Samstag, 11. April 2026

Kriegseinsatz und Archäologie - 1941 bis 1945

Die Studienjahre des deutschen Archäologen Georg Kossack (1923-2004) - als Beispiel
Von der Schule an die Front - von der Front an die Universität

Wenn man das Selbstverständnis der deutschen Archäologen seit 1945 verstehen will, macht es Sinn, sich klar zu machen, mit welchen Erfahrungen die damalige Studenten-Generation 1945 aus dem Krieg nach Hause gekehrt ist. Als ein vielleicht willkürliches Beispiel sollen im folgenden die Studienjahre des akademischen Lehrers heutiger bedeutender deutscher Archäologen (Harald Meller, Hermann Parzinger, Wolfgang Schier und anderer mehr) heraus gegriffen werden.

Abb. 1: Aus dem Studienbuch des Archäologie-Studenten Georg Kossack, Berlin 1943 (1)

Bei diesem akademischen Lehrer handelt es sich um den Münchener Archäologen Georg Kossack (1923-2004) (WikiDgtBib). Dieser hatte vormals auch in Kiel gelehrt und stammte ursprünglich aus Neuruppin in der Mark Brandenburg. Über diesen Archäologen ist im Jahr 2023 eine "Virtuelle Ausstellung" eröffnet worden, auf die sich die folgenden Ausführungen vor allem stützen (1). Dieser Archäologe Georg Kossack hatte so weise Lehren für seine Studenten im Gepäck wie die folgende (1):

Der Tag hat 24 Stunden. Sieben brauchen sie zum Schlafen, der Rest ist fürs Fach.

Ohne Frage: Hier brennt jemand für die Wissenschaft.*) Angeregt zur Auseinandersetzung mit Georg Kossack wurden wir durch die mehrfache Erwähnung desselben in einem gerade veröffentlichten Gespräch zwischen den Archäologen Harald Meller und Hermann Parzinger (2), sowie durch die Entdeckung des Umstandes, daß Georg Kossack aus Neuruppin stammte, sowie des Umstandes, daß er 1943 mit 20 Jahren als Schüler des Archäologen Hans Reinerth in Berlin in die heiligen Hallen der Wissenschaft eingetreten ist. Wir lesen (3):

Georg Kossack wuchs im brandenburgischen Neuruppin auf, wo er am 25. Juni 1923 geboren wurde und am humanistischen Friedrich-Wilhelm-Gymnasium die ersten Anregungen zur Beschäftigung mit der heimischen Vorgeschichte erfuhr, sodaß er schon vor seinem Notabitur im Jahr 1940 den Entschluß faßte, Vorgeschichte zu studieren.

Der Schüler Kossack wird in Bezug auf seinen Studienwunsch sicher auch von dem damals bedeutenden Archäologischen Museum in Heiligengrabe - in der Nähe von Neuruppin gelegen - Anregungen erhalten haben. Auf dieses lange vergessene Museum haben wir hier auf dem Blog schon vor einigen Jahren aufmerksam gemacht, nachdem wir es zufällig beim Vorbeifahren entdeckt hatten (Stg2019). (Kossack selbst erwähnt es aber in seiner eigenen wissenschaftsgeschichtlichen Darstellung mit keinem Wort [6].)

Die Eltern von Georg Kossack wohnten - zumindest 1943 - in Möhringstraße 6 in Neuruppin (1) gegenüber jenem Gebäude, in dem so manches Neuruppiner Kind in den letzten Jahrzehnten die Grundschule besucht hat. Er hatte somit nur zehn Minuten Fußweg zum Gymnasium am Marktplatz. Als Beruf seines Vaters wird "Kaufmännischer Leiter" angeführt. 

Eintritt als Kriegsfreiwilliger in die Wehrmacht - Am 1. Januar 1942

Georg Koassack ist am 1. Januar 1941 mit 18 Jahren als Freiwilliger in die Wehrmacht eingetreten - wie auf seinem Notabitur verzeichnet ist (DigtBibl).

Er wurde Angehöriger des brandenburgischen Infanterie-Regiments Großdeutschland (Wiki). Tat er das, weil er genug von der Schule hatte? War das eine Einzelentscheidung dieses Schülers? Oder haben sich damals viele Schüler - womöglich aufgrund von Werbeveranstaltungen? - als Freiwillige für die Wehrmacht gemeldet? Das geht aus den präsentierten Dokumenten vorderhand nicht hervor.

Ab 1942 kam er an der Ostfront zum Kriegseinsatz (DigBibl). Zu Anfang des Jahres 1942 am Nordabschnitt der Ostfront, im Sommer 1942 im Südabschnitt derselben und am Ende des Jahres wieder im Nordabschnitt. Am 22. September 1942 erhielt er die Medaille "Winterschlacht im Osten 1941/1942". Kossack könnte ab Januar 1942 als Verstärkung des bis dahin durch die Kämpfe schon stark dezimierten Regiments Großdeutschland zum Einsatz gekommen sein. Es können das nicht nur erhebende Eindrücke gewesen sein für diesen jungen "Kriegsfreiwilligen" in dieser "Winterschlacht".**)

Ab April 1942 wurde das Regiment Großdeutschland zur Infanterie-Division Großdeutschland erweitert. Im Sommer 1942 war diese Division dann am Oberen und Unteren Don, am Donez und am Manytsch eingesetzt. Als Archäologie-Interessierter könnte Kossack die Landschaft dort als Heimat der Skythen wahrgenommen haben. (Als Urheimat der Indogermanen wird Kossack diese Region noch nicht wahrgenommen haben, denn sicheres Wissen darüber ist erst 2024 durch die Archäogenetik gewonnen worden, siehe die entsprechenden Beiträge hier auf dem Blog.)

Abb. 2: Lage des Frontvorsprungs bei Rschew seit Januar 1942, der erst im März 1943 von den Deutschen geräumt wurde

Ab 10. September 1942 wurde die Division Großdeutschland dann wieder am Nordabschnitt der Ostfront eingesetzt, und zwar in den Kämpfen um Frontbogen um Rschew (Wiki) an der Oberen Wolga. Dort wurde die Division zum Gegenstoß angesetzt (Wiki):

Die Rote Armee antwortete mit dem verbundenen Einsatz von Artillerie, Werfern, Minen und besonders vielen Scharfschützen. Die Division Großdeutschland erlitt „hohe und höchste“ Verluste, die Panzerabteilung verlor 80 % ihrer Fahrzeuge. (...) In diesem Raum sollte die Division im Bereich des XXIII. und XXVII. Armeekorps den Rest des Jahres 1942 verbringen und sich während der sowjetischen Operation Mars im Lutschessa-Tal und bei Olenino den Namen „Feuerwehr“ verdienen. Die Infanterie-Division Großdeutschland wurde von jetzt an immer an Brennpunkten der Front eingesetzt. Das Jahr 1943 war zunächst für die Division mit dem Abschluß der Einsätze im Raum südlich von Rschew verbunden. Am 9. Januar traf der Befehl zum Abtransport nach Nowy Oskol ein.

Außerdem lesen wir (Wiki):

Bis Ende Januar 1943 war die Wehrmacht im Raum Rschew, Demjansk und Leningrad pausenlosen Angriffen der Sowjetarmee ausgesetzt, die allerdings nicht stark genug waren, um einen unmittelbaren Zusammenbruch befürchten zu lassen.

Im Zusammenhang mit diesen Kämpfen dürfte Kossack dann noch vor dem 9. Januar 1943 den "Verlust beider Unterschenkel infolge Erfrierungen" erlitten haben, von dem berichtet wird. Die Unterschenkel wurden amputiert, Kossack konnte sich aber mit Prothesen fortbewegen. Es ist das die selbe Zeit, in der die 6. Armee in Stalingrad ihren letzten Kampf führte (Abb. 2).

Studienbeginn in Berlin 1943 - Als Schüler von Hans Reinerth

Nach seiner Genesungszeit wurde Kossack am 21. September 1943 aus der Wehrmacht zurück nach Neuruppin entlassen. Er hatte aber vorher schon Resturlaub erhalten und im Sommersemester 1943 in Berlin mit dem Studium begonnen.

Abb. 3: Studienbuch von Georg Kossack, belegte Lehrveranstaltungen im Sommersemester 1943 in Berlin

Er studierte im Sommersemster 1943 bei Professor Hans Reinerth an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin. Es war dies der bedeutendste Vertreter der sogenannten "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie (s. Stg17). Kossack hörte bei Reinerth die Vorlesungen "Die Bronzezeit" und "Die Germanen, ihre kulturelle und politische Leistung". Er nahm an einem Unter- und einem Oberseminar Reinerths teil. Außerdem hörte er bei anderen Professoren Vorlesungen, so zu "Wesen und Weltbedeutung der griechischen Kunst", zu "Geschichte der deutschen Philosophie bis Kant" und schließlich auch noch zu "Rasse und Volk" bei Professor Wolfgang Abel (Wiki). Dies war der Lehrstuhl-Nachfolger des Anthropologen Eugen Fischer.

Im Wintersemester 1943/44 studierte Kossack dann Archäologie in Halle bei Walther Schulz (Wiki). Dies war der Nachfolger von Hans Hahne, des Neugestalters des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Halle. Auch sie waren beide zugehörig zur "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie.

Im Sommersemester 1944 studierte Kossack dann in Freiburg im Breisgau bei dem Archäologen Georg Kraft (1894-1944) (Propyl). Kraft hatte wiederum gemeinsam mit Reinerth in Tübingen studiert. Kossack hörte bei ihm die Vorlesung "Die Kelten", verfolgte in Freiburg auch weiterhin seine Interessen für griechischen Kunst, hörte auch die Vorlesung "Deutsche Plastik im 13. und 14. Jahrhundert". Außerdem belegte er drei Lehrveranstaltungen bei dem Professor für Anthropologie Johann Schäuble (1904-1968) (Wiki). Dieser sollte ab 1957 die "Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie" heraus geben. Sodann lesen wir (DigBibl):

Das weitere Studium in Freiburg im Breisgau war nicht mehr möglich, weil Georg Kraft bei den Luftangriffen (Operation Tigerfish) auf Freiburg am 27. November 1944 getötet worden war.

- - - Was für krasse Studienjahre. Nun, Sterben war für den Studenten Georg Kossack nichts Neues. Für das Wintersemester 1944/45 wechselte Kossack zurück nach Halle.

Das Schiff sinkt ... - schnell runter ... - November 1944

Innerlich scheint sich Kossack spätestens zu diesem Zeitpunkt für eine ganz andere Richtung bezüglich der Fortsetzung seines Studiums entschieden zu haben: Alle bisher genannten Archäologen - in Berlin, in Halle und in Freiburg - gehörten der sogenannten "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie an. Schon vor seinem Wechsel zurück nach Halle muß Georg Kossack nun aber an den schon emeritierten Marburger Archäologen Gero von Merhart (1886-1959) (Wiki) geschrieben haben und ihn um Rat gefragt haben bezüglich der Weiterführung seines Studiums. (Der Lehrstuhlnachfolger von Merhart in Marburg, Wolfgang Dehn [Wiki], war 1944 zum wiederholten mal zur Wehrmacht eingezogen worden. Deshalb hat Merhart für ihn die Lehrveranstaltungen bis 1947 übernommen, bis Dehn aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück gekehrt ist.) 

Welche Überlegungen, gegebenenfalls Gespräche unter den Studenten und akademischen Mitarbeitern Kossack bei dieser Kontaktaufnahme zu Merhart leiteten, ist bislang nicht klar. Vielleicht haben ja sogar Angehörige der Kossinna-Schule selbst Kossack zu diesem Schritt geraten. Gero von Merhart war - sozusagen - einer der führenden Köpfe der ideologischen Gegner der "Kossinna-Schule". Das wird Georg Kossack sicher deutlich bewußt gewesen sein. Und sein Wechsel nach Marburg war diesbezüglich sicher eine sehr bewußte Entscheidung. Hat Kossack mit dem nahenden Kriegsende voraus gespürt, daß es für ihn als Schüler der Kossinna-Schule in der deutschen Archäologie keine Zukunft mehr geben würde? Das haben in jenen Jahren wohl viele Archäologen ähnlich frühzeitig wahrgenommen. Denn Reinerth stand in jener Zeit schon ziemlich isoliert innerhalb seines eigenen Faches da.

Gero von Merhart hatte das Jesuiteninternat Stella Matutina in Feldkirch besucht und hatte 1906 dort die Matura erworben (Acad). In den 1930er Jahren sandte er auch wieder seine eigenen Söhne auf dieses Jesuiteninternat. Unter anderem deshalb war er von Seiten der "Kossinna-Schule" als Teil eines christ-katholischen Netzwerkes wahrgenommen worden, das sogar innerhalb des Dritten Reiches sehr einflußreich geblieben sei, und aufgrund dessen mehrere Archäologen der Kossinna-Schule sogar während des Dritten Reiches glaubten, bespitzelt zu sein. - Merhart nun antwortete auf Kossack's Schreiben. Und Kossack schrieb an Merhart am 17. Dezember 1944:

Es war für mich eine große Beruhigung, in der Weiterführung des Studiums nunmehr klarer sehen zu können als es sonst der Fall sein mußte.

