Donnerstag, 27. Juli 2017

Ancient-DNA-Forschung und Physische Anthropologie gegenüber gestellt

Wie nehmen sich die Forschungsergebnisse der bisherigen Physischen Anthropologie aus vor den jüngsten Ergebnissen aus der ancient-DNA-Forschung?

In Deutschland ist die traditionell arbeitende Physische Anthropologie (früher auch "Rassenkunde") im Wesentlichen aus der sogenannten "Mainzer Schule" um die deutsche Anthropologin Ilse Schwidetzky (1907-1997) (Wiki) hervorgegangen. Wie in früheren Beiträgen hier auf dem Blog gezeigt (5, 6), schält sich derzeit durch die rasanten Fortschritte in der ancient-DNA-Forschung ein ganz neues und nun sicheres und definitives Bild vom Werden der europäischen Völker heraus. Und damit kann man jetzt zu einer einigermaßen abschließenden Bewertung dessen kommen, was die traditonell arbeitende Physische Anthropologie in Deutschland geleistet hat, was von ihren Ergebnissen bestätigt wurde, in welchen Bereichen ihre Ergebnisse nun auf wesentlich solideren Füßen stehen, in welchen Bereichen ihre Ergebnisse deutlich korrigiert werden müssen und in welchen Bereichen die Ergebnisse der physischen Anthropologie die Ergebnisse der ancient-DNA-Forschung ergänzen. Darüber sollen im folgenden Beitrag einige erste wesentlichere Anhaltspunkte zusammen getragen werden anhand einiger weniger repräsentativerer Darstellungen der Physischen Anthropologie der letzten Jahrzehnte (1-4).

Zunächst einmal ist natürlich zu sagen: Gegenwärtig beantwortet die ancient-DNA-Forschung all jene Fragen, die die Physischen Anthropologen viele Jahrzehnte lang mühsam anhand weniger, spärlicher Daten zu beantworten suchte, geradezu "im Fluge" und dann auch gleich noch viel vollständiger, umfassender und definitiver. Die gegenwärtige Entwicklung ist so typisch für viele Phasen der Wissenschaftsgeschichte: Jahrzehnte lang sind Erkenntnisse unglaublich stark "umstritten", werden gar "tabuisiert" und dann "über Nacht" ist der ganze Erkenntnisbereich selbstverständlichstes Grundlagenwissen der Evolutionären Anthropologie und Humangenetik. Diese rasante Entwicklung erleben wir gerade. Und es muß fast nirgendwo mehr "Überzeugungsarbeit" geleistet werden.

Abb. 1: Der europäische Menschentypus - Dargestellt in der antik-griechischer Kunst (eigenes Foto, Berlin)
Aber schauen wir uns jetzt einmal an, was da an mühsamer Arbeit Jahrzehnte lang von den Physischen Anthropologen geleistet wurde.

Zur Herkunft der Bandkeramiker


1979 schrieb Ilse Schwidetzky zur Herkunft der frühesten europäischen Bauern, der Bandkeramiker (1, S. 49, 51; Hervorhebung nicht im Original):
Nachdem schon Heberer (1939) die mitteldeutschen Bandkeramiker als im Kern mediterranid klassifiziert hatte, wies vor allem Gebhardt (1953, 1978) auf die auffällige Grazilität einiger bandkeramischer Skelette hin. Er nimmt daher Zuwanderung einer neuen Bevölkerung an, die sich auch anthropologisch deutlich von der mesolithischen Vorbevölkerung absetzt. Aber die Variationsbreite innerhalb der Bevölkerung des donauländischen Kulturkreises ist offenbar groß. Es treten daneben auch unter den deutschen Funden mehr oder minder knochenrobuste Individuen auf, die sich gut an die älteren Bevölkerungen Mitteleuropas anschließen lassen.
Hätte sie einmal hiermit ihre Ausführungen abgeschlossen! Aber man sieht, wie unsicher die Physische Anthropologie zu jenem Zeitpunkt noch war, schreibt sie doch weiter:
Und nach statistischen Vergleichen schließen sich die mitteldeutschen Bandkeramiker nicht so eng an südosteuropäische Bevölkerungen des Donauländischen Kulturkreises an und unterscheiden sich andererseits nicht so deutlich von späteren neolithischen Bevölkerungen, daß zwingend mit der Kulturausbreitung auch ein Bevölkerungswechsel angenommen werden müßte (Bernhard 1978).
Diese Aussage hat sich durch ancient DNA nicht bewahrheitet. Im abschließenden Satz weicht Schwidetzky dann sogar noch deutlicher von der heute als gültig erkannten Grundeinsicht von 1939 und 1953/1978 ab (1, S. 51f):
Was in den spärlichen Gräberfunden anthropologisch greifbar wird, wäre dann das Ergebnis von kulturellen und bevölkerungsbiologischen Assimilationsprozessen, bei denen die Eingewanderten die Kulturentwicklung prägten, im Genpool der Bevölkerung aber nur durch relativ wenige Erblinien vertreten sind.
Nun, das sehen wir heute mit den Ergebnissen der ancientDNA-Forschung deutlich anders. Diese bestätigt viel eher die genannten Forschungsergebnisse von Heberer und Gebhardt. Der Schwidetzky-Schüler Andreas Vonderach hielt dazu 2008 geradezu in "weiser Voraussicht" fest (4):
Schwer wiegt, daß der erfahrene Diagnostiker Kurt Gerhardt, der nicht nur metrisch-statistisch arbeitete, sondern auch feine Form- und Stileigentümlichkeiten genau beobachtete, den Leittypus der Bandkeramik auf Einwanderung zurückführte.
Vonderach spricht sich mit diesen Worten in dieser Frage entschiedener für die Einwanderung der Bandkeramiker aus als das seine Lehrerin Ilse Schwidetzky getan hatte.


Zur Herkunft der mittelneolithischen Kulturen (Rössen, Michelsberg, Trichterbecher etc.)



Schwidetzky sagte zur nachfolgenden Rössener Kultur (mit ihren im Grundriß trapezoidförmigen Langhäusern), sie würde - wie die Bandkeramik - eine größere anthropologische Vielfalt aufzeigen und derselben verwandtschaftlich auch relativ nahe stehen. Das hat sich mit ancient DNA bestätigt.

Zu der anthropologischen Stellung der Trichterbecherleute macht Schwidetzky zunächst keine Aussage. Interessant ist aber, daß sie zu der vorhergenden Rössener Kultur auch noch sagt (1, S. 52):
Allerdings ergeben sich auch einige Beziehungen zu Bevölkerungen der Trichterbecherkultur.
Auch das ist seit März dieses Jahres durch die ancient-DNA-Forschung bestätigt.
Interessant ist weiterhin, daß sie für die Menschen der hessischen Steinkistengräber des 3. Jahrtausends ebenso eine neuerliche "Mesolithisierung" sieht, wie sich das derzeit auch in der ancient-DNA-Forschung andeutet. Und hierbei werden nun auch die Trichterbecherleute genauer eingeordnet (1, S. 57):
Typologisch wurde bei den Steinkistenfunden ebenso wie für die Funde der Trichterbecherkultur immer wieder eine starke Annäherung an den Cromagnontypus festgestellt. Für die Träger der Michelsberger Kultur stellte Knussmann (1978) heraus, daß sie im Vergleich mit den älteren Rössenern keineswegs evoluiertere Formen zeigen, sondern sich eher einem derberen, archaischen Typus nähern.
Es wird also deutlich, daß die traditionelle Physische Anthropologie schon vieles von dem recht gut voraus "ahnte", was sich heute als sicheres Wissen herausstellt, daß sie aber selten definitive Aussagen zu irgendeinem Sachverhalt und Herkunftszusammenhang machen konnte so wie das heute mit der ancient-DNA-Forschung möglich ist. Außerdem konnte sie aufgrund des unsicheren Wissensstandes gerne auch einmal eklatanter daneben greifen wie sich schon bei manchen Urteilen andeutete und wie wir gleich noch deutlicher sehen werden. Das ist alles sehr spannend und interessant zu beobachten zumal für jemanden wie den Autor dieser Zeilen, der mit Andreas Vonderach seit seiner Mainzer Studienzeit im Austausch über all diese Dinge gestanden hat und sich schon vor vielen Jahren über all das viele Gedanken gemacht hatte!

