Dienstag, 11. Oktober 2011

Die Gen-Kultur-Koevolution in Ungarn

Am Beispiel der angeborenen Fähigkeit/Unfähigkeit, als Erwachsener Rohmilch verdauen zu können

Um 850 n. Ztr. eroberten sieben ungarische Stämme die heutige ungarische Tiefebene und brachten - wahrscheinlich - die heutige Sprache der Ungarn mit. Ebenso viele bis heute fortbestehende Kulturelemente. Ihre an einer bestimmter Stelle im Genom verschaltete genetische Unfähigkeit, als Erwachsener Rohmilch verdauen zu können, weist sie auch auf genetischem Gebiet als eine klar von der unterworfenen einheimischen Bevölkerung unterschiedene Gruppierung aus, wie eine neue Studie ans Licht gebracht hat (1). Darüber, wie sich ihre Nachkommen und damit ihre Gene anteilsmäßig bis heute im ungarischen Volk ausbreiteten oder zurückgingen, läßt sich anhand dieser Studie noch nicht sehr viel sagen.  

Abb. 1: Ungarischer Bogenreiter
In der Studie (1) wurden Knochenüberreste der damaligen Eroberer und Knochenreste der von ihnen damals unterworfenen Bevölkerung auf die Häufigkeit einer bestimmten genetischen Sequenz für die angeborenene Fähigkeit, als Erwachsener Rohmilch verdauen zu können, untersucht. Die Ergebnisse wurden mit der Häufigkeit in den heutigen Bevölkerungen in diesem Raum und in weiter östlich lebenden Völkern verglichen.

- Die Gräber der Unterworfenen sind archäologisch laut dieser Studie gut unterscheidbar von denen der ungarischen Eroberer aufgrund der einfachen Grabausstattung. Die ungarischen Kriegergräber hatten alle aufwendige Grabbeigaben, einen Pferdekopf und ähnliches. -

Das Ergebnis 

Nun ist das klare Ergebnis der Studie, daß die damals unterworfene Bevölkerung eine annähernd ähnliche Häufigkeit von Erwachsenenrohmilchverdauung aufweist wie die heutige Bevölkerung in diesem Raum - und wie sie die dortigen Bevölkerungen wohl auch schon lange Jahrhunderte und Jahrtausende zuvor aufwiesen (allerdings frühestens nach der Linearbandkeramik, nach 4.900 v. Ztr., siehe frühere Beiträge). Nur die ungarischen Eroberer weichen davon ab, insofern sie diese Fähigkeit ebensowenig aufweisen, wie sie damals und heute in der Regel in den östlichen, finno-ugrischen und asiatischen Völkern vorkommt, mit denen die ungarischen Eroberer noch am ehesten als genetisch verwandt erachtet werden.

Laut Tabelle 1 sind von den 9 untersuchten Unterworfenen sechs monozygot für die hier verschaltete Unfähigkeit (CC), einer dizygot und zwei monozygot für die an dieser Stelle verschaltete Fähigkeit (TC, TT) als Erwachsener Rohmilch verdauuen zu können, also:
- 67 Prozent CC - 11 Prozent TC - 22 Prozent TT. 

Alle von den 13 untersuchten Eroberern sind monozygot für die an dieser Stelle (C/T-13910) genetisch verschaltete Unfähigkeit als Erwachsener Rohmilchverdauen zu können, also:
- 100 Prozent CC - 0 Prozent CT - 0 Prozent TT.
In der heutigen ungarischen Bevölkerung sind für die an dieser Stelle verschaltete Fähigkeit/Unfähigkeit, als Erwachsener Rohmilch verdauen zu können:

- 39 Prozent CC - 50 Prozent TC - 11 Prozent TT.

Erörterung

Läßt sich nun aus diesem Ergebnis der Einfluß der Eroberer auf die genetische Zusammensetzung des heutigen ungarischen Volkes ablesen?*) Wohl kaum.

Abb. 2: Ungarische Husarenmütze (Kalpak)
Aufgrund der kleinen frühmittelalterlichen Stichprobengröße wird es wohl zur Zeit noch wenig Sinn machen, über die Art der Selektionstrends vom Frühmittelalter bis heute großartige Aussagen zu machen. Insbesondere auch deshalb, weil es ja in Ungarn - wie auch sonst - seit dem Frühmittelalter eine Vervielfachung der Bevölkerung gegeben hat. So könnte sich beispielsweise auch die Nachkommenschaft der Eroberer gegenüber ihrer eigenen Ausgangspopulation vervielfacht haben, obwohl der Anteil der an dieser Stelle monozygot Rohmilch-Unverträglichen - auch von der Gruppe der Unterworfenen ausgehend - seither in Ungarn deutlich zurückgegangen ist.

Ebenso drängt sich ja auch der Eindruck auf, daß die Eroberer zu dem deutlich angestiegenen Anteil der Dizygoten beitragen haben könnten.

Oder spiegelt sich in der "weniger vermischten" Gruppe der Unterworfenen (gegenüber der heutigen) noch ein früheres Völkerwanderungs-Ereignis wieder? So daß der heutige Stand der Vermischung allein aufgrund der Zeitdauer auch ohne die Schicht der ungarischen Eroberer, die von der Geschichtswissenschaft in der Regel als eine sehr dünne angesehen wird, zustande gekommen wäre? Vieles muß offen bleiben, außer der Tatsache, daß hier eine genetisch sehr deutlich von der einheimischen Bevölkerung unterschiedene Bevölkerung als Eroberer und als Reiterkrieger aufgetreten ist.

Noch einige Auszüge aus der Studie (Hervorhebung nicht im Original):
181 present-day Hungarian, 65 present-day Sekler, and 23 ancient samples were successfully genotyped for the C/T-13910 SNP. (...)
The population we are concerned with here, Hungarian pastoralist nomads, after a period of migration from much further east, entered Europe as seven major tribes that invaded the Carpathian basin from across the encircling mountains around 895 AD. (...)
During the migration they might have been in contact with Finno-Ugric populations, Kazars, Petchenegs, Bolgars, Savirs, Kabars, and Alans living in the northwestern and southwestern regions of the Ural and in the Caucasus. The Carpathian basin had been settled for thousands of years before the arrival of the Hungarians, by Dacians, Romans, Sarmatians, Goths, Huns, Avars, Slavs, and many others. (...)
The samples, provided by the Archeological Institute of the Hungarian Academy of Sciences, had been excavated in cemeteries from the 10th–11th centuries from different regions of the Carpathian basin. Both the burial sites and the bones were archaeologically and anthropomorphologically well-defined. The groups we have called classical conquerors and commoners were distinguished on the basis of the grave findings. Classical Hungarian conquerors were those excavated from rich graves, containing a horse skull, harness, arrow- or spear-heads, mounted belts, braided ornaments and earrings. Commoners were found in graves with impoverished burial remains. (...)
The genotyping of the C/T213910 autosomal SNP was successful in 23 ancient bone samples (13 classical conquerors, nine commoners, and one not determined). (...)
The three ancient samples with a lactase persistent genotype were all commoners and all displayed haplogroup H, which is the most common in Europe. (...)
The prevalence of the T213910 allele (lactose tolerance) in the subgroup of ancient commoners was similar to that of the present-day Hungarians, North-west Russians, Austrians, Slovaians, Chechs, and Germans; in the subgroup of classical conquerors it corresponded well with the prevalence of Ob-Ugric present-day populations, such as Khantys, or Maris, and certain Central-Asian and Turkish populations. (...)
Significant difference was found in the C/T213910 genotypes and allele frequencies between the ancient Hungarian conquerors and the present-day Hungarianspeaking populations. (...)
In ancient Hungarians, the T-13910 allele (lactose tolerance) was present only in 11% of the population, and exclusively in commoners of European mitochondrial haplogroups who may have been of pre-Hungarian indigenous ancestry. This is despite animal domestication and dairy products having been introduced into the Carpathian basin early in the Neolithic Age. This anomaly may be explained by the Hungarian use of fermented milk products, their greater consumption of ruminant meat than milk, cultural differences, or by their having other lactase-regulating genetic polymorphisms than C/T-13910. The low prevalence of lactase persistence provides additional information on the Asian origin of Hungarians. 
Present-day Hungarians have been assimilated with the surrounding European populations, since they do not differ significantly from the neighboring populations in their possession of mtDNA and C/T-13910 variants.
Abschließend weisen die Autoren noch darauf hin, daß es sein könnte, daß die Fähigkeit zur Erwachsenen-Rohmilchverdauung - wie in anderen asiatischen (und afrikanischen) Völkern auch - noch an anderer Stelle genetisch verschaltet ist, als bei der hier und auch sonst zumeist erforschten "klassischen" ("europäischen") Stelle im Genom.

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*) Ob nicht allerdings auch bei den Eroberern Menschen mitgezogen sein dürften (z.B. Sklaven, Abhängige), die in einfachen Gräbern bestattet worden sind, wird nicht erörtert. Diese könnten vielleicht auch den Anteil der monozygot Rohmilch-Unverträglichen unter den Unterworfenen vergrößert haben. Allerdings dürften ihre gleichzeitig untersuchten, wenn auch wenig erörterten europäischen genetisch-mitochondrialen oder auch physisch-anthropologischen Merkmale einige Sicherheit geben. - ?

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ResearchBlogging.org
1. Nagy D, Tömöry G, Csányi B, Bogácsi-Szabó E, Czibula Á, Priskin K, Bede O, Bartosiewicz L, Downes CS, & Raskó I (2011). Comparison of lactase persistence polymorphism in ancient and present-day Hungarian populations. American journal of physical anthropology, 145 (2), 262-9 PMID: 21365615

Freitag, 30. September 2011

Genomforschung für alle!

