Sonntag, 8. Februar 2026

Die Manioten - Gibt es heute noch genetisch antike Griechen in Griechenland?

Von der Halbinsel Mani nahm der griechische Befreiungskampf des Jahres 1821 seinen Ausgang
- Und hier findet sich Genetik, die im übrigen Griechenland seit dem Frühmittelalter offenbar verloren gegangen ist

Das Taygetos-Gebirge verläuft von Norden nach Süden über die Halbinsel Peloponnes und trennte in der Antike die Spartaner von den ihnen feindlichen Messeniern im Westen. Der Taygetos und der Fluß Eurotas bildeten die landschaftlichen Wahrzeichen des antiken Sparta.

Abb. 1: Manioten zu Pferde (Pintr) - Vermutlich anläßlich des Jahrestages des Revolutionsschwures "Freiheit oder Tod" in Areopolis auf der Halbinsel Mani im Jahr 1821

Ein Spartaner namens Geradas unterhielt sich einstmals mit einem Nicht-Spartaner über die Ehe (nach GB). Der Fremdling fragte, welche Strafe es für Ehebrecher in Sparta gäbe. (Wer weiß denn schon, welche Gedanken er dabei gerade im Hinterkopf hatte ...) Der Spartaner Geradas antwortete ihm: "Bei uns gibt es keine Ehebrecher." Der Fremdling war mit dieser Antwort nicht wirklich zufrieden und fragte weiter: "Wenn es aber doch einmal einen gäbe ..." - Geradas antwortete: "So müßte er zur Strafe einen Stier geben, der so groß wäre, daß er über den Taygetos hinweg und über Sparta hinweg aus dem Eurotas trinken könnte." - "Aber wie könnte denn ein Stier jemals so groß werden?", fragte der Fremdling. "Und wie könnte in Sparta jemand Ehebrecher werden?" fragte Geradas zurück. - - -

Diese Geschichte fällt dem Verfasser dieser Zeilen ein, wenn vom Taygetos die Rede ist. (Das ist übrigens auffallender Weise dieselbe Selbstverständlichkeit bezüglich der Ehe, wie es sie bei den republikanischen Römern und auch später noch bei den heidnischen Germanen und vielen anderen Völkern gegeben hat. Doch all das ist gar nicht Thema des vorliegenden Beitrages.)

Das Taygetos-Gebirge zieht sich von Norden nach Süden über die Peloponnes, als hätte es einen so langen Hals wie der genannte Stier. Die südlichen Ausläufer des Taygetos-Gebirges bestimmen den landschaftlichen Charakter des südlichsten Teiles der Peloponnes, nämlich der Halbinsel Mani. Bei ihr handelt es sich um den mittleren "Finger" der drei "Finger", der drei südlichen Halbinseln der Peloponnes. Und hier lebt noch heute ein Volksstamm, nämlich die "Südlichen Manioten", die Einwohner des südlichsten Teiles der Halbinsel Mani (Englisch "Deep Mani") (Abb. 2), deren Genetik sich - nach einer neuen genetischen Studie (1) - im wesentlichen seit dem antiken Griechenland erhalten haben soll (2) (Phys). Es könnte sich also bei ihnen um direkte Nachfahren der Spartaner handeln. Auf jeden Fall findet sich bei ihnen nicht jener recht hohe slawische genetische Herkunftsanteil, der sich sonst bei allen Griechen seit dem Frühmittelalter findet. Dieser Umstand ist schon seit einer Studie aus dem Jahr 2017 bekannt. 

Abb. 2: Die drei wesentlichen geographischen Teile der Halbinsel Mani (HTravels)

In der genannten neuen Studie wird diesen Zusammenhängen weiter nachgegangen (Nature2025):

Aufgrund ihrer einzigartigen historischen Umstände und sprachlichen Besonderheiten stellen die Südlichen Manioten möglicherweise eine genetische Momentaufnahme der griechischen Welt vor der Völkerwanderungszeit dar und liefern wertvolle Einblicke in die menschliche Mobilität im nachklassischen östlichen Mittelmeerraum.
Based on their unique historical circumstances and linguistic particularities, the Deep Maniots may represent a genetic snapshot of the pre-Migration Period Greek world, providing invaluable insights into human mobility of the post-classical Eastern Mediterranean.

Es wird dies in der neuen Studie allerdings nur anhand der Genetik der väterlichen Y-Chromosomen-Linien und der mütterlichen mitochondrialen Linien abgeleitet, nicht aus Gesamtgenom-Sequenzierungen. Warum letztere nicht mit in Augenschein genommen worden sind, entzieht sich unserer Kenntnis. Schließlich kann das doch heute schon jeder MyHeritage-Test oder ähnliches leisten, soweit wir das überblicken.

Jedenfalls: Die Südlichen Manioten scheinen - im Gegensatz zu den übrigen heutigen Griechen - so gut wie gar nicht von Slawen abzustammen.

Im 5. Jahrhundert n. Ztr. haben die Einwohner der Halbinsel Mani einen Eroberungsversuch durch die Wandalen abgewehrt (Nature2025). Vermutlich hatten sie zuvor auch schon - wie die übrigen Griechen - viel mit der Abwehr von plündernden Goten zu tun. 

Abb. 3: Frauen aus dem Dorf Driali an der Ostküste der Südlichen Mani-Halbinsel (WikiC) - Eingestellt auf dem griechischen Wikipedia-Artikel (Wiki)

Aber schon im 10. Jahrhundert hat der oströmische Kaiser Porphyrogenitus festgehalten, daß die Manioten (zit. n. Nature2025) ...

„... nicht von den Slawen, sondern von den alten Römern abstammen, die selbst heute noch von den Einheimischen Hellenen genannt werden wegen ihrer früheren Götzenverehrung“.

Auf der Halbinsel Mani ist man also auch vergleichsweise spät zum Christentum übergegangen. Die Hälfte der Männer der heutigen eingeborenen Südlichen Manioten stammen nach der neuen Studie von einem einzigen Mann ab, der um 650 n. Ztr. gelebt haben könnte. Die Population der Südlichen Mani hat demach einen populationsgenetischen Flaschenhals durchlaufen, der zeitlich parallel läuft zu der äußerst geringen Besiedlungsdichte während des 7. Jahrhunderts auf der Peloponnes überhaupt. Wir lesen über die neue Studie (GreekCityTimes):

Das Forschungsteam untersuchte venezianische, osmanische und moderne Archive und befragte mindestens 60 ältere Einwohner aus fast jedem Dorf im Südlichen Mani. Das Team arbeitete eng mit der lokalen Bevölkerung zusammen, um sicherzustellen, daß die Stichprobe verschiedene Familiengruppen und Siedlungen repräsentierte. Dr. Anargyros Mariolis, Direktor des Gesundheitszentrums Areopoli, unterstützte die Datenerhebung. Die Forscher stellten fest, daß mündliche Überlieferungen häufig mit den genetischen Befunden übereinstimmten. Co-Autor Athanasios Kofinakos erklärte, daß viele lange bestehende Erzählungen über gemeinsame Abstammung nun genetisch bestätigt seien.

Für Außenstehende stellen die Südlichen Mani noch bis heute wohl manches geheimnisvolle Rätsel dar.

Abb. 4: Klagende, trauernde Frauen der Manioten (Greekreporter)

Aufgrund der Unzugänglichkeit ihrer Halbinsel haben die Manioten noch bis ins vorletzte und letzte Jahrhundert nach vergleichsweise eigenen Gesetzen gelebt. Die Blutrache zwischen den großen Sippenverbänden spielte bei diesen eine große Rolle. Sie war bei den Manioten ähnlich "selbstverständlich" wie etwa bei den frühmittelalterlichen Isländern. Der Griechenland-Kenner und vormalige britische Soldat des Zweiten Weltkrieges, der Schriftsteller Patrick Lee Fermor (1915-2011) (Wiki), schrieb über die Halbinsel Mani (zit. n. Wiki):

Ein Durchreisender kann Mani in drei Tagen sehen,
ein Wanderer in drei Monaten,
und um seine Seele zu erfassen, braucht man drei Leben.
Eins für das Meer, eins für seine Berge und eins für seine Menschen.

Vielleicht hat er ein bisschen übertrieben ... ? Ein besonderes Volksgut der Mani sind ihre "Klagelieder" (Abb. 4). Über diese heißt es auf dem griechischen Wikipedia (Wiki):

Klagelieder sind Verse, Trauergesänge, die beim Tod von Angehörigen vorgetragen werden. Die ersten Klagelieder finden sich bei Homer, wo Totenlieder für Hekabe, Achilles, Andromache usw. erwähnt werden, deren Inhalt den späteren Klageliedern nahezu identisch ist. In der maniatischen Gesellschaft ersetzen Klagelieder andere Lieder und bilden die einzige Form der Volksdichtung. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben, und auch heute noch improvisieren vor allem die Frauen der maniatischen Gesellschaft und schaffen „Lobgesänge auf die Toten“

In einer Filmdokumentation kann man sich von diesen Klageliedern der Frauen einen Eindruck verschaffen (Abb. 8) (aus: Yt2021).