Er schreibt schon, daß er bezüglich der Zimmersuche in Marburg mit einer baldigen Zusage rechnet und daß er deshalb hofft, bald nach Marburg kommen zu können:

Bis zu diesem Zeitpunkt werden ja wohl hoffentlich die äußeren Umstände, unter denen wir alle im Äußersten zu leiden haben, günstigere sein. 

Eine auffallend "optimistische" Äußerung für jemanden, der am 17. Dezember 1944 mitten in Deutschland lebt, und dessen akademischer Lehrer in Freiburg gerade im Bombenhagel ums Leben gekommen war.

Zunächst setzte Kossack noch bis zum Semesterende sein Studium in Halle fort, wo er wieder Vorlesungen und Seminare bei Walther Schulz besuchte. Er hörte aber auch wieder Vorlesungen zur "Erb- und Rassenlehre", sowie "Rassenbiologie", diesmal bei Professor Georg Frommolt, einem in Halle angesehenen Gynäkologen und Anthropologen.

Halle wird durch die US-Armee besetzt - 19. April 1945

Am 19. April 1945 wurde Halle durch die 104. US-Infanteriedivision („Timberwolf-Division“) eingenommen. Die Kämpfe um die Stadt dauerten vier Tage, bevor die Übergabe erfolgte. Es gab aber keine größeren Zerstörungen.

Am 23. Mai 1945 wurde für Georg Kossack vom "Military Gouvernement of Germany" eine "Temporary Registration" ausgestellt, nach der er sich nicht aus Halle entfernen durfte - unter Androhung von sofortigem Arrest.

Neubeginn in Marburg - September 1945

Erst im September 1945 wird Kossack dann für das Wintersemester 1945/46 in Marburg eingetroffen sein. Dort ist er nun für sein 5. Fachsemester an der Universität Marburg eingeschrieben. Welche inneren Verschiebungen, äußeren Erfahrungen und Gespräche mögen es gewesen sein, die den einstigen Kriegsfreiwilligen des Jahres 1940 im Verlauf der vier Jahre bis Ende 1944 nun so entschieden nach Marburg wechseln ließen? 

Die ersten sieben Veranstaltungs-Eintragungen im Studienbuch für das Wintersemester 1945/46 liegen alle im Bereich Germanistik, in dem er bislang nicht studiert hatte. Diese germanistischen Studien hat er auch in den Folgesemestern in kleineren Anteilen fortgesetzt, ergänzt durch Lehrveranstaltungen zur allgemeinen Geschichte. So hörte er etwa auch eine Vorlesung zur "Geistesgeschichte Rußlands im 18.-19. Jahrhundert". Bei Gero von Merhart hörte er "Einführung in die Urgeschichte" (1):

Die prägenste akademische Station für Georg Kossack war das Studium im sogenannten "Marburger Laden". Neben Gero von Merhart (1886-1959) gestaltete Margarete Philippson (genannt "Der Philipp") das Institutsleben, "... weil sie aus dem Seminar einen 'Laden' formte, eine Gemeinschaft, deren Mitglieder sich in politisch schwieriger Zeit aufeinander verlassen konnten und Freundschaften schlossen, die lebenslang hielten." (G. Kossack 1986, S. 4).

So zitiert nach (4). Diese Margarete Philippson (geb. 1903) (DigBibl) war die langjährige Sekretärin Merharts (Propyl). In einer Veröffentlichung des Jahres 1973 erinnert sich jemand an die Fürsorge (GB, 1973, S. 333), ...

... die mir Merharts langjährige Sekretärin, Frau Margarete Philippson, Marburg, hat zuteil werden lassen. Sie hatte uns Jüngere ja schon während unseres Studiums betreut, war uns Kamerad geworden und zuverlässiger Mentor in schwierigen Lagen. Sie hat Merharts Schicksal treu und uneigennützig mitgetragen, verstand ihn wie niemand sonst und wußte in vielen Gesprächen die Stimmung wiederzuerwecken, die die Persönlichkeit Merharts in guten wie in schweren Tagen um sich verbreitet hat.

Kossack bleibt in Marburg bis zum Sommersemester 1947. Wir lesen (2): 

Mit dem Wechsel nach Marburg 1945/46 brach für Kossack ein entscheidender neuer wissenschaftlicher und persönlicher Lebensabschnitt an. Als Teil einer jungen, in jeder Hinsicht vom Krieg versehrten Generation fand Kossack in Marburg mit Gero von Merhart nicht nur einen akademischen Lehrer, der selbst im Nationalsozialismus durch die Aktivitäten Hans Reinerths seinen Lehrstuhl verloren  hatte, sondern auch eine Persönlichkeit, die für diese Generation prägend wirken sollte und für einen ideologiebefreiten Neubeginn des Faches stand.

Der wissenschaftliche Nachlaß von Georg Kossack soll noch mancherlei spannende Details enthalten. Darüber wird unter anderem angeführt (3):

Ein anderes Beispiel betrifft Kossacks Sammlung von für ihn forschungsgeschichtlich interessanten Quellen. Eine dieser Quellen ist die schriftliche Dokumentation einer Veranstaltung der Stadt Ahrensburg zum Umgang mit dem Andenken an Alfred Rust unter dem Titel »Alfred Rust und die Rahmenbedingungen für die Archäologie im Dritten Reich« vom November 2000. Die Veranstaltung dokumentiert die hitzige Diskussion, ob ein archäologischer Lehrpfad nach dem Ahrensburger Ehrenbürger Alfred Rust benannt werden soll und wie Rusts Tätigkeit für das »Ahnenerbe« und seine freiwillige Meldung zur Waffen-SS zu bewerten seien (vgl. Pape 2002, 330). Diese Diskussion steht exemplarisch  für die Konfliktlinien im Umgang mit deutschen Prähistorikern, deren Karrieren vor 1945  erst in den letzten 20 Jahren verstärkt Beachtung geschenkt wurde. Auch wenn Kossack  sich in diesem Themenfeld in erster Linie zum Fall Merhart und zur Rolle Hans Reinerths geäußert hat, so finden sich doch zahlreiche - meist unpublizierte - Quellen und Notizen zu diesen Fragen in seinem Nachlaß (Kossack 1999, 56–76).

Es dürfte spannend sein, darüber noch mehr zu erfahren. Und wir wollen solche Fragestellungen auch hier auf dem Blog weiter im Auge behalten.

Kossack's Darstellung zur Geschichte der deutschen Archäologie im Dritten Reich (1999)

Georg Kossack wurde im Jahr 1988 emeritiert. Zehn Jahre nach seiner Emeritierung und fünf Jahre vor seinem Tod gab er eine Darstellung zur Geschichte seines Faches während des 20. Jahrhundertes und insbesondere auch während des Dritten Reiches (6). Es handelt sich um jene, die am Ende des letzten Zitates erwähnt worden ist. Diese Darstellung läßt den Leser mit eigentümlichen Gefühlen zurück. An zentraler Stelle derselben zitiert er einen Brief von Gero von Merhart aus dem Herbst 1945 an den ostdeutschen Archäologen Bolko Freiherr von Richthofen, dessen Sichtweise auf die Entwicklung des Faches bis dahin Georg Kossack vollständig zu teilen scheint. Dies gilt insbesondere auch bezüglich der Würdigung der Verdienste von Gustaf Kossinna, die sich in diesem Brief von Merhart auch findet.

1. Zur Einordnung Kossinna's in die Wissenschaftsgeschichte

Kossack führt einleitend aus (6):

Nach dem ersten Weltkrieg trat bei manchen Archäologen in Deutschland der nationale, völkische Gedanke in den Vordergrund und spornte zu intensivierter Germanenkunde an, vor allem in den Ländern ostwärts der Elbe. Heute beurteilt man die Gelehrten, die diese Richtung vertraten, als Wegbereiter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das ist genauso irreführend als wenn man behauptete, alle Vorgeschichtsforscher der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR hätten dort die ideologischen Voraussetzungen für die „sozialistische“ Diktatur geschaffen, nur weil einige in führender Position den historischen Materialismus als einzig mögliche Methode auch prähistorischer Forschung praktizierten.

Das sind immerhin deutliche, klare Worte. Er stellt ausführlich die Fragestellungen, Bestrebungen und Sichtweisen des Anthropologen und Archäologen Rudolf Virchow dar und die sich daran anknüpfenden Fragestellungen und Sichtweisen von Forschern anderer Fächer. In den Rahmen all dieser Bestrebungen ordnet er dann - sozusagen "harmonisch" - die Fragestellungen und Sichtweisen von Gustaf Kossinna ein.

Abb. 4: Titelseite der Darstellung von Georg Kossack, 1999

Kossinna erscheint danach keineswegs als "bracchialer Neuerer", sondern als jemand, der Fragestellungen anderer Disziplinen erstmals konkreter auf die Archäologie angewandt hat (6):

Der Grundgedanke, aus der Verbreitung typischer Formen des Sachbesitzes auf verkehrsgeographisch begründbare Räume und infolgedessen auf Territorien zu schließen, die ethnisch einheitliche Bevölkerungsgruppen bewohnten, geht auf Überlegungen der Anthropogeographie zurück. Carl Ritter (1779-1859) und Friedrich Ratzel (1844-1904) hatten dieses Wissensgebiet zu einer selbständigen Disziplin gemacht, wobei Ratzel an die philosophischen Systeme von Montesquieu und Herder anknüpfte und vornehmlich aus ethnographischen Quellen schöpfte. Die Menschen, lehrte er, seien keine beliebig manipulierbare Größe im historischen Prozeß, sie unterschieden sich nach biologischen Merkmalen wie nach ihren kulturellen Einrichtungen. Deshalb dürfe man von raumbezogenen Kulturgruppen sprechen. Aus anthropologischen Merkmalen und ethnographisch beschreibbaren Besitztümern ließen sich die Beziehungen zwischen den Völkern rekonstruieren. Außer den sprachlichen Eigentümlichkeiten müsse vor allem der Verbreitung der Gegenstände Bedeutung zugemessen werden, „weil die Gegenstände den Stempel des Volkes tragen, das sie verfertigte. Wir erkennen an ihnen, wo immer sie auftreten mögen, das Volk, von dem sie ausgehen“ (1891). Deshalb spiegele sich in ihrer geographischen Verbreitung der Verbreitungskreis des Volkes oder dessen Verkehrsraum wider. Je enger das Objekt mit denjenigen zusammenhinge, die es verwendeten, desto sicherer setze ihre Übertragung in andere Kulturkreise Völkervermengung und -mischung voraus. Diese Gedanken waren bei den Kontakten der Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte im „anthropologischen Zeitalter“ des Faches in Deutschland gemeinsame Überzeugung aller Forscher. Für die prähistorische Archäologie sie präzise formuliert zu haben, war das Verdienst eines Germanisten, Gustaf Kossina (1858-1931). Wenn zum Begriff „Volk“ seit Herder ein abgeschlossenes, mehr oder weniger dicht besiedeltes Landgebiet von annähernd einheitlicher Kultur und Sprache gehörte, müßten, folgerte Kossinna 1895, in den „archäologischen Kulturprovinzen“ Völker- oder Stammesgebiete stecken. Später erhob er diese Hypothese zum Lehrsatz: „Scharf sich heraushebende, geschlossene archäologische Kulturprovinzen fallen unbedingt mit bestimmten Völker- und Stammesgebieten zusammen“.

In einer Anmerkung nennt Kossack wissenschaftliche Literatur, die sich mit Kossinna befaßt und stellt in diesem Zusammenhang erneut fest:

... hier als einer der Wegbereiter nationalsozialistischer Ideologie beurteilt, eine Simplifizierung, die von geringer Kenntnis der Ära zeugt, die Kossinna geprägt hat (s.u. S. 39 ff).

