Montag, 23. März 2026

Die Lengyel-Kultur in der Ungarische Tiefebene aus Sicht der Archäogenetik

Die Alföld-Linearkeramik in der Ungarischen Tiefebene war genetisch und vielleicht auch kulturell etwas anderes als die übrige Bandkeramik
- Die ihr folgenden Lengyel- und Tiszapolgar-Kulturen offenbar ebenfalls

Zwei archäogenetische Forschungsstudien aus der Forschungsgruppe von David Reich sind 2023 und 2025 zur ungarischen Tiefebene erschienen (1, 2). Vor allem die zweite läßt uns ein wenig unbefriedigt zurück. Aber zunächst zur ersten Studie aus den Jahren 2023 (Preprint) und 2024. 

Abb. 1: Weibliche Figur der Lengyel-Kultur aus Unterpullendorf im Burgenland, um 4.700 v. Ztr. (Wiki)

Ihr Ergebnis lautet: Aus der Starcevo-Körös-Kultur (6.000-5.600 v. Ztr.) (Wiki) ging in der Ungarischen Tiefebene die Alföld-Linearkeramik (5.500-4.900 v. Ztr.) (Wiki) hervor. Die Menschen der letzteren Kultur trugen 12 % Jäger-Sammler-Genetik in sich, einen leicht höheren Prozentsatz als bei der zeitgleichen Bandkeramik im übrigen Europa (1). Auch von den Archäologen wurde die Alföld-Linearkeramik (Wiki) innerhalb Ungarns im Flußgebiet der Theiß schon seit Jahrzehnten allein aufgrund kultureller Merkmale von der übrigen Bandkeramik Mitteleuropas (Wiki) unterschieden. Wir lesen (Wiki):

Im Westen bildet ein siedlungsleerer Raum die Grenze zum Donaugebiet.

Dieser Umstand ist gut auf Abbildung 3 dargestellt. Das heißt, wir haben es tatsächlich mit zwei unterschiedlichen Völkern zu tun, die sich hier nicht zu nahe kommen wollten (Abb. 3). Und weiter (1): 

Individuen der östlichen LBK-Kultur in Ungarn (ALPC) haben im Durchschnitt 11,5 ± 0,4 % WHG-Abstammung (p = 0,73 für Eignung) (Abbildung 2). Im Gegensatz dazu haben Personen aus der Slowakei_LBK und der Österreichischen_LBK einen durchschnittlichen WHG-Anteil von 4,0 ± 0,4 % (p = 0,06).
Eastern LBK Hungary_ALPC individuals have, on average, 11.5±0.4% WHG ancestry (p=0.73 for fit) (Figure 2). In contrast, Slovakia_LBK and Austria_LBK individuals have an average of 4.0±0.4% WHG (p=0.06). 

WHG steht hier für "westeuropäische Jäger und Sammler", die ursprünglich in diesen Regionen einheimische Bevölkerung.

Abb. 2: Die Heimat der Alföld-Linearkeramik im Verhältnis zur übrigen Bandkeramik (aus 1)

Wir lesen dazu in der ersten Studie (1):

Die LBK wird häufig in zwei Untergruppen unterteilt: die „östliche LBK“ der "Alföld Linearbankeramik Culture" (ALPC), die auf den Osten des Karpatenbeckens beschränkt ist, und die ausgedehnte „westliche LBK“. Die westliche LBK breitete sich in zwei Wellen aus, zunächst von Transdanubien aus, ca. 5.500 v. Ztr. in die Slowakei, nach Österreich, Mähren, Böhmen sowie nach Mittel- und Ostdeutschland. Mehrere Jahrhunderte später erreichte eine zweite Welle das Pariser Becken und angrenzende Gebiete Frankreichs im Westen bis zur Normandie und im Osten bis nach Polen, der Ukraine, Moldawien und Rumänien.
The LBK is often divided into two subgroups: the 'eastern LBK' Alföld Linearbankeramik Culture (ALPC) limited to the east of the Carpathian Basin, and the expansive 'western LBK'. The western LBK spread in two waves, first from Transdanubia, at ca. 5500 BCE, to Slovakia, Austria, Moravia, Bohemia, and central and eastern Germany. Several centuries later, a second wave reached the Paris basin and adjacent areas of France as far west as Normandy and as far east as Poland, Ukraine, Moldova, and Romania.

So der archäologische Forschungsstand.

Abb. 3: Die Aföld-Linearkeramik (grün) im räumlichen Verhältnis zu ihren Nachbarn, der Starcevo-Kultur (lila) im Süden, der Körös-Kultur im Osten, sowie der Linearkeramik im heutigen Westungarn (gelb), in der heutigen Slowakei (blau) und im heutigen Österreich (rot)

Im Diskussionsteil heißt es (1):

Wir berichten von einem durchschnittlichen WHG-Anteil von etwa 11 % in der ALPC, der bei einigen Individuen bis zu 35 % erreichte. Dies steht im Gegensatz zum deutlich niedrigeren Durchschnitt bei den untersuchten Individuen aus Österreich (durchschnittlich 4,5 % mit einer Spanne von bis zu 14 %) und der Slowakei (durchschnittlich 4 % mit einer Spanne von bis zu 8 %). Dies deutet darauf hin, daß die Vermischung zwischen Bauern und Jägern der Großen Ungarischen Tiefebene umfangreicher war als in den westlicher gelegenen LBK-Gemeinschaften. Diese Vermischung zeigt trotz des hohen Anteils an mit WHG assoziierten Y-Chromosom-Haplogruppen keine geschlechtsspezifische Tendenz. Die Korrelation zwischen Isotopen- und Gendaten zeigt keine statistischen Zusammenhänge zwischen Ernährung und Mobilitätsmustern zwischen den Familien in Nitra Horné Krškany und Polgár-Ferenci-hát. Wir fanden jedoch Hinweise auf eine hohe Variabilität der Mobilität innerhalb der Familien, zumindest in Nitra Horné Krškany. Wir beobachteten keine Korrelation zwischen genetischen Mustern und archäologischen Markern des sozialen Status. Wir können daher keine Aussagen über eine durch den sozialen Status bedingte Bevölkerungsstruktur in der LBK treffen.
We report an average of around 11% WHG ancestry in the ALPC, a proportion that reached as high as 35% in some individuals. This contrasts with the much lower average among the studied individuals from Austria (an average of 4.5% with a range of up to 14%) and Slovakia (an average of 4% with a range of up to 8%). This suggests that the admixture between farmers and hunters of the Great Hungarian Plain was more extensive than among the more westerly LBK communities. This admixture shows no sex-biased trend despite the high fraction of Y-chromosome haplogroups associated with WHG. The correlation between isotopic and genetic data shows no statistical relationships between diet and mobility patterns between families in Nitra Horné Krškany and Polgár-Ferenci-hát, but we found evidence for high variation in mobility within families, at least at Nitra Horné Krškany. We observed no evidence of a correlation between genetic patterns and archaeological markers of social status. We can therefore make no claims regarding population substructure driven by social status in the LBK.

Hier auf dem Blog waren wir bislang von einem durchschnittlichen WHG-Anteil der Bandkeramik von sieben Prozent ausgegangen. Nun ist die Rede von 4,5 und 4 Prozent.

Die hohe Bevölkerungsdichte der Bandkeramik

Es wird auch das Massaker von Schletz (Wiki), fünfzig Kilometer nördlich von Wien in der Zeit um 5.000 v. Ztr. erörtert, bei dem über 200 Gefangene getötet worden waren. Die Getöteten repräsentierten den Durchschnitt einer Bevölkerung, nur der Anteil junger Frauen war deutlich erniedrigt. Die neue Studie stellt außerdem fest, daß es keinerlei engere genetische Verwandtschaft zwischen den 200 getöteten Menschen des Massengrabes gab, was in eindrucksvoller Weise auf eine sehr große Ausgangsbevölkerung schließen läßt (1):

Dies läßt Zweifel an der Vorstellung aufkommen, daß die am Graben geborgenen Personen eine örtliche Gemeinschaft darstellen, und legt stattdessen nahe, daß die an diesem Ort  massakrierten Menschen wahrscheinlich aus einer weit verteilten Bevölkerung stammten.
This raises doubts regarding the idea that the individuals recovered at the ditch represent a local community, and instead suggests that people massacred at this key were likely drawn from a widespread population.

Auf jeden Fall macht dieser Umstand auch einmal erneut aufmerksam auf die hohe Bevölkerungsdichte der Bandkeramik.

Die Lengyel-Kultur in der Ungarischen Tiefebene

Massaker wie die von Schletz stehen am Ende der bandkeramischen Kultur westlich der Donau. Und östlich der Donau in der Ungarischen Tiefebene? Wie ging es dort nun nach dem Ende der Alföld-Bandkeramik weiter? 

Abb. 4: Keramik der Lengyel-Kultur (Alch)

Die Lengyel-Kultur entstand wohl westlich der Donau, breitete sich aber auch in die Ungarische Tiefebene aus, zumindest kulturell. In der Böhmen-Studie von 2021 hatten wir schon gesehen, daß sie mit einem erhöhten Herkunftsanteil von Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik einher ging.

Die Archäologen finden in der Lengyel-Kultur nicht unbedingt "exzentrischere" Keramik-Formen als zuvor in der Bandkeramik, aber doch einen kennzeichnenden, eigenwilligen Gestaltungswillen (s. Abb. 4). In der Lengyel-Kultur wurden bislang über 1200 Figurinen gefunden. Damit sticht sie aus den vorhergehenden und zeitgleichen Kulturen deutlich heraus. In der Starcevo-Körös-Kultur sind bislang 500 Figurinen entdeckt worden, in der Bandkeramik 400 Figurinen, davon aber nur ganz wenige östlich der Oder und nördlich des Mährischen Tores (s. 3, Abb. 2), in der zeitgleichen Rössener Kultur noch viel weniger.

Diese anthropomorphen Figurinen der Lengyel-Kultur hatten auch hier auf dem Blog schon gelegentlich Aufmerksamkeit auf sich gezogen. So als 2007 in Südmähren der Fußteil einer 50 Zentimeter hohen Frauenfigur gefunden wurde (Stg2007). Und ebenso die weibliche Figur von Unterpullendorf im Burgenland (Abb. 1) Aufmerksamkeit auf sich gezogen geradezu als eine der Frühformen von Porträtdarstellungen in der Menschheitsgeschichte (Stg2021). Und genau diese anthropomorphe Figurinen der Lengyel-Kultur unterscheiden sie nun deutlich von anderen neolithischen Kulturen (Abb. 6).

Abb. 5: Die deutliche Zunahme von Wildtierknochen in den Siedlungen der Lengyel-Kultur

In einer Studie aus dem Jahr 2024 heißt es dazu (3):

Im Westen gerieten die anthropomorphen Figurinen am Ende der Bandkeramik außer Gebrauch, während im Osten, insbesondere in der Lengyel-Kultur, die Anzahl der Funde dieser Figurinen sprunghaft anstieg. Die Lengyel-Figurinen stellen jedoch keine einfache Fortsetzung der bandkeramischen Figurinen dar. Sie zeigen Einflüsse der benachbarten Vinča-Kultur, weisen aber auch Merkmale auf, die an die mehrere Jahrhunderte zuvor entstandene Starčevo-Kultur erinnern, wie etwa verzerrte Körperproportionen und betonte Hüften und Gesäße sowie typische und standardisierte Bruchmuster. Offenbar verfolgten die nachbandkeramischen Gemeinschaften unterschiedliche Strategien, um mit den veränderten Umständen umzugehen: Im Westen wurde die Verwendung von Figurinen eingestellt, während im Osten mit einer größeren Anzahl an Figürchen als je zuvor die Situation besser bewältigt werden sollte und man so zu früheren Praktiken zurückkehrte.

Es handelt sich - wie bei der Keramik - um urtümlich und eigenwillig Gestaltetes (Abb. 1, 6). Das vermehrte Auftreten dieser Figurinen wird von den Forschern in Beziehung gesetzt zu dem ebenfalls sprunghaft ansteigenden Wildtierknochen-Anteil in den Lengyel-Siedlungen (Abb. 5).

Abb. 6: Vier Figurinen der Lengyel-Kultur aus Serbien (aus 3) - von links: a) aus Žarkovo, b) aus Grabovac, c) aus Banjica, d) aus PopovićSerbia.

Alle archäologischen Hinweise deuten unserer Meinung deshalb darauf hin, daß sich mit der Lengyel-Kultur ein ganz neues Volk ausgebreitet hat, das - wie schon in der Böhmen-Studie von 2021 heraus gearbeitet - auch genetisch etwas Neues darstellte.