Abb. 5: Der Eid "Freiheit oder Tod" aus Anlaß der Revolutionsausrufung in Areopolis 1821 - Nachgestellt (aus: Yt2021)

Bezeichnenderweise trägt die Hauptsängerin während ihres Klageliedes eine Pistole im Gürtel - ein Zeichen, daß die Frauen vollständig hinter den Männern standen was die Wehrhaftigkeit und die Gesetze der Blutrache betrifft. Als Beispiel für ein allegorisches Klagelied werden die folgenden Zeilen gebracht (Wiki):

Ich hatte einen Apfelbaum vor meiner Tür und einen Baum in meinem Garten,
ein scharlachrotes Zelt über dem Haus, 
eine goldene Zypresse, an die ich mich lehnte, und
ein silbernes Tuch hing im Haus.
Nun ist der Apfelbaum verdorrt, der Baum entwurzelt,
das scharlachrote Zelt
schwarz geworden, die goldene Zypresse umgestürzt und zerbrochen,
das silberne Tuch erloschen, das Haus erstrahlt nicht mehr.

Der genannte Schriftsteller Patrick Lee Fermor übrigens (Wiki) ...

... bereiste viele Jahre Mani und lebte hier mit seiner Frau Joan, worüber er ein Reisebuch mit dem Titel „Mani“ (1958) verfaßte. Er liebte Mani so sehr, daß er sich schließlich dauerhaft in Kardamyli niederließ, wo er im Alter von 96 Jahren auch starb.

Kardamyli liegt im nördlichen Teil der Halbinsel Mani.

Abb. 6: Zwei alte Frauen - Aus: Fermor / Mani 1958

Im Klappentext zu diesem "legendären" Mani-Buch von Fermor heißt es (Az):

Sommer 1952. Als Patrick Leigh Fermor 37-jährig über das Taygetos-Gebirge in das bitterschöne Land der Manioten bis an den südlichsten Zipfel der Peloponnes wandert, ist er in seiner Heimat bereits ein Kultautor. "Es gibt kaum einen Fels oder Bach, zu dem es keine Schlacht und keinen Mythos gibt, kein Wunder, keinen Aberglauben, keine Geschichte... Meine Streifzüge durch Griechenland gelten den entlegensten Landstrichen, denn dort findet man, wonach ich suche." Gerade in der rauen, vom übrigen Griechenland durch den Taygetos abgeschnittenen Mani wittert Fermor Lebensformen und Bräuche, die direkt aus dem untergegangenen Byzanz oder dem mythischen Altertum zu kommen scheinen. So findet sich in der aus dem Stegreif gesungenen Totenklage, wenn die Sängerin sich die Haare rauft, Andromaches Trauer um Hektor wieder.

Auf dem griechischen Wikipedia heißt es auch (Wiki):

Die karge, felsige Halbinsel und die historische Verbindung zum antiken Sparta prägen die Bewohner mit einem kompromißlosen Charakter, strengen Moralvorstellungen, harten Sitten, Freiheitsliebe, Opferbereitschaft sowie Ehrlichkeit, mentaler Stärke, Stolz und Patriotismus. Sie zeigen großen Respekt vor Traditionen, Familienehre und den Toten und ein starkes Lokalbewußtsein, das aus dem Stolz erwächst, nie von Fremden versklavt worden zu sein und stets in Freiheit gelebt zu haben.

Das Dorf Areopolis an der Westküste der Südlichen Mani-Halbinsel bildet das Verwaltungszentrum der Südlichen Mani. Von hier bis zum südlichsten Zipfel der Halbinsel Mani, dem Kap Tainaron, sind es 40 bis 50 Kilometer (GMaps). In Areopolis finden alljährlich Festlichkeiten zum Jahrestag der Revolutionsausrufung gegen die Herrschaft der Türken statt, und zwar am 17. März 1821.

Abb. 7: Alljährliche Feierlichkeiten zum Gedenktag der Revolutionsausrufung am 17. März 1821 in der Ortschaft Areopolis (Trigilidas)

Zu diesen Festlichkeiten kommen Abordnungen aus ganz Griechenland, ja, im Jahr 2025 hat an diesen Festlichkeiten auch der ungekrönte König Griechenlands teilgenommen, der Prinz Paul von Griechenland (geb. 1967) (Wiki) (Akrolithi):

Während die Revolution und ihre Helden landesweit am 25. März, dem Fest Mariä Verkündigung, gefeiert werden, ehrt Mani den 17. März als sein eigenes Leuchtfeuer des Mutes.

Man sieht auf Fotos und Filmaufnahmen von diesen Feierlichkeiten viele einheimische Manioten versammelt, sogar in der traditionellen Tracht und Bekleidung des 19. Jahrhunderts (siehe z.B. Fb2024).

Paul von Griechenland wurde von den örtlichen politischen Repräsentanten als "Prinz Paul" und "Exzellenz" angesprochen, obwohl die Monarchie in Griechenland abgeschafft worden ist (Yt2025):

Der 17. März 1821 markiert einen Meilenstein der griechischen Revolution. An diesem Tag hißten die Würdenträger von Mani unter der Führung von Petrobey Mavromichalis in Areopolis (damals Tsimova) die Revolutionsflagge und läuteten damit den Kampf gegen das osmanische Joch ein. Der lokalen Überlieferung zufolge versammelten sich die Stammesführer von Mani in Areopolis und schworen „Sieg oder Tod“, um ihre Entschlossenheit für die Freiheit ihrer Heimat zu bekräftigen.

Eine Fortsetzung dieses Berichtes stellen wir in eine Anmerkung.*)

Abb. 8: Totenklage der Frauen von Mani - Nachgestellt in einer Dokumentation aus dem Jahr 2021 (aus: Yt2021)

Es ist nicht ganz einfach, Fotos von vermutlich einheimischen Manioten im Internet zu finden. Wir haben uns im vorliegenden Beitrag an einer Auswahl versucht. Sie könnten also ein Bild geben von der durchschnittlichen Physischen Anthropologie, dem alltäglichen äußeren Erscheinungsbild von - - - antiken Griechen (!). Es scheint uns, als ob man unter einheimischen Manioten oft stämmige, gedrungene, meist dunkelhaarige, bärtige Männer von nicht sehr großer Körpergröße sieht - ähnlich die Frauen.

Abb. 9: Gedenktag der Revolutionsausrufung am 17. März 1821 in der Ortschaft Areopolis auf der Halbinsel Mani (Trigilidas)

Insgesamt erhoffen wir uns bezüglich der Südlichen Manioten von Gesamtgenom-Untersuchungen und daraus abgeleiteten "Polygenic Scores", also von polygenetischen Merkmalsauslesungen noch viele weitere, zuverlässigere Erkenntnisse als es bis dato über sie zu geben scheint.

Abb. 10: Tag der Revolutionsausrufung, wohl in Aktrolithi, zehn Kilometer nördlich von Areopoli (Akrolithi)  

Es dürfte auf jeden Fall Sinn machen, das Thema im Auge zu behalten. Deshalb auch der vorliegende, vermutlich eher nur in die Thematik "einleitende" Beitrag.

Denn die Thematik der Archäogenetik der antiken Griechen bleibt so spannend wie eh und je mit der Feststellung, daß sie nur acht Prozent Steppengenetik, also Genetik der Indogermanen in sich getragen haben. Dieser Umstand wird es vor allem sein, der auch die Erstellung der hier ausgewerteten Studie angeregt hat.

Was sagt die Physische Anthropologie?

/ Ergänzung 9.2.2026 / 1914 ist ein Aufsatz zur Physischen Anthropologie der Mani veröffentlicht worden, auf den dieser Blog dankenswerter Weise von Andreas Vonderach hingewiesen wird. Hier heißt es zunächst (6, S. 18f):

Tsimova, der norwestliche Grenzort der inneren Mani, dessen Name neuerdings durch das alte Areopolis ersetzt worden ist, ist einer der südlichsten Orte mit sicher slavischem Namen. Weiter nach Norden zu häufen sie sich. (...) Bei älteren Schriftstellern findet sich die Angabe, daß die Maniaten stets in Waffen gingen, die Priester nicht ausgenommen. (...) Als im Jahre 467 die Wandalen durch den ganzen Peloponnes gezogen waren, ohne Widerstand zu finden, waren es erst die Eleutherolakonen, die den Plünderungen ein Ende setzten und die Wandalen zur Umkehr nötigten.