Zur Herkunft der Schnurkeramiker/Indogermanen



Über die Schnurkeramiker schreibt Ilse Schwidetzky nun (1, S. 53):
Die Schnurkeramiker heben sich von den übrigen neolithischen und äneolithischen Bevölkerungen Deutschlands vor allem durch den langen, hohen und schmalen Hirnschädel bei kräftigem Knochenrelief ab. In diesen Merkmalen unterscheiden sich die älteren Schnurkeramiker noch deutlicher von den früheren Bevölkerungen Mitteldeutschlands, etwa den Trägern der Bandkeramik und Rössener Kultur.
Sie nimmt also wie die ancient-DNA-Forschung eine Bevölkerungszuwanderung an. Die jüngere Schnurkeramik würde aber ein Bild der Vermischung mit der Vorbevölkerung aufzeigen. Die Herkunft der Schnurkeramiker aus Südrußland diskutiert sie nun zwar, sie will sich aber nicht abschließend auf diese festlegen. Ihr Schüler Andreas Vonderach hingegen wies eine Herkunft aus der Ukraine 2008 (4) sogar noch entschiedener zurück als seine Lehrerin Schwidetzky. Hier sind wir mit der ancient-DNA-Forschung nun gewaltige Schritte weiter. Daß die Glockenbecher-Leute genetisch Indogermanen sind so wie die Schnurkeramiker, hat die traditionelle Physische Anthropologie so nun offenbar gar nicht gesehen (übrigens auch nicht die Archäologie). Sie wies ihnen eine anthropologische Sonderform zu, den sogenannten "planoccipetalen Steilkopf", der sich allerdings auch in Südrußland finden würde. Ob die ancient-DNA-Forschung noch subtilere genetische Unterschiede zwischen Schnurkeramikern und Glockenbechern finden wird, die diese Unterscheidung der traditionellen Anthropologie bestätigen würde, wird die Zukunft zeigen. Festzuhalten ist: Die enge genetische Verwandtschaft zwischen Schnurkeramikern und Glockenbecherleuten hat die traditionelle Anthropologie nicht erkannt.

Andreas Vonderach hielt aber 2008 auch noch folgende interessante Beobachtung über die Ukraine fest, die unter dem Wissen, daß dort tatsächlich die Indogermanen entstanden sind, eine ganz neue Bedeutung bekommt (4):
In der Ukraine zeigt sich mit der wahrscheinlich aus östlicheren Gebieten eingewanderten Kurgan-Bevölkerung ein völliger Bruch zur Vorbevölkerung der Dnepr-Donez-Kultur, die durch extreme Größenmaße und Robustizität, lange Schädel, breite Gesichter und Nasen und noch niedrigere Orbitae (Augenhöhlen) charakterisiert war. Der extreme, eher jungpaläolithische oder mesolithisch anmutende Typus der Dnepr-Donez-Kultur verschwindet gegen Ende des Neolithikums ohne erkennbare Spuren zu hinterlassen.
Die hier genannte Dnjepr-Donez-Kultur (Wiki) (5.000-4.200 v. Ztr.) wird von der östlicheren Yamna-Kultur (Wiki) (4.000-2.300 v. Ztr.) abgelöst, die heute allgemein den Indogermanen zugesprochen wird, und die aus der Samara-Kultur (5.200-4.400 v. Ztr.) (Wiki) an der mittleren Wolga und der parallelen Khvalynsk-Kultur (5.000-4.500 v. Ztr.) (Wiki) hervorgegangen ist. (Die frühe Yamna-Keramik läßt sich von der späten Khavalynsk-Keramik kaum unterscheiden.) Das westliche Drittel ihres Verbreitungsgebietes befindet sich nun auf dem Gebiet der vorhergehenden Dnjepr-Donez-Kultur. Bei der Entstehung der Indogermanen hat also auch schon ein Grazilisierungsprozeß stattgefunden, der durch Zuwanderung von Bevölkerung aus südlicheren Regionen (Pakistan, Iran, Kaukasus oder Levanteraum) zustande gekommen sein wird.

Abb. 2: "Ilse Schwidetzky zum 75. Geburtstag gewidmet" (1986)
Die berühmte Aunjetitzer Kultur Mitteldeutschlands (aus der die Himmelsscheibe von Nebra hervorgegangen ist) schließt anthropologisch an die Schnurkeramik an (1, S. 58).

Interessant dürfte weiterhin sein, daß Ilse Schwidetzky mit ihrer These von der Grazilisierung im Knochbau seit dem Neolithikum bis heute und ebenso mit ihrer These von der "Brachykephalisation" in Süddeutschland - also der Erscheinung, daß dort die Gesichter über die Jahrhunderte hin breiter werden als vormals - einiges von dem vorweg nimmt, was sich ebenfalls durch die ancient-DNA-Forschung andeutet, nämlich daß sich - nachdem sich das bis heute forbestehende Substrat der mittel- und nordeuropäischen Bevölkerungen am Beginn der Bronzezeit mit der Zuwanderung der Indogermanen gebildet hatte -, dennoch noch viel weitere Selektion stattgefunden haben kann. Sie wird sich keineswegs nur auf diese beiden Phänomene beschränken, viel mehr werden wir sicher künftig hier noch bezüglich vieler anderer Eigenschaften interessante Einsichten erlangen.

Zunächst einmal ein Zwischenergebnis zu einigen behandelten Fragen hinsichtlich der Herkunft der europäischen Völker:
  1. Die mediterrane Herkunft der Bandkeramiker wurde eigentlich schon ab 1939 von der Physischen Anthropologie ganz richtig erkannt, es zeigen sich in der Beurteilung derselben aber auch große Unsicherheiten, zumal bei späteren Bearbeitern (bei Schwidetzky ebenso wie bei Bernhardt).
  2. Daß die mittelneolithischen Kulturen in der Bandkeramik wurzeln, wurde im wesentlichen schon richtig erkannt.
  3. Die Herkunft der Schnurkeramiker und Glockenbecherleute (außerhalb Spaniens) aus dem Nordschwarzmeer-Raum wurde gerade erst in den letzten Jahrzehnten von Ilse Schwidetzky und auch von Andreas Vonderach sehr entschieden verworfen, obwohl sie nun durch die ancient-DNA-Forschung bestens gesichert ist.
Auffällig erscheint, daß die "multivariate statistische Methode" in Bezug auf Schädelmaße, auf die sich die Mainzer Schule etwa seit den 1980er Jahren so viel zu Gute gehalten hat, zur Frage der Entstehung der europäischen Völker in zwei Fällen (Bandkeramiker und Schnurkeramiker) eher eklantantere Fehleinschätzungen mit sich brachte, als daß sie die bis dahin vorhandene Sicherheit in der richtigen Beurteilung erhöht hätte. (Dies ist zwar ein laienhafter Eindruck des Autors dieser Zeilen, aber man würde gerne etwas aus der Schüler- und Enkelgeneration von Ilse Schwidetzky zu diesem Eindruck hören. Womöglich aber wäre das sowieso eine veraltete Forschungsdiskussion, denn diese Methode wird wohl kaum noch künftig angewandt, nachdem alles durch ancient DNA so viel besser geklärt werden kann.)


Zur Herkunft der Völker des Vorderen Orients



Unter diesen Umständen ist es nun auch interessant, was der Schwidetzky-Schüler Wolfram Bernhard (bei dem ich selbst 1994/95 studiert habe) zu den entsprechenden Herkunftsverhältnissen im Vorderen Orient und im Levanteraum sagt. Er unterscheidet einleitend zwei Haupttypen (2, S. 16), nämlich den "mediterranen Typus", von dem wir schon bei Ilse Schwidetzky hörten, und der den Ackerbau auch nach Mitteleuropa (5.500 v. Ztr.) und nach Skandinavien (4.100 v. Ztr.) brachte. Diesem Typus stellt er gegenüber einen "eurafrikanischen Typus". Letzterer, so schreibt Bernhardt,
wird meist als robustere Variante des klassischen Mediterranen aufgefaßt. Er ist gekennzeichnet durch größere absolute Schädelmaße, eine derbere Knochenstruktur und insgesamt stärker hervortretende gerontomorphe Züge, eine größere Körperhöhe und eine stärkere Robustizität des postkranialen Skeletts.
("Gerontomorphe Züge" werden "pädomorphen Zügen" gegenüber gestellt und es soll damit gesagt sein, daß manche anthropologische Typen eher weiche, kindliche Merkmale beibehalten, während andere Typen ausgeprägtere, kantigere, knochigere Erwachsenen-Merkmale aufzeigen.)

Es dürfte nun sehr naheliegend sein, daß die heutigen Türken weniger dem mediterranen Typus als dem eurafrikanischen Typus zugehören werden (der auch "afghanischer" oder "proto-iranischer" Typ genannt wird), jenem Typus, der auch als erster in der Weltgeschichte ab 12.000 v. Ztr. in der Südtürkei und später auch im Zagros-Gebirge im Iran den Übergang zum Ackerbau vollzogen hat (die rechte "Milchstraße" in der Grafik der, auf die sich die beiden früheren Beiträge [5, 6] bezogen). Etwa ab 6.500 v. Ztr. breitete sich der Ackerbau rund um das Mittelmeer aus und schon diese Ausbreitungsbewegung dürfte wohl vorwiegend von dem mediterranen Typus getragen gewesen sein.

Die Natufier (vorbäuerliche Erntevölker) im Levanteraum zeigen nach Bernhard das anthropologische Bild von kleinwüchsigen, breitgesichtigen Menschen mit einer gewissen Robustizität (2, S. 30). Sie weisen also weniger in Richtung des mediterranen Typus.

