Samstag, 20. August 2011

Die Wandalen, Praxiteles, die Aphrodite von Knidos und ein tanzender Satyr

- Ein Ausflug in die Kunstgeschichte der Antike
Oder: Was ist schöner, männliche oder weibliche Nacktheit?

Die Entdeckung eines neuen antiken Kunstwerkes, eines tanzenden Satyr, im Jahr 1998*) riß den vormaligen Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom Bernard Andreae noch zehn Jahre später zu sehr begeisternden Ausführungen hin über den bedeutendsten Bildhauer der Antike und über die Darstellung männlicher und weiblicher Körper in der Antike (1):
Über Praxiteles, der sowohl in Bronze als auch in Marmor arbeitete, gibt es mehr Nachrichten aus der Antike als von anderen Künstlern. Er ist auch der einzige, von dem ein Original erhalten ist: die marmorne nackte Hermesstatue in Olympia. Wenn die Nacktheit der Frau weiser ist als die Lehre der Philosophen, wie Max Ernst gesagt haben soll, wie ist es dann mit der Nacktheit des Mannes? Männliche Nacktheit wird heutzutage seltener ins Bild gesetzt als die der Frau. In der griechischen Kunst war es umgekehrt. Seit archaischer Zeit gab es unbekleidete Jünglingsstatuen, die sogenannten Kuroi. Apollo sowie andere männliche Götter und auf jeden Fall die halbgöttlichen Satyrn wurden nackt dargestellt, nicht aber die Mänaden; unter den weiblichen Göttinnen nur die Liebesgöttin, und auch diese erst seit der Zeit des zwischen 370 und 320 tätigen Praxiteles.
Hier kommt Phryne, seine Geliebte ins Spiel, die das Vorbild der ersten unbekleideten Aphroditestatue, der „Venus von Knidos“, gewesen sein soll. Von ihr sprechen antike Quellen auch im Zusammenhang mit einem Satyr: Phryne wollte wissen, welches seiner Werke Praxiteles das liebste sei, und schickte einen Sklaven zu ihm mit der Botschaft, die Werkstatt sei verbrannt. Praxiteles rief verzweifelt aus: „Auch der Satyr? Dann bin ich verloren!“ Da trat Phryne vor und beruhigte ihn; sie wisse jetzt wenigstens, welche seiner Skulpturen er am  höchsten schätzte.
Praxiteles hat noch zwei andere durch römische Marmorkopien bekannte Satyrn geschaffen: den Einschenkenden und den Angelehnten. Man kann also nicht sagen, welcher der in der Phryne-Anekdote erwähnte ist. Doch wenn der Satyr von Mazara del Vallo ein Werk des Praxiteles wäre, wüsste man, warum er einen seiner drei Satyrn so über alles stellte. Denn in dieser frei stehenden Plastik hat der Schöpfer eine Grenze überschritten – die wirbelnde Bewegung auf der Spitze eines Fußes übertrifft noch die des berühmten Diskuswerfers von Myron.
Also sogar der revolutionäre Athener Bildhauer Praxiteles (390 - 320 v. Ztr.) schätzte die eigene Darstellung eines nackten männlichen Körpers höher ein, als die eines nackten weiblichen Körpers, sogar als die vielleicht berühmteste Darstellung eines weiblichen Köpers in der Kunstgeschichte überhaupt, die "zufälligerweise" ebenfalls von ihm geschaffen wurde! Das gewährt tiefreichende Einblicke in das antik-griechische Schönheitsempfinden. Aber welche Skulptur war es, die ein Praxiteles - wohlgemerkt: ein Praxiteles! - auch noch einer Aphrodite von Knidos vorzog?

Die Aphrodite von Knidos: Das Original ist gefunden!

