit natürlich erst angerissen, noch lange nicht ausgeschöpft. Insbesondere zur Beziehung der Kultur des Urvolkes der Indogermanen zu ihrer engeren Urheimat, der Übergangszone von Waldsteppe und Steppe kann jetzt sehr viel neue Forschung unternommen werden.

Abb. 3: Nationalmuseum für die Geschichte der Republik Moldau in Kischinau, gegründet 1983 - Das Gebäude war zuvor Jungen-Gymnasium und Militärmuseum - Hier arbeitet Dergachev

Weiterhin hat Dergachev in seinem Buch sehr ausführlich die Häufigkeit der Knochen - etwaig - domestizierter Pferde in dem genannten geographischen Großraum behandelt, sowie  die damit einhergehenden Pferde-Darstellungen in der Kunst der Indogermanen. (Es ist aber wohl zu betonen, daß die Domestizierung des Pferdes für das 5. Jahrtausend v. Ztr. strittig ist, daß es aber stattdessen aufgrund von häufigen Rinderwagen-Gräbern gute Belege dafür gibt, daß der Rinderwagen eine nicht geringe Rolle in der Frühgeschichte der Indogermanen gespielt hat. (Der Rinderwagen war schon Thema anderer Beiträge hier auf dem Blog.)

Dergachev lebt und arbeitet also - wie schon angedeutet - in der Hauptstadt von Bessarabien, genauer gesagt der Republik Moldau (auch: Moldawien) (Wiki). Und das ist Kischinau (Wiki). Nebenbei sei erwähnt: In Bessarabien  lebten bis 1939, bis zum Anschluß an die Sowjetunion durch den damaligen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, auch knapp 100.000 "Bessarabien-Deutsche" (s. Abb. 1). Sie bildeten dort knapp drei Prozent der Bevölkerung. (Zum Beispiel waren auch die Eltern des Bundespräsidenten Horst Köhler Bessarbien-Deutsche.) Die Mehrheit der Menschen in Bessarabien, bzw. in der Republik Moldau sprachen aber schon damals - und sprechen auch heute noch - als Muttersprache Rumänisch. So anzunehmenderweise auch Vladimir Dergachev. Im Zusammenhang mit der russischen Minderheit im Land gibt es auch heute noch eine Nationalitätenkonflik in der Republik Moldau (der "Transnistrien-Konflikt").**)

In Kischinau befindet sich eine Universität, sowie das Nationalmuseum für die Geschichte von Moldawien (Wiki, Homepage). Zu diesem gehört das Museum für Archäologie und Ethnographie. In diesem arbeitet Dergachev. Als seine Adresse wurde 2007 in einem Aufsatz im "Journal of Human Genetics" angegeben:

V. Dergachev
Institute of Archaeology and Ethnography,
Academy of Sciences of Moldova,
Banulescu-Bodoni str. 35,
2012 Kishinev, Moldova

An diesem Institut hat Dergachev die genannte archäologische Studie zur Urheimat (und frühen Ausbreitung) der Indogermanen erarbeitet. Es finden sich auch interessante Videos über die Forschungsarbeit dieses Museums, in denen auch Dergachev zu Wort kommt, allerdings wieder nur in russischer Sprache (21).

Unser Fragen und Forschen hier auf dem Blog geht ja immer weiter. Vor einem halben Jahr hatten wir noch einige wichtige, neu bekannt gewordene Details zur Ethnogenese der Indogermanen zwischen Mittlerer Wolga und Kaukausus hinzufügen können, vornehmlich aus archäogenetischer Sicht (6). Indem wir aber nun erst kürzlich auf das "Lachsargument" in der Indogermanen-Forschung aufmerksam wurden, tauchten neuerlich sehr konkrete Fragen rund um die Urheimat der Indogermanen auf (7), die uns nun verstärkt nach den Inhalten des Buches von Dergachev fragen lassen.

