Samstag, 19. Januar 2008

Das Unbehagen am Anthropischen Prinzip

Eine wunderbare Rezension hat Bernulf Kanitschneider, Professor für Wissenschaftstheorie in Gießen, über das Buch "War es ein Gott?" des Karlruher Theoretischen Physikers, Professor Henning Genz, geschrieben. (Spektr. der Wiss., St. gen.) Dieser Rezension ist auch zu entnehmen, daß der Autor des gerade erst neu erschienenen Buches - Henning Genz - im Jahr 2006 sehr plötzlich verstorben ist. Man wird dieses Buch also auch als eine Art persönliches Vermächtnis seines Autors ansehen können. (Hier ein lesenswerter Nachruf in "Spektr. der Wiss." mit Hinweisen auf zahlreiche Zeitschriften-Beiträge von Henning Genz.)

Prof. Henning Genz, theoretischer Physiker, Karlsruhe, gestorben September 2006

Was Kanitschneider in seiner Rezension nun nicht erwähnt, ist die für mich wichtige Tatsache, daß Genz auch auf die Thesen und Überlegungen des amerikanischen "neuplatonischen" Philosophen John Leslie aufmerksam macht. Genz macht also aufmerksam darauf, daß man nicht notwendigerweise monotheistisch, bzw. supernaturalistisch argumentieren muß, wenn man aus den Forschungsergebnissen zum Thema "Anthropisches Prinzip" ein "Intelligentes Design" bei der Weltall-Entstehung ableitet.

John Leslie

Das ist sowieso nur philosophisch möglich, nicht zwingend naturwissenschaftlich. Das wissen wir im Grunde seit Immanuel Kant. Aber viele, die über "Intelligentes Design" diskutieren [oder auch über die Thesen von Simon Conway Morris], vergessen diese große Grundeinsicht von Immanuel Kant. Wer sich den Unterschied zwischen Naturwissenschaft und Philosophie klar macht, liest zum Beispiel das Buch von Simon Conway Morris "Life's Solution" als ein philosophisches Buch - nur allein mit naturwissenschaftlichen Tatsachen geschrieben. Daß so etwas überhaupt möglich ist, zeigt, wie weit der heutige Forschungsstand schon fortgeschritten ist. Ähnliches könnte über Bücher zum Anthropischen Prinzip gesagt werden: Mehr noch als daß sie rein naturwissenschaftliche Bücher wären, handelt es sich vor allem auch um philosophische. So auch das hier von dem Philosophen Kanitschneider rezensierte.

"Intelligentes Design" nicht monotheistisch gedeutet

Besonders schön finde ich an dieser Rezension nun, daß man aufgrund der Ehrlichkeit des Rezensierenden unterschwellig immer wieder das große Unbehagen des atheistischen Philosophen Kanitschneider heraushört bezüglich der Frage, wie man mit dieser den Menschen doch irgendwie beunruhigenden Feinabstimmung der Naturkonstanten unseres Weltalls philosophisch deutend umgehen soll. Kanitschneider schreibt also:
Wie können jene Eigenschaften des Universums erklärt werden, welche die Fülle des Lebens möglich machen? Dieser Frage geht der vor einem Jahr verstorbene Physiker Henning Genz in seinem Buch nach. Mehr oder weniger eng kreisen daher die Betrachtungen um das ebenso ominöse wie hartnäckig verteidigte Anthropische Prinzip (AP): Ist das Universum so, wie es ist, insbesondere so, dass Menschen darin entstehen können, weil es – von einem Gott oder, vorsichtiger ausgedrückt, einem "Planer" – mit diesem Ziel erschaffen wurde? Weil es wegen bisher unbekannter Naturgesetze nicht anders sein konnte? Weil es eben so ist, ohne dass es eine weiter gehende Erklärung gäbe? Oder weil unser Universum eines von vielen ist? Dann ist es nicht verwunderlich, dass wir in einem menschenfreundlichen Universum leben, denn in allen anderen gibt es uns nicht.