Doch behandeln wir zunächst einmal die "Revolution" des Praxiteles, nämlich die Schaffung seiner Aphrodite von Knidos, von der sich nur Kopien überliefert haben. Das berühmte antike Kunstwerk ist in den Abbildungen 2 bis 6 wiedergegeben, die meisten Leser werden es schon einmal gesehen haben (Welt, 30.3.07; s.a. hier):

Abb 2: Aphrodite von Knidos (Kopie)
Auf Wikipedia heißt es:
Die Statue war für ihre außerordentliche Schönheit berühmt, die von allen Seiten bewundert werden konnte (Rundansichtigkeit), sowie dafür, die erste lebensgroße Darstellung des nackten weiblichen Körpers in klassischer Zeit zu sein. Dargestellt war die Göttin Aphrodite, wie sie sich auf das rituelle Bad zur Wiederherstellung ihrer Jungfräulichkeit vorbereitet; in ihrer linken Hand hält sie ihr Gewand, während sie mit der Rechten die Scham verbirgt. 
Abb 3: Aphrodite von Knidos (Kopie)
- Was für ein Kopf! (Abbildung 3) - Weiter heißt es auf Wikipedia über sie:
Auf Grund der revolutionären Darstellung der Göttin in völliger und selbstbewusster Nacktheit wurde sie schnell zu einem der berühmtesten Werke des Praxiteles. Plinius berichtete: "Die Venus des Praxiteles übertrifft alle Kunstwerke der ganzen Welt. Viele haben die Seefahrt nach Knidos unternommen, bloß um diese Statue zu sehen."
Abb 4: Aphrodite von Knidos (Kopie)
Und:
Die Statue wurde so bekannt und vielfach kopiert, dass einer Legende zufolge die Göttin Aphrodite schließlich selbst nach Knidos kam und anschließend fragte: „Wo hat mich Praxiteles denn nackt gesehen?“
Abb 5: Aphrodite von Knidos (Kopie): "Wo hat mich Praxiteles denn nackt gesehen?"
Und nachdem wir uns mit diesem hinreißenden Kunstwerk ein wenig befaßt haben, noch einmal die Frage: Von welcher Art Kunstwerk kann dasselbe noch übertroffen werden - zumindest nach Meinung des Künstlers selbst?

Der "tanzende Satyr" (genannt "von Mazara del Vallo")

Die Bronzeskulptur des "tanzenden Satyr" (genannt "von Mazara del Vallo"), die 1998 in 500 Meter Tiefe in der Straße von Sizilien (zwischen Sizilien und Tunesien) im Schleppnetz eines Fischerbootes gefunden geworden ist (Abbildung 7 - 12), wurde ziemlich bald nach der Auffindung dem griechischen Bildhauer Praxiteles zugeschrieben.

Abb. 7: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo (Kopf) (Ancientworlds.net)
Auf Wikipedia heißt es jedoch sehr kritisch zu dieser These (Wiki engl):
Though some have dated it to the 4th century BCE and said it was an original work by Praxiteles or a faithful copy, it is more securely dated either to the Hellenistic period of the 3rd and 2nd centuries BCE, or possibly to the "Atticising" phase of Roman taste in the early 2nd century CE. A high percentage of lead in the bronze alloy suggests its being made in Rome itself.
Abb. 8: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo (Kopf) (Ancientworlds.net
Demgegenüber trägt nun (2)
Bernard Andreae, langjähriger Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom bis 1995, acht neue Argumente für die These vor, dass es sich um das hochberühmte Meisterwerk des spätklassischen Bildhauers Praxiteles handelt.
Abb. 9: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo (Ancientworlds.net
So heißt es im Verlagstext zu seiner kleinen Schrift. In der FAZ sagt er dazu nun unter anderem (1):
Aus zahlreichen Wiedergaben in stadtrömischen Reliefs weiß man, dass die Figur sich bis zur Spätantike in Rom befand. Dass sie von dort stammen muss, geht auch daraus hervor, dass mit ihr zusammen ein lebensgroßes Elefantenbein aus Bronze geborgen wurde. Dieses muss von einem Elefantenviergespann stammen, welche es nachweislich nur auf Triumphbögen in Rom gab. Bekannt ist, dass der Vandalenkönig Geiserich bei seiner den Begriff des Vandalismus prägenden Plünderung Roms im Jahre 455 Raubgut auf dreißig Schiffen in die Hauptstadt seines Reiches in Tunesien verfrachten ließ. Wörtlich heißt es im „Vandalenkrieg“ des Historikers Prokop 1,5: „Eines der Schiffe von Geiserich, und zwar dasjenige, welches die Statuen transportierte, ging verloren, während die Vandalen mit allen anderen den Hafen von Karthago erreichten.“
Abb. 10: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo
Und abschließend schreibt Andreae:
Bleibt die Frage nach dem Schöpfer, die allein aufgrund der Beurteilung des Stiles beantwortet werden kann. Nicht nur ich halte den Satyr für rein praxitelisch. Hier wird es immer verschiedene Meinungen geben. Aber gerade ein Detail, nämlich die Formung des männlichen Gliedes, die bei diesem Meister besonders charakteristisch ist, spricht dafür, dass wir es wirklich mit dem hochberühmten Satyr des Praxiteles zu tun haben.
Abb. 11: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo 
Wir selbst wagen einstweilen noch nicht zu entscheiden, ob dies ein Kunstwerk sein könnte, daß ein Praxiteltes nicht nur geschaffen hat, sondern auch noch einer Aphrodite von Knidos hätte bevorzugen können.