In diesem Zusammenhang fällt unter anderem auf, daß das Siedlungsgebiet der Wolgadeutschen seit 1763 nur hundert Kilometer südlich von Chwalynsk liegt, also sich geographisch völlig zu überschneiden scheint mit einem Teil der Urheimat der Indogermanen. Da in vielen Darstellungen zur Geschichte der Wolgadeutschen keine Sprachhürde zu überwinden ist, wir aber aus ihnen auch noch viel über die Urheimat der Indogermanen erfahren können, sollen zu ihrer Geschichte noch weitere Blogartikel erarbeitet werden.

Um nun die Geographie des Siedlungsgebietes der Urindogermanen so genau wie möglich kennenlernen, eingrenzen und bestimmen zu können, möchte man sich etwas intensiver mit den Arbeiten von Dergachev beschäftigen, nicht zuletzt auch mit den darin enthaltenen Verbreitungskarten. Man stößt dabei aber auf fast unüberschreitbare Sprachhindernisse. Das meiste scheint Dergachev auf Russisch veröffentlicht zu haben.*)

Auf seinem Academia-Account (Academia) hat Dergachev die mehr als 400 Seiten seines Buches von 2007 vollständig eingestellt. Frei herunterladbar für jene, die dort einen (kostenfreien) Account besitzen (... oder die uns anschreiben). ;-)  

1. Teil - Cucutenni-Tripolje

Immerhin, das Inhaltsverzeichnis dieses Buches ist schon ins Englische übersetzt:

Abb. 4: "Zepter, Pferde, Krieg" (2007) - Inhaltsverzeichnis, Seite 1 (1)

Der erste Teil des Buches ist benannt: "Über die Ausbreitungs-Theorie von M. Gimbutas und die Wiederspiegelung derselben im Datenmaterial zur Cucuteni-Tripolje-Kultur". Vielleicht decken sich die Inhalte dieses ersten Buchteiles mit seinem im Jahr 2000 auf Englisch erschienen Aufsatz "Two Studies in Defence of Migration Concept", der immerhin auf Englisch erschienen ist (14), aber noch nicht frei zugänglich im Internet zu sein scheint, auch nicht auf der Academia-Seite von Dergachev. Die Zusammenfassung dieses Aufsatzes lautet (14):

In den letzten Jahren war eine Tendenz zur völligen Ablehnung der Theorie von M. Gimbutas zur Ausbreitung von herdenhaltenden Gesellschaften vom südöstlichen Europa nach Westen zu beobachten, jene Theorie, die von der Mehrheit der Fachleute ansonsten akzeptiert worden war. Dieser Aufsatz ist die Antwort des Autors auf diese Entwicklung. (...) Um die Theorie von M. Gimbutas zu überprüfen, (...) schlägt der Autor die Analyse von vier weitgehend unabhängigen archäologischen Datenbeständen vor, die mit der Entwicklung der Vorcucuteni-Cucuteni-Tripolje-Kultur verbunden sind (Entwicklung der Siedlungen, befestigte Siedlungen, Ortsnamenskunde von Siedlungen und Funde von Pfeilspitzen). Eine chronologische und geographische Analyse dieser Daten bringt den Autor zu der Schlußfolgerung, daß M. Gimbutas richtig lag darin, daß die Träger dieser Gesellschaft in der Phase Cucuteni A-Tripolje B1 eine Katastrophe erlebten, und daß diese unbedingt in Verbindung stand mit der Ausbreitung von Herdenhaltern von Osten her.
The recent years have seen a marked trend to fully reject M. Gimbutas’ concept of migration of early stockbreeding societies from the south-eastern Europe to the West, the concept that used to be accepted by majority of specialists. The article is the author’s response to this recent trend. It questions adequacy of methods of analysis and interpretation of archaeological records. The author advocates strict observance of rigid research procedures. To prove M. Gimbutas’ perspectives, following the declared principles the author proposes an analysis of four relatively independent categories of records, connected with development of Precucuteni-Cucuteni-Tripolje culture (development of settlement, fortified settlements, toponymy of settlements and arrowheads). A chronological and space analysis of these qualities lead the author to conclude that M. Gimbutas was right in that the bearers of this cultural society did suffer a catastrophe at the stage of Cucuteni A – Tripolje B1, and that this catastrophic impact was definitely connected with migration of stockbreeders from the east.

