Montag, 17. Dezember 2007

"Besser" oder nur "erfolgreicher"? - Jüngste Humanevolution behandelt in der deutschen Presse

Unter der Kategorie "Jüngstselektierte Gene" haben wir hier auf dem Blog immer wieder das Thema behandelt, das durch den jüngsten PNAS-Aufsatz der Humangenetiker John Hawks, Eric Wang, Gregory Cochran, Henry Harpending und Robert Moysis unter dem Titel "Recent acceleration of human adaptive evolution" (pdf. - frei) weiterführende Behandlung erfahren hat. Erstmals hat dieses Thema nun viel Aufmerksamkeit nicht nur in der internationalen, sondern auch in der deutschen Presse gefunden. Sie behandelt auf breiterer Front jenen Paradigmenwechsel in der Biologie, der sich durch die vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms, die im Jahr 2000 verkündet wurde, anbahnt.

Während die traditionelle Humangenetik und Verhaltensforschung (sogar Konrad Lorenz und seine Schule), ja, sogar noch die Soziobiologie in der Regel davon ausgegangen waren, daß sich die (Verhaltens-)Genetik des Menschen seit der Eiszeit, seit seiner Zeit als "Jäger und Sammler" kaum noch verändert hat - Schlagworte waren: "Der Eiszeitjäger in der Metro", "Menschen mit Steinzeitgehirn steuern Düsenjäger" etc. - bekommen wir durch die neue Humangenetik zu diesem Thema ganz andere Erkenntnisse. Sie erweisen sich mehr und mehr als Weltbild-verändernd.

Sicherlich hat sich auch Konrad Lorenz schon viele Gedanken über (auch genetische) "Domestikations-Erscheinungen" beim Menschen gemacht (Stichwort "Verhausschweinerung des Menschen"). Aber diese waren doch meistens noch recht spekulativ und im Grunde nur Andeutungen, Vermutungen. Durch die neue Humangenetik bekommen wir zu vielen Themen ganz konkrete Hinweise, Daten und Anhaltspunkte. Ich habe die Forschungs-Literatur dazu in meinem Buchmanuskript "200.000 Jahre Humanevolution" schon in einem ersten Schritt zusammengestellt. (Lulu.com) Aber schon in dieser, im letzten Jahr zusammen gestellten Themenübersicht mutet einem vieles heute, ein Jahr später wieder veraltet an.

Hier nun einige mir wesentlicher erscheinende Auszüge aus der deutschen Bericht-Erstattung zu dem Forschungsartikel. Für Menschen, die sich in die Thematik überhaupt erstmals einlesen wollen, wird es sich sicher lohnen, sich alle diese Texte auszudrucken und zu studieren. Fast in allen Artikeln wird der Humangenetiker Henry Harpending mit verschiedenen Äußerungen zitiert.

Florian Rötzer faßt in Telepolis (11.12.) (übernommen auch vom Humanistischen Pressedienst) unter dem Titel "Die menschliche Evolution hat sich beschleunigt" ganz gut mit folgenden Worten zusammen (Hervorhebung von mir, I.B.):
(...) Die Menschen sind also nicht, wie man bislang überwiegend annahm, seit 40.000 Jahren mehr oder weniger genetisch gleich geblieben, sondern haben sich nicht nur kulturell, sondern eben auch genetisch relativ schnell verändert - im Takt von Jahrhunderten. Zudem haben sich genetische Veränderungen in unterschiedlichen Gruppen unterschiedlich vollzogen, wodurch sich erst einmal die menschlichen Gruppen durch räumliche Trennung auf den unterschiedlichen Kontinenten genetisch weiter auseinander entwickelt haben. So mußten sich die Menschen an die neuen Bedingungen wie Kälte und andere Nahrung in Europa anpassen und haben etwa mit Veränderungen des Skeletts und der Hautpigmentierung reagiert. Die Ernäherung mit Milch hat bei Indoeuropäern zur Laktosetoleranz geführt, weswegen auch Erwachsene Milch verdauen können, was bei vielen Menschen in Asien oder Afrika nicht der Fall ist. Harpending glaubt, daß Indoeuropäer deswegen mehr 'Energie' gehabt und sich deswegen schnell ausbreiten konnten. Zahlreiche Seuchen sind durch das Zusammenleben mit Tieren aufgekommen, die von Kontinent zu Kontinent verschieden waren und neuen genetischen Druck erzeugt haben. (...)

