Montag, 13. August 2007

Genetische Vereinheitlichung der europäischen Völker in den letzten tausend Jahren?

Genreste von 48 Menschen, die zwischen 300 und 1000 n. Ztr. in Großbritannien gelebt haben, sind untersucht worden. Ihre genetische Vielfalt ist verglichen worden mit der genetischen Vielfalt von 6.200 Menschen, die heute in Europa und im Vorderen Orient leben. Dabei wurde Auffälliges festgestellt. (Spiegel, Berliner Morgenpost, New Scientist, Biology Letters - Forschungsartikel frei zugänglich) Die frühmittelalterlichen Briten hatten grundsätzlich alle typisch europäische Gensequenzen (Haplotypen), wie man sie auch heute noch in Europa findet. Allerdings war die genetische Vielfalt der damaligen Briten im einzelnen erheblich größer als die der heutigen und auch als die der heutigen Menschen in Dänemark, Deutschland oder Norwegen. Letzteres sind alles Länder, von denen aus es im Frühmittelalter Zuwanderungen nach England gegeben hat: Erst die Angeln und Sachsen aus Dänemark und Deutschland, später die Wikinger, bzw. die Normannen aus Norwegen, bzw. aus der Normandie.

Nur die Menschen in der Türkei, Palästina und in Weißrußland weisen heute noch eine ähnliche genetische Vielfalt auf wie die Menschen im Frühmittelalter in Großbritannien.

Die Forscher vermuten, der Verlust der genetischen Vielfalt könnte auf die Pest zwischen 1347 und 1351 zurückgeführt werden, durch die durchschnittlich in Europa die Hälfte der Menschen ums Leben kam. Dies würde besonders dann zutreffen, wenn ganze Familien und Dörfer (also Verwandtschaftskreise) ums Leben gekommen wären. Wenn aber nur ein einzelner aus einer Familie überlebt hätte, hätte ja damit auch seine einzigartige genetische Linie überlebt. Deshalb erscheint mir diese Vermutung nicht sehr plausibel zu sein.

Man könnte wohl viel eher darüber nachdenken, ob nicht unterschiedliche Fortpflanzung in den Familien eines Dorfes zu Verlusten von Abstammungslinien führen kann. Wenn es die reichen Bauern sind, also die bäuerlichen Oberschichten, die ihre Kinder auch in die Unterschichten einheiraten lassen, umgekehrt dies aber nicht geschieht, sollte es über längere Zeiträume hinweg zu einem Aussterben der Familienlinien von Unterschichten (Tagelöhnern und andere) kommen. Ich halte diesen Selektionsmechanismus für plausibler, um die Ergebnisse zu erklären als die Schwarze Pest. Die bäuerlichen Oberschichten haben beispielsweise im Deutschland östlich der Elbe nach der deutschen Ostsiedlung vor allem die wohlhabenderen zugewanderten Deutschen gestellt, während die einheimische Ursprungsbevölkerung sicherlich oft mittel- und langfristig in der Mehrheit zu bäuerlichen Unterschichten wurden. Ähnliches könnte man deshalb auch von England vermuten.

Beispielsweise die Forschungen von Eckart Voland in der Krumhörn (Ostfriesland) und vergleichbare in vielen anderen Agrarregionen - etwa Volkmar Weiß in Sachsen (Bevölkerung und soziale Mobilität. Sachsen 1550 - 1880) - weisen immer wieder darauf hin, daß die bäuerlichen Oberschichten einen vergleichsweise umfangreichen Anteil an der Reproduktion der nachfolgenden Generationen haben - auf Kosten der an der Grenze der Armut lebenden bäuerlichen Schichten. Letztere heirateten wenn überhaupt spät und hatten nur wenige Kinder. Über die Jahrhunderte hinweg muß das dazu führen, daß auf dem Land letztlich alle Menschen im Wesentlichen von den (früheren) bäuerlichen Oberschichten, den reichen Bauern abstammen, da auch deren Söhne und Töchter - aufgrund ihres Wohlstands - begehrte Heiratspartner für Unterschichten waren.

Somit könnte deutlich werden, daß es über geschichtliche Zeiträume hinweg immer wieder - auch - zu genetischen Vereinheitlichungs-Prozessen in Völkern kommen kann - noch ganz unabhängig von allen anderen Selektionsprozessen (etwa Sprach- und Kulturgrenzen, sowie geographische Barrieren als Heiratsschranken).

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