Sonntag, 14. April 2019

10.000 Jahre lang lebte ein großes Volk in Europa

Das Volk der west- und mitteleuropäischen mesolithischen Fischer, Jäger und Sammler (12.000 bis 2.000 v. Ztr.)

Der genetischen Geschichte der europäischen Völker vor dem Übergang zum Ackerbau hat hier auf dem Blog in den letzten Monaten und Jahren nicht mehr jene Aufmerksamkeit bekommen, die sie eigentlich verdient. Womöglich sollte man einmal das Neandertaler-Museum in Mettmann besuchen. Denn bei der sonst nicht so erfolgreichen Bildersuche zu dem vorliegenden Blogartikel finde ich etwa die - wie ich finde - aufregende Abbildung 1.


Abb. 1: Rekonstruktion eines frühen europäischen Homo sapiens, 40.000 Jahre alt, nach den Funden des Jahres 2002 aus der Höhle Peștera cu Oase (Rumänien), ausgestellt im Neanderthal Museum, Mettmann. Herkunft: Pressebilder Neanderthal Museum, Mettmann, https://www.neanderthal.de/de/urmenschen.html, Fotograf: Daniela Hitzeman (Wiki)

Man darf die negroiden Merkmale als nicht unwahrscheinlich ansehen, waren doch die ersten Auswanderer aus Afrika Richtung Australien eben Negrito (Wiki).

Waren die ersten Europäer Negrito's?


Von der Hautfarbe ähnliche Abbildungen wie Abb. 1 findet man ja auch, wenn man Bildersuche nach dem "Cheddar Man" macht, also nach einem typischen westeuropäischen Jäger und Sammler aus der Zeit vor dem übergang zum Ackerbau (Mesolithikum). Und diese Abbildungen haben ja insbesondere in England hohe Wellen geschlagen. Aber dies ganz unnötigerweise wie man finden kann.

Die Menschen, die die europäischen Höhlenmalereien der Eiszeit hervorgebracht haben, die Rentier-Jäger, die Jäger der Höhlenbären, ja, auch noch die letzten Fischer, Jäger und Sammler, die sich nach der lückenlosen Wiederbewaldung Europas nach der Eiszeit vor allem an die Fluß-, See- und Meeresufer zurück gezogen hatten, waren uns vom äußeren Erscheinungsbild her - alle Ancient-DNA-Daten sagen da offensichtlich dasselbe - noch sehr unähnlich.

Es waren andere Völker, ja, andere Rassen als wir selbst. Aber deshalb nicht weniger spannend, ja, ich finde es geradezu unheimlich und aufregend, daß in unserer eigenen, Jahrtausende langen Heimat einstmals so ganz andere, fremde Völker gelebt haben. Diesen Umstand darf man sehr wohl sehr lange auf sich wirken lassen. Evolution ist aufregend, wohin wir schauen. Und man wird dabei immer wieder an den Roman "Rulaman" erinnert.

Es mußte sich genetisch also noch sehr viel ändern, damit das heutige äußere Erscheinungsbild und die angeborene Psychologie der Europäer, insbesondere der Nordeuropäer entstand. In den nächsten Jahren wird das von Seiten der Archäogenetik sicher noch in besseren Überblicksartikeln dargestellt werden als man das derzeit irgendwo finden kann.