Dann berichtet Bernhard interessanterweise über die Reste von vier Individuen von der Südküste des Kaspischen Meeres aus der Zeit um 7.400 v. Ztr. (gefunden in der Hotu-Höhle). Immerhin haben wir es hier mit jener mesolithischen Bevölkerungsgruppe zu tun, die nicht weit von der Ursprungsregion der Indogermanen lebte. Es dürfte sich um Angehörige der von uns schon angesprochenen (5) Kelteminar-Kultur handeln, die die Keramik, Hirse und Hausmaus von Osten nach Westen zu den Proto-Indogermanen weitergegeben haben könnten. Bernhard sagt zu diesen jedenfalls (2, S. 31):
Sie sind groß und massiv, Gesicht und Orbitae sind relativ niedrig und verleihen in Verbindung mit dem breiten Unterkiefer dem Schädel ein cromagnides Aussehen.
Nach einer von Bernhard durchgeführten multivariaten statistischen Analyse sollen die Natufier des Levanteraumes zeitgleichen mesolithischen Mitteleuropäern nahe stehen. Hier zeigt sich - wie oben schon - daß diese multivariate statistische Analyse, wenn sie nun mit ancient-DNA-Daten auf ihre Werthaftigkeit überprüft werden kann, sich womöglich als weitaus weniger treffsicher herausstellt, als die Analysen der Forschergeneration davor. Denn auch dieses Ergebnis hat sich ja nun keineswegs bewahrheitet!

Eine von uns schon erwähnte (6) ungeklärte Frage ist ja auch noch, wann der frühest-bäuerliche, eher mediterrane Typus in Kleinasien (der sich ab 6.500 v. Ztr. ausbreitete), abgelöst wurde durch den heute in der Türkei vorherrschenden Kurzkopf-Typus, über den Bernhard berichtet. Bernhard schreibt dazu (2, S. 134):
Die in der vorliegenden Untersuchung erstmals vorgenommene statistische Analyse sämtlicher verfügbarer Daten aus Kleinasien spricht für die Annahme einiger Autoren, wonach die Zunahme der Kurzköpfigkeit in Anatolien (...) mit der Einwanderung und Verbreitung der Hethiter in Zusammenhang steht.
Die Hethiter waren doch aber Indogermanen, die hinwiederum langköpfig gewesen sein sollen. Nun, diesen Dingen können wir hier einstweilen nicht in extenso nachgehen. Auch soll sich in der Eisenzeit mit der Zuwanderung der Seevölker erneut Langköpfigkeit in Kleinasien ausgebreitet haben (2, S. 135). Auch hier werden sicherlich in Bälde anient-DNA-Forschungsergebnisse definitivere Aussagen machen. Aber es kann natürlich sein, daß durch die Zuwanderung neuer Oberschichten (die spätestens am Ende der Spätantike im Mittelmeerraum ausstarben), sich auch für jene Unterschichten neue Selektionsregime ergeben haben, deren Nachkommen heute noch in dieser Region leben. All das muß einstweilen noch als ungeklärt gelten.

Als Eindruck insgesamt darf festgehalten werden: Viele Einsichten der tradtionellen Anthropologie haben sich bestätigt, einige stellen sich als eklatante Fehlbeurteilungen heraus. Wie schön, daß es heute die ancient-DNA-Forschung gibt. Man kann einmal wieder wie Ulrich von Hutten in seinem Brief an Wilibald Pirckheimer ausrufen: „O Jahrhundert! O Wissenschaften! Es ist eine Lust zu leben, wenn man sich auch noch nicht ausruhen darf, mein Willibald!"

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  1. Schwidetzky, Ilse: Rassengeschichte von Deutschland. In: diess. (Hg.): Rassengeschichte der Menschheit, Bd. V: Europa. R. Oldenbourg Verlag, München, Wien 1979, S. 45-101
  2. Bernhard, Wolfram: Anthropologie von Südwestasien. In: Schwidetzky, I. (Hg.): Rassengeschichte der Menschheit, Bd. IV: Südwestasien. R. Oldenbourg Verlag, München 1993
  3. Bernhard, Wolfram; Palsson-Kandler, Anneliese (Hrsg.): Ethnogenese europäischer Völker. Aus der Sicht der Anthropologie und Vor- und Frühgeschichte. Ilse Schwidetzky zum 75. Geburtstag gewidmet. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, New York 1986
  4. Vonderach, Andreas: Anthropologie Europas. Völker, Typen und Gene vom Neandertaler bis zur Gegenwart. Ares-Verlag, Graz 2008
  5. Bading, Ingo:  Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen Wie entstanden die modernen europäischen Völker? Auf: Studium generale, 2.7.2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/07/neue-forschungen-zur-entstehung-der.html
  6. Bading, Ingo:  Was macht uns Europäer genetisch so einzigartig? Die ancient-DNA-Forschung entwirft ein völlig neues und unerwartetes Bild vom Werden der europäischen Völker. Auf: Studium generale, 10.7.2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/07/die-trichterbecher-leute-standen.html 

Dienstag, 11. Juli 2017

Ostsee-Handels-Schifffahrt lange vor dem Ackerbau

Über die Ausgrabungen in Neuwasser in Hinterpommern seit 2003

Von einem Fischerdorf in Pommern mit dem Schiff 200 Kilometer nach Osten oder nach Westen zu fahren, scheint für das dort ansässige, heute ausgestorbene Fischervolk in der Zeit zwischen 5.000 und 3.000 v. Ztr. gar kein Problem dargestellt zu haben. - Nur den Archäologen scheint es schwer zu fallen, sich diesbezüglich neben den ganzen Bäumen nun auch einmal den Wald anzuschauen ...

An der langen pommerschen Ostseeküste gibt es - etwa auf halben Weg zwischen Stettin und Danzig - auch das Dorf Neuwasser in Hinterpommern (Wiki), ein Fischerdorf mit 200 bis 300 Einwohnern, seit 1900 "Ostseebad Neuwasser" genannt (siehe Abb. 1-4). Da in den letzten Jahrzehnten die Erforschung der Neolithisierung des westlichen Ostseeraumes vergleichsweise gut vorangekommen ist, es aber bezüglich des östlichen Ostseeraumes noch beträchtliche Wissenslücken gibt, wird seit dem Jahr 2003 nahe dieses Ostseebades von Archäologen eine 6.000 Jahre alte Siedlungsstelle ausgegraben (1, S. 5). Diese war in der Zeit zwischen 5.100 und 3.600 v. Ztr. von Menschen besiedelt. Es fanden sich in dieser Siedlungsstelle aber für den genannten Zeitraum noch keine Hinweise auf Ackerbau und Viehzucht in dieser Gegend. Die Bewohner lebten also als Fischer, Jäger und Sammler. - Wie unternehmungslustig waren sie?

Abb. 1: Ostseebad Neuwasser (Postkarte, vor 1945)

Das Ostseebad Neuwasser liegt am Bukower See, einem ehemaligen Haff. Der Bukower See ist heute durch eine Nehrung von der Ostsee getrennt. Das Fischerdorf liegt zwischen der Nordspitze dieses Bukower Sees und der Ostsee. Noch im Mittelalter war das Dorf an einem heute versandeten Wasserlauf gelegen, der den See mit der Ostsee verband. Die archäologisch erforschte Siedlungsstelle lag einstmals auf einer Insel innerhalb des Bukower Sees (2), also gut geschützt.


Abb. 2: Ostseebad Neuwasser (Postkarte, vor 1945)


1780 gab es in Neuwasser 26 Fischer- und acht Büdner- (also Kleinbauern-)Familien, also noch zu dieser Zeit gab es hier nur ganz wenig Ackerbau. Das ist ja typisch für viele Fischerdörfer, die an der Ostseeküste oder in der Nähe der Küste gelegen sind. Die Einwohnerzahl des Dorfes lag seit 1800 immer zwischen 200 und 300 Einwohnern. 1948 erhielt das Dorf - nach der Vertreibung der  dort seit vielen Jahrhunderten ansässigen Deutschen - den neupolnischen Namen „Dąbki“. (In diesem klingt das slawische Wort für „Eiche“ an.)

Das besonders Spannende ist nun, daß die Herkunft der 70 Keramik-Scherben, die hier gefunden wurden, auf eine Vielzahl von unterschiedlichen mitteleuropäischen Bauernkulturen zurückgeführt werden kann, und zwar sowohl auf die Trichterbecher-Kultur westlich der Oder, als auch die Brester Kultur ("Brześć-Kujawski-Kultur") in Kujawien an der Weichsel*) oder auf die Lengyel-Kultur. Es fanden sich sogar Keramikscherben, die aus der 1000 km entfernt in Ungarn gelegenen Bodrogkeresztúr-Kultur stammen, also aus dem Donauraum! Das sind natürlich Umstände, die völlig neue Perspektiven eröffnen.