Die archäogenetische Studie der Forschungsgruppe um David Reich zu den nachbandkeramischen Kulturen in der Ungarischen Tiefebene betont allerdings die genetische Kontinuität gegenüber der Alföld-Keramik-Kultur: Durchschnittlich 12 % Jäger-Sammler-Genetik, die die Alföld-Bandkeramiker in sich trugen, seien in etwa auch in den neolithischen Nachfolge-Kulturen der Alföld-Linearkeramik erhalten geblieben (2).*)

Abb. 7: Der Jäger-Sammler-Herkunftsanteil in archäologischen Kulturen der Ungarischen Tiefebene (aus 2)

Aber in diesen 12 % Jäger-Sammler-Anteil findet sich nun bei etwa der Hälfte der Angehörigen der Lengyel-Kultur in der ungarischen Tiefebene ein Herkunftsanteil von osteuropäischen Jägern und Sammlern ("EHG") (Abb. 7: rot) gegenüber dem bisher allein vorherrschenden Herkunftsanteil der westeuropäischen Jäger und Sammler ("WHG") (Abb. 7: blau). In den "Supplementary Informations" der Studie wird zu der untersuchten Kultur von archäologischer Seite ausgeführt (1; Suppl., S. 1):

Aszód-Papi földek ist eine Fundstätte der Lengyel-Kultur am Hang von Gödöllő in Nordungarn. (...) Die Siedlung läßt sich auf 4800-4730 v. Ztr. (68,3 %) bis 4760–4690 v. Ztr. (68,3 %) datieren. (...) Die materielle Kultur zeugt von intensivem Austausch sowohl mit der Großen Ungarischen Tiefebene als auch mit Transdanubien. Kulturell gehört Aszód-Papi földek zur osttransdanubischen Gruppe des Lengyel-Komplexes, wobei sowohl Keramik im Lengyel- als auch im Tisza-Stil vorkommt. (...) Polierte Steinbeil-Klingen, Anhänger aus Wildschweinhauern und Wildschweinkiefer waren Statussymbole für Männer und drückten ihre Führungsrolle aus.
Aszód-Papi földek is a LN site in the Gödöllő hillside, Northern Hungary. (...) The settlement can be dated from 4800-4730 cal BCE (68.3%) to 4760-4690 cal BCE (68.3%) and the burial activity from 4760-4700 cal BCE (68.3%) to 4710-4640 cal BCE (68.3%). (...) The material culture reflects intensive interaction with both the Great Hungarian Plain and Transdanubia. Culturally, the Aszód-Papi földek site belongs to the East Transdanubian group of the Lengyel complex but both Lengyel- and Tisza-style pottery appear in the site. (...) Polished stone mace heads, wild boar tusk pendants, and wild boar mandibles were male status goods expressing the role of leading position.

Die hier festgestellten Erscheinungen lassen sich ohne weiteres in Parallele setzen zu den zeitgleichen Vorgängen etwa im Pariser Becken, wobei zum Beispiel zu fragen wäre, ob es sich bei den erwähnten Steinbeil-Klingen um Jade-Äxte gehandelt hat. Übrigens haben Wildschweinhauer auch am Mittleren Dnjepr in der dortigen Dnjepr-Donez-Kultur eine wichtige Rolle gespielt.  

Abb. 8: 1300 Figurinen der Lengyel-Kultur (gelb) stehen 14 Figurinen der Rössener Kultur gegenüber (aus 3) 

Ab 4.500 v. Ztr. folgt in der Ungarischen Tiefebene die Tiszapolgár-Kultur (4.500-4.000 v. Ztr.) (Wiki), deren Auswirkungen zumindest auf kultureller Ebene bis nach Kleinpolen hinein von den Archäologen beschrieben werden. Während in den vorhergehenden Kulturen der Ungarischen Tiefebene nur einige ihr Zugehörige EHG-Herkunft aufwiesen, andere nicht, tragen nun so gut wie alle Angehörige der Tiszapolgár-Kultur auch EHG-Herkunft in sich (Abb. 7).

Die Tiszapolgár-Kultur in der Ungarischen Tiefebene

In der auf die Tiszapolgár-Kultur folgende Bodrogkeresztúr-Kultur (4.000-3.600 v. Ztr.) (Wiki) - zeitgleich zur Trichterbecher-Kultur im Norden - erhöht sich der EHG-Herkunftsanteil noch einmal. Im folgenden dazu ein zusammenfassendes Zitat aus der archäogenetischen Studie (2): 

In unseren Analysen ist die anatolisch-neolithische Herkunft die dominierende Komponente in allen neolithischen bis kupferzeitlichen Populationen der Ungarischen Tiefebene (GHP) wie erwartet (durchschnittlich 88 %, ...). Die Verteilung der EHG- und WHG-Komponenten zeigt einerseits einen geringen EHG-Anteil in den spätneolithischen GHP-Gemeinschaften ...

... - immer wenn wie hier und im folgenden von "spätneolithischen" unf "frühkupferzeitlichen" Kulturen die Rede ist, ist aus mitteleuropäischer Sicht von mittelneolithischen Kulturen die Rede*) - ... 

... und andererseits einen höheren Anteil in den frühkupferzeitlichen Urziceni-Vamă-Gemeinschaften (...). Sowohl die spätneolithische Population von Aszód-Papi földek als auch die spätneolithische Population von Polgár-Csőszhalom lassen sich mittels qpAdm (p = 0,26 bzw. 0,40) als direkte Nachkommen der älteren, mittelneolithischen Population von Polgár-Ferenci-hát ohne weitere Beimischung modellieren, was mit ihrer ähnlichen Position in der PCA übereinstimmt.
In our analyses, as expected, ANF is the dominant component in all Neolithic to Copper Age populations of the GHP (88% on average, Fig. 2B, Supplementary Figs. 2–3). The distribution of EHG and WHG components shows limited EHG in the Late Neolithic GHP communities on one end, and more in Early Copper Age Urziceni-Vamă on the other (a two-sample t-test of their pairwise comparison resulted in p < 0.002 for the EHG component variance Fig. 2B, Supplementary Data 5A, B). Both the Late Neolithic Aszód-Papi földek and Late Neolithic Polgár-Csőszhalom populations can be modeled as direct descendants from the earlier local Middle Neolithic Polgár-Ferenci-hát population without additional admixture, using qpAdm (p = 0.26 and 0.40 respectively), consistent with their similar position in PCA.

Hier werden unseres Erachtens die vereinzelt schon auftretenden EHG-Beimischungen gar zu flüchtig übergangen. Sie stellen doch eine "weitere Beimischung" dar. Diese Kultur gehört doch archäologisch klar zur mittelneolithischen Lengyel-Kultur westlich der Donau, bzw. zu der von ihr ausgehenden Jordansmühler Kultur in Böhmen und in Schlesien, wo ja - ebenfalls (?!) - ein Karpaten-Jäger-Sammler-Signal sichtbar ist (Stg2021). Es ist uns unverständlich, daß diesem Umstand in dieser Studie offenbar nicht weiter nachgegangen wird und man einfach "genetische Kontinuität" unterstellt. Weiter heißt es (2):

Wir untersuchten die Abstammungsquellen der nachfolgenden Individuen der GHP-Kultur aus der frühen Kupferzeit und modellierten 24 von 30 Individuen in Basatanya, wobei die Polgár-Csőszhalom-Gemeinschaft als einzige Quelle diente (p > 0,05, siehe Ergänzende Daten 5E). In Urziceni-Vamă lassen sich 28 von 50 Individuen der frühen Kupferzeit allein durch eine lokale mittelneolithische Quelle modellieren; dieser geringere Anteil passender Modelle deutet auf zusätzliche Beimischung exogener Herkunft in diese Gemeinschaft hin (siehe Ergänzende Daten 5E). Ebenso läßt sich nur die Hälfte der Individuen der frühen Kupferzeit eindeutig einer genetisch identischen oder eng verwandten Population aus dem späten Neolithikum von Polgár-Csőszhalom zuordnen (p > 0,05). Entsprechend der in der f4-Statistik beobachteten Variabilität der Abstammung (Ergänzende Abb. 4) weisen die Individuen der Urziceni-Vamă-Kultur der frühen Kupferzeit Spuren mehrerer postneolithischer Zuwanderungsströme auf und zeigen unterschiedliche Abstammungsanteile. Diese korrelieren jedoch nicht mit den Keramikstilen (wie dem Bodrogkeresztúr- und dem Salcuța-Stil; siehe Ergänzende Abb. 1, Ergänzende Daten 4–5). (...)  Die Gräber im Tiszapolgár-Stil in Basatanya weisen einen nicht signifikant niedrigeren EHG-Anteil auf als jene mit Keramik im Bodrogkeresztúr-Stil (durchschnittlich ca. 2,6 % gegenüber 4,6 %, t-Test für unabhängige Stichproben, p = 0,0765, siehe Ergänzende Daten 5B). In Basatanya gibt es zudem relativ wenige genetische Ausreißer; nur drei Individuen fallen im ANF-WHG-EHG-3-Wege-qpAdm-Modelltest durch (siehe Ergänzende Daten 5A).
We tested ancestry sources of the subsequent Early Copper Age GHP individuals, and modelled 24 out of 30 individuals at Basatanya using the PolgárCsőszhalom community as a single source (p > 0.05, Supplementary Data 5E). At Urziceni-Vamă, 28 out of 50 Early Copper Age individuals can be modeled using a local Middle Neolithic source alone; this lower proportion of fitting models suggests additional admixture into this community from exogenous sources (Supplementary Data 5E). Similarly, only half of the Early Copper Age individuals fit as derived without admixture from a population genetically identical or closely related to Late Neolithic Polgár-Csőszhalom (p > 0.05). Consistent with the ancestry variability observed in f4-statistics (Supplementary Fig. 4), Early Copper Age Urziceni-Vamă individuals have evidence of several streams of post-Neolithic influx and show diverse ancestry proportions, which, however, do not correlate with pottery styles (such as Bodrogkeresztúr- and Salcuța-styles, see Supplementary Fig. 1, Supplementary Data 4–5). (...) The Tiszapolgár-style graves at the Basatanya site show a nonsignificantly lower EHG component compared to those that have Bodrogkeresztúr-style pottery (ca. 2.6% on average compared to 4.6%, two-sample t-test p = 0.0765, see Supplementary Data 5B). There are also relatively few genetic outliers at Basatanya, with only three individuals failing the ANF-WHG-EHG 3-way qpAdm model test (Supplementary Data 5A).

Die Aufmerksamkeit richtet sich in dieser Studie offenbar stärker auf die "kupferzeitlichen" Kulturen, weshalb der EHG-Anteil in den nachbandkeramischen Kulturen der Ungarischen Tiefebene unseres Erachtens zu sehr vernachlässigt wird. 

Wir fragen uns hingegen: Handelt es sich bei dem geringen EHG-Anteil um die Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik, die uns in verschiedenen Zusammenhängen hier auf dem Blog schon wichtig geworden ist (Stg2021), und die auch ein Hinweis sein könnte zur Art der Ethnogenese der Trichterbecher-Kultur? Daß es sich die David Reich-Forschungsgruppe bezüglich der Herkunft der Jäger-Sammler-Herkunftskomponente in der ungarischen Tiefebene nicht zu leicht gemacht hat, mag aus folgendem Zitat hervor gehen (2):

Die hälftige WHG-EHG-Genzusammensetzung der mesolithischen Bevölkerung des serbischen Eisernen Tors wurde bereits beschrieben und läßt auf eine hälftige oder duale Zusammensetzung der lokalen HG-Quellen im Karpatenbecken schließen. (...) Ein t-Test für unabhängige Stichproben wurde verwendet, um die Nullhypothese zu prüfen, daß kein signifikanter Unterschied (auf dem Signifikanzniveau von 0,05) in einer bestimmten Komponente zwischen Paaren ausgewählter Populationen besteht. Wir berechneten den Z-Score mithilfe der Pandas-Bibliothek (Version 2.2.2) in Python 3.12, um zu testen, wie stark der EHG- oder WHG-Komponentenwert eines Individuums vom Gruppenmittelwert abweicht (n > 3). Dabei nahmen wir an, daß die WHG-Daten normalverteilt sind und die EHG-Komponenten einer halbnormalen oder abgeschnittenen Normalverteilung folgen (Supplementary Fig. 2). Z-Scores über ±2 zeigen an, daß sich der Wert des Individuums signifikant vom Gruppenmittelwert unterscheidet (bezogen auf die Standardabweichung) (Supplementary Data 5).
The intermediate WHG-EHG genetic composition of the Serbian Iron Gates Mesolithic population has been described previously, anticipating the intermediate or dual composition of the local HG sources in the Carpathian Basin as well5,127. (...) A two-sample t-test was used to test the null hypothesis that there is no significant difference (at the significance level of 0.05) in a given component between pairs of selected populations. We computed the Z-score using the Pandas v2.2.2 library in Python 3.12, to test how far an individual’s EHG or WHG component value deviates from the group mean for groups with n > 3, assuming that the WHG data are normally distributed and the EHG components follow half-normal or truncated normal distribution (Supplementary Fig. 2). Z-scores beyond ±2 indicate that the individual’s value is significantly different from the group mean (in terms of standard deviations) (Supplementary Data 5).