Gleich zu Anfang weist Genz die teleologischen und subjektivistischen Varianten des AP zurück. Dann aber zeigt er an eindrucksvollen Beispielen, dass auch ein reduktionistischer philosophierender Physiker wie er selbst die Feinabstimmung der Naturkonstanten als Faktum nicht bestreiten kann: Eine kleine Abweichung der Naturkonstanten von ihren beobachteten Werten würde unserer Existenz die Voraussetzungen entziehen. Besonderen Wert legt der Autor dabei auf die in vielen Abhandlungen übersehene Tatsache, dass eine Reihe von Konstanten in Bezug auf ihre Lebensfreundlichkeit übererfüllt sind: Die Feinabstimmung ist genauer, als sie zur Lebensentstehung sein müsste. Der hypothetische Planer hätte also – wenig plausibel – des Guten etwas zu viel getan.
Diese Tatsache ist mir übrigens ganz neu und kann man auch rein vom philosophischen Standpunkt aus als hoch interessant empfinden! Kanitschneider weiter:
Wenn man irgendwo eine Uhr vorfinden würde, dann wäre aus der Feinabstimmung ihrer Einzelteile auf die Existenz eines Uhrmachers zu schließen. Wir finden im Universum eine Feinabstimmung vor, also wäre nach dem Theologen William Paley auf die Existenz eines "Planers" zu schließen. Aber naturteleologische Planungserklärungen wie diese, die Genz gründlich durchgeht, gründen immer auf Analogieschlüssen, und diese sind nun einmal formallogisch inkorrekt. Sie können als Denkhilfe dienen, sind jedoch in dem neuen Bereich, in den sie übertragen werden, unabhängig zu prüfen.

Nach etlichen historischen und nicht immer einsichtigen Umwegen gelangt der Autor zum Kernproblem der Notwendigkeit oder Zufälligkeit der Werte der Naturkonstanten und damit verbunden zur Frage der Existenz von Mehrfach- oder Parallelwelten. Erstaunlicherweise spielt Genz, wenn die Erklärung von Konstanten wie den Massen der Quarks oder der kosmologischen Konstante λ auf Schwierigkeiten stößt, immer wieder mit der Planungshypothese, als ob diese im Prinzip eine rationale, verstehbare, logisch kohärente Alternative wäre. Dabei ist der Begriff der "Planung" – der Autor spricht immer von "Design" – außerhalb des Kontextes menschlicher Aktivität ein semantisch völlig konfuser Begriff. Niemandem ist es je geglückt zu klären, was es heißen soll, dass ein unmaterielles, raumzeitloses Wesen etwas "plant".
Tiefe philosophische Fragen

Schöne Fragen! Wunderschöne Fragen! Hoch-philosophische Fragen! Wie könnte man solche Fragen durch Hinweis auf einen monotheistischen, supernaturalistischen Gott beantworten? Oder auch nur glauben, man hätte durch einen solchen Hinweis irgend etwas beantwortet? Wie könnte man auch nur im mindesten glauben, daß dadurch das Unbehagen des Menschen an dem, was er weiß, beseitigt wäre? (Unbehagen empfinden viele Menschen nicht gern, deshalb ist es ihnen wichtig, dasselbe zu beseitigen und eindeutige Antworten auf alles zu haben ...) Kanitschneider weiter:
Welche identifizierbaren Prozesse in diesem zeitlosen Agens könnten der Konstruktion eines Musters entsprechen, das anschließend in einem ebenso kausal rätselhaften Schöpfungsprozess in die Wirklichkeit umgesetzt wird?
Wie soll ich mit der menschlichen Vernunft etwas verstehen wollen, die nur allein dazu da ist, Dinge zu verstehen, die nach dem Kausalitätsprinzip funktionieren, streng in Raum und Zeit eingeordnet sind? "Bevor" das Weltall entstand, gab es alles das ja nicht ...!!! Merkwürdig, daß Kanitschneider dieser Frage gar nicht nachgeht. Wir leben in einer für die Philosophie großen Zeit. Aber wenigen Philosophen scheint das überhaupt nur bewußt zu sein.

