Montag, 8. Januar 2018

Lebenslange Hingabe an einen einzigen andersgeschlechtlichen Artgenossen - Voraussetzung für Hauptschritte der Evolution

"Lifetime Commitment", bzw. Monogamie in ihrer Bedeutung für die Evolution sozialer und kognitiver Komplexität 


Eine Tour d'horizon zur Monogamie-
These von Jacobus Boomsma (2007)

Seit 1995 spricht die Evolutionsforschung von den "großen Übergängen" in der Evolution, von den "Major Transitions", den "Hauptschritten" der Evolution. Zu diesen werden gezählt (unter anderem) (n. Wiki): 1. die Entstehung der ersten Biozelle aus komplexen Biomolekülen, 2. die Entstehung von Einzellern mit Zellkern aus Einzellern ohne Zellkern (Eukaryoten aus Prokaryoten), 3. die Entstehung der Geschlechtlichkeit zwischen Einzellern, 4. die Entstehung von Mehrzellern aus Einzellern, 5. die Entstehung von Tierkolonien mit kinderlosen Helfer-Tieren ("Eusozialität", Insektenstaaten) und 6. die Entstehung menschlicher Gesellschaften aus Primaten-Gruppen.

Seit 2007 gab es nun eine Entwicklung in der Wissenschaft, die in der Öffentlichkeit noch kaum wahrgenommen worden ist, ja, kaum über engere Fachgrenzen hinaus kommuniziert worden ist. Es wurde eine einheitliche Theorie für mindestens zwei der beiden letzten Hauptschritte der Evolution formuliert (1). Es handelt sich um eine Theorie, deren Bezug zu menschlichem, gesellschaftlichen Leben sofort ins Auge fällt, ja zu Lebensentscheidungen jedes einzelnen Menschen: die Monogamie-These (Wiki). Sie wurde aufgestellt von dem niederländischen Soziobiologen und Insektenforscher Jacobus Jan "Koos" Boomsma (geb. 1951) (WikiAnt-Wiki, Google Scholar). (Sein für deutsche Ohren ungewöhnlich klingender Nachname wird auf den friesischen Kulturraum zurückgehen.) Boomsma formulierte seine Monogamie-These zunächst für den eben genannten Hauptschritt 5 2007 (1) und zusätzlich für den Hauptschritt 4 2009 (2-5).




In der Forschung wird nicht ausgeschlossen, daß ein so grundlegendes Prinzip wie genetische Einheitlichkeit der Nachkommen aufgrund von lebenslanger monogamer Hingabe an einen einzigen andersgeschlechtlichen Artgenossen auf Seiten des Elternpaares auch noch auf weitere der genannten Hauptschritte der Evolution Anwendung finden kann (6-10). So wird etwa formuliert (6; eigene Übersetzung):
Die Komplexitäts-Zunahme von einfachen sich vervielfältigenden Molekülen zu komplexen Tier-Gesellschaften beinhaltet etwa acht große Hauptschritte in der Evolution. Fast alle diese Hauptschritte erforderten eine Lösung des Problems der Kooperation, die es unabhängigen, sich vervielfältigenden Einheiten erlaubt, sich als eine Gruppe kooperativ zu vermehren.
So könnte womöglich der genannte Hauptschritt 1 beschrieben werden als lebenslange Hingabe einer bestimmten Kombination von Biomolekülen an eine sie umgebende selektiv permeable Zellmembran. Der genannte Hauptschritt 2 kann beschrieben werden als lebenslange Hingabe eines Zellkerns an eine ihn umgebende Zelle (Endosymbiose [Wiki]). Im genannten Hauptschritt 3 bilden sich dann die Grundgesetze der lebenslangen ausschließlichen Hingabe eines Individuums an ein anderes - im Spannungsverhältnis zu anderen Optionen der Lebensgestaltung - heraus. Diese anderen Optionen stellen verschiedene Lebensweisen nicht lebenslänglich-ausschließlicher Hingabe an nur einen einzigen andersgeschlechtlichen Artgenossen dar. Indem solche Optionen in der Evolution eingeführt wurden, entstanden offensichtlich neue Freiheitsgrade in der Lebensgestaltung, die bis heute vorhanden geblieben sind in der Evolution, und auf die jeweils erneut reagiert werden mußte, wenn trotz dieser Freiheitsgrade evolutiver Fortschritt erreicht werden sollte.

Auch von weiteren großen Schritten der Evolution, die bislang nicht explizit unter die hier aufgeführten Hauptschritte gezählt werden, fand man 2007 und später, daß sie in einem diese fördernden Zusammenspiel mit dem Prinzip Monogamie stehen (6-10). Alle diese Erkenntnisse kommen auffallenderweise durch Artenvergleich über weite Strecken des Stammbaums des Lebens hinweg zustande. Diese waren so in früheren Jahrzehnten nicht möglich, da Voraussetzung dafür erst der rein quantitative Fortschritt in der empirischen Forschung war, also schlicht das quantitative Anwachsen des Wissens über die Arten und die verwandtschaftlichen Beziehungen zueinander. Es kann hier vermutlich gesprochen werden von einem "Umschlag von Quantität" (des Wissens) "in Qualität", und zwar in Form einer neuen zusammenfassenden Theorie: der Monogamie-These.

Aufgezeigt wurde dieses Zusammenspiel bislang vor allem für die Übergänge zu sozialer Komplexität bei Vögeln (6), Säugetieren (7), bzw. Mehrzellern allgemein (der genannte Hauptschritt 4) (8), bzw. für Übergänge zu kognitiver Komplexität bei Vögeln und Säugetieren (9, 10). (Siehe auch hinführende deutschsprachige Aufsätze darüber: [11, 12].) Angesichts der großen Erklärungskraft des Prinzips Monogamie für so viele Hauptschritte und auch weniger große Schritte der Evolution ist natürlich klar, daß sich zunehmend mehr Forscher beginnen zu fragen, einerseits in welchem Verhältnis das Prinzip Monogamie zu anderen bedingenden Faktoren steht (13-15), sowie ob und wie dieses Prinzip auch für den letzten Hauptschritt der Evolution, für die Evolution des Menschen irgend eine Rolle gespielt haben könnte oder spielen würde. Und wenn ja, wie (z.B.: 16, 17).