"Die Gene haben sich schnell in Europa, Asien und Afrika verändert", sagt Harpending, "aber fast alle diese Veränderungen sind einzigartig in Bezug auf ihren Herkunftskontinent. Wir werden unähnlicher, verschmelzen nicht in eine einzige, gemischte Menschheit." (...)
Der Artikel von Gerd Pfitzenmaier in Focus (11.12.) hat bislang 1.100 (?!) Leser-Kommentaren hervorgerufen. Er zitiert unter dem Titel "Rasende Evolution: Heute Mensch, morgen Mutant" Henry Harpending mit den Worten:
"Die menschlichen Rassen entwickeln sich" (genetisch) "immer weiter auseinander."
In Bezug auf die Humanevolution in den letzten 10.000 Jahren wird gesprochen von ...
... wichtigen Veränderungen am Skelett und den Zähnen sowie viele genetische Antworten auf die Herausforderungen durch neuartige Ernährungsformen oder die Reaktion auf zuvor nicht gekannte Krankheiten.

Das Tempo des genetischen Fortschritts taxieren die US-Forscher auf "Zeitspannen von Jahrtausenden, ja sogar Jahrhunderten". (...)

"Unser Geschichtsbuch liest sich mehr und mehr wie eine Science-Fiction-Story", kommentiert Gregory Cochran seine Berechnungen, "in der es zunehmend von Mutanten wimmelt, die andere Menschen verdrängten." Manchmal geschah dies leise, weil sie Hungersnöten oder Krankheiten besser standhielten. Manchmal kriegerisch, weil sie sich als Eroberer durchsetzen konnten. Aber immer, weil sie mit dem "besseren" Erbgut ausgestattet waren. Cochran: "Und wir selbst sind ebenfalls solche Mutanten."
Zu ergänzen wäre sicherlich auch die große Bedeutung des Sklavenhandels in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden, der bekanntermaßen (und für andere Epochen vermutungsweise) ganze Menschengruppen verschoben hat. Es wird also deutlich: Man kann menschliche Geschichte nicht mehr erforschen, ohne auf die Genetik Rücksicht zu nehmen.

Das Wort "besseres Erbgut" bedürfte hier noch mancherlei Erläuterung, es ist ja hier "besser" auch schon in Anführungszeichen gesetzt. Die Regel wird wohl eher sein, daß jeweils ein evolutionär gut angepaßter Menschentyp durch einen anderen evolutionär gut angepaßten Menschentyp ersetzt worden ist. Zum Beispiel das genetische Verdrängen der Buschleute-ähnlichen Populationen südlich der Sahara durch die schwarzafrikanischen Bantu-Völker seit etwa 2000 Jahren. Wer möchte schon so einfach sagen, die eine Population hätte "besseres" Erbgut besessen als die andere? Welcher Maßstab sollte hier gelten? Die eine war zunächst erst einmal nur evolutionär und genetisch "erfolgreicher" als die andere. Erfolgreich muß nicht unbedingt "besser" sein. Das wird übrigens auch für künftige Humanevolution gelten, über die wir ja nun mit mehr Bewußtsein und wesentlich umfangreicherem Wissen nachdenken können, als das frühere Völker getan haben.