Wie er selbst Kossinna beurteilt, wird aus den weiteren Ausführungen deutlich (6):

In Richard Wagners „Ring“, 1876 erstmals zusammenhängend aufgeführt und schon damals als nationale Tat gefeiert, schien germanisch-deutsches Wesen wiederzuerwachen. Viele Deutschbewußte verstanden dieses Erlebnis als Einladung, sich intensiver mit Germanenkunde zu befassen, die damals in der Literatur- und Sprachwissenschaft als philologische Teildisziplin Hervorragendes geleistet hatte. Indessen, der sich formierende Widerstand gegen den raschen Aufschwung experimenteller Fächer und die unheilvollen Folgen rasanter Industrialisierung, gegen den fortschreitenden Zerfall der alten Standesordnung und deren Wertbegriffe, schließlich gegen die steigende Gewinnsucht und das Imponiergehabe eines saturierten Bürgertums, er rief jene „völkische Bewegung“ ins Leben, in der sich alsbald auch namhafte Akademiker zusammenfanden. Sie verteilten sich zwar auf zahlreiche Organisationen mit variierenden Programmen, aber der Gedanke an eine Reform des Lebens, die in der edlen Größe des Germanentums ihr Vorbild haben sollte, einte sie. Insofern legten sie ein pseudophilosophisches Fundament, auf dem die „Konservative Revolution“ der zwanziger Jahre weiterbauen konnte.

So weit, sicherlich so richtig. Und man möchte fast vermuten, Kossack würde hier auch über seine eigene Jugendzeit schreiben. Ausdrücklich kenntlich macht Kossack das allerdings nicht. Kossinna, so schreibt Kossack weiter (6), ...

... ließ sich von einer geistigen Bewegung tragen, die man sehr bewußt als Abkehr von der bürgerlich-liberalen Kultur der Zeit empfand. Wer gemeinschaftlich die mannigfaltigen Erscheinungsformen der Natur, der bäuerlichen Lebensweisen und die Werke aus urbaner Vergangenheit erwanderte, für den erwuchs daraus ein geschärftes Wertbewußtsein für die Schöpferkraft, die in den Leistungen des eigenen Volkes Gestalt gewann. Dem Bedürfnis, dessen Ursprung nachzugehen, entsprach Kossinna schon 1912 in seinem Buch „Die deutsche Vorgeschichte, eine hervorragend nationale Wissenschaft“.

Auch dies ist sachlich richtig. Und man möchte auch hier wieder fast heraus hören, was Kossack selbst in seiner Jugend dazu veranlaßte, Archäologie zu studieren - als Schüler dieser Kossinna-Schule und geprägt womöglich von den Erfahrungen in der Hitler-Jugend des Dritten Reiches. Daß Kossack sich der Einseitigkeiten der Kossinna-Schule bewußt ist, wird ebenso deutlich und wird auch gut durch Gero von Merhart in seinem Brief vom Herbst 1946 gekennzeichnet.

2. Zur deutschen Archäologie während des Dritten Reiches

Kossack's Darstellung der Geschichte der deutschen Archäologie während des Dritten Reiches wird man nun allerdings doch recht einseitig nennen müssen. Er folgt nur der Sicht Gero von Merhart's auf diese Geschehnisse, in keiner Weise der Selbstwahrnehmung der Kossinna-Schule in dieser Zeit. Er stellt es so dar, als ob der starke, totalitäre Staat den machtlosen "redlichen" Archäologen gegenüber gestanden sei. Das ist sicherlich eine Facette dieses Geschehens - aber nicht das vollständige Bild. Unter Berufung auf (7) führt er aus, es seien von Seiten des Staates gebraucht worden (6) ...

... organisatorisch begabte, selbstbewußte Naturen, die es an den Schaltstellen der Macht vor allem unter jungen Leuten in etlicher Menge gab, in Parteiämtern, im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und auch in der Notgemeinschaft (Deutsche Forschungsgemeinschaft), die seit 1920 viele Unternehmen und qualifizierten Nachwuchs finanziell gefordert hatte, aber nach der Machtübernahme Hitlers dem „Führerprinzip“ glaubte folgen zu müssen. Man begann dort alsbald, auch Rosenbergs parteiamtliche Kontrollbehörde und Himmlers Schützlinge mit erheblichen Beträgen zu unterstützen, bis 1936 die einsetzende Kriegswirtschaft („Vierjahresplan“) eine Wende in der Wissenschaftspolitik notwendig erscheinen ließ. Wie sie sich auf die Forschungsgemeinschaft auswirkte, untersuchte kürzlich Notker Hammerstein (1999). Ein Protege Himmlers, höherer SS-Offizier, im Ministerium leitend tätig, übernahm die Präsidentschaft der Forschungsgemeinschaft, weitete die Förderung auf kriegswichtige Zweckforschung aus („Reichsforschungsrat“), zu der auch die Volkstumsforschung aller einschlägigen Sparten zählte, und vergaß dabei das „Ahnenerbe“ nicht, während er Rosenberg die bis dahin reichlich fließenden Mittel sperrte. Das hinderte jedoch weder den Reichsleiter noch dessen Gehilfen im Amt Vorgeschichte, Hans Reinerth (1900-1990) daran, Professoren konservativer Geisteswissenschaften unsachlich, ja rüde zu diskreditieren.

In dem letzten zitierten Satz fehlt der logische Zusammenhang mit den vorhergehenden Ausführungen. Mittelsperrung hätte Reinerth also "hindern" sollen, "rüde zu diskreditieren"? Könnte es nicht umgekehrt sein, daß Reinerth auch in dieser Mittelsperrung Machenschaften seiner "Gegner" sah, die dazu geführt haben könnten, daß sich sein Ton und sein Verhalten gegenüber den von ihm identifizierten "gegnerischen" Netzwerken verschärfte? Daß auch eine solche Sichtweise zumindest möglich ist, fehlt uns bei der Darstellung von Kossack. Kossack weiter (6): 

Das trieb etliche Studenten und Fachvertreter in die Arme der SS und ihres „Ahnenerbes“ , weil sie sich dort unangreifbar, der herrschenden Klasse zugehörig wähnten. Reinerth, bis 1934 Dozent in Tübingen, wo er sich ungerecht behandelt fühlte, im Rosenbergschen „Kampfbund für deutsche Kultur“ in leitender Position tätig, wurde 34jährig an die Berliner Friedrich Wilhelms-Universität und zugleich in die erwähnte parteiamtliche Kontrollbehörde berufen. Er setzte sich sogleich vehement für das geplante Reichsinstitut ein, auch mit unredlichen Mitteln, die er um so bedenkenloser nutzte, je mehr er Widerstand gegen seine Person und seine Forderung nach alleiniger Führerschaft vernahm (Heiber 1966, 245ff.; Bollmus 1970, 162ff. 221 ff.; Junker 1997, 55ff). Seine Gegner fand er im Marburger Kreis um Gero v. Merhart und in den Präsidenten des Archäologischen Instituts, Gerhard Rodenwaldt (1886-1945) und Theodor Wiegand (1864-1936), der zur Führungsspitze des Staates Verbindungen unterhielt.

Bei dem erwähnten "Protege Himmlers" handelt es sich um Rudolf Menzel (1900-1987) (Wiki), von dem berichtet wird, daß er schon in Göttingen "Netzwerke" geknüpft habe, und daß er ein ausgesprochener Karrierist gewesen sei. Während Kossack also noch verstehende Worte für Kossinna findet, findet er solche für Hans Reinerth in keiner Weise mehr.

Im Gegenteil. Ohne eigene Distanzierung und Einordnung zitiert er einen Brief Gero von Merhart's aus dem Herbst 1945 an den ostdeutschen Archäologen Bolko Freiherr von Richthofen, in dem Merhart Reinerth nichts weniger als einen "Lumpen" nennt, und in dem er von der "Schuld" ostdeutscher Kollegen am Niedergang des Faches spricht, und in dem er spricht von den "wissenschaftlich-politisch-weltanschaulichen Bastarden", die die Fehlentwicklung des Faches hervor gebracht hätten. Das sind schon krasse Bewertungen und Stimmungen, die aus diesem Brief sprechen. Ist es wirklich so, daß Gero von Merhart selbst völlig von "Rachsucht" frei war? Wenn dieser Brief also womöglich insgesamt auch rein sachlich die Entwicklungen innerhalb der deutschen Archäologie zwischen 1933 und 1945 ganz treffend charakterisiert, wird doch deutlich, daß Merhart persönlich in gar keiner Weise erhaben "über den Dingen" stand. Sondern auch dieser Brief schüttete nur wieder neues Öl ins Feuer. Mehrhart schreibt gar (6):

Die niederträchtige Behandlung, die Reinerth unter Deckung Rosenbergs mir widmete, hat meine Gesundheit zerschlagen.

Da scheint rein menschlich alles Porzellan zerschlagen, das überhaupt nur hatte zerschlagen werden können. Als Nachgeborener fragt man sich, woher diese überaus starken Emotionen gerührt haben mögen. Merhart selbst stellt sich nur als Opfer, nicht als Mitwirkender in Netzwerken und als Nutznießer von Netzwerken dar, die ebenfalls während des Dritten Reiches über Einfluß verfügten. Kossack übernimmt diese Sichtweise Merharts offenbar vollständig. Eigenwahrnehmungen läßt Kossack nicht einfließen. Zu diesen ist sein Mund wie "zugenäht".

Walter Jens war gleichen Jahrgangs wie Georg Kossack. Walter Jens starb zehn Jahre nach Kossack. Das Buch seines Sohnes Tilman Jens "Demenz - Abschied von meinem Vater" erschien 2009, zehn Jahre nach dem hier behandelten Aufsatz von Georg Kossack. Ob mit diesem Buch nicht der innere Zwiespalt eines ganzen Jahrgangs gekennzeichnet ist?

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*) Während der Verfasser dieser Zeilen über Kossack schreibt, muß er oft an seinen eigenen akademischen Lehrer, den Mainzer Bismarck- und Fontane-Biographen Ekkhart Verchau (1927-2016) (Wiki) denken. Verchau war vier Jahre jünger als Kossack. Aber in Bezug auf eine gewisse "Bärbeißigkeit" mögen Ähnlichkeiten bestanden haben. 
**) Über das, was das Regiment Großdeutschland bis Januar 1942 schon alles durchgemacht hatte, ist zu lesen (Wiki):
Die endgültige Wende in der Schlacht um Moskau brachte die sowjetische Gegenoffensive ab dem 5. Dezember, welche auch das Regiment Großdeutschland traf. In der Nacht auf den 7. Dezember gab es die ersten Gefechte mit den frischen sibirischen Truppen, die hervorragend für den Winterkampf ausgebildet und ausgerüstet waren. Nachdem Generaloberst Guderian eigenmächtig für seine Panzerarmee den Rückzug befohlen hatte, begann dieser für die Einheiten des Infanterie-Regiments Großdeutschland in den Morgenstunden des 8. Dezembers. In den nächsten Wochen zogen sich die Einheiten des Regiments immer weiter nach Westen zurück. Die Gefechtsstärke der Kompanien sanken dabei auf jene von Zügen, sodaß Einheiten zusammengelegt werden mußten. Die vom Vormarsch her bekannte Stadt Mzensk passierten die dezimierten Großdeutschland-Verbände am Morgen des 22. Dezembers westwärts. In der Nähe von Bolchow wurden die Reste des Regiments in den Oka-Brückenkopf eingegliedert. Nach einigen Tagen der Ruhe griff die Rote Armee den Brückenkopf immer wieder an und fügte den dezimierten Verbänden noch weitere Verluste zu. Am 20. Januar wurden diese aus der Verteidigungsstellung herausgelöst und bis 21. Februar für lokale Angriffsunternehmen in Dörfern wie Jagodnaja oder Gorodok, die sich im Großraum Belew befanden, eingesetzt. Durch diese verlustreichen Kämpfe sank die Kampfstärke des einstmals so großen Verbandes auf drei Offiziere und 30 Unteroffiziere und Mannschaften, fast 1.000 Mann waren in den vergangenen Monaten gefallen und etwa 3.000 verwundet worden.

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  1. Dr. Gabriele Rasbach, Sandra Schröer-Spang M.A.: Georg Kossack (1923-2004) - Wegbereiter einer interdisziplinären Archäologie. Eine virtuelle Ausstellung zum 100. Geburtstag. Gestaltet von der Römisch-Germanischen Kommission, die den Nachlass Georg Kossacks aufbewahrt (DgtBib)
  2. Harald Meller trifft Hermann Parzinger - Skythen. Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, Veröffentlicht am 9.4.2026, aufgenommen im Jahr 2024 (Yt2024)
  3. Urte Dally und Christoph Jahn: Der wissenschaftliche Nachlaß von Georg Kossack (1923-2004). In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte / Band 97 / 2019 (pdf) 
  4. Gedenkschrift für Gero von Merhart. Zum 100. Geburtstag. Frey, Otto-Hermann; Dobiat, Claus; Roth, Helmut; Merhart, Gero von. Hitzeroth, Marburg 1986
  5. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Band 35. 1973 (GB, 1973, S. 333)
  6. Kossack, Georg: Prähistorische Archäologie in Deutschland im Wandel der geistigen und politischen Situation. In: Sitzungsberichte - Bayerische Akademie der Wissenschaften, Jg. 1999, Heft 4, 2. Juli 1999 (pdf)
  7. Hammerstein, Notker: Die deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich: Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur 1920-1945. 1999

Dienstag, 7. April 2026

2.900 v. Ztr. - Steppengenetik am Rhein - Iberer-Genetik im Pariser Becken

Spanien hatte im Mittelneolithikum eine bis heute völlig unterschätzte Bedeutung
- Von hier ging ein völlig überraschender Bevölkerungsaustausch aus, der sich bis in das Pariser Becken um 2.900 v. Ztr. erstreckte

Soeben ist eine neue archäogenetische Studie der Forschungsgruppe um den dänischen Archäogenetiker Eske Willerslev und den dänischen Archäologen Kristian Kristiansen erschienen. Im Mittelpunkt steht die die Untersuchung von den menschlichen Überresten von mehr als 130 mittelneolithischen Personen, die in einem Galerie-, bzw. Ganggrab 50 Kilometer nördlich von Paris bestattet worden waren (in der Nähe der Ortschaft Bury) (1). 

