Freitag, 26. Dezember 2008

Rez. J. Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit

Autor: Asendorpf, Jens B.
Titel: Psychologie der Persönlichkeit.
Ort: Berlin
Verlag: Springer-Verlag
Jahr: 2004, 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage
ISBN-10: 3540007288
Umfang, Preis: 518 Seiten, 39,95

Rezension

Die Verhaltensgenetik des Menschen wird zu einem immer bedeutenderen Gebiet der Forschung. Nachdem wesentlichste Paradigmen des Faches Psychologie, insbesondere die Psychoanalyse von Sigmund Freud, ihren vorherrschenden, weitgehenden Alleinerklärungs-Anspruch in der Psychologie verloren haben, könnte es von mancherlei Interesse sein zu erfahren, in welchen größeren argumentativen Rahmen die Psychologie ihr Forschen und Denken heute und künftig stellen wird.

Einen Orientierungspunkt hierfür könnte bieten das Lehrbuch "Psychologie der Persönlichkeit" von Professor Jens B. Asendorpf, Berlin. Es ist in erster Auflage 1996, in dritter, aktualisierter Auflage 2004 und jüngst in vierter, aktualisierter Auflage 2007 erschienen. (1) Es liest sich sehr eingängig. Es scheint genau jene thematische Breite und zugleich fachliche Tiefe aufzuweisen, wie sie jemandem nützlich erscheinen muß, der sich als Laie und Neuling eines Faches in ein neues Forschungsgebiet (interdisziplinär) einzuarbeiten versucht. Und derartiges wird ja für viele heutige Forscher immer notwendiger aufgrund des Wandels in der Wissenslandschaft vor allem durch die moderne Humangenom-Forschung.

Die allgemeinere Fragestellung, unter die dieses Lehrbuch gestellt ist, geht möglicherwweise am prägnantesten aus dem Nachwort hervor. "Unterschiede sind menschlich," ist es überschrieben. Und hier wird ausgeführt, daß es in westlichen Kulturen eine starke Tendenz gäbe,
"nicht die vorhandene Vielfalt der Persönlichkeit, sondern ein einseitiges Persönlichkeitsideal als erstrebenswert anzusehen. Ob 'gottesfürchtig', 'nordisch', 'allseits entwickelte sozialistische Persönlichkeit' oder 'dynamischer Unternehmer' - die gerade vorherrschende Ideologie einer Kultur beinhaltet mit großer Regelmäßigkeit auch ein bestimmtes Persönlichkeitsideal."
Dieser Tendenz wird die folgende, in den wesentlichen Punkten evolutionsbiologische Argumentation gegenübergestellt: "Diese hohe Variabilität", die in den genetisch und kulturell weitergegebenen und geformten Persönlichkeitsmerkmalen von Einzelmenschen und Kulturen vorliegt,
"stellt so etwas wie ein Sicherheitsreservoir für das Überleben dar. Denn Gene bzw. kulturelle Inhalte sind nur den Umweltbedingungen ihrer evolutionären Vergangenheit gut angepaßt; ändert sich die Umwelt, ändern sich die Anpassungsbedingungen. Je variabler Genome bzw. kulturelle Inhalte sind, desto höher ist die Chance, daß jedenfalls einige diese Umweltveränderungen überleben werden."
Die in diesen Gedanken implizit enthaltenen Annahmen und der in ihnen enthaltene Wissenshorizont ist sehr intensiv am aktuellen humangenetischen Wissensstand orientiert. Etwas weiter heißt es:
"Aus der Einsicht in die Vielfalt der Persönlichkeit und ihrer Notwendigkeit für das genetische und kulturelle Überleben erwächst die Forderung, gerade nicht einen bestimmten Persönlichkeitstyp anzustreben, sondern die Vielfalt der Persönlichkeit zu achten und zu wahren."
Und der letzte Satz dieses Nachwortes und damit des Lehrbuches insgesamt lautet dann:
"Merke: Es gilt, die genetische und kulturelle Vielfalt der Menschheit zu bewahren." (1, S. 449)
Es scheint dies genau jene Argumentation zu sein, mit der sich eine Wissenschaft der Öffentlichkeit präsentieren könnte oder sollte, in der derzeit immer stärker nicht nur kulturelle, sondern auch genetische Unterschiede zwischen Menschen und Menschengruppen in den Vordergrund des Forschens treten. (vgl. etwa: 2 - 4) Deshalb heißt es auch schon im Vorwort dieses Lehrbuches auf der gleichen Linie:
"... Im Mittelpunkt steht also die Frage, wie stark und warum sich Menschen in ihrem typischen Erleben und Verhalten unterscheiden. Mit dieser differenzierten Fragestellung ist die Persönlichkeitspsychologie komplementär zur allgemeinen Psychologie, die zu beschreiben und erklären sucht, was Menschen gemeinsam ist."
Auch noch die bekannten Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt und Konrad Lorenz versuchten vor allem, evolutionsbiologische Gemeinsamkeiten zu beschreiben und zu erklären, weniger die individuellen Unterschiede. Aber wenn angeborene Unterschiede zwischen Menschen und Menschengruppen erforscht werden, was derzeit ein ganz neues Forschungsgebiet in der Wissenschaft wird (2 - 4), dann müssen zugleich auch völlig neue Kriterien und Kategorien zur ethischen Einordnung und Bewertung all dieses Wissens entwickelt werden. Dies wird von Asendorpf geleistet. Weiter im Zitat:
"Im Gegensatz zur klinischen Psychologie, die sich mit pathologischen Besonderheiten beschäftigt, interessieren in der Persönlichkeitspsychologie vor allem die Normalvarianten des Erlebens und Verhaltens."
Bei der Humangenom-Forschung und der damit verbundenen derzeitigen Populations-Genetik stehen derzeit noch oft die "pathologischen Besonderheiten" im Vordergrund, da hier oft sehr stark die Interessen der Pharma-Industrie mit hineinspielen, beziehungsweise überhaupt jegliche Art von unmittelbarer "Anwendbarkeit" von Forschungsergebnissen näher liegen.

Aus der Sicht des heutigen Forschungsstandes taucht tatsächlich die Frage auf, wie zum Beispiel Forscher wie Konrad Lorenz und Eibl-Eibesfeldt ein solches riesiges Forschungsgebiet der angeborenen Unterschiede zwischen Menschen in seiner Bedeutung so lange Zeit hatten unterbewerten können. Doch geben wir uns an dieser Stelle mit der Antwort zufrieden: Fortschritt heißt immer: Man weiß heute etwas besser als gestern. Und die Zwerge von heute stehen auf den Schultern der Riesen von gestern und sehen weiter als letztere.

Steigen wir gleich in Kapitel 4 ein. Hier wird das sogenannte "Five-Factor-Modell" der Persönlichkeitsbeschreibung vorgestellt, das heute in der psychologischen Wissenschaft eine so große Rolle spielt. Immer wieder stößt man auf dieses in der Literatur. Wo kommt es überhaupt her? Wie ist es einzuschätzen? Wo findet man die deutsche Begrifflichkeit dafür? Wie kann man damit umgehen? - Alles dies ist hier auf wenigen Seiten zu finden rund um die Seite 147. Wichtigstes Faktum: Das "Fünf-Faktoren-Modell" der Persönlichkeits-Beschreibung wurde im Jahr 1990 aufgrund vieler anderer Studien formuliert, sowohl in den USA wie in Deutschland. Vorläufer reichen bis in die 1930er Jahre zurück. Das muß man dann wohl einfach so hinnehmen und sehen, wie sich dieses Modell auch künftig bewähren wird.

Interessant erscheint aber im Zusammenhang damit, daß für kulturvergleichende Studien, in denen z.B. ostasiatische Kulturen mit eingeschlossen werden, dieses Fünf-Faktoren-Modell nicht so brauchbar ist, wie für Studien, die nur innerhalb der westlichen Kultur vorgenommen werden. Für kulturvergleichende Studien hat sich oft ein Drei-Faktoren-Modell besser bewährt. (1, S. 147) Dazu noch einmal der Originaltext:
"Diese 'Big Three' sind im Kulturvergleich besser replizierbar als die Big Five, können aber wegen der geringeren Faktorenzahl weniger Persönlichkeitsunterschiede erklären als die Big Five."
Richard Dawkins Gedanken über Gruppenunterschiede in seinem Buch "Ancestor's Tale" kommen einem dabei in den Sinn und die von Dawkins geäußerte Vermutung, daß es in Asien allgemein weniger Persönlichkeitsunterschiede gäbe (die Persönlichkeits-Vielfalt also geringer wäre) als in westlichen Ländern. Allerdings waren Richard Dawkins Vermutungen noch allein auf das körperliche Aussehen beschränkt und von ihm abgeleitet. (5, S. 421f)

Gleich darauf wird das Thema "Intelligenz" ebenso belehrend abgehandelt, seine Bedeutung wird sehr klar herausgestellt. Weil es vielen Menschen noch nicht so recht bewußt geworden ist, sei hier noch einmal "Lehrbuch-Text" angeführt:
"Intelligenzunterschiede beruhen wesentlich auf Unterschieden in der Geschwindigkeit elementarer Informationsverarbeitungsprozesse".
Und auch die Sätze davor:
"Intelligenztests sagen deshalb Bildung, Berufsprestige und Berufserfolg so gut vorher, weil sie eine Vielzahl unterschiedlicher kognitiver und motivationaler Anforderungen erfassen." (1, S. 198)
Zu einer klassischen IQ-Rasse-Adoptionsstudie der Autoren Weinberg und Scarr heißt es dann:
"Die sparsamste Erklärung scheint die Annahme genetisch bedingter Intelligenzunterschiede zwischen Schwarzen und Weißen in den USA zu sein, denn die über die weißen Elternhäuser hergestellte 'weiße' Umwelt verringerte den IQ-Unterschied zwischen schwarzen und weißen Kindern nicht wesentlich." (1, S. 434f)
Damit würde sich das Lehrbuch auf die Seite der Interpretation dieser IQ-Studie stellen, wie sie von IQ-Forschern wie Richard Lynn, Volkmar Weiß, Charles Murray, David C. Rowe gegeben worden sind, wenn es dann nicht weiter einschränkend heißen würde: "Diese mögliche Interpretation muß jedoch in dreifacher Hinsicht relativiert werden ..." Dabei war doch schon im Methodenteil des Lehrbuches ausgeführt worden, daß es das Kennzeichen empirischer Wissenschaft sei, nach der sparsamsten Erklärung zu suchen ...!

Das Konzept der "emotionalen Intelligenz", das 1995 von dem Journalisten D. Goleman vorgeschlagen wurde, und das im Denken vieler Menschen eine diffuse Rolle spielt, obwohl es mit dem viel schärfer und klarer umrissenen und weitaus besser erforschten Konzept der "kognitiven Intelligenz" überhaupt nichts zu tun hat, wird kurz und prägnant als ein sehr unausgereiftes Konzept charakterisiert. (1, S. 204)
"Das Konzept 'der' emotionalen 'Intelligenz' (...) suggeriert, daß es eine einheitliche Fähigkeit zum Umgang mit Gefühlen jeder Art gibt."
Empirische Forschungen dazu werden kurz referiert und dann folgendermaßen zusammengefaßt:
"'Emotionale Intelligenz' erwies sich damit weder als einheitlicher Fähigkeitsbereich noch als ein Merkmal von Intelligenz." "Das sollte die Psychologie aber nicht davon abhalten, das weite und unübersichtliche Feld der emotionalen Kompetenzen zu bearbeiten, auch wenn schnelle Erträge dort nicht zu erwarten sind." (1, S. 204f)
In Kapitel 2 werden die "Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie" abgehandelt. Zuerst die Psychoanalyse. Von ihr bleibt an wissenschaftlichem Wert so gut wie "kein Haar". Wieder nur ein paar Merksätze aus dem Buch:
"Die klassische psychoanalytische Methodik ist aufgrund ihrer suggestiven Wirkung auf Patient und Therapeut in Gefahr, selbsterfüllende Prophezeiungen zu produzieren und ist von daher nicht akzeptabel als Methodik einer empirischen Wissenschaft." - "Die klassische psychoanalytische Methodik der Persönlichkeitserklärung beruht auf Erinnerungen von Erwachsenen an Kindheitserlebnisse; dies ist wegen der bekannten Erinnerungsfehler inakzeptabel als Methodik einer empirischen Wissenschaft." - "Die klassische Psychoanalyse ist aus methodischen Gründen keine empirische Wissenschaft." (1, S. 23)
Das nur in Andeutungen und auszugsweise. Und am Ende dieses Kapitels 2, neu aufgenommen in der 3. Auflage, wird "Das evolutionspsychologische Paradigma" behandelt. Knapp und eindringlich werden William D. Hamilton, Richard Dawkins, Edward O. Wilson und ihre Ideen erläutert. Bis zu diesem Punkt ist also jetzt schon der Stand der Wissenschaft auch in der Persönlichkeitspsychologie angelangt. Zumindest an einem nicht unbedeutenden Lehrstuhl an der Humboldt-Universtität Berlin.