Man hat also versucht, Unterschiede zu anderen Kulturen im Jäger-Sammler-Herkunftsanteil zu finden, glaubt sie aber nicht gefunden zu haben - obwohl sie doch nun deutlich genug sichtbar ist in der beigegebenen Grafik (Abb. 7).

Kaukasus-Jäger-Sammler-Genetik in der Ungarischen Tiefebene

Es findet sich ab 4.500 v. Ztr. vereinzelt auch Kaukasus-Jäger-Sammler-Genetik ("CHG") in der Ungarischen Tiefebene, die, wenn sie zusammen mit EHG-Herkunft auftritt, auf die Frühen Urindogermanen der Mittleren Wolga zurück geführt werden kann, die aber auch ohne entsprechenden EHG-Anteil auftritt. Und für letztere Fälle konnte die eigentliche Ursprungsbevölkerung noch nicht identifiziert werden. Aber die Warna-Kultur am Schwarzen Meer wird als bislang beste Annäherung daran gekennzeichnet (2):

Vereinzelt finden sich Hinweise auf CHG-Abstammung (kaukasische Jäger und Sammler) in den Gräbern 17, 18 und 31. Dies könnte ein frühes Anzeichen für Steppeneinflüsse in der Region sein, da CHG und EHG gemeinsam auftreten, ähnlich wie bei späteren Gruppen aus der Jamnaja-Kultur. In neun Fällen läßt sich CHG jedoch ohne EHG-Komponente zuordnen (p>0,05, mit einem Z-Score der Komponente >2; siehe Ergänzende Daten 5D). Eine gruppenbasierte qpAdm-Analyse zeigt, daß die genetische Zusammensetzung der Urziceni-Vamă-Gruppe der von Basatanya am ähnlichsten ist, während die Vergleichsgruppen der kupferzeitlichen Fundstätten Pietrele (rumänisch) und Varna (bulgarisch) signifikante Unterschiede in ihrer WHG-Zusammensetzung aufweisen (siehe Ergänzende Daten 5F). Dies spiegelt die Beobachtung wider, daß die Varna-Gruppe neben der vorherrschenden ANF-Abstammung genetische Komponenten aller WHG-, EHG- und CHG-Gruppen in ähnlichem Verhältnis (4–6 %) aufweist. Obwohl die Bevölkerung von Varna insgesamt keine geeignete Gruppe für die Urziceni-Vamă-Population darstellt, lassen sich fünf Urziceni-Individuen, die nicht der spätneolithischen GHP-Quelle zugeordnet werden können, entweder mit Varna oder mit Pietrele als einziger Quelle modellieren (p> 0,05, siehe Ergänzende Daten 5E). 
Sporadic evidence of CHG (Caucasus huntergatherer) ancestry is evident in graves 17, 18 and 31, which can be early signs of steppe influence into the area, since CHG + EHG appears jointly, like in later Yamnaya-related groups7. However, in nine cases, CHG can be fit without an EHG component (p > 0.05, with component Z-score>2 Supplementary Data 5D). In a group-based qpAdm analysis, the genetic composition of the Urziceni-Vamă is most similar to Basatanya, whereas the comparative Copper Age Romanian Pietrele and Bulgarian Varna site groups show significant differences in their WHG composition58 (Supplementary Data 5F). This reflects the observation that the Varna group has genetic components from all WHG, EHG and CHG in similar proportion (4−6%), alongside the predominant ANF ancestry. Although the Varna population is not a suitable group source for Urziceni-Vamă overall, five Urziceni individuals who do not fit the Late Neolithic GHP source can be modeled using either Varna or Pietrele as a single source (p > 0.05, Supplementary Data 5E).

Es wird also erkennbar, daß in der Ungarischen Tiefebene genetische Einflüsse von der Mittleren Wolga festgestellt werden, ebenso wie genetische Einflüsse aus einer noch nicht identifizierten Kultur wohl aus dem Balkan-Raum.

Sollte es wirklich so schwer sein, die Karpaten-Jäger-Sammler als einzigartige Gruppe genetisch zu identifizieren, um dann feststellen zu können, zu welchen Ethnogenesen sie im einzelnen in welchem Umfang beigetragen haben? 

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*) Es gibt einen Umstand, der einen beim Studium zunächst völlig konfus macht. Es ist in ihm ständig von "spätneolithischen" und "kupferzeitlichen" Kulturen die Rede, dabei ist es offensichtlich, daß es vor allem um nachbandkeramische Kulturen geht.
Was ist hier das Problem? Dazu muß man sich klar machen, daß das Neolithikum in Ungarn früher als in Mitteleuropa begonnen hat, nämlich schon ab 6.000 v. Ztr.. Diese erste Phase ist in Ungarn "das Frühneolithikum". Die Alföld-Bandkeramik ist in Ungarn dann "das Mittelneolithikum" und dementsprechend gelten alle nachfolgenden Kulturen schon als "Spätneolithikum". Die Kupferzeit beginnt dort schon ab 4.500 v. Ztr.. Es ist also zu beachten, daß die ungarischen "spätneolithischen" und "frühkupferzeitlichen" Kulturen zeitgleich sind mit den mitteleuropäischen mittelneolithischen Kulturen, also zum Beispiel zeitlich parallel mit der Lengyel-Kultur und der Trichterbecher-Kultur. 
Bei dieser Gelegenheit kann man darauf aufmerksam werden, daß in Ungarn eben alles schon früher stattgefunden hat.
Und zumindest die Region westlich der Mittleren Donau stellte ja letztlich bis in die Urnenfelderzeit um 1200 v. Ztr. hinein immer wieder einmal einen "Innovationsraum" dar, von dem seit 5.600 v. Ztr. immer wieder neu sowohl kulturelle Impulse nach Norden ausstrahlten, aber von dem ausgehend sich auch ganze Völker ausgebreitet haben (sowohl nach Norden wie nach Süden). Beispiele wären unter anderem die Bandkeramik-Kultur oder auch die Badener Kultur. 

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  1. Social and genetic diversity in first farmers of central Europe. Pere Gelabert, Penny Bickle, Daniela Hofmann, Maria Teschler-Nicola,     Alexandra Anders, Xin Huang, Inigo Olalde, Romain Fournier, Harald Ringbauer, Ali Akbari, Olivia Cheronet, Iosif Lazaridis (...) Tamas Hajdu, Ron Pinhasi and David Reich. bioRxiv. posted 9 July 2023, 10.1101/2023.07.07.548126 (biorxiv2023); offiziell veröffentlicht November 2024 (Nature2024) (pdf)
  2. Szécsényi-Nagy, Anna, et al. "Ancient DNA reveals diverse community organizations in the 5th millennium BCE Carpathian Basin." Nature Communications 16.1 (2025): 5318 (Nature2025) (pdf)
  3. Becker et al. 2024: V. Becker/C. Fiutak/R. Bristow/R. Iversen, Everything Was Better in the Good Old Days: On the End of the LBK and the Emergence of Lengyel Culture Figurines. JNA 26, 2024, 115–145. DOI: https://doi.org/10.12766/jna.2024.5 (UniKiel)

Sonntag, 22. März 2026

Kaiser Heinrich II. - Er hatte germanische und keltische Vorfahren

Er starb im Jahr 1024
- Archäogenetische Erkenntnisse aus dem Kaiergrab zu Bamberg

Der deutsche Kaiser Heinrich II. (973-1024) (Wiki) ist im Jahr 1002 zum deutschen König gekrönt worden. 

Abb. 1: Krönungsbild von Heinrich II., von ihm selbst in Auftrag gegeben wohl bald nach seinem Regierungsantritt im Jahr 1002, enthalten im "Sakramentar Heinrichs II." (Wiki)

In den Jahren danach hat er von dieser Zeremonie ein "Krönungsbild" anfertigen lassen (Abb. 1). Es dürfte sich also um ein einigermaßen authentischen Bild des Königs handeln. Dem Krönungsbild waren die Worte beigegeben (Wiki):

Siehe, von Gott wird gekrönt und gesegnet
der fromme, durch den Stamm seiner Ahnen hoch gerühmte König Heinrich.
(...)
Ein Engel bringt die Lanze und wehrt dadurch ängstliche Sorge von ihm ab;
der andere übergibt ihm das Schwert, mit dem er Furcht verbreiten wird.

Angst und Furcht sind vorherrschende Gefühle des Mittelalters. Selbst bei einem König. König Heinrich II. hatte von Anfang an mit Widersachern zu tun und mußte diese nach und nach nieder ringen. Es gab sie in Schwaben, es gab sie im sächsischen Adel. Auch der polnische König Boleslaw Chrobry wollte den deutschen König nicht als Oberhaupt anerkennen, sondern sah sich ihm als gleichberechtigt an - unterstützt von Teilen des sächsischen Adels.  

Abb. 2: Thronbild des Königs Heinrich II., von ihm selbst in Auftrag gegeben wohl bald nach seinem Regierungsantritt im Jahr 1002, enthalten im "Sakramentar Heinrichs II." (Wiki)

Das Krönungs- und das Thronbild stellen die wichtigsten Seiten in dem 358-seitigen, von Heinrich II. in Auftrag gegebenen "Sakramentar" statt, das viele Jahrhunderte als Schenkung Heinrichs II. zum Domschatz von Bamberg gehörte, das aber in Regensburg angefertigt worden war. Da der Kaiser kinderlos starb, breitete sich die für das Mittelalter typische Legende aus, der Kaiser habe während seiner Ehe in Keuschheit gelebt. (Kinder zu haben, ist also weniger keusch.) Und diese Legende trug 120 Jahre nach seinem Tod dazu bei, daß der Kaiser Heinrich II. vom Papst in Rom zu einem Heiligen erklärt worden ist. Sicher hatte es auch tagespolitische Gründe, daß Heinrich II. gerade im Jahr 1146 heilig gesprochen wurde. In der Heiligsprechung des Papstes steht die genannte Legende im Vordergrund (Wiki):

Jetzt aber haben wir vieles […] erfahren über seine Keuschheit, über die Gründung der Bamberger Kirche und vieler anderer, auch über die Wiederherstellung bischöflicher Sitze und die vielfältige Freigebigkeit seiner Spenden, über die Bekehrung König Stephans und ganz Ungarns, von ihm herbeigeführt durch Gottes Hilfe, über seinen glorreichen Tod und über mehrere Wunder nach seinem Tod, geschehen in Gegenwart seines Leibes. Darunter halten wir besonders bemerkenswert, daß er nach Empfang von Krone und Zepter des Reiches nicht kaiserlich, sondern geistlich lebte und daß er in rechtmäßiger Ehegemeinschaft, wie wohl nur wenige bis ans Lebensende unversehrte Keuschheit bewahrte.

Nun, damit stehen wir tief im "Mittelalter". 

Eine neue archäogenetische Studie 

Warum beschäftigen wir uns mit Kaiser Heinrich II.? Seine sterblichen Reste in Bamberg sind neuerdings ebenso wie die von seinem Großonkel Kaiser Otto I. von Archäogenetikern untersucht worden (1).

Abb. 2: Das heutige geographische Vorkommen der mitochondrialen Haplogruppen der Kaiser Otto I. und Heinrich II. 

Beide tragen danach die Y-chromosomale Haplogruppe R1b-FTA63331 in sich, was ein starker Hinweis darauf ist, daß es sich tatsächlich um die Gebeine dieser beiden historischen Personen handelt, und daß sie über die männliche Linie miteinander verwandt sind. Diese Haplogruppe tragen heute 17.000 Männer in Deutschland in sich, sowie 2000 in den Niederlanden und 1600 in Dänemark. Es handelt sich also um eine Haplogruppe, wie sie typisch ist für Menschen mit vorwiegend germanischen Vorfahren. Vielleicht kann damit auch in Zusammenhang gebracht werden die Blondheit des Kaisers (s. Abb. 1).

Die mitochondrialen, über die mütterlichen Vorfahren weitergegebenen Haplogruppen der beiden deutschen Kaiser sind jedoch deutlich unterschieden (1) (s. Abb. 2). Die mütterliche Linie von Otto I. stammt ebenfalls aus dem germanischen Bereich, während die heutige Häufigkeitsverteilung der mütterliche Linie von Kaiser Heinrich II. wohl recht deutlich auf den keltischen Bereich verweist. Die Zuweisung zur germanischen und keltischen Völkergruppe und zu damit verbundenen Körpermerkmalen wird in der Studie selbst nicht vorgenommen, sie scheint uns aber naheliegend.