Abb. 3: Ostseebad Neuwasser (Postkarte, vor 1945)


In ihnen deutet sich natürlich weitreichender Kultur- und Wirtschaftsaustausch in sehr früher Zeit an. Er erinnert sofort an Wikingerstädte des Ostseeraumes im Frühmittelalter, in denen sich auch Kulturgut aus weit entfernten Regionen sowohl aus Ost wie West findet, etwa aus Byzanz oder Rußland oder England. Soweit übersehbar, haben nun aber die Archäologen noch gar nicht in den Blick bekommen, daß der Transportweg, über den die genannte Keramik nach Neuwasser in Hinterpommern gelangt ist, auch ein Schiffsweg gewesen sein kann, ganz ebenso wie wir das - für dieselbe Region! - noch aus der Wikingerzeit kennen. Noch in der jüngsten Rezension jenes Bandes (1), der den bisherigen Kenntnisstand der Ausgrabungen zusammen faßt, wird See- und Flußschifffahrt gar nicht in Rechnung gestellt als Transportwege, obwohl angemerkt wird (4):
To correctly interpret the contacts between hunter-gatherers and Danubian farmers we have to acknowledge that these farmers lived in areas far away from Dąbki (130 km to the lower Vistula; 200 km to the lower Oder) and were not interested in colonising habitats of this type. Thus, in this part of Pomerania there were no farmers within close range of the community living at Dąbki, and it is only if this had been the case that we could expect frequent contact and exchange of small items of everyday use between these groups.
Das waren also weit reisende Leute, die Fischer von Neuwasser. Aber sieht man denn den Wald vor lauter Bäumen nicht? Es ist doch mehr als nahe liegend anzunehmen, daß es sozusagen "Wikinger" im Ostseeraum gab schon viertausend Jahre früher als die uns bekannten Wikinger! 

Die mesolithischen und neolithischen Bewohner von Neuwasser könnten mit Schiffen über die Ostsee gut die Weichselmündung erreicht haben und flußaufwärts zu den Bauern in Kujawien gefahren sein. Sie könnten ebenso gut Richtung Westen die Odermündung erreicht haben und könnten dort die Bauern der Trichterbecher-Kultur besucht haben. Und natürlich könnten sie dann von dort auch Keramik aller Art mitgebracht haben. Natürlich könnten Menschen auch dort geblieben sein und sich an die dortige neue Lebensweise angepaßt haben. Man möchte fast meinen, daß das die sparsamste Erklärung für die "bunte" Keramik-Vielfalt von Neuwasser ist.


Abb. 4: Ostseebad Neuwasser (Postkarte)


Natürlich könnten die Handelsschiffer von Neuwasser insbesondere auch Bernstein von der Ostsee zu den entfernten Kulturen mitgebracht haben. - - - Es spricht eine ganze Menge für Ostsee-Schifffahrt schon in dieser frühen Zeit. Im mediterranen Raum zum Beispiel hat es mit aller Wahrscheinlichkeit (oder ist es inzwischen sogar schon sicher?) um 6.500 v. Ztr. Schiffskontakte zwischen allen dortigen Küstenräumen gegeben. Der Ackerbau selbst kann sich dort eigentlich kaum anders als über Schiffsfahrten ausgebreitet haben. Dafür gibt es inzwischen viele Hinweise, von denen einige auch hier auf dem Blog referiert worden (bzw. ist das von Seiten des Autors dieser Zeilen schon 1995 in einer Seminararbeit am Anthropologischen Institut Mainz angenommen worden).

Und es bestehen auch gut begründete Vermutungen, daß sich die Keramik dann entlang der Atlantikküste bis in den Nordseeraum ausgebreitet hat, also über Schifffahrt. Warum also nicht auch im Ostseeraum über Wasserwege? Wer an der Ostsee lebt, muß doch sowieso schon Fischerboote fahren, mit denen man einigermaßen weit fahren kann.

Und indem man sich diese Dinge als Möglichkeit vor Augen führt, wird einem anhand der Funde von Neuwasser bewußt, in welchem sonstigen Rahmen überhaupt das Volk der Ackerbau- und Viehzucht treibenden Trichterbecher-Kultur im westlichen Ostseeraum hatte entstehen können. Natürlich kann auch diese Kultur schon diese Fernhandels-Kontakte über See gekannt haben, auch wenn es diese selbst - als seßhafte Ackerbauern, die vom Festland stammen - nicht von sich aus unterhalten haben muß.

In der genannten Rezension (4) wird auf eine jüngst veröffentlichte ancient-DNA-Studie hingewiesen, wonach unter den Bauern der Brester Kultur ("Brześć-Kujawski-Kultur") in Kujawien an der Weichsel Frauen aus angrenzenden Jäger-Sammler-Völkern gelebt haben (5). Und daran anschließend wird nun die vergleichsweise "kühne" These aufgestellt, die Männer solcher Bauernvölker seien samt ihrer Keramik an die Ostsee gekommen, um hier nach Frauen zu suchen, da die Sterblichkeit der eigenen Frauen zu hoch gewesen sei, da aber eine hohe Nachkommenzahl für diese das Wichtigste gewesen sei. Nunja, eine "kühne" These!

Abb. 5: Erschienen 2015

Es geht auch einfacher. Die einfachste Erklärung ist schlicht, daß es regen Handelsaustausch über See gegeben hat, und daß dabei natürlich auch Frauen aus Neuwasser mit gefahren sind, die dann in den Bauernvölkern vor Ort geblieben sind. Übrigens muß so oder ähnlich ja überhaupt viel Völker-Entstehung in Europa erklärt werden, da ja nach allem, was wir bisher wissen (siehe die letzten beiden Blogbeiträge) alle Bauernvölker Europas aus Mischbevölkerungen zwischen Bauern aus dem jeweiligen Süden und einheimischen Jäger-Sammler-Völkern hervorgegangen sind während ihrer jeweiligen Ethnogenese.


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*) Benannt nach der Stadt Brest in Kujawien (Wiki). Sie liegt 60 Kilometer südlich der Stadt Thorn an der Weichsel auf dem Weg nach Warschau, also ganz im Westen von Kongreßpolen, nahe zu jener Grenze nach Westpreußen wie sie bis 1918 bestanden hat.

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  1. Jacek Kabaciński, Sönke Hartz, Daan C. M. Raemaekers, Thomas Terberger (Hrsg.): The Dąbki Site in Pomerania and the Neolithisation of the North European Lowlands [c. 5000 - 3000 cal B.C.]. (Archäologie und Geschichte im Ostseeraum, Bd. 8). Verlag Marie Leidorf, Rahden/Westfalen 2015 (freies pdf)
  2. Dąbki. Where hunters met farmers. In: Science in Poland, 18.11.2013, http://scienceinpoland.pap.pl/en/news/news,397981,dabki-where-hunters-met-farmers.html
  3. Kerkko Nordqvist and Aivar Kriiska: Towards Neolithisation. The Mesolithic-Neolithic transition in the central area of the eastern part of the Baltic Sea. In: Siehe 1.,  S. 537ff, file:///C:/Users/User/Downloads/Fail_36%20Nordqvist-Kriiska%20-%20Dabki-Band.pdf 
  4. Czerniak, L. (2017). Review of: Kabaciński, J., Hartz, S., Raemaekers, D. C. M., & Terberger, Th. (Hrsg.) (2015). Der Fundplatz Dąbki in Pommern und die Neolithisierung der nordeuropäischen Tiefebene (ca. 5000 - 3000 cal B.C.). The Dąbki Site in Pomerania and the Neolithisation of the North European Lowlands (c. 5000 - 3000 cal B.C.). (Archäologie und Geschichte im Ostseeraum 8). Rahden/Westf.: M. Leidorf. Archäologische Informationen 40, Early View, published online 10 July 2017, http://www.dguf.de/fileadmin/AI/ArchInf-EV_Czerniak.pdf
  5. Lorkiewicz, W., Płoszaj, T., Jędrychowska-Dańska, K., Żądzińska, E., Strapagiel, D., Haduch, E., Szczepanek, A., Grygiel, R. & Witas, H. W. (2015). Between the Baltic and Danubian Worlds: The Genetic Affinities of a Middle Neolithic Population from Central Poland. PLOS ONE, February 25, 2015. DOI:10.1371/journal. pone.0118316

Montag, 10. Juli 2017

Was macht uns Europäer genetisch so einzigartig?

Die ancient-DNA-Forschung entwirft ein völlig neues und unerwartetes Bild vom Werden der europäischen Völker

Seit März 2017 ist es definitiv. Wir Europäer sind genetisch eine Mischung aus westeuropäischen Jäger-Sammler-Völkern, Bauern aus der Ägäis (die am ehesten den heutigen Bewohnern Sardiniens ähnelten) und Jäger-Sammler-Völkern aus dem Kaukasus. Vielleicht/vermutlich gibt es noch eine genetische Komponente der osteuropäischen Jäger-Sammler-Völker, aber am wenigsten scheinen die skandinavischen Jäger-Sammler-Völker genetisch auf uns Einfluß genommen zu haben. So jedenfalls der derzeitige Stand der Forschung, nachdem schlußendlich auch mindestens die Genome von drei Bauern, bzw. Bäuerinnen der Trichterbecherkultur sequenziert worden sind, zuletzt von Johannes Krause in Jena (1).