Nina Bublitz schreibt im Stern (12.12.) unter dem Titel "Genetik: Menschliche Evolution nimmt Fahrt auf" unter anderem:
"Gene verändern sich in Asien, Afrika, Europa - und die meisten dieser Veränderungen finden nur auf jeweils einem Kontinent statt," sagt Anthropologe Henry Harpending. "Deshalb entwicklen wir uns nicht zu einer Menschheit, sondern die Unterschiede werden größer."
Hier kommt man sicherlich derzeit noch zu unterschiedlichen Bewertungen. Während in weiten geographischen Bereichen auf der Erde in den letzten tausend Jahren vergleichsweise wenig neue Vermischung stattgefunden hat, wird man das z.B. für Südamerika ganz bestimmt nicht sagen können. Für andere geographische Bereiche ist dies derzeit noch nicht entschieden. Hanno Charisius schreibt in der Süddeutsche Zeitung (13.12.) unter dem Titel "Evolution auf der Überholspur":
"Mit unserer Methode können wir nichts bestimmen, was jünger als 2000 Jahre ist", sagt Harpending. (...) Hätte sich die Menschheit (in den letzten 2000 Jahren) im gleichen Tempo fortentwickelt, hätten sich aus verschiedenen Ethnien womöglich unterschiedliche Arten bilden können.
Dies ist ein interessanter Aspekt. Hier auf dem Blog wurde ja schon mehrfach darüber gesprochen, ob nicht vor allem Prägungs-Vorgänge wie die muttersprachliche Prägung "Artbildungs"- oder Pseudo-Artbildungs-Prozesse beim Menschen beschleunigen. Aber um echte genetische Fortpflanzungs-Schranken zu erreichen, würden die Selektionsprozesse wohl noch von ganz anderer Art sein müssen als in den letzten Jahrtausenden. Ich sehe derzeit auch keine Plausiblitätsgründe, weshalb durch "echte" vielfältige Artbildung der Menschheit ein Dienst erwiesen wäre. Es stellt ja das Humanum an sich dar, mit menschlicher Verschiedenheit umgehen zu können. Durch Artschranken würde diese Herausforderung beseitigt und damit vielleicht, wahrscheinlich ein wesentliches "Humanum" an sich. Wir wären also vielleicht gar nicht mehr "Menschen".

Thomas Kramar zitiert in Die Presse (11.12.) unter dem Titel "Genetik: Unsere Evolution ist nicht vorbei" ebenfalls Henry Harpending:
(...) "Wir müssen den genetischen Wandel verstehen, um Geschichte zu verstehen. Wir sind nicht die gleichen Menschen wie vor 2000 Jahren." Das könne z. B. den Unterschied zwischen den Wikingern und ihren friedlichen schwedischen Nachfahren erklären: "Laut herrschendem Dogma beruht er auf kulturellen Flukturationen, aber bei fast jeder Charaktereigenschaft findet man starke genetische Einflüsse." Das steht so nicht in der Publikation, das sagt Harpending nur im Interview.
Hier deutet sich also die Möglichkeit an, daß auch die Einführung des Christentums - z.B. - in Skandinavien (und sonstwo) neue Selektionsprozesse in Gang gesetzt hat. Natürlich unterscheidet sich ja sicherlich die kriegerische Moral der Wikinger und Germanen sehr deutlich von der - zumindest binnen-gesellschaftlich - oft friedfertigeren Moral christlicher Gesellschaften. Es könnte sich dann ja bspw. auch um genetische Selektionsprozesse gehandelt haben, die etwa schon etwa Friedrich Nietzsche vorausgesetzt hat bei seiner Kritik des Christentums.

Hier noch weitere deutsche Presse-Artikel (die englischsprachigen Diskussionen, unter anderem bei "Gene Expression" wären einen eigenen Beitrag wert):
- "Anthropologe: Evolution des Menschen beschleunigt sich" ("RME" in Ärtzteblatt, 11.12.)
- "Wie werden immer unterschiedlicher: Genetischer Wandel beschleunigt sich" (Klaus Taschwer in Der Standard, 10.12.)
- "Menschwerdung: Seßhaftigkeit beschleunigte Evolution" (Silvia von der Weiden in Welt, 10.12., gekürzt in Berliner Morgenpost)
- ( Spektrum der Wissenschaft, 12.12.)
Die deutsche Blogszene reagiert offenbar sehr langsam. (aber: Historiker Volker Lange)

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