Von den Ortschaften, aus denen Reservisten, Gefangene oder Soldaten kamen, die von dem Anthropologen Fritz Schiff 1913 vermessen wurden, liegt nur Lagia eindeutig im Südlichen Mani. "Messa" ist - zumindest heute - die Bezeichnung für die ganze südliche Mani (das "Innere" Mani). Itylos liegt zehn Kilometer nördlich von Areopoli (GMaps). Kardamyli liegt an der Nordwestküste von Mani, Gythion liegt im Nordosten. (Karioupoli liegt an der Grenze zum nordöstliche Mani.) Schiff hat schon eine ähnliche Fragestellung wie sie auch noch 2026 gestellt wird (6, S. 23):

Ich will mich im wesentlichen darauf beschränken, der Frage nahezutreten, wieweit Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden der Mani sich nachweisen lassen, weil dieser Frage unabhängig von den speziellen Problemen der griechischen Anthropologie eine anthropogeographische Bedeutung zukommt.

Er gibt dann eine Tabelle zu der von ihm festgestellten Häufigkeit von Körpermerkmalen in Süd- und Nord-Mani (Abb. 11).

Abb. 11: Häufigkeit von Haar- und Augenfarben in der Südspitze von Süd-Mani (Lagia und Messa) im vergleich zu Nord-Mani (6, S. 30)

In Textform schreibt er über diese Tabelle (6, S. 29f):

Wenn wir nun die beiden Gebiete näher betrachten, bei denen wir von vornherein den größten Unterschied erwarten dürfen, nämlich einerseits die Südspitze (Lagia und Messa), andererseits den an die messenische Ebene stoßenden Teil der Nord-Mani (Awia), so bestehen hier in der Tat die größten überhaupt auftretenden Differenzen, nämlich im Süden 78 % Dunkle und nur 4 % Helle, im Norden fünfmal so viel Helle und nur 29 % Dunkle. Der auch noch zur inneren Mani gerechnete Dimos Itylos schließt sich mit seinen Zahlen eng an die Südspitze an mit fast ebenso viel Dunklen. (...) Das Resultat der Tabelle entspricht für die Farbe der Iris genau dem der Haarfarbe. Helle Augen sind im Süden viel seltener als im Norden, bei den dunklen ist es umgekehrt. Itylos verhält sich genau so wie die äußerste Südspitze. (...) Dürfen wir nun diesen nur für je 50 Menschen erhobenen Befund verallgemeinern und annehmen, daß wirklich in der Verteilung der Haar- und Augenfarbe ein so deutlicher Unterschied zwischen Nord- und Südmaniaten besteht?

Wir möchten meinen: Solange es keine umfangreicheren Datensätze gibt: Ja. Denn es handelt sich ja doch schon einmal um ein sehr eindeutiges Ergebnis.

Ein Schönheitsideal der antiken Griechen: Zusammengewachsene Augenbrauen 

Schiff stellt auch noch folgendes fest (6):

Es gibt nur wenige Maniaten, bei denen die Gegend zwischen den Brauenbogen nicht mehr oder weniger stark behaart wäre.

Der Fachausdruck, den Schiff dafür verwendet, ist "Räzel". Und Schiff schreibt (6):

Nichträzel gibt es im Süden gegen 20, im Norden der Mani 40, in Meligala über 50 %.

Schiff gibt die Ergebnisse zu diesen zusammengewachsenen Augenbrauen auch noch einmal in einer Tabelle wieder (Abb. 12).

Abb. 12: Zusammengewachsene Augenbrauen ("Räzel") in Süd- und Nord-Mani (6, S. 32)

Was lesen wir nun in dem Wikipedia-Artikel über "Augenbrauen" (Wiki):

Bei den meisten Menschen ist die Glabella (die Grube zwischen Nasenwurzel und Stirnbein) nicht oder nur sehr spärlich behaart, doch es gibt mitunter Ausnahmen, bei denen die Augenbrauen eine zusammenhängende Haarlinie bilden. Man spricht dann von „Monobrauen“, regional auch „Rätzeln“; der medizinische Fachausdruck ist „Synophrys“ (von griechisch συν „zusammen“ und οφρυς „Augenbraue“). Monobrauen sind genetisch bedingt (zuständig ist das Pax-3-Gen).

Und nun stellen wir ChatGPT "unverfroren" die Frage, ob Synophrys bei den antiken Griechen verbreitet war.

Abb. 13: Kore mit den Augen einer Sphinx, um 500 v. Ztr., Athen (Wiki)

Und wir erhalten unverfroren - und völlig unerwartet - die klare Antwort:

Ja, Synophrys (zusammengewachsene Augenbrauen, also eine durchgehende Braue) war bei den antiken Griechen tatsächlich verbreitet und sogar oft als Schönheitsideal angesehen – besonders bei Frauen.
Ein paar wichtige Punkte dazu:
In der griechischen Kunst und Literatur galt eine dichte, durchgehende Augenbraue als Zeichen von Schönheit, Ernsthaftigkeit und Intelligenz.
Frauen, die keine natürliche Synophrys hatten, malten sich oft künstlich eine zusammenhängende Braue (z. B. mit Ruß oder Pflanzenfarben).
In Skulpturen und Vasenmalerei sieht man häufig idealisierte Gesichter mit betonter, durchgehender Augenbraue.
Erst in späteren Epochen (z. B. römisch und noch stärker in der Neuzeit) wandelte sich dieses Schönheitsideal hin zu klar getrennten Augenbrauen.

ChatGPT nennt als Textquellen hierfür Aristophanes ("Die Wolken") ("Dort wird eine schöne Frau mit „zusammengewachsenen Augenbrauen“ beschrieben - als positives Merkmal."), Theokrit ("Idyllen") Ovid ("Ars amatoria") und antike Kommentare zur Ilias.

Abb. 14: Portrait des Terentius Neo und seiner Frau, Wandmalerei in Pompeji um 75 n. Ztr. (Wiki) 

ChatGPT nennt auf Nachfrage auch viele Zeugnisse aus der bildenden Kunst, insbesondere aus der archaischen Skulptur-Kunst, etwa die Koren. Viele dieser von ChatGPT angeführten Zeugnisse können wir nicht gleich als überzeugend erachten. Aber ChatGPT führt als Zeugnis auch die "Kore mit den Mandelaugen" an aus der Zeit um 500 v. Ztr., auch genannt "Kore mit den Augen einer Sphinx" (Abb. 10). Hier scheint der behauptete Umstand schon recht eindeutig zu sein.

ChatGPT glaubt das Vorliegen von Synophrys vor allem anhand der rekonstruierten Farbgebung vieler Skulpturen behaupten zu können. Hier müßte man sich noch etwas tiefer in die wissenschaftliche Literatur einarbeiten. Es macht vielleicht Sinn, künftig bei der Betrachtung antik-griechischer Kunst ein bisschen genauer auf solche zusammengewachsenen Augenbrauen zu achten. 

Aber wir finden dann, daß zusammengewachsene Augenbrauen auf Englisch "Unibrow" heißen. Und es gibt dafür auch einen eigenen Wikipedia-Artikel (Wiki). Aufgrund einer Studie von 2017 (IJoT2017) wird hier die Häufigkeit von Synophys in Oman mit 12 % angegeben. Demgegenüber wäre diese Häufigkeit bei den Manioten ja deutlich höher. 

Aber mit dem Suchwort "Unibrow" finden wir nun auch weitere Zeugnisse zu zusammengewachsenen Augenbrauen in der griechischen Antike (HumanMatLoop). So etwa in der Darstellung der Frau des Terentius Neo in dem berühmten Wandgemälde aus Pompeji (Wiki), das aus der Zeit um 75 n. Ztr. stammen soll (Abb. 14).

Abb. 15: Skulpturen der Sumerer - Die große Mehrheit von ihnen weisen zusammengewachsene Augenbrauen auf

Übrigens weisen fast alle menschlichen Skulpturen der Sumerer zusammengewachsene Augenbrauen auf (etwa die "Frau von Warka" uvam). Das kann dort natürlich auch womöglich auf einen bestimmte durchstilisierte Art der Menschendarstellung zurückzuführen sein, scheint aber zugleich auch dort ein Schönheitsideal dargestellt zu haben.

