Montag, 1. September 2008

Rez. W. Troßbach; C. Zimmermann: Die Geschichte des Dorfes

Autoren: Troßbach, Werner; Zimmermann, Clemens
Titel: Die Geschichte des Dorfes. Von den Anfängen im Frankenreich zur bundesdeutschen Gegenwart
Ort: Stuttgart
Verlag: Verlag Eugen Ulmer
Jahr: 2006
ISBN-10: 3-8252-8324-0,
Umfang, Preis: 336 S., € 39,90

Rezension*)

Bei diesem Band handelt es sich um eine der ersten epoche- und regionenübergreifenden Darstellungen zu einer allgemeinen Geschichte des mitteleuropäischen Dorfes und nicht nur - wie es frühere Darstellungen geleistet haben - etwa zu einer Geschichte der mitteleuropäischen ländlichen Bevölkerung oder allgemein zur „Agrargeschichte“. Die Fokussierung einer solchen übergreifenden Darstellung auf den Gegenstand Dorf musste früher oder später kommen angesichts der ungeheuren Detailfülle, die sich in den letzten Jahren durch die archäologische und alltagsgeschichtliche Forschung – oft nur allein schon bezüglich einzelner untersuchter Dörfer und Landschaften – angesammelt hat. Die Forschung bewegt sich also zunehmend auf eine „histoire totale“ zu, auf eine vollständige Beschreibung aller überhaupt zu beschreibenden Tatsachen des Phänomens „Dorf“ oder „dörfliche Gemeinschaft“, bwz. „dörfliche Gesellschaft“. Dadurch muss zunehmend der „Systemcharakter“ dieses sozialen und wirtschaftlichen Systems in seinen grundlegendsten Kausalzusammenhängen in den Vordergrund treten. [1]

Diese Entwicklung gliedert sich fast nahtlos ein in die Erforschung der „Evolution menschlicher sozialer Systeme“ überhaupt [2], wie sie im Anschluss an die Erforschung der sozialen Systeme im Tierreich durch die Soziobiologie [3, 4], die Evolutionäre Anthropologie und andere Disziplinen geleistet wird. Das arbeitsteilig gegliederte System „Dorf“ stellt seit etwa 10.000 Jahren jenes soziale System dar, in dem die Mehrheit der Menschen weltweit gelebt haben und auch genetisch evoluiert sind. Es stellt die kleinste menschliche Sozialeinheit dar, die über die engeren familiären und verwandtschaftlichen Bindungen hinausgehen.

Damit nimmt es quasi wie ein „Modellorganismus“ (analog zu Dictyostelium oder Volvox in der Biologie auf dem evolutionären Weg vom Einzeller zum Mehrzeller) eine Zwischenstellung ein zwischen egalitären Jäger-Sammler-Gruppen und ihren evolutionspsychologischen Gesetzmäßigkeiten und den Gesetzmäßigkeiten komplexer arbeitsteilig-städtischer Gesellschaften und Hochkulturen. Die sozialen Merkmale der ersten werden von der Evolutionären Anthropologie gegenwärtig vor allem unter dem Aspekt des Verwandten-Altruismus, die der letzteren vor allem unter dem Aspekt des Gegenseitigkeits-Prinzips beschrieben. [Siehe etwa: 3, 4.] Es gibt wohl bezüglich des Menschen keinen besseren „Modellorganismus“, um diese Formen der Sozialisierung zu erforschen, als das einfach-arbeitsteilig gegliederte - und oft noch in vielen Aspekten autark lebende - vorindustrielle Dorf.

Die Autoren haben sich also ein einerseits sehr grundlegendes, andererseits aber auch inzwischen sehr umfangreiches und dadurch disparates Forschungsgebiet vorgenommen und klagen deshalb auch bald über das „Disparate“ der von ihnen bearbeiteten historischen Tatsachen und der bislang noch mangelnden systematisierenden oder theoretischen – ja, sogar auch nur terminologischen – Durchdringung derselben. Das muss sich fast zwangsläufig ergeben, wenn sich eine wissenschaftliche Disziplin in rascher Entwicklung befindet. Und das muß von dem hier behandelten Themenbereich gesagt werden. „Wie dick wäre wohl das Buch,“ fragen die Autoren, „das (…) der Eigenart eines jeden Dorfes gerecht werden (…) wollte?“ [S. 1] Sie sprechen von der „erstaunlich hohen Variabilität“, der „vielgestaltigen Realität“ [S. 15]. Und sie sprechen deshalb von der „Notwendigkeit, Typen und paradigmatische Einzelbeispiele herauszustellen“, da sich „makrostrukturelle Prozesse“ „mikrostrukturell so höchst verschieden und zu unterschiedlichen Zeitpunkten bemerkbar“ machen. [S. 12]

