Samstag, 1. März 2008

Die Unvollkommenheit des Menschen und der Altruismus

Nachdenken über Altruismus (6. Teil)

Der vorige Beitrag dieser Reihe findet sich hier: 5. Teil. Um so älter die Beiträge dieser Reihe sind, um so weniger gelungen, inhaltsvoll erscheinen sie mir aus der Rückschau. *)

Was ist Altruismus in allgemeinstem Sinne? Was könnte Altruismus in allgemeinstem Sinne sein? Altruismus, so sei hier einmal die Behauptung aufgestellt, ist die Fähigkeit, mit der Andersartigkeit anderer Menschen im tiefsten Sinne human, das heißt weise, reif und in tieferem Sinne verständnisvoll umgehen zu können. Nun könnte es sich der Altruist leicht machen und sagen: Alles an der Andersartigkeit anderer Menschen ist "gut" und ich versuche, dieser "guten" Andersartigkeit Verständnis entgegenzubringen.

Allerdings weiß jeder Mensch, daß die Welt, daß insbesondere die eigene unmittelbare Mitwelt und die eigene Gesellschaft voll Egoismus, boshafter Rücksichtslosigkeit, voller Verbrechen, voller Heuchelei, voller Seichtigkeit und Oberflächlichkeit und so vieler anderer schlechter menschlicher Eigenschaften ist. Es kann doch gar nicht sein, daß man all diesen vielen schlechten Eigenschaften des Menschseins an sich "Verständnis" entgegenbringt, ohne selbst denselben zu erliegen. Aber vielleicht will man das ja gar nicht, da man nicht selbst diesen Kakao auch noch trinken will, durch den man zuvor gezogen wurde (nach dem bekannten Wort von Erich Kästner).

Nein, dadurch, daß ich mich mit all diesen schlechten Eigenschaften bei mir selbst und bei anderen auseinandersetze und sie bei mir selbst (und vielleicht auch anderen) zu überwinden trachte, erst dadurch werde ich doch ein guter Mensch. Das "Gutsein" ist mir doch nicht in die Wiege gelegt, sondern quasi mit der Muttermilch sauge ich all die gesellschaftliche Schlechtigkeit und Seichtigkeit auf, die mich umgibt. Und das Gutsein selbst ist mir im besten Falle als Aufgabe meines Menschseins an sich gestellt, fällt mir aber nicht wie ein "Geburtstagsgeschenk" zu.

Umgang mit der Andersartigkeit anderer Menschen

Die Andersartigkeit anderer Menschen bedeutet nun, daß jeder Mensch aufgrund seiner angeborenen und erworbenen Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale auf der einen Seite besondere Begabungen und Fähigkeiten für bestimmte Dinge hat und auf der anderen Seite besondere Schwächen und "Unfähigkeiten" für bestimmte Dinge. Jeder Mensch weist "Borniertheiten" auf. Jeder. Denn niemand ist vollkommen geboren und vielleicht nur ganz wenige erreichen irgendeinen Grad von Vollkommenheit in diesem Leben. Das heißt: Wenn wir uns bemühen, gute Menschen sein zu wollen, dann wird das jeder Mensch aufgrund seiner Stärken und Schwächen für bestimmte Formen des Gutseins oder Böseseins auf seine ganz eigene, besondere Weise auf vielleicht nur sehr beschränkten Bereichen tun, während er auf anderen Bereichen seine "Borniertheit" glänzen läßt.

Aber diese "Borniertheit" nimmt er meist selbst gar nicht wahr. Die Unvollkommenheit des Menschen ist dadurch sicher gestellt, daß er sich über sich selbst täuscht, täuschen kann. Wenn er sich nicht über sich selbst täuschen könnte, würde der Mensch wohl entweder in tiefste Depressionen über seine vielen "Unfähigkeiten zum Gutsein" verfallen oder es würde ihm relativ leicht - vielleicht zu leicht - fallen, ein vollkommener Mensch zu werden. Wenn aber Vollkommenheit im menschlichen Sein das Ziel der Schöpfung, der Evolution ist, gewesen sein sollte, gewesen sein könnte, dann sollte dies wohl doch ein so anspruchsvolles Ziel sein, daß dasselbe nicht allzu leicht zu erreichen ist. (Jedenfalls scheint es wohl doch keine kulturgeschichtlichen Zeugnisse zu geben, die nahelegen, daß es dem Menschen jemals in der Geschichte besonders leicht gefallen wäre, in moralischem Sinne vollkommen zu sein oder zu werden. Viele leiten daraus ab, daß es sowieso borniert ist, in moralischem Sinne vollkommener werden zu wollen. Aber mit solchen flachen Meinungen will ich mich hier jetzt nicht auseinandersetzen.)