Es ist geplant, darauf in weiteren Blogbeiträgen noch ausführlicher zurück zu kommen. (Bei dem vorliegenden Blogbeitrag kann es sich nur um einen einleitenden, hinführenden handeln, was schon anhand der Fülle der hier zu behandelten Literatur deutlich werden dürfte, wobei nur einige der wichtigsten Arbeiten genannt worden sind [1-17].)

Zunächst sei zu der zuletzt aufgeworfenen Problematik (Monogamie und Humanevolution) nur angedeutet, daß es ja außer Frage steht, daß das Lebensprinzip Monogamie in menschlichen Großgesellschaften der letzten Jahrtausende - insbesondere auf der Nordhalbkugel - eine wesentliche Rolle gespielt hat und daß es dort auch vielfältige religiöse und philosophische Deutungen, bzw. Bedeutungsaufladungen erfahren hat. Man könnte hier an vieles erinnern. Nicht zuletzt an die große kulturelle Bedeutung, die der Jungfräulichkeit in vielen menschlichen Kulturen zugesprochen wird. Man könnte daran erinnern, daß im indogermanischen Sprachraum Eheschließung als "hohe Zeit" - Hochzeit - bezeichnet wird. Man könnte sich als Mann daran erinnern, wie man immer wieder vor dem Rätsel steht, warum für Mädchen und Frauen ausgerechnet weiße Brautkleider eine so große Bedeutung haben, sowie noch so vieles andere, was sich um solche kulturellen Erscheinungen herum gruppiert.

Man könnte auch erinnern an die religiösen Vorstellungen der "Heiligen Hochzeit" (Wiki), bzw. der "Mystischen Hochzeit" (Wiki). Diese hatten beide offensichtlich nicht nur im christlich-jüdischen Kulturraum und der ihm zugehörigen Weltepoche Bedeutung, sondern sind vielmehr von der letzteren Weltepoche vermutlich nur aufgegriffen und weiter geführt worden, da ältere kulturelle Wurzeln aus vorhergehenden Weltepochen ja dafür aufzeigbar sind.

Hauptschritte der Evolution


Doch zunächst zurück zur Evolutionsforschung auf wesentlich grundlegenderer Ebene. Zunächst - 2007 - war die Monogamie-These von Jacobus Boomsma in Widerspruch zum damals ganz neuen und überraschenden, zum Teil öffentlichkeitswirksamen Vertreten der Gruppenselektions-Theorie von Edward O. Wilson formuliert worden. Boomsma's Monogamie-These hatte deshalb im großen "Krieg der Soziobiologie" der letzten zehn Jahre Bedeutung, womöglich sogar die zentrale, wenn genauer hingeschaut wird. Es hätte also schon längst Grund geben können, daß sich derselben viel weitere Kreise der Wissenschaft und der an Wissenschaft interessierten Öffentlichkeit zuwenden würden als bislang geschehen. Da das so mit so merkwürdiger Verzögerung zu geschehen scheint, empfinden wir es um so dringlicher, endlich wenigstens hier auf dem Blog die gründlichere Auseinandersetzung zu suchen.

Es war der Krieg zwischen den Anhängern der Gruppenselektions-Theorie rund um den bekannten "Grand Old Man" der Evolutionsbiologie, Edward O. Wilson, auf der einen Seite und den Anhängern der Verwandtenselektions-Theorie rund um - der Sache nach - Jacobus Jan Boomsma auf der anderen Seite. Dieser Krieg ist für den, der sich in die Forschungsliteratur einwühlt (und das haben wir inzwischen endlich getan [1-17]), im Grunde längst entschieden. Mag der alte Edward O. Wilson noch so brillant und kenntnisreich seine neue Theorie verteidigen (13): Hier scheint er auf seine alten Tage doch einmal eklatanter falsch gelegen zu haben und auf den Holzweg geraten zu sein. Auch das kann geschehen. (Daß das Urteil einiger Fachkollegen dazu allzu vernichtend ausgefallen ist, zum Beispiel dasjenige von Richard Dawkins, sei hier nur im Vorübergehen erwähnt.) Aber ob es nun noch einmal einen öffentlichen und offiziellen Friedenschluß geben wird zwischen beiden Kriegsparteien? Wann hätte es einen solchen je gegeben in der Wissenschaftsgeschichte? All diese Fragen sind im Grunde ganz zweitrangig, seit Edward O. Wilson "höchstpersönlich" - bislang offenbar kaum beachtet - längst eine zumindest halbherzige Friedenserklärung abgegeben hat. Und zwar schon 2014, vor drei Jahren (13). Da war nämlich aus seiner Feder zu lesen, daß es sich bei der Monogamie-These von Jacobus Boomsma längst schon nicht mehr nur um eine "These" handeln würde. Vielmehr sei von einem "Monogamie-Prinzip" zu sprechen (13).

Das war ohne Frage der Ritterschlag für Boomsma's Theorie. Wenn sie eines solchen von einem "Abweichler" noch bedurft hätte, der zwischenzeitlich auf den Holzweg geraten war und bis heute nicht so recht eingestehen will, daß er dorthin geraten war. Wilson hätte der von ihm vorgeschlagenen Begriffsveränderung (von "These" zu "Prinzip") mehr Wert verliehen, wenn er nicht nur diese Begriffsänderung vorgeschlagen hätte, sondern auch das Denken, das mit diesem Begriff verbunden ist, breiter erörtern, weiterführen und popularisieren würde. Leider hat auch er das bislang unseres Wissens nicht getan. Und da es ein Wilson nicht tut, glauben auch so viele andere es offenbar nicht tun zu müssen.

Zur Einführung - Zwei Video's


Man kann sich in die Forschungsliteratur einwühlen (1-17). Aber zunächst bietet sich sicherlich als einfachster Zugang zu dem neuen Denken von Boomsma - zumindest für alle des Englischen mächtige Leser - ein Vortrag desselben im Internet an aus dem Mai 2016 (18). Dieser Vortrag wurde, wenn man es recht versteht, im Fachbereich Evolutionäre Medizin an der Staatsuniversität von Arizona in Phönix, Arizona gehalten. Mit Hilfe dieses Vortrages kann man sich einen sehr unmittelbaren Eindruck verschaffen über das, was hier wohl so einigermaßen vorliegt, nämlich durchaus ein neues Denken, das zwar nur das traditionelle Denken von William D. Hamilton zu Ende denkt, das man aber wohl doch - aufgrund der Breite seiner empirischen Basis inzwischen - als einen Paradigmenwechsel im soziobiologischen Denken und vor allem auch der künftigen Wahrnehmung desselben wird bezeichnen müssen.