Grafik 1: Hauptkomponenten-Analyse zu den genetischen Verwandtschaftsverhältnissen zwischen den archäologischen Kulturen Europas und des Vorderen Orients seit der Eiszeit vor dem Hintergrund der heutigen Verwandtschaftsverhältnisse

Seit 2009 haben wir hier auf dem Blog immer wieder intensiv nachgedacht gerade auch über die Entstehung des Volkes der Trichterbecherkultur im südlichen Ostseeraum (zu finden unter dem Label "-4.100 v. Ztr."). Es war schon klar, daß die dortige Vorgängerkultur, die Ertebolle-Kultur genetisch weitgehend ausgestorben ist. Aber woher kamen die neuen bäuerlichen Zuwanderer? Die Frage scheint deshalb so bedeutsam, weil wir Mittel- und Nordeuropäer zu nicht geringen Teilen Nachkommen dieser Trichterbecher-Kultur sind. Und diese Kultur war bis März 2017 der letzte verbliebene weiße Fleck auf dem Gebiet der ancient-DNA-Forschung über die Völker Europas. Und jetzt, seit März 2017 gibt es definitivere Ergebnisse der ancient-DNA-Forschung (1).

Mehr genetische Veränderungen als im Vorderen Orient 


Und indem die zentralsten Fragen damit nun - sehr überraschend - geklärt sind, werfen sie zugleich wieder eine Fülle von neuen Fragen auf. Es bestätigt sich, was sich schon in früheren Arbeiten andeutete - und was wir anfangs absolut nicht hatten glauben wollen. Da die Hauptkomponenten-Analyse der aktuellen Arbeit zu den genetischen Verwandtschaftsverhältnissen zwischen den archäologischen Kulturen Europas und des Vorderen Orients seit der Eiszeit (1) gerade nicht als Bild hier hat eingefügt werden kann (sie kann aber ja in der Originalarbeit eingesehen werden), wird hier eine ganz ähnliche aus einer Arbeit des letzten Jahres gewählt (Grafik 1). Diese Grafik wird auch in dem Vortrag von David Reich im vorletzten Blogbeitrag gut erläutert. Und mit solchen Grafiken werden nun fast regelmäßig in den ancient-DNA-Forschungen die Ergebnisse veranschaulicht.

Eine Erläuterung derselben sei auch in dieser Stelle noch einmal gegeben: Grau unterlegt finden sich in dieser Grafik Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den heutigen Populationen in Europa und dem Vorderen Orient. Dabei sehen wir zwei graue "Streifen" (in der Art von "Milchstraßen"). In dem rechten Streifen finden sich die heutigen Populationen des Vorderen Orients wieder, in dem linken die heutigen Populationen Europas. Dort wo sich die heutigen Populationen des Vorderen Orients finden, finden sich auch die archäologischen Populationen des Vorderen Orients. Sie sind in dieser Grafik nicht eingetragen. Aber daraus wird erkennbar, daß es im Vorderen Orient seit 12.000 Jahren genetische Kontinuität gibt. Das ist nun in Europa ganz anders.

Die farbigen Eintragungen dieser Grafik stellen nun die archäologischen Kulturen Europas dar und wie sie sich dem grau unterlegten Verwandtschaftsmuster der heutigen Populationen zuordnen.

Da sehen wir als erstes, daß die Jäger-Sammler-Völker Europas in Westeuropa ("Western European hunter-gatherers"), in Skandinavien ("Scandinavian hunter-gatherers") und in Osteuropa ("Eastern European hunter-gatherers") ebenso herausfallen aus der heutigen Verwandtschaftsverteilung wie die ersten Indogermanen an der Wolga ("Yamnaya"). Alle diese Populationen weisen also - im Gegensatz zu den vorneolithischen Populationen des Vorderen Orients keine sozusagen "unverfälschte" genetische Kontinuität bis heute auf, viel mehr müssen diese vorneolithischen europäischen Jäger-Sammler-Völker - zumindest in der unverfälschten Version, in der sie zuvor existierten - als ausgestorben gelten. Was nicht heißen muß, daß nicht dennoch - über noch schwer nachvollziehbare Wege - genetische Eigenschaften und Merkmale dieser Populationen in Nachfolge-Populationen übernommen worden sein können. Allerdings unterlagen sie dabei mit Sicherheit starker Selektion was dann Populationsgenetiker auch als "genetic sweep" beobachten (daß also bestimmte genetische Merkmale plötzlich eine überraschend größere Häufigkeit in einer Population bekommen als zuvor.)

Sind die starken Veränderungen der Grund für die Besonderheiten der europäischen Genetik, Geschichte und Kultur?


Auf diese ausgestorbenen Jäger-Sammler-Völker in Europa folgen nun jedenfalls "Mischvölker", deren Vorfahren sowohl aus den europäischen Jäger-Sammler-Völkern Europas stammen als auch aus den aus Kleinasien zugewanderten Bauern des Vorderen Orients. Da es immer wieder zu neuen Mischungen kam bei der Ethnogenese jedes einzelnen Volkes, gab es hier auch viele Möglichkeiten für Selektion während der Ethnogenese von Völkern und zwischen Völkern ("Gruppenselektion"). Das eine Mischungsverhältnis starb aus, andere Mischungsverhältnisse bestehen im wesentlichen weiter bis heute. Und innerhalb jedes Volkes, das bis heute weiter bestanden hat, scheint es zusätzlich auch noch nach der eigentlichen Ethnogenese überraschend viel Selektion gegeben zu haben.

Mit einem solchen Ergebnis hat vor fünf Jahren, ja, noch vor zwei Jahren niemand gerechnet und niemand rechnen können. Das ist etwas ganz Neues. Und das Bild ist für viele archäologische Bauernkulturen Europas ein sehr einheitliches. Und nun ordnet sich - quasi als letztes fehlendes Puzzelteil - in dieses Bild auch noch die früheste skandinavische Bauernkultur ein, nämlich die eindrucksvolle, weltgeschichtlich bedeutende Trichterbecher-Kultur.

Schon in der Grafik von vor einem Jahr fand sich ein erstes sequenzierte Genom eines mittelneolithischen schwedischen Ackerbauern verzeichnet ("Sweden/Skoglund_MN"), also eines Angehörigen der Trichterbecher-Kultur. Es war eben dort verzeichnet, wo sich nun auch die beiden neuen Genome aus diesem Jahr in der Verwandtschaftsverteilung wieder finden ("EN TRB" und "MN TRB"). Nämlich ganz in der verwandtschaftlichen Nähe zu den ersten mitteleuropäischen Bauern, den Bandkeramikern (hier "Early Neolithic") und noch näher zu den mitteleuropäischen Bauern des Mittelneolithikums, also der auf die Bandkeramiker folgenden Michelsberger Kultur ("Middle Neolithic"). Als wir die ersten leisen Hinweise auf solche Verwandtschaftsverhältnisse hier auf dem Blog referierten, schienen sie uns ganz abwegige "Artefakte", fehlerhafte Meßergebnisse zu sein. Pustekuchen! Die große Zahl der Ergebnisse über ganz Europa hinweg läßt das Bild nun unglaublich klar und eindeutig werden.

Damit liegen die ersten norddeutschen Ackerbauern verwandtschaftlich ebenso auf der Mitte zwischen den Extremen Jäger-Sammler im Vorderer Orient einerseits und Jäger-Sammler im vorneolithischen Europa andererseits wie schon die anderen erforschten früh- und mittelneolithischen Kulturen Europas. Es war definitiv etwas Neues, was sich da - auch mit den Trichterbecher-Leuten - in Norddeutschland, Dänemark und Schweden ausgebreitet hat. Es waren nicht einfach genetisch "Einheimische", die eine neue Kultur und Lebensweise angenommen haben.

Damit wird nun das Bild - zumindest in groben Umrissen - überraschend klar.

Und künftig wird es darum gehen, den Einzelheiten dieses Bildes genauer nachzugehen. Wie kam es dazu, daß sich gerade im Gebiet der Trichterbecher-Kultur bis heute die großen, blonden, blauäugigen Rohmilchverdauer mit hoher angeborener Intelligenz, mit ADHS und großen thymotischen Energien ansammelten, obwohl doch ihre Vorfahren zu nicht geringen Teilen von einem Volk aus Kleinasien abstammen, das dort - in Kleinasien - heute auch nicht mehr lebt? Aber warum dann nicht auch dort? Hier werden einerseits die vorneolithischen europäischen Vorfahren eine Rolle spielen. Aber es wird auch - so darf man annehmen - nach der Ethnogenese der Trichterbecherkultur noch viel Selektion stattgefunden haben. Auch wird erst die nachherige Eroberung durch die Indogermanen dieses sehr eindeutige körperliche und seelische Erscheinungsbild der Skandinavier und Nordeuropäer hervorgebracht haben.

Dennoch ist es unter all den genannten Umständen dann doch erstaunlich, daß wir heute - und schon seit vielen hundert Jahren - so gar kein rechtes Verwandtschaftsgefühl zu Bauern aus Anatolien oder zu Jägern und Sammlern aus dem Kaukasus (von denen die Indogermanen zum Teil abstammen) empfinden. Liegt das wirklich nur an der sehr anderen Religion des Islam? Oder haben sich Kleinasien und Nordeuropa auch genetisch über die Jahrtausende eher auseinander entwickelt als aufeinander hin? (Zum Beispiel eben über die genannten "genetic sweeps"?) (Siehe dazu auch den ersten Kommentar zu diesem Blogbeitrag.)

