Mittwoch, 29. August 2007

Beethoven hatte bei seinem Tod 1827 80 mal mehr Blei im Körper als gesunde Menschen

"Signor Abate! io sono, io sono, io sono ammalato!
Santo Padre! vieni e datemi la benedizione!
- Hol' Sie der Teufel, wenn Sie nicht kommen!,
hol' Sie der Teufel, wenn Sie nicht kommen,
hol' Sie der Teufel!!!"
- So lautete der deftige, von manchen Menschen gern gesungene Kanon, den Ludwig van Beethoven (1770 - 1827) komponierte, als er einmal wieder krank und einsam zu Hause darnieder lag. Das Lebensschicksal Beethovens war ein schweres. Und doch konnten die Ursachen seiner Taubheit und seines Todes bis heute nicht schlüssig geklärt werden.

Dieser Kanon war - nach dem Musikhistoriker Nottebohm - an den Abt Maximilian Stadtler (1748-1833) gerichtet. Zu Deutsch lauten die italienischen Phrasen in ihm: "Herr Abate! Ich bin erkrankt! Heiliger Vater! Kommt und gebt mir den Segen! Hol' Sie der Teufel, wenn Sie nicht kommen ..." (Klassika.Info) Deftige Worte gegenüber einem Abt!

Hier ist die bloße Melodie dieses Kanons anzuhören. (Nicht so erfreulich mutet einem das Klangbeispiel an, das man auf der Netzseite des Beethoven-Hauses in Bonn angeboten findet - Professionalisierung kann auch den schönsten Kanon in einer Weise korrumpieren, wie es sich kaum vorstellen läßt. Wenn diesen Kanon meine Schwestern singen, klingt er jedenfalls 1000 mal schöner.)


Wie betroffen aber wird man künftig diesen Kanon singen, wenn man sich klar macht, daß Beethoven mit 57 Jahren an wiederholten schweren Überdosierungen von Blei während seines letzten Lebensjahres gestorben ist. Die zeitliche Abfolge dieser Überdosierungen hat man neuerdings anhand von drei ganz unterschiedlich auf die Jetztzeit überkommenen Beethoven-Locken genau bestimmen können. Zugleich wird dieses Muster von Blei-Überdosierungen, wie es sich in den Locken Beethovens findet, künftig zur Identifizierung weiterer Beethoven-Locken dienen können (Spiegel):
... Nun hat der Gerichtsmediziner Christian Reiter von der Universität Wien die Blei-Theorie um eine neue Wendung ergänzt. Der Musiker sei vor seinem Tod wiederholt extremen Bleibelastungen ausgesetzt gewesen, schreibt der Forscher im Mitteilungsblatt der Wiener Beethoven-Gesellschaft. Schuld daran war wohl sein Arzt Andreas Wawruch: Er behandelte den schwer erkrankten Komponisten in den letzten Monaten vor seinem Tod mit einer Art bleihaltiger Seife. Anstatt Beethoven zu helfen, beschleunigte er auf diese Weise dessen Tod.
Allerdings bleibt die Frage zurück, ob nicht die Behandlung mit bleihaltiger Seife auch bei anderen Patienten in der damaligen Zeit zu ähnlichen Folgen hätte führen müssen, und ob das dann die behandelnden Ärzte nicht irgendwann hätten merken müssen. Auch sollte eine Hypothese, die der "Zusatzhypothesen" bedarf, eher als unplausibel eingeschätzt werden. So werden die festgestellten hohen Bleikonzentrationen kurz vor dem Tod Beethovens mit der angeblichen Behandlung mit bleihaltigen Seifen erklärt, die Bleikonzentrationen, die aber schon in den Haarabschnitten festgestellt werden können, die ein Jahr vor seinem Tod wuchsen, werden mit dem angeblichen Trinken von bleihaltigem Wein erklärt. Da drängt sich der Eindruck auf, daß man hier noch nicht die endgültige Erklärung gefunden hat.
Der Forscher verdampfte Beethovens Haare mit einem Laserstrahl scheibchenweise und maß mit einem Massenspektrografen die Bleikonzentration in dem dabei entstehenden Rauch. Dabei fand er keine gleichmäßige Verteilung von Blei im gesamten Haar, sondern phasenweise extreme Anstiege der Bleikonzentration. Reiter standen für seine Untersuchungen zwei Haare zur Verfügung: eines war 4,0 und das andere 9,3 Zentimeter lang. Die Haare dokumentierten etwa die letzten 120 beziehungsweise 267 Tage im Leben Beethovens, so der Forscher. (...)
Um die These Reiters zu untermauern, müsse man noch mehr Haare Beethovens zum Vergleich heranziehen, auch aus jüngeren Jahren.