In diesem Vortrag wird deutlich, wie betont sachlich, aber zugleich stringent und konsequent der Soziobiologe Boomsma über das "lifetime commitment", also über die lebenslange, ausschließliche Hingabe, bzw. Selbstverpflichtung jener monogamen Lebensform denkt, die nach seiner Theorie und nach dem derzeitigen Stand der empirischen Forschung die "großen Übergänge" in der Evolution ("major transitions") ermöglicht hat, nämlich:
  1. von fakultativer zu nicht mehr zu ändernder (irreversibler, "obligatorischer") Mehrzelligkeit, 
  2. zu lebenslang sterilen, morphologisch unterschiedlichen Kasten bei sozialen Insekten,
  3. zu komplexeren, sozialen Gruppen bei Vögeln und 
  4. zu komplexeren sozialen Gruppen bei Säugetieren.
Der ursprüngliche Ausgangspunkt und Maßstab für Boomsma sind ohne Frage die von ihm mit viel Recht mit großem Respekt betrachteten und untersuchten sozialen Insekten. Denn bei ihnen ist dieses "lifetime commitment", ist diese lebenslange monogame Hingabe und Selbstverpflichtung vielleicht am eindrucksvollsten ausgebildet. Übrigens werden die Grundgedanken von Boomsma auch noch einmal in einem kürzeren Video erklärt (19). Es handelt sich um ein Video, in dem Boomsma auch selbst kurz wertvolle Ausführungen zu seinen Grundgedanken machen kann, und in dem seine Theorie - allerdings für nichtdeutsche Hörer sicherlich in etwas zu schnellem Sprachduktus - von einer begeisterten, jungen Studentin erklärt wird.



Warum aber waren gerade die sozialen Insekten der Ausgangspunkt für die Monogamie-These? Einerseits waren sie es, die Edward O. Wilson 2005 veranlaßt hatten, einen Paradigmenwechsel in Bezug auch auf die Erklärung menschlicher Gesellschaften anzukündigen, nämlich in Richtung auf die grundlegende Theorie der Gruppenselektion (20). Aber mehr noch: Soziale Insekten sind dem Menschen was das Beeindruckende der von Boomsma heraus gestellten lebenslangen Hingabe und Selbstverpflichtung betrifft, am zugänglichsten. Denn als einzelne Individuen innerhalb einer großen Kolonie, einem Staat stehen sie der menschlichen Lebensweise näher als - etwa - der obligat mehrzellige Organismus dies tut. (Obwohl man ja auch da schon früher viele Vergleiche angestellt hatte, Analogien versucht hatte aufzuzeigen. Da wird dann Krebs etwa als egoistisches Verhalten der Krebszellen beschrieben in einer sich ansonsten perfekt altruistisch verhaltenden arbeitsteiligen "Gesellschaft", nämlich unserem mehrzelligen Körper.)

Aber die Zugänglichkeit für das Verständnis gilt auch nach einer anderer Richtung. Die sozialen Insekten leben das von Boomsma in den Vordergrund gestellte Prinzip lebenslanger Hingabe und Selbstverpflichtung stringenter und konsequenter noch als Vögel oder Säugetiere. Und dies tun insbesondere - so lernt man bei Boomsma (siehe zweites Video): die Termiten. Schon bei den anderen sozialen Insekten findet sich wieder - nach Boomsma - eine Art "Degenerationserscheinung" wieder. Denn dort wurde die Rolle der Männchen in hier vorliegenden lebenslang monogamen Lebensformen auf die Erscheinung von "Samenbank" auf sich fortpflanzenden Königinnen reduziert (!). (Samenbanken übrigens, so Boomsma, von einer technischen Brillanz, die menschlicher Erfindergeist noch lange nicht erreicht hat.)

Ganz am Ende seines Vortrages im ersten Video (18) gibt Boomsma aber dann auch den Grund an, warum Menschen in der Inkonsequenz des Lebens von lebenslanger Selbstverpflichtung und Hingabe eher Vögeln und Säugetieren nahe stehen als den sozialen Insekten. Da spricht er nämlich von "menschlichen Selbstverpflichtungs-Analogien" ("human commitment analogies") auf der persönlichen Handlungsebene ebenso wie auf der Handlungsebene von Vergemeinschaftungen. Beide Handlungsebenen gibt es ja so interessanterweise auch bei den sozialen Insekten. Boomsma spricht von Verträgen zwischen Ehepartnern, Firmen und Staaten und davon, daß diese alle auch "Kündigungs-Optionen" mit einschließen (18, 53'10):
Mögliche Konflikte bleiben immer bestehen. Deshalb haben wir Menschen die Kündigungs-Klauseln. Und weil wir Menschen und zivilisierte Nationen sind, sollten individuelle Rechte und persönliche Freiheiten jederzeit Schutz genießen und aufrecht erhalten bleiben. Das ist auch der Grund, weshalb wir uns all das (zuvor Gesagte) vor Augen geführt haben (warum wir es erforschen): In einer Ameisen- oder Termiten-Kolonie gibt es keine individuellen Rechte. Noch gibt es solche für die Zellen meines (mehrzelligen) Körpers. Das ist ein zentraler Unterschied, der uns Menschen von allem anderen (was den Namen Leben trägt) unterscheidet. 
Diese Worte kann man gerne auch wie eine Binsenwahrheit auffassen. Was Boomsma hier aber als Forderung formuliert, ist natürlich als eines der vielen großen Wunder der Evolution noch so gut wie gar nicht verstanden worden, geschweige denn auch nur in Augenschein genommen worden. Denn es ist ja noch in gar keiner Weise geklärt, wie der Mensch, bzw. die Humanevolution hoch komplexe, arbeitsteilige Gesellschaften haben ausbilden können - übrigens über viele Jahrhunderte und Jahrtausende stabil -, deren Komplexität denen mehrzelliger Organismen oder sozialer Insekten-Staaten nicht nachstehen und wie es uns als Menschen dennoch überhaupt nur möglich ist zu sagen oder zu fordern:
Individuelle Rechte und persönliche Freiheiten sollten jederzeit Schutz genießen.
Warum sind wir denn keine Ameisen oder Termiten? Und warum wollen wir uns auch nicht so behandeln lassen? Es ist ja sofort erkennbar: Es ist dies ein Kernbestandteil der Würde des Menschen, des Menschlichen an sich. Und es ist ja auch klar, gegen "wen" die hier genannte Forderung gerichtet ist. Gegen Totalitarismen aller Art (seien es nun eheliche, religiöse oder gesellschaftliche - und natürlich nicht nur gegen die äußerlich gut bekannten Totalitarismen, sondern natürlich mehr noch gegen die subtilen bis sehr subtilen, die an der Untergrabung unserer Freiheit und sogar unserer gesellschaftlichen Existenz arbeiten). Aber vor dem Hintergrund der Evolution ist es ja doch als großes Wunder zu bezeichnen, daß diese Forderung aufgestellt werden kann, obwohl bei obligater Mehrzelligkeit und bei den Insektenstaaten diese individuellen Rechte und persönlichen Freiheiten eben den einzelnen nicht gewährt werden, es sei denn auf Kosten des Todes eines mehrzelligen Organismus oder eines Insektenstaates.