Abb. 1: Steppengenetik am Rhein, Iberer-Genetik im Pariser Becken um 2.900 v. Ztr. (aus 1)

Eine eindrucksvolle, für sich sprechende Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Studie findet sich in Abbildung 1.

Interessanterweise ist an der Studie so gut wie kein Franzose beteiligt, weshalb die Studie die neuen Ergebnisse aus der Archäogenetik auch so gut wie gar nicht in den konkreten, regionalen archäologischen Kenntnisstand einordnet und diesem zuordnet.

Die Forscher stellen nämlich sehr überraschender Weise eine Ausbreitung iberischer, mittelneolithischer Genetik bis in den Pariser Raum hinein fest, wo es bis dahin eine einheimische mittelneolithische Genetik gegeben hatte, die sich ab 4.100 v. Ztr. auch schon über die britischen Inseln ausgebreitet hatte (Stg2019). Die iberische mittelneolithische Genetik trat vor 2.900 v. Ztr. im Pariser Becken zunächst nur vereinzelt auf, stellte dann aber nach 2.900 v. Ztr. 80 % der Herkunft der dortigen Bevölkerung (1):

In Übereinstimmung mit unserer Hauptkomponenten-Analyse fanden wir eine hohe Diversität bei den Individuen der Phase 1 mit unterschiedlichen Anteilen modellierter Abstammungen aus dem frühen Neolithikum Frankreichs und einer Gruppe neolithischer Iberer aus dem vierten Jahrtausend v. Ztr. (...). Dieses Muster spiegelt sich auch bei anderen zeitgleichen Individuen aus dem Pariser Becken wider, von den Fundstätten Mont Aimé hypogée (I + II), Wettolsheim und Pont-sur-Seine. Für Phase 2 hingegen ergab die Modellierung eine homogenere Population mit über 80 % (Mittelwert 83,8 % ± 0,1 % Standardabweichung) iberischer Abstammung.

Weiter heißt es (1):

Die Mischungsmodellierung zeigt eine schrittweise Ausbreitung der neolithischen iberischen Abstammung nach Norden (...). Um 2900 v. Ztr. wiesen die Bevölkerungen in Südfrankreich und auf der Iberischen Halbinsel einen großen Anteil iberischer Abstammung auf, während die Menschen im Pariser Becken, wie die Individuen der Phase 1 zeigen, noch einen gemischten Anteil an Abstammung aufwiesen. Nach 2900 v. Ztr. verdrängte eine letzte Ausbreitung der iberischen Abstammung nach Norden die bestehende lokale Abstammung im Pariser Becken teilweise, was zu der in Phase 2 beobachteten homogenen Bevölkerung führte.

Allgemeiner schreiben die Verfasser dann (1):

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts nehmen viele Autoren einen Zustrom an von Menschen von der Iberischen Halbinsel nach Nordwesteuropa, basierend auf der Verbreitung der Glockenbecherkultur im dritten Jahrtausend v. Ztr. (...). Unsere Daten belegen einen genetischen Zustrom von der Iberischen Halbinsel bereits vor dem Phänomen der Glockenbecherkultur: Wir zeigen, daß die Erbauer und ersten Nutzer des Grabes bereits um 2900 v. Ztr. weitgehend durch eine neolithische Bevölkerung aus Südfrankreich und der Iberischen Halbinsel ersetzt wurden. Dieses Datum liegt mehrere Jahrhunderte vor dem ersten bestätigten Zustrom der Glockenbecherkultur in das Pariser Becken.

Soweit übersehbar, ist die Ausbreitung von Iberer-Genetik bis in das Pariser Becken eine für die Archäologie völlig unerwartete Erkenntnis.

Eine völlig unerwartete Erkenntnis

Sie scheint uns doch sehr deutlich ein Hinweis darauf zu sein, daß auf der iberischen Halbinsel im Mittelneolithikum besonders fortschrittliche Gesellschafts- und Wirtschaftsformen ausgebildet worden sein müssen. Allerdings konnten die Archäologen in Spanien oder Katalonien bislang dafür offenbar noch nicht besonders viele konkrete Hinweise zusammen tragen (Wiki). Offenbar. In Katalonien ist die Rede von der "Kultur der Grubengräber" (Wiki) (Spanisch "Cultura de los Sepulcros de Fosa"). Es sind bislang von dieser offenbar keine Siedlungen gefunden worden, es scheinen vorwiegend Gräber und Höhlenbefunde vorzuliegen. Sie erlauben immerhin Rückschlüsse auf Fernhandel (Wiki):

Während der Blütezeit der Bestattungspraxis in Gruben oder Steinkisten (zahlreiche Beispiele finden sich in den katalanischen Regionen Solsonès und Berguedà sowie in Nachbarländern wie Andorra und Frankreich) sind Siedlungen und Hütten selten. In Solsonès wurden zudem zahlreiche Muschelarmbänder gefunden, die wahrscheinlich aus dem Ebrodelta und anderen Küstenregionen stammen. Honigfarbener Feuerstein aus Südfrankreich und Alpenäxte sind ebenfalls häufig in Gräbern von Vallès und Solsonès zu finden. Der Bergbau gewann ebenso an Bedeutung wie der Nah- und Fernhandel. Weitere Fundstücke, die diesen Handel belegen, sind polierte Keramik, typisch für eine Gruppe in Südfrankreich, Gefäße mit quadratischer Mündung und Keramik mit rotem Überzug.

Über die "Kultur der Grubengräber" Kataloniens lesen wir auch (Wiki):

Man geht heute davon aus, daß sie mit der Cortaillod-Kultur der Schweiz, der Lagozza-Kultur Norditaliens und der in Frankreich gefundenen Chasséen-Kultur verwandt war.

Nun, diese "Verwandtschaft" scheint gerade sehr deutlich durch die Archäogenetik bestätigt worden zu sein, denn sie scheint auch auf genetischer Ebene vorzuliegen (1). Inzwischen sprechen die Archäologen auch schon von einer "Chassey-Lagozza-Cortaillod-Kultur" (Wiki):

Die Chassey-Lagozza-Cortaillod-Gruppe (4600–2400 v. Ztr.) wurde wegen der Übereinstimmung ihrer Keramik als zusammenfassende Bezeichnung für die drei jungneolithischen Kulturen Chasséen, Cortaillod und Lagozza vorgeschlagen.

Diese Sichtweise dürfte durch die Archäogenetik nun deutlich untermauert worden sein. Im Pariser Becken nun war auf die Michelsberger Kultur (4.400 bis 3.500 v. Ztr.) (Wiki) die "Seine-Oise-Marne-Kultur" (3.400-2.800 v. Ztr.) (Wiki) gefolgt. Die Archäologie ahnt bislang offenbar nur vergleichsweise wenig von einer Herkunft dieser Kultur aus dem südlichen Frankreich oder gar aus Spanien (Wiki):

Die Seine-Oise-Marne-Kultur wurde nach den zahlreichen archäologischen Funden im Pariser Becken (den Einzugsgebieten der Flüsse Seine, Oise und Marne) benannt. Doch diese Kultur breitete sich weit darüber hinaus aus, durch Nordwestfrankreich und Südbelgien bis hin zu den Niederlanden. (...) Die Elemente, die Mitte des 3. Jahrtausends v. Ztr. in Nordfrankreich auftreten, finden sich in dieser Weise nirgendwo sonst und deuten auf einen lokalen Ursprung hin. (...) Die Seine-Oise-Marne-Kultur existierte zeitgleich mit der Schnurkeramik-Kultur, die sich von Ostfrankreich bis nach Rußland erstreckte. Mit dieser teilt sie so viele gemeinsame kulturelle Elemente, daß erstere als eine Untergruppe der letzteren betrachtet werden kann.

Immerhin bemerkenswerte Ausführungen. Stand die Ausbreitung der "Iberer"-Stämmigen in das Pariser Becken in irgendeinem Zusammenhang mit der Ausbreitung der Schnurkeramiker in dieser Zeit bis an den Rhein (und bis nach Jütland wie wir schon anderwärts erörterten [Stg21])? 

In der Seine-Oise-Marne-Kultur begrub der Adel seine Verstorbenen in "Galeriegräbern" und stellte ihnen Stein-Stelen auf. Nach den neuen archäogenetischen Daten sollte die Seine-Oise-Marne-Kultur im Pariser Becken aus der Chasséen-Kultur im südlichen Frankreich hervor gegangen sein (Wiki): 

Die Chasséen-Kultur ist eine archäologische Kultur des Mittelneolithikums, die sich zwischen etwa 4350 und 3300 v. Ztr. in Norditalien und sich später im heutigen Frankreich ausbreitete. Sie ist die einzige neolithische Kultur, die sich über einen Großteil dieses Gebiets ausbreitete.

All das, was die Archäologen hier eher zaghaft andeuten, wird durch die Archäogenetik nun deutlich "befeuert" werden. Die Archäogenetik erweitert auch hier sehr deutlich die Perspektiven und Erkenntnishorizonte, läßt mit großer Sicherheit Zusammenhänge erkennen, deren sich die Archäologen bislang gewiß nicht so sicher gewesen sind wie sie es ab jetzt sein werden.

Immerhin: Wir hatten hier auf dem Blog schon behandelt, daß die ältesten Eigendarstellungen der mittelneolithischen Bauern Europas aus Spanien stammen (Stg2019).

Eine Männer-dominierte Gesellschaft schon vor Ankunft der Indogermanen?

Interessanterweise wurden viel mehr Männer als Frauen in den Adelsgräbern bestattet. Mehr als die Hälfte der weiblichen Mitglieder dieser Familien scheinen nicht in diesen Adelsgräbern bestattet worden zu sein. Das mag ein starker Hinweis darauf sein, wie "Männer-dominiert" diese Gesellschaften schon damals waren, also auch hier einmal erneut schon vor Ankunft der Indogermanen.

Außerdem geht die Studie einmal erneut einem "neolithic decline" um 3.000 v. Ztr. nach, einem in weiten Teilen Nordeuropas beobachteten Bevölkerungsrückgang mit erneuter verstärkter Bewaldung. Nun einen solchen "neolithic deline" hat es in den westlichen Regionen der Bandkeramik an ihrem Ende offenbar auch gegeben wie wir erst jüngst berichteten (Stg26). Auch am Ende der "Völkerwanderung" um 500 n. Ztr. sehen wir einen solchen zeitweisen Bevölkerungsrückgang in vielen Regionen Ostmitteleuropas vor der Neubesiedelung durch die Slawen. "Der" "neolithic decline" dürfte also nicht so einzigartig sein wie hier unterstellt wird, sondern im Wechsel der Kulturen und Völker zwischendurch immer einmal wieder aufgetreten sein.

*** 

Für uns mag all dies ein Anlaß sein, einen Blogartikel-Entwurf aus dem April 2024 hier mit zu veröffentlichen:

Mittelneolithische Megalithkultur - Ihre Ethnogenese in Portugal

Sie entstand im Gebiet der im Gebirge lebenden späten Jäger und Sammler

Die archäogenetische Forschung tastet sich immer näher an die Ursprungsorte der Ethnogenese der mittelneolithischen Völker und Kulturen heran. Zu diesem Thema ist soeben eine archäogenetische Studie zum neolithischen Portugal erschienen (2).

Der Ursprünge der Megalithkultur an der Atlantikküste Westeuropas werden schon seit vielen Jahrzehnten in der Forschung erörtert. Zunächst war angenommen worden, die Megalithgräber-Kultur sei vom Mittelmeerraum durch direkte Bevölkerungs-Ausbreitung an die Atlantikküste gelangt. Die C14-Datierungen schlossen eine solche Erklärung aber aus. Denn die Megalithgräber in Portugal an der Atlantikküste waren älter als die im Mittelmeerraum, sie gehören zu den ältesten der Megalithkultur überhaupt (Wiki). 