Abb. 3: Verwandtschaftsverhältnis zwischen Otto I. und Heinrich II. (aus 1)

Die Mutter von Kaiser Heinrich II. war Gisela von Burgund (Wiki). Deren Mutter hinwiederum war eine Adelana, über die wenig bekannt ist (Wiki). Es ist doch wahrscheinlich, daß sie eine Angehörige des burgundischen Hochadels war so wie wohl die meisten Ehepartner in der väterlichen Vorfahren-Linie der Gisela von Burgund. Diese väterliche Vorfahren-Linie kann nämlich bis zu Welf I. zurück geführt werden, dem Begründer der Welfen-Dynastie. Diese Vorfahren-Linie hat, soweit uns übersehbar, vorwiegend in Burgund gelebt und geheiratet. Somit könnte man schlußfolgern, daß der burgundische Hochadel des Mittelalters - zumindest in Teilen - Vorfahren in der keltischen Völkergruppe hatte. Vielleicht kann damit in Zusammenhang gebracht werden die dunkle Augenfarbe des Kaisers Heinrich II. (s. Abb. 1 und 2).

Der Dom zu Bamberg

Das Andenken des Kaisers Heinrich II. wird insbesondere im Dom zu Bamberg gepflegt, auf dessen Begründung dieser Dom zurück geht, und in dem dieser Kaiser zusammen mit seiner Frau im zentralen Grab bestattet ist. 

Abb. 4: Der Bamberger Reiter (Wiki) - Aufgestellt im Bamberger Dom im Jahr 1237

Dieser Dom übt immer wieder neu seine Faszination aus insbesondere um des Bamberger Reiters willen, der hier 1237 aufgestellt worden ist (Abb. 4)(FK2018), zweihundert Jahre nach dem Tod Kaiser Heinrichs II. und in unmittelbarer Nähe seines Grabes.

Heinrich liebte die Königspfalz in Bamberg. Er hat sie deshalb 1007 - gegen erhebliche Widerstände von Seiten des Bischofs von Würzburg - zum Bistum Bamberg erhoben. Er setzte hier seinen Kanzler als ersten Bischof ein. Um seiner Heiligsprechung willen und um der sonstigen Erinnerung an den Kaiser in Bamberg ist dort 1237 wohl der Bamberger Reiter aufgestellt worden, vielleicht zur Erinnerung an Zeiten, in denen es weniger Unfrieden und Hader innerhalb des Deutschen Reiches und mit dem Papst in Rom gegeben hat als in der Gegenwart des Jahres 1237. Eine Deutung zum Bamberger Reiter lautet (Wiki):

Da die Figur in einer Kirche aufgestellt und keine Grabfigur ist, soll es sich wegen des Baldachins um einen Heiligen handeln. Könige, die Beziehungen zu Bamberg haben und zugleich heiliggesprochen wurden, sind Heinrich II. (1146 heiliggesprochen), der im Dom begraben ist, sowie Stephan I., der mit Heinrich II. verschwägert war, 1083 heiliggesprochen und im Bamberger Dom verehrt wurde. Heinrich war nicht nur römisch-deutscher König, sondern auch Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, und wäre als Kaiser dargestellt worden. Deshalb ist Stephan wahrscheinlicher, wofür die Verwandtschaftsbeziehungen Bischofs Ekbert von Andechs-Meranien, in dessen Amtszeit die Skulptur vermutlich aufgestellt wurde, nach Ungarn sprechen. Der Reiter sei eine Form des Dankes für das Asyl, das Ekbert nach dem Königsmord 1208 bei Andreas II. bis zu seiner Rehabilitierung genoß.

Die Schwester Ekberts war mit dem König von Ungarn verheiratet. Dann würde dazu womöglich auch die weitere Deutung passen (Wiki):

Es wird angenommen, daß der heutige räumliche Bezug zum Doppelgrab des Kaiserpaars Heinrich II. und Kunigunde und zum Fürstenportal Teil der ursprünglichen Anlage und damit in die Deutung einzubeziehen ist: Nach der räumlichen Anordnung ist der steinerne König imaginär durch dieses Portal hineingeritten und hält, dem früheren Grab des Kaiserpaars huldigend zugewandt, inne.

Ekbert war später ein Anhänger Kaiser Friedrichs II. und dessen Statthalter für Österreich. Es ist ja naheliegend, daß König Stephan zur Grablegung Heinrichs II. als dessen Schwager anwesend gewesen ist - zusammen mit der Schwester Heinrichs II.. Oder daß beide später nach Bamberg gekommen sind, um das Grab des Bruders und Schwagers zu besuchen. Da Stephan verehrt wird als derjenige, der den Ungarn das Christentum gebracht hat, mußten ihm und seinen Nachfolgern die Verbindungen nach Deutschland und Bamberg wichtig sein - ebenso wie es natürlich umgekehrt ein Anliegen des Bamberger Bistums gewesen war, die Christianisierung der Ungarn zu fördern und durch Heiligsprechungen zu würdigen.

Das Reiterstandbild bewahrt auch mit diesen Deutungen seine einzigartige Würde. Vom Künstler wurde in ihm das Idealbild eines Herrschers geschaffen wie es zur Stauferzeit erlebt werden konnte.

1499 bis 1513 wurde das "Hochgrab" für das Kaiserpaar durch den Bildhauer Tilman Riemenschneider aus Würzburg geschaffen (Wiki). Es ist wieder von ganz eigenem künstlerischen Wert. Man kann die steinernen Riemenschneider-Reliefs fast noch besser durch Fotografien auf sich wirken lassen als vor Ort in der Kirche (WikiC). Die Riemenschneider-Reliefs machen noch einmal deutlich, wie viele Sagen sich rund um das Leben des Kaiserpaares im Laufe der Jahrhunderte woben, sicherlich gefördert durch die katholische Kirche. Auch in diesen Reliefs geht es um die eheliche "Keuschheit" des Kaiserpaares.

Abb. 5: Relief von Tilman Riemenschneider am Kaisergrab in Bamberg: Der Legende nach lief die Gattin Heinrichs II. über heiße Platten, um zu beweisen, daß sie nicht fremd gegangen war - Man spürt hindurch, daß der Künstler der Meinung war, daß sich die verdächtigenden Männer ihres Verdachtes mehr zu schämen hatten als die verdächtigte Frau

Die von Riemenschneider geschaffenen Figuren sind wie in allen seinen Werken ergreifend - ganz unabhängig vom thematischen Anlaß.

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  1. Reconstructing their genomes confirms the historically attested genealogy of the two medieval emperors Otto I (the Great) and Heinrich II (Saint Henry) Harald Ringbauer, Thomas Wozniak, Joerg Feuchter, Goran Runfeldt, Raffaela Angelina Bianco, Ganyu Zhang, Kay Pruefer, Joerg Orschiedt, Annika Simm, Paul Maier, Michael Sager, Veit Dresely, Johannes Krause, Harald Meller and Donat Wehner. bioRxiv. posted 20 March 2026, 10.64898/2026.03.18.712637 (biorxiv2026)

Samstag, 21. März 2026

Breitete sich die Hinkelstein-Kultur durch Massaker aus?

Zu den europäischen Ethnogenesen am Ende der Bandkeramik um 5.000 v. Ztr.

Mit den gewaltsamen Auseinandersetzungen am Ende der Bandkeramik - ab 5.100 v. Ztr. - haben wir uns schon in einem früheren Blogbeitrag auseinander gesetzt (Stg20).

Abb. 1: Das Portal der nordirischen Dorfkirche von Clonfert, über dem 16 in Stein gemeißelte abgeschnittene menschliche Köpfe "präsentiert" werden (Wiki) (aus: Stg2021) - Ein Nachhall vorchristlicher Geisteshaltungen

Wenn man verschiedene, inzwischen durch die Archäogenetik besser verstandene Ethnogenese-Prozesse miteinander vergleicht - im Wiener Becken und in Südfrankreich um 5.700 v. Ztr., an der Seine und in der Bretagne um 5.100/4.700 v. Ztr., an der Mittleren Wolga um 4.500 v. Ztr., die Entstehung der heutigen europäischen Völker um 500 n. Ztr. in Böhmen, Süddeutschland, Frankreich und Norditalien - dann wird es vermutlich immer so gewesen sein, daß anfangs zwei sehr unterschiedliche Völker miteinander im Krieg standen. Für den Ausgang des jeweiligen Krieges wird dabei nicht entscheidend sein, wer die ursprünglich imperialistische Kriegspartei gewesen ist. Es muß das jedenfalls nicht zwangsläufig die nachmals siegreichen Partei gewesen sein.

Entscheidend aber wird sein, daß sich die Männer der jeweils langfristig siegreichen Kriegspartei mit den Frauen der unterlegenen Kriegspartei vermischt haben und daß dieser Vermischungsprozeß dann die Ethnogenese ist, die es zu verstehen gilt. Die vorherrschenden Y-Chromosomen nach der Ethnogenese sind dann ein Verweis auf die Sieger des jeweiligen Krieges - mehr im Grunde nicht.

Abb. 2: Sitzende Figur, die neben einem Stapel abgeschlagener Köpfe eine Axt schärft - Auf dem Silberbecher von Karashamb in Armenien 2.100 v. Ztr., der stolz das Geschehen um das dortige "Kommen der Indogermanen" festhält (mehr dazu hier: Stg23)

Für die Endzeit der Bandkeramik deutet sich zum Beispiel an: Kriege mit den Völkern am Rande des bandkeramischen Siedlungsraumes könnten anfangs siegreich gewesen sein für die Bandkeramiker (wie in Herxheim [Wiki] in der Pfalz bezeugt) - über mehrere Generationen hinweg aber könnten die umliegenden Jäger-Sammler-Völker "dazu gelernt" haben, die Bandkeramiker könnten sich auch in Krieg und Gewaltausbrüchen untereinander gegenseitig geschwächt haben, so daß nach ein, zwei oder mehr Generationen die umliegenden Jäger-Sammler-Völker gegenüber einzelnen Gruppen der Bandkeramiker siegreich gewesen sein konnten und durch Vermischung mit diesen dann neue Völker begründen konnten, die sich dann demographisch ausgebreitet haben - wie in der Wetterau und am Rhein etwa die Hinkelstein-Kultur (5.000-4.800 v. Ztr.) (Wiki) und ihre Nachfolgekulturen. Diese standen zumindest zeitweise im kulturell-religiösen Austausch mit dem Pariser Becken, wo die mittelneolithischen Ethnogenese-Prozesse offenbar am frühesten begonnen haben.

Jedenfalls hat es Massaker gegeben, unter anderem bei Kilianstädten (Wiki) fünfzehn Kilometer nordöstlich von Frankfurt am Main, ebenso bei Talheim (Wiki) bei Heilbronn am Neckar, ebenso in Niederösterreich in Schletz (Wiki) bei Asparn an der Zaya, 50 Kilometer nördlich von Wien und ebenso in Vráble (5.100-4950 v. Ztr.) (Wiki) mit 120 kopflos begrabenen Menschen (1). Vráble liegt 180 Kilometer östlich von Wien, 150 Kilometer nördlich von Budapest und 20 Kilometer östlich der slowakischen Stadt Nitra (s.a. Stg10).

Die beiden erstgenannten Orte liegen im Gebiet der nachfolgenden Hinkelstein-Kultur, auf die die Großgartach-Kultur, die Friedberg-Alzey-Kultur und die Rössener-Kultur folgten. Zumindest einige dieser Kulturen wiesen in ihren kulturellen Merkmalen (z.B. nichtmegalithische Langgräber vom Passy-Typ) auf Verbindungen mit dem Pariser Becken hin, wo es in dieser Zeit die womöglich einschneidendsten kulturellen Entwicklungen gegeben hat. Kilianstätten liegt 15 Kilometer nordöstlich von Frankfurt am Main, 10 Kilometer nördlich des Mains, 12 Kilometer südlich von Altenstadt in der Wetterau und 20 Kilometer südlich von Friedberg in der Wetterau. Über die in der Nähe des Massakers bei Kilianstädten gelegenen Siedlung erfahren wir nun den hochinteressanten Hinweis (Wiki),

... daß die Siedlung nach dem Massaker noch etwa zwei Generationen lang bestehen blieb. Dann jedoch endete die linienbandkeramische Kultur auch in der Wetterau und wurde von den nachfolgenden mittelneolithischen Kulturen wie der Hinkelstein-Gruppe abgelöst.