Die Trichterbecher-Kultur stand genetisch der Michelsberg-Kultur und ihren Vorgängerkulturen nahe


Jedenfalls nimmt damit eine Forschungs-Diskussion ein sicherlich außergewöhnliches unerwartetes Ende, die in den letzten hundert Jahren intensiv geführt worden ist. Und da macht es Sinn, den heutigen Erkenntnisstand noch einmal mit dem letzten Kenntnisstand der traditionellen Physischen Anthropologie zu diesen Fragen zu vergleichen. Also: Was ist in den zuletzt von meinem Professor Wolfram Bernhard (RLP-Forschung) in Mainz bearbeiteten Bänden (2) im Gegensatz dazu an Vermutungen geäußert worden über die Ethnogenese der europäischen Völker, der Bandkeramiker, der Indogermanen, der Trichterbecherkultur, der bronzezeitlichen Völker? Auch alle Erörterungen über die genetischen Ursprünge der europäischen Völker anhand der Ergebnisse der Sequenzierung der Genome heutiger Menschen wie sie in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren geführt wurden, kann man damit zu aller größten Teilen zu den Akten legen.

Am meisten Informationen über den heutigen neuen Kenntnisstand hatten wir, wie schon im letzten Beitrag erwähnt, Vorträgen von David Reich entnommen, die er im letzten Jahr gehalten hat und die auf Youtube eingestellt sind (siehe St.gen. 2017). Obwohl der letzte davon im Mai in Israel gehalten wurde, war in ihm noch nicht ausdrücklich auf die für uns Deutsche und Nordeuropäer so wichtige Trichterbecherkultur hingewiesen worden und den ganz neuen Kenntnisstand zu ihr.

Jetzt müssen natürlich vor allem einmal die Kaukasus-Kulturen interessieren, die Einfluß genommen haben auf die Ethnogenese der Indogermanen, und die - soweit übersehbar - bislang kaum jemand im Blick hatte, was die Ethnogenese der Indogermanen betrifft. Die Indogermanen hatten eine Hautfarbe wie die heutigen Spanier.

Das Spannende ist, daß durch die vielen genetischen Komponenten, aus denen sich die europäischen Völker heraus entwickelt haben und durch die mehrfachen Aussterbe-Ereignisse und Neuentstehung von Völkern in Europa scheinbar viel mehr genetisch geschehen ist als in den letzten 12.000 Jahren im Vorderen Orient, wo es weitgehend genetische Kontinutität gegeben hat bis heute. Es wird dieser Umstand nicht zum wenigsten sein, aus dem heraus die Einmaligkeit der Kulturentwicklung der "westlichen Welt" erklärt werden kann, also die von ihr hervor gebrachten kulturellen Errungenschaften ("Human Accomplishment") nach Charles Murray.

Aber was jetzt in ersten Andeutungen sichtbar wird, aber auch schon ausgesprochen worden ist, ist der Umstand: Auch nach der jeweiligen Ethnogenese eines europäischen Volkes hat es bis heute immer noch sehr viel Selektion in diesem Volk gegeben ("genetic sweeps"). Über diese wird in näherer Zukunft noch ein genaueres Bild zu geben und zu erarbeiten sein. Es ist ja die Frage zu stellen: Warum hat kein traditionell arbeitender Physischer Anthropologe etwas von der mediterranen Herkunft der heutigen Europäer gesehen? Warum fühlen wir so überhaupt keine genetische Verwandtschaft mit den heutigen anatolischen Bauern oder Kaukasus-Bewohnern? Hier ist wohl noch vieles ungeklärt und neu zu überdenken und weiter zu erforschen.


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  1. Alissa Mittnik, Chuan-Chao Wang, Saskia Pfrengle, Mantas Daubaras, Gunita Zariņa, Fredrik Hallgren, Raili Allmäe, Valery Khartanovich, Vyacheslav Moiseyev, Anja Furtwängler, Aida Andrades Valtueña, Michal Feldman, Christos Economou, Markku Oinonen, Andrejs Vasks, Mari Tõrv, Oleg Balanovsky, David Reich, Rimantas Jankauskas, Wolfgang Haak, Stephan Schiffels, Johannes Krause: The Genetic History of Northern Europe. BioRxiv, 3.3.2017, http://www.biorxiv.org/content/early/2017/03/03/113241
  2. Schwidetzky, Ilse (Hrsg.): Rassengeschichte der Menschheit. 14 Bände. Begr. v. Karl Saller. Oldenbourg Wissenschaftsverlag. 1968 bis 1993, https://www.degruyter.com/view/serial/234692
  3. Quiles, Carlos (2017). Indo-European demic diffusion model (2nd ed.). Badajoz, Spain: Universidad de Extremadura. https://indo-european.info/wiki/index.php/Chalcolithic
  4. Eppie R. Jones; Gunita Zarina; Vyacheslav Moiseyev; Emma Lightfoot; Philip R. Nigst; Andrea Manica; Ron Pinhasi; Daniel G. Bradley: The Neolithic Transition in the Baltic Was Not Driven by Admixture with Early European Farmers. In: Current Biology, 20. Februar 2017, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982216315421

Sonntag, 2. Juli 2017

Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen

Wie entstanden die modernen europäischen Völker? 
- Ancient-DNA-Forscher David Reich berichtet über den aktuellen Forschungsstand

In diesem Beitrag möchte ich einige Ausführungen zum derzeitigen Stand der Forschungen zur Entstehung und Ausbreitung des weltgeschichtlich so bedeutenden Volkes der Indogermanen, bzw. der Indoeuropäer machen. Was dieses Gebiet betrifft, befindet sich die ancientDNA-Forschung gerade in rasanter Entwicklung. Aber das Bild ist in groben Umrissen schon fertig. Und außerordentlich überraschend.

Rasante Entwicklungen in der archäologischen Erforschung des Neolithikums und der Bronzezeit hat es in den letzten 25 Jahren insbesondere in Bezug auf das vorkeramische Neolithikum des Vorderen Orients und in Bezug auf die Bandkeramik Mitteleuropas gegeben, zwei Themen, die ich seit den letzten Semestern meines Studiums vor 25 Jahren sehr intensiv bearbeitet habe, auch hier auf dem Blog. Natürlich hat man parallel dazu immer auch die Geschichte der Indogermanen im Auge behalten. Aber hier hat es letztlich nie so rasante Neuerkenntnisse bislang gegeben wie bezüglich der anderen beiden Themen. Und genau dieser Umstand ändert sich gerade. Allerdings ändert sich der Kenntnisstand zur genetischen Geschichte Europas und des Vorderen Orients gerade überhaupt rasant.

Um mit diesen neuen wissenschaftlichen Entwicklungen Schritt zu halten, ist als Einstieg sicherlich außerordentlich nützlich (gibt es etwas Besseres?) ein Vortrag, den David Reich (Harvard), Humangenetiker von Harvard, hoch geschätzter Kollege, Freund und Schüler von Svaante Pääbo (Leipzig), erst kürzlich, im Mai 2017 in Israel (Yt) gehalten hat über seine Forschungen an genetischem Material, das aus archäologischen Knochen weltweit derzeit in immer größeren Zahlen sequenziert und ausgewertet wird.*)




David Reich ist heute einer der wichtigsten Forscher weltweit auf diesem Gebiet (neben Johannes Krause und anderen). Und er ist insbesondere - neben anderen - beteiligt an der Erforschung der genetischen Herkunft der Indogermanen, unserer Vorfahren, das weltgeschichtlich bedeutsamste Volk, das um 5.300 v. Ztr. in einer so entlegenen Region wie der Mittleren Wolga entstanden ist, bzw. sich nach dorthin ausgebreitet hat. (Als die deutschen Truppen 1941 bis Moskau und Stalingrad gekommen waren, hatten sie zwar schon viele tausende Kilometer hinter sich gebracht. Sie waren dort aber immer noch rund tausend, bzw. 800 Kilometer von ihrer einstigen Urheimat an der Mittleren Wolga entfernt. Sie liegt 400 Kilometer westlich vom Ural.) Die Indogermanen entstanden zwischen Mittlerer Wolga und Kaukasus etwa zur gleichen Zeit, als am Plattensee in Ungarn das heute ausgestorbene, damals so unglaublich erfolgreiche mitteleuropäische Volk der Bandkeramiker entstanden ist. Man darf sich durchaus die Frage stellen: Warum ist das einst so erfolgreiche Volk der Bandkeramiker in Mitteleuropa heute genetisch ausgestorben und warum sind das Volk der Indogermanen und seine Nachkommen bis heute auf der Erde so erfolgreich geblieben? Die Antwort wird sich wahrscheinlich unter anderem in der besonderen Verhaltensgenetik des Volkes der Indogermanen finden.

