Mittwoch, 26. Dezember 2007

"Samson" - Händels Oper macht traditionelle Gruppen- und Religionspsychologie nachvollziehbar

Zu Weihnachten kann man sich schenken lassen zum Beispiel eine vollständige CD-Aufnahme der Oper "Samson" von Georg Friedrich Händel (1685-1759) (Wiki), die im Jahr 1741 uraufgeführt wurde. Und damit kann man seine religionswissenschaftlichen und gruppenpsychologischen Studien erweitern.

G. F. Händel v. W. Hogharth (von Wiki Commons)
Diese Oper scheint sehr gut für letzteres geeignet zu sein. Geht es in ihr doch um den biblischen, israelitischen Helden Samson, der im Kampf für (seinen) Gott und für sein Volk schlimmste Leiden erfährt. Dabei werden Gott und Volk durchgängig als eine tiefe und selbstverständliche Einheit angesehen. Samson erleidet Gefangenschaft, Blindheit, Verspottung durch ein feindliches, siegreiches Volk, durch die Philister, die einen anderen Gott anbeten.

Und letzteres ist das Schlimmste: daß ein anderes Volk mit einem anderen Gott - und damit dieser Gott selbst - siegreich sind und bleiben sollen. Schließlich gibt Samson seinem Leiden und seinem Tod dadurch einen Sinn, daß er noch zahlreiche Feinde mit sich in seinen Tod hineinzieht und dadurch aus seinem Tod und Untergang ein Triumphlied, ein Siegeslied für seinen eigenen Gott und sein eigenes Volk gestaltet.

Man spürt sofort: Dieser Herr Händel und seine Zeitgenossen haben noch nie etwas von politischer Korrektheit gehört. Wahrscheinlich, nunja, führt eine gerade Linie von Händel zu Hitler. Ob das schon jemand gemerkt hat? (Google-Suche sagt: nein, erstaunlich wenige haben das bis heute gemerkt!)

Händel hat das genannte biblische Geschehen, das zu seiner Zeit ja noch ganz "naiv" gelesen und verstanden wurde (auch ohne jede verweichlichende "Metaphorik"), in eine Musik umgesetzt, die die Handlung und das Leiden des Helden - und das Mitgehen der mitfühlenden "Stammesbrüder", "Volks-" und Religionsgenossen (in Form der Frauen- und Männer-Chöre) - emotional nachvollziehbar macht, wie dies wohl selten später in ähnlicher dichter Weise geschehen ist.

Seine starken und stolzen Rhythmen, seine Sieges-Trompeten und -Gesänge, seine Klagegesänge ...

Aber eine erhöhte Bedeutung erhält all diese Musik erst, wenn man den Text ganz naiv parallel dazu liest und so ernst nimmt, wie er auch von allen Zeitgenossen Händel's und von diesem selbst ernst genommen wurde. Davon, daß Händel diesen Text ernst genommen hat, davon zeugt seine ganze Oper, die Musik von Anfang bis Ende.

Tod des Samson von Gustave Doré (1866)
Man erlebt das erschütternde Schicksal eines für seinen Gott und für sein Volk leidenden und schließlich triumphierenden Menschen. Eines Helden, von dem es abschließend heißt im Text (deutsche Übersetzung):
Glorreicher Held, mag nun dein Grab
Frieden und Ehre allzeit genießen;
nach all dem Leiden, all dem Weh
jetzt ewige Rast und süße Ruh!

Die Jungfrauen werden an Festtagen ihrerseits
sein Grab besuchen mit Blumen und dort beweinen
sein unglückliches Los bei seiner Gattenwahl. (...)

Mag jeder Held den Weg sich bahnen wie du,
durch Kummer zur Glückseligkeit. (...)

Kommt, kommt! Jetzt ist nicht die Zeit zum Klagen,
auch kein Grund zur Trauer: Samson wie Samson starb,
im Leben wie im Tod ein Held. Seinen Feinden
bleibt das Verderben; ihm der ewige Ruhm.

Laßt alle die Seraphim in glühendem Spektakel
die lauten, himmelwärts erhobenen Engelstrompeten blasen.
Laßt die Schar der Cherubime in sangesfreudigen Chören
ihre unsterblichen Harfen mit den goldenen Saiten zupfen.

"Let the bright Seraphim"


Dieser abschließende Absatz beginnt im englischen Original mit den Worten der berühmten Händel-Arie "Let the bright Seraphim", jener Sopran-Arie, die von einer Solo-Trompete begleitet wird und einer der emphatischsten Triumph- und Siegesgesänge der Menschheits- und Musikgeschichte darstellen wird. Bei Youtube findet man zahlreiche Aufnahmen dieser Arie. Die folgende erstgenannte, gesungen von einer Dänin 1993, ist die, die mir selbst am besten gefällt, aber auch die anderen haben ihre Qualitäten. (Youtube 1, 2, 3) Auch die Aufnahme eines Kinderchors ist sehr eindrucksvoll:



Auch die Arie "Total eclipse ..." ("Völlige Dunkelheit") aus dem 1. Akt, 2. Szene der Oper kann einen Eindruck von dem Geist der Oper und seines Helden insgesamt geben:



Samson besingt sein Leiden:
Völlige Dunkelheit! Keine Sonne, kein Mond,
alles finster im Mittagslicht!
O glorreiches Licht! Kein aufmunternder Strahl,
der mir die Augen erfreute mit dem willkommenen Tag!
Weshalb nur hieß Dein Ratschluß, daß ich so elend jetzt beraubt?
Nicht Sonne, Mond noch Sterne kann ich jemals sehen.
Oder die klagende, flammende Arie Samon's "Warum schläft der Gott Israels?" - "Why does the God of Israel sleeps?"



Etwas Aufrüttelnderes als diese Oper wird man selten zu hören bekommen. Georg Friedrich Händel hat diese Oper 1741 komponiert, kurz nachdem er den "Messias" vollendet hatte. Er selbst leitete in den kommenden Jahren neun Aufführungen dieser Oper. Diese riefen die volle Anerkennung im englischen Publikum hervor. Es war dies die Zeit, in der Friedrich II. von Preußen mit seinem ersten schlesischen Krieg begann.

Friedrich II. betrieb einen ähnlichen Heroen-Kult wie Händel. Dieser wurde dann vom deutschen "Sturm und Drang" und der deutschen Klassik, also von Schiller, Goethe, Hölderlin und ihren Zeitgenossen aufgenommen. Auch ein Dichter wie Klopstock muß berücksichtigt werden, wenn man diese "heroische" Zeit der mittel- und nordeuropäischen Geistes- und Kulturgeschichte verstehen will. Ohne sie sind die Französische Revolution und sind damit alle modernen abendländischen Errungenschaften nicht denkbar.

Und möglicherweise bedarf es auch eines ähnlichen Geistes, einer ähnlichen Emphase, einer ähnlichen Bereitschaft zum Leiden, eine ähnlichen Leidensfähigkeit, um den Fortbestand dieser Errungenschaften heute zu verteidigen und sicherzustellen.

(leicht ergänzt und überarbeitet: 4.11.16)

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