Thilo Sarrazin in der praktischen Anwendung

Damit werden künftig viele Thesen von Thilo Sarrazin aus dem letzten Herbst nach und nach immer besser verstehbar und sie werden als immer selbstverständlicher in das eigene Wissen und das eigene, daraus abgeleitete Handeln jedes einzelnen Menschen integriert werden können. Die Gesellschaften insgesamt werden informierter über die damit zusammenhängenden, z.T. sehr schwerwiegenden bioethischen Fragen diskutieren können. Und es entsteht nach und nach eine Zwangslage, der sich auch eine Angela Merkel, die jüngst ein neues Gensequenziergerät in Potsdam eingeweiht hat, nicht mehr entziehen kann:

Auf dem "Scilog" "Bierologie" von Bastian Greshake und Philipp Bayer wird gerade der Start des spannenden, neuen Internetprojekts OpenSNP verkündet. Ein Projekt, das jeden einzelnen Menschen mit seinen eigenen phänotypischen Merkmalen mitten in die Genomforschung hineinstellt und ihn an ihr beteiligt und ihn als wesentliche Einzelpersönlichkeit in diesem Forschungsprojekt erachtet. Die Genomforschung erhärtet ja unser Wissen darum, wie einzigartig jeder einzelne Mensch ist und daß jeder einzelne Mensch der naturwissenschaftlichen Humanforschung und der Gesellschaft insgesamt auf vielerlei Ebenen Vorteile verschaffen kann durch seine Beteiligung, wie auch der einzelne Mensch selbst Vorteile von einer Beteiligung haben kann. Ich kann mein Genom sequenzieren lassen (kostet noch ein paar Euro, wird aber von Jahr zu Jahr günstiger) und die gewonnenen Daten hier in diesem neuen Internetprojekt einstellen. Und ich kann zugleich meine phänotypischen Merkmale angeben und diese dann mit den Merkmalen jener  vergleichen, die ein ähnliches Genom oder ähnliche Gensequenzen haben wie ich. Oder ich kann Hobbyforschern oder professionellen Forschern dies dort ermöglichen. 

Beschleunigung einer wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Revolution

Es kann jetzt schon abgesehen werden, daß diese Entwicklungen die derzeit sich vollziehende wissenschaftliche Revolution in der Genomforschung und das Bewußtwerden derselben in der Bevölkerung erheblich beschleunigen wird. Und damit auch gesellschaftliche Debatten erheblich intensivieren wird. Was also der Bestsellerautor Thilo Sarrazin im letzten Herbst begonnen hat, nämlich über genetische Häufigkeitsunterschiede in Völkern aufzuklären, wird hiermit auf ganz anderer, viel breiterer, viel tiefer ausgelegter sachlicher Ebene weitergeführt. Und jeder einzelne kann bei dieser Forschung mitmachen. Hier einige der wesentlichsten Netzverweise zu diesem neuen Projekt "Genomforschung für alle": 

Man zögert natürlich noch, dort alle seine zum Teil doch recht spezifischen und persönlichen, angeborenen Körpermerkmale, medizinischen Merkmale, Veranlagungen und Neigungen, seiner Nahrungspräferenzen (Rohmilch, Alkohol ...), psychische Merkmale und Neigungen, Verhaltensmerkmale und -neigungen (etwa Neigung zu ADHS oder Neigung zu Depression), Intelligenzmerkmale (also IQ-Test-Ergebnisse), Begabungen, Schwächen, die Art seiner Religiosität, seiner politischen Interessen, seiner polygamen oder monogamen Neigungen, die Neigungen zu altruistischem oder egoistischem Verhalten in bestimmten, exakt festgelegten ("Spiel"-)Situationen, zu Dominanzverhalten oder unterwürfigem Verhalten, zu Gewalt oder Friedfertigkeit etc. etc. etc. pp. pp. einzugeben, um diese Merkmale dann mit den Merkmalen anderer in ihrer Ähnlichkeit oder Unterschiedlichkeit vergleichen zu können - oder dies anderen ermöglichen zu können.

Ähnlicher Phänotyp kann nämlich sowohl auf ähnlichem Genotyp als auch auf unterschiedlichem Genotyp beruhen. Helle Haut etwa ist in Asien anders verschaltet als in Europa. Weshalb man Grund hat, sich die Unterschiede zwischen der hellen Haut in Asien und Europa noch einmal genauer anzuschauen. Und so wird es mit unzähligen Eigenschaften sein.  Auch der Forschungszweig der "Epidemiologie", also der Lehre von der Verbreitung von Krankheiten, den wir schon einmal in einer Amazon-Buchrezension behandelten, wird dadurch beschleunigt.

Welche Fülle an Forschungsmöglichkeiten!

Denn für alles Genannte und vieles mehr muß es genetische Varianten geben, die für sie (mit)verantwortlich sind, da die Zwillingsforschung einen beträchtlichen Anteil von genetischer Verursachung für eine Fülle von menschlichen (und natürlich tierlichen und pflanzlichen) Eigenschaften nahelegt. Und für vieles sind ja auch schon genetische Varianten bekannt, die aber bisher zumeist nur einen geringen Teil der weltweit bekannten phänotypischen Varianz erklären können (etwa von ADHS).

Sie machen darauf aufmerksam, daß die Beachtung genetischer Unterschiede wichtig ist. Aber der jeweils genaue Umfang dieser notwendigen Beachtung ist oft noch nicht eruiert.

Und ich kann nun mit meinen Angaben zu meinem Phänotyp und der Veröffentlichung meines persönlichen Genoms mithelfen, daß die spezfischen, genetischen Ursachen all dieser Dinge in ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten erforscht werden können. So könnten sich auf diesem Forum bislang einander selbst ganz unbekannte Menschen treffen, die aber alle eine spezifische Eigenschaft haben. Und diese Menschen könnten zugleich feststellen, daß sie auch alle eine spezifische Gensequenz gemeinsam haben und auf diese Weise könnten neue Gensequenzen für phänotypische Merkmale gefunden werden, die heute noch gar nicht bekannt sind. Auch könnte sich diese Menschengruppe wieder in Subgruppen teilen, da sie feststellen, daß es zwei unterschiedliche genetische Varianten sind, die einen zwar sehr ähnlichen, aber subtil ebenfalls wieder unterschiedlichen Phänotyp hervorrufen.

Beispielsweise könnten auch Träger des gleichen Familiennamens, die oft ähnliche Y-Chromosomen aufweisen, da das kulturelle Merkmal Familienname in Europa und Nordamerika zumeist über die männliche Linie "weitervererbt" wird, sehr detailliert Ahnenforschung miteinander treiben. Ebenso natürlich Träger ähnlicher Sequenzen von mitochondrialem, also nur mütterlich vererbten Genomen.

Das dehnbare Band von Genen und Kultur

Auch kann ich mit dazu beitragen, daß die Häufigkeitsverteilungen von Gensequenzen über die Populationen auf dieser Erde hinweg abgeglichen werden können mit ihnen zuzuordnender Häufigkeit von kulturellen oder psychischen Merkmalen. Ich kann also mithelfen, die Ausprägung der Vielfalt von Kulturen weltweit auf die jeweilige Häufigkeitsverteilung von Gensequenzen zurückzuführen. Ich kann mithelfen zu verstehen, ab wann in der Humanevolution bestimmte Gensequenzen von selektiven Mechanismen (also kulturell mit beeinflußten Mechanismen) plötzlich positiv bewertet wurden und sich begannen zu verbreiten. Das ist oft nur wenige tausend, vielleicht sogar nur wenige hundert Jahre her.

Ich kann also helfen, das Zusammenspiel von Genen und Kulturen im Verlauf der Welt- und Völkergeschichte besser zu verstehen, die sogenannte, auch für die menschlichen Intelligenz-Evolution so wesentliche "Gen-Kultur-Koevolution". Und ich kann besser verstehen als jemals, was für ein einzigartiges Genom, was für einzigartige genetisch mitbeeinflußte Merkmale aussterben, wenn ich keine Kinder habe und wenn auch meine genetisch Verwandten vergleichsweise wenige Kinder haben.

Muß ich mich zu einem "gläsernen Menschen" machen dazu?

Was für eine immense Revolution! Mit welcher Fülle von Implikationen, von denen auch in diesem Beitrag bis her wohl nur die "Spitze des Eisberges" genannt ist. - Die Frage ist, wie man dabei mit der Notwendigkeit umgeht, sich dazu zu einem weitgehend "gläsernen" Menschen machen zu müssen. Wird man sich ein Pseudonym geben, um dann fröhlich mit anderen über ähnliche phänotypische Merkmale und ihnen zuzuordnende Gensequenzen diskutieren zu können? Dies wird naheliegend sein. Um so mehr unterschiedliche Merkmale man allerdings für dieses Pseudonym bekannt gibt, um so "individueller" wird dieses Pseudonym und möglicherweise nach und nach leichter "wiedererkennbar". Mit all diese Fragen wird man nach und nach in der praktischen Eprobung den angemessenen Umgang kennenlernen und üben. 

In nur wenigen Jahren wird sicherlich unser persönliches Genom auf der Krankenkassenkarte oder ähnlichem gespeichert sein. Dann kann der behandelnde Arzt jeder Zeit nicht nur die Blutgruppe abfragen, sondern eine Fülle weiterer bestimmter Gensequenzen, was ja in der klinischen Praxis immer häufiger üblich wird derzeit. So werden depressiv Erkrankte auf bestimmte körpereigene Metabolika sequenziert, um auf diese Weise schon einschränken zu können, welche Arzneimittel gut und welche schlecht "metabolisiert" werden etc. pp. pp..

Eine neue Form der Naturverbundenheit

Insgesamt stellt das persönliche Genom eine neue "Naturverbundenheit" des Menschen her. Eine neue Verbundenheit unseres Denkens mit unserer eigenen Natur und der anderer Menschen.

Montag, 29. August 2011

4.100 v. Ztr. - "Tertiäre Neolithisierung" im Alpen-, Ostsee-, Nordsee- und Nordschwarzmeer-Raum

Der derzeit "meistgelesene Artikel" der "Prähistorischen Zeitschrift"

Abb. 1.: W. Schier, geb. 1957
Es ist der derzeit "meistgelesene Artikel" auf der Internetseite der "Prähistorische Zeitschrift" (1). Ein Aufsatz aus dem Jahr 2009 über die "tertiäre Neolithisierung" Europas um 4.100 v. Ztr.. Verfaßt von dem Berliner Archäologen Wolfram Schier (s. Abb. 1). Also darüber, wie sich die seßhafte, landwirtschaftliche Lebensweise in Europa ausbreitete vor sechstausend Jahren in einem dritten "Schub". Nach dem primären im Balkanraum und an den Meeresküsten (um 6.500 v. Ztr.) und nach dem sekundären des mitteleuropäischen Binnenlandes (Linearbandkeramik, um 5.700 v. Ztr.). Der Aufsatz gibt einen umfassenden und zugleich detailscharfen Überblick über die Thematik. Er ersetzt die Vorstellung einer stetig und allmählich fortschreitenden "Wave of Advance"-Neolithisierung Europas durch das viel wirklichkeitsnähere Modell der "arythmischen" Neolithisierung (ebenso auch: 13).*)

Aber nicht nur das: Er gibt tiefreichende Einblicke in die aktuelle Forschungsdebatte zur noch keineswegs gut geklärten Ausbreitung der neolithischen Lebensweise um 4.300 /4.100 v. Ztr (s.a.: 2, 3). Und zwar nicht nur im nordwestlichen Vor- und Alpenraum, sondern auch zeitgleich im Ostseeraum. (Übrigens vollzog sich diese Ausbreitung zeitgleich ebenso in England und auch im Nordschwarzmeergebiet.)