Die Forschungen von David Reich und seiner Kollegen bringen Umwälzungen in unserem Wissen über die Entstehung der europäischen Völker wie es niemand hat erwarten können. Und diese Umwälzungen betreffen das Selbstverständnis der Völker der Nordhalbkugel natürlich im tiefsten Kern, so tief, wie diese Völker schon seit Jahrzehnten keine neuen Erkenntnisse mehr über sich selbst gewonnen haben. David Reich spricht in seinem Vortrag mit großem Recht davon, daß die Revolution rund um die Sequenzierung von genetischem Material aus archäologisch gewonnenen Menschenknochen ("ancient-DNA-Revolution") der letzten fünf Jahre ähnlich bedeutsam ist wie die C14-Revolution in den 1950er Jahren. Seit den 1950er Jahren können die Zeiträume der Entstehung, der Ausbreitung und des Untergangs der Völker der Weltgeschichte sehr genau datiert werden, was bis dahin nicht möglich war. Durch die C14-Revolution "vertiefte" sich unser Wissen um die Geschichte der ackerbautreibenden Kulturen weltweit schlicht um den doppelten Zeitraum. Hatten bis dahin Bücher, die den Kenntnisstand der Archäologie popularisierten, Titel tragen können wie "5000 Jahre Deutschland" (Jörg Lechler, 1937), ist es seither möglich, solchen Büchern potentielle Titel zu geben wie "8000 Jahre Bauern in Deutschland", bzw. "12.000 Jahre Getreide anbauende Kulturen im Vorderen Orient" und so weiter. Darüber wurde ja hier auf dem Blog schon häufiger berichtet.

Die neue Erkenntnis


Insbesondere ab Minute 20'35 trägt David Reich in diesem Vortrag nun Erkenntnisse vor, die besonders neu sind, und die man erst einmal auf sich wirken lassen muß. Es wird eine Grafik gezeigt, deren Aussage auch für diesen Blog ganz neu ist.  Diese Grafik zeigt eine "Hauptkomponenten-Analyse" der genetischen Verwandtschaftsbeziehungen von archäologischen und gegenwärtigen Populationen. Ihre Aussage: Vor dem Neolithikum waren die Völker in West- und Nordeuropa, in Anatolien und im Levanteraum genetisch voneinander so unterschiedlich wie sich heute noch Europäer und Ostasiaten genetisch voneinander unterscheiden. Mit dem Neolithikum in Europa (also ab etwa 6500 v. Ztr.) und mehr noch mit der Ausbreitung der Indogermanen während der Bronzezeit änderte sich das. Die frühen Bauernvölker Anatoliens und Mitteleuropas ebenso wie unsere Vorfahren, die Indogermanen an der Mittleren Wolga, lagen was die vormalige genetische Entfernung zwischen den vorneolithischen europäischen und vorneolithischen vorderorientalischen Völkern betrifft, ziemlich genau in der Mitte zwischen beiden.

Während die nordeuropäischen Jäger und Sammler, ebenso wie das erste mitteleuropäische Bauernvolk der Bandkeramiker in der Folgezeit genetisch ausstarben, leben die genetischen Nachfahren der vorderorientalischen Jäger und Sammler heute immer noch im Vorderen Orient und leben die genetischen Nachfahren der Indogermanen heute immer noch in Europa, Nordamerika und Australien. Es hat also - davon spricht David Reich in seinem Vortrag gar nicht! - in Europa genetisch in den letzten 8000 Jahren deutlich mehr genetische Veränderungen gegeben als im Vorderen Orient. Es ist sehr nahe liegend, daß der genetische und kulturelle Erfolg jener Völker, die in der hier zu Tage tretenden weltgeschichtlichen "Gruppenselektion" in Europa am erfolgreichsten waren - nämlich vor allem Indogermanen und Trichterbecherkultur - auch für jenes "Human Accomplishment" (Charles Murray), für jene kulturellen Errungenschaften verantwortlich sind, die in den letzten 3000 Jahren Menschheitsgeschichte vor allem hervorgebracht worden sind.

Es gab in Europa deutlich häufiger populationsgenetische Neuanpassungen über Gründer-, bzw. Flaschenhals-Populationen, während es im Vorderen Orient demgegenüber seit dem Vorneolithikum deutlich mehr populationsgenetische Kontinuität bis heute gegeben hat. (Das Aussterben der hellhaarigen, indogermanischen Eliten des Mittelmeerraumes am Ende der Spätantike ist noch nicht in das Blickfeld der Humangenetik geraten.) Es ist mehr als nahe liegend, die - sozusagen - "fortschrittlichere" Verhaltens- und Intelligenzgenetik der Mittel- und Nordeuropäer auf diese weltgeschichtlichen Gruppenselektions-Prozesse zurückzuführen etwa zwischen 5.500 v. Ztr. bis 600 n. Ztr.. Danach hat es keine grundlegenderen populationsgenetischen Veränderungen mehr in Europa gegeben. Erst in den letzten Jahrzehnten deutet sich an, daß es wieder zu massiven populationsgenetischen Veränderungen in Europa kommen kann. Diesbezüglich ist der Willensbildungs-Prozeß der europäischen Völker womöglich noch nicht abgeschlossen. Und da es sich um fortschrittliche Wissensgesellschaften handelt, könnte es sein, daß auf diesen Willensbildungs-Prozeß auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse Einfluß gewinnen. Deutlich ist, daß alte religiöse und ideologische Mächte unterschwellig sehr intensiv daran arbeiten, die modernen Wissensgesellschaften nicht ihrem Charakter entsprechend - nämlich über wissenschaftliche Aufklärung - funktionieren zu lassen. Es sind derzeit viel mehr Versuche zu beobachten, ganze Völker massiv zu verblöden und zu infantilisieren, sprich, es ihnen unmöglich zu machen, auf wesentlichsten Gebieten verantwortlich zu handeln.

Nach der erwähnten Grafik bilden, um das noch einmal etwas genauer auszuführen, 
  1. die vorneolithischen, neolithischen und bronzezeitlichen Populationen des Vorderen Orients ein genetisches Verwandtschafts-"Cluster" (eine Völkergruppe mit genetischen Gemeinsamkeiten sowohl über einen weiten geographischen Raum hinweg als auch über viele Zeitalter hinweg).
  2. Bilden die neolithischen und bronzezeitlichen Völker Kleinasiens, Europas und der Nordschwarzmeer-Steppen - Indogermanen - ein weiteres größeres Verwandtschafts-"Cluster". Und 
  3. bilden die vorneolithischen westeuropäischen wie osteuropäischen Jäger- und Sammler-Völker ein Verwandtschafts-"Cluster".
Diese drei Cluster sind sehr grob, wenn man bedenkt, daß im gleichen Cluster sich einerseits die ausgestorbenen Bandkeramiker und andererseits die Indogermanen befinden, deren Nachfahren wir heute sind und wenn man bedenkt, daß diese beiden Völker genetisch doch schon erhebliche Unterschiede untereinander aufgewiesen haben werden, da sie sich vermutlich nie begegnet sind. Es werden das ähnliche Unterschiede sein wie sie auch unter Populationen der in den beiden anderen Clustern zusammen gefaßten Völker zu finden sein werden.

Dennoch soll die Grafik ja einen Erkenntnisgewinn mit sich bringen. Dieser besteht darin, daß die Völker des europäischen Neolithikums - und zwar auch die Indogermanen - genetisch auf der Mitte zwischen zwei vorneolithischen Extremen stehen. Aus dieser Grafik folgt, daß die modernen europäischen Völker - also wir - genetisch grob auf der Mitte stehen zwischen den genetisch ausgestorbenen Jäger-Sammler-Völkern Europas und den genetisch nicht ausgestorbenen Völkern des Vorderen Orients. (Dabei erwähnt David Reich übrigens auch, daß schon das erste Eiszeitjäger-Volk der Eiszeit noch während der Eiszeit ausgestorben ist und durch ein anderes Volk ersetzt worden ist.)

Gegenüber der in dieser Grafik enthaltenen Erkenntnis ist die durch David Reich im weiteren dann gegebene Deutung dieser Erkenntnis sicherlich eher nur zweitrangig. Er deutet sie aus einer auffallend einseitigen multikulturellen, globalistischen Weltsicht heraus. Dem muß man sich nicht anschließen, wenn man sich klar macht, welche klaren genetischen Unterschiede es noch heute zwischen dem mitteleuropäischen und vorderasiatischen Raum gibt, die auch dann erheblich bleiben, wenn sie nicht so groß sind wie der Unterschied gegenüber dem ostasiatischen Raum.

Gestorben wie Moses, bevor er das verheißene neue Land betreten konnte 


So weit zum Kerninhalt des Vortrages. Kurz seien noch einigen andere Inhalte des Vortrages erwähnt. David Reich hält den Vortrag im Anschluß an einen vorangegangenen Vortrag von Svaante Pääbo. Und es wird schnell deutlich, wie viel er selbst Svaante Pääbo verdankt. Man hat aber schon in dem Buch von Svaante Pääbo nachlesen können, daß auch Pääbo und seine Forschungsgruppe mit großen Respekt David Reich gegenüber stehen, weil sie ihm hinwiederum viel verdanken. In der anschließenden Diskussion antworten übrigens beide und es ist faszinierend, dabei die gereifte Persönlichkeit von Pääbo zu erleben (Yt). Schon allein dieses großzügige, freundschaftliche Geben und Nehmen zwischen den Forschern zu verfolgen, ist sehr eindrucksvoll. So soll es sein.