Nur einen Tag nach Veröffentlichung dieses Artikels erschien schon wieder eine neue Studie über die genetisch klar westeuropäischen Jäger und Sammler auf den britischen Inseln (9):
We infer that Cheddar Man mostly probably had blue/green eyes, dark brown (possibly black)  hair  and  dark  or  dark  to  black  skin,  whereas  our  highest- coverage Early Neolithic individual had brown eyes, black (possibly dark brown) hair and dark to intermediate skin.
Der vorliegende Artikel war geschrieben worden, als entdeckt wurde (1), daß die Genetik der ausgestorbenen, letzten west- und mitteleuropäischen dunkelhäutigen, aber blauäugigen Jäger und Sammler, des sogenannten "Villabruna-Cluster's", die sich auch auf den britischen Inseln fand, auf den kanarischen Inseln offenbar noch bis ins 19. Jahrhundert unserer Zeitrechnung fortbestanden hat (und sich dort schon vor Jahrhunderten vor allem mit der Genetik nordafrikanischer Zuwanderer vermischt hat), während diese Genetik in Mittel- und Nordeuropa an den genannten Ufern der Gewässer (zum Schluß an der östlichen Ostsee) nur bis zum Mittelneolithikum fortbestanden hat (1):
"Die vorkolonialen Guanchen der Kanarischen Inseln hatten einige genetische Verwandtschaft mit europäischen Jäger-Sammlern zusätzlich zu ihrer vorwiegend nordafrikanischen genetischen Herkunft."
"... The pre-colonial Guanche inhabitants of the Canary Islands had some European hunter-gatherer affinity in addition to their mainly North African origin."
Nun gut, die Studie, auf die sich hier bezogen wird, hat die DNA von 12 Skeletten der Guanchen des 19. Jahrhunderts sequenziert und fand (2):
"Wir stellen außerdem fest, daß ein von uns sequenziertes Guanchen-Skelett einen größeren Anteil von Jäger-Sammler-ähnlicher genetischer Herkunft aufweist als die anderen Individuen, was womöglich auf einen geringen europäischen genetischen Zufluß hinweisen könnte in der Zeit vor der europäischen Kolonisierung."
"We also note that one Guanche individual (gun005) carried a greater proportion of hunter-gatherer (HG)-like ancestry than the other individuals, possibly suggesting low-level gene flow from a European source that predates the European conquest."
Die heutigen Einwohner von Gran Canaria tragen übrigens immer noch 15 bis 30 % der vorkolonialen Genetik in sich (3).

Auch auf die Ethnogenese der anatolisch-neolithischen Bauernvölker sollen die mesolithischen Villabruna-Leute einen gewissen genetischen Einfluß ausgeübt haben (1). Deshalb darf man sie weiterhin sehr spannend finden und ihre weitere Erforschung gerne im Auge behalten. Der genetische Anteil, den wir heutigen, modernen Europäer noch von ihnen in uns tragen, dürfte größer sein als jener genetische Neandertaler-Anteil, den jeder von uns heute schon bei 23andme und andwärts mitgeteilt bekommt, wenn er sich seine Gene sequenzieren läßt. Insofern leben sie durchaus "in uns" weiter.

Auf Wikipedia ist dieses großartige europäische Volk, das in Europa 10.000 bis 15.000 Jahre lang lebte, noch nicht sehr rund und eingängig dargestellt (4-7). Über ihre Nachbarn, die osteuropäischen Jäger und Sammler, erfahren wir (1):
"Die osteuropäischen Jäger und Sammler, eine Population, die eine Mischung darstellt aus westeuropäischen Jägern und Sammlern und Menschen mit sibirischer Herkunft des Oberen Paläolithikums (verwandt mit dem Funden von Mal'ta und Afontova Gora vom Baikalsee, die in der Zeit vor 24.000 bis 17.000 Jahren lebten), sind im europäischen Rußland vor 8.000 Jahren nachgewiesen. Dieses Volk trug zur Herkunft der Jäger und Sammler in Schweden vor 8.000 bis 5.000 Jahren bei, sowie in Norwegen, auf dem Balkan, in der Ukraine und an der Ostsee."
"Eastern European hunter-gatherers (EHG), a population of mixed WHG and Upper Paleolithic Siberian ancestry (related to the Mal’ta and Afontova Gora specimens from Lake Baikal (∼24–17 kya) are attested in European Russia ∼8 kya. This group contributed ancestry to hunter-gatherers in Sweden ∼8–5 kya, Norway, the Balkans and Ukraine, and the Baltic."
In früheren Blogartikeln referierten wir schon, daß die hier angeführten großen Jäger-, Sammler- und Fischer-Völker des europäischen Mesolithikums sich untereinander genetisch so stark voneinander unterschieden wie wir heutigen Europäer uns von den Ostasiaten unterscheiden.

