Samstag, 20. Oktober 2018

Die Geburtsstunde eines Volkes

Die Entstehung des Volkes der Bandkeramiker, des ersten Bauernvolkes Europas

Derzeit erforschen die Archäologen in Ungarn und Österreich - zwischen Plattensee und Wien (Abb. 1) - die Entstehung eines neuen Volkes. Es geht um die Entstehung jenes Volkes, das den Ackerbau und die seßhafte Lebensweise nach Mitteleuropa gebracht hat, nämlich des Volkes der Bandkeramiker (Wiki). Über die Bandkeramiker habe ich schon verschiedene Artikel veröffentlicht (z.B. 1). Wir wissen inzwischen, daß dieses Volk weitgehend ausgestorben ist und daß es genetisch aus der anatolisch-neolithischen Völkergruppe, also grob aus dem heutigen "mediterranen" Menschentypus hervorgegangen ist, und daß es heute am ehesten noch im Mittelmeer-Raum - insbesondere in Sardinien - entfernt verwandte Nachkommen hat.


Inzwischen kann man aber auch erfahren, daß die bandkeramische Kultur sich von ihrer Vorgängerkultur nicht nur durch ihre imposanten 30 Meter langen Langhäuser unterscheidet, sondern auch in der Art ihrer Menschendarstellung (2, 3). Der in der Vorgängerkultur "Starcevo-Körös" oft dargestellte Fettsteiß bei übergewichtigen Frauen kommt in Menschendarstellungen der Bandkeramik gar nicht vor (3)! Bei der Bandkeramik herrscht vielmehr in den Menschendarstellungen ein schlanker, hagerer Menschentypus vor. So betonen inzwischen mehrere damit befaßte Archäologen. Auch findet sich die Darstellung von gelockten (hellen?) Haaren offenbar nur in der bandkeramischen Kultur.

Der deutsche Doyen der Bandkeramik-Forschung, Professor Jens Lüning aus Frankfurt am Main, hat sich schon 2016 Gedanken darüber gemacht, wie es zur Entstehung des Volkes der Bandkeramiker gekommen ist: "Geburt aus dem Widerspruch - Die Entstehung der Bandkeramik aus ihrer Mutterkultur Starcevo", lautet sein diesbezüglicher Aufsatz. Er meint, die Bandkeramiker wären religiöse und kulturelle "Abweichler" gewesen, die sich religiös und kulturell bewußt unterschieden hätten von ihrer Mutterkultur und bewußt in Gegensatz zu ihr getreten wären. - Macht es Sinn, sich Volkwerdung so vorzustellen?

Abb. 1: Zwischen Plattensee, Neusiedler See und Wien: Die Kultur des späten Starcevo (grün) und die früheste Bandkeramik (rot)
Fundorte: 1. Babarc; 2. Becsehely I-Bükkaljai-dűlő; 3. Brunn am Gebirge; 4. Gellénháza-Városrét; 5. Harc-Nyanyapuszta; 6. Medina; 7. Révfülöp; 8. Sármellék; 9. Szentgyörgyvölgy-Pityerdomb; 10. Tapolca-Plébániakert; 11. Tihany-Apáti; 12. Vörs-Máriaasszonysziget; 13. Zalaegerszeg-Andráshida-Gébárti-tó (aus: Oross/Banfy 2009)

Um die Entstehung eines neuen Volkes rankt sich fast immer ein großes Geheimnis. Oft gibt es Gründungsmythen. Wir können zum Beispiel die sprachliche Trennung des Volkes der Deutschen von dem der Franzosen grob zeitlich eingrenzen ("Straßburger Eide") und wir können manches darüber sagen, was bei der Entstehung des deutschen und des französischen Volkes und ihrer Sprachen alles vor sich gegangen sein mag. Tatsächlich sind "die Deutschen" auch von der Herkunft ihrer Volksbezeichnung her diejenigen, die ihrer ursprünglichen Sprache und Eigenart treu geblieben sind, während ja viele andere germanische Stämme sich sprachlich und kulturell viel stärker haben romanisieren lassen, bzw. das landesübliche Vulgärlatein übernommen haben. Und irgendwann wurde dieser Gegensatz den Menschen spürbar, ganz klar. Man mag jedoch noch so viel darüber forschen und man mag sich noch so viel darüber Gedanken machen. Das Wort von Hermann Hesse wird bezüglich solcher Themen immer seine Gültigkeit behalten, das da lautet:
"Allem Anfang wohnt ein Zauber inne."
Und das mag auch für die Entstehung des ersten Volkes von Ackerbauern in Mitteleuropa um 5.700 v. Ztr. nördlich des Plattensees gelten.

Aus der Ancient-DNA-Forschung wissen wir inzwischen, daß das Volk der Bandkeramiker von seiner Genetik sich kaum unterscheidet von der Gruppe der anatolisch-neolithischen Bauernvölker, die sich um jene Zeit auch sonst um das ganze Mittelmeer und über ganz Europa hinweg auf demographischem Wege ausgebreitet haben. Allerdings haben sich bei den Bandkeramikern - im Unterschied zu den anderen Bauernvölkern dieser Völkergruppe - bis zu etwa 7 Prozent Gene einheimischer westeuropäischer Jäger und Sammler "eingeschmuggelt". Man dürfte sagen, daß sich die Kultur der mitteleuropäischen Bandkeramiker aber deutlich stärker von ihrer Vorgängerkultur Starcevo unterscheidet, als das mit 7 Prozent anderer Genetik erklärt werden kann.

Wir wissen inzwischen, daß sich Sprachen halten können, obwohl die Gene der diese Sprache Sprechenden schon lange ausgestorben sind (so in Polynesien festgestellt) (10). Und so kann man sich vorstellen, daß die Bandkeramiker zu nicht geringen Teilen die Sprache der einheimischen Jäger und Sammler angenommen haben und mit ihnen auch manche Mentalität, auch wenn nur 7 Prozent der Gene des neu entstehenden Volkes von diesen einheimischen Jägern und Sammlern stammte. So scheint es mir am leichtesten zu erklären zu sein, daß sich die Kultur der Bandkeramiker so deutlich von ihrer Vorgängerkultur unterscheidet.

Jens Lüning schreibt nach vorgehenden detaillierteren Betrachtungen (3, S. 279):
Die Siedlungen Brunn am Gebirge 2a und Pityerdomb (sind) trotz ihrer eigenartigen und noch stark von der Starčevokultur geprägten frühen Keramik nach den obigen Darlegungen zweifellos bereits als vollwertige Mitglieder der bandkeramischen Kultur zu betrachten: Die dort errichteten Gebäude gehören schon vollständig zum bandkeramischen Bautypus. Es gibt keine Hinweise auf Zwischen- oder Übergangsformen, und es gibt außerdem für diesen Haustypus in der Starčevokultur kein Vorbild, er ist eine Neuschöpfung (Lenneis 2000; Bánffy 2004: 70f.). Damit hatten die in diesen Häusern und Siedlungen lebenden Menschen den entscheidenden Schritt bereits vollzogen: die bandkeramische Familienstruktur war vollständig eingeführt und der soziale Umbau ihrer Gesellschaft abgeschlossen - „Linear Pottery Longhouse… there can be no doubt that its emergence marked the birth of a community‘s identity“ (Bánffy 2004: 71). Wer und was hatte das veranlasst? Welche anderen Lebensbereiche hatten sich parallel dazu verändert?
So fragt Lüning. Mit diesem Artikel und dem begleitenden Video soll nur auf die neueren Forschungen und Forschungsfragen aufmerksam gemacht werden, es soll zu der Thematik damit nichts Erschöpfendes gesagt sein.

_________________________________________
  1. Bading, Ingo: Die weltgeschichtliche Bedeutung der bandkeramischen Kultur. Studium generale, Januar 2009, https://studgendeutsch.blogspot.com/2009/01/die-weltgeschichtliche-bedeutung-der.html
  2. Michelle Claire Langley, Mirani Litster: Is It Ritual? Or Is It Children? Distinguishing Consequences of Play from Ritual Actions in the Prehistoric Archaeological Record. Current Anthropology 59(5), September 2018, DOI: 10.1086/699837, https://www.researchgate.net/publication/327644392_Is_It_Ritual_Or_Is_It_Children_Distinguishing_Consequences_of_Play_from_Ritual_Actions_in_the_Prehistoric_Archaeological_Record 
  3. Lüning, Jens: Geburt aus dem Widerspruch: Die Entstehung der Bandkeramik aus ihrer Mutterkultur Starcevo. In: Y. Ünsal (Hrsg.) Anatolien und seine Nachbarn vor 10.000 Jahren. Anatolian Metal VII. Veröff. Deutsches Bergbaumus. Bochum 214. Der Anschnitt, Beih. 31 (Bochum 2016) 273-289, https://www.academia.edu/30497453/J._Lüning_Geburt_aus_dem_Widerspruch_Die_Entstehung_der_Bandkeramik_aus_ihrer_Mutterkultur_Starcevo._In_Y._Ünsal_Hrsg._Anatolien_und_seine_Nachbarn_vor_10.000_Jahren._Anatolian_Metal_VII._Veröff._Deutsches_Bergbaumus._Bochum_214._Der_Anschnitt_Beih._31_Bochum_2016_273-289
  4. János Jakucs, Eszter Bánffy, Krisztián Oross, Vanda Voicsek, Christopher Bronk Ramsey, Elaine Dunbar, Bernd Kromer, Alex Bayliss, Daniela Hofmann, Peter Marshall, Alasdair Whittle: Between the Vinča and Linearbandkeramik Worlds: The Diversity of Practices and Identities in the 54th–53rd Centuries cal BC in Southwest Hungary and Beyond. Journal of World Prehistory September 2016, Volume 29, Issue 3, pp 267–336, Open AccessArticle First Online: 08 September 2016, https://link.springer.com/article/10.1007/s10963-016-9096-x?wt_mc=alerts.TOCjournals
  5. Stadler, Peter; Kotova, Nadežda Sergeevna: The Early LBK site at Brunn am Gebirge, Wolfholz (5670-5100 BC) - Locally established or founded by immigrants from the Starčevo territory? Budapest, L'Harmattan, 2013, p. 259-275
  6. Krisztián Oross, Eszter Bánffy: Three successive waves of Neolithisation: LBK development in Transdanubia. In: Documenta Praehistorica, December 2009, 36:175-189 DOI: 10.4312/dp.36.11, https://www.researchgate.net/publication/250390845_Three_successive_waves_of_Neolithisation_LBK_development_in_Transdanubia; auch hier: https://www.dlib.si/stream/URN:NBN:SI:DOC-GZS8XGO7/eb3447e3-6538-4676-b65e-9f308d8bd7ea/PDF
  7. Eszter Bánffy: Tracing the beginnings of sedentary life in the Carpathian Basin. On the formation of the LBK house. January 2013. In: Tracking the Neolithic house in Europe - sedentism, architecture and practice. Hrsg. von D. Hofmann, J. Smyth, https://www.researchgate.net/publication/239605957_Tracing_the_beginnings_of_sedentary_life_in_the_Carpathian_Basin_On_the_formation_of_the_LBK_house 
  8. Hans-Christoph Strien: Eine neue Seriation der ältesten Linienbandkeramik:Zeitliche und räumliche Differenzierung. (abgeschlossen 2011) In: Beitr. z. Ur- u. Frühgesch. Mitteleuropas 75, Varia neolithica VIII, 141 – 161, https://www.academia.edu/8202681/Eine_neue_Seriation_der_%C3%A4ltesten_Linearbandkeramik_zeitliche_und_r%C3%A4umliche_Differenzierung
  9. Eszter Bánffy, Krisztián Oross: The Earliest and Earlier Phase of the LBK in Transdanubia. Tagung 2005, Tagungsband, S. 255, http://www.academia.edu/1216335/The_Earliest_and_Earlier_Phase_of_the_LBK_in_Transdanubia, https://www.researchgate.net/publication/281362106_The_earliest_and_earlier_phase_of_the_LBK_in_Transdanubia
  10. Cosimo Posth, Kathrin Nägele, Heidi Colleran, Frédérique Valentin, Stuart Bedford, Kaitip W. Kami, Richard Shing, Hallie Buckley, Rebecca Kinaston, Mary Walworth, Geoffrey R. Clark, Christian Reepmeyer, James Flexner, Tamara Maric, Johannes Moser, Julia Gresky, Lawrence Kiko, Kathryn J. Robson, Kathryn Auckland, Stephen J. Oppenheimer, Adrian V.S. Hill, Alexander J. Mentzer, Jana Zech, Fiona Petchey, Patrick Roberts, Choongwon Jeong, Russell D. Gray, Johannes Krause & Adam Powell: Language continuity despite population replacement in Remote Oceania. In: Nature Ecology and Evolution; https://www.nature.com/articles/s41559-018-0498-2; referiert in MPG-Research News, Februar 2018, Deutsch: http://www.shh.mpg.de/851830/genetic-replacement-despite-language-continuity-in-the-South-Pacific, Englisch: https://www.mpg.de/11959646/ancient-dna-reveals-genetic-replacement-despite-language-continuity-in-the-south-pacific

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