Abb. 12: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo
Doch die Tatsache, daß Bernard Andreae in diesem Zusammenhang den Penis noch für überzeugender zu halten scheint, als Gesichtszüge, lassen uns ein wenig an der Sicherheit seines Urteils zweifeln. Die Satyr-Skulptur zeigt doch ein vergleichsweise wenig vergeistigtes Gesicht, das man zumindest auf den ersten Blick nicht unbedingt einem Praxiteles zusprechen möchte und das uns das Urteil des englischen Wikipedia für glaubwürdiger halten läßt.

Aber schon die Möglichkeit, daß der byzantinische Geschichtsschreiber Prokop vor 1500 Jahren von dem Verlust eines wandalischen Schiffes, beladen mit römischen Kunstwerken, berichten konnte, und daß 1500 Jahre später sizilianische Fischer Kunstwerke dieses Schiffes aus dem Meer ziehen, ist ein "legendäres" Geschehen für sich*).

Schluß

Auffallend bleibt es aber in jedem Fall, daß die Griechen männlicher Nacktheit einen so ausgeprägten Vorrang gegenüber weiblicher Nacktheit gegeben haben. Wie kommt es, daß sich bei allen "Renaissancen" der Antike  die Schönheitspräferenzen in der abendländischen Kunstgeschichte bis heute an diesen Umstand nie  angenähert haben? Hat auch das noch mit der "Höllenangst Gottes vor dem Nacktturnen" zu tun (s.a. 3 - 7)? Jedenfalls abschließend noch einmal eine weitere griechische Satyr-Darstellung. Das waren nämlich schon witzige Leute, die Griechen ... 

Abb. 13  Satyr
_____________
*) Während wir einen Artikel über den "Wandalenkrieg" des Prokop schreiben, sind wir auf die Thematik dieses Beitrages gestoßen und veröffentlichen diesen zuerst.
_____________

1. Andreae, Bernard: Tanz auf der Nadelspitze. Der „Tanzende Satyr“ von Mazara del Vallo. FAZ, 16.12.2008
2. Andreae, Bernard: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo und Praxiteles. Franz Steiner 2009
3. Bading, Ingo: Von der Schönheit des menschlichen Körpers, Studium generale, 13.3.2007
4. Bading, Ingo: "Die Höllenangst Gottes vor dem Nacktturnen", Studium generale, 19.7.2008
5. Bading, Ingo: Berlin praßt und wuchert ... (Teil 1) (November 2009)
6. Bading, Ingo: Berlin praßt und wuchert ... (Teil 2) (November 2009)
7. Dancing Satyr Of Mazara Del Vallo. Video auf: Wn.com; auch hier.

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