Übrigens stellte einen wesentlichen Lebensraum der west- und mitteleuropäischen Jäger und Sammler auch das "Doggerland" dar, das heute untergegangene Land zwischen Deutschland und England (8) (Wiki), in dem die Themse noch in den Rhein mündete, sowie Ems und Weser in die Elbe, in dem die Felsen von Helgoland ähnlich prägnant aus der Landschaft heraus ragten wie heute noch die Externsteine im Teutoburger Wald.
________________________________
  1. The evolutionary history of human populations in Europe. By Iosif Lazaridis, Current Opinion in Genetics & Development, Volume 53, December 2018, Pages 21-27 https://doi.org/10.1016/j.gde.2018.06.007, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0959437X18300583 (dankenswerter Weise frei zugänglich)
  2. Current Biology 2017, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982217312575
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Guanchen
  4. https://en.wikipedia.org/wiki/European_early_modern_humans
  5. https://en.wikipedia.org/wiki/Genetic_history_of_Europe
  6. https://en.wikipedia.org/wiki/Portal:Mesolithic
  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Cheddar_Man  
  8. Filser, Huberg: Der erste Brexit. In: Die Zeit, 5. April 2019, https://www.sueddeutsche.de/wissen/doggerland-archaeologie-1.4397840
  9. Selina Brace, Yoan Diekmann, Thomas J. Booth (...) Chris Stringer, David Reich, Mark G. Thomas & Ian Barnes: Ancient genomes indicate population replacement in Early Neolithic Britain. In: Nature Ecology & Evolution, April 2019, DOI: 10.1038/s41559-019-0871-9, https://www.researchgate.net/publication/332430722_Ancient_genomes_indicate_population_replacement_in_Early_Neolithic_Britain

1 Kommentar:

Ingo Bading hat gesagt…

Privat erhalte ich dazu eine Zuschrift:

"Dr. Spindler, der erste, der Ötzi untersuchte an der Uni Innsbruck (er ist inzwischen gestorben), betonte in einem Vortrag, daß Ötzi blaue Augen hatte, welche dann aber (durchs Austrocknen ?) braun wurden und Ötzi nun offiziell braune Augen hatte. Braun = mehr Pigment."

Meine Antwort dazu:

Ich nehme an, daß der Vortrag von Dr. Spindler schon vor 2012 stattgefunden hat? 2012 ist das gesamte Genom von Ötzi sequenziert worden und es wird - aufgrund dessen - seitdem gesagt, daß er braune Augen hatte (1). Außerdem weiß man seit dem, was auf Wikipedia steht, und was die Forschung - und auch ich selbst - erst seit 2015 richtig einordnen kann (3):

"By autosomal DNA, Ötzi is most closely related to southern Europeans, especially to geographically isolated populations like Corsicans and Sardinians."

Zur Zeit vom Ötzi lebten zwar im östlichen Ostseeraum noch die in diesem Blogartikel behandelte Völkergruppe der europäischen Jäger, Sammler und Fischer. In Mitteleuropa lebten aber - abgesehen von Rückzugsräumen - schon seit 5.700 v. Ztr. Völker der heute ebenfalls ausgestorbenen anatolisch-neolithischen Völkergruppe. Diese hatten sich ursprünglich als Bandkeramiker vom Plattensee aus über ganz Deutschland verbreitet und haben den Wald gerodet. Und zu dieser Völkergruppe gehörte ganz offensichtlich auch der Ötzi. Die nächsten Verwandten der ausgestorbenen früh- und mittenneolithischen europäischen Bauernvölker (die übrigens den Ackerbau auch nach Skandinavien gebracht haben!!) leben heute auf Sardinien so wie auch in dem eben gebrachten Zitat genannt.

Die Jäger und Sammler Europas und die ersten Bauern Europas waren sich genetisch so unterschiedlich wie wir uns heute von den Ostasiaten unterscheiden. Aber die früh- und mittelneolithischen Bauern hatten anfangs 7 Prozent, später (in Skandinavien) bis zu 20 % Gene der einheimischen Jäger und Sammler in sich aufgenommen.

Diese wurden dann alle von den Indogermanen überlagert, die die mittelneolithischen Bauernvölker in Nordeuropa genetisch zu 70 % ersetzt haben, während sich etwa 30 % der mittelneolithischen Genetik bis heute in uns gehalten hat.

______________________________________

1. https://www.mirror.co.uk/news/world-news/new-dna-profile-reveals-clues-746637
2. https://www.nytimes.com/2012/03/06/science/iceman-had-brown-eyes-and-hair-and-was-lactose-intolerant.html
3. https://en.wikipedia.org/wiki/%C3%96tzi#Genetic_analysis

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