In seinem Vortrag sagt David Reich dann aber auch noch viele andere faszinierende Dinge. Er sagt zum Beispiel auch, daß sein zweites großes Vorbild neben Svaante Pääbo der italienische Humangenetiker Luigi Luca Cavalli-Sforza war, und daß sich dieser einst in den 1960er Jahren wie Moses auf den Weg gemacht hatte, einen neuen geistigen Kontinent zu entdecken, nämlich die genetische Geschichte der menschlichen Völker und Sprachen, daß er aber - aus heutiger Sicht - starb, bevor er diesen riesigen, neuen geistigen Kontinent wirklich erreicht hatte, und daß er auf diesem Weg bis zum Schluß - aus heutiger Sicht - in den allergrößten Irrtümern befangen blieb.

Er war mit so gut wie allen Biologen seiner Zeit - etwa auch mit Konrad Lorenz - von einer großen Statik der menschlichen Genetik in den letzten zehn- oder auch hunderttausend Jahren ausgegangen. Diese ist ja auch etwa für die Buschleute Südafrikas, für die Bantus Afrikas, für die australischen Ureinwohner, die Andamanen, die Ureinwohner von Papua Guinea und - wie jüngst bekannt wurde - auch für die Menschen des Vorderen Orients recht umfangreich gegeben. Auf sie womöglich paßt das einstmals gern benutzte Schlagwort von dem "Mammutjäger in der Metro". Aber auch das stimmt nicht: Sie alle waren ja niemals Mammutjäger und die Mammutjäger selbst sind - siehe oben - ausgestorben.

In Europa jedoch und vermutlich auch in Ostasien haben sich noch viele Gruppenselektions-Prozesse abgespielt in den letzten zehntausend Jahren. Das hatte niemand der früheren Forscher-Generation vorausgesehen. Die alte Sichtweise ist also durch die Forschungen auf dem Gebiet der "jüngsten" und "lokalen" Humanevolution seit etwa 2005 sehr grundlegend umgestürzt worden. Seit dieser Zeit wissen wir, daß sich innerhalb weniger tausend, wenn nicht sogar hundert Jahre unglaublich viel auch hinsichtlich der Genetik des Menschen ändern kann dadurch daß er neue Kultur entwickelt, bzw. sich genetisch an neue Kultur anpasst (Gen-Kultur-Koevolution). Diese Erkenntnis war aber seit etwa dem Jahr 2000 immer nur aus den menschlichen Genomen der Gegenwart abgeleitet worden.

Und nun hört man in diesem Vortrag von David Reich, daß das genannte überkommene Geschichts-, Menschen- und Völkerbild von den Völkern der Nordhalbkugel anhand seines archäologischen genetischen Materials noch viel grundlegender als das schon seit 2005 geschehen war, geändert werden muß. David Reich spricht nun schon mit einer ganz anderen Sicherheit und Souveränität von Dingen, die bislang diesbezüglich in der Forschung immer noch gefehlt hatte. Eine der erstaunlichsten Erkenntnisse, die er vorträgt, ist jene, über die wir auch schon häufiger hier auf dem Blog berichtet haben, nämlich daß die meisten Völker, die es in der europäischen Geschichte gegeben hat, ausgestorben sind und von neuen Völkern ersetzt worden sind.

Es schält sich heraus, daß sich in dieser Eigenschaft der europäische Kontinent von anderen Erdregionen unterscheidet. Die bevölkerungsgenetische Kontinuität scheint zum Beispiel im Vorderen Orient - wie schon gesagt - in den letzten mehreren tausend Jahren wesentlich stetiger gewesen zu sein als das für Europa gesagt werden kann. Man wird vermuten dürfen, daß in dieser stetigen Neuentsteung von Völkern in Europa einer der Hauptgründe dafür beschlossen liegt, daß der angeborene Intelligenz-Quotient höher ist als auf der Südhalbkugel und daß auch die hier vorherrschende Verhaltensgenetik eine an moderne Kultur besser angepaßte ist als die traditionelle Verhaltensgenetik im Vorderen Orient und in anderen Erdregionen. Die vielen Gründerpopulationen, aus denen neue Völker hervorgegangen sind, ermöglichten viel mehr Selektion und Innovation als wenn genetische Kontinuität über die Jahrtausende hin vorgeherrscht hätte in Europa.

Aus dieser Sicht können sogar die gegenwärtigen demographischen Umbrüche auf der Nordhalbkugel eine neue Bewertung erfahren. Mit ihnen können nicht nur Befürchtungen hinsichtlich eines Abbruchs Jahrtausende langer kultureller und/oder genetischer Kontinuität verbunden werden, sondern auch Hoffnungen. Nämlich die Hoffnung, über damit verbundene günstige Selektionsprozesse zu neuen populationsgenetischen Anpassungen für die zukünftige, erfolgreiche Gesellschaftsform zu gelangen. Aber das sei nur in aller Zurückhaltung formuliert. Nichts Gewisses weiß man nicht, was die Evolution mit uns noch vor hat, bzw. was wir selbst aus uns über Geschichts- und Kulturgestaltung, über Familiengründung in Eigenverantwortung heraus machen. Die Evolution hat ihre Kinder nicht entlassen, sondern mit großer und immer wachsender Eigenverantwortung zur Gestaltung des künftigen Schicksals der Menschheit belegt.

David Reich berichtet auch von der erst kürzlich gemachten Entdeckung, daß sich DNA in hundertfacher Menge als sonst in archäologischen Knochen besonders hält im menschlichen Felsenbein. Über dies ist zu erfahren (Wiki):
Das Felsenbein oder die Felsenbeinpyramide ist der härteste Knochen des Säugetier- und Menschenschädels und ein Abschnitt des Schläfenbeins (Os temporale). Es umgibt das Innenohr (Labyrinth).
Diese Entdeckung gibt Hoffnung, daß erhaltene "ancient DNA" auch in solchen Regionen der Erde gefunden werden kann, in denen man solche bislang nicht hat finden können, weil es dort zum Beispiel zu heiß ist, um genetisches Material über viele Jahrtausende stabil zu erhalten.

2015 - Durchbruch! Es ist definitiv: Die Indogermanen stammen von der Mittleren Wolga


Was David Reich - aufgrund der Kürze seines Vortrages nur allzu schnell abhandelt, ist seit spätestens Mai 2015 durch die Veröffentlichung mehrerer neuer genetische Studien an Knochenresten untergegangener (nur archäologisch bekannter) Völker und Kulturen (z.B. 1) erkannt worden. Es muß das als der Durchbruch in der Indogermanen-Forschung gelten. Das Geschehen in der Wissenschaft hatten wir bislang vornehmlich nicht hier auf dem Blog, sondern auf unserem GooglePlus-Profil verfolgt. Die dortigen Einträge der letzten beiden Jahre sollen hier noch einmal zur weiteren Erläuterung eingestellt sein (unter Auslassung einiger damals noch vorliegender Irrtümer), bevor dann weiter unten noch zu weitergehenden, aktuellen Erörterungen unsererseits übergegangen werden soll. Im Mai 2015 hatten wir geschrieben (GooglePlus, 20.5.2015):
Wir stammen genetisch über die männliche Linie zu 2/3, also insgesamt zu einem Drittel von den Schnurkeramikern ab und zwar nur von einer kleinen Gründerpopulation, die sich durch immenses Bevölkerungswachstum von der Ukraine aus über ganz Europa verbreitet hat - ? Spannend! Einmal erneut wird hier jedenfalls deutlich, welche große Bedeutung Flaschenhals-, bzw. Gründerpopulationen für den Fortgang der Weltgeschichte haben!
Inzwischen - 2017 - hat David Reich selbst seine eigenen Forschungen wieder infrage gestellt was den hohen Männeranteil der Zuwanderer betrifft ("Failure to replicate a genetic signal for sex bias in the steppe migration into central Europe", PNAS 2017). Fünf Monate später hielten wir fest (GooglePlus, 15.10.2015):
Die ancient-DNA-Forschung wird immer spannender. Nun sind die erhaltenen Gene von Bauern, die um 6.000 v. Ztr. in der heutigen Türkei gelebt haben, untersucht worden, Ergebnisse:
1. ".... that the Anatolian Neolithic samples do not resemble any present - day Near Eastern populations (!!!) but are shifted towards Europe, clustering with Neolithic European farmers (EEF) from Germany, Hungary, and Spain" (!!!) Das heißt, die Bandkeramiker stammen tatsächlich aus Anatolien (das hatte ich bislang bezweifelt). Aber mehr noch: Sie sind SOWOHL in Europa ausgestorben (das war schon bekannt), ALS auch (wie jetzt bekannt wird) in Anatolien! Knapp 50 % der Y-Chromosomen des keramischen Neolithikums in Anatolien ähnelt den Y-Chromosomen der ersten Bauern Mitteleuropas. Letztere haben - laut dieser Studie - NUR (!!!) 7 bis 11 % mehr europäische Jäger-Sammler-Gene in sich, als ihre damaligen anatolischen Verwandten.
2. Ein weiteres Ergebnis: Die kupