Donnerstag, 13. Mai 2010

2.600 / 2.300 v. Ztr. - Die Stadt von Stonehenge

In der Erforschung von Stonehenge sind in den letzten zehn Jahren bedeutende Fortschritte gemacht worden.

2.300 v. Ztr. - Süddeutsche bringen die Bronzezeit nach Stonehenge/Südengland


Im Juni 2004 ging eine Meldung durch die Presse: "Erbauer von Stonehenge gefunden". Es handelt sich um den "Bogenschützen von Amesbury", über den der britische Archäologe Andrew Fitzpatrick berichtet:
Dieser Mann erhielt die prunkvollste Bestattung seines Zeitalters in Europa. Er ist der erste bekannte Mensch in Britannien, der Metall verarbeitete, und sein Grab enthielt die ersten Goldgegenstände Britanniens. Tests, die mit seinen Zähnen durchgeführt wurden, ergaben, daß er aus Mitteleuropa stammte.
So die Presseerklärung der Ausgräber. Er gehörte der west- und mitteleuropäischen Kultur der "Glockenbecherleute" an, deren Siedlungsraum sich in Hessen und Süddeutschland mit dem der "Schnurkeramiker" verschränkte. Just zu der Zeit, wo dieser Bogenschützen-Fürst nach Südengland kam - oder vielleicht eine halbe oder ganze Generation später -, schafften die ganz in der Nähe vom "Amesbury-Bogenschützen-Fürst" bestatteten "Bogenschützen von Boscombe", die laut ihrer Zähne in Wales geboren worden waren, jene Steine aus ihrem Geburtsland Wales heran, mit denen die klassische, religiöse Stätte Stonehenge erbaut worden ist so wie wir sie kennen.

Der Amesbury-Bogenschützen-Fürst scheint nicht nur höchstpersönlich das Metallhandwerk nach England mitgebracht zu haben (wie Bronzegußwerkzeuge als Grabbeigabe bezeugen), sondern auch den Brauch, Wohnhäuser rechteckig statt - wie bis dato in England üblich - rund zu erbauen.

Ein Film, der die wissenschaftliche Erforschung des "Amesbury-Archer", des Bogenschützen-Fürsten von Stonehenge, detailliert schildert, ist derzeit im Netz frei zugänglich und kann für diese Thematik sehr nachdrücklich empfohlen werden (Veoh.com).


Während diese spannende Dokumentation offenbar leider nur in Englisch vorliegt, gibt es eine weitere auf Deutsch (Veoh oder --> hier).

Zur Stadtgeschichte Südenglands seit 2.600 v. Ztr.

Aber noch viel Entscheidenderes spielte sich in der archäologischen Erforschung der Region um Stonehenge seit dem Jahr 2005 ab. Über die Entdeckung der bis zu 1.000 Häuser zählenden Siedlung von Durrington Walls, 2,5 Kilometer nordöstlich von Stonehenge, berichtete im Dezember eine Sendung von "Terra X" im ZDF sehr eindrucksvoll. In ihr wird der Leiter der dortigen Ausgrabungen, der Archäologe Mike Parker Pearson, zitiert:
2005 änderte sich alles. Wir stellten nicht nur fest, daß wir Häuser ausgruben, die Häuser waren noch dazu extrem gut erhalten - so gut erhalten, daß es nirgendwo in England Vergleichbares gibt. Wir wußten, daß dies ein großes Dorf ist. Ich dachte an ein paar hundert Häuser, aber es stellte sich heraus, daß es wirklich riesig war, mehr als tausend Häuser!
Und im Netzbeitrag von Terra X heißt es unter der Zwischenüberschrift "Verschollene Stadt entdeckt" weiter:
Auf den Feldern rund um das Henge standen die Hütten dicht an dicht. Die Sensation war perfekt. Parker Pearson hatte die verschollene Stadt von Stonehenge entdeckt: Durrington Walls, die größte prähistorische Siedlung, die je in Nordeuropa gefunden wurde. Die pulsierende Steinzeitmetropole entstand 2600 Jahre vor Christus, etwa zu jener Zeit, als die Pharaonen die Pyramiden von Gizeh errichteten.
Abb. 1: Durrington Wall - (Rekonstruktion)

Abb. 2: Durrington Wall - Rekonstruktion der ersten Erkenntnisse

Abb. 3: Der Wall von Durrington Wall, im Innern der Graben (Rekonstruktion)