Nachdem dies klar war, nahm man an, die Megalithgräber in Portugal und anderwärts wären vor allem von den Nachkommen der frühesten bäuerlichen Besiedlung in diesen Räumen errichtet worden. Dieses waren die Hirten und Bauern der sogenannten Cardial-Kultur (Wiki), die sich vom Levanteraum rund um das ganze Mittelmeer und auch entlang der Atlantikküste ausgebreitet hat. 

Ab den 1960er Jahren wurde aber von einigen Archäologen auch eine bis heute nur wenig publizierte These vertreten, die der portugiesische Archäologe Manuel Heleno (1994-1970) (Wiki) in Umlauf gebracht hat, nämlich ... 

... daß die frühesten Erbauer der Megalithgräber in Portugal direkte Nachkommen der mesolithischen Jäger und Sammler des Muge-Tales waren, die aus dem Tejo-Tal in die inneren Zentral-Gebiete Südportugals eingewandert waren. Dies wäre der Fall bei den Erbauern der Megalithgräber im Montemor-o-Novo-Gebiet in der zentralen Ebene des Alentejo (Heleno, unveröffentlicht; siehe Gonçalves und Andrade, 2020; Rocha, 2009/10), und diesen konnten später ähnliche Gräber im Monchique-Gebirge an der Algarve (Formosinho et al., 1953) zugeordnet werden (Abb. 1B).
Entsprechend dieser Sichtweise sind die in diesen Regionen reichlich vorhandenen kleinen, zistenartigen Gräber aus Steinplatten für Einzelbestattungen Zeugnisse dieses Prozesses und stellten die ersten Grabarchitekturen des Neolithikums dar.
... that the earliest megalith builders of the country were direct descendants of Muge Mesolithic hunter-gatherers who migrated from the Tagus valley to the interior areas of central-southern Portugal. Such would be the case with the builders of the Montemor-o-Novo megalithic area in the central plains of Alentejo (Heleno, unpublished; see Gonçalves and Andrade, 2020; Rocha, 2009/10), to which similar tombs of the Monchique mountain range in Algarve (Formosinho et al., 1953) would be added later (Fig. 1B).
According to this view, the abundant number of small, cist-type graves built with stone slabs for individual burial known in those regions bore witness to the process and represented the first funerary architectures of the Neolithic.

Der hier genannte Tejo-Fluß (Wiki) ist der längste Fluß der iberischen Halbinsel. Er durchfließt diese von Osten nach Westen. Er durchfließt eindrucksvoll in gebirgiger Gegend die Städte Aranjuez und Toledo, 40 Kilometer südlich von Madrid (bekannt z.B. aus Schillers Drama "Don Carlos"). Der Tejo mündet schließlich bei Lissabon in den Atlantik.


Abb. 2: Von den spätmesolithischen zu den neolithischen Beisetzungen in Westiberien zusammen mit archäogenetischen Ergebnissen

Und weiter (2):

Aus diesen architektonisch einfacheren Steinbauten dürften sich die späteren und größeren Gräber mit Passagen und polygonalen Kammern entwickelt haben. Tatsächlich gehen einige Autoren immer noch davon aus, daß diese kleinen Gräber zu gleicher Zeit eine späte Manifestation autochthoner mesolithischer Gruppen und das früheste Stadium der Megalith-Sequenz sind – daher der Begriff „Proto-Megalithismus“ (z. B. Silva und Soares, 2000).
The later and larger tombs with passages and polygonal chambers would have evolved out of these architectonically simpler stone structures. Indeed, a number of authors still envisage these small tombs as being simultaneously a late manifestation of autochthonous Mesolithic groups and the earliest stage of the megalithic sequence—hence the term “proto-megalithism” (e.g., Silva and Soares, 2000).

Nun, all das folgt einer "Regel", die überall in Europa zu beobachten ist: An der Ethnogenese der mittelneolithischen Völker nahm die ursprünglich in Europa einheimische Bevölkerung, die westeuropäischen Jäger und Sammler, fast überall Anteil.

Abb. 3: Der portugiesische Archäologe Manuel Heleno

Zum Stand der archäologischen Erkenntnisse zum Neolithikum Portugals wird nun dementsprechend referiert (2):

Um 5500 v. Ztr. wurde die bäuerliche Lebensweise entlang der Küstengebiete der Estremadura und der Westalgarve eingeführt. Von dort aus breitete sich diese Lebensweise im Landesinneren und im Norden aus, wo sie bereits um 5100 v. Ztr. bezeugt ist (gemäß der derzeit verfügbaren Radiokarbon-Chronologien für Zentral-Nordportugal und Galizien). Der Bau von Megalithen begann um oder kurz nach 4000 v. Ztr. (Tabelle 1). Zumindest in den ersten paar Jahrhunderten der etwa 1500-jährigen Dauer des frühen Neolithikums lebten Bauern mit mesolithischen Jägern und Sammlern im unteren Tejo- und Sado-Tal und an der Alentejo-Küste zusammen (Abb. 1A), bevor sie sich in Regionen ausbreiteten, die nur spärlich oder überhaupt von letzteren besiedelt waren.
Farming economies were established along the coastal areas of Estremadura and western Algarve by 5500 BC. From there, farming spread to the interior and the north, where its presence is documented by 5100 BC (according to the currently available radiocarbon chronologies for central-northern Portugal and Galicia). Megalith building started around, or a little after 4000 BC (Table 1). During at least the first couple of centuries of the ca. 1500-years duration of the Early Neolithic, farmers coexisted with Mesolithic hunter-gatherers in the lower Tagus and Sado valleys and the Alentejo coast (Fig. 1A) before spreading to regions sparsely, if at all occupied by the latter.

Andernorts war auch schon Kontakt über die Atlantikküsten nach Frankreich und bis nach Schottland deutlich geworden (Stg11, Abb. 2). [Gegebenenfalls muß diese Darstellung zur archäogenetischen Erkenntnissen in Portugal noch vervollständigt werden.]

_________

  1. Seersholm, F.V., Ramsøe, A., Cao, J. et al. Population discontinuity in the Paris Basin linked to evidence of the Neolithic decline. Nat Ecol Evol (2026). https://doi.org/10.1038/s41559-026-03027-z, 3.4.2026 (NatEcolEvol2026)
  2. Hunter-gatherer genetic persistence at the onset of megalithism in western Iberia: New mitochondrial evidence from Mesolithic and Neolithic necropolises in central-southern Portugal. By A Faustino Carvalho, E Fernández Domínguez u.a.. In: Quaternary International, Volumes 677–678, 20 December 2023, Pages 111-120 (Sci)

Montag, 23. März 2026

Die Lengyel-Kultur aus Sicht von Archäogenetik und Archäologie

Neues zur Alföld- und Bandkeramik, zu Lengyel- und Tiszapolgar-Kultur

Gliederung:

  1. Die Alföld-Linearkeramik in der Ungarischen Tiefebene (bis 4.900 v. Ztr.)
  2. Die Entstehung der Lengyel-Kultur südlich des Plattensees (ab 4.900 v. Ztr.)
  3. Die Lengyel-Kultur in der Ungarischen Tiefebene
  4. Die Tiszapolgár-Kultur in der Ungarischen Tiefebene (ab 4.500 v. Ztr.)
  5. Kaukasus-Jäger-Sammler-Genetik in der Ungarischen Tiefebene (ab 4.500 v. Ztr.)

Zwei archäogenetische Forschungsstudien aus der Forschungsgruppe von David Reich sind 2023 und 2025 zur ungarischen Tiefebene und dabei auch zur Lengyel-Kultur (5.000 bis 4.000 v. Ztr.) (Wiki) erschienen (1, 2). Vor allem die zweite Studie läßt uns ein wenig unbefriedigt zurück. Aber sie veranlaßt uns, uns erstmals ein wenig intensiver mit der Lengyel-Kultur zu beschäftigen. 

Abb. 1: Weibliche Figur der Lengyel-Kultur aus Unterpullendorf im Burgenland, um 4.700 v. Ztr. (Wiki)

Aber zunächst zur ersten Studie aus den Jahren 2023 (Preprint) und 2024.

1. Die Alföld-Linearkeramik in der Ungarischen Tiefebene - sie war genetisch und vielleicht auch kulturell etwas anderes als die übrige Bandkeramik

Ihr Ergebnis lautet: Aus der Starcevo-Körös-Kultur (6.000-5.600 v. Ztr.) (Wiki) ging in der Ungarischen Tiefebene die Alföld-Linearkeramik (5.500-4.900 v. Ztr.) (Wiki) hervor. Die Menschen der letzteren Kultur trugen 12 % Jäger-Sammler-Genetik in sich, einen leicht höheren Prozentsatz als bei der zeitgleichen Bandkeramik im übrigen Europa (1). Auch von den Archäologen wurde die Alföld-Linearkeramik (Wiki) innerhalb Ungarns im Flußgebiet der Theiß schon seit Jahrzehnten allein aufgrund kultureller Merkmale von der übrigen Bandkeramik Mitteleuropas (Wiki) unterschieden. Wir lesen (Wiki):

Im Westen bildet ein siedlungsleerer Raum die Grenze zum Donaugebiet.

Dieser Umstand ist gut auf Abbildung 3 dargestellt. Das heißt, wir haben es tatsächlich mit zwei unterschiedlichen Völkern zu tun, die sich hier nicht zu nahe kommen wollten (Abb. 3). Und weiter (1): 

Individuen der östlichen LBK-Kultur in Ungarn (ALPC) haben im Durchschnitt 11,5 ± 0,4 % WHG-Abstammung (p = 0,73 für Eignung) (Abbildung 2). Im Gegensatz dazu haben Personen aus der Slowakei_LBK und der Österreichischen_LBK einen durchschnittlichen WHG-Anteil von 4,0 ± 0,4 % (p = 0,06).
Eastern LBK Hungary_ALPC individuals have, on average, 11.5±0.4% WHG ancestry (p=0.73 for fit) (Figure 2). In contrast, Slovakia_LBK and Austria_LBK individuals have an average of 4.0±0.4% WHG (p=0.06). 

WHG steht hier für "westeuropäische Jäger und Sammler", die ursprünglich in diesen Regionen einheimische Bevölkerung.

Abb. 2: Die Heimat der Alföld-Linearkeramik im Verhältnis zur übrigen Bandkeramik (aus 1)

Wir lesen dazu in der ersten Studie (1):

Die LBK wird häufig in zwei Untergruppen unterteilt: die „östliche LBK“ der "Alföld Linearbankeramik Culture" (ALPC), die auf den Osten des Karpatenbeckens beschränkt ist, und die ausgedehnte „westliche LBK“. Die westliche LBK breitete sich in zwei Wellen aus, zunächst von Transdanubien aus, ca. 5.500 v. Ztr. in die Slowakei, nach Österreich, Mähren, Böhmen sowie nach Mittel- und Ostdeutschland. Mehrere Jahrhunderte später erreichte eine zweite Welle das Pariser Becken und angrenzende Gebiete Frankreichs im Westen bis zur Normandie und im Osten bis nach Polen, der Ukraine, Moldawien und Rumänien.
The LBK is often divided into two subgroups: the 'eastern LBK' Alföld Linearbankeramik Culture (ALPC) limited to the east of the Carpathian Basin, and the expansive 'western LBK'. The western LBK spread in two waves, first from Transdanubia, at ca. 5500 BCE, to Slovakia, Austria, Moravia, Bohemia, and central and eastern Germany. Several centuries later, a second wave reached the Paris basin and adjacent areas of France as far west as Normandy and as far east as Poland, Ukraine, Moldova, and Romania.

So der archäologische Forschungsstand.

Abb. 3: Die Aföld-Linearkeramik (grün) im räumlichen Verhältnis zu ihren Nachbarn, der Starcevo-Kultur (lila) im Süden, der Körös-Kultur im Osten, sowie der Linearkeramik im heutigen Westungarn (gelb), in der heutigen Slowakei (blau) und im heutigen Österreich (rot)

Im Diskussionsteil heißt es (1):

Wir berichten von einem durchschnittlichen WHG-Anteil von etwa 11 % in der ALPC, der bei einigen Individuen bis zu 35 % erreichte. Dies steht im Gegensatz zum deutlich niedrigeren Durchschnitt bei den untersuchten Individuen aus Österreich (durchschnittlich 4,5 % mit einer Spanne von bis zu 14 %) und der Slowakei (durchschnittlich 4 % mit einer Spanne von bis zu 8 %). Dies deutet darauf hin, daß die Vermischung zwischen Bauern und Jägern der Großen Ungarischen Tiefebene umfangreicher war als in den westlicher gelegenen LBK-Gemeinschaften. Diese Vermischung zeigt trotz des hohen Anteils an mit WHG assoziierten Y-Chromosom-Haplogruppen keine geschlechtsspezifische Tendenz. Die Korrelation zwischen Isotopen- und Gendaten zeigt keine statistischen Zusammenhänge zwischen Ernährung und Mobilitätsmustern zwischen den Familien in Nitra Horné Krškany und Polgár-Ferenci-hát. Wir fanden jedoch Hinweise auf eine hohe Variabilität der Mobilität innerhalb der Familien, zumindest in Nitra Horné Krškany. Wir beobachteten keine Korrelation zwischen genetischen Mustern und archäologischen Markern des sozialen Status. Wir können daher keine Aussagen über eine durch den sozialen Status bedingte Bevölkerungsstruktur in der LBK treffen.
We report an average of around 11% WHG ancestry in the ALPC, a proportion that reached as high as 35% in some individuals. This contrasts with the much lower average among the studied individuals from Austria (an average of 4.5% with a range of up to 14%) and Slovakia (an average of 4% with a range of up to 8%). This suggests that the admixture between farmers and hunters of the Great Hungarian Plain was more extensive than among the more westerly LBK communities. This admixture shows no sex-biased trend despite the high fraction of Y-chromosome haplogroups associated with WHG. The correlation between isotopic and genetic data shows no statistical relationships between diet and mobility patterns between families in Nitra Horné Krškany and Polgár-Ferenci-hát, but we found evidence for high variation in mobility within families, at least at Nitra Horné Krškany. We observed no evidence of a correlation between genetic patterns and archaeological markers of social status. We can therefore make no claims regarding population substructure driven by social status in the LBK.

Hier auf dem Blog waren wir bislang von einem durchschnittlichen WHG-Anteil der Bandkeramik von sieben Prozent ausgegangen. Nun ist die Rede von 4,5 und 4 Prozent.

Die hohe Bevölkerungsdichte der Bandkeramik

Es wird auch das Massaker von Schletz (Wiki), fünfzig Kilometer nördlich von Wien in der Zeit um 5.000 v. Ztr. erörtert, bei dem über 200 Gefangene getötet worden waren. Die Getöteten repräsentierten den Durchschnitt einer Bevölkerung, nur der Anteil junger Frauen war deutlich erniedrigt. Die neue Studie stellt außerdem fest, daß es keinerlei engere genetische Verwandtschaft zwischen den 200 getöteten Menschen des Massengrabes gab, was in eindrucksvoller Weise auf eine sehr große Ausgangsbevölkerung schließen läßt (1):

Dies läßt Zweifel an der Vorstellung aufkommen, daß die am Graben geborgenen Personen eine örtliche Gemeinschaft darstellen, und legt stattdessen nahe, daß die an diesem Ort  massakrierten Menschen wahrscheinlich aus einer weit verteilten Bevölkerung stammten.
This raises doubts regarding the idea that the individuals recovered at the ditch represent a local community, and instead suggests that people massacred at this key were likely drawn from a widespread population.

Auf jeden Fall macht dieser Umstand auch einmal erneut aufmerksam auf die hohe Bevölkerungsdichte der Bandkeramik.

Seit 2015 wird übrigens auch noch über einen weiteren Massaker-Fundort berichtet, und zwar bei Esztergályhorváti, 17 Kilometer westlich des Plattensees (GMaps), datiert zwischen 4.900 bis 4.700 v. Ztr. (3). Und dazu in Bezug gesetzt werden auch noch drei weitere Fundorte der Lengyel-Kultur, bei denen es Anzeichen für gewaltsame Tötungen gibt: "Friebritz 1" 55 km nördlich von Wien, sowie in Südmähren in der Slowakei Ružindol-Borová und Bajč-Ragona (4) (GMaps).

2. Die Entstehung der Lengyel-Kultur aus der Bandkeramik südlich des Plattensees 

Massaker wie die von Schletz stehen am Ende der bandkeramischen Kultur westlich der Donau. Ob damit dann nicht auch in Verbindung steht die Entstehung der Lengyel-Kultur südlich des Plattensees? 

Abb. 4: Keramik der Lengyel-Kultur (Alch)

Am Rhein kommt es in weiten Regionen nach dem Ende der Bandkeramik für mehrere Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte zu einem vollständigen Siedlungsabbruch, zu einer Entvölkerung (3) (Stg26). An der Mittleren Donau sind die Entwicklungen grundsätzlich ähnlich, aber offenbar nicht ganz so drastisch (3):

Im Osten kommt es nicht zu einer vollständigen Unterbrechung der Siedlungstätigkeit. Dennoch finden Veränderungen statt. In der Südwest-Slowakei läßt sich ein drastischer Rückgang bekannter Siedlungen zwischen der späten LBK/Želiezovce-Phase und der Protolengyel-/Lengyel-I-Phase beobachten (Tóth et al. 2011, 309, Tabelle 1). Darüber hinaus verändern sich die Siedlungsmuster beim Übergang vom Früh- zum Mittelneolithikum. Während Siedlungen der späten LBK und sogar der Protolengyel-Phase auf fruchtbaren Schwarzerdeböden lagen, befinden sich Lengyel-Fundstätten häufiger in hügeligen Gebieten, wo Wälder und weniger fruchtbare Braunerdeböden vorherrschen (ebd., 311–313). Auch in Transdanubien nimmt die Siedlungsdichte ab (Regenye 2010, 88), nicht jedoch in Niederösterreich (Lenneis 2017, 260).
A complete hiatus in settlement activity does not occur in the east. However,  changes  do  take  place.  A  drastic  decrease  in  known  settlements  between  the  late  LBK/Želiezovce  and  the  Protolengyel/Lengyel  I  phases  can  be  observed  in  southwest  Slovakia  (Tóth  et  al.  2011,  309  table  1).  Furthermore,  settlement  patterns  change  at  the  transition  from  the  Early  to  the  Middle Neolithic. Whereas late LBK and even Protolengyel settlements were situated on the fertile chernozem soils, Lengyel sites are more often in the hillier areas, where forests and less fertile brown earth soils dominate (ibid. 311–313). Site density decreases in Transdanubia as well (Regenye 2010, 88), although not in Lower Austria (Lenneis 2017, 260).

Der Hausbautyp ändert sich. Es werden nun kleinere, weniger aufwändig konstruierte Häuser errichtet.. Über die Entstehung der Lengyel-Kultur heißt es aus archäologischer Sicht (3):

Die Entstehung der Lengyel-Kultur ist nach wie vor Gegenstand von Diskussionen, obwohl die Ergebnisse neuer Ausgrabungen an einigen transdanubianischen Fundstätten (Alsónyék; Sormás-Török-földek, Sormás-Mántai-dűlő) neue Erkenntnisse gebracht haben (siehe Pavúk 2003; Osztás et al. 2016; Barna 2017). Die ältesten Funde der Lengyel-Kultur stammen aus Transdanubien und scheinen auf einem kulturellen Fundament der späten Linearbandkeramik (späte Keszthely- und Želiezovce-Kultur) sowie der Kleinkorenovo- und der Sopot-Kultur zu beruhen. Während ihrer größten Ausdehnung (ca. 5100–4400 v. Ztr.; Burić 2015; Oross et al. 2016, 157–168) breitete sich die Sopot-Kultur von Slowenien und Westungarn im Westen bis zur Donau im Osten und der Save im Süden bis zum Donaubogen im Norden aus. Da bereits Einflüsse der Vinča-Kultur (5400/5300–4550 v. Ztr.) in der Lengyel-Kultur Südtransdanubiens nachweisbar waren (z. B. Jakucs 2020; vgl. Diaconescu 2021, 212, Abb. 10 für einen Überblick über die Vinča-Chronologie), trugen die späteren Entwicklungen dieser Kultur auch zur Entstehung der Lengyel-Kultur bei.
The formation of the Lengyel culture is still a subject of debate, although the  results  of  new  excavations  at  a  few  Transdanubian  sites  (Alsónyék; Sormás-Török-földek,  Sormás-Mántai-dűlő)  have  shed  light  on  the  matter  (see  Pavúk  2003;  Osztás  et  al.  2016;  Barna  2017).  The  oldest  Lengyel  finds  were  found  in  Transdanubia  and  seem  to  have  emerged  from  a  cultural  foundation of late LBK developments (late Keszthely, Želiezovce), as well as the  Malo  Korenovo  and  the  Sopot  cultures.  During  its  greatest  expansion  (ca. 5100–4400 cal BC; Burić 2015; Oross et al. 2016, 157–168), the Sopot culture spread across regions from Slovenia and western Hungary in the west to the Danube in the east and the Sava in the south to the Danube bend in the north. Since Vinča (5400/5300–4550 cal BC) influences were already present in the LBK of southern Transdanubia (e. g. Jakucs 2020; cf. Diaconescu 2021, 212 fig. 10 for an overview of the Vinča chronology), this culture’s later developments also contributed to the formation of the Lengyel culture.

Der hier genannten Fundorte liegen zwischen 50 und 100 Kilometer südlich des Plattensees (genannt aus ungarischer Sicht "Transdanubien", also westlich der Donau). Alsónyék liegt 15 Kilometer westlich der Donau. Sormás liegt 170 Kilometer westlich von Alsónyék (GMaps) (Sormás liegt fünfzig Kilometer südlich des Plattensees, Alsónyék liegt 110 Kilometer südlich des Plattensees.) (s. Abb. 5).

Abb. 5: Früheste Fundorte der Lengyel-Kultur (GMaps)

Von dort verbreitete sie sich auch in die Ungarische Tiefebene aus. In der Böhmen-Studie von 2021 hatten wir schon gesehen, daß die Lengyel-Kultur mit einem erhöhten Herkunftsanteil von Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik einher ging. Ähnliches wird auch in der neuen Studie zur Ungarischen Tiefebene festgestellt (osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik kommt vereinzelt dazu) (s.u.). Vielleicht kann man sich das folgendermaßen vorstellen: Die späten Bandkeramik-Kulturen werden im guten Kontakt mit Karpaten-Jäger-Sammler gestanden haben. Und in den Zeiten der kulturellen Auflösung, des kulturellen Umbruchs, vielleicht auch der klimatischen Verschlechterung ab 5.000 v. Ztr. wird es dazu gekommen sein, daß die bis dahin üblichen Heiratsschranken gegenüber den Karpaten-Jäger-Sammlern zumindest gelegentlich nicht mehr aufrecht erhalten wurden.

Mit der Lengyel-Kultur tritt jedenfalls in fast allen Aspekten ein "neues Volk" auf. Das kulturelle Gravitationszentrum der Lengyel-Kultur scheint in ihrer "klassischen" Zeit in Südmähren gelegen haben. Auf dem slowakischen Wikipedia erfährt man deshalb auch überraschendes über sie (Wiki):

In Phase I nahm die Größe der Siedlungen enorm zu. Größere Siedlungen umfassten etwa 50 Häuser. Die Siedlungen dieser Periode lassen sich wie folgt unterteilen: 
- Zentral: (...) Sie hatten meist die Form eines Runds, d. h. kreisförmige Siedlungen, die mit Palisaden, vier Toren und breiten Gräben befestigt waren (Svodín, Bučany, Borová  – Ružindol, Nitriansky Hrádok); ihre Bauweise zeugt von einer gut organisierten Gesellschaft mit einem fortgeschrittenen wirtschaftlichen und kulturellen Niveau.
- Strategisch ( Devínska Kobyla )
- große Dörfer mit Langhäusern entlang des Baches ( Budmerice , Šenkvice )
- kleine Gehöfte (1 Haus)
Die zentralen Siedlungen ( Rondelle ) verschwanden später plötzlich und gewaltsam, woraufhin eine (Noch-Lengyel-)Periode folgte, in der sich die Besiedlung in Form kleinerer Siedlungen auf mehrere, oft zuvor unbewohnte Orte ausbreitete.

Die Archäologen finden in der Lengyel-Kultur zwar nicht unbedingt "exzentrischere" Keramik-Formen als zuvor in der Bandkeramik, aber doch einen kennzeichnenden, ausgeprägt eigenwilligen Gestaltungswillen (s. Abb. 6). Es wurden erstmals Kreisgrabenanlagen angelegt, vermutlich als so etwas wie "Volkssternwarten" (Wiki).