Wenn wir die Frage nach dem oben genannten Wunder stellen, stehen wir ohne Zweifel dicht an jener nicht nur naturwissenschaftlichen, sondern auch philosophischen Frage danach, wie in der Evolution und in der Menschengeschichte "Fortschritt im Bewußtwerden und Bewußtsein von Freiheit" möglich war und weiter sein wird. Vor diesem Fragehorizont erhält die soziobiologische Erforschung sozialen Verhaltens auf allen evolutionären Stufen erst ihre große Bedeutung. Und auf diesen Umstand zumindest andeutend hinzuweisen, scheint auch Boomsma in seinem Vortrag (18) wichtig zu sein.

Ein "Fortschritt im Bewußtwerden von Freiheit"


Vom philosophischen Standpunkt aus müssen die hier geschilderten Erkenntnisfortschritte in der Evolutionforschung überraschen. Wie kommt es, daß plötzlich Monogamie an der Wurzel allen komplex-sozialen Lebens steht? Wie kann das philosophisch zugeordnet werden? Unter sicherlich zahlreichen anderen philosophischen Entwürfen liegt dazu seit fast hundert Jahren ein evolutionär-philosophischer Entwurf vor aus der Tradition des deutschen naturwissenschaftsnahen, philosophischen Denkens am Anfang des 20. Jahrhunderts (21-25). Nach diesem Entwurf war es ein unbewußtes Drängen bei der Weltall-Entstehung und bei der Entstehung und Entwicklung von Leben hier auf der Erde, bewußtes menschliches Leben in diesem Weltall hervorzubringen, das sich in freier Wahl zur lebenslangen Bewußtseins-Einheit mit dem unbewußt Göttlichen entscheidet, das das ganze Weltall durchringt, zum lebenslangen, nicht mehr unterbrochenen Erleben dieses Göttlichen, zum Leben im Göttlichen, zum Leben in der Gottheit. Dieses Ziel menschlichen Lebens wird von diesem philosophischen Entwurf als menschliche Vollkommenheit bezeichnet und gedeutet. Da das Erleben des Göttlichen aber nur in Freiheit möglich ist, da sein Wesen Spontaneität ist, es also nicht vor allem oder allein aufgrund von Absichten, Zwang und Instinkten erlebt werden kann, mußte die Evolution einen sehr komplexen, diffizilen Weg beschreiten, um solche Form von Freiheit möglich zu machen. So wird in diesem philosophischen Entwurf - und im Einklang mit einer philosophischen Tradition, die auf Georg Friedrich Wilhelm Hegel und Friedrich Hölderlin zurück geht - Evolution und Humanevolution als Fortschritt im Bewußtwerden und Bewußtsein von Freiheit beschrieben. Die Möglichkeit der freien, bewußten Vereinigung des Menschen mit dem unbewußt Göttlichen wird als Ziel der Evolution beschrieben. Diese Sinndeutung des menschlichen Lebens ist schon von Friedrich Hölderlin vorweg genommen worden mehr als hundert Jahre zuvor. Er sagt (in "Über die Verfahrensweise des poetischen Geistes") (zit. n. 25):
Der Mensch sucht also ... seine Bestimmung zu erreichen, welche darin besteht, daß er sich als Einheit in Göttlichem ... enthalten, wie umgekehrt, das Göttliche ..., in sich, als Einheit enthalten erkenne. Denn dies ist allein in heiliger, göttlicher Empfindung möglich, ....
Und es wird zugleich gesagt, daß neben dieser lebenslangen "Wahlverschmelzung" der einzelnen Menschenseele mit dem unbewußt Göttlichen die körperlich-seelische "Wahlverschmelzung" des einzelnen Menschen mit einem einzigen, geliebten Mitmenschen in "Einehe", also in Monogamie - zugleich als Abbild und Ausdruck dieser Wahlverschmelzung mit dem Göttlichen - "Hochziel" menschlich-moralischen Wollens sein könne (21, 22).

Es wird von der Unsterblichkeitssehnsucht der sterblichen menschlichen Seele gesprochen, die in der Evolution erstmals entstanden sei, als die (nach August Weismann) potentiell unsterblichen Einzeller ihre körperliche Unsterblichkeit aufgegeben haben, um über die Mehrzelligkeit auf den langen Wegen der Evolution ein bewußtes menschliches Leben zu erreichen, das diese Aufgabe, bzw. diesen Verlust der körperlichen Unsterblichkeit überwinden kann, indem sie seelisch unsterblich wird (22). In freier Wahl.