Das ist für uns jener Hinweis, der die eingangs dieses Blogartikels getätigten Überlegungen ausgelöst hat. Welches kriegerische Geschehen hier auch immer stattgefunden haben mag - ob innerhalb der Bandkeramik oder Auseinandersetzung mit in abgelegenen Mittelgebirgsregionen lebenden Jäger-Sammler-Völkern (also z.B. aus der Rhön): die Auseinandersetzung ist nicht innerhalb einer Generation entschieden worden. Wir haben hier ein komplexeres Geschehen vorauszusetzen.

Schließlich gibt es noch das Massaker von Halberstadt (Wiki), bei dem die Opfergruppe ähnlich aus weit entfernteren Regionen zu stammen scheint wie die Opfergruppen von Herxheim (Wiki):

Im Unterschied zu den Opfern des Massakers von Kilianstädten, des Massakers von Talheim und des Massakers von Schletz, die an ihrem Wohnort getötet wurden, sind die Opfer von Halberstadt nicht am Ort ihres Todes aufgewachsen. Dies konnte durch eine Strontiumisotopenanalyse des Zahnschmelzes sowie durch zwei weitere Isotopenuntersuchungen (13C / 12C und 15N / 14N) von Knochen-Kollagenen belegt werden; die Strontiumisotopenanalyse ermöglicht Aussagen über die mineralogische Beschaffenheit des Bodens während der Zahnbildung, die beiden anderen über die Zusammensetzung der Nahrung. Auch das Fehlen von Kindern und das Überwiegen junger Männer wurde im 2018 publizierten Fachartikel als Besonderheit des Geschehens von Halberstadt bewertet. Aus diesen Fakten leiteten die Ausgräber ab, daß es sich bei den Toten eher um gefangengenommene Angreifer eines mißlungenen Überfalls als um attackierte Bewohner der linearbandkeramischen Siedlung handelte. Auch wurden die Toten von Halberstadt durch wenige, gleichartige und gezielte Schläge gegen den Hinterkopf getötet, was auf eine Hinrichtung hinweist. 

Auch das Massaker von Schletz  (Wiki) und das Massaker von Talheim  (Wiki) weisen auf überregionale kriegerische Zusammenhänge auf, da jeweils viele (nicht alle) Getöteten nicht aus der Gegend vor Ort stammten.

Abb. 3: Die befestigten bandkeramischen Siedlungen von Vráble, 180 Kilometer östlich von Wien, 150 Kilometer nördlich von Budapest und 20 Kilometer östlich der slowakischen Stadt Nitra  

Wir hatten ja auch schon in der Bretagne Hinweise auf gewaltsame Auseinandersetzungen einheimischer Walfänger mit - ggfs. Nachkommen zugewanderter Bauern - gesehen, die stattfanden als die dortige mittelneolithische hierarchische Carnac-Kultur mit Jadebeil-Herrschern entstand. 

Man halte sich auch vor Augen: Am Ende dieser kriegerischen Auseinandersetzungen standen in den meisten Fällen nicht mehr vorwiegend egalitäre Gesellschaften wie wir es bei der Bandkeramik voraussetzen können, sondern sozial und hierarchisch geschichtete Gesellschaften mit einem "Reichsadel", mit freien Bauern und mit Hörigen (Sklaven).

Deshalb seien auch noch einmal die Ausführungen des folgenden Zitats von Svend Hansen über das westeuropäische, mittelneolithische Herrschafts-Insignium der Jade-Beile gebracht, dem im östlichen Europa das Kupferbeil an die Seite gestellt werden kann (2):

Zu den faszinierendsten Objekten des 5. und 4. Jahrtausends v. Ztr. gehören die Jadebeile. Sie sind mit großer Präzision gefertigt, perfekt poliert und meistens nahezu makellos erhalten. Man findet sie in weiten Teilen West- und Mitteleuropas. Vor allem in der Bretagne spielten sie als Grabbeigabe eine wichtige Rolle. Auf den Tragsteinen der Megalithgräber sind sie in großer Zahl im Relief abgebildet.
Lange Zeit rätselte man über die Herkunft der Jade und dachte im 19. Jh. sogar an Verbindungen nach China. Erst vor wenigen Jahren wurden die prähistorischen Steinbrüche in den Westalpen wiederentdeckt. Mittels naturwissenschaftlicher Messverfahren ist es nun sogar möglich, die Herkunft von Jadebeilen aus ganz bestimmten Steinblöcken zu ermitteln. Für die Rekonstruktion der Austauschsysteme im steinzeitlichen Europa wird dies völlig neue Dimensionen eröffnen.
Die ersten Jadebeile traten etwa zur selben Zeit auf, als in Südosteuropa erstmals Beile aus Kupfer hergestellt wurden und an einigen Jadebeilen läßt sich erkennen, daß anscheinend versucht wurde, die kupfernen Beile zu imitieren.
Die ausgezipfelte Schneide des Beils aus dem südwestfranzösischen Pauilhac ist bei einem Steinbeil widersinnig. Bei einem Kupferbeil entsteht sie durch das Aushämmern und Schärfen der Schneide.
Die fünf Beile wurden bereits 1850 auf einer Anhöhe, dem Kästrich bei Gonsenheim, gefunden und steckten nach Angaben der Finder in einem Lederfutteral. Sie besitzen einen spitzen Nacken und nur mäßig scharfe oder stumpfe Schneiden. Die Beile sind sehr flach, nämlich nur zwischen 1,1 und 2,3 cm dick. Die Oberfläche ist überaus sorgfältig geschliffen und poliert. (...)
Natürlich handelt es sich nicht um Arbeitsbeile, mit denen man Bäume fällte, sondern um Prunkbeile, welche man sorgfältig aufbewahrte. Das erwähnte Lederfutteral war schon notwendig, um die Schneiden vor Bestoßungen zu schützen. (...) Obwohl sie keinen unmittelbaren praktischen Wert als Werkzeug hatten, waren die Jadebeile alles andere als nutzlos. Soweit sich aus ethnographischen Quellen erschließen läßt, wurden große Prunkbeile vor allem für Zahlungen und Leistungen unterschiedlichster Art verwendet. Auf Neu-Guinea waren sie ein wichtiger Bestandteil der Brautpreiszahlungen. Das bedeutet vereinfacht gesagt, daß man nur heiraten konnte, wenn man solche Prunkbeile besaß. Dieser simple Mechanismus setzte eine Vielzahl von sozialen Aktivitäten in Gang, durch die man sich in den Besitz solcher Prunkbeile brachte.

Jedenfalls macht es Sinn, solche vielfältigen Massaker und kriegerischen Auseinandersetzungen im Auge zu behalten, wenn man die Ethnogenese der mittelneolithischen Kulturen verstehen will, bei denen es offenbar sehr häufig zu genetischen Austauschvorgängen gekommen ist.

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  1. Andrew Curry: A headless mystery. Archaeologists find evidence that a wave of mass brutality accompanied the collapse of the first pan-European culture 20 Nov 20252 (ScMag2025)
  2. Archäologische Funde aus Deutschland ausgewählt und kommentiert von Svend Hansen. Begleitheft zur Fotoausstellung. Berlin 2010, S. 28f (pdf)

Donnerstag, 19. März 2026

Die Lengyel- und die Trichterbecher-Kultur zwischen Oder und Weichsel

Die Ausbreitung der Lengyel-Kultur vom Donauraum ausgehend

Im vorletzten Blogartikel sind wir auf die Frage gestoßen, ob die Trichterbecherkultur zwischen den Unterläufen von Oder und Weichsel entstanden sein könnte (Stg2026). Die Frage, wo die Trichterbecherkultur entstanden ist, wird sicherlich in den wenigen nächsten Jahren von der Archäogenetik geklärt werden. Indem wir in wissenschaftliche Aufsätze von polnischen Archäologen hinein schauen (1-5), können wir aktuell für uns diese Frage weder klären, noch auch besser eingrenzen. Dennoch können wir unser Gesichtsfeld nach und nach erweitern.

Abb. 1: Gefäße der Jordansmühler Kultur aus Schammerwitz (poln. Racibórz) im Kreis Ratibor in Oberschlesien (Schlesisches Museum Kattowitz) (Wiki) - Auch zugerechnet der Malice-Kultur, bzw. der Lengyel-Kultur

Im letzten Blogartikel (Stg2026) hatten wir uns eingangs auf einen Aufsatz von Marek Nowak (UniKrakau) (Acad) (Resg) bezogen (Nowak2019). Das soll im vorliegenden Blogartikel fortgesetzt werden. Nowak dürfte etwa derselbe Jahrgang sein wie der Verfasser dieser Zeilen (Jg. 1966) (UniKrakau). Nowak hat 2024 in einem ausführlichen polnischsprachigen Interview recht ausführlich über archäogenetische Erkenntnisse gesprochen (Yt2024). Das beeindruckt uns zusätzlich. Mehr dazu weiter unten. 

Schon seine Habilitation im Jahr 2009 war dem Thema der "zweiten Phase der Neolithisierung" zwischen Oder und Weichsel gewidmet. Durch seinen Aufsatz von 2019 lernen wir noch am ehesten Neues zur Charakteristik der Trichterbecherkultur - auch wenn wir der Klärung ihrer Urheimat damit nicht näher kommen. Nowak charakterisiert die Entwicklungen an der Oder und an der Weichsel nach dem Niedergang der Bandkeramik ab 4.900 v. Ztr. folgendermaßen (Nowak2019, S. 106):

Auf den Niedergang der Bandkeramik (LBK) folgte in der ersten Hälfte des 5. Jahrtausends v. Ztr. die Entwicklung der Stichbandkeramik in Westpolen sowie der sogenannte Lengyel-Polgár-Zyklus bzw. -Komplex. Letzterer Begriff umfaßt mehr als ein Dutzend kleinere Gruppen, die sich im 5. und frühen 4. Jahrtausend v. Ztr. in weiten Teilen Polens (innerhalb der im Text beschriebenen Siedlungskammern) entwickelten. Gemeinsames Merkmal dieser Gruppen ist ihre starke Anlehnung an die in den Kulturzentren von Lengyel und Tisa entstandenen kulturellen Muster.
The decline of LBK is followed by the development of the Stroked Pottery culture in western Poland in the first half of the 5th millennium BC, and the so-called Lengyel-Polgár cycle/complex. The latter term covers more than a dozen smaller groups developing in the 5th and early 4th millennia BC throughout most of Poland (within the enclaves discussed in the text). The trait shared by these groups is their strong dependence on cultural patterns created in that time in the Lengyel and Tisa cultural centres.

Die hier erwähnte Stichbandkeramik (4.900-4.500 v. Ztr.) (Wiki) hat in Böhmen genetisch die Bandkeramik ungebrochen fortgesetzt (Stg2021). Entsprechendes wird man deshalb auch für die Stichbandkeramik in Schlesien und Kleinpolen voraussetzen können. Wir lesen interessanterweise (Wiki):

Die böhmische Stichbandkeramik zeigt wie die polnische Stichbandkeramik einen deutlichen Einfluß der Lengyel-Kultur.

Nun, anfangs zeigten sich vermutlich kulturelle "Einflüsse", später scheint die Lengyel-Kultur als Jordansmühler Kultur (poln. Jordanow-Kultur) (Wiki) ab 4.300 v. Ztr. in Böhmen eine neue Genetik mit sich herein gebracht zu haben (Stg2021). Dementsprechend wird man annehmen können, daß sie dies auch in Schlesien und in Kleinpolen getan hat. Dort ist auch von der Lengyel-Untergruppe der Malice-Kultur die Rede (Abb. 1).

Ob und in welchem Umfang sich die Lengyel-Kultur - und damit sicherlich auch ihre -Genetik - bis an die Untere Weichsel und ggfs. bis an die Untere Oder ausgebreitet hat in die dortigen bisherigen Siedlungskammern der Bandkeramik, wird nicht im Detail beschrieben. Es könnte das aber eine wichtige Frage sein, falls die Trichterbecherkultur im Weichselraum aus der Lengyel-Kultur heraus entstanden sein sollte wie von uns neuerdings gemutmaßt (Stg2026).

Marek Nowak macht dann aber insbesondere aufmerksam auf die weiten Regionen zwischen Oder und Weichsel und darüber hinaus, in denen es keine bandkeramischen Siedlungskammern gegeben hat. Dieses Siedlungsmuster sei auch durch die Ausbreitung der Lengyel-artigen Kulturen nicht geändert worden. Er meint (Nowak2019), ...

... daß bis zum Ende des 5. Jahrtausends v. Ztr. mindestens ca. 70 % des betreffenden Gebiets noch außerhalb der Ausdehnung kompakter neolithischer Siedlungen lagen (Kozłowski, Nowak 2018b).
... that until the end of the 5th millennium BC at least approx. 70% of the territory under discussion still remained beyond the extent of compact Neolithic settlement (Kozłowski, Nowak 2018b).

Genau auf diese von der Bandkeramik nicht besiedelten Gebiete hatte Nowak ja schon 2021 sein Augenmerk gerichtet (s. Stg2021). Nowak weist darauf hin, daß in der zweiten Hälfte des 5. Jahrtausends v. Ztr. in Masuren und in anderen östlichen Gegenden Keramik der Narwa- und der Dnjepr-Donez-Kultur aufgetreten ist. Es handelt sich hierbei um weiterhin mesolithisch lebende Kulturen, die noch keinen Ackerbau kannten, vergleichbar der Fischersiedlung der Ertebolle-Kultur in Neuwasser (poln. Dabki) an der Pommerschen Ostsee-Küste (Stg2017).

Ein neues Modell von Ackerbau: Die Trichterbecher-Kultur

Dann kommt Nowak auf die großen Neuerungen zu sprechen, die durch die Trichterbecher-Kultur in Erscheinung traten (Nowak2019):

Ab dem späten 5. Jahrtausend v. Ztr. begannen an den Flußläufen der Weichsel und der Oder komplexe kulturelle Veränderungen. Diese gingen mit der Ausbreitung eines neuen Modells der Ackerbaukultur in dem hier erörterten Teil Europas einher, die nicht nur die erwähnten fruchtbaren Siedlungskammern besiedelten. Dieses neue Modell, den Archäologen als Trichterbecherkultur (TRB) (Abb. 11) bekannt, erstreckte sich tatsächlich über ein viel größeres Gebiet, von den Niederlanden bis in die Westukraine, einschließlich Südskandinaviens, wo es den Beginn des Neolithikums markierte. An den Flußläufen von Weichsel und Oder, wie auch in anderen Gebieten innerhalb des Verbreitungsgebiets der TRB, läßt sich ein Phänomen beobachten, das man als „das Auffüllen der Landschaft“ bezeichnen könnte. Es sind sehr viele TRB-Fundstätten bekannt, deutlich mehr als jene der Donau-Kulturen (was an sich schon rätselhaft ist), ...

... Mit Donau-Kulturen sind gemeint: Bandkeramik, Stichbandkeramik und Lengyel-Kultur samit ihrer Untergruppen Jordansmühler Kultur, Malice-Kultur oder Brester Kultur ... 

... und sie wurden in nahezu allen ökologischen Zonen nachgewiesen, nicht nur in den fruchtbarsten Gebieten, wie sie von früheren neolithischen Siedlungen bevorzugt wurden. Damit ist die TRB die erste neolithische Kultur, die die zuvor nicht neolithisierten Gebiete in den Tälern der Weichsel und der Oder besiedelte, was de facto den größten Teil des Untersuchungsgebietes umfaßt. Dieses Phänomen, die Ausbreitung des Trichterbecher-Neolithikums in Gebiete außerhalb der vorherigen neolithischen (von der Donau her bestimmten) Besiedlung, wurde daher einst als zweite Phase der Neolithisierung bezeichnet (Nowak 2001; 2009). Letztlich erwies sich dieser Prozeß vielleicht sogar als bedeutsamer als die erste Neolithisierung. So oder so besiedelte die neolithische Formation um die Mitte des 4. Jahrtausends v. Ztr. schließlich relativ kompakt den Großteil des polnischen Territoriums. Als Beispiel für diese Besiedlung kann das zentrale Großpolen angeführt werden (Wierzbicki 2013).
From the late 5th millennium BC onwards, complex cultural transformations started to take place in the Vistula and Oder basins. They were associated with the spread of a new model of farming culture throughout most of the discussed part of Europe, and not only the above-mentioned fertile enclaves. This new model, known to archaeologists as the Funnel Beaker culture (TRB) (Fig. 11), actually covered a much larger area, from the Netherlands to western Ukraine, including the south-Scandinavian zone, where it marked the beginning of the Neolithic. In the Vistula and Oder basins, as in other territories within the TRB range, we can observe a phenomenon that can be called a filling-in of the landscape. A very large number of TRB sites are known, many more than those of the Danubian cultures (which in itself is puzzling), and they have been recorded in nearly all ecological zones, not only in the most fertile areas, as preferred by previous Neolithic settlement. This makes TRB the first Neolithic culture to have covered the previously not Neolithicized areas in the Vistula and Oder basins, which de facto means most of the territory of our interest. Therefore, this phenomenon, i.e. the spread of the ‘Beaker’ Neolithic to areas outside previous Neolithic (Danubian) occupation, was once called the second stage of Neolithisation (Nowak 2001; 2009). In the end, this process proved perhaps even more important than the first Neolithisation. One way or another the Neolithic formation eventually filled, in a relatively compact manner, the majority of the Polish territories around the mid-4th millennium BC. As an example of this filling in of the landscape one can present the case of central Greater Poland (Wierzbicki 2013). 

Mit "Großpolen" ist gemeint das Gebiet an der Mittleren Weichsel rund um die Stadt Posen in der ehemals auch von Deutschen besiedelten Provinz Posen. Zu dieser Region macht Nowak die folgenden Feststellungen (Nowak2019):

In dieser Region gibt es mehr als 3100 Trichterbecher-Fundstellen und weniger als 150 Fundstellen der Bandkeramik und des jüngeren Donau-Neolithikums, wobei die Trichterbecher-Fundstellen dieses Gebiet mehr oder weniger gleichmäßig bedecken (Abb. 12).
There are more than 3100 TRB sites and fewer than 150 sites of LBK and Younger Danubian Neolithic in the region, with TRB sites covering this area more or less uniformly (Fig. 12).

Das heißt also, daß sich die besiedelten Fläche zwischen Weichsel und Oder um nicht weniger als um das 20-fache vergrößert hat!

Abb. 2: Die Trichterbecher-Kultur in der Region der Mittleren Warthe rund um die Stadt Posen (Nowak2019)

Womöglich ist das ein Umbruch wie es ihn so deutlich westlich der Oder nicht gegeben hat. In der hessischen Wetterau bespielsweise hat es nach der Bandkeramik und bis zum Frühmittelalter nie wieder eine so dichte Besiedlung gegeben wie zur Zeit der Bandkeramik. Liegt das daran, daß es in der Zone der deutschen Mittelgebirge mehr Schwarzerdeböden gegeben hat als zwischen Oder und Weichsel? Diese Frage wäre an anderem Ort noch einmal aufzugreifen. Nun wendet sich Nowak der Frage der Entstehung der Trichterbecherkultur direkter zu (Nowak2019):

Das grundlegende Problem des beschriebenen Prozesses ist die Entstehung der TRB und der Mechanismus ihrer Verbreitung. Dies ist sicherlich eine der umstrittensten Fragen des mitteleuropäischen Neolithikums und wurde lange diskutiert und analysiert (z. B. Czerniak 1994; 2018; Grygiel 2016; Jażdżewski 1936; Kośko 1981; Kowalczyk 1970; Kukawka 2015; Nowak 2009; 2017; Wiślański 1979a), natürlich nicht nur im Hinblick auf das Gebiet Polens (z. B. Fischer 2003). Ohne auf Details einzugehen, sei betont, daß all diesen Erörterungen aufgrund ihrer lokalen Betrachtungsweise gewisse Mängel innewohnen. So wurde beispielsweise die Entstehung der TRB in Dänemark so analysiert, als ob den Forschern nicht bewußt wäre, daß die TRB auch außerhalb ihrer nördlichen Gruppe oder außerhalb Dänemarks existierte. Und ebenso wenig reichen die in Polen geführten Diskussionen über dieses Thema über die Grenzen Polens hinaus, als hätten die Archäologen vergessen, daß TRB auch anderswo vorkommt, beispielsweise in Südschweden, den Niederlanden oder Mähren.
The basic problem associated with the described process is the genesis of TRB and the mechanism of its spread. This is surely one of the most controversial issues of the central European Neolithic, and it has long been discussed and analysed (such as Czerniak 1994; 2018; Grygiel 2016; Jażdżewski 1936; Kośko 1981; Kowalczyk 1970; Kukawka 2015; Nowak 2009; 2017; Wiślański 1979a), of course not only with respect to the territory of Poland (e.g., Fischer 2003). Without going into details, it should be emphasised that all these discussions are somewhat flawed due to their local scales. For example, the genesis of TRB in Denmark has been analysed as if the scholars were unaware that TRB also existed outside its northern group, or outside Denmark. And likewise, discussions on the issue carried out in Poland, hardly ever reach beyond the borders of Poland, as if the archaeologists have forgotten that TRB is present also elsewhere, for example in southern Sweden, the Netherlands, or Moravia.

Ganz genau.

Marek Nowak auf Youtube (2024)

Wie schon oben erwähnt, findet sich ein recht guter Vortrag von Marek Nowak auf Polnisch (Yt2024). Gute Vorkenntnisse, übersetzte Untertitel und die vielen Abbildungen ermöglichen es auch jemandem, der nicht Polnisch kann, inhaltlich zu folgen. 

Wir hören da allerdings die Ungenauigkeit heraus, daß sich die Bandkeramiker "immer wieder", "sporadisch", "ein wenig" mit einheimischen Mesolithikern vermischt hätten. Das war so nicht, soweit wir das überblicken. Vielmehr war das ein weiter wirkendes genetisches Signal der Gründerpopulation der Bandkeramiker im Wiener Becken. Derselben Ungenauigkeit scheint Nowak auch zu unterliegen, wenn er über die Herkunft der Trichterbecher-Kultur in Dänemark spricht. Die Möglichkeit, daß die Jäger-Sammler-Komponente in der Trichterbecherkultur von den Karpaten-Jäger-Sammlern stammen könnte, erwähnt Nowak mit keinem Wort.

Immerhin sind wir erstaunt, daß Nowak auf die Studien von Allentoft et al von 2022 und 2024 eingeht (aus der dänischen Forschungsgruppe um Willerslev). Aber er erwähnt die Böhmen-Studie von Papac et al von 2021 (aus den Forschungsgruppen um Wolfgang Haack und Johannes Krause) offenbar nicht. Auch erwähnt er dementsprechend mit keinem Wort, daß die Jordansmühler (Jordanov-) Kultur mit einem Herkunftsanteil von Karpaten-Jägern-Sammlern einher geht (Papac et al) und ebenso - womöglich - die Trichterbecher-Kultur in Dänemark (Allentoft et al 2024).

Eine archäogenetische Magisterarbeit an der Universität Uppsala (2023)

Vierzig Kilometer nördlich von Krakau lieg Miechów (UniKrakau). Hier findet eine Ausgrabung unter der Leitung von Marek Nowak statt. Und hier wurden Angehörige fast aller aufeinanderfolgenden archäologischen Kulturen gefunden, die es in dieser Region bis ins Mittelalter überhaupt gegeben hat. Genetische Daten aus dieser Ausgrabung wurden 2023 unter Betreuung der schwedischen Archäogenetikerin Helena Malmström (Acad) in einer Magisterarbeit der jetzigen schwedischen Doktorandin Freja Lindstedt (UniUppsala)(X) veröffentlicht (Lindstedt2023):

Laut archäologischen Funden war die Fundstätte Miechów vom frühen Neolithikum über das späte Neolithikum, die Bronzezeit und die Eisenzeit bis ins Mittelalter besiedelt (Mnich et al. 2020). Das Material umfaßt die Skelettreste von 42 Individuen, die in 28 Gräbern beigesetzt wurden. Von 37 dieser Individuen konnte bisher durch Shotgun-Sequenzierung alte DNA gewonnen werden. Die vertretenen Kulturen reichen, den archäologischen Daten zufolge, vom frühen Neolithikum (Linearbandkeramik, Lengyel-Polgár-Komplex sowie Lublin-Wolhynische und Malice-Kultur) über das mittlere Neolithikum (Trichterbecherkultur) und Kulturen der Bronzezeit und frühen Eisenzeit (Trzciniec- und Lausitzer Kultur) bis zur späten Eisenzeit (Przeworsk-Kultur). Bemerkenswert ist die zeitliche Lücke von einem Jahrtausend zwischen dem jüngsten Individuum der Trichterbecherkultur und dem frühesten Individuum der Trzciniec-Kultur. Die Fundstätte bietet ein einzigartiges Zeugnis der Bestattungsgeschichte eines einzigen Ortes über 5000 Jahre.
According to the archaeological record, the Miechów site was populated from the early Neolithic, through later Neolithic periods, the Bronze Age, the Iron Age and up until the Middle Ages (Mnich et al. 2020). The material includes skeletal remains of 42 individuals buried across 28 burials. Ancient DNA through shotgun sequencing has so far been recovered from 37 of these individuals. According to archaeological data, the cultures represented span from the Early Neolithic (Linear Band Pottery culture, the Lengyel-Polgár complex, and the Lublin-Wolhynian and Malice cultures), through Middle Neolithic (Funnel Beaker culture) and Bronze Age and Early Iron Age cultures (the Trzciniec culture and the Lusatian culture) to the Late Iron Age (Przeworsk culture). Notably, there is a time-gap of a millenium in the continuity between the latest Funnel Beaker culture individual and the earliest Trzciniec culture individual. The site presents a unique record of a single site’s burial history across 5000 years.