Auch im ersten Teil seines Buches von 2007 geht es Dergacev um die Theorien zum Untergang der Cucuteni-Tripolje-Kultur. Diese haben interessanterweise in der Wissenschaft 2019 Widerspruch gefunden (1) (siehe unten). Über jene Teile der Auseinandersetzung, die auf Englisch veröffentlicht sind, kann man also schon viele wichtige Inhalte dieses Buches erfahren.

Wichtiger ist dabei insbesondere, daß sich im Fundmaterial kulturelle Hinterlassenschaften der Indogermanen finden, über die man diese Indogermanen genauer kennenlernen kann, und von denen man allgemeinere Schlüsse ableiten kann. Es wird von Dergachev also erst die "Dynamik in der Entwicklung der Cucuteni-Tripolje-Kultur" behandelt (I.3.2), es werden Hinweise auf Kriegsführung in ihr erörtert (I.3.5) und es werden dann behandelt "Visitenkarten ungebetener Gäste" (I.3.6), also kulturelle Hinterlassenschaften der Indogermanen und Überreste von Waffen, bzw. Pfeilspitzen. Es wird also angenommen, daß die Indogermanen "ungebeten" ins Land gekommen seien (was sicherlich auch noch einmal zu erörtern wäre).

2. Teil - Zepter

Im zweiten Teil wird unglaublich detailliert die - wenn man es recht versteht, 2000 Jahre andauernde - Geschichte der Tierkopfzepter im nordpontischen Raum nachgezeichnet, und zwar zunächst, indem die bisherige Wissenschaftsgeschichte zum Thema referiert wird.

Abb. 5: "Zepter, Pferde, Krieg" (2007) - Inhaltsverzeichnis, Seite 2

Soweit erkennbar, bedeutet das Wort "Pommes" in diesem Inhaltsverzeichnis (bei Quiles "pommel") "Knauf", also der stilisierte "Kopf" der hier behandelten "Zepter", bzw. Tierkopf-Zepter. Spannend ist ja auch, daß es unter diesen Zeptern ein solches in Form eines Fischkopfes gibt. Auch damit würde noch einmal verdeutlicht, daß die Verbindung der Urindogermanen zu Fischen nicht eine gar zu lose gewesen sein kann, also das "Lachsargument" auch von hierher noch einmal neu überdacht werden sollte (8).

3. Teil - Pferde

Abb. 6: "Zepter, Pferde, Krieg" (2007) - Inhaltsverzeichnis, Seite 3

Im dritten Teil wird dann die Geschichte der Pferde im Urvolk der Indogermanen behanselt. Dem Inhaltsverzeichnis kann man entnehmen, daß Carlos Quiles schon die wesentlichsten Inhalte referiert haben könnte (3, 4). Mit den Pferdeknochen hat sich zur gleichen Zeit auch David Anthony in seinem Buch von 2007 sehr gründlich beschäftigt. Ob Dergachev noch einen differenzierteren Blick auf die Zusammenhänge gewähren kann als Anthony, kann von uns vorderhand nicht gesagt werden. 

Abb. 7: Dergaciov, 75 Jahre alt, 2018

Untergang der Cucuteni-Tripolje-Kultur - Sind die Steppenvölker schuld?