Abb. 4: Durrington Wall - rechts der früher viel breitere Fluß Avon, zu dem eine Prozessionsstraße führte. Flußabwärts führt dann wiederum eine Prozessionsstraße nach Stonehenge (siehe folgende Grafik)

Abb. 5: Die Region rund um Stonehenge: Siedlungen, Gräber, Prozessionsstraßen, Rennbahn (?) (/"Cursus")

Abb. 6: Keramik der Glockenbecherleute, die um 2.300 v. Ztr. aus einem hölzernen
ein steinernes "Stonehenge" machten


Abb. 7: Aktualisierte Version der vorherigen Grafik. Nach neuesten Erkenntnissen
wurden in Stonehenge Brandbestattungen durchgeführt


Natürlich bezog sich das Heiligtum Stonehenge auf die 1.000-Häuser Siedlung 2,5 Kilometer entfernt und umgekehrt. Aber natürlich auch noch auf viele, viel weiter entfernt gelegene Siedlungen in ganz Südengland. Zusammen mit dem Grab des Bogenschützen-Fürsten von Stonehenge und anderer bedeutender Gräber wird man die Region von Stonehenge nicht nur als ein religiöses Zentrum Südenglands anzusprechen haben, sondern auch als ein wirtschaftliches und politisches. Also als einen Herrschersitz.

Abb. 8: Grundriß eines der kleinen, ausgegrabenen Häuser. In der Mitte die Herdstelle,
außen herum Bettstellen, bzw. Arbeitsplätze.


Die von manchen Archäologen derzeit bevorzugte Deutung der gefundenen Prozessionsstraßen als Abbild einer "Reise vom Leben zum Tod" muß noch nicht der endgültige Erkenntnisstand sein. Schließlich wird sich doch auch an dem Stonehenge Cursus, vielleicht einer Rennstrecke, sehr viel Lebendiges abgespielt haben.

Abb. 9: Weiterer Grundriß eines der ausgegrabenen Häuser

In einem kürzeren deutschsprachigen Video (History Channel) steht diese Deutung zwar im Vordergrund aber man erhält auch zahlreiche landschaftliche Eindrücke.

Abb. 10: Weiterer Grundriß eines der ausgegrabenen Häuser

Auf dem früher viel breiteren Fluß Avon kamen die Menschen sicherlich von viel weiter her zum Fürsten von Stonehenge, der in einer festlichen Halle residiert haben könnte, um die sich ein politisches, religiöses und wirtschaftliches Zentrum herum gruppiert haben könnte. Es werden hier auch wirtschaftliche Abgaben ("Steuern") abgeliefert worden sein.

Daß diese Reise zu einem solchen religiösen und politischem Zentrum auch aus feierlichem Anlaß angetreten wurde, bzw. zu ihr eingeladen wurde, wird man sicherlich aus den "Prozessionsstraßen", die vom Fluß sowohl nach Darrington Walls wie zum Heiligtum nach Stonehenge führten, ableiten dürfen.

Zur Geschichte des "olympischen Gedankens" in England seit 3.600 v. Ztr.

Die Funktion von den vielen langgestreckten, verschieden breiten und langen Wallaufschüttungen ("Cursus"), von denen sehr viele in Britannien gefunden worden sind, ist die Funktion zumeist noch nicht mit letzter Sicherheit geklärt. Es wird sich sowohl teils um Prozessionsstraßen, teils um Rennstrecken für sportliche Wettbewerbe gehandelt haben. Diese "Cursus" werden grob datiert auf etwa 3.100 v. Ztr. (a, b). Der Cursus von Stonehenge wird aufgrund des Fundes einer Hirschgeweih-Hacke datiert auf 3.630 bis 3.375 v. Ztr. (a, b) und es ist weiter zu erfahren:
This makes the monument (also die Rennstrecke?) several hundred years older than the earliest phase of Stonehenge in 3000 BC.
Die Rennstrecke ist 3 Kilometer lang und 100 Meter breit. Die neuesten Ausgrabungergebnisse werden noch einmal wie folgt wiedergegeben (Mike Parker Pearson):
The Durrington Avenue and Southern Circle were the main components of a ceremonial complex which was at the centre of a very large settlement whose house floors are well preserved. No other Neolithic villages have been found in southern Britain and the discovery of eight houses within the relatively tiny area excavated at Durrington Walls in 2004-2006 (about 0.3% of the total extent) demonstrates that this valley was probably filled with hundreds of small dwellings. They are square or sub-rectangular and vary in size from 5m x 5m to just 2.5m x 3m with a roughly central hearth set within a chalk plaster floor surrounded by slots which held footings for wooden beds and furniture. In two cases within the east entrance, the micro-debris left on the floor by their occupants could be examined to show that activities took place in different parts of the house. For example, cooking debris was concentrated on the south side whilst flint tools such as scrapers, arrowheads and retouched flakes were mostly found in the northeast. The house plans are reminiscent of Skara Brae and other Orcadian houses of the 3rd millennium BC.
Die nächsten Jahre werden hier sicherlich noch viele aufsehenerregende neue Erkenntnisse erbringen.