Kennzeichnendes Merkmal: Figurinen

Außerdem wurden in der Lengyel-Kultur bislang über 1200 Figurinen gefunden. Damit sticht die Lengyel-Kultur aus den vorhergehenden und zeitgleichen Kulturen deutlich heraus. In der Starcevo-Körös-Kultur sind bislang 500 Figurinen entdeckt worden, in der Bandkeramik 400 Figurinen, davon aber nur ganz wenige östlich der Oder und nördlich des Mährischen Tores (s. 3, Abb. 2), in der zeitgleichen Rössener Kultur noch viel weniger. Auch innerhalb der Lengyel-Kultur waren sie nicht gleichmäßig verbreitet (s. Abb. 9) (3):

Die Verbreitung der Lengyel-Figuren zeigt, daß sie nicht gleichmäßig über das von der Lengyel-Kultur besiedelte Gebiet verteilt sind; es gibt hohe Funddichten in Niederösterreich und Südmähren, während Transdanubien, die Slowakei und Polen weitaus weniger Funde hervorgebracht haben.
The distribution of Lengyel figurines  shows  that  they  are  not  evenly  distributed  across  the  area  occu-pied  by  the  Lengyel  culture;  there  are  high  densities  of  finds  from  Lower  Austria and southern Moravia, whereas Transdanubia, Slovakia and Poland have produced far fewer finds.

Auch hieran wird erkennbar, daß Südmähren eine Art kulturelles Gravitationszentrum darstellte. Die Figurinen der Bandkeramiker waren dem Bloginhaber schon seit Ende der 1990er Jahre bemerkenswert erschienen (s. Abb. 10 und 11) (Stg2019). Ebenso 2019 sehr besondere Figurinen der serbischen Vinca-Kultur, die ein Zeugnis sein könnten für das erste Auftreten von Indogermanen um 4.700 v. Ztr. in Serbien (Stg2019) (mehr dazu auch unten). Auch einige wenige Figurinen der Lengyel-Kultur hatten schon hier auf dem Blog Aufmerksamkeit auf sich gezogen: So als 2007 in Südmähren der Fußteil einer 50 Zentimeter hohen Frauenfigur gefunden wurde (Stg2007). Und ebenso die weibliche Figur von Unterpullendorf im Burgenland (Abb. 1) sozusagen als eine frühe Form von Porträtdarstellung in der Menschheitsgeschichte (Stg2021). Und genau diese Figurinen der Lengyel-Kultur unterscheiden sie nun - von ihrer Häufigkeit her gesehen - sehr deutlich von anderen neolithischen Kulturen (Abb. 7).

Abb. 6: Die deutliche Zunahme von Wildtierknochen in den Siedlungen der Lengyel-Kultur

In einer Studie aus dem Jahr 2024 heißt es dazu (3):

Im Westen gerieten die anthropomorphen Figurinen am Ende der Bandkeramik außer Gebrauch, während im Osten, insbesondere in der Lengyel-Kultur, die Anzahl der Funde dieser Figurinen sprunghaft anstieg. Die Lengyel-Figurinen stellen jedoch keine einfache Fortsetzung der bandkeramischen Figurinen dar. Sie zeigen Einflüsse der benachbarten Vinča-Kultur, weisen aber auch Merkmale auf, die an die mehrere Jahrhunderte zuvor entstandene Starčevo-Kultur erinnern, wie etwa verzerrte Körperproportionen und betonte Hüften und Gesäße sowie typische und standardisierte Bruchmuster. Offenbar verfolgten die nachbandkeramischen Gemeinschaften unterschiedliche Strategien, um mit den veränderten Umständen umzugehen: Im Westen wurde die Verwendung von Figurinen eingestellt, während im Osten mit einer größeren Anzahl an Figürchen als je zuvor die Situation besser bewältigt werden sollte und man so zu früheren Praktiken zurückkehrte.

Zu den Figurinen der Lengyel-Kultur werden ausdrücklich auch gerechnet "die polnischen Malice- und Pleszów-Gruppen" am Oberlauf der Weichsel in Kleinpolen.

Es handelt sich - wie bei der Keramik - um urtümlich und eigenwillig Gestaltetes (Abb. 1, 7). Das vermehrte Auftreten dieser Figurinen wird von den Forschern in Beziehung gesetzt zu dem ebenfalls sprunghaft ansteigenden Wildtierknochen-Anteil in den Lengyel-Siedlungen (Abb. 6).

Abb. 7: Vier Figurinen der Lengyel-Kultur aus Serbien (aus 3) - von links: a) aus Žarkovo, b) aus Grabovac, c) aus Banjica, d) aus Popović

Alle archäologischen Hinweise deuten unserer Meinung deshalb darauf hin, daß sich mit der Lengyel-Kultur ein ganz neues Volk ausgebreitet hat, das - wie schon in der Böhmen-Studie von 2021 heraus gearbeitet - auch genetisch etwas Neues darstellte.

Aber wie sieht es nun östlich der Donau in der Ungarischen Tiefebene aus? Wie ging es dort nun nach dem Ende der Alföld-Bandkeramik weiter?

3. Die Lengyel-Kultur in der Ungarischen Tiefebene

Die archäogenetische Studie der Forschungsgruppe um David Reich zu den nachbandkeramischen Kulturen in der Ungarischen Tiefebene betont diesbezüglich die genetische Kontinuität gegenüber der Alföld-Keramik-Kultur. Durchschnittlich 12 % Jäger-Sammler-Genetik, die die Alföld-Bandkeramiker in sich trugen, seien in etwa auch in den neolithischen Nachfolge-Kulturen der Alföld-Linearkeramik erhalten geblieben (2).*)

Abb. 8: Der Jäger-Sammler-Herkunftsanteil in archäologischen Kulturen der Ungarischen Tiefebene (aus 2)

Aber in diesen 12 % Jäger-Sammler-Anteil findet sich nun bei etwa der Hälfte der Angehörigen der Lengyel-Kultur in der ungarischen Tiefebene ein Herkunftsanteil von osteuropäischen Jägern und Sammlern ("EHG") (Abb. 8: rot) gegenüber dem bisher allein vorherrschenden Herkunftsanteil der westeuropäischen Jäger und Sammler ("WHG") (Abb. 8: blau). In den "Supplementary Informations" der Studie wird zu der untersuchten Kultur von archäologischer Seite ausgeführt (1; Suppl., S. 1):

Aszód-Papi földek ist eine Fundstätte der Lengyel-Kultur am Hang von Gödöllő in Nordungarn. (...) Die Siedlung läßt sich auf 4800-4730 v. Ztr. (68,3 %) bis 4760–4690 v. Ztr. (68,3 %) datieren. (...) Die materielle Kultur zeugt von intensivem Austausch sowohl mit der Großen Ungarischen Tiefebene als auch mit Transdanubien. Kulturell gehört Aszód-Papi földek zur osttransdanubischen Gruppe des Lengyel-Komplexes, wobei sowohl Keramik im Lengyel- als auch im Tisza-Stil vorkommt. (...) Polierte Steinbeil-Klingen, Anhänger aus Wildschweinhauern und Wildschweinkiefer waren Statussymbole für Männer und drückten ihre Führungsrolle aus.
Aszód-Papi földek is a LN site in the Gödöllő hillside, Northern Hungary. (...) The settlement can be dated from 4800-4730 cal BCE (68.3%) to 4760-4690 cal BCE (68.3%) and the burial activity from 4760-4700 cal BCE (68.3%) to 4710-4640 cal BCE (68.3%). (...) The material culture reflects intensive interaction with both the Great Hungarian Plain and Transdanubia. Culturally, the Aszód-Papi földek site belongs to the East Transdanubian group of the Lengyel complex but both Lengyel- and Tisza-style pottery appear in the site. (...) Polished stone mace heads, wild boar tusk pendants, and wild boar mandibles were male status goods expressing the role of leading position.

Das hier erwähnte Aszód liegt 43 Kilometer nordöstlich von Budapest (GMaps) und 200 Kilometer nördlich von Alsónyék. Die hier festgestellten Erscheinungen lassen sich ohne weiteres in Parallele setzen zu den zeitgleichen Vorgängen etwa im Pariser Becken, wobei zum Beispiel zu fragen wäre, ob es sich bei den erwähnten Steinbeil-Klingen um Jade-Äxte gehandelt hat. Übrigens haben Wildschweinhauer auch am Mittleren Dnjepr in der dortigen Dnjepr-Donez-Kultur eine wichtige Rolle gespielt ("Eberzahn-Kultur") (Stg24).  

Abb. 9: 1300 Figurinen der Lengyel-Kultur (gelb) stehen 14 Figurinen der Rössener Kultur gegenüber (aus 3) 

Ab 4.500 v. Ztr. folgt in der Ungarischen Tiefebene die Tiszapolgár-Kultur (4.500-4.000 v. Ztr.) (Wiki), deren Auswirkungen zumindest auf kultureller Ebene bis nach Kleinpolen hinein von den Archäologen beschrieben werden. Während in den vorhergehenden Kulturen der Ungarischen Tiefebene nur einige ihr Zugehörige EHG-Herkunft aufwiesen, andere nicht, tragen nun so gut wie alle Angehörige der Tiszapolgár-Kultur auch EHG-Herkunft in sich (Abb. 8).

4. Die Tiszapolgár-Kultur in der Ungarischen Tiefebene

In der auf die Tiszapolgár-Kultur folgende Bodrogkeresztúr-Kultur (4.000-3.600 v. Ztr.) (Wiki) - zeitgleich zur Trichterbecher-Kultur im Norden - erhöht sich der EHG-Herkunftsanteil noch einmal. Im folgenden dazu ein zusammenfassendes Zitat aus der archäogenetischen Studie (2): 

In unseren Analysen ist die anatolisch-neolithische Herkunft die dominierende Komponente in allen neolithischen bis kupferzeitlichen Populationen der Ungarischen Tiefebene (GHP) wie erwartet (durchschnittlich 88 %, ...). Die Verteilung der EHG- und WHG-Komponenten zeigt einerseits einen geringen EHG-Anteil in den spätneolithischen GHP-Gemeinschaften ...

... - immer wenn wie hier und im folgenden von "spätneolithischen" unf "frühkupferzeitlichen" Kulturen die Rede ist, ist aus mitteleuropäischer Sicht von mittelneolithischen Kulturen die Rede*) - ... 

... und andererseits einen höheren Anteil in den frühkupferzeitlichen Urziceni-Vamă-Gemeinschaften (...). Sowohl die spätneolithische Population von Aszód-Papi földek als auch die spätneolithische Population von Polgár-Csőszhalom lassen sich mittels qpAdm (p = 0,26 bzw. 0,40) als direkte Nachkommen der älteren, mittelneolithischen Population von Polgár-Ferenci-hát ohne weitere Beimischung modellieren, was mit ihrer ähnlichen Position in der PCA übereinstimmt.
In our analyses, as expected, ANF is the dominant component in all Neolithic to Copper Age populations of the GHP (88% on average, Fig. 2B, Supplementary Figs. 2–3). The distribution of EHG and WHG components shows limited EHG in the Late Neolithic GHP communities on one end, and more in Early Copper Age Urziceni-Vamă on the other (a two-sample t-test of their pairwise comparison resulted in p < 0.002 for the EHG component variance Fig. 2B, Supplementary Data 5A, B). Both the Late Neolithic Aszód-Papi földek and Late Neolithic Polgár-Csőszhalom populations can be modeled as direct descendants from the earlier local Middle Neolithic Polgár-Ferenci-hát population without additional admixture, using qpAdm (p = 0.26 and 0.40 respectively), consistent with their similar position in PCA.