Das sattsam bekannte „Theoriedefizit“ der traditionell arbeitenden Geisteswissenschaften – hier macht es sich wieder einmal besonders schmerzlich bemerkbar. Die Autoren führen aus, dass sie nicht auf epoche- und regionenübergreifende theoretische Konzepte zurückgreifen (können), sondern jede Epoche und jeden Aspekt des geschichtlichen Phänomens Dorf nach den ihm je eigenen Gesichtspunkten behandeln (müssen).

Sie schreiben in der Einleitung (I) [S. 16], dass das Mittelalter-Kapitel (II) aus „siedlungs-, agrar- und verfassungsgeschichtlicher“ Perspektive geschrieben ist, das Kapitel über das Spätmittelalter und das 16. Jahrhundert (III) aus „wirtschaftsgeschichtlicher“ Perspektive („als Voraussetzung für eine Erklärung der damit verbundenen sozialen Wandlungsprozesse“). Für das 17. und 18. Jahrhundert (V) erlaubt ihnen der Forschungsstand dann eine tastend „systematisierte, durch Typenbildung differenzierte Annäherung“ an wiederum sehr vielfältig bestimmte Themen. Ein weiteres, eingeschobenes Kapitel (IV) behandelt dann epocheübergreifend die „Herausbildung und Veränderung dörflicher Institutionen“ (rechtliche Grundlagen, Dorfämter, Gemeindeversammlung, Pfarrerwahl und anderes). Und mit gewechselter Autorschaft (VI) werden dann die neuen Entwicklungen auf dem Dorf im 19. und 20. Jahrhundert nachgezeichnet.

Auch in der Kapiteleinteilung spiegelt sich das „Disparate“ des Gegenstandes wieder, die Kapitel haben ganz unterschiedlichen Umfang: Kapitel II bis IV je 27, 30 und 23 Seiten, Kapitel V 65 Seiten, Kapitel VI 95 Seiten. Der Inhalt des Kapitels V, das sicherlich auch forschungsmäßig dadurch eine Schlüsselstellung einnimmt, dass hier quellenmäßig und vom theoretischen Anspruch her oft schon die dichtesten Beschreibungen vorliegen, wird folgendermaßen angegeben: „… Grundlegende sozialgeschichtliche Fragen, die Probleme innerdörflicher Allianzbildung, die sich verändernde Bedeutung von Sozialformen wie Nachbarschaft und Verwandtschaft, den Austrag innerdörflichere Konflikte und den auch hinsichtlich staatlicher Reglementierungen variierenden Vorrat an dörflicher Gemeinschaftlichkeit.“ [S. 16]

Es fragt sich nun, ob die Autoren die historiographischen Möglichkeiten, die sich aus einer epoche- und regionenübergreifenden Fokussierung auf das Phänomen Dorf ergeben, schon ausreichend ausgeschöpft haben. Insbesondere fragt sich, ob sich überhaupt grundlegend neue Aspekte, Sichtweisen gegenüber früheren Darstellungen zu ähnlichen Gegenständen ergeben. Der Rezensent konnte diesem Band keine grundlegend neuen Gedanken oder empirischen Daten entnehmen, die er nicht schon an anderer Stelle vorgefunden hätte (etwa in: [5] - dort ja z. T. auch – und verdienstvollerweise - von demselben Erstautor). Man könnte sich also durchaus die Frage stellen, ob es als nötig hätte angesehen werden müssen, die empirischen Daten noch einmal aufs Neue zusammenzutragen und zu sichten, ohne dass die Daten entsprechend wirklich grundlegend neuer Leitgedanken geordnet worden wären, ohne dass zu größerer, vereinheitlichender Theoriebildung fortgeschritten wird.

Solche Möglichkeiten nehmen die Autoren nur sehr zögerlich wahr, wenn sie sich mit Denkern des frühen 20. Jahrhunderts wie Ferdinand Tönnies oder Georg Simmel auseinandersetzen, um einen gewissen theoretischen (richtiger aber wohl nur: terminologischen) Rahmen für ihre Arbeit abzustecken. Auch W.H. Riehl wird erwähnt, ja, sogar die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz. Aber kein einziger allgemeinerer Ansatz moderner naturwissenschaftlicher Anthropologie [etwa: 1], der historischen Demographie [etwa 6 – 8] oder der Soziobiologie [etwa 3, 4] wird erwähnt.