Darum also vor allem wird der Mensch die "Fähigkeit" zu Täuschung und Selbsttäuschung sich selbst und anderen gegenüber besitzen: damit er nicht quasi "determiniert" das Gute tut und das Böse läßt.

Fehler kleinreden, Stärken herausstellen

Nun besteht selbstverständlich die natürliche Neigung des Menschen dazu, sich selbst und anderen gegenüber seine eigenen Schwächen und Fehler "kleinzureden" und seine eigenen Stärken und Fähigkeiten sich selbst und anderen gegenüber möglichst groß herauszustellen. Wer gibt schon gerne zu, daß er Fehler hat? Das ist also von vornherein wohl ein ganz natürlicher Drang.

Wie aber verhält sich der Altruist diesen grundlegenden menschlichen Umständen gegenüber? Der Altruist weiß zunächst einmal das folgende - oder versucht es sich immer wieder klar zu machen: Daß man leichter den Dorn im Auge des anderen sieht, als den Balken im eigenen Auge. (Eine Weisheit, die z.B. im Neuen Testament der Bibel überliefert ist, die aber - wie so vieles andere im Neuen Testament - vielleicht aus ganz anderen oder früheren Kulturen übernommen worden ist.) Wer sich das klar macht, wie schwer es ist - oder sein könnte - statt des Dornes beim anderen möglichst auch den Balken im eigenen Auge zu sehen, wer sich das klar macht, der bekommt vielleicht eine gewisse Ahnung darüber, was das eigentlich sein könnte: menschlicher Altruismus. Menschliche Entsagung. Darauf zu verzichten, recht zu haben. Darauf zu verzichten, per se "der Gutmensch" zu sein ...

Und das würde dann tatsächlich einen reiferen Umgang mit den Andersartigkeiten anderer Menschen bedeuten: Denn um so mehr ich von dem Balken im eigenen Auge weiß, um so treffsicherer werde ich doch wohl - mehr oder weniger selbstverständlich - mit den Dornen im Auge eines anderen umgehen können.

Fehler und Stärken möglichst treffsicher und ausgewogen erkennen und benennen zu können

Denn das wird wohl immer die Hauptschwierigkeit im Umgang zwischen Menschen untereinander sein: Erstens daß man eher die Schwächen des anderen sieht als die eigenen. Daran muß zunächst nichts Verwerfliches sein. Denn auch, indem ich mich mit Schwächen meiner Mitmenschen auseinandersetze, kann ich mich selbst im Gutsein stärken. Aber die zweite Hauptschwierigkeit ist dann, daß man die Schwächen der anderen nicht treffsicher genug benennen kann. Indem ich andere kritisiere, verletze ich vielleicht Stärken, die ich bei ihnen übersehen habe zugleich mit den Schwächen, da ihr ganz "persönlicher" Weg zum Gutsein ein ganz anderer ist als meiner und da ich zunächst geneigt bin, von mir selbst auf andere zu schließen und von anderen genau das zu erwarten, wozu auch ich selbst fähig bin. Das heißt, ich erwarte von anderen die gleichen Stärken und Schwächen wie von mir selber. Das ist aber per se eine Unmöglichkeit, denn andere Menschen sind nun einmal anders.

Eines jedenfalls ist klar: Um so unterschiedlicher die Andersartigkeit der anderen Menschen ist, mit denen man versucht zu kooperieren aufgrund genetischer oder kultureller Umstände, um so schwieriger wird es, nach dem schlichten Prinzip der "Gegenseitigkeit", des "tit for tat" zu kooperieren. Und da sollte es dann erst anfangen, in tieferem und echterem Sinne altruistisch zu werden.
_______________

*) D
er Vollständigkeit halber seien sie hier noch genannt: 1. Teil, 2. Teil, 3. Teil, 4. Teil. Oder einfach die Kategorie "Altruismus" benutzen, unter der sich freilich auch noch andere Beiträge finden.

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