Dienstag, 16. August 2011

1.200 v. Ztr. - Vergleichsmöglichkeiten von Schlachten in Mecklenburg und Ägypten

Die Wandreliefs von Medinet Habu als Erkenntnisquelle für Archäologen

Das neu entdeckte Schlachtfeld im Tollensetal bei Altentreptow in Mecklenburg (1 - 3) macht mehr als vieles andere bewußt, daß man es bei bronzezeitlichen Gräbern mit Waffenbeigaben oft nur mit einer Oberschicht zu tun hat, und daß die Normalbevölkerung gar nicht mit Metallwaffen gekämpft hat, sondern mit Pfeil und Bogen, sowie mit Holzknüppeln. So wie das auch Tacitus noch von den Germanen berichtet (3):
Die Archäologen sind sich jedoch sicher: Der Fundplatz bei Altentreptow wird unser Bild von der Bronzezeit verändern. Aus den Funden in Gräbern und Horten, in denen Waffen und Schmuck oft aus rituellen Gründen vergraben wurden, schloss man bisher auf schwer gewappnete Krieger mit Speer, Streitaxt, Dolch oder Schwert. „Hier finden wir die Waffen, die jeder herstellen konnte“, berichtet Terberger, „Pfeil und Bogen wurden unterschätzt und waren sicher eine wichtige Distanzwaffe. Und Holzknüppel für den Nahkampf. Es sieht so aus, als sei man hier mit einfachsten, aber hocheffektiven Waffen aufeinander losgegangen.“ Auch die gefundenen Verletzungen weisen auf Pfeilschüsse und Schlagwaffen. Die dazugehörigen Holzkeulen wurden jetzt zum ersten Mal entdeckt. Sie sehen aus wie Baseball- oder Kricketschläger.


Bronzewaffen konnten sich wohl nur sehr wenige Elitekrieger leisten, und sie spielten bei Feldzügen eher eine geringere Rolle. Falls im Tollensetal eingesetzt, wurden die teuren Stücke vermutlich abgesammelt. Auch von Fibeln, Knöpfen oder Gürtelscheiben an der Kleidung fehlt bisher jede Spur, als seien die Leichen gründlich gefleddert worden. Merkwürdig auch, dass so viele Tote gar nicht beerdigt wurden. Hatten die Sieger nach der Schlacht kein Interesse mehr am Tollensetal? Gab es auf der Verliererseite niemanden, der sich um die Toten kümmern konnte? War die lokale Bevölkerung überhaupt involviert?
Das könnten weitere Hinweise darauf sein, daß hier ein Volk einfach nur durchgezogen ist und sich von den Ressourcen der Einheimischen ernähren wollte, was letztere - möglicherweise erfolglos - verhindern wollten. Auch nach der Schlacht von Kalkriese (9 n. Ztr.) haben ja die Germanen die Leichen der erschlagenen Römer unbestattet liegen gelassen. Über dem Leichenfeld, das  gerne auch zur Abschreckung weiterer feindlicher Angriffe so liegen gelassen wurde, mögen einfach nur die Geier mit heiserem Schrei gekreist sein. Es mag ein verrufener, unheimlicher Ort geworden sein. Deshalb ja zog ein späterer römischer Feldzug unter anderem auch zurück nach Kalkriege, um für die Bestattung der dort gefallenen Kameraden dreier Legionen zu sorgen.

Die Wandreliefs von Medinet Habu (1176 v. Ztr.)

Der Totentempel von Pharao Ramses III. (1221 - 1176 v. Ztr.) in Medinet Habu in Theben gehört zu den "stilistisch vollkommensten Bauerken Ägyptens" (Wiki). Auch Rainer-Maria Rilke war während seines Besuches von den dortigen Säulen stark beeindruckt. Die dortigen Wandreliefs zeigen eine Land- und eine Seeschlacht gegen die "Seevölker". Die Herkunft der Seevölker ist noch umstritten (Wiki). Nach ägyptischen Berichten sollen sie von Inseln im Meer stammen. Da sich in der Folgezeit in Ugarit und an anderen Stellen des Levanteraums eindeutige archäologische Befunde unter anderem für Zuwanderungen aus Süddeutschland finden, muß zumindest der mitteleuropäische Raum als Herkunft der Seevölker mit in die Überlegungen einbezogen werden.

Und da sich auch im mittel- und nordeuropäischen Raum für diese Zeit deutliche Zeichen von kulturellen Veränderungen finden, muß auch für diesen Raum ähnlich wie für den Mittelmeerraum mit großen kulturellen, gegebenenfalls auch kriegerischen Umbrüchen gerechnet werden (Ende der Bronze-, Beginn der Eisenzeit).