Und nicht nur das. Er macht zusätzlich noch bekannt mit Versuchen im Rahmen der "experimentellen Archäologie" dahingehend, wie Rodungsbauern gearbeitet haben könnten (4, 5). Denn Neolithisierung heißt ja in Mitteleuropa zunächst einmal immer: Rodung, Urbarmachung von Wald. Das war noch bis weit ins Hochmittelalter so.

Nachdem die Aufklärung der "sekundären Neolithisierung" (um 5.700 v. Ztr.) gerade in den letzten zehn bis zwanzig Jahren über die Bandkeramik-Forschung wesentliche Fortschritte gemacht hatte, steht in der Tat die Klärung der Fortsetzung dieser Entwicklung (um 4.100 v. Ztr.) aus. Auch hier auf dem Blog ist dazu im selben Jahr 2009 ein Beitrag verfaßt worden (2). Diese Fortsetzung wird möglicherweise von Schier sehr treffend die "tertiäre Neolithisierung" Europas genannt. Im Kern postuliert Schier als einen wesentlichen neuen Charakterzug der "tertiären Neolithisierung" den Brand(rodungs)feldbau. Selbst wenn sich die Bedeutung desselben in der künftigen Forschung noch deutlich relativieren sollte, da die Hinweise auf ihn in sich noch nicht sehr widerspruchsfrei sind, ist doch schon gut absehbar, daß in jedem Fall die übrigen Ausführungen dieses Aufsatzes von Schier relevant bleiben werden.

Multikulti- und Globalisierungs-Ideologien hemmen den wissenschaftlichen Fortschritt

Denn schon vor 15 Jahren war erkennbar, daß das theoretische Modell einer sich mit steter Regelmäßigkeit weiter geographisch ausbreitenden seßhaften, ackerbau-treibenden Lebensweise, wie sie von manchen Forschern -  sozusagen "vom grünen Tisch aus" - angenommen worden war, nicht mit den archäologischen Daten übereinstimmt. (- Damals übrigens gar nicht einmal besonderes popularisiert durch die Archäologen, sondern vor allem durch einige Humangenetiker. Diesen wird ja besondere ideologische Stromlinienförmigkeit abverlangt, bzw. diese verlangen sie sich selbst ab - mit immer weider zu beobachtenden ungünstigen Rückwirkungen auf die längerfristige Gültigkeit ihrer Forschungsergebnisse. - Luigi Luca Cavalli-Sforza, seligen Angedenkens ... Da aber wohl in wenigen Bereichen der heutigen Wissenschaft die Entwicklungen so stürmisch sind wie in der Genetik, widerlegen sich die Genetiker immer schon nach wenigen Jahren wieder selbst! ;-) )

- Und deshalb ist heute ziemlich klar übersehbar: Nein, Kultur, Lebensweise und Sprache breiten sich nicht bloß oder vorwiegend "diffundierend", passiv im Fluß der Geschichte treibend entlang geographischer Gradienten aus. Auch Gene breiten sich nicht bloß oder vorwiegend "diffundierend" individual-selektionistisch-passiv im Fluß der Geschichte treibend entlang geographischer Gradienten aus. Sondern Völker, Ethnien sind die Subjekte der Humanevolution und der Weltgeschichte. Ihr aktives und selbstverantwortliches Handeln hat den Ablauf beider bis heute bestimmt. - Das Volk ist zwar auch Subjekt des Grundgesetzes und vieler anderer Verfassungen auf der Welt. Und es ist noch von Charles de Gaulle ins Zentrum der Gestaltung Europas gestellt worden ("Europa der Vaterländer"). Aber heute ist Multikulti und bedingungslose, auch humangenetische Globalisierung Trumpf. Nur sie allein sind bedingungslos human. Alles andere ist inhuman und unmoralisch.


Deshalb "muß" - in einem sagenhaften umgekehrten naturalistischen Fehlschluß - auch in der Evolution und in der Weltgeschichte alles nach dem globalistischen, "diffundierenden" Multikulti-Modell geschehen sein. - Die ganze Sache hat nur - wie übrigens auch manches in der Wissenschaft im Stalinismus - einen Haken: Tatsachen. Eigentlich wohin man auch blickt, sprechen die Tatsachen dagegen. Und wir haben hier auf dem Blog schon sehr häufig darauf hingewiesen. Nun also auch Wolfram Schier.

Demographie gestaltet die Weltgeschichte

Und darauf hatten wir auch schon sehr häufig hier auf dem Blog hingewiesen: Nicht der Ackerbau selbst - und an sich - hat sich ausgebreitet, sondern neue Kulturen bilden sich jeweils am Rande der jeweils schon neolithisierten Kulturen aus, bilden über Individual- und Gruppenselektion eine völlig neue Kombination von gegenseitig aneiander angepaßten kulturellen und genetischen Merkmalen aus (Verdauungs-, Verhaltens- und Intelligenzgene und jeweils dazu passende kulturelle Merkmale und Verhaltensweisen). Und sie breiten sich dann - jeweils "aus sich selbst heraus" - über weite geographische Regionen hinweg aus. Oft unter Zurückdrängung der zuvor hier einheimischen Bevölkerungen. Und zwar schon allein aufgrund ihrer jeweils höheren Siedlungsdichte. Und all das geschieht - ganz offensichtlich - in aller Regel über nichts anderes als über: "Demographie". So ähnlich sieht das - neben vielen anderen - ungefähr auch die britische Evolutionäre Demographin Ruth Mace.

Als würden einen auch nur allein die letzten 200 Jahre Weltgeschichte irgendeines anderen belehren: Nordamerika!, Südamerika!, Australien!, Sibirien!, Südafrika! etc. pp. pp.. Wo die Europäer sich nicht demographisch ausbreiteten, setzte sich die moderne Industriegesellschaft auch nicht so klar und deutlich durch. Die "Erste Welt" ist einfach die Welt jener, die genetisch von Europäern abstammen. So einfach ist das. Kennzeichnenderweise abgesehen von den ostasiatischen Kulturen, die sich jedoch im Vergleich mit den Europäern nur vergleichsweise bescheiden über ihre eigenen historischen Grenzen hinaus ausgebreitet haben.

Mache dein Volk so zahlreich wie es "der Sand am Meer" ist

Und nicht nur die Humangenetiker und Evolutionären Demographen kommen allmählich auf diesen Trichter. Sondern auch nach Ausweis der Archäologie vollzog sich die Ausbreitung des Ackerbaus "etappenweise", "arhythmisch". Diese Sichtweise setzt sich nun endlich auch, zumindest was die Neolithisierung des  europäischen Bereiches betrifft, in der Wissenschaft - mit etwa 15-jähriger Verzögerung - durch (illustriert durch Abbildung 2). Der eingangs genannte derzeit "meistgelesene Artikel" (- aus dem Jahr 2009) schreibt:
(...) Dabei zeigt die differenzierte Betrachtung ein anderes Bild, das von J. Guilaine jüngst als „arythmisches“ Modell bezeichnet wurde und in dem Phasen schneller Ausbreitung mit Stagnationsphasen wechseln, wodurch regionale „Stillstandslinien“ im Neolithisierungsprozess entstehen. (...)
Und zur Erläuterung wird dann die auch hier wiedergegebene Abbildung 2 gebracht.

Abb. 2: Ausbreitung der neolithischen Wirtschaftsweise (8.500 bis 3.900 v. Ztr.)

Aus der Erläuterung dieser Abbildung 2 durch Wolfram Schier seien nur einige der wesentlichsten Passagen herausgegriffen:
(...) Entgegen dem Wave-of-Advance-Modell schreitet der Neolithisierungsprozess in der ersten Hälfte des 6. Jahrtausends in Südost- und Mitteleuropa nicht erkennbar weiter voran. Erst gegen 5600–5500 calBC kommt es im nördlichen Transdanubien und wahrscheinlich auch im oberen Theissgebiet zur Herausbildung der ältesten (westlichen) Linearbandkeramik respektive der frühen Alföld-Linearkeramik, der eine erstaunlich rasche Ausbreitung bis an den Rhein sowie die Lössgrenze nördlich der Mittelgebirgszone folgt. (...)
Diese "erstaunlich rasche Ausbreitung", auch das war schon vor 15 Jahren erkennbar, muß auf einem imensen Kinderreichtum beruht haben. Man kann sich das etwa so vorstellen, wie bei den ausgesprochen kinderreichen deutschen Rodungsbauern in Wolhynien im 19. Jahrhundert. Oder - unter moderateren wirtschaftlichen Verhältnissen - bei der religiösen Gruppierung der Hutterer in Nordamerika heute (demographische Verdoppelung alle 25 Jahre!).

Außerdem wurde sie möglich dadurch, daß neue Siedlungsstellen jeweils sehr weit von der alten Siedlungsstelle entfernt im mitteleuropäischen Urwald angelegt worden sind und der Zwischenraum (etwa 30 Kilometer) dann erst in späteren Generationen "aufgesiedelt" worden ist. Diese Vorgehensweise scheint sehr zielbewußt und systematisch betrieben worden zu sein und man könnte vermuten, daß sich diese ersten mitteleuropäischen Bauern im Dienste einer bewußten (religiös motivierten?) "Mission" empfanden, nämlich - offenbar: Wald urbar zu machen. Oder auch: Ihr Volk groß und zahlreich zu machen. ("Wie Sand am Meer," spricht sich eine noch heute sehr lebendige religiös-ethnozentrische Einstellung - etwa in der Bibel - aus. Diese Einstellung übrigens leitete auch die Rodungsbauern in Wolhynien und leitet heute noch die Hutterer.)

