Im Norden weisen die Russen finno-ugrische Beimischungen auf
Eine neue archäogenetische Studie zur frühmittelalterlichen Geschichte der Russen ist erschienen (1). Federführend scheint ein Archäogenetik-Labor der Universität Sotschi zu sein (früheres Tscherkessien im Kaukasus). Sie wartet aber - soweit wir das überblicken - mit nicht gar zu vielen, grundlegenden Neuerkenntnissen auf.
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| Abb. 1: Die Leibgarde (Drushina) des Prinzen Boris (gest. 1015) (Wiki) (Meisdr) |
Jene Russen, die im Nordosten des Verbreitungsgebietes der mittelalterlichen Rus lebten, wiesen nach dieser Studie deutlich höhere finno-ugrische Nganasanen-Herkunft auf als die übrigen Russen (1). Sonst überlappt sich die Genetik der mittelalterlichen Rus - nach dieser Studie - sehr weitgehend mit der der übrigen osteuropäischen Slawen.
Der genetische Anteil der Wikinger im frühmittelalterlichen Rußland war schon in einer Eske Willerslev-Studie von 2019 Thema (Stg2019). Über die Erkenntnisse von 2019 führt der neue Artikel nicht weit hinaus. In ihm heißt es (1):
Im PCA-Diagramm sind einige MA- und IA-Proben aus der skandinavischen Region sowie aus den MA-Bestattungen, die Sachsen, Wikingern und Slawen aus dem Gebiet des heutigen Deutschlands, Polens und Kroatiens zugeschrieben werden, und einige Individuen aus Bestattungen skandinavischen Typs aus dem Gebiet der alten Rus (19,26,28,29) ebenfalls neben Individuen des Subclusters Rus_SWest positioniert (Supplementary Fig. 30).On the PCA plot, some MA and IA samples originating from the Scandinavian region, as well as from the MA burials attributed to Saxons, Vikings, and Slavs from the territory of present day Germany, Poland, Croatia, and some individuals from Scandinavian-type burials from the ancient Rus' area (19,26,28,29) are also positioned alongside subjects of the Rus_SWest subcluster (Supplementary Fig. 30).
Und (1):
Unsere Analyse ergab, daß nur wenige Individuen aus verschiedenen Regionen der alten Rus mögliche genetische Spuren skandinavischer Wikinger-Abstammung aufweisen. Insbesondere konnten keine genetischen Ähnlichkeiten zwischen den Genprofilen von Individuen aus den Grabhügeln der militärischen Elite (Druzhina-Krieger) in Gnezdilowo und Nikolskoe und denen skandinavischer Wikinger festgestellt werden (Fig. S34b, Fig. S35, siehe Supplementary Informations S2.2.1). Dieser Befund stützt nicht die Hypothese einer wahrscheinlichen skandinavischen Abstammung der in den beiden untersuchten Gräberstätten (Gnezdilowo und Nikolskoe) bestatteten Druzhina-Krieger.Our analysis revealed that only a limited number of individuals from various regions of ancient Rus' exhibit possible genetic traces of Scandinavian Viking ancestry. Notably, no genetic similarities were identified between the genetic profiles of individuals from the barrows of the military elite (Druzhina warriors) in the Gnezdilovo and Nikolskoe mounds and those of Scandinavian Vikings (Supplementary Fig. 34b, Supplementary Fig. 35, see Supplementary Informations S2.2.1). This finding does not support the hypothesis of a likely Scandinavian ancestry for the Druzhina warriors buried in at least these two studied burial sites (Gnezdilovo and Nikolskoe).
Merkwürdig ist, daß die neueste, im September 2025 veröffentlichte, recht grundlegende Studie zu den Slawen aus dem Archäogenetik-Labor von Johannes Krause in Leipzig in dieser Studie noch gar nicht berücksichtigt ist. Vermutlich hätte die Krause-Studie umgekehrt von dieser neuen Studie profiziert - aber umgekehrt scheint das nicht der Fall zu sein. Angesichts der differenzierten Überlegungen in der Krause-Studie zur Urheimat der Slawen mutet irgendwie verwirrend oder sogar irreführend die folgende Angabe in der neuen Studie an (1):
Trotz der geografischen Nähe der bronzezeitlichen Fatyanovo-Gruppe zum Gebiet der Rus wies sie keine signifikant höhere Anzahl gemeinsamer Allele mit irgendeinem der genetischen Subcluster der Alten Großrus auf (Supplementary Fig. 39, Supplementary Table 13).Despite the geographic proximity of the BA Fatyanovo group to Rus' area, it did not exhibit a significantly higher number of shared alleles with any of the Ancient Major Rus' genetic subclusters (Supplementary Fig. 39, Supplementary Table 13).
Wäre das denn - nach der Krause-Studie - überhaupt zu erwarten? Die Fatjanowo-Kultur wird auf 2.500 v. Ztr. datiert. Aus ihr gingen die Sintashta-Kultur im Ural und die Andronowo-Kultur Sibiriens hervor, ebenso wie - vermutlich - die Kultur der "Arier" in Nordindien und wohl auch der Perser im Iran und schließlich der Skythen in der Steppe (Stg2020). Die Urslawen sind archäologisch und archäogenetisch nach der Krause-Studie östlich der Pripjetsümpfe erst in der Eisenzeit zu fassen, also zweitausend Jahre später.
Es handelt sich um ein Preprint. Vielleicht verlangen die Gutachter sinnvollerweise doch, daß die Erkenntnisse der Studie in Bezug gesetzt werden zu dem aktuellen Forschungsstand und nicht einem veralteten.
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- Genetic history of Rus'. By Tatiana V. Andreeva, Svetlana S. Kunizheva, Malyarchuk B. Alexandra, Fedor E. Gusev, Tatiana V. Ustkachkintseva, Irina Yu. Adrianova, Gleb, S. Dotsenko, Anna Soshkina, Irina L. Kuznetsova, Natalia A. Dudko, Maria Yu Plotnikova, Elizaveta V. Rozhdestvenskikh, Andrey D. Manakhov, Asya V. Engovatova, Vladimir V. Sedov, Natalia A. Birkina, Olga V. Zelentsova, Ekaterina O. Chelogaeva, Anna M. Krasnikova, Igor Y Strikalov, Anna V. Rasskazova, Alexander S. Syrovatko, Pavel D. Manakhov, Maria V. Dobrovolskaya, Alexandra P. Buzhilova, Nikolay A. Makarov and Evgeny I. Rogaev. bioRxiv. posted 30 December 2025, 10.64898/2025.12.30.695215 (bioRxiv2025)
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