Die ägyptischen Wandreliefs können einem also möglicherweise auch die eine oder andere Vorstellung geben von dem Aussehen eines durchschnittlichen europäischen, bronzezeitlichen Kriegers und der Art der Schlachten, die zu gleicher Zeit auch im mittel- und nordeuropäischen Raum mögen geschlagen worden sein. Auch in Mitteleuropa gab es, wie wir hier auf dem Blog schon darstellten, zu jener Zeit seit tausend Jahren stadtähnliche Höhenburgen, war also die Bevölkerungsdichte vergleichsweise groß. Man darf sich deshalb also auch gerne mittel- und nordeuropäische Heere als ähnlich umfangreich vorstellen, wie sie in Medinet Habu dargestellt sind, wo nicht nur einzelne fürstliche Krieger, sondern eben ganze Heere dargestellt sind. Es handelt sich dabei unter anderem um eine Schlacht des Jahres 1180 v. Ztr.. Also  etwa zur gleichen Zeit oder nur wenige Jahrzehnte nach der Schlacht im Tollensetal in Mecklenburg.

Im folgenden nur in eine ersten Sichtung einer Abfolge von Abbildungen der Schlachtszenen von Medinet Habu.

Abb. 1: Medinet Habu in Ägypten

Abb. 2: In der Landschlacht kamen von Rindern gezogene Streitwagen zum Einsatz.
Das ist ein wichtiger Hinweis für unseren Beitrag zu den Rinderwagen-Gräbern. Diese Rinderwagen wird man sich also auch schon um 3.100 v. Ztr. als Streitwagen vorstellen können, bzw. müssen.
Abb. 3: Von Rindern gezogene Streitwagen

Abb. 3: So sahen ägyptische Künstler die einfachen Krieger der Seevölker (mit "Strahlenkrone")
Die Strahlenkrone könnte natürlich auch in irgendeinen Bezug gesetzt werden zu dem Helmbusch spätbronzezeitlicher mykenischer und nordeuropäischer Kammhelme (St. gen., 29.7.2007).

Abb. 4: Ein Krieger der Seevölker in ägyptischer Darstellung

Abb. 5: Ein Krieger der Seevölker


Abb. 6: Ein Krieger der Seevölker

Abb. 7: Unter den Kriegern der Seevölker gab es auch solche mit Hörnerhelmen (wodurch Völker unterschieden wurden)
Laut Wikipedia ist die Kleidung der dargestellten Seevölker eindeutig mediterranen Ursprungs.

Abb. 8: Krieger mit Hörnerhelmen

Abb. 9: Krieger mit Hörnerhelmen

Abb. 10: In großen Scharen werden die besiegten Krieger als Gefangene abgeführt

Abb. 11: Kriegsgefangene




Abb. 12: Ein Krieger der Seevölker


Abb. 13: Ein Kriegsgefangener

Abb. 14: Weitere Kriegsgefangene

Abb. 14: Die Darstellung der Seeschlacht ist sehr realistisch
Abb. 15: Schlachtdarstellung
Gab es auch im mediterranen Raum hölzerne Waffen und Schlagstöcke?

Gibt es auf diesen Schlachtdarstellungen auch hölzerne Waffen oder Schlagstöcke?  In der folgenden Abbildung glauben wir einen solchen erkennen zu können. Der Krieger etwas links von der Bildmitte trägt in der linken Hand einen Schild und in der rechten hoch erhobenen Hand offenbar einen Schlagstock:

Abb. 15a: Krieger mit Schlagstock? (links von der Bildmitte)
Insbesondere auch im friedlichen Wettkampf des Ringens mit Stöcken, bzw. des Stockfechtens scheinen im ägyptischen und nubischen Raum Schlagstöcke benutzt worden zu sein (siehe auch: a, b, c, d).

Abb. 16: Schlachtdarstellung mit vielen Details

Abb. 17: Schlachtdarstellung

Abb. 18: Schlachtdarstellung

Abb. 19: Schlachtdarstellung

Abb. 20: Der siegreiche Pharao tötet Gefangene

Abb. 21: Unten werden Gefangene abgeführt

Abb. 22: Bogenschützen

Abb. 23: Bogenschützen
Auch in Abbildung 22 und 23 scheint links von der Bildmitte ein Krieger mit Schild und Schlagstock abgebildet zu sein.

Sicherlich werden auch diese Wandreliefs noch ausgewertet werden, um etwaige Erkenntnisse aus der mecklenburgischen Schlachtfeld-Archäologie gründlicher mit ihnen abzugleichen.


(Erster Entwurf: 26.01.10)

__________________
1. Bading, Ingo: 1.250 v. Ztr. - Die Schlacht von Altentreptow. Auf: Studium generale, 8.10.2008.
2. Bading, Ingo: Schlacht mit Holzknüppeln in der Ostsee-Region, 1250 v. Ztr.. Auf: Studium generale, 13.10.2008
3. Gründler, Karl F.: Sie schlugen sich mit Holzkeulen die Köpfe ein. Ein Schlachtfeld der Bronzezeit an der Tollense in Mecklenburg. Tagesspiegel, 03.09.2009 [17.1.10]
4. Baird, W. Sheppard: The Origin of the Sea Peoples. Auf: Minoanatlantis.com, 2007/2008, [20.1.10]

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