Betrifft das Thema "tertiäre Neolithisierung" nicht auch das Thema "Ethnogenese der Indogermanen"?

Wir erfahren weiter: 
(...) Wenig präsent ist in der rhenozentrisch geprägten deutschsprachigen Bandkeramikforschung die annähernd gleichzeitig stattfindende Ostausbreitung, die vom ältestbandkeramischen Kerngebiet über die Mährische Pforte nach Südpolen und weiter entlang der Nord- und Ostkarpaten bis in die rumänische Moldau, nach Moldavien und in die Westukraine führt, wo die bandkeramischen Gruppen in Nachbarschaft und Kontakt zur Bug-Dniestr-Kultur stehen.
Diese Entwicklung ist unter anderem auch deshalb so wesentlich, weil hierdurch die Neolithisierung in jenen Bereich getragen wurde, in dem knapp tausend Jahre später das Ursprungsgebiet des weltgeschichtlich bis heute so bedeutsam gebliebenen Volkes der Indogermanen vermutet wird. Es würde wohl nicht ganz falsch sein, auch die Ethnogese der Indogermanen in der nordpontischen Steppe in das von Wolfram Schier entworfene Bild von der "tertiären Neolithisierung" mit hineinzunehmen. Die urindogermanische Sprache kennt nach Ausweis der Sprachforschung den Ackerbau, wenn auch Viehzucht dominierend ist. Wolfram Schier schreibt dann weiter:
(...) Was folgt, ist die eigentlich erstaunlichste Etappe im mitteleuropäischen Neolithisierungsprozess: Zwischen etwa 5100 und 4400 calBC, also über einen Zeitraum von rund sieben Jahrhunderten oder fast 30 Generationen, kommt es zu keiner nennenswerten Erweiterung des neolithischen Wirtschaftsraumes, zumindest nicht in großräumiger Perspektive.
In dieser Zeit muß aber dennoch viel passiert sein zwischen dem Nordrand der europäischen Mittelgebirge und den südlichen Küsten von Ostsee und Nordsee. Hier entstanden also innerhalb von höchstens 700 Jahren jene Völker, die dann als Ackerbauern den Ostseeraum und den Nordseeraum besiedeln sollten und möglicherweise am Ende der bandkeramischen Kultur auch Teile des vormaligen bandkeramischen Siedlungsraumes eingenommen haben könnten (Rössener Kultur, Lengyel-Kultur, Michelsberger Kultur und andere).

4.100 v. Ztr. - Die ersten Bauern kommen nach England und Schottland

Abb. 3: Ausbreitung des Neolithikums (aus 13)
Ein wichtiger Bereich "tertiärer Neolithisierung" wird von Wolfram Schier nicht angesprochen. Nämlich die britischen Inseln. Auch die Forschungen zur Neolithisierung Englands haben in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht und sollen anhand eines aktuellen Forschungsartikels (6) referiert werden. Lange Zeit wußte man auch bezüglich dieses Raumes nicht, ob sich das Neolithikum, also die seßhafte Lebensweise von Bauern durch die Zuwanderung von neuen Völkern ausgebreitet hat oder ob einheimische Bevölkerungen von Jägern und Sammlern nach und nach die bäuerliche Lebensweise angenommen haben. Also die alte, vieldiskutierte Frage! Aber auch bezüglich dieses Raumes setzt sich die Erkenntnis durch, daß neue Lebensweise sich mit neuen Völkern ausgebreitet hat, also durch deren Bevölkerungswachstum, nicht durch bloße Übernahme der Kultur (6).

Das gleiche war ja kürzlich auch schon bezüglich des Ostseeraumes festgestellt worden (2). Und nun sehen wir ähnliche Erscheinungen auch bezüglich von England. Um 3.900 v. Ztr. ist Südengland nach Ausweis der bisherigen archäologischen Forschungen von Bevölkerungen aus dem Pariser Becken und vom Pas de Calais aus besiedelt worden. Auch von den Kanalinseln und aus der Normandie kamen Siedler. Nur wenige Jahrzehnte später, vielleicht auch ein oder zwei Jahrhunderte später ist Schottland - nun von Völkern aus der Bretagne - besiedelt worden (6).

Durch diese Siedlungsvorgänge nahm die Bevölkerungsdichte in England und Schottland dramatisch zu. Innerhalb von hundert Jahren nahm sie um mehr als das Doppelte zu. Und in den nächsten zweihundert Jahren verdoppelte sich die Bevölkerung Englands wohl noch etwa zwei mal. Besonders spannend ist auch, daß um 3.600 die Bevölkerung wieder stark zurückging und sich etwa auf dem Niveau des ersten neolithischen Siedlungsschubs von 3.900 v. Ztr. einpendelte (6).

Und während die Bevölkerungsdichte bis zur Bronzezeit (ab 2.100 v. Ztr.) und auch während ihr in etwa gleich blieb, stieg die Zahl der oft noch heute in der Landschaft sichtbaren "Monumente" (Gräber, Wallanlagen und ähnliches) ab 2.400 v. Ztr. in den nächsten Jahrhunderten um das etwa Zwei- bis Dreifache an.

Auch aus England haben wir aus der frühesten Zeit des Neolithikums Zeugnisse für Milchwirtschaft. Man wird also davon ausgehen müssen, daß sich die genetisch weitergegebene Fähigkeit, als Erwachsener Rohmilch verdauen zu können, spätestens mit der Michelsberger Kultur entstanden ist und ausgebreitet haben könnte. Oder wird man damit weiter zurückgehen können bis auf die Rössener Kultur?

Wie war es nun zeitgleich in Norddeutschland und Dänemark?

Trotz viel zitierten - und deshalb hohe Erwartungen weckenden -, ausführlichen, 400-Seiten starken archäologischen, vergleichenden Überblicks-Untersuchungen (7) ist die Entstehung der Trichterbecherkultur im westlichen Ostseeraum um 4.100 v. Ztr. noch vergleichsweise wenig gut geklärt (vgl. auch 8 - 12). Versuchen wir dennoch, die wesentlichen Ergebnisse der hier angesprochenen, mühevoll erarbeiteten Untersuchung von Lutz Klassen aus dem Jahr 2004 zusammenzustellen. Zunächst schreibt er zur Vorgängerkultur, jener Ertebølle-Kultur von weit entwickelten und halbseßhaften Fischern und Jägern im Ostseeraum (7, S. 347):
Festzustellen ist eine starke Einbindung der Ertebølle-Kultur in ein weiträumiges mesolithisches Kontaktnetz. (...) So dürfte die Einführung der Keramik, einige Elemente der Grabsitten sowie die Elchgeweihhämmer auf Einflüsse aus dem ostbaltisch-nordrussischen Mesolithikum zurückzuführen sein. Besonders stark ist jedoch der Kontakt mit dem Mesolithikum der Swifterbant-Kultur, auf den die T-förmige Hirschgeweihaxt, die Schulterblätter mit Ausschnitten, Entwicklungstendenzen in der Flintindustrie sowie einige Elemente der Grabkultur zurückgehen dürften. Die gleichen Kontaktmechanismen sind für die Vermittlung der ersten Haustierhaltung und des ersten Getreideanbaus in die ältere norddeutsche Ertebølle-Kultur verantwortlich zu machen.
Spielten die Swifterbant- und die Rössner Kultur in den heutigen Niederlanden Schlüsselrollen?

Die Swifterbant-Kultur lag in den heutigen Niederlanden (5.300 bis 3.400 v. Ztr.) und zu ihr heißt es auf Wikipedia (engl.):
The oldest finds related to this culture, dated to circa 5600 BC, cannot be distinguished from the Ertebølle culture.
Sie gehörte also zu Anfang zur Ertebølle-Kultur und ist erst später eigene Wege gegangen. Die Rössener Kultur (4.500 bis 4.300 v. Ztr.), die mit etwas "plumperen" (trapezoidförmigen) Langhäusern die "kultivierteren", streng rechteckigen Grundriß-Formen der Langhäuser der Bandkeramik nach deren Untergang weiträumig im norddeutschen Raum fortgesetzt hat, scheint, was schon immer nahegelegen hatte, im Randgebiet der Swifterbant-Kultur und auch im Austausch mit ihr, sowie mit der untergehenden Linearbandkeramik entstanden zu sein - vielleicht sogar als Abspaltung von der Swifterbant-Kultur:
Contact between Swifterbant and Rössen expressed itself by some hybrid early Swifterbant pots in Anvers (Doel) and hybrid Rössen pottery Hamburg-Boberg.
heißt es auf Wikipedia. Und weiter heißt es dort über die zweihundert Jahre später einsetzende Vollneolithisierung der Swifterbant-Kultur selbst:
The agrarian transformation of the prehistoric community was an exclusively indigenous process (...). This view has been supported by the actual discovery of an agricultural field in Swifterbant dated 4300–4000 BC. Animal sacrifices found in the bogs of Drenthe are attributed to Swifterbant and suggest a religious role for both wild and domesticated bovines.
Das Verbreitungsgebiet der Swifterbant-Kultur und der frühesten Rössener Kultur wird nicht größer gewesen sein als jenes Gebiet am Plattensee, an dem sich 1500 Jahre zuvor die Ethnogenese des heute genetisch weitgehend ausgestorbenen bandkeramischen Volkes vollzogen hat. Und von wem sind die Bandkeramiker ersetzt worden? In Norddeutschland vor allem von der Rössener Kultur.