Hier werden unseres Erachtens die vereinzelt schon auftretenden EHG-Beimischungen gar zu flüchtig übergangen. Sie stellen doch eine "weitere Beimischung" dar. Diese Kultur gehört doch archäologisch klar zur mittelneolithischen Lengyel-Kultur westlich der Donau, bzw. zu der von ihr ausgehenden Jordansmühler Kultur in Böhmen und in Schlesien, wo ja - ebenfalls (?!) - ein Karpaten-Jäger-Sammler-Signal sichtbar ist (Stg2021). Es ist uns unverständlich, daß diesem Umstand in dieser Studie offenbar nicht weiter nachgegangen wird und man einfach "genetische Kontinuität" unterstellt. Weiter heißt es (2):

Wir untersuchten die Abstammungsquellen der nachfolgenden Individuen der GHP-Kultur aus der frühen Kupferzeit und modellierten 24 von 30 Individuen in Basatanya, wobei die Polgár-Csőszhalom-Gemeinschaft als einzige Quelle diente (p > 0,05, siehe Ergänzende Daten 5E). In Urziceni-Vamă lassen sich 28 von 50 Individuen der frühen Kupferzeit allein durch eine lokale mittelneolithische Quelle modellieren; dieser geringere Anteil passender Modelle deutet auf zusätzliche Beimischung exogener Herkunft in diese Gemeinschaft hin (siehe Ergänzende Daten 5E). Ebenso läßt sich nur die Hälfte der Individuen der frühen Kupferzeit eindeutig einer genetisch identischen oder eng verwandten Population aus dem späten Neolithikum von Polgár-Csőszhalom zuordnen (p > 0,05). Entsprechend der in der f4-Statistik beobachteten Variabilität der Abstammung (Ergänzende Abb. 4) weisen die Individuen der Urziceni-Vamă-Kultur der frühen Kupferzeit Spuren mehrerer postneolithischer Zuwanderungsströme auf und zeigen unterschiedliche Abstammungsanteile. Diese korrelieren jedoch nicht mit den Keramikstilen (wie dem Bodrogkeresztúr- und dem Salcuța-Stil; siehe Ergänzende Abb. 1, Ergänzende Daten 4–5). (...)  Die Gräber im Tiszapolgár-Stil in Basatanya weisen einen nicht signifikant niedrigeren EHG-Anteil auf als jene mit Keramik im Bodrogkeresztúr-Stil (durchschnittlich ca. 2,6 % gegenüber 4,6 %, t-Test für unabhängige Stichproben, p = 0,0765, siehe Ergänzende Daten 5B). In Basatanya gibt es zudem relativ wenige genetische Ausreißer; nur drei Individuen fallen im ANF-WHG-EHG-3-Wege-qpAdm-Modelltest durch (siehe Ergänzende Daten 5A).
We tested ancestry sources of the subsequent Early Copper Age GHP individuals, and modelled 24 out of 30 individuals at Basatanya using the PolgárCsőszhalom community as a single source (p > 0.05, Supplementary Data 5E). At Urziceni-Vamă, 28 out of 50 Early Copper Age individuals can be modeled using a local Middle Neolithic source alone; this lower proportion of fitting models suggests additional admixture into this community from exogenous sources (Supplementary Data 5E). Similarly, only half of the Early Copper Age individuals fit as derived without admixture from a population genetically identical or closely related to Late Neolithic Polgár-Csőszhalom (p > 0.05). Consistent with the ancestry variability observed in f4-statistics (Supplementary Fig. 4), Early Copper Age Urziceni-Vamă individuals have evidence of several streams of post-Neolithic influx and show diverse ancestry proportions, which, however, do not correlate with pottery styles (such as Bodrogkeresztúr- and Salcuța-styles, see Supplementary Fig. 1, Supplementary Data 4–5). (...) The Tiszapolgár-style graves at the Basatanya site show a nonsignificantly lower EHG component compared to those that have Bodrogkeresztúr-style pottery (ca. 2.6% on average compared to 4.6%, two-sample t-test p = 0.0765, see Supplementary Data 5B). There are also relatively few genetic outliers at Basatanya, with only three individuals failing the ANF-WHG-EHG 3-way qpAdm model test (Supplementary Data 5A).

Die Aufmerksamkeit richtet sich in dieser Studie offenbar stärker auf die "kupferzeitlichen" Kulturen, weshalb der EHG-Anteil in den nachbandkeramischen Kulturen der Ungarischen Tiefebene unseres Erachtens zu sehr vernachlässigt wird. 

Abb. 10: Figurinen der bandkeramischen Kultur - Bandkeramik-Museum Schwanfeld (Wiki) - Das Museum ist gelegen zwischen Würzburg und Schweinfurt

Wir fragen uns hingegen: Handelt es sich bei dem geringen EHG-Anteil um die Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik, die uns in verschiedenen Zusammenhängen hier auf dem Blog schon wichtig geworden ist (Stg2021), und die auch ein Hinweis sein könnte zur Art der Ethnogenese der Trichterbecher-Kultur? Daß es sich die David Reich-Forschungsgruppe bezüglich der Herkunft der Jäger-Sammler-Herkunftskomponente in der ungarischen Tiefebene nicht zu leicht gemacht hat, mag aus folgendem Zitat hervor gehen (2):

Die hälftige WHG-EHG-Genzusammensetzung der mesolithischen Bevölkerung des serbischen Eisernen Tors wurde bereits beschrieben und läßt auf eine hälftige oder duale Zusammensetzung der lokalen HG-Quellen im Karpatenbecken schließen. (...) Ein t-Test für unabhängige Stichproben wurde verwendet, um die Nullhypothese zu prüfen, daß kein signifikanter Unterschied (auf dem Signifikanzniveau von 0,05) in einer bestimmten Komponente zwischen Paaren ausgewählter Populationen besteht. Wir berechneten den Z-Score mithilfe der Pandas-Bibliothek (Version 2.2.2) in Python 3.12, um zu testen, wie stark der EHG- oder WHG-Komponentenwert eines Individuums vom Gruppenmittelwert abweicht (n > 3). Dabei nahmen wir an, daß die WHG-Daten normalverteilt sind und die EHG-Komponenten einer halbnormalen oder abgeschnittenen Normalverteilung folgen (Supplementary Fig. 2). Z-Scores über ±2 zeigen an, daß sich der Wert des Individuums signifikant vom Gruppenmittelwert unterscheidet (bezogen auf die Standardabweichung) (Supplementary Data 5).
The intermediate WHG-EHG genetic composition of the Serbian Iron Gates Mesolithic population has been described previously, anticipating the intermediate or dual composition of the local HG sources in the Carpathian Basin as well5,127. (...) A two-sample t-test was used to test the null hypothesis that there is no significant difference (at the significance level of 0.05) in a given component between pairs of selected populations. We computed the Z-score using the Pandas v2.2.2 library in Python 3.12, to test how far an individual’s EHG or WHG component value deviates from the group mean for groups with n > 3, assuming that the WHG data are normally distributed and the EHG components follow half-normal or truncated normal distribution (Supplementary Fig. 2). Z-scores beyond ±2 indicate that the individual’s value is significantly different from the group mean (in terms of standard deviations) (Supplementary Data 5).

Man hat also versucht, Unterschiede zu anderen Kulturen im Jäger-Sammler-Herkunftsanteil zu finden, glaubt sie aber nicht gefunden zu haben - obwohl sie doch nun deutlich genug sichtbar ist in der beigegebenen Grafik (Abb. 8).

5. Kaukasus-Jäger-Sammler-Genetik in der Ungarischen Tiefebene

Es findet sich ab 4.500 v. Ztr. vereinzelt auch Kaukasus-Jäger-Sammler-Genetik ("CHG") in der Ungarischen Tiefebene, die, wenn sie zusammen mit EHG-Herkunft auftritt, auf die Frühen Urindogermanen der Mittleren Wolga zurück geführt werden kann, die aber auch ohne entsprechenden EHG-Anteil auftritt. Und für letztere Fälle konnte die eigentliche Ursprungsbevölkerung noch nicht identifiziert werden. Aber die Warna-Kultur am Schwarzen Meer wird als bislang beste Annäherung daran gekennzeichnet (2):

Vereinzelt finden sich Hinweise auf CHG-Abstammung (kaukasische Jäger und Sammler) in den Gräbern 17, 18 und 31. Dies könnte ein frühes Anzeichen für Steppeneinflüsse in der Region sein, da CHG und EHG gemeinsam auftreten, ähnlich wie bei späteren Gruppen aus der Jamnaja-Kultur. In neun Fällen läßt sich CHG jedoch ohne EHG-Komponente zuordnen (p>0,05, mit einem Z-Score der Komponente >2; siehe Ergänzende Daten 5D). Eine gruppenbasierte qpAdm-Analyse zeigt, daß die genetische Zusammensetzung der Urziceni-Vamă-Gruppe der von Basatanya am ähnlichsten ist, während die Vergleichsgruppen der kupferzeitlichen Fundstätten Pietrele (rumänisch) und Varna (bulgarisch) signifikante Unterschiede in ihrer WHG-Zusammensetzung aufweisen (siehe Ergänzende Daten 5F). Dies spiegelt die Beobachtung wider, daß die Varna-Gruppe neben der vorherrschenden ANF-Abstammung genetische Komponenten aller WHG-, EHG- und CHG-Gruppen in ähnlichem Verhältnis (4–6 %) aufweist. Obwohl die Bevölkerung von Varna insgesamt keine geeignete Gruppe für die Urziceni-Vamă-Population darstellt, lassen sich fünf Urziceni-Individuen, die nicht der spätneolithischen GHP-Quelle zugeordnet werden können, entweder mit Varna oder mit Pietrele als einziger Quelle modellieren (p> 0,05, siehe Ergänzende Daten 5E). 
Sporadic evidence of CHG (Caucasus huntergatherer) ancestry is evident in graves 17, 18 and 31, which can be early signs of steppe influence into the area, since CHG + EHG appears jointly, like in later Yamnaya-related groups7. However, in nine cases, CHG can be fit without an EHG component (p > 0.05, with component Z-score>2 Supplementary Data 5D). In a group-based qpAdm analysis, the genetic composition of the Urziceni-Vamă is most similar to Basatanya, whereas the comparative Copper Age Romanian Pietrele and Bulgarian Varna site groups show significant differences in their WHG composition58 (Supplementary Data 5F). This reflects the observation that the Varna group has genetic components from all WHG, EHG and CHG in similar proportion (4−6%), alongside the predominant ANF ancestry. Although the Varna population is not a suitable group source for Urziceni-Vamă overall, five Urziceni individuals who do not fit the Late Neolithic GHP source can be modeled using either Varna or Pietrele as a single source (p > 0.05, Supplementary Data 5E).

Es wird also erkennbar, daß in der Ungarischen Tiefebene genetische Einflüsse von der Mittleren Wolga festgestellt werden, ebenso wie genetische Einflüsse aus einer noch nicht identifizierten Kultur wohl aus dem Balkan-Raum.

Abb. 11: Figurinen aus bandkeramischen Siedlungen - Nachbildungen im Bandkeramikmuseum Schwanfeld am Main (Wiki) (Fotograf: Ana al'ain)

Sollte es wirklich so schwer sein, die Karpaten-Jäger-Sammler als einzigartige Gruppe genetisch zu identifizieren, um dann feststellen zu können, zu welchen Ethnogenesen sie im einzelnen in welchem Umfang beigetragen haben? 

_________

*) Es gibt einen Umstand, der einen beim Studium zunächst völlig konfus macht. Es ist in ihm ständig von "spätneolithischen" und "kupferzeitlichen" Kulturen die Rede, dabei ist es offensichtlich, daß es vor allem um nachbandkeramische Kulturen geht.
Was ist hier das Problem? Dazu muß man sich klar machen, daß das Neolithikum in Ungarn früher als in Mitteleuropa begonnen hat, nämlich schon ab 6.000 v. Ztr.. Diese erste Phase ist in Ungarn "das Frühneolithikum". Die Alföld-Bandkeramik ist in Ungarn dann "das Mittelneolithikum" und dementsprechend gelten alle nachfolgenden Kulturen schon als "Spätneolithikum". Die Kupferzeit beginnt dort schon ab 4.500 v. Ztr.. Es ist also zu beachten, daß die ungarischen "spätneolithischen" und "frühkupferzeitlichen" Kulturen zeitgleich sind mit den mitteleuropäischen mittelneolithischen Kulturen, also zum Beispiel zeitlich parallel mit der Lengyel-Kultur und der Trichterbecher-Kultur. 
Bei dieser Gelegenheit kann man darauf aufmerksam werden, daß in Ungarn eben alles schon früher stattgefunden hat.
Und zumindest die Region westlich der Mittleren Donau stellte ja letztlich bis in die Urnenfelderzeit um 1200 v. Ztr. hinein immer wieder einmal einen "Innovationsraum" dar, von dem seit 5.600 v. Ztr. immer wieder neu sowohl kulturelle Impulse nach Norden ausstrahlten, aber von dem ausgehend sich auch ganze Völker ausgebreitet haben (sowohl nach Norden wie nach Süden). Beispiele wären unter anderem die Bandkeramik-Kultur oder auch die Badener Kultur. 

____________

  1. Social and genetic diversity in first farmers of central Europe. Pere Gelabert, Penny Bickle, Daniela Hofmann, Maria Teschler-Nicola,     Alexandra Anders, Xin Huang, Inigo Olalde, Romain Fournier, Harald Ringbauer, Ali Akbari, Olivia Cheronet, Iosif Lazaridis (...) Tamas Hajdu, Ron Pinhasi and David Reich. bioRxiv. posted 9 July 2023, 10.1101/2023.07.07.548126 (biorxiv2023); offiziell veröffentlicht November 2024 (Nature2024) (pdf)
  2. Szécsényi-Nagy, Anna, et al. "Ancient DNA reveals diverse community organizations in the 5th millennium BCE Carpathian Basin." Nature Communications 16.1 (2025): 5318 (Nature2025) (pdf)
  3. Becker et al. 2024: V. Becker/C. Fiutak/R. Bristow/R. Iversen, Everything Was Better in the Good Old Days: On the End of the LBK and the Emergence of Lengyel Culture Figurines. JNA 26, 2024, 115–145. DOI: https://doi.org/10.12766/jna.2024.5 (UniKiel)
  4. Barna, Judit P.: Social-historical background of cultural changes in South-Western-Hungary as reflected by archaeological data during Post-LBK times. Anthropologie (1962-) 53.3 (2015): 399-412 (pdf)
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