Die Manioten: "Dunkle, kleinwüchsige Langköpfe"

Die Manioten in der südlichen Mani weisen nach den Ergebnissen von Schiff 22 % Langköpfige auf, obwohl es solche bei den nördlichen Manioten und bei den noch weiter nördlich wohnenden Messeniern nicht gibt. Auch dies ist womöglich ein Zeichen der genetischen "Slawisierung", denn schon die Bandkeramiker waren Langköpfe (was sicherlich durch die Ausbreitung von iranisch-neolithischen Herkunftsanteilen im östlichen Mittelmeerraum nicht abgeschwächt wurde). Schiff wirft in seiner Zusammenfassung einen vergleichenden Blick nach Kreta und schreibt (6, S. 37f):

Dunkle langschädelige Leute mit niedrigen Nasen wie in der Süd-Mani finden wir in einiger Reinheit in bestimmten Gebieten von Kreta, z.B.  in Lasithi (v. Luschan). In Kreta sind die Leute außerdem kleinwüchsig. Für die Maniaten habe ich leider aus Zeitmangel keine Bestimmung der Körpergröße vornehmen können. Wenn es berechtigt ist, die langschädeligen dunklen Südmaniaten in nähere anthropologische Beziehung zu den langschädeligen, dunklen Kretern zu setzen, so wird sich (...) bei weiteren Untersuchungen auch in der Südmani ein größerer Prozentsatz von Kleingewachsenen finden als im Norden. (...) Dunkle Langschädel finden sich am reinsten gerade in den isoliertesten Berggegenden auf Kreta, und der Gegensatz dieser Bergbevölkerung gegen die Bewohner der weniger abgeschlossenen Nachbargegenden ist so ausgesprochen, daß er ohne weiteres den Schluß zuläßt, es handle sich um ein sehr altes, hier noch rein erhaltenes Bevölkerungselement.

Mit von Luschan spricht Schiff diese Körpermerkmale vor allem den Minoern zu. Bezeichenenderweise. Auch von Luschan und Schiff konnten sich die Körpermerkmale von antiken Griechen offenbar nicht als solche vorstellen wie sie bei den Manioten und auf Kreta vorgefunden worden sind. Vielleicht hat übrigens diese "Langschädeligkeit", die die Anthropologen seit Jahrzehnten womöglich recht häufig bei den antiken Griechen festgestellt haben, die "Rasseforscher" der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dazu verleitet, die "nordische" Herkunft der antiken Griechen (also aus heutiger Sicht ihre "Steppenherkunft") viel höher einzuschätzen als sie sich heute mit acht Prozent heraus gestellt hat.

Das ganze Thema bleibt weiter sehr spannend.

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*) Weiter heißt es in dem Bericht (Yt2025): >>An der Gedenkfeier zum 17. März in Areopolis, dem Tag der Revolutionsausrufung von 1821, nahmen zahlreiche Würdenträger teil, darunter Paul von Griechenland ("Pavlos De Gres"), der vom Bürgermeister von Ost-Mani, Petros Andreakos, öffentlich als „Prinz Paul“ begrüßt wurde. Paul von Griechenland war Ehrengast und erhielt ein Geschenk vom Ehrenrat der Gemeinde Ost-Mani. In seiner Rede betonte er die Bedeutung von Heimat und Religion: „Die Heimat bedeutet mir alles, und unsere Heimat und Religion sind das Einzige, was uns alle zusammenhält. Es lebe Griechenland, es lebe Mani!“ - Bürgermeister Petros Andreakos erklärte in seiner typischen Art: „Ich glaube, daß Titel nicht vergehen und einen Menschen ein Leben lang begleiten. Und damit heiße ich Prinz Paul willkommen.“
Athena Andreakou-Kalogerogianni, Ehefrau des Bürgermeisters von Anatoli Mani und Ehrenpräsidentin des Ehrenvereins von Anatoli Mani, ehrte Paul mit einem Erinnerungsgeschenk und sagte in ihrer Ansprache: „Eure Exzellenz, im Namen des Ehrenvereins unserer Gemeinde möchte ich Ihnen mit Respekt, Rührung, Liebe und Stolz dieses Geschenk überreichen, das ein Symbol des heutigen Tages ist. Vielen Dank für Ihre Bescheidenheit.“
Von offizieller Seite waren anwesend: der stellvertretende Verteidigungsminister und Abgeordnete für Lakonien, Thanasis Davakis, die Abgeordnete Nagia Grigorakou, der Gouverneur der Peloponnes, Dimitris Ptochos, der stellvertretende Gouverneur von Lakonien, Theodoros Veroutis, der Bürgermeister von Piräus, Yiannis Moralis, und der Vorsitzende der Spartanerpartei, Stigas. Ehemalige Abgeordnete wie Petros Mantouvalos und Apostolos Andreoulakos sowie zahlreiche lokale Persönlichkeiten und Bürger nahmen ebenfalls teil. Der Metropolit von Mani sprach Pavlos mit „Seine Exzellenz Pavlos“ an.
Die Veranstaltung begann mit der offiziellen Doxologie in der Heiligen Kirche der Großen Erzengel von Areopolis, wo vor 204 Jahren die Oberhäupter der Familien von Mani den Schwur „Sieg oder Tod“ leisteten und damit die Parole für den Befreiungskampf der Nation formulierten. Am Ort „Kotroni“ überbrachte der Bürgermeister von Ost-Mani, Petros Andreakos, Grußworte, während der Erzbischof von Kreta, Eugenios II., die feierliche Zeremonie leitete. Ihm wurde in Anerkennung seiner Verdienste die Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Ost-Mani verliehen.
Ein besonderer Moment war die Nachstellung des historischen Eides durch Schüler aus Mani, die die heldenhaften Momente des Jahres 1821 eindrucksvoll wieder zum Leben erweckte. Gleichzeitig fand die Städtepartnerschaftszeremonie zwischen der Gemeinde Ost-Mani und der Gemeinde Parga statt.
Die historischen und kulturellen Verbindungen zwischen den beiden Regionen wurden gestärkt. Auf dem Platz der Unsterblichen in Areopolis fand im Heroon eine Gedenkfeier statt, bei der die Helden von Mani geehrt wurden, die den Freiheitskampf angeführt hatten. Die Jubiläumsfeierlichkeiten gipfelten in einer großen Parade, an der Menschen mit Behinderungen und Kriegsopfer aus Lakonien, Schüler und Studenten aller Schulstufen, Militäreinheiten und Kulturvereine aus ganz Griechenland teilnahmen. Wie jedes Jahr war auch dieses Jahr der Verband der Region Mani, „MANI“, stark vertreten und würdigte die Wurzeln und Kämpfe der Vorfahren.<<

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  1. Davranoglou, LR., Kofinakos, A.P., Mariolis, A.D. et al. Uniparental analysis of Deep Maniot Greeks reveals genetic continuity from the pre-Medieval era. Commun Biol 9, 157 (2026). https://doi.org/10.1038/s42003-026-09597-9, Published 04 February 2026 (Nature2025)
  2. Berthold Seewald: Gefangene Bayern wurden nackt zusammen mit Katzen in Säcke gesteckt (Welt 07.02.2026)
  3. Philip Chrysopoulos: Mani - Greece’s Untamed Peninsula of Towers, History, and Deep Traditions. 29. November 2025 (Greekreporter)
  4. Fermor, Patrick Leight: Mani. Reisen auf der südlichen Peloponnes. Deutsch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, Dörlemann Verlag, Zürich 2011 (Etsy, Ajax)
  5. Das Fanal von 1821 - eine Hommage an Mani (Τοπόσημα του 1821 αφιέρωμα στη Μάνη) (Yt2021) [mit Beispielen von Klageliedern]
  6. Schiff, Fritz: Beiträge zur Anthropologie des südlichen Peloponnes. (Die Mani.) In: Zeitschrift für Ethnologie Bd. 46, 1914, S. 14-40 (Archiv

Samstag, 10. Januar 2026

Pompeji - Völkergemisch in Italien, 79 n. Ztr.

Sklaven wurden offenbar aus dem gesamten Mittelmeer-Raum eingeführt

In Pompeji 79 n. Ztr. (Wiki) findet sich fast jede denkbare Herkunfts-Zusammensetzung unter den Bewohnern, so eine archäogenetische Studie aus dem Jahr 2024 (1) (Abb. 2). Es finden sich (bislang) keine zwei Individuen, die sich in der Herkunfts-Zusammensetzung gleichen. 

Abb. 1: Theatermasken als Wandmalerei in der Casa del bracciale doro in Pompeji

Pompeji gibt einerseits Zeugnis von der Pracht, dem Reichtum, dem Schönheitssinn, der Hochherzeigkeit der Menschen in den Städten des Mittelmeerraumes während der Antike. Ein schönes Zeichen für diese Hochherzigkeit und Freigesinntheit ist allein ein solches Willkommensschild eines Geschäftes in Pompeji, auf dem freimütig steht "Willkommen Gewinn!" Nichts abendländisch Verkniffenes finden wir in Pompeji.