(Verfaßt im Januar 2010, veröffentlicht im Mai 2010.)


Film-Dokumentationen:

1. Fuller, Mike: The King of Stonehenge. Ein Film von Topical Television für BBC 2, etwa 2004. (auf: Veoh.com [24.1.10]) (die mit Abstand beste Dokumentation, nur auf Englisch)
2. Smith, Harriet: Mythos Stonehenge - Der magische Kreis der Druiden. Ein Film von Pioneer Productions, National Geographic, ZDF. 2005. (Auf: Veoh oder hier) (vor allem ab der 35. Minute zu empfehlen)
3. Owen, James: Stonehenge Settlement Found: Builders' Homes, "Cult Houses". National Geographic, 30.1.2007, mit einem kurzen Video über "Durrington Walls": National Geographic, 30.1.2007, s.a.: BBC
4. Stonehenge & Woodhenge. Teil 5 von "Vergangene Welten. Urvölker Britanniens". History Channel, etwa 2008, 8 Min.
5. Büsselberg, Michael; Borries, Uta von; Schmidt, Heike: Pulsierende Steinzeitmetropole - Siedlung Durrington Walls mit mehr als tausend Häusern. ZDF, Terra X, 13.12.2009 (derzeit nur Text und Grafik zugänglich)

Literatur:

1. Die Baumeister von Stonehenge. In: Geo Magazin, Februar 1992, S. 143
2. Vaas, Rüdiger: Neues von Stonehenge. In: Naturw. Rdsch., Heft 6/1997, S. 243f
3. Jones, Nicola: Circle of death. In: New Scientist, 17.6.2000
4. Firth, Howie; Moray, Elgin: Leserbrief: Executions at Stonehenge. In: New Scientist, 8.7.2000
5. Young, Emma: Concrete evidence: Stonehenge. In: New Scientist, 9.1.2001
6. Fitzpatrick, Andrew; Evans, Jane: Erbauer von Stonehenge gefunden. Pressemitteilung. (Und anderes Material.) Auf: Wessex Archaeology, 20.6.2004 [14.1.2010]
7. Pearson, Mike Parker u.a.: Stonehenge Riverside Project. Vorläufige, zusammenfassende Grabungsberichte 2004 bis 2008. Auf: Shef.ac.uk
8. Stone, Richard: Mystery Man of Stonehenge. In: Smithsonian Magazine, August 2005
9. Bower, B.: Suburb of Stonehenge. Ritual Village found near famed rock site. In: Science News, 3.2.2007, S. 67ff
10. Pearson, Mike Parker et. al.: The Age of Stonehenge. In: Antiquity, 81 (313), 2007, S. 617-639
11. Balter, Michael: Archaeology: Early Stonehenge Pilgrims Came From Afar, With Cattle in Tow. In: Science, 27.6.2008, S. 1704f
12. Pearson, Mike Parker; Pollard, Joshua; Richards, Colin; Thomas, Julian; Tilley, Chris; Welham, Kate: The Stonehenge Riverside Project: exploring the Neolithic landscape of Stonehenge. In: Documenta Praehistorica XXXV, 2008, Neolithic Studies 15, S. 153 - 166, freies pdf.
13. Pearson, Mike Parker et. al.: Who was buried at Stonehenge? In: Antiquity 83/2009, S. 23 - 29, frei verfügbare: html, pdf.
14. Darvill, T. and Wainwright, G.: Stonehenge excavations 2008. In: Antiquaries Journal, 89 (1), 2009, S. 1 - 19 ("Restricted to Repository staff only until 01 September 2010")

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