Die Ameise und das Pfauenrad


Nach dieser Philosophie ist also das Prinzip "lebenslange Hingabe und Selbstverpflichtung", lebenslange, freie Wahl ("Wahlverschmelzung") ein sehr grundlegendes Prinzip menschlichen Lebens (21, 22). Und in diesem Sinne paßt dieses Grundprinzip menschlichen Lebens sowohl philosophisch wie rein naturiwssenschaftlich hervorragend zu der Erkenntnis von Jacobus Boomsma, daß "lebenslange Selbstverpflichtung", lebenslange freie Wahl das entscheidende Prinzip sei, das die Evolution weiterer Komplexität vom Einzeller ausgehend überhaupt erst ermöglichte. Daß dieses grundlegende Prinzip nicht nur Ziel der Evolution war, sondern diese Evolution von einem der ersten wesentlichen Schritte an zugleich überhaupt erst ermöglichte. Diese letztere Erkenntnis war auch von Seiten der Philosophie - soweit uns bekannt - bislang noch nie formuliert worden. Sie wäre also eine klare Erweiterung und Ergänzung des genannten philosophischen Entwurfs (21-25).

Als solche paßt sie erstens nahtlos zu diesem Entwurf, steht ihm also in nahtloser Widerspruchslosigkeit gegenüber. Als solche bestätigt sie zweitens diesen Entwurf in zentralen Bereichen von naturwissenschaftlicher Seite aus, von denen man bislang - sozusagen - hätte denken können, es könne sich auch mehr oder weniger um willkürliche rein philosophische Postulate handeln. Und als solche ergänzt sie drittens außerdem noch diesen philosophischen Entwurf für den philosophischen Bereich selbst in bedeutender Weise. Es können also nun anhand der naturwissenschaftlichen Forschung selbst auch zentrale Gedanken dieses philosophischen Entwurfs neu durchdacht werden. Sie können anhand der Naturgeschichte in Einzelheiten illustriert werden, erläutert werden. Damit wird das Verständnis, die Nachvollziehbarkeit und Plausibilität, ja, womöglich sogar die Einsicht in die "Denknotwendigkeit" dieser Erkenntnis erleichtert. Und ähnliches könnte auch in umgekehrter Richtung für das Verständnis des naturwissenschaftlichen Erkenntnisfortschrittes gelten.

Das Grundprinzip: "Stirb mit dem einzigen Geschlechtspartner, den du jemals in deinem Leben hattest," (2) ermöglichte den Übergang von der Einzelligkeit zur Mehrzelligkeit, von solitärer Lebensweise bei Insekten, Vögeln und Säugern - und vielleicht beim Menschen (?) - zu komplexeren Gruppen mit kinderlosen Helfern. Denn das Prinzip Monogamie bringt genetische Einheitlichkeit unter die Nachkommen des Elternpaares, was den Zusammenhalt und die gegenseitige Hilfe unter diesen Nachkommen fördert. Das Prinzip Polygamie jedoch fördert die genetische Uneinheitlichkeit unter den Nachkommen des Elternpaares, was den Zusammenhalt und die gegenseitige Hilfe unter diesen Nachkommen über die wesentlichsten Stammbaumbereiche hinweg (Mehrzeller, Insekten, Vögel, Säuger) korrumpiert. "Multikulti bringt die Evolution nicht voran", formulierten wir diesbezüglich schon 2013 (12) im Anschluß an die damals erschienene Forschungsstudie (8).

Und es ist anzunehmen, daß sich genau dieses Prinzip auch für die fortgeschrittenen, komplexen, arbeitsteiligen, menschlichen Gesellschaften bestätigen wird. Gerade der Umstand, daß offenbar fast alle nachmals großen menschlichen Völker ursprünglich aus vergleichsweise kleinen Gründerpopulationen, ja, Flaschenhalspopulationen hervorgegangen sind, die sich nach ihrer Entstehung, Ethnogenese nicht mehr weiter mit anderen  Völkern vermischten, ist dafür ein deutlicher Hinweis. Dieser Umstand ist am besten bezeugt für das aschkenasische Judentum (Wiki), aber ebenso inzwischen - über die Ancient-DNA-Forschung - beispielsweise auch für die neolithische bandkeramische Kultur (Wiki) und für viele andere Völker. Beispielsweise haben sich die mittel- und nordeuropäischen Völker seit der Zuwanderung der Indogermanen (Schnurkeramiker) im Spätneolithikum bis heute genetisch nicht mehr wesentlich verändert. Auch hier folgten auf Ethnogenese lange Jahrtausende genetisch-kultureller Stabilität, abgesichert dadurch, daß sich die Völker zumindest in Nordeuropa nicht weiter mit Menschen anderer Erdregionen vermischten (was auf Populationsebene als Entsprechung zum Monogamie-Prinzip in der nichtmenschlichen Evolution empfunden werden kann).

Soldatische Disziplin und künstlerische Freiheit


Die Evolution liebt das Einheitliche, den Zusammenhalt, beruhend auf Selbstgenügsamkeit, Disziplin, Askese und Enthaltsamkeit (innerweltliche und außerweltliche Askese nach Max Weber). Aber um so näher sie dem Menschen kommt, um so mehr vergrößert sie diesbezüglich die Freiheitsgrade: Soziale Insekten mag man als ein wenig freier empfinden als die einzelnen Zellen obligater Mehrzeller, Vögel mag man als freier empfinden als soziale Insekten, Säuger als freier als Vögel. Und der Mensch ist freier als die Säugetiere - hier immer unter dem Aspekt der Handlungsoptionen in Bezug auf das Polygamie-Monogamie-Spektrum gesehen. Die Evolution läßt ihre "Kinder" gerne polygam über die Strenge schlagen. Das ist für sie - über weite Strecken des Artenstammbaumes hinweg - gar kein Problem. Sie wirft hier ihr Füllhorn der Möglichkeiten aus. Und gerade dann, wenn sie ihre "Kinder" über die Strenge schlagen läßt, erreicht sie oft für das Prinzip Schönheit die anbetungswürdigsten Ergebnisse - nämlich über die geschlechtliche Selektion (Prinzip Pfauenrad). Es scheint - nach Boomsma - ein tiefer Gegensatz vorzuliegen zwischen den beiden grundlegenden evolutionären Prinzipien Verwandten-Selektion und geschlechtliche Selektion (1). Verwandtenselektion bringt Eintönigkeit, Disziplin hervor, gerne auch soldatische. Geschlechtliche Selektion bringt - - - Schönheit hervor. Soldaten stehen in der Evolution und Menschheitsgeschichte Künstlern gegenüber, Athen steht Sparta gegenüber, Preußen steht Österreich gegenüber. Wenn man ihn sehen möchte, kann man diesen Gegensatz - "The Ant and the Peacock", "Die Ameise und der Pfauenschwanz" - auf vielen Ebenen wieder finden.