Aber die Archäogenetik seiner Bewohner um 79 n. Ztr. ist mehr als überraschend. Offenbar waren Sklaven aus allen Teilen des Mittelmeerraumes, auch aus heute noch weniger archäogenetisch erforschten Regionen bis Pompeji gehandelt worden.

Denn zwei Individuen weisen nordafrikanische Jäger-Sammler-Herkunft auf, sie könnten also von Puniern aus dem vormaligen Reich von Karthago abstammen. Drei Individuen weisen natufisch-levantinische Herkunft auf. Sie könnten aus dem antiken Levante-Raum stammen. Vier weisen Herkunft von Balkan-Jäger-Sammlern auf. Sie werden dementsprechend aus der Balkan-Region stammen. Wir lesen (1):

Die pompejanischen Individuen unterscheiden sich von den etwa zeitgleichen Individuen, die mit der etruskischen Kultur in Verbindung gebracht werden, in Bezug auf ihre Herkunfts-Anteile, die von den europäischen Jägern und Sammlern des Mesolithikums stammen (niedriger bei den pompejanischen) und in Bezug auf den Anteil der Jäger und Sammler aus dem Kaukasus (höher bei den pompejanischen). Dadurch gleicht ihre Herkunfts-Zusammensetzung der der mittelitalienischen, kaiserzeitlichen Römer sowie der zeitgenössischen Individuen aus der Ägäis und Anatolien. Individuum 52 zeigt eine Herkunfts-Zusammensetzung, die mit Individuen der Eisen- und Römerzeit der Levante vergleichbar sind, gekennzeichnet durch einen geringen Herkunftsanteil, der bei modernen Populationen in Afrika südlich der Sahara maximiert ist, und durch ein Fehlen des Herkunftsanteils, der bei europäischen Jägern und Sammlern maximiert ist. Dieses Individuum ist am engsten mit levantinischen Populationen verbunden.
The Pompeiian individuals differ from the roughly contemporaneous individuals associated with the Etruscan culture in their proportions of the ancestry components maximized in Mesolithic European hunter-gatherers (lower in the Pompeiians) as well as hunter-gatherers from the Caucasus (higher in the Pompeiians), making their ancestry composition more similar to the Central Italian Imperial Romans as well as contemporaneous individuals from the Aegean and Anatolia. Individual 52 shows an ancestry composition comparable to IA and Roman-period Levantine individuals, characterized by a minor component maximized in modern-day Sub-Saharan African populations and an absence of the component maximized in European hunter-gatherers. This individual most closely clusters with Levantine populations.

Und es findet sich (1) ...

... Individuum 25, dessen Abstammung zu 65,3 % ± 4,5 % von Levant_PPN-Bauern und zu 34,7 % ± 4,5 % von Steppenhirten aus der Bronzezeit (Steppe_EMBA) abstammt, eine Abstammungsquelle, die für keines der anderen Individuen erforderlich ist. Dieses Modell weist trotz der geringen Abdeckung des Genoms des Individuums auf eine andere Abstammungsgeschichte hin, die europäische Quellen einbezieht, die nicht zu den anderen Individuen beitrugen.
Individual 25, who can be modeled as deriving 65.3% ± 4.5% of his ancestry from Levant_PPN farmers and 34.7% ± 4.5% from Bronze Age steppe pastoralists (Steppe_EMBA), an ancestry source required by none of the other individuals. This model indicates, despite the low coverage of the individual’s genome, a different ancestry history involving European sources that did not contribute to the other individuals.

Wenn es sich hier einmal nicht um eine ganz ungewöhnliche Herkunfts-Zusammensetzung handelt.

Abb. 2: Herkunfts-Zusammensetzung der sequenzierten Menschenfunde in Pompeji

Wo hatte sich bis in das erste Jahrhundert v. Ztr. noch levantinisch-natufische Genetik einerseits und Jamnaja-Genetik andererseits jeweils unvermischt erhalten? Und wo konnten sich beide dann miteinander vermischen? Was die natufische Genetik betrifft, so könnte man am ehesten an den arabischen Raum denken. Aber wie kamen dorthin - - - 35 % Steppen-Genetik? Und dieses Individuum stammt auch noch aus der Mysterien-Villa (1):

Die Körper zweier Erwachsener, vermutlich Frauen, und eines Kindes wurden in der Lapilli-Bimssteinablagerung gefunden, was darauf hindeutet, daß sie in der frühen Phase des Ausbruchs im oberen Stockwerk der Villa eingeklemmt wurden und in das untere Stockwerk fielen. In den darüber liegenden Asche-Ablagerungen wurden sechs Leichen gefunden, was darauf hindeutet, daß sie die erste Phase des Ausbruchs überlebt hatten. Unter ihnen wurde Individuum 25 allein in einem Raum gefunden, auf einer Ascheschicht liegend, mit einem Eisenring mit einem eingravierten Karneol einer weiblichen Figur am kleinen Finger der linken Hand, fünf Bronzemünzen und einer Peitsche als persönliche Gegenstände.
The bodies of two adults, interpreted as women, and a child were found in the pumice lapilli deposit, indicating that they were caught in the early stages of the eruption on the upper floor of the farm section and fell to the lower floor. Six bodies were found in the overlaying ash deposits, indicating that they had survived the first phase of the eruption. Among them, individual 25 was found alone in a room, lying atop a layer of ash, with an iron ring with an engraved carnelian of a female figurine on the little finger of the left hand, five bronze coins, and a whip as personal effects.

Ausgerechnet mit einer Peitsche, die doch auch auf den Darstellungen der Wände eine Rolle spielt! Und weiter (1):

Der Abguß dieses Opfers zeigt einige der am besten erhaltenen anatomischen und textilen Details. Der Mann war etwa 1,85 m groß, dünn und hatte einen konvexen (nach außen gewölbten) Nasenrücken. Den Spuren seiner Kleidung und des Schmucks zufolge gehörte er vermutlich einem niedrigen sozialen Status an und wurde als Wächter der Villa interpretiert, der treu an seinem Posten geblieben war. Unsere genetische Analyse bestätigt eine männliche Geschlechtseinschätzung und eine gemischte genetische Abstammung, die möglicherweise sowohl auf ostmediterrane als auch auf europäische Quellen zurückgeführt werden könnte.
The cast of this victim shows some of the most well-preserved anatomical and textile details. The man was about 1.85 m tall, thin, with a convex nasal bridge. According to the traces of his clothes and the ornaments, he was supposed to belong to a low social status and was interpreted as the custodian of the villa who had faithfully remained at his post.21 Our genetic analysis confirms a male sex estimation and mixed genetic ancestry that could possibly be traced to both Eastern Mediterranean and European sources.

Wo in Europa sollte sich bis dahin Jamnaja-Genetik unvermischt erhalten haben? Das erscheint uns ganz unplausibel. Wahrscheinlicher ist es doch, daß sich eine solche Genetik in der Steppe oder in abgelegenen Tälern des Kaukasus erhalten haben kann. 

Abb. 3: Wandmalerei in Pompeji


/ Entwurf 12.11.2024 /

_________

  1. Ancient DNA challenges prevailing interpretations of the Pompeii plaster casts. By E Pilli, S Vai, VC Moses, S Morelli, M Lari, A Modi… ∙ David Reich, Alissa Mittnik. In: Current Biology, 7.11.2024 (Cell) (pdf)

Freitag, 9. Januar 2026

Zur Entstehung der Trichterbecherkultur

Haben Bandkeramiker in Ostholstein bis 4.300 v. Ztr. unvermischt überlebt und dann mit Angehörigen der Ertebolle-Kultur ein neues Volk gebildet?

Die hohen Wildtierknochenanteile an Fundplätzen der frühen Trichterbecherkultur sind 2005 von dem Kieler Archäologen Jan Steffens in einer Studie untersucht worden (1) (s. Abb. 1). 