Es gibt dann ein Kapitel über "soziale Bindungen" und "soziale Unterstützung" (Mutter-Kind-Bezeihung, Beziehungen zwischen Ehepartnern) (Kapitel 5), sowie über Lebensphasen (Kapitel 6). Hier wird auch schon über das für die Wissenschaft immer interessanter werdende sogenannte Neugier- und Unruhe-Gen (ADHS) (1, S. 347) berichtet, das auf Völker sehr unterschiedlich verteilt ist. Kapitel 7: Geschlechtsunterschiede. Im Kapitel 8 gibt es Unterkapitel wie "Genpool, Kultur und Persönlichkeit", "Rasseunterschiede". Das nordeuropäische Milchverdauungs-Gen wird abgehandelt und einiges ähnliche. Alles entsprechend des Buches des Forschers Durham von 1991. Also ein bischen veraltet - dennoch möchte man sagen: immerhin! Der Fragehorizont ist für ein gewöhnliches Psychologie-Lehrbuch sehr bemerkenswert.

Hochinteressant auch die völlig unterschiedlichen Ergebnisse des standardisierten (auch vom Ehepaar Großmann in Regensburg [Schüler von Konrad Lorenz] verwendeten) "Fremde-Situation(en)-Tests" an zweijährigen Kindern in Japan und in westlichen Ländern. (1, S. 436) Dieser sagt bisher noch nichts über genetische, sondern bislang nur über kulturelle Unterschiede aus. Die engere körperliche Nähe der japanischen Kinder zur Mutter während der frühen Lebensjahre führt, so die naheliegende Vermutung, zu viel größerer Ängstlichkeit bei ihrer kurzzeitigen Trennung von der Mutter als im Westen. Aber diese enge körperliche Nähe ist natürlich eine sehr tiefgehende frühkindliche Prägung, die gar nicht unterschätzt werden kann und sicherlich ziemlich dauerhaft zum Beispiel das spezifische "Cocktail" von Verhaltens- und Streß-Hormonen in der Blutbahn und die dazugehörigen Nervenbahnungen für jeweilige Lebens-Situationen "prägt". Und davon könnte die Ausprägung ganzer kontinentweiter Kulturen bestimmt sein.


Anmerkungen

1. Asendorpf, Jens B.: Psychologie der Persönlichkeit. 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage, Springer-Verlag Berlin 2004 (diese Ausgabe wird hier zitiert, obwohl 2007 schon die 4. Auflage erschienen ist)
2. Wade, Nicholas: Still Evolving, Human Genes Tell New Story. In: The New York Times, 7. März 2006
3. Wade, Nicholas: The Twists and Turns of History, and of DNA. In: The New York Times, 12. März 2006
4. Wade, Nicholas: Before the Dawn. Recovering the Lost History of Our Ancestors. Penguin Press, Mai 2006; siehe auch --> hier.
5. Dawkins, Richard: The Ancestors Tale. A Pilgrimage to the Dawn of Life. Phoenix, London 2005 (2004), S. 331, 343 (2008 auf deutsch erschienen unter dem Titel "Geschichten vom Ursprung des Lebens")

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