Große Freiheit auch auf sexuellem Gebiet bringt die Vielfalt der Lebensformen der Evolution hervor, viele Aspekte ihrer Schönheit. Aber wenn es darum geht, neue Stufen der Komplexität zu erreichen, wenn es um einige Hauptübergänge in der Evolution geht, dann gilt für die Evolution offenbar das erstgenannte Prinzip kompromißloser, lebenslanger Liebe, weil dieses Prinzip auch dem ursprünglichsten Prinzip und Ziel der Evolution am nächsten steht: Dauernde seelische Vereinigung, "Wahlverschmelzung" der bewußten menschlichen Seele mit dem dem Weltall innewohnenden unbewußten Göttlichen, solange diese einzelne, bewußte menschliche Seele über die sie erhaltenden Körperfunktionen am Leben bleibt.

In dem vorliegenden Blogbeitrag sollen nur einige erste Grundgedanken dieses Themengebietes angedeutet werden. Es soll nur das Grundlegende des theoretischen Ansatzes selbst und die Breite der empirischen Überprüfung desselben - insbesondere auch anhand einiger der wesentlichsten Literaturangaben der letzten zehn Jahre (1-17) - hingewiesen werden. Es geht hier nicht darum - und es kann gar nicht darum gehen - das Thema Monogamie-These - zumal vom rein naturwissenschaftlichen Standpunkt aus - in irgendeiner Weise zu erschöpfen. Hier liegen noch eine Fülle von Aufgaben für Biologen, Philosophen und Wissenschaftskommunikatoren vor. Da die Thematik so grundlegend ist, verzweigt sie sich nach so vielen Richtungen hin, hat nach so vielen Richtungen hin Implikationen, daß das Ausschöpfen des Themas in einem einzigen Blogbeitrag gar nicht möglich ist. Dies ist seiner Absicht nach nur ein einleitender Beitrag, ein das Thema abschreitender. Wissenschaft kann wie ein tiefer Brunnen sein. So bald man den Eimer hinab läßt, zieht man neue Wunder herauf. Sie kann wie ein großes Füllhorn des Lebens sein. Aus diesem Füllhorn werden die Fülle der Lebenserscheinungen vor unseren Augen ausgeschüttet. Anfangs waren wir zu überwältigt, um auch nur irgendwelche grundlegenderen Prinzipien in dieser Fülle zu erkennen. Dann begannen der griechische Meeresbiologe und Philosoph Aristoteles und ähnliche, von den Wundern der Natur Faszinierte damit, es dennoch zu tun. Heute, nach und nach, gelingt uns das immer besser. Aber auch wenn wir grundlegendere, vereinheitlichende Prinzipien erkennen, geht uns darum die Fülle der Formen und Erscheinungen nicht verloren. Wir können sie inzwischen nur besser danach gliedern, welche Prinzipien ursprünglicher sind (hier: Monogamie) und welche abgeleitet sind (hier: Polygamie).

"Am Urdborn und seinen Geheimnissen"


In dem schon erwähnten philosophischen Entwurf (21-25) wird von "wiederkehrenden Melodien" in der Schöpfung gesprochen (23, S. 125). Es wird umsonnen das "Rätsel des Werdens", es wird davon gesprochen, daß schon Kinder dieses "Rätsel des Werdens" umsinnen. So das Rätsel des Werdens dahingehend, wie ein neues Lebewesen nur schon allein in der Menschenwelt, in der eigenen Familie entsteht (z.B.: im "Bauch der Mutter"). Aber ebenso das Rätsel des Werdens im Großen, also des Werdens des Weltalls, der Erde, der Lebenswelt und der Menschen. Das Rätsel des Werdens ist nach diesem philosophischen Entwurf so "rein wie das Häutchen unter der Eischale". Davon wollen wir uns im folgenden einen Eindruck verschaffen. Es ist die Rede vom "Urdborn und seinen Geheimnissen" (zu Urdborn siehe auch: Wiki) (24, S. 412):
Niemand lebt, der nicht in seiner Kindheit schon zu diesem "Urdborne" wanderte. Seine heiligen Wasser bergen "die Geheimnisse des Werdens und Vergehens aller Dinge", und auf seinen stillen Wassern kreisen zwei silberweiße Schwäne in feierlichem Schweigen, "wie die Vergangenheit, die nicht gehört, wie die Zukunft, die nicht geahnt wird".
So wird der Mythos der germanischen Vorfahren in der "Edda" als Weisheit gedeutet, die auch vor dem heutigen darwinischen, naturwissenschaftlichen Weltbild Bestand hätte. Und weiter (24, S. 412):
Wir finden das Kind wieder und wieder auf den stillen Waldpfaden, die zum Urdborne führen. Lockend scheint ihm der Weg, geheimnisvoll und ernst zugleich.
In der Tat. Wer Kinder erlebt, hat durchaus wiederholt Anlaß zu fragen, warum sie sich auch immer einmal wieder so viele Gedanken um den Tod und das Sterben machen. Diese Gedanken kommen oft ganz unauffällig daher. Erst wer selbst "Philosoph" ist, merkt, daß Kinder in diesem Augenblick - letztlich - philosophische Fragen umsinnen, tiefere Lebensfragen stellen (24, S. 412):
Immer wieder tastet es sich hin, immer wieder finden wir es dort im Anblick der silberweißen Schwäne versunken. Das Geheimnis, das sie im Schweigen bergen, scheint ihm gar sehr ergündenswert. Jedesmal, wenn es mit staunenden Kinderaugen auf die Geheimnisse schaut, findet es etwas näher zu ihnen hin. 
Wenn die Geheimnisse des Werdens (eines Menschenlebens) dem Kind von der Erwachsenenwelt in der heute üblichen grenzenlos flachen Weise nahe gebracht werden, wird - nach diesem philosophischen Entwurf - ein Frevel sehr großen Ausmaßes an einer Menschenseele begangen (24, S. 413):
Ist doch das Geheimnis des Werdens unserem Erbgut ein so heiliges und seine Reinheit uns Lebensnotwendigkeit. Sagt doch die Edda von den Wassern des Werdens am Urdborne: "Dieses Wasser aber ist so heilig, daß alle Dinge, die da hineinkommen, so weiß und rein werden wie das Häutchen, das unter der Eischale liegt."
Damit soll nur weniges angedeutet sein. Aus diesen Überlegungen heraus werden dann in den an diese Zitate anschließenden Ausführungen viele Schlußfolgerungen gezogen dahingehend, wie "Aufklärung" stattfinden könnte, sollte, gegenüber dem Kind, gegenüber dem unschuldigen Heranwachsenden. Aber an dieser Stelle sollen ja weniger Schlußfolgerungen behandelt werden als Grundlagen. Deshalb müssen wir uns es an dieser Stelle verweigern, diesen Schlußfolgerungen weiter nachzugehen. Es darf aber womöglich doch noch eines an dieser Stelle festgehalten werden. Schon durch die Art der Formulierungen und gewählten Bilder wird in vielen Ausführungen dieses philosophischen Entwurfs die Seele des Lesers gemütvoll eingehüllt. Er wird in ferne, ach, so ferne Kinderzeiten zurück versetzt, ihm werden Regionen eigenen Seelenlebens erschlossen, denen er sich - womöglich - noch nie bewußter zugewandt hatte.