Abb. 1: Jagdwildanteil in der Trichterbecherkultur (nach 2, bearbeitet von L. Ammer)*)

Diese Wildtierknochen-Anteile sind sehr eindrucksvoll. Denn sie waren nach dieser Studie vor allem in der Frühen Trichterbecherkultur in Ostholstein und Mecklenburg noch auffallend hoch (s. Abb. 1). Als eine Deutung dieses Umstandes wird deshalb in der Studie unter anderem vorgeschlagen (1):

.... J. Hoika (1993, 13 ff.) (...) Nach seiner Ansicht könnte es sich bei den wildtierreichen Fundstellen aus dem frühen Stadium der Trichterbecherkultur, wie z. B. Bebensee in Schleswig-Holstein, noch um die eigentlichen  Hauptsiedlungen  gehandelt  haben.  Dieser Vorstellung liegt die Annahme zugrunde, daß während der Stufe FN I erst ein geringer Teil des Nahrungsbedarfs durch Viehzucht und Ackerbau gedeckt wurde und Jagd und Sammeltätigkeit noch die eigentliche Lebensgrundlage bildeten. Eine überwiegend neolithische Wirtschaftsweise habe sich laut Hoika erst im weiteren Verlauf des Frühneolithikums durchgesetzt.  

Eine entsprechende grobe zeitliche Gliederung ist in Abbildung 1 nachträglich noch markiert worden (bearbeitet von Linus Ammer).

Woher stammt der Jäger-Sammler-Anteil der Trichterbecherkultur?

Nun gut, wir wissen seit Jahren: Die Menschen der Trichterbecherkultur trugen 20 bis 30 % einheimische, mesolithische, westeuropäische Jäger-Sammler-Genetik in sich. Mit der aktuellsten Willerslev-Studie von 2024 zu diesem Thema (2) hatten wir uns hier auf dem Blog noch gar nicht beschäftigt. Das Spannende aber ist, daß in dieser auch der Frage nachgegangen wird, woher der Jäger-Sammler-Herkunftsanteil der Trichterbecherkultur stammt, und daß dieser - so wie wir das verstehen - einheimische Genetik direkt aus Ostholstein und Dänemark darstellen könnte, das heißt: nicht aus anderen Regionen nach Ostholstein und Dänemark eingeführt worden ist (2):

Unter Verwendung einer genaueren Abstammungsmodellierung stellen wir fest, daß neolithische Trichterbecher-Kultur-assoziierte Individuen in Dänemark, Schweden und Polen ihre Jäger-Sammler-Abstammungskomponente überwiegend aus einer Quelle bezogen, die mit WHG (EuropeW_13500BP_8000BP) verwandt ist.
Using more proximate ancestry modelling, we find that Neolithic FBC-associated individuals across Denmark, Sweden and Poland derived their hunter-gatherer ancestry component predominantly from a source related to WHG (EuropeW_13500BP_8000BP).

Und diese Gruppierung lebte direkt vor Ort in Ostholstein und Dänemark (s. Abb. 2). 

Abb. 2: Welche Jäger-Sammler-Herkunft stammt mit derjenigen der TRB-Kultur am besten überein? ("Spatial distribution of estimated ancestry proportions of three different HG sources for Neolithic farmer individuals from Scandinavia and Poland") (aus 2)

Die Forscher schreiben aber weiter (2):

Unsere Ergebnisse belegen einen Bevölkerungswechsel in Dänemark zu Beginn der Neolithisierung durch Zuwanderer, die eine Mischung aus anatolischer neolithischer Bauernabstammung und nicht-lokaler Jäger- und Sammlerabstammung aufwiesen.
Our results demonstrate a population turnover in Denmark at the onset of the neolithisation by incomers who displayed a mix of Anatolian Neolithic farmer ancestry and non-local hunter-gatherer ancestry.

Warum hier so sicher von "nicht-lokaler Jäger-Sammler-Abstammung" die Rede ist, wird uns nicht klar. Vielleicht handelt es sich - nach Abb. 2 - ja bei der Jäger-Sammler-Herkunft auch um eine Reliktbevölkerung, die sich regional in Dänemark bis 4.000 v. Ztr. gehalten haben mag, obwohl es rundum zwischenzeitlich auch andere (osteuropäische) Jäger-Sammler-Herkünfte gab? 

Wir schließen jedenfalls - zumindest auf den ersten, laienhaften Blick, daß sich um 4.300 v. Ztr. Männer einer regionalen Untergruppe der Ertebolle-Kultur, die für ihre Zeit vergleichsweise archaische Genetik aufwiesen, in Ostholstein sich mit Frauen von Bevölkerungsresten der schon lange untergegangenen Bandkeramik-Kultur vermischt haben.

Ein ähnliches Szenario hat es ja zur gleichen Zeit auch in den nördlichen Karpaten zwischen Bevölkerungsresten der Bandkeramiker und den dortigen "Körös"-Jäger-Sammlern gegeben (Stg2021).

Woher stammt der Bauern-Herkunfts-Anteil der Trichterbecherkultur?

Hat es sich um ein solches Szenario gehandelt? Immerhin: Der nördlichste Fundort der Linearbandkeramik (LBK) liegt nach heutigem Forschungsstand - laut ChatGPT und zu unserer eigenen großen Überraschung - ausgerechnet bei Wangels-Blekendorf in Ostholstein (Schleswig-Holstein). Und ChatGPT gibt uns dazu auch die entsprechenden Literaturangaben - erschienen ab 1997/98 (3, 4): Der bandkeramische Fundplatz Wangels-Blekendorf liegt im Kreis Ostholstein etwa 5 km von der Ostsee entfernt und wird auf etwa 5300 - 5200 v. Ztr. datiert. Es wurden typische bandkeramische Keramik, Hausgrundrisse und Silexgeräte gefunden. ChatGPT sagt dazu:

Der Fundplatz markiert: die ökologische und kulturelle Grenze zwischen neolithischen Bauern der Bandkeramik und mesolithischen Ertebølle-Jägern im Ostseeraum, einen frühen Kontakt- und Austauschraum zwischen beiden Lebensweisen.

Es gibt nun nur noch ein Problem: Die Ethnogenese der Trichterbecherkultur vollzog sich erst knapp tausend Jahre später - und zwar höchstwahrscheinlich in derselben Region Ostholstein. Haben die Bandkeramiker in Ostholstein unvermischt noch weitere tausend Jahre fortbestanden, um dann - gemeinsam mit Ertebolle-Leuten - ab 4.300 v. Ztr. ein neues Volk, die Trichterbecherkultur zu bilden - so wie in Böhmen zur gleichen Zeit die Jordansmühler Kultur entstanden ist (Stg2021)?

Alle diese mittelneolithischen Ethnogenesen in Europa sind ja insgesamt noch nicht gut verstanden. Viele Archäologen weisen ja bezüglich der Ethnogenese der Trichterbecherkultur auch auf kulturelle Einflüsse der Michelsberger Kultur hin. (Aber die Michelsberger Kultur hatte ja schon ihren "eigenen" einheimischen mesolithischen Herkunftsanteil. Wenn sie nach Dänemark zugewandert wäre, hätte nach der Vermischung der westeuropäische Jäger-Sammler-Anteil ja noch höher sein müssen - das kann es also eigentlich nicht sein.)

Das starke Bevölkerungswachstum der Trichterbecherkultur

Um aber nun zum hoher Wildtier-Verzehr der frühen Trichterbecherkultur zurück zu kehren: Er würde in das genannte Szenario wunderbar hinein passen. Dieser war halt möglich noch so lange, so lange der Wildtier-Bestand hoch war. Nachdem sich die Siedlungsdichte die Trichterbecherkultur beträchtlich erhöht hat, wird das dann nicht mehr so einfach möglich gewesen sein. Zur Erhöhung der Siedlungsdichte in der Trichterbecherkultur teilt uns ChatGPT mit:

"Während der Trichterbecherkultur vervielfachte sich die Siedlungsdichte in Nord- und Mitteleuropa von unter 0,05 auf rund 1 Einwohner pro km² - ein Anstieg um etwa das 20- bis 30-Fache. Damit markiert die Trichterbecherkultur den ersten wirklich nachhaltigen demographischen Durchbruch nördlich der Lößgebiete."

Das macht es natürlich nachvollziehbar, daß es da mit umfangreicher Jagd dann bald zu Ende war. Fischfang und Wildtierfleisch waren zuvor gut bei Vitamin D-Mangel und der dunklen Haut der Ertebolle-Leute. Als diese Vitamin D-Versorgung zunehmend wegfiel, war es natürlich sinnvoll, daß sich die Haut der Menschen aufhellte. 

Wir haben ja hier auf dem Blog schon darauf hingewiesen, daß auch die ersten nichtmegalithischen Langgräber im Pariser Becken ab 4.500 v. Ztr. oder früher nur Jagd-Symbolik aufweisen und keinerlei Ackerbauern-Symbolik (Stg2025).