Erstaunlich und verwirrend, daß so wichtige Ergebnisse von einer Einzelautorin in einer Magisterarbeit veröffentlicht werden und nicht in einer angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift mit vielen Autoren, von denen dann einige womöglich auch noch tiefer gehende Analysen des Datenmaterials hätten vornehmen können und sie anderen Studien hätten zuordnen können wie der von uns als so wertvoll angesehenen Böhmen-Studie von 2021 (Stg2021) oder auch der Willerslev-Studie von 2024.

Abb. 3: Archäogenetik in Kleinpolen (Lindstedt 2023) - Die schwarz umrandeten Symbole markieren Miechów-Menschenfunde 

Deutlich ist in der mitgegebenen Grafik (Hauptkomponentenanalyse), daß die Malice-Kultur (dunkelgrüne Quadrate) genetisch schon von der Bandkeramik (hellgrüne Quadrate) abweicht. Noch weiter weicht die Trichterbecher-Kultur (dunkelblaue Kreise) von der Bandkeramik ab.

Die Trichterbecher-Kultur liegt hier genetisch in der Nähe von Lengyel-Polgar (dunkelbraune Quadrate), der mittelneolithischen Bauern in Wolhynien (hellbraune Quadrate) und der "Brester Gruppe" (BKG; hellrote Quadrate). Auffallender Weise liegt ein Individuum der Brester Gruppe genetisch sogar im Bereich der mesolithischen westeuropäischen Jäger und Sammler.  

In der Magisterarbeit werden aber keine Untersuchungen vorgenommen zur Herkunft des Jäger-Sammler-Anteils der genannten Kulturen so wie in der von uns ausgewerteten Böhmen-Studie von 2021 (Stg2021) oder auch in der Willerslev-Studie von 2024. Als Ergebnisse werden in der Arbeit formuliert (Lindstedt2023):

Die bandkeramischen Individuen aus Miechów gruppieren sich mit frühneolithischen anatolischen Bauern und bandkeramischen Individuen aus früheren Studien, sowohl polnischen als auch nicht-polnischen (...). Die der Malice-Kultur zugehörigen Individuen aus Miechów, sowie die der Lengyel-Polgár- und der Lublin-Wolhynien-Kultur zugehörigen Individuen liegen in der Nähe der bandkeramischen Individuen von aus Miechów (hellgrüne Quadrate in Abbildung 10), jedoch im Allgemeinen etwas niedriger auf PC1 und höher auf PC2 als die frühneolithischen anatolischen Bauern und die meisten bandkeramischen Miechów-Individuen. 
The Miechów LBK individuals cluster with early Neolithic Anatolian farmers and LBK individuals from previous studies, both Polish and non-Polish (figure 10). The Miechów Malice, Lengyel-Polgár and Lublin-Volhynian individuals fall close to the Miechów LBK individuals (light green squares in figure 10), but generally a little lower on PC1 and higher on PC2 than the early Neolithic Anatolian farmers and most of the Miechów LBK individuals. 

Das ist ein deutlicher Hinweis dafür, daß sich mit dem Lengyel-Komplex (Jordansmühler-Kultur, Malice-Kultur, Brester Kultur) eine neue Population ausgebreitet hat. Bei der Trichterbecher-Kultur scheint dann noch eine weitere genetische Komponente hinzu gekommen zu sein. Wir lesen (Lindstedt2023):

Die der Trichterbecher-Kultur zugehörigen Individuen aus Miechów liegen größtenteils noch niedriger auf PC1 und unverändert auf PC2, ebenso wie die anderen Trichterbecher-Individuen, sowohl polnische als auch nicht-polnische, sowie die polnischen Individuen der Kugelamphoren-Kultur. Die der Trichterbecher-Kultur zugehörigen Individuen von Miechów sind anderen polnischen Trichterbecher-Individuen näher als den deutschen oder den schwedischen TRB-Individuen. Eines der Individuen aus der TRB-Fundstätte Miechów, poz1115, liegt auf der ersten Hauptkomponente (PC1) deutlich niedriger und gruppiert sich mit Individuen aus der Bronze- und Eisenzeit, nahe dem BKG-Individuum N42 aus Fernandes et al. (2018).
The Miechów TRB individuals mostly fall even lower on PC1 with no change on PC2, as do the other TRB individuals, both Polish and non-Polish, as well as the Polish GAC individuals. The Miechów TRB individuals fall closer to other Polish TRB than German or Swedish TRB. One of the Miechów TRB individuals, poz1115, fall much lower on PC1, clustering with the Bronze Age and Iron Age individuals, close to BKG individual N42 from Fernandes et al. (2018).

Ob die Angabe: "Die der Trichterbecher-Kultur zugehörigen Individuen von Miechów sind anderen polnischen Trichterbecher-Individuen näher als den deutschen oder den schwedischen TRB-Individuen" von Bedeutung ist, um die Entstehung der Trichterbecher-Kultur zu erklären? Die schwedischen und die deutschen Trichterbecher-Individuen scheinen in der Tat eine genetisch andere Signatur aufzuweisen. Das könnte von Bedeutung sein. Dann hat es womöglich doch mehrere Ethnogenesen gegeben (?!?).

Die Kugelamphoren-Kultur bildet genetisch dann doch eindeutig wieder eine andere genetische Gruppe (in Abb. 3 hellila Kreise). Mit dieser - wie uns scheint - noch sehr vorläufigen Analyse von so wesentlichen Funden müssen wir uns einstweilen wohl zufrieden geben.*)

Nach dem Ende der Bandkeramik ...

Nach dem Ende der Bandkeramik kam es nicht nur in Westeuropa, sondern auch zwischen Oder und Weichsel zu einer Regionalisierung. Dabei wies die Stichbandkeramik auch an der Oder mit hoher Wahrscheinlichkeit - wie in Böhmen - genetische Kontinuität mit der Vorbevölkerung auf. Ähnlich vielleicht auch die "Late Band Pottery Culture" (LBPC), als die gelegentlich in Kujawien die nachbandkeramische Kultur bezeichnet wird (Abb. 4) (Żurkiewicz2024). Es gibt dazu unter Archäologen aber unterschiedliche Einschätzungen. Von einigen wird die "Late Band Pottery Culture" ebenfalls der Stichbandkeramik zugeordnet (Żurkiewicz2024).

Abb. 4: Rössener Kultur - Stichbandkeramik (SBK), bzw. "Late Band Pottery Culture" (LBPC) - Lengyel- Malice- und Tiszapolgar-Kultur (Żurkiewicz2024)

Aber bemerkenswert erscheint es allemal, daß es zwischen der Bandkeramik und der "Late Band Pottery Culture" in Kujawien eine Siedlungslücke ("Hiatus") gegeben zu haben scheint (Żurkiewicz2024):

Die inzwischen festgestellte chronologische Lücke zwischen der LBK und der LBPC ist vermutlich auf eine Krise der ersten Bauerngemeinschaften zurückzuführen, die sie zwang, dauerhafte Siedlungen und Ackerbau aufzugeben und stattdessen Viehzucht und temporäre Siedlungen zu betreiben. Daraus entstanden Gemeinschaften, die als LBPC klassifiziert werden (Czerniak – Pyzel 2019, 62). Die weitere Entwicklungsphase, die mit der Brześć-Kujawski-Kultur (BKC) verbunden ist, zeichnet sich durch eine erneute wirtschaftliche und siedlungsbezogene Stabilisierung aus, die sich unter anderem in mehrphasigen Siedlungen mit trapezförmigen Langhäusern manifestiert.
The  currently  revealed  chronological  hiatus  between  the  LBK  and LBPC was likely caused by a crisis experienced by the first farmers communities that forced them to abandon permanent settlements and agriculture and instead base their ex-istence on animal husbandry and temporary settlements. The result was the emergence of communities classified as the LBPC (Czerniak – Pyzel 2019, 62). The further stage of their development associated with the Brześć Kujawski culture (BKC) is characterised by re-newed economic and settlement stabilisation appearing, among other ways, as multi-phase settlements featuring trapezoidal longhouses.

Vielleicht haben sich mit der LBPC nach einer Siedlungslücke unmittelbare Nachkommen von Bandkeramikern regional erneut ausgebreitet? So auch die Annahme einiger polnischer Archäologen (Żurkiewicz2024):

... Vielleicht ist es erlaubt, zumindest einige dieser (LBPC-)Gemeinschaften als Gruppen neu zugewanderter Migranten zu interpretieren, die in fremde Gebiete kamen. Bis vor Kurzem wurde der Ursprung der LBPC mit den LBK-Gemeinschaften in Verbindung gebracht, die neue Migrationswellen und Einflüsse aus anderen Kulturzentren aufnahmen (Czerniak 1994b, 60; Czerniak 2012, 155–156). Daher ging man davon aus, daß sich die LBK-Gemeinschaften im polnischen Tiefland kontinuierlich weiterentwickeln und allmählich in die LBPC übergehen würden. Neuere Daten, die auf die relativ kurze Dauer der LBK-Gemeinschaften im polnischen Tiefland und ihr Verschwinden um 5100 v. Ztr. (Whittle et al. 2022) hinweisen, sowie die Möglichkeit einer frühesten Datierung des Ursprungs der LBPC auf etwa 4800 v. Zt. (Czerniak et al. 2016) legen jedoch ein alternatives Konzept für die Entstehung dieser späteren Gemeinschaften nahe. Die Hypothese von Grygiel (2004, 631) gewinnt daher an Glaubwürdigkeit, da sie davon ausgeht, daß die Auswanderung der LBK-Gemeinschaften aus dem polnischen Tiefland in das Saalebecken auf ungünstige Klimaveränderungen und die Wiederbesiedlung dieser Zone Europas durch Migranten aus Niederschlesien, die die SBK repräsentierten, zurückzuführen ist.
... Perhaps this allows us to interpret at least some of these communities as groups of new  migrants who arrived in foreign areas. Until recently, the origin of the LBPC was associ￾ated with the LBK communities that absorbed new waves of migrants and influences from  other cultural centres (Czerniak 1994b, 60; Czerniak 2012, 155–156). Therefore, it was  assumed that there would be continuous development of LBK communities that would gradually transform into the LBPC in the Polish Lowlands. Currently, new data indicat￾ing the relatively short duration of LBK communities in the Polish Lowlands and their  disappearance around 5100 BC (Whittle et al. 2022) along with the possibility of the earli￾est dating of the origins of the LBPC to around 4800 BC (Czerniak et al. 2016) promote  an alternative concept of the genesis of these latter communities. Thus, the hypothesis by  Grygiel (2004, 631) is gaining credibility, as it assumes that the emigration of LBK com￾munities from the Polish Lowlands to the Saale Basin was the result of unfavourable  climate changes and the re-population of this zone of Europe by migrants from Lower  Silesia representing the SBK.

Das wäre dann allerdings ein sehr dynamisches Geschehen. Vielleicht geschah das zur Ausbreitung der Rössener Kultur in den Raum der Unteren Oder (?).

Die auf die LBPC folgende Brześć-Kujawski-Kultur könnte dann hingegen schon zum Lengyel-Komplex gehört haben (?). Aber das alles kann offenbar aktuell nur mit Fragezeichen formuliert werden.

Eine frühe Trichterbecher-Siedlung zwischen Warthe und Oder

Als Ausklang sei zunächst nur noch auf zwei polnische jüngere archäologische Studien eingegangen, die sich - auch - mit den Ursprüngen der Trichterbecher-Kultur beschäftigen. Es gibt zu diesem Thema noch viele weitere Studien auf polnischer Sprache zu vielen anderen Regionen zwischen Oder und Weichsel. Eines der Hauptprobleme scheint allerorten die Datierung zu sein, die nicht zuverlässig genug ist oder nicht widerspruchsfrei mit anderen Datierungen zu vereinbaren sind.