Und damit werden wir auf eine womöglich wichtigere Erkenntnis gestoßen: Eine Philosophie, die nur Vernunfterkenntnis anspricht, kann uns heute nicht mehr voll befriedigen. Eine Philosophie, die allein Dichtung bleibt, die uns dichterisch, seelenvoll einhüllt, ohne den deutlicheren Bezug herzustellen und aufzuzeigen, in welcher Art von Widerspruchslosigkeit das von ihr gegebene seelische Erleben und Erkennen der Breite des modernen Vernunfterkennens (in der Wissenschaft) gegenüber steht, kann uns doch ebenso wenig Befriedigung verleihen. Das sind Gründe zum einen, gerade jenen philosophischen Entwurf auszuwählen, der hier ausgewählt wurde, zum anderen sind das Gründe dafür, auch diesen "Exkurs" hin zur Kinderseele für wichtig zu nehmen. Da er befähigt ist, Anteilnahme für Fragen zu wecken, die jedem Leser womöglich schon einmal in seiner Kindheit wichtig gewesen waren.

Dieser Beitrag kann - wie schon mehrmals gesagt - nur als ein einleitender, hinweisender Beitrag verstanden werden. Ihm müssen weitere Teile folgen. Deshalb soll abschließend nur noch darauf hingewiesen werden, daß der Autor dieser Zeilen schon vor eineinhalb Jahren darauf hinwies (26), daß er von der Umschlaggestaltung einer Weihnachtslieder-Schallplatte sehr beeindruckt war, die er in seiner Kindheit alljährlich zu sehen bekam. Und zwar entstand dieser Eindruck eher wie nebenbei, sicher weitgehend unabhängig von irgendwelchen Beeinflussungen von Seiten von Erwachsenen. Darum sei diese Schallplattenhülle an dieser Stelle abschließend noch einmal gebracht (Abb. 1).

Abb. 1: Langspielplatte "Deutsche Weihnacht - Der Dissener Kinderchor singt Lieder zur Wintersonnenwende" ohne Jahr)
Grafik von Erwin Klein (Osnabrück)


Die Augen des Kindes sehen übrigens anderes. Sie sehen oder bewerten weniger die Gesichtszüge der rotgewandeten Frau ("Norne") im Vordergrund, sie lassen eher den Gesamteindruck auf sich wirken. Und dieser wird verstärkt durch den Text des Liedes "Aus weiter Ferne komm ich her" (26). Dieser Liedtext hinterläßt - wie der Autor weiß - auch noch bei manchem Erwachsenen Eindruck, wenn er ihm das erste mal begegnet.