Holstein: Kontakte nach Westfalen - Jütland (später): Kontakte nach Nordfrankreich und Südengland

Im weiteren Verlauf wurde die Rössener Kultur im norddeutschen Raum über Zwischenstufen abgelöst durch die Michelsberger Kultur (4.400 - 3.500 v. Ztr.), die sich vom Pariser Becken aus weiträumig nach Mitteleuropa hinein verbreitete. Ob diese Michelsberger Kultur notwendigerweise eine größere genetische Diskontinuität zu der Rössener Kultur aufgewiesen haben muß, wäre möglicherweise eine Frage, der man noch einmal gesondert nachgehen könnte. Lutz Klassen schreibt nun jedenfalls über die Keramik der frühesten Trichterbecherkultur (nach 4.100 v. Ztr.) im westlichen Ostseeraum unter anderem (7, S. 347f):
(...) Dabei zeigte sich, daß die weitgehend unverzierte Keramik (...) sehr deutlich in der Tradition der Michelsberger Kultur steht. Einige Formen sind in fast identischer Form im gesamten Verbreitungsgebiet der Michelsberger Kultur nachweisbar. (...) Für eine Reihe von Formen konnten jedoch Parallelen nur in der nördlichsten Michelsberg-Regionalgruppe in Südniedersachsen und den angrenzenden Regionen Westfalens sowie Thüringens und des Mittelelbe-Saale-Gebietes ausfindig gemacht werden. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß die Entstehung der Keramik der fraglichen Gruppen entscheidend durch Impulse aus dieser Region bestimmt wurde. (...)
Dem gegenüber ist der Hintergrund der Entstehung des Keramikinventars der verwandten Regionalgruppen
in Nordjütland (Volling-Gruppe, s. 7, S. 245) (ab etwa 3.950 v. Ztr.)
im westlichen und nordwestlichen Mitteleuropa im Bereich der belgisch-französischen Regionalgruppe der Michelsberger Kultur, des Chasseen septrentional in Nordfrankreich und im englischen Frühneolithikum zu suchen. Die starken Affinitäten der hauptsächlich mit der Volling-Gruppe assoziierten nicht-megalithischen Langhügel zu den südenglischen Anlagen gleichen Typs stehen hiermit in guter Übereinstimmung. In der Keramik der Satruper Gruppe des späten Frühneolithikums I sind ebenfalls Kontakte zum Frühneolithikum Südenglands deutlich sichtbar.
Aus diesen Untersuchungen ergäbe sich ein sehr breiter Einflußraum, aus dem die kulturellen Anregungen gegeben worden sind, um zwischen dem Nordrand der deutschen Mittelgebirge und der Ostseeküste die so bedeutsame Trichterbecherkultur auszubilden.

Man darf vielleicht sagen, daß es schon damals weitläufige Austausch- und Handelsverbindungen gegeben hat - per Booten und Schiffen auf den Meeren und Flußläufen, sowie auf viel begangenen Handelswegen im Inland - und daß jene zuerst "vollneolithisierten" Menschengruppen am Südrand der Ertebolle-Kultur, die also zuerst die vollbäuerliche Trichterbecherkultur ausbildeten, offen für kulturelle Entwicklungen aus vielen Bereichen der südlicheren Michelsberger Kultur gewesen zu sein scheinen.
Diese kulturelle Offenheit, bzw. weitläufigen Kulturbeziehungen werden auch erkennbar bei den Trichterbecherleuten, die dann wenige Jahrhunderte später Nordjütland besiedelten und die dortige vorherige Ertebolle-Leute verdrängten.

Wo fand sie statt, die Ethnogenese des heutigen nordeuropäischen Menschentyps?

Wo jedoch jene anzunehmenderweise vergleichsweise kleine Flaschenhalspopulation gelebt hat, die den vergleichsweise einheitlichen Menschentyp hervorgebracht hat, der sich - nach allen vorliegenden humangenetischen Daten  (siehe 2, 3) - mit der ersten Neolithisierung selbst über Nordeuropa ausgebreitet hat und dort heute immer noch genetische Kontinuität aufweist, ist damit allerdings keineswegs besonders konkret geklärt.  Möglicherweise weist schon die bisherige Spärlichkeit der archäologischen Funde und Erkenntnisse darauf hin, daß es sich um besonders kleine Ausgangspopulationen "irgendwo" in dem genannten Raum gehandelt hat. Auch der früheste Ausgangsraum der Bandkeramik am Plattensee ist erst in den letzten zwei Jahrzehnten als dieser erkannt worden und über viele Jahrzehnte zuvor übersehen worden.

Deuten die Tatsachen - alle in eins genommen - nicht letztlich doch irgendwie auf die Swifterbant-Kultur und die Rössener Kultur als die eigentlichen "Kinderstuben" des heutigen nordeuropäischen Menschentyps? Es wäre vielleicht wert, einer solchen Vermutung einmal genauer nachzugehen.

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*) Ergänzung vom 6.9.11: Sehr ähnliche Gedankengänge hat inzwischen auch Peter Rowley-Conwy in "Current Anthropology" formuliert (13, frei zugänglich; siehe auch Dienekes). Rowley-Conway erwähnt allerdings die Rössener Kultur gar nicht, macht aber unter vielem anderen bewußt, daß es am Nordrand der LBK viel "Gruppenselektion" gegeben haben könnte, da hier kurzlebiger bäuerliche Gesellschaften entstanden sind und wieder untergingen, so die Villeneuve-Saint-Germain-Kultur in Nordfrankreich und die Stichbandkeramik in der Weichselmündung. Außerdem macht er auf die Orkney-Feldmaus aufmerksam, die mit den ersten neolithischen Siedlern auf die Orkney-Inseln gekommen sein soll. Diese Feldmaus werden wir im Auge behalten!!! Rowley-Conwy benennt relativ freimütig all die vielen Irrtümer, die sich die Archäologen zuschulden haben kommen lassen, obwohl z.B. schon die ältere Bandkeramikforschung mit Quitta 1960 die Einwanderung eines ganzen Volkes angenommen hatte. Die Forschung übersieht über die einzelnen Bäume oft den Wald. 
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ResearchBlogging.org1. Schier, W. (2009). Extensiver Brandfeldbau und die Ausbreitung der neolithischen Wirtschaftsweise in Mitteleuropa und Südskandinavien am Ende des 5. Jahrtausends v. Chr. Praehistorische Zeitschrift, 84 (1), 15-43 DOI: 10.1515/PZ.2009.002
2. Bading, Ingo: 4.100 v. Ztr.: Die modernen Nordeuropäer entstehen in Ostholstein, Studium generale, 18.11.2009
3. Bading, Ingo: 3.100 v. Ztr.: Mecklenburger Jäger und Fischer tragen einige den Bandkeramiker-Genen verwandte Gene in sich. Studium generale, 21.11.2009
4. Ehrmann, O., Rösch, M., & Schier, W. (2009). Experimentelle Rekonstruktion eines jungneolithischen Wald-Feldbaus mit Feuereinsatz – ein multidisziplinäres Forschungsprojekt zur Wirtschaftsarchäologie und Landschaftsökologie Praehistorische Zeitschrift, 84 (1), 44-72 DOI: 10.1515/PZ.2009.003
5. Johann Georg Goldammer, Susanne Montag und Hans Page: Nutzung des Feuers in mittel- und nordeuropäischen Landschaften Geschichte, Methoden, Probleme, Perspektiven. NNA-Berichte 10, Heft 5, 18-38 (frei im Netz)
6. Collard, M., Edinborough, K., Shennan, S., & Thomas, M. (2010). Radiocarbon evidence indicates that migrants introduced farming to Britain Journal of Archaeological Science, 37 (4), 866-870 DOI: 10.1016/j.jas.2009.11.016
7. Klassen, Lutz: Jade und Kupfer. Untersuchungen zum Neolithisierungsprozeß im westlichen Ostseeraum unter besonderer Berücksichtigung der Kulturentwicklung Europas 5500 - 3500 BC. Jutland Archaeological Society. Moesgard Museum 2004
8. Gleser, Ralf: Periodisierung, Verbreitung und Entstehung der älteren Michelsberger Kultur. In: Biel, Jörg; Schlichtherle, Helmt; Strobel, Michael; Zeeb, Andrea (Hg.): Die Michelsberger Kultur und ihre Randgebiete. Probleme der Entstehung, Chronologie des Siedlungswesens. Kolloquium Hemmhofen, Februar 1997. Stuttgart 1998, S. 237 - 247
9. Biel, Jörg; Schlichtherle, Helmt; Strobel, Michael; Zeeb, Andrea: Zentrale Orte – kleine Weiler. Forschung: Michelsberger Kultur. In: AiD 2/2000, S. 6 – 11
10. Hartz, S. & Lübke, H. (2006): New Evidence for a Chronostratigraphic Division of the Ertebølle Culture and the Earliest Funnel Beaker Culture on the Southern Mecklenburg Bay. - In: C.-J. Kind (Ed.), After the Ice Age. Settlements, subsistence and social development in the Mesolithic of Central Europe. Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg 78 (Stuttgart 2006, Konrad Theiss Verlag), --> pdf..
11. Hartz, Sönke; Schmölcke, Ulrich: Spurensuche an der Ostseeküste. In: AiD (= Archäologie in Deutschland), 3/2006, S. 36f
12. Price, T. Douglas: The Mesolithic of Western Europe. Journal of Prehistory, 1987, S. 225 – 305
13. Peter Rowley-Conwy (2011). Westward Ho! The Spread of Agriculture from Central Europe to the Atlantic Current Anthropology (im  Druck) (frei zugänglich)

Sonntag, 21. August 2011

"Uns ist in alten mæren wunders vil geseit ..."

Vom Leben und Untergang des Wandalenvolkes

Wer die "Vandalengeschichte" des oströmischen Geschichtsschreibers Prokop liest, taucht in eine ganz andere Zeit und in eine ganz andere Welt ab. Und sie macht sehr nachdenklich. Zu den Wandalen gab es letztes Jahr auch eine große Ausstellung in Karlsruhe.

Die erschütternden Schicksale der Völker der Völkerwanderungszeit lebten noch lange in den Völkern Mittel- und Nordeuropas fort. Etwa im Hildebrandslied: Der eigene Sohn erkennt den Vater nicht mehr wieder und tritt im Zweikampf gegen ihn an. Hildebrand war Heermeisters des gotischen Königs Theoderich (Dietrich von Bern). Oder etwa im Nibelungenlied: "diz ist der Nibelunge NOT ". Es handelt vom  Untergang des Volkes der Burgunder. Auch noch die deutsche Dichterin Agnes Miegel hat zu diesem Thema ein eigenes Nibelungenlied gedichtet. Als sie dieses Gedicht nach der Schlacht von Stalingrad in öffentlichen Lesungen vortragen sollte, weigerte sie sich. Zu deutlich waren die Parallelen geworden. Der Untergang von Völkern kann nachdenklich machen. 

Das Volk der Goten lebt im Hildebrandslied und in der Sage von Dietrich von Bern weiter. Das Volk der Wandalen, das in Nordafrika unterging, erlebte seine Schicksale wohl zu weit entfernt von seiner mitteleuropäischen Heimat, als daß dieselben im mittel- und nordeuropäischen Sagengut noch größeren Widerhall hätten finden können. Aber eine Ausstellung des letzten Jahres ließ dieses Schicksal wieder in seiner ganzen Größe und Wucht in die Erinnerung treten (1).

Der Sieger "zeigte sich sehr gerührt und fühlte Mitleid"

Man denke nur an die eine Szene, in der der letzte König Wandalen, Gelimer, belagert in seinem letzten Zufluchtsort in einer schmutzigen Burg bei den Mauren in den nordafrikanischen Bergen, sich von seinem Belagerer, dem herulischen Fürsten Pharas, als Antwort auf dessen Übergabeforderung halb verhungert und verdreckt neben einem Stück Brot und einem Schwamm eine Zither erbittet. Und wir hören weiter:
Pharas zeigte sich sehr gerührt.
Und er schickte ihm, was er wünschte. So berichtet es uns der römische Geschichtsschreiber und Zeitgenosse dieser Ereignisse, Prokop, die historische Hauptquelle über Leben und Untergang des Volkes der Wandalen (2, S. 68).


Sangesfreudig waren also die Wandalen auch noch in ihrem Untergang. Ebenso wie Volker, der Sänger, bei den Burgundern. Und wer wäre nicht gerührt, wenn er von dem Bericht hört, wie der gefangene König Gelimer im Triumphzug durch Byzanz geführt wird, und wie er nur immer fortwährend vor sich hinmurmelt:
Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist Eitelkeit!
Und wie er in Gelächter ausbricht, als er vor seinen Sieger, den römischen Feldherren Belisar geführt wird. Und natürlich meinte er mit diesem Murmeln auch sich selbst und seine Vorfahren, die zuvor im Triumph die reiche Beute aus dem ganzen Mittelemeerraum in Nordafrika zusammengetragen hatten. Jene Beute, die jetzt durch Byzanz geführt wurde. 

"... Von helden lobebæren, von grôzer arebeit ..." 

Alle diese germanischen Völker waren sangesfreudig und besangen ihre Schicksale, so erfahren wir inszwischen auch durch die Archäologie:
Im Frühmittelalter war die germanische Leier im ganzen deutschsprachigen Raum verbreitet, und die frühsten archäologischen Saiteninstrumentenfunde Europas sind Leiern des 6.-8. Jahrhunderts aus Gräbern in Deutschland und England.
"Uns ist in alten mæren wunders vil geseit ..." - Man denke insbesondere auch an die erst jüngst entdeckte besonders gut erhaltene alemannische Leier von Trossingen. - "... Von helden lobebæren, von grôzer arebeit ..." - Jener Alemannen, die so viel glücklicher waren bis heute, als ihre Verwandten, die Wandalen, und die so erschüttert die Schicksale untergeganger Völker und Königshäuser besangen: "... Von freuden, hôchgezîten,   von weinen und von klagen ..." 

Völker gehen unter, Völker verteidigen Leben und Fortexistenz ...

In alter deutscher Ausgabe umfaßt die Geschichte vom "Vandalenkrieg" des oströmischen Geschichtsschreibers Prokop von Caesarea nur 78 Seiten (2). Sie ist unser Hauptzeugnis vom Leben und vom Sterben des Wandalenvolkes. Aber was ist auf diesen wenigen 78 Seiten enthalten! Ein zweites Nibelungenlied, nur nicht in so dichterischer Form abgefaßt, sondern allein im sachlichen Ton des typischen römischen Historikers.

Abb. 2: Die Meerenge von Gibraltar
Und einmal aufs Neue ist man beim Lesen erstaunt oder gar erschüttert: Welches Schicksal haben die Stämme und Völker der germanischen Völkerwanderung durchlebt!

Andere Völkerwanderungsstämme hatten ein viel glücklicheres Schicksal als die Goten oder die Wandalen: Die Alemannen leben noch heute wie seit 1500 Jahren in Süddeutschland, im Elsaß, in der Schweiz fort als großer, volkreicher Volksstamm, der wesentlichste Beiträge zur Kulturgeschichte der Menschheit erbracht hat. Ebenso die Bajuwaren in Bayern und Österreich. Ebenso die Franken in Deutschland und Frankreich. Ebenso die Sachsen in Niedersachsen, Sachsen und England und in allen angelsächsischen Ländern. Ebenso die Langobarden in der Lombardei. - Wie hätte die Weltgeschichte ausgesehen, wenn alle diese Völker ebenso untergegangen wären wie ihre Stammverwandten, die Goten und Wandalen und so viele weniger bekannte germanische Volksstämme der Völkerwanderungszeit?

Aber warum hatte das Volk der Wandalen keine Zukunft? Und wo sind die Goten geblieben? Warum leben auch die Burgunder nur noch in einem Provinznamen fort? Warum gibt es sie alle nicht mehr? - Das war nicht nur "Ein Kampf um Rom", wie ein von Jugendlichen über hundert Jahre hinweg vielgelesener Roman des Historikers Felix Dahn lautete. Das waren viele - - - "Kämpfe um Rom". Und wie viele Völker sind in alle Winde zerstreut? Aufgegangen in der großen Völkermühle des untergehenden Römischen Reiches. Ist überhaupt einer von all den Ausgewanderten in die Heimat zurückgekehrt, wie schon in der Antike Zeitgenossen wie Prokop überlegten und wie es auch Felix Dahn den Resten seiner geschlagenen Goten unterstellt? "Gebt Raum ihr Völker, unserm Schritt, wir sind die letzten Goten. Wir tragen keine Schätze mit, wir tragen einen Toten." Oder wie dies auch Agnes Miegel in einer ihrer großen Novellen unterstellt?

Die blonde Schönheit der Wandalen

Die Wandalen! So hoffnungsfreudig und tatenfroh waren sie einst aufgebrochen (Wiki). Ursprünglich stammen sie wie wohl fast alle Völker der Völkerwanderungszeit aus Skandinavien und dem Ostseeraum. Lange Zeit (ab 400 v. Ztr.) haben sie im heutigen Schlesien, in der Slowakei und im polnischen Raum zwischen Oder und Weichsel nördlich der Karpaten gesiedelt. Sie müssen dort lange ein glückliches und fröhliches Leben geführt haben. Immer wieder erwähnt der byzantinische Geschichtsschreiber Prokop die Schönheit dieses Menschenschlages, besonders auch der Frauen (2, S. 1):
Alle haben eine weiße Hautfarbe, blonde Haare, sind groß von Gestalt und schön von Gesicht.
Abb. 3. Wandalische Totenfeier in der Heimat
Und als den römischen Soldaten im Zuge des Unterganges der Wandalen diese blonden wandalischen Frauen in die Hände fallen, können sie es einfach nicht fassen. Prokop war anwesend, als das geschah, was er berichtet (2, S. 59):
Denn die römischen Soldaten, die bettelarme Leute waren und sich nun plötzlich im Besitz ungeheurer Schätze und wunderbar schöner Weiber sahen, blieben ihrer Sinne nicht mehr mächtig und schienen unersättlich im Stillen ihrer Lüste; des ungeahnten Glückes voll, taumelten sie wie trunken daher ...
Und er berichtet, wie nur kurze Zeit später diese Soldaten von ihren neuen wandalischen Frauen so berauscht gewesen sein müssen, daß diese sie zu einem Soldatenaufstand aufstacheln konnten, damit man ihnen die reichen Ländereien zurückgeben würde, die sie zuvor mit ihren wandalischen Ehemännern besessen hatten (2, S. 74). "The winner takes it all," mußten bitter auch die deutschen Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg erleben, wie wohl alle Soldaten aller geschlagenenen Völker aller Zeiten. Sie hatten es selbst ja alle zuvor nicht anders gemacht.

Lange Jahrhunderte schlichtes bäuerliches Leben im Oder- und Weichselraum (400 v. - 400 n. Ztr.)

Dabei hatte alles einst so schlicht und stilvoll begonnen als jenes Bauernvolk, als das die Wandalen im Oder- und Weichselraum gelebt hatten. Die Archäologie setzt in aller Regel die Siedlungen und Gräber der  wissenschaftlich sogenannten "Przeworsker Kultur" mit denen der dort einstmals lebenden und später in Nordafrika untergegangenen Wandalen gleich (abcdef; s.a. Wielbark-Kultur der Goten).

In einem schön erarbeiteten Wikipedia-Artikel  erfahren wir, daß die Wandalen dieser "Przeworsker Kultur" - als Vorgänger der Goten und bis sie von jenen dort teilweise auch verdrängt wurden - im Oder- und Weichselraum in bäuerlichen Weiler-artigen Siedlungen gelebt haben und offenbar auch schon eine Art Dreifelderwirtschaft mit Brache betrieben haben ("Poland in Antiquity"; vgl. auch Abb. 1 - 8):

The Przeworsk culture people of the earlier Roman period lived in small, unprotected villages, populated each by a few dozen residents at the most, made up of several or more houses, usually set partially below the ground level, each covering an area of 8 – 22 square meters. They knew how to dig and build wells (= Quellen/Brunnen), so the settlements didn't have to be located near bodies of water. Thirteen 2nd century wells with variously constructed timber lined walls were found at a settlement in Stanisławice, Bochnia County. Fields were being used for crop cultivation for a while and then as pastures, when animal excrements helped the soil regain fertility. Afterwards, because of plows with iron shares they could be just plowed, rather than burned, and such tillage and grazing cycle was performed repeatedly, with the next field going through an alternate sequence.
Several or more settlements made up a microregion, within which the residents cooperated economically and buried their dead in a common cemetery, but which was separated from other microregions by undeveloped areas. A number of such microregions could make up a tribe, with the tribes again separated by empty space, zones "of mutual fear", as Tacitus put it. The tribes in turn, especially if they were culturally closely related, would at times form larger structures, such as temporary alliances for waging wars, or even early statehood forms. (...)
The burials were richly appointed, with men and boys provided with weapons, tools and personal toilet items (including razors and scissors), while women were receiving numerous ornaments, bronze mirrors, jewelry pieces and cases, locks and keys, and toy-like miniature objects, some of which, dating from the 1st centuries AD, were found in Siemiechów in Łask Couty. Also in Siemiechów a grave of a warrior who must have taken part in the Ariovistus expedition during the 70 – 50 BC period was found; it contains Celtic weapons and an Alpine region manufactured helmet used as an urn, together with local ceramics. The burial gifts were often, for unknown reasons, bent or broken, and then burned with the body. The burials range from "poor" to "rich", the latter ones supplied with fancy Celtic and then Roman imports, reflecting a considerably by this time developed social stratification.
Einzelne Krieger der Wandalen hatten also nach Zeugnis von Grabfunden auch schon am Zug des germanischen Feldherren Ariovist 71 v. Ztr. gegen den römischen Feldherren Caesar teilgenommen. Übrigens rührt noch heute der Provinznahme "Schlesien" von einem Teilstamm der Wandalen her, nämlich von den "Silingen". Dieser Teilstamm der Silingen wurde schon von einem römischen Heer in Spanien vernichtet, einer Vernichtung, der sich die restlichen Wandalen schon damals dann nur durch Übersetzen nach Nordafrika hatten entziehen können.

429 - Die Wandalen erobern Nordafrika

Wie die Goten - und zum Teil gemeinsam mit ihnen - waren die Wandalen aufgebrochen und zunächst von Territorien des oströmischen Reiches in Territorien des weströmischen Reiches gezogen (s. Wiki). Schließlich gelangten sie nach Spanien, wo ihr Volksname im südlichsten Teil Spaniens ebenfalls noch einen Provinznamen hinterließ: Andalusien.

Abb. 11: Verbogene Waffen
Abb. 10: Absichtlich verbogene Waffen
Der junge König Geiserich, heißt es auf Wikipedia, führte die Vandalen (rund 15.000 bis 20.000 Krieger und ihre Familien - Prokopios spricht von insgesamt 80.000 Menschen) 429 nach Nordafrika.
"Später allerdings," so ergänzt Prokop schon im nächsten Satz (2, S. 13), "wurden sie bedeutend zahlreicher, sowohl durch eigene Fortpflanzung als auch durch Zuzug anderer Barbaren. Diese sowie die Alanen gingen vollständig in den Vandalen auf, nur nicht die Mauren." Innerhalb von hundert Jahren hatte sich die waffenfähige Mannschaft der Wandalen in Nordafrika dann nach Zeugnis des Prokop verdreifacht (2, S. 78). Aber diese 180.000 wandalischen Krieger wurden hundert Jahre später von Gelimer so sorglos, ungeschickt und unglücklich geführt, daß sie von einem nur 5.000 Krieger zählenden römischen Heer unter Belisar vollständig hatten besiegt werden können und ihr Volk damit hatte vollständig vernichtet werden können!

"Ein Palast, wie wir ihn schöner nie gesehen ..."

Abb. 12: Römischer Feldherr Belisar
Wohl wahr, daß man über dieses Schicksal ausrufen kann: "Eitelkeiten über Eitelkeiten!" Prokop schreibt (2, S. 71):
Ob je Wunderbareres geschehen, als was ich eben erzählt habe, ist mir zweifelhaft: Geiserichs Reich, das der Urenkel im blühendem Zustande, beschützt von einem stattlichen Heer, empfangen hatte, wurde von 5000 Reitern - mehr hatte Belisar nicht, und sie haben eigentlich den ganzen Krieg gegen die Vandalen geführt -, die nicht einmal wußten, wo sie landen sollten, in so kurzer Zeit von Grund aus zerstört.
Oder waren es das Klima, der Wohlstand selbst, die die Wandalen zu Fall brachten? Nordafrika gehörte in jener Zeit zu den wirtschaftlich fortgeschrittensten Regionen der Erde, zu den wirtschaftlich reichsten Regionen des Römischen Reiches. Und welch eine auch heute noch landschaftlich so überaus schöne Weltgegend war den Wandalen zugefallen! Und im Mittelmeer eroberten sie sich zusätzlich noch so wunderschöne Perlen wie Sardinien, Korsika, Mallorca ... - Urlaubsinseln, auf denen noch heute sich die Mitteleuropäer sich berauschen lassen, wenn sie einmal so etwas "ganz anderes" erleben wollen als ihre eigene Heimat. Aber zusätzlich noch: in welchem wirtschaftlichen Reichtum und Wohlstand lebten die Wandalen!

Prokop, der selbst aus dem reichen, blühenden Byzanz und seinen Landschaften am Schwarzen Meer stammte, hat die Paläste, in denen die Wandalen lebten, Augenzeuge, als Teilnehmer des Feldzuges gegen die Wandalen selbst erlebt. Über einen Ort östlich von Karthago schreibt er etwa (2, S. 37):
Dort befand sich ein königlicher Palast der Vandalen mit einem Garten, wie wir ihn schöner nie gesehen. Viele Quellen sprudelten darin, und Bäume aller Art, mit Früchten bedeckt, spendeten Schatten. Jeder Soldat machte sich eine Hütte unter ihrem Laubdach und aß Obst, so viel er mochte; daß Früchte abgenommen waren, merkte man kaum - so voll hingen die Zweige.
Wenn selbst ein Wohlstand-verwöhnter römischer Aristokrat wie Prokop in einer solchen Weise dieser Pracht erliegen konnte - wie dann erst ein Wandale aus dem kargen Norden der Karpaten und von den Ufern von Oder und Weichsel!? Und als Prokop von dem Hunger und der Not des schon erwähnten belagerten, sangesfreudigen Gelimer berichtet (533/534), der mit seinem nun schon seit hundert Jahren vom im Wohlleben der Paläste und Gärten verwöhnten Sippenverband in die Berge zu den Mauren geflohen war, stellt er den Gegensatz ihrer Not im Untergang zu dem Leben, das die Wandalen zuvor 95 Jahre lang in Nordafrika genossen hatten, deutlich genug, ja, erschüttert heraus (2, S. 66):
Gelimer mit seinen Verwandten und Edlen geriet in eine Not, die jeder Beschreibung spottet. Von allen Volksstämmen, die wir kennen, ist nämlich der vandalische am meisten verweichlicht, der maurische aber der abgehärteste. Seit jene im Besitz von Afrika waren, nahmen sie täglich warme Bäder und ließen ihre Tafel mit dem Schönsten und Besten besetzen, was nur Erde und Meer hervorbringen. Sie trugen viel Goldschmuck und kleideten sich in seidene Gewänder. Mit Theater, Wettrennen und ähnlichem Zeitvertreib, vor allem aber mit der Jagd brachten sie ihre Tage hin. Tänzer und Mimen, Musik und Schauspiel, kurz, was nur Auge und Ohr erfreuen mag, war bei ihnen zu Hause. Sie wohnten in prachtvollen, wasserreichen Gärten, in denen die schönsten Bäume standen. Den Freuden der Trinkgelagen waren sie nicht minder ergeben, als denen des Liebesgenusses.
Abb. 13: Eine Münze des Wandalenkönigs Gelimer
- - - Doch rekapitulieren wir zunächst den heutigen Kenntnissstand zur Geschichte der Wandalen nach ihrer Eroberung Nordafrikas wie er auf Wikipedia zusammengefaßt wird:
455 plünderten die Vandalen und Alanen unter ihrem König Geiserich Rom. Der im 18. Jahrhundert aus dieser Begebenheit hergeleitete Begriff Vandalismus als Bezeichnung für „fanatisches Zerstören um seiner selbst willen“ ist dabei historisch sowie sachlich unkorrekt. Die Vandalen plünderten die Stadt Rom zwar gründlich und nicht ohne Brutalität (wobei die Bewohner aber auf Bitten des Papstes weitgehend geschont wurden), doch ohne blinde Zerstörungswut; vielmehr wurden systematisch Wertgegenstände geraubt. Das war auch kein reiner Beutezug, sondern auch ein Eingreifen in die höchste Ebene der Reichspolitik: Kaiser Valentinian III. hatte seine Tochter Eudocia als Braut für den vandalisch-alanischen Thronfolger Hunerich versprochen, und auch um diese vorteilhafte dynastische Verbindung nach der Ermordung Valentinians zu sichern, wurde die Hauptstadt angegriffen. Die Vandalen brachten wertvolle Beute nach Hause, ebenso wurden zahlreiche Menschen entführt, darunter die Witwe Valentinians, aber vor allem Handwerker, die im vandalischen Königreich benötigt wurden. Gleichzeitig wurden Sardinien, Korsika, die Balearen und schließlich auch Sizilien (wenn auch nur kurzfristig) in den vandalischen Herrschaftsraum einbezogen. Zudem kontrollierten die Vandalen nun endgültig die Getreideversorgung des Westreiches.
Im Deutschlandfunk erfahren wir von Helmut Castritius noch ein interessantes Detail zur Plünderung Roms und zu jenem untergegangenen wandaleischen Schiff, beladen mit reichen Kunstschätzen, von dem auch Prokop (2, S. 11) berichtet (3):
Aber sie haben ja nicht die Stadt in Brand gesteckt. Sie haben ja nur gründlich aufgeräumt. Und das Interessante ist, dass sie wahrscheinlich auch eine fantastische Skulptur, eine Bronzestatur des sogenannten Tanzenden Satyr, damals aus Rom mitgenommen haben. Das Schiff, das diese Statuen transportierte, ist damals nachweislich untergegangen, und jetzt hat man eine Spur gefunden, indem man diesen tanzenden Satyr aus dem Canale di Sicilia hervorgeholt hat.
Dieser Hinweis veranlaßte uns zum Verfassen eines eigenen Beitrages (4). 468 scheitert eine groß angelegte Militäroperation des west- und des oströmischen Reiches gegen die Wandalen "grandios", wie es auf Wikipedia heißt:
Geiserich gelang es, die gewaltige römische Flotte in Brand zu setzen und zu vernichten.
Über den Untergang der Wandalen haben wir schon genügend angedeutet, so daß wir auf eine Darstellung militärischer Einzelheiten, der wohlüberlegten Vorgehensweise des römischen Feldherren Belisar und der zahlreich auftretenden Kopflosigkeiten der wandalischen Heerführer und Krieger nicht mehr eingehen wollen. Überaus rührend noch die Zusammenkunft des gerade erst geschlagenen wandalischen Hauptheeres unter Gelimer mit dem so unglücklicherweise erst kurz zuvor nach Sardinien entsandten wandalischen Heeresteil unter Tzazo, das nun zurückbeordert worden war (2, S. 53):
So traurig war das Wiedersehen, daß ich kaum Worte finden kann, es zu schildern. Wirklich, selbst ein Feind hätte beim Anblick dieses Auftritts durch den jähen Wechsel im Geschick der Vandalen erschüttert werden und Mitleid mit ihnen fühlen müssen! Gelimer und Tzazo hielten sich lange Zeit fest umschlungen, schweigend weinte einer an der Brust des anderen. Ihrem Beispiel folgten die anderen. (...) Keiner wagte zu reden. (...) Niemand fragte nach Weib und Kind; wußte doch jeder, daß wer nicht hier war, gefallen oder sich in den Händen der Feinde befand.
"Die Begegnung des antiken Menschen mit dem Tod"