Erst während der Recherche zu diesem Artikel wurden wir darauf aufmerksam, daß eine von uns hier auf dem Blog schon im Jahr 2019 ausgewertete Studie (1, 10) in ihrer Datenbasis zu nicht geringen Teilen auf dem von Dergachev zusammen gestellten Datenmaterial beruhte, nur daß diese Studie zu einer anderen Gesamteinschätzung gekommen ist als er selbst in seinem Buch von 2007. Wie schon einleitend erwähnt, geht es in dieser Studie um die großartigen Cucuteni-Tripolje-Kultur in der Ukraine und in den Karpaten, auf die wir auch schon in einem früheren Blogartikel ausführlicher eingegangen waren (9). Während Dergachev nun eher vermutete, daß kriegerische Zuwanderung der Indogermanen von Osten her diese Kultur zerstört habe, wurde in der Studie von 2019 ein anderer argumentativ Standpunkt untermauert, nämlich daß es eher interne Ursachen für den Niedergang der Cucutenni-Tripolje-Kultur gegeben hätte (10):

Die Tatsache, daß in der letzten Phase des Spätneolithikums (3.500 bis 3000 v. Ztr.) die Siedlungen (der Cucuteni-Tripolje-Kultur) erneut mit Verteidigungsanlagen versehen worden sind, ist gedeutet worden entweder als Antwort auf äußere oder auf innere Bedrohungen, wobei Dergachev (2007) die Position eingenommen hat, daß es sich um eine Antwort auf eine neue Welle von Völkern aus der Steppe gehandelt habe. Wir nehmen die entgegen gesetzte Position ein, nämlich daß diese Entwicklungen durch eine bedeutsame sozio-ökonomische Umwandlung der Späten Tripolye-Bevölkerung angetrieben wurde. Die klar identifizierte Verlagerung vom Ackerbau hin zu Herdenhaltung und zur Zunahme von Austausch zwischen befreundeten Gemeinschaften rief die Entstehung von miteinander konkurrierenden, sich auflösenden Fürstentümern hervor (nach Earle und Kristiansen, 2010).
Original: The resumption of settlement fortification during the Terminal Eneolithic (3500–3000 BCE) has been framed either in response to “external” or “internal” threats, with Dergachev (2007) taking the position that this was in response to a new wave of population from the steppe. We take the opposite position, that such developments were spurred on by significant socio-economic transformation of the Late Tripolye population. The clearly identified shift from agriculture to stock-breeding and increase in exchange between related communities caused the formation of competitive, dispersed chiefdoms (after Earle and Kristiansen, 2010).

Diese Studie wird man sich nach dem Wissen um die Bedeutung der Studie von Dergachev, auf die hier Bezug genommen wird, noch eimal mit ganz neuem Interesse ansehen. Wie immer auch die hier erörterte Frage geklärt werden wird - vielleicht handelte es sich um eine Kombination von beiden Vorgängen - uns ist hier zunächst nur wichtig festzustellen, daß Dergachev nicht nur der Entdecker der engeren Urheimat und damit des Ortes der Ethnogenese der Indogermanen ist, sondern zugleich auch eine wichtige wissenschaftliche Position zum Untergang der Cucuteni-Tripolje-Kultur einnimmt und dazu auch umfangreiche Datensätze der Wissenschaft zur Verfügung gestellt hat.

Beide geschichtliche Vorgänge können also mehr im Zusammenhang miteinander behandelt werden und gesehen werden als uns das bislang hier auf dem Blog bewußt gewesen ist.

Abschließend: Es wäre wirklich sehr erfreulich, wenn dieses Buch von Dergachev in deutscher oder englischer Sprache zugänglich gemacht würde. Es wäre dies vermutlich sogar sehr notwendig.

Unsere bisherige, noch sehr unvollständige Zusammenstellung der wissenschaftlichen Arbeiten von Dergachev (11-22) soll künftig noch vervollständigt werden.

___________

*) Noch problematischer stellten sich für uns zu Anfang die unterschiedlichen Schreibweisen des Namens von Dergachev dar. Wir mußten lange suchen, bis wir einigermaßen eine Übersicht gewinnen konnten über seine wissenschaftlichen Arbeiten. Erst als wir eine Übersicht neuerer seiner Arbeiten auf der Internetseite der Nationalbibliothek der Republik Moldau (IBN) fanden, kamen wir weiter. Denn hier wird sein Name anders geschrieben als bislang gedacht: Valentin Dergaciov. Und indem wir nun mit dieser Schreibweise weiter recherchierten, fanden wir seinen zuvor von uns ergebnislos gesuchten Academia-Account! Auf diesem schreibt er seinen eigenen Namen als: Valentin Dergachyov (Academia). 

**) Was wir erst im Nachgang erfahren, ist der Umstand, daß die Republik Moldau zwar früher einer der wohlhabendsten Sowjetrepubliken, heute aber das ärmste Land Europas ist und daß inzwischen ein Viertel bis zur Hälfte der Bevölkerung abgewandert ist nach Rußland oder in europäische Staaten. Als verantwortlich dafür wird die hohe Korruption im Land angesehen. Auf Wikipedia heißt es (Wiki):

Vor seiner Unabhängigkeit Anfang der 1990er Jahre war die Republik Moldau eine der wohlhabendsten Sowjetrepubliken. Seit 1992 hat sich infolge des ungelösten Transnistrien-Konflikts die wirtschaftliche Lage drastisch verschlechtert.

Mehr dazu:

_________

  1. Bading, Ingo: Die Indogermanen kommen nach Siebenbürgen (3500 v. Ztr.) Neue Forschungen aus Genetik und Archäologie  - Anhang: Allgemeinere Überlegungen zu Geschichte und Wesen des Indogermanischen, 25. Dezember 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/12/die-indogermanen-foderaten-fruher.html
  2. Dergachev, V. A.: О скипетрах, о лошадях, о войне: этюды в защиту миграционной концепции М.Гимбутас (On sceptres, on horses, on war: Studies in defence of M. Gimbutas’ migration concepts), 2007 (Scribd
  3. Bading, Ingo: Es ist "amtlich" - Das Urvolk der Indogermanen war die Chwalynsk-Kultur um 4.500 v. Ztr. an der Mittleren Wolga - Der US-amerikanische Archäologe David Anthony hat am 1. August über den neuesten Forschungsstand informiert, 4. August 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/es-ist-amtlich-das-urvolk-der.html
  4. Quiles, Carlos: About Scepters, Horses, and War: on Khvalynsk migrants in the Caucasus and the Danube, 2018, https://indo-european.eu/2018/07/about-scepters-horses-and-war-on-khvalynsk-migrants-in-the-caucasus-and-the-danube/
  5. Bading, Ingo: Tierkopfszepter, 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/10/tierkopfszepter-der-indogermanen.html
  6. Bading, Ingo:  Elchkopfstäbe, 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/01/elchkopfstabe-sind-sie-die-vorlaufer.html
  7. Bading, Ingo: Die Urindogermanen - "Allem Anfang wohnt ein Zauber inne" Neue Schlaglichter aus der Forschung zur Ethnogenese der Indogermanen, 30. Oktober 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/10/die-urindogermanen-allem-anfang-wohnt.html
  8. Bading, Ingo: Das "Lachsargument" in der Indogermanen-Forschung, 13.4.2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/04/unsere-vorfahren-sie-haben-fisch.html
  9. Bading, Ingo: Kossinna lacht!, November 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/11/kossinna-lacht-er-lacht-und-lacht-und.html
  10. Harper, T. K., Diachenko, A., Rassamakin, Y. Y., & Kennett, D. J. (2019). Ecological dimensions of population dynamics and subsistence in Neo-Eneolithic Eastern Europe. Journal of Anthropological Archaeology, 53, 92-101. https://doi.org/10.1016/j.jaa.2018.11.006
  11. Dergachev V.A. Metallicheskie serpy pozdnej bronzy Vostochnoj Evropy (übersetzt: Metal sickles of the Late Bronze Age in Eastern Europe). 1971 
  12. Valentin Anisimovich Dergachev: Bestattungskomplexe der späten Tripolje-Kultur (Materialien zur allgemeinen und vergleichenden Archäologie)(Herausgegeben von der Kommision f. Allgemeine u. Vergleichende Archäologie d. Deutschen Archäologischen Instituts). Zabern, Mainz 1991 
  13. Dergačev, V. A. Kulturelle und historische Entwicklungen im Raum zwischen Karpaten und Dnepr. Zu den Beziehungen zwischen frühen Gesellschaften im nördlichen Südost-und Osteuropa. na, In: B Hänsel, J Machnik: Das Karpatenbecken und die osteuropäische Steppe: Nomadenbewegungen und Kulturaustausch in den vorchristlichen Metallzeiten (4000–500 v. Chr.),  Rahden/Westf, 1998 (im Internet offenbar nicht verfügbar)
  14. V Dergachev, A Sherratt, O Larina: Recent results of Neolithic research in Moldavia (USSR). In: Oxford Journal of archaeology, March 1991 https://doi.org/10.1111/j.1468-0092.1991.tb00001.x 
  15. V. A. Dergachev (Kishinev, Moldova): Two Studies in Defence of Migration Concept. Stratum Plus. 2000. № 2, 188-236 (Stratum)
  16. V A Dergachev: Die äneolithischen und bronzezeitlichen Metallfunde aus Moldavien. F. Steiner, Stuttgart 2002
  17. Valentin A. Dergachev, Pavel M. Dolukhanov (2007) The Neolithization of the north Pontic area and the Balkans in the context of the Black Sea floods. In: Yanko-Hombach V., Gilbert A.S., Panin N., Dolukhanov P.M. (eds) The Black Sea Flood Question: Changes in Coastline, Climate, and Human Settlement. Springer, Dordrecht. https://doi.org/10.1007/978-1-4020-5302-3_21
  18. Population history of the Dniester–Carpathians: evidence from Alu markers. Alexander Vazari …, R Cojocaru, Y Roschin, C Glavce, V Dergachev… - Journal of human genetics, 2007 
  19. Searching for the origin of Gagauzes: Inferences from Y‐chromosome analysis. Alexander Varzari, Vladimir Kharkov, Wolfgang Stephan, Valentin Dergachev, Valery Puzyrev, Elisabeth H. Weiss, Vadim Stepanov. In: American Journal of Human Biology, Volume 21, Issue 3  First published: 23 December 2008
  20. Savantul Valentin Dergaciov: La 75 de ani (Zum 75. Geburtstag). 6.4.2018, http://ich.md/?p=3096
  21. Dergaciov Valentin: The Maykop-novosvobodnaya-Banyabik type axes. Stratum plus Nr. 2 / 2019 Disponibil online 3 December, 2019  
  22. Video über die Cucuteni-Tripolje-Kultur, Stratum plus. Archaeology & Anthropology, 2018; enthält auch Interviews mit V. Dergachev (Minuten 22:20 und 26:20), https://www.facebook.com/watch/?v=1571738719528837
  23. Heyd, Volker M. (2016). Das Zeitalter der Ideologien: Migration, Interaktion & Expansion im prähistorischen Europa des 4. und 3. Jahrtausend v. Chr.. In: M. Furholt, R. Grossmann, & M. Szmyt (Eds.), Transitional Landscapes? The 3rd Millennium BC in Europe: Proceedings of the International Workshop "Socio-Environmental Dynamics over the Last 12.000 Years: the Creation of Landscapes III (15th-18th April 2013)" in Kiel. (Vol. 292, pp. 53-85). (Universitatsforschungen zur Prahistorischen Archaologie; Vol. 292). Bonn: Habelt (freies pdf)

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