Die Autoren orientieren sich also weniger an modernen theoretischen, anthropologischen Vorgaben, auch nicht etwa an dem als immer grundlegender erkennbaren Zusammenhang zwischen Demographie und Wirtschaftsweise. [6 - 8] Dieser hätte ja durchaus nicht nur gelegentlich erwähnt werden können, wie hier geschehen, sondern auch epocheübergreifend und die Epochen und Regionen vergleichend dargestellt werden können, um ein erstes einheitlicheres, zusammenfassendes, kapitelübergreifendes Konzept für diesen Band zu gewinnen.

Es muss noch besonders darauf hingewiesen werden, dass der Forschungsstand in Deutschland ein zum Teil ganz anderer ist als der in Österreich und der Schweiz. Österreich hat mit Michael Mitterauer einen Forscher, dessen Lebenswerk zeigt, dass es möglich ist, immer wieder neue, sehr grundlegende, auch anthropologisch grundlegende Fragen an das soziale System „Dorf“ heranzutragen und die empirischen Daten nun unter solchen grundlegenderen Fragestellungen zu sichten. [siehe etwa: 9] Obwohl also gerade für diese beiden Länder – auch aufgrund der größeren geographischen Übersichtlichkeit - schon viele innovative, mehr theoriegeleitete Forschungsansätze vorliegen (- aber siehe durchaus auch: 10), werden diese ausdrücklich von der Darstellung des vorliegenden Bandes ausgenommen: „Da die Schweiz und Österreich seit langem ausgeprägte nationale Historiographien aufweisen,“ schreiben die Autoren, „verbat sich im materiellen Rahmen dieser Untersuchung ein näheres Eingehen auf diese Länder.“ [S. 17]

Damit schneiden sich die Autoren von den innovativsten theoriegeleiteten Forschungen ihres Faches ab, die eben nur dann gründlich dargestellt werden können, wenn man dazu auch das empirische Ausgangsmaterial darstellt. Der Weg von einer beschreibenden hin zu einer erklärenden Geschichte des Dorfes dürfte gerade für den deutschen Raum noch ein weiter sein.

Anmerkungen

1. Herrmann, Bernd (Hrsg.), Energieflüsse in prähistorischen/historischen Siedlungen und Gemeinschaften. In: Saeculum 42/1991, S. 217 - 348
2. siehe z.B. das neue Max Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, für das ursprünglich auch eine Forschungsprofessur zur „Evolution menschlicher, sozialer Systeme“ vorgesehen war (Alexander von Humboldt-Magazin 70/1997, S. 58 – 61)
3. Voland, Eckart, Grundriß der Soziobiologie, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2000
4. Hamilton, W.D., Narrow Roads of Gene Land. Vol. 1, Evolution of Social Behaviour, W.H.Freeman at Macmillan Press Limited, Houndmills 1996
5. Enzyklopädie deutscher Geschichte, R. Oldenbourg Verlag, München, bislang 79 Bände
6. Herrmann, Bernd; Sprandel, Rolf (Hrsg.), Die Bevölkerungsentwicklung des europäischen Mittelalters. Das wirtschaftsgeographische und kulturelle Umfeld. In: Saeculum 39/1988, S. 105ff
7. Pitz, Ernst, Ökonomische Determinanten der Bevölkerungsentwicklung im Mittelalter, In: siehe 6., S. 155 – 171
8. Mackenroth, Gerhard, Bevölkerungslehre, Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung. Springer-Verlag, Berlin 1953
9. Ehner, Josef; Mitterauer, Michael (Hg.), Familienstruktur und Arbeitsorganisation in ländlichen Gesellschaften, Wien, Böhlau 1986
10. Schremmer, Eckart: Die Wirtschaft Bayerns. Vom hohen Mittelalter bis zum Beginn der Industrialisierung. Bergbau, Gewerbe, Handel. Verlag C.H. Beck, München 1970
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*) Letzten Herbst auf Aufforderung von HSozKult verfaßt. Aber erst jetzt eingesandt und der Redaktion nicht mehr aktuell genug. Deshalb hier. In die Reihe "Arbeitsteilige Gesellschaft und Verwandten-Altruismus", die jetzt allmählich als neues Schwerpunkt-Thema des Blogs ausgebaut werden soll.

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