Zumindest mit einem Haar hat dies Reiter bereits getan. Die Beethoven-Gedenkstätte in Wien-Jedlesee bewahrt eine Locke auf, die angeblich ebenfalls von dem Komponisten stammen soll. Davon untersuchte der Gerichtsmediziner ein 15 Zentimeter langes Haar, was die Möglichkeit bot, sogar die letzten vierzehn Monate im Leben Beethovens zu analysieren.

Die Ergebnisse stimmten mit den Daten der beiden zuerst untersuchten Haare überein, schreibt Reiter. In den letzten 111 Tagen vor dem Tod stellte er auch hier exzessive Bleibelastungen fest, in den rund 90 Tagen davor gab es hingegen keine Kontamination. Die Echtheit dieser Beethoven-Locke sei damit bestätigt worden.

Durch die "außergewöhnliche Länge" dieses Haares konnte Reiter auch den Zeitraum zwischen dem 200. und dem 360. Tag vor Beethovens Tod untersuchen. "In diesem Abschnitt gab es immer wieder einzelne bemerkenswerte Blei-Peaks", schreibt Reiter. Für die Zeit davor bis 425 Tagen vor seinem Tod war dagegen keinerlei Bleibelastung festzustellen.
Und diese ältere Kontaminierung erklärt er dann eben mit dem Weintrinken, da er damals noch nicht mit (angeblich!, vermutlich!) bleihaltigen Seifen behandelt worden ist. Im Original-Artikel (Mitteilungsblatt der Wiener Beethoven-Gesellschaft) heißt es:
Im Jahr 1802, also fünfundzwanzig Jahre vor seinem Tod, äußerte der wegen seiner sich ankündigenden völligen Ertaubung verzweifelte Beethoven im sogenannten "Heiligensätdter Testament" den Wunsch, dass die Nachwelt die Ursache seiner Taubheit erforschen möge. (...)

In Beethovens Haar konnte zwar keine auffällige Quecksilberkonzentration festgestellt werden, aber im Mittel etwa achtzig Mal mehr Blei, als bei rezenten Menschen. (...)
Durch die aussergewöhnliche Länge dieses Haares (- aus einer dritten Locke, I.B.) konnte auch der Zeitraum zwischen dem 200. und dem 360. Tag vor Beethovens Tod untersucht werden. In diesem Abschnitt gab es immer wieder einzelne bemerkenswerte Blei-Peaks. Für die Zeit davor (bis 425 Tagen vor seinem Tod) war dagegen keinerlei Bleibelastung festzustellen.
Ob also die durch Professor Reiter angebotene Erklärung durch die Behandlung mit bleihaltiger Seife und das Trinken bleihaltigen Weines schon die letzte Erklärung bleiben wird? Sollte bei einer 80-fach erhöhte Dosis nicht auch anderen Hypothesen nachgegangen werden? Ist es wirklich plausibel, dieselbe durch solche eher "zufälligen" Ereignisse schlüssig erklären zu können? Ist es nicht viel naheliegender, zunächst auch der Hypothese nachzugehen, Beethoven wären diese Blei-Dosen bewußt zugefügt worden?

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