Statt wirklich philosophisch zu argumentieren, bleibt Kanitschneider lieber auf naturwissenschaftlichem Gebiet, verheddert sich dort aber wiederum in die Widersprüche, die es dort eben gibt, also derzeit vor allem in den Widerspruch zwischen der (im übrigen völlig unbewiesenen, vielleicht unbeweisbaren) Multiversen-Hypothese und dem Prinzip der sparsamsten Erklärung ...:
Die Hypothese des Multiversums ist zweifellos momentan die spannendste Frage im Grenzbereich von Kosmologie und Philosophie. Die Stringtheorien erfordern eine ungeheure Anzahl (eine "Landschaft") von Vakua mit positiver Energiedichte, in der Größenordnung irgendwo zwischen 10100 und 10500; Genz übernimmt den Wert 10130 von Lee Smolin. Solange diese Vielfalt nicht theoretisch eingeschränkt werden kann, ist die Lebensfreundlichkeit unserer Welt nicht durch die Stringtheorien erklärbar: Es hilft nichts, wenn man weiß, dass das Universum eine von unermesslich vielen Möglichkeiten realisiert, die nun offensichtlich gerade lebensfreundlich ist. Der Traum von der Einheit bestand ja immer darin, dass die gesuchte Fundamentaltheorie so starke Bedingungen formuliert, dass nur ein einziges Universum sie tatsächlich erfüllen kann, nämlich unseres. Damit wäre, wie die Philosophen das nennen, alle Kontingenz nomologisch reduziert. Andere Welten könnten dann noch als logische, aber nicht als physikalische Möglichkeiten existieren.

Die Konstante Lambda (λ) macht wohl am deutlichsten einen Strich durch diese Rechnung. Es sieht nicht danach aus, dass irgendeine Fusion von Relativitätstheorie und Quantenmechanik oder auch die Stringtheorien den kleinen Wert von λ, der, an den Supernovae festgestellt, die Beschleunigung der Expansion bewirkt, erklären kann.

So bleibt offenbar nur die Möglichkeit, λ als versteckten anthropischen Selektionseffekt zu deuten. Dieser kann dann aber über eine Vielweltendeutung zumindest rational eingeordnet werden. Genz macht sehr klar, dass auch eine Vielweltendeutung der kontingenten Elemente der Kosmologie nicht unwissenschaftlich sein muss. Die Hypothese des Multiversums ist zwar nicht direkt überprüfbar, könnte aber gleichwohl erklärende Kraft für sonst als zufällig oder unintelligibel anzusehende Kontingenzen der Welt besitzen. Damit ist sie auch in Einklang mit dem ontologischen Sparsamkeitsprinzip ("Ockhams Rasiermesser"), denn dies besagt nur, dass so wenig Entitäten anzunehmen sind, wie zum Verständnis der Phänomene notwendig ist, aber nicht weniger. So kann man der Vielweltenhypothese gegenwärtig durchaus den Status einer rationalen, indirekt gestützten theoretischen Vermutung zuschreiben, die in absehbarer Zeit zum Standardmodell der Kosmologie avancieren könnte. Dies scheint wohl auch die Vermutung des Autors zu sein.

Das Einzige, was man an diesem dicht geschriebenen und informativen Buch aussetzen kann, ist der Titel. Genz erteilt allen kreationistischen Ideen und transzendenten Planungshypothesen eine deutliche Absage. Da Theologen ihre Bestätigungsinstanzen für eine supernaturalistische Deutung gerne an einzelnen Formulierungen festmachen, dürfte die Überschrift des Buchs einige Leser in die Irre führen. Genz beantwortet die Titelfrage mit einem klaren Nein.
Wie gesagt: Insbesondere die Tatsache, daß Genz auch John Leslie behandelt, rechtfertigt die Wahl seines Titels.

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