Abschließend noch einmal die Zusammenfassung der Willerslev-Studie von 2024 (2):

Wir stellen fest, daß dänische mesolithische Individuen der Maglemose-, Kongemose- und Ertebølle-Kulturen ein scharf umrissenes genetisches Cluster bilden, das in Beziehung steht zu anderen westeuropäischen Jägern und Sammlern (HGs). Trotz der Umbrüche in der materiellen Kultur zeigten sie genetische Kontinuität von 8.500 bis 3.900 v. Ztr., als sich neolithische Bauern mit anatolischer Herkunft  ausbreiteten.
Obwohl sich dieser Umbruch im Vergleich zu Mitteleuropa um mehr als ein Jahrtausend später vollzog, verlief er sehr abrupt und führte zu einem Bevölkerungswechsel mit nur wenig genetischem Anteil einheimischer Jäger-Sammler-Herkunft. Die nachfolgende neolithische Bevölkerung, die mit der Trichterbecherkultur in Verbindung gebracht wird, existierte nur etwa 1000 Jahre, bevor sich Menschen mit Vorfahren aus der östlichen Steppe ansiedelten.
Dieser zweite, ebenso schnelle Bevölkerungsaustausch führte zur Entstehung der Einzelgrab-Kultur mit einem Abstammungsprofil, das dem der heutigen Dänen schon sehr gut ähnelte. In unserem Multiproxy-Datensatz manifestieren sich diese großen demografischen Ereignisse als parallele Verschiebungen im Genotyp, Phänotyp, der Ernährung und der Landnutzung.
Abb. 3: Herkunftsanteile je Epoche (aus 2) - Hellgrün: westeuropäische Jäger und Sammler, Hellbraun: anatolisch-neolithische Herkunft, Dunkelgrün, dunkelrot und lila: Steppenherkunft

Ergänzung 17.1.26: Sehr merkwürdig ist, daß in einer neuen Studie in "Antiquity" Eilsleben, gelegen 40 Kilometer westlich von Magdeburg in der Magdeburger Börde (GMaps), als der nördlichster Bandkeramik-Standort überhaupt angesprochen wird. "Wangels" wird in der ganzen Studie nicht erwähnt. Von Eilsleben bis Wangels sind es noch einmal 270 Kilometer. Aber die Forschung hatte auch schon vorgeschlagen, daß die Entfernung vom Wiener Becken bis Unterfranken von den Bandkeramikern innerhalb einer Generation überwunden worden wäre (Stg2022). Insofern muß auch die Überbrückung der Entfernung von Eilsleben bis Wangels für die Bandkeramiker keine Unmöglichkeit gewesen sein.

________

*) Korrektur: Die Bezeichnung "TBK Frühneolithikum" taucht zwar in der Literatur auf, ist aber mißverständlich oder sogar falsch. Denn das Frühneolithikum hat ja sogar in Ostholstein schon um 5.300 v. Ztr. mit der Bandkeramik begonnen. Und außerdem haben wir es bei der TBK - aus europaweiter Sicht - insgesamt natürlich mit dem Mittelneolithikum zu tun.

_______

  1. Steffens, Jan: Die Bedeutung der Jagd in der Trichterbecherkultur. In: Journal of Neolithic Archaeology, 15.12.2005. DOI: https://doi.org/10.12766/jna.2005.14 (UniKiel)
  2. Allentoft, M.E., Sikora, M., Fischer, A. et al. ... (Willerslev): 100 ancient genomes show repeated population turnovers in Neolithic Denmark. Nature 625, 329–337 (2024) (Nature2024), veröffentlicht 10.1.2024
  3. Hartz, S. „Frühbäuerliche Küstensiedlung im westlichen Teil der Oldenburger Grabenniederung (Wangels LA 505). Ein Vorbericht.“ Offa 54/55 (1997/98), S. 19-41 - zentrale Grabungs- und Auswertungsberichte zum Fundplatz Wangels LA 505 (inkl. Keramik, Stratigraphie).
  4. Hartz, S. / Lübke, H. / Heinrich, D. „Frühe Bauern an der Küste. Neue 14C-Daten und Aspekte zum Neolithisierungsprozeß im norddeutschen Ostseeküstengebiet.“ Prähistorische Zeitschrift 75 (2000), S. 129-152 - Diskussion zur Neolithisierung im Ostseeraum inkl. Wangels-Funde
  5. Dietrich L, Knoll F, Piezonka H, et al. LBK outpost of Eilsleben: hunter-farmer encounters in the borderlands of Early Neolithic Central Europe. Antiquity. Published online 2026:1-7. doi:10.15184/aqy.2025.10270 (Antiquity2026)

Montag, 5. Januar 2026

Unterschiede - Iranisch- und anatolisch-neolithische Völkergruppe

Gerade stelle ich fest, daß ich eine Frage, die ich mir lange nicht sicher beantworten konnte, über ChatGPT ganz gut klären kann. Noch mal zur Vorerinnerung: Die anatolisch-neolithische Herkunftsgruppe hat Ackerbau, Viehzucht und Seßhaftigkeit von Westanatolien aus über ganz Europa verbreitet zwischen 6.500 und 3.500 v. Ztr.. Die iranisch-neolithische Herkunftsgruppe hat Ackerbau, Viehzucht und Seßhaftigkeit vom iranischen Zagros-Gebirge bis nach Indien (Indus-Kultur) und bis an die Seidenstraße (Oasen-Kultur) ausgebreitet, ebenso bis an die Mittlere Wolga. Und all das etwa im gleichen Zeitraum zwischen 6.500 und 3.500 v. Ztr..   

Abb. 1: Vertreterin der iranisch-neolithischen Völkergruppe - Die pakistanische Politikerin Bilquis Nasrum Minallah (1936-2012) (Wiki)

Sie legten damit die Grundlage für alle weitere Zivilisation. Und auch noch die heutigen Menschen zwischen Europa und Mittelasien tragen diese Herkünfte in sich in unterschiedlichen Anteilen. Und sie breiteten sich auf unterschiedlichen Wegen aus (siehe viele andere Beiträge hier auf dem Blog). Die größten Herkunftsanteile der ersteren tragen heute noch in sich die Menschen auf Sardinien, die größten Herkunftsanteile der letzteren tragen heute noch in sich vor allem Menschen in Pakistan. 

Meine Frage lautet nun:

Was unterscheidet die anatolisch-neolithischen Bauern um 6000 v. Ztr. von den iranisch-neolithischen Bauern hinsichtlich ihrer Körpermerkmale?

Die Antwort von ChatGPT kann ich weitgehend ungekürzt einstellen:

Kurz gesagt: anatolisch-neolithische Bauern (ANF) und iranisch-neolithische Bauern (INF) waren genetisch klar voneinander getrennte Populationen – und das sieht man auch an rekonstruierten Körper- und Gesichtsmerkmalen.

Hier die wichtigsten Unterschiede, wie sie aus alter DNA (aDNA) und Skelettfunden abgeleitet werden:

1. Haut-, Haar- und Augenfarbe

Merkmal       Anatolisch-neolithisch (ANF)               Iranisch-neolithisch (INF)

Hautfarbe:     überwiegend hell bis mittel                   eher mittel bis dunkler

Haarfarbe:   meist dunkelbraun, teils hellbraun     fast immer sehr dunkel / schwarz

Augenfarbe:  häufiger hell (grau, blau, grün)             überwiegend dunkelbraun

Grund:

ANF trugen bereits relativ häufig die europäischen „Aufhellungs-Allele“ (SLC24A5, SLC45A2). Diese waren bei INF fast vollständig abwesend.

Irgendwie sehr spannend. Weiter in der Antwort:

2. Gesichtsform und Schädelproportionen

Merkmal   ANF                                                                INF                                 

Schädel:   eher kurz- bis mittelköpfig, runder         eher langköpfig (dolichocephal)

Gesicht:   breiter, kürzer                                               schmaler, länglicher

Nase:       eher schmal / hoch                                       breiter Nasenansatz, längere Nase

Jochbeine: moderat ausgeprägt                                  häufig stärker ausgeprägt

Damit wäre also klar, woher die "Langköpfigkeit" der Indogermanen stammt: Von der iranisch-neolithische Herkunftsgruppe, die sich an der Mittleren Wolga hälftig mit osteuropäischen Jägern und Sammlern gemischt hat und dabei das Frühe Urvolk der Indogermanen, die Chwalynsk-Kultur gebildet hat. Für die osteuropäischen Jäger und Sammler gibt ChatGPT - neben hellen Körperpigmentierungen - als Schädelform an: "sehr robust, lang bis mittellang". Damit hätten die Frühen Indogermanen ihre Langköpfigkeit von beiden Vorfahrengruppen her geerbt. Weiter erfahren wir:  

3. Körperbau

Merkmal        ANF                                                           INF                                          

Statur            eher kompakt, kürzere Gliedmaßen    schlanker, längere Gliedmaßen

Körpergröße  ca. 1,65–1,70 m (♂)                               teils etwas größer, 1,68–1,73 m

Proportionen  an kühleres Klima angepaßt              an wärmeres, trockeneres Klima angepaßt

Für die osteuropäischen Jäger und Sammler wird zur Statur angeführt: "sehr kräftig, breite Schultern", Größe "1,70 bis 1,80 m, teils größer"

4. Genetische Abstammung & heutige Entsprechungen

Population | Hauptverwandtschaft                                                                                          

ANF: Vorfahren der frühen Europäer (LBK, Cardial), genetisch näher an heutigen Südeuropäern / Balkanbewohnern

INF: Vorfahren der kaukasisch-iranischen Gruppen, näher an heutigen Iranern, Kurden, Kaukasiern, Belutschen. 