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  1. Boomsma, Jacobus J.: Kin Selection versus Sexual Selection - Why the Ends Do Not Meet. In: Current Biology, Volume 17, Issue 16, 21 August 2007, Pages R673-R683 Available online 20 August 2007, https://doi.org/10.1016/j.cub.2007.06.033, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982207015709
  2. Boomsma, Jacobus J.: Lifetime monogamy and the evolution of eusociality. In: Philosophical Transactions of the Royal Society B, Biological Sciences (Discussion Meeting Issue 'The evolution of society' organized and edited by T. Clutton-Brock, S. West, F. Ratnieks and R. Foley), 5. Oktober 2009, http://rstb.royalsocietypublishing.org/content/364/1533/3191
  3. Hughes, W.O.H., Oldroyd, B.P., Beekman, M. & Ratnieks, F.L.W. 2008. Ancestral monogamy shows kin selection is key to the evolution of eusociality. Science 320: 1213-1216
  4. Boosma, Jacobus J.; Huszár, Dóra B.; Pedersen, Jes Søe: The evolution of multiqueen breeding in eusocial lineages with permanent physically differentiated castes. In: Animal Behaviour Volume 92, June 2014, Pages 241-252 (Special Issue: Kin Selection),  https://doi.org/10.1016/j.anbehav.2014.03.005
  5. Boomsma, Jacobus J.; Gawne, Richard: Superorganismality and caste differentiation as points of no return: how the major evolutionary transitions were lost in translation. In: Biological Reviews, first published: 15 May 2017, DOI: 10.1111/brv.12330, http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/brv.12330/full
  6. Charlie K. Cornwallis, Stuart A. West, Katie E. Davis & Ashleigh S. Griffin: Promiscuity and the evolutionary transition to complex societies. In: Nature 466, 969–972, 19 August 2010, doi:10.1038/nature09335, http://www.nature.com/articles/nature09335?lang=en
  7. Lukas, Dieter; Clutton-Brock, Tim: Cooperative breeding and monogamy in mammalian societies. Proc. R. Soc. B 2012 279 2151-2156; DOI: 10.1098/rspb.2011.2468. Published 24 April 2012, http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/279/1736/2151
  8. Fisher RM, Cornwallis CK, & West SA (2013). Group formation, relatedness, and the evolution of multicellularity. Current biology : CB, 23 (12), 2013, 1120-5 PMID: 23746639
  9. Shultz, Susanne, Dunbar, Robin I. M.: The evolution of the social brain: anthropoid primates contrast with other vertebrates. Proc. R. Soc. London Ser. B, Volume 274, Number 1624, 7. Oktober 2007 (eingegangen am 23. Mai 2007, zur Veröffentlichung frei gegeben am 26. Juni 2007), https://www.researchgate.net/publication/6186835_The_evolution_of_the_social_brain_Anthropoid_primates_contrast_with_other_vertebrates
  10. Dunbar, Robin I. M.; Shultz, Susanne: Evolution in the Social Brain. Review. In: Science, Vol. 317, 7. September 2007, S. 1344-1347, https://www.researchgate.net/publication/6017731_Evolution_in_the_Social_Brain
  11. Bading, Ingo: Stand die monogame Lebensweise an der stammesgeschichtlichen Wurzel allen komplex-sozialen Lebens auf der Erde? Studium generale, 31. August 2008, http://studgendeutsch.blogspot.de/2008/08/stand-die-monogame-lebensweise-der.html
  12. Bading, Ingo: Multikulti - Bringt die Evolution nicht voran. Studium generale, 30. Juni 2013, http://studgendeutsch.blogspot.de/2013/06/multikulti-bringt-die-evolution-nicht.html
  13. Wilson, Edward O.; Nowak, Martin A.: Natural selection drives the evolution of ant life cycles. In: PNAS 2014 111 (35) 12585-12590; published ahead of print August 11, 2014, doi:10.1073/pnas.1405550111, http://www.pnas.org/content/111/35/12585.full
  14. Dillard, Jacqueline R.; Westneat, David F.: Disentangling the Correlated Evolution of Monogamy and Cooperation. In: Trends in Ecology & Evolution, Volume 31, Issue 7, p503-513, July 2016, DOI: http://dx.doi.org/10.1016/j.tree.2016.03.009, https://www.researchgate.net/publication/301829279_Disentangling_the_Correlated_Evolution_of_Monogamy_and_Cooperation
  15. Dillard, Jacqueline R.; Westneat, David F.: Monogamy and Cooperation Are Connected Through Multiple Links - Why does cooperation evolve most often in monogamous animals? The Scientist, 1. August 2016, https://www.the-scientist.com/?articles.view/articleNo/46608/title/Opinion--Monogamy-and-Cooperation-Are-Connected-Through-Multiple-Links/
  16. Bading, Ingo: Der "Tanz" der sozialen Beziehungen, der Monogamie, des Altruismus - Ist Evolution vor allem ein Weg zur Überwindung des Autismus gewesen? Und warum gibt es ihn dennoch in verschiedenen Abstufungen? Studium generale, 24. September 2008, http://studgendeutsch.blogspot.de/2008/09/der-tanz-der-sozialen-beziehungen-der.html
  17. Kramer, K. L. and Russell, A. F.: Was monogamy a key step on the hominin road? Reevaluating the monogamy hypothesis in the evolution of cooperative breeding. Evol. Anthropol., 24, 2015: 73–83. doi:10.1002/evan.21445
  18. Boomsma, Jacobus: Commitment in social life, sex, and symbiosis. Videokanal des Zentrums für Evolutionäre Medizin an der Staatsuniversität von Arizona in Phönix, Arizona, 2. Mai 2016, https://www.youtube.com/watch?v=Xjor_D6g9Zw&t=
  19. Dawson, Ines Laura: How Monogamy Made Superorganisms Evolve. Videokanal "Draw Curiosity", 21.12.2016, https://www.youtube.com/watch?v=J83qyLXAsN4
  20. Wilson, Edward O.; Hölldobler, Bert: Eusociality: Origin and consequences. PNAS, vol. 102 no. 38, 13367-13371, doi: 10.1073/pnas.0505858102 (Contributed by Edward O. Wilson, July 12, 2005), http://www.pnas.org/content/102/38/13367.full
  21. von Kemnitz, Dr. M. (spätere Mathilde Ludendorff): Erotische Wiedergeburt. Verlag Ernst Reinhardt, München 1919, 1923 (3., umgearb. Aufl.); neu unter dem Titel "Der Minne Genesung". Ludendorffs Verlag, München 1932ff (umgearb. Aufl.); Verlag Hohe Warte, Pähl 1959 (22. u. 23. Tsd.)
  22. von Kemnitz, Mathilde (spätere Mathilde Ludendorff): Triumph des Unsterblichkeitwillens. Ernst Reinhardt Verlag, München 1922; Ludendorffs Volkswarte-Verlag, München 1931ff (umgearbeitete Auflage); Verlag Hohe Warte, Stuttgart 1950ff (44.-45. Tsd.), 1983 (Archive)
  23. von Kemnitz, Mathilde (spätere Mathilde Ludendorff): Schöpfungsgeschichte. (Erstauflage 1923) Verlag Hohe Warte, Pähl 1953 (siehe auch: 1938 [GB] oder 1984 [Archive])
  24. Ludendorff, Mathilde: Des Kindes Seele und der Eltern Amt. (Erstauflage 1933) Verlag Hohe Warte, Pähl 1954 (Archive)
  25. Leupold, Hermin (das ist Gerold Adam, posthum): Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Aufsätze zur geschichtlichen Entwicklung der Erkenntnistheorie, zur Evolution des Weltalls und des Bewußtseins. Die Deutsche Volkshochschule, 23845 Bühnsdorf, 2001, 2014
  26. Bading, Ingo: "Aus weiter Ferne komm ich her ..." - Die Autorin der Ludendorff-Bewegung Herta Fritzsche und ihre Familie. Studiengruppe Naturalismus, 1. Mai 2016, http://studiengruppe.blogspot.de/2016/05/aus-weiter-ferne-komm-ich-her.html

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