Abb. 5: Der Flußverlauf der Warthe (poln. Warta) (Wiki)

Vierzig Kilometer südwestlich der Stadt Posen an der Mittleren Warthe, 32 Kilometer nördlich der Stadt Lissa und 65 Kilometer nordöstlich von Glogau in Schlesien liegt die Ortschaft Kiełczewo (GMaps). Über die rein archäologischen Untersuchungen zu der dort entdeckten Trichterbecher-Siedlung heißt es (Szczepaniak2025):

Diese Arbeit konzentriert sich auf die vielschichtige Analyse der Keramikfunde der Trichterbecherkultur aus Kiełczewo (der Siedlungsgemeinschaft um Kosten [poln. Kościan]). Die Lage des Fundorts im Mittleren Warthe-Becken (Großpolen) macht ihn zu einem wichtigen Schnittpunkt südlicher Kulturen (Schlesien, Tschechien und Mähren) und Kulturen von der Unteren Elbe. Stilistische Analysen zeigen zudem, daß die Keramikfunde von Kiełczewo Elemente der späten Lengyel-Kultur (d. h. der Jordansmühler Kultur [poln. Jordanów-Kultur], die sich in Niederschlesien entwickelte - Stempin, 1995; Wierzbicki, 2013) und der Baalberger Kultur (Mittel- und Ostdeutschland und Tschechien - Preuß, 1966; Zápotocký, 2013) aufweisen. Dies macht die Keramik-Ensemble von Kiełczewo zu einer wichtigen Fallstudie für die Untersuchung der Töpferproduktion und die Identifizierung potenzieller Importe oder „Inspirationen“ aus anderen zeitgenössischen TBK-Gemeinschaften. Die lokale Keramik ist zudem die erste, die in dieser Region so detailliert analysiert wurde.

Die Datierungen scheinen noch nicht wirklich eindeutig zu sein.

Abb. 6: Die Warthe bei Wronke (poln. Wronki), 50 Kilometer nordwestlich der Stadt Posen (GMaps)

Wenn man es recht versteht, fällt die Trichterbecher-Siedlung von Kiełczewo nicht in die früheste Phase der Trichterbecherkultur (Szczepaniak2025):

Die Keramik aus Kiełczewo unterscheidet sich deutlich von den klassischen Fundkomplexen der TBK aus Kujawien, sowohl in Bezug auf die Technologie (mit einem Überwiegen dünnwandiger Keramik) als auch auf die Ornamentik. Die genannten Unterschiede legen nahe, daß dieses Gebiet ein wichtiger Knotenpunkt für die Verbreitung der Kulturtraditionen der Jordansmühler Kultur (poln. Jordanów-Kultur) war, ähnlich denen in Kujawien an den Fundstätten Podgaj 7A und Jeziucka Struga 17 (Wierzbicki, 2013). Die petrographischen Unterschiede der Proben KIEL3, 24 und 25 sowie die spezifische Dekoration scheinen diese Hypothese zu bestätigen.

Datierungen, die genau und zuverlässig genug sind, um die Entstehungsregion der Trichterbecher-Kultur besser einzugrenzen, scheinen weiterhin das Hauptproblem bei diesem Thema zu sein - sowohl in Westeuropa wie hier in Ostmitteleuropa.

Die Trichterbecher-Kultur an der Mittleren Warthe 

Wir lesen über die Theorie der Archäologen, daß die Entstehung der Trichterbecher-Kultur (TBK) mit der Lengyel-Kultur in Zusammenhang steht, aus Sicht einer Archäologin der Universität Posen und aus Sicht der Region der Mittleren Warthe ("Großpolen") rund um die Stadt Posen (Żurkiewicz2022):

Die zweite Theorie konzentriert sich auf die Wurzeln der Trichterbecherkultur in ihren ersten Jahrhunderten innerhalb der neolithischen Kulturen des Donauraumes (Czerniak & Kośko, 1993; Kukawka, 1991, 2010). Ein interessanter Ansatz ist der Versuch, die Entstehung des Trichterbecherkultur-„Pakets“ in den Fokus zu rücken; mit anderen Worten, nicht nur die Trichterbecherformen, sondern auch alle anderen keramischen Merkmale, Grabstrukturen, die Landwirtschaft und Siedlungsmuster zu analysieren, die für die gesamte Trichterbecherkultur-Ökumene charakteristisch waren. Jüngste Forschungen zeigen, daß Elemente des TBK-Pakets, darunter die Keramikstile von Wiórek und Luboń, während des Übergangs zwischen der mesolithischen und neolithischen sozioökonomischen Sphäre um 3900–3800 v. Ztr. in der Seenplatte in der Region der Mittleren Warthe ("großpolnische Seenplatte") auftraten (Czerniak, 2018; Rzepecki, 2006, 2011). Diese kulturellen Interaktionen wurden stark von der Michelsberger Kultur beeinflußt. Ein entscheidender Aspekt der Entstehung des TBK-Pakets war das Aufkommen monumentaler Bestattungen im Norden, in denen Migrationen östlicher und südlicher Gruppen der TBK deutlich erkennbar sind. Dieses Konzept ist eine seit langem etablierte archäologische Erklärung (z. B. Childe, 1949; Rzepecki, 2011). Die chronometrischen Belege für diese Hypothese wurden von Czerniak et al. (2016), Grygiel (2016) und Kukawka (2015) vorgelegt und durch DNA-Analysen von Fernandes et al. (2018) gestützt. Darüber hinaus wurde die Möglichkeit vom Autor dieser Arbeit belegt (Żurkiewicz, 2019), daß einige Aspekte der Gewässerweihgaben ("aquatic ritual sphere") früher TRB-Gemeinschaften von jüngeren Donaugesellschaften übernommen wurden.
Die Wechselbeziehungen zwischen der Brester Kultur (poln. Brześć Kujawski-Kultur) (BKC) und der Trichterbecherkultur (TBK) im Wartheland zeigen sich im gemeinsamen Vorkommen beider Kulturen an denselben Fundstätten, oft sogar in denselben Befunden (Jankowska, 1999). Dies wurde beispielsweise in der BKC-Siedlung in Racot beobachtet. Dort wurden zahlreiche FBK-Befunde entdeckt, darunter auch solche mit Spuren von Ritualen und Kannibalismus. Diese Überreste werden der Phase III der TBK (4200–3800 v. Ztr.) zugeordnet; sie treten jedoch, wie neue Radiokohlenstoffdatierungen aus Kotowo bestätigen (Lipińska, 1963; Żurkiewicz, 2020), bereits früher in der unmittelbaren Umgebung der TBK-Gemeinde auf, die der Phase I (4000–3700 v. Ztr.) zugeordnet wird.
The second theory focuses on the roots of the FBC during its first centuries among Danubian Neolithic cultures (Czerniak & Kośko, 1993; Kukawka, 1991, 2010). An interesting approach is the attempt to turn attention to the emergence of the Beaker “package”; in other words, to analyse not only beaker forms but also all other ceramic features, sepulchral structures, agriculture, and settlement patterns that were characteristic of the entire FBC ecumene. The latest research shows that it was during the transition between the Mesolithic and Neolithic socio-economic spheres around 3900–3800 BC that elements of the Beaker package, including Wiórek and Luboń ceramic styles, appeared in the Lake District of Greater Poland (Czerniak, 2018; Rzepecki, 2006, 2011). These cultural interactions were strongly influenced by the Michelsberg culture. A crucial aspect of the creation of the Beaker package was the emergence of monumental burials in the north, in which migrations of eastern and southern FBC groups are clearly visible. This concept is a long-standing archaeological explanation (i.e. Childe, 1949; Rzepecki, 2011). The chronometric evidence for this hypothesis has been presented by Czerniak et al. (2016), Grygiel (2016), and Kukawka (2015), and it has also been supported by DNA analyses by Fernandes et al. (2018). Also, the possibility that some aspects of the aquatic ritual sphere of early FBC communities were derived from younger Danubian societies has been evidenced by the current author (Żurkiewicz, 2019).
The interrelationships of the BKC and FBC in Greater Poland are illustrated by the co-occurrence of both cultures at the same sites, often within the same features (Jankowska, 1999). This situation was noted, for example, at the BKC settlement in Racot. Many FBC features were discovered here, including special ones containing traces of rituals and cannibalism. These remains are dated to III phase of the FBC (4200–3800 BC); however, they do occur earlier within the direct neighbourhood of the FBC community, dated to phase I (4000–3700 BC), as confirmed by new radiocarbon dates from Kotowo (Lipińska, 1963; Żurkiewicz, 2020).

Was hier "früher" und "später" sein soll, wird nicht so ganz klar und kann hier vorerst nicht geklärt werden.

Abb. 7: Die Warthe bei Birnbaum (poln. Międzychód) (Wiki) - 80 Kilometer nordwestlich der Stadt Posen, 50 Kilometer östlich von Landsberg an der Warthe (GMaps)

Abschließend: "Wir Deutschen" leben seit 1945 nicht mehr östlich der Oder und haben deshalb die großen früheren deutschen Landesteile östlich der Oder zumeist völlig aus dem Blickfeld und dem kulturellen Bewußtsein verloren. Was für ein immenser Verlust. Eine Geschichtsvergessenheit ohne Gleichen. Mehr als ein Viertel der Vorfahren aller heute lebenden Deutschen mit deutschen Wurzeln haben viele Jahrhunderte östlich der Oder, östlich des Bayerischen Waldes oder auch südöstlich vom Plattensee bis hinunter nach Siebenbürgen gelebt, haben an der Weichsel und bis hinauf an den Memelstrand, bis hinauf nach Tilsit gelebt.

Die Geschichtsvergessenheit bezüglich dieser Regionen wirkt sich auch auf die archäologische Forschung aus. Die vielfältigen archäologischen Erkenntnisse polnischer Archäologen etwa - oder auch tschechischer oder rumänischer - werden von der deutschen Öffentlichkeit heute viel weniger deutlich wahrgenommen als archäologische Forschungen innerhalb der heutigen deutschsprachigen Regionen. Dabei stellt die Region zwischen Oder und Weichsel für manche Geschichtsepoche (Trichterbecher-Kultur, Kugelamphoren-Kultur, Aunjetitzer Kultur, Ausbreitung der Goten, Ausbreitung der Slawen) eine Schlüsselregion dar. Sie ergänzt das Wissen, das in West- und Mitteleuropa gewonnen wurde, mitunter beträchtlich. Das wird einem aber erst bewußt, wenn man seine Aufmersamkeit gezielt darauf richtet.

Abb. 8: Die Trichterbecher-Kultur rund um die Stadt Posen (aus: OpenArch2022) (Żurkiewicz2022)

So bildete beispielsweise die Region Kujawien an der Weichsel schon während der Zeit der Bandkeramik und der Trichterbecherkultur und noch deutlicher während der nachfolgenden Kugelamphorenkultur und der ihr zeitweise zeitgleichen Schnurkeramikkultur - aufgrund von Salzvorkommen - ein äußerst wichtiges Siedlungszentrum. Auch darauf wollen wir noch einmal zurück kommen. 

__________

*) Weiter lesen wir (Lindstedt2023):

Die Individuen aus Trzciniec, Lausitzer Zeit und Przeworsk aus der Bronze- und Eisenzeit Miechóws gruppieren sich größtenteils mit bereits publizierten Individuen aus Trzciniec, niedriger auf PC1 und höher auf PC2 als die neolithischen Bauerngruppen. Die beiden Lausitzer Individuen liegen auf PC1 etwas höher als die übrigen Individuen der polnischen Bronzezeit, näher an Vatya.
As for the Miechów Bronze and Iron Age individuals, the Trzciniec, Lusatian and Przeworsk individuals mostly cluster with previously published Trzciniec individuals, lower on PC1 and higher on PC2 than the Neolithic farmer groups. The two Lusatian individuals fall slightly higher on PC1 than the rest of the Polish Bronze Age cluster, closer to Vatya.

Nicht unerwähnt bleiben soll, daß die Archäogenetikerin Freija Lindstedt Schottischen Volkstanz macht (Göteborg2024). 

__________

  1. Nowak, Marek. "The first vs. second stage of neolithisation in Polish territories (to say nothing of the third?)." Documenta Praehistorica 46 (2019): 102-127 (Resg)
  2. Lindstedt, Freja. "Genetic affinities among individuals buried at a multi-period site in East-Central Europe." Examensarbeit für den Master of Science am Biology Education Centre and Department of Organismal Biology, Human Evolution, Universität Uppsala, betreut von Helena Malmström und Jules Koelman, 2023 (Diva-Portal
  3. Szczepaniak, Małgorzata, et al. "From Macro to Micro: Integrated analysis of Funnel Beaker Culture pottery from Kiełczewo (Western Poland)." Journal of Archaeological Science: Reports 61 (2025): 104938 (JArchSc2025)
  4. Żurkiewicz, Danuta. "Colonists and Natives. The Beginning of the Eneolithic in the Middle Warta Catchment. 4500–3500 BC" Open Archaeology, vol. 8, no. 1, 2022, pp. 390-401. https://doi.org/10.1515/opar-2022-0240 (OpenArch2022)
  5. Żurkiewicz, Danuta. "Far from home: Stroke-Ornamented Ware and grog temper in the Polish Lowlands." Archeologické rozhledy 76.2 (2024): 189-210 (Rozhledy) (Acad)

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