Sie trennten sich vermutlich schon vor ~45.000–50.000 Jahren – lange vor der Landwirtschaft.

5. Gesamtbild

Ein typischer Vergleich in moderner Sprache:

Ein anatolischer Bauer um 6000 v. Ztr.

→ hellere Haut, teils helle Augen, runderes Gesicht, kompakter Körper.

Ein iranischer Bauer derselben Zeit

→ dunklere Haut, dunkle Augen, längliches Gesicht, schlanke, hochgewachsene Statur.

Fazit:

Obwohl beide Gruppen „neolithische Bauern“ waren, sahen sie sich biologisch deutlich verschieden – sie waren keine regionale Variante, sondern zwei tief getrennte Menschengruppen, die erst viel später im eurasischen Raum wieder massiv miteinander verschmolzen.

Soweit ChatGPT. Bei dieser Antwort bleibt kein Auge trocken. Sie ist umfassender und erschöpfender als erwartet.

Die Frage ist ja - unter anderem - deshalb so bedeutsam, weil - wie oben schon erwähnt - die iranisch-neolithische Herkunftsgruppe die Hälfte der Herkunft des Frühen Urvolks der Indogermanen, nämlich der Chwalynsk-Kultur an der Mittleren Wolga ab 4.500 v. Ztr., beigetragen hat. 

Freitag, 2. Januar 2026

Die Archäogenetik der Rus

Im Norden weisen die Russen finno-ugrische Beimischungen auf

Eine neue archäogenetische Studie zur frühmittelalterlichen Geschichte der Russen ist erschienen (1). Federführend scheint ein Archäogenetik-Labor der Universität Sotschi zu sein (früheres Tscherkessien im Kaukasus). Sie wartet aber - soweit wir das überblicken - mit nicht gar zu vielen, grundlegenden Neuerkenntnissen auf.

Abb. 1: Die Leibgarde (Drushina) des Prinzen Boris (gest. 1015) (Wiki) (Meisdr)

Jene Russen, die im Nordosten des Verbreitungsgebietes der mittelalterlichen Rus lebten, wiesen nach dieser Studie deutlich höhere finno-ugrische Nganasanen-Herkunft auf als die übrigen Russen (1). Sonst überlappt sich die Genetik der mittelalterlichen Rus - nach dieser Studie - sehr weitgehend mit der der übrigen osteuropäischen Slawen.

Der genetische Anteil der Wikinger im frühmittelalterlichen Rußland war schon in einer Eske Willerslev-Studie von 2019 Thema (Stg2019). Über die Erkenntnisse von 2019 führt der neue Artikel nicht weit hinaus. In ihm heißt es (1):  

Im PCA-Diagramm sind einige MA- und IA-Proben aus der skandinavischen Region sowie aus den MA-Bestattungen, die Sachsen, Wikingern und Slawen aus dem Gebiet des heutigen Deutschlands, Polens und Kroatiens zugeschrieben werden, und einige Individuen aus Bestattungen skandinavischen Typs aus dem Gebiet der alten Rus (19,26,28,29) ebenfalls neben Individuen des Subclusters Rus_SWest positioniert (Supplementary Fig. 30).
On the  PCA plot, some MA and IA samples originating from the Scandinavian region, as well as from the MA burials attributed to Saxons, Vikings, and Slavs from the territory of present day Germany, Poland, Croatia, and some individuals from Scandinavian-type burials from the ancient Rus' area (19,26,28,29) are also positioned alongside subjects of the Rus_SWest subcluster (Supplementary Fig. 30). 

Und (1):

Unsere Analyse ergab, daß nur wenige Individuen aus verschiedenen Regionen der alten Rus mögliche genetische Spuren skandinavischer Wikinger-Abstammung aufweisen. Insbesondere konnten keine genetischen Ähnlichkeiten zwischen den Genprofilen von Individuen aus den Grabhügeln der militärischen Elite (Druzhina-Krieger) in Gnezdilowo und Nikolskoe und denen skandinavischer Wikinger festgestellt werden (Fig. S34b, Fig. S35, siehe Supplementary Informations S2.2.1). Dieser Befund stützt nicht die Hypothese einer wahrscheinlichen skandinavischen Abstammung der in den beiden untersuchten Gräberstätten (Gnezdilowo und Nikolskoe) bestatteten Druzhina-Krieger.
Our analysis revealed that only a limited number of individuals from various regions of ancient Rus' exhibit possible genetic traces of Scandinavian Viking ancestry. Notably, no genetic similarities were identified between the genetic profiles of individuals from the barrows of the military elite (Druzhina warriors) in the Gnezdilovo and Nikolskoe mounds and those of Scandinavian Vikings (Supplementary Fig. 34b, Supplementary Fig. 35, see Supplementary Informations S2.2.1). This finding does not support the hypothesis of a likely Scandinavian ancestry for the Druzhina warriors buried in at least these two studied burial sites (Gnezdilovo and Nikolskoe). 

Merkwürdig ist, daß die neueste, im September 2025 veröffentlichte, recht grundlegende Studie zu den Slawen aus dem Archäogenetik-Labor von Johannes Krause in Leipzig in dieser Studie noch gar nicht berücksichtigt ist. Vermutlich hätte die Krause-Studie umgekehrt von dieser neuen Studie profiziert - aber umgekehrt scheint das nicht der Fall zu sein. Angesichts der differenzierten Überlegungen in der Krause-Studie zur Urheimat der Slawen mutet irgendwie verwirrend oder sogar irreführend die folgende Angabe in der neuen Studie an (1):

Trotz der geografischen Nähe der bronzezeitlichen Fatyanovo-Gruppe zum Gebiet der Rus wies sie keine signifikant höhere Anzahl gemeinsamer Allele mit irgendeinem der genetischen Subcluster der Alten Großrus auf (Supplementary Fig. 39, Supplementary Table 13).
Despite the geographic proximity of the BA Fatyanovo group to Rus' area, it did not exhibit a significantly higher number of shared alleles with any of  the Ancient Major Rus' genetic subclusters (Supplementary Fig. 39, Supplementary Table 13). 

Wäre das denn - nach der Krause-Studie - überhaupt zu erwarten? Die Fatjanowo-Kultur wird auf 2.500 v. Ztr. datiert. Aus ihr gingen die Sintashta-Kultur im Ural und die Andronowo-Kultur Sibiriens hervor, ebenso wie - vermutlich - die Kultur der "Arier" in Nordindien und wohl auch der Perser im Iran und schließlich der Skythen in der Steppe (Stg2020). Die Urslawen sind archäologisch und archäogenetisch nach der Krause-Studie östlich der Pripjetsümpfe erst in der Eisenzeit zu fassen, also zweitausend Jahre später.

Es handelt sich um ein Preprint. Vielleicht verlangen die Gutachter sinnvollerweise doch, daß die Erkenntnisse der Studie in Bezug gesetzt werden zu dem aktuellen Forschungsstand und nicht einem veralteten. 

___________

  1. Genetic history of Rus'. By Tatiana V. Andreeva, Svetlana S. Kunizheva, Malyarchuk B. Alexandra, Fedor E. Gusev, Tatiana V. Ustkachkintseva, Irina Yu. Adrianova, Gleb, S. Dotsenko, Anna Soshkina, Irina L. Kuznetsova, Natalia A. Dudko, Maria Yu Plotnikova, Elizaveta V. Rozhdestvenskikh, Andrey D. Manakhov, Asya V. Engovatova, Vladimir V. Sedov, Natalia A. Birkina, Olga V. Zelentsova, Ekaterina O. Chelogaeva, Anna M. Krasnikova, Igor Y Strikalov, Anna V. Rasskazova, Alexander S. Syrovatko, Pavel D. Manakhov, Maria V. Dobrovolskaya, Alexandra P. Buzhilova, Nikolay A. Makarov and Evgeny I. Rogaev. bioRxiv. posted 30 December 2025, 10.64898/2025.12.30.695215 (bioRxiv2025)

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