Abb. 14: Grabmosaik, wandalisch
Über einen Nachklag aus der Erschütterung jener Tage, bezeugt durch wandalische Grabmosaike, wurde auch in der jüngsten Wandalenausstellung in Karlsruhe berichtet (3):
Die Kuratorin Astrid Wenzel: "Hier an der Wand sehen wir jetzt Grabmosaike, vor allem ganz typische auch dabei, das heißt, es wird ein Mensch, ein Mann in einem langen Gewand dargestellt. Die Hände hat er erhoben zum Gebet, und auf einer Schulter sitzen zwei Vögel. Er wird flankiert noch von anderen Motiven, florale Motive oder geometrische Motive, und dann gibt es meist im oberen Bereich des Mosaiks eine Inschrift. Im rechten Beispiel haben wir: 'Die allersüßeste Tochter Anavalika, die mit acht Jahren verstarb.'"
Die Kuratorin Susanne Erbelding zeigt auf ein weiteres Mosaik: "Ich finde es auch immer so rührend. Viele Grabinschriften, die nennen den Namen des Toten und nennen das Sterbealter und geben auch eindrücklich Hinweise auf die Trauer und Hilflosigkeit der Hinterbliebenen. Und wir haben auch ein Gedicht, ein Zitat aus eben jener Gedichtesammlung, die im Vandalenreich aufgezeichnet worden ist, der sogenannten Anthologia Latina an der Wand, die das beschreibt, was man auf dem Grabmosaik auch sieht. Sie bezieht sich wahrscheinlich auf den Tod einer kleinen, vierjährigen Prinzessin. Ihr Vater ist Oageist, ein königlicher Prinz, der auf den Schlachtfeldern des untergehenden Vandalenreiches gegen die einfallenden Byzantiner kämpft. Und in der letzten Zeile liest man, dass er im Laufe dieser Kämpfe die Nachricht vom Tod seines kleinen Mädchens erfahren hat, und das setzt ihm mehr zu, diese Botschaft ist für ihn schrecklicher als alle Feinde. Und das zeigen uns diese Grabmosaiken sehr eindrücklich: die Begegnung der antiken Menschen mit dem Tod."
Abb. 15: Die Ruinen von Karthago
"Die Spuren, die die Vandalen in Nordafrika hinterließen, waren gering, sowohl genetisch als auch religiös wie kulturell", heißt es im Katalog (1) der jüngsten Wandalenausstellung (zit. n. 5). Und weiter erfahren wir (5):
Laut Museumschef Harald Siebenmorgen versammelt sie das meiste, was sich an mobilen Funden in Nordafrika in die Zeit der Vandalenherrschaft datieren lässt. Vom Stil her sind das spätrömische Zeugnisse, angefangen von der Töpferware bis hin zu den Mosaiken, die auf der künstlerischen Höhe der Zeit stehen. Deshalb breitet sich hier einmal mehr der Reichtum der römischen Endzeit aus, nun anhand reicher Leihgaben aus Tunesien und sogar aus Algerien, aber auch aus Spanien, Paris oder London. Vieles hat man noch kaum gesehen, etwa die zauberhaften Mosaiken aus dem Bardo-Museum in Tunis, mit der Kopie des Taufbads von Demna als Höhepunkt.
Die Reste der Wandalen selbst wurden in alle Winde zerstreut. Nach der Niederschlagung des erwähnten Soldatenaufstandes, dem sich auch aus Byzanz geflohene wandalische Kriegsgefangene angeschlossen hatten, wurden auch die letzten Wandalen aus Nordafrika ausgesiedelt (2, S. 77). Und von den schon zuvor in Kriegsgefangenschaft verbliebenen Wandalen heißt es (2, S. 75):
Aus den Vandalen, welche Belisar nach Byzanz gebracht hatte, waren vom Kaiser fünf Reiterregimenter errichtet worden, die in den Städten des Ostens ihre Standquartiere haben sollten. Die meisten von diesen Vandalenkriegern kamen im Orient an und wurden in die Regimenter, wie bestimmt war, eingestellt und kämpfen bis auf den heutigen Tag gegen die Perser.
Also fast in ähnlichen Regionen, in denen heute deutsche Bundeswehrsoldaten im Dienste einer neuen Weltrepublik oder Weltmonarchie "kämpfen". Es ist schon auffallend, wie sich das Schicksal untergehender Völker gleicht ...

Ist der Kampf um Rom ein Kampf um den jüdischen Tempelschatz?


Erwähnt werden soll noch eine jüdische Deutung des Schicksals des Wandalenvolkes. Prokop berichtet vom Triumphzug in Byzanz (2, S. 72):
Zu der Beute (...), die von der Plünderung des Kaiserpalastes zu Rom durch Geiserich herrührten, gehörte auch das jüdische Tempelgerät, das einst Titus aus Jerusalem nach Rom gebracht hatte. Als dies einer von den jüdischen Leuten sah, trat er an einen von Justinians Edlen heran und sprach: "Meiner Meinung nach ist es nicht gut, wenn diese Schätze in den Kaiserpalast von Byzanz gebracht werden. Sie dürfen nämlich nirgend anders sein, als wo sie dereinst Salomo, der Judenkönig, aufgestellt hat. ..."
Und nun höre man genau zu, was hier in jüdisch-christlich-okkult-magischem Denken behauptet wird:
"... Denn ihretwegen ..."
(!!!) 
"... nahm Geiserich den Kaiserpalast von Rom und jetzt das Römerheer den des Vandalenkönigs". Als diese Äußerung dem Kaiser gemeldet ward, fürchtete er sich und ließ schleunigst alles in das Heiligtum der Christen zu Jerusalem schaffen.
Das jüdische Volk, obwohl zu jenem Zeitpunkt ebenso zerstreut wie die Wandalen, überlebte dieselben dennoch um 1500 Jahre und richtete nach diesen 1500 Jahren sogar wieder einen eigenen Staat auf. Und in seinem religiös-okkulten Auserwähltheitsdünkel, mit Hilfe dessen es auch christlliche Kaiser überzeugen konnte, konnte es schon damals behaupten, daß das Römische Weltreich nur "ihrer Tempelschätze wegen" (!!!) gestürzt worden wäre. 

Und diese okkult-magische Geschichtsdeutung wird noch heute mancherorts sehr lebhaft vertreten. Scheinbar werden die Wandalen noch heute - wie möglicherweise schon damals und wie auch andere germanische Stämme - in magisch-okkult-jüdischem Denken einfach als ein "verlorener Stamm Israels" angesehen, wie das ja vielerorts in der Freimaurerei auch bezüglich Englands oder Frankreichs geschah. Erst im Juni dieses Jahres erschien ein zweiteiliger Aufsatz auf der Internetseite "Biblesearchers.com" mit den Titeln "The Lost Tribes of Israel as God’s Emissary of Divine Judgment upon Rome". Ein völlig verrückter Titel. Nämlich: "Die verlorenen Stämme Israels als Gottes Erfülle des Heiligen Gerichtes über Rom". Gott hat also nach dieser okkulten Deutung - im Interessse seines eigenen Volkes - die germanischen Stämme als Fluch über Rom gesandt!

Und der zweite Teil dieses Aufsatzes lautet:  "The Legacy of the Visigoths and the Vandals upon Protestant Christianity". Ein noch verrückterer Titel. Also: "Das (verpflichtende?) Erbe der Westgoten und der Wandalen innerhalb der protestantischen Christenheit". Also noch heute sieht man die protestantische Christenheit in der Tradition der Goten und Wandalen in den Dienst des Sturzes "Roms" gestellt, also des römisch-katholischen Christentums. "Gotteskrieger", diesmal einmal wieder nicht im Dienste der katholischen Kirche, sondern der jüdischen Religion!

Ein religiös und weltanschaulich wacher Germane damaliger Zeit hätte dazu wohl auch in der Sprache der "Edda" sagen können: Das sind Ratschläge von Loki, "der Laufey Sohn", "der das meiste Üble rät". 

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*) Siehe übrigens viele weitere Beispiele auf: Youtube. Die Leier war auch im antiken Mittelmeerraum schon zuvor seit Jahrtausenden sehr beliebt (abcd,e).

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1. Hattler, Claus: Das Königreich der Vandalen. Erben des Imperiums in Nordafrika. Hrsg. von Badisches Landesmuseum Karlsruhe. Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 2009
2. Prokop von Caesarea: Der Vandalenkrieg. (Kriegsgeschichten Buch 3 und 4.) Übersetzt von Prof. Dr. D. Coste. 3. neu bearbeitete Auflage, Verlag der Dykschen Buchhandlung, Leipzig o.J. [1912] [Die Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit, Band 6]
3. Weber, Barbara: Vandalismus, aber mit Stil  Wie die Vandalen wirklich lebten. Deutschlandfunk, 22.10.2009
5. Rüskamp, Wolf:    Die Vandalen: Hüter römischer Kultur. Badische Zeitung, 30.10.2009
6. Müller, Felix: Die Vandalen waren gar keine Vandalen. Die Welt, 07.06.2011.
7. Wie unsere Urväter lebten, Curt Kabitsch Verlag Leipzig, 1928, von rado jadu 2001
8. Weitere benutzte Internetseiten, insbesondere für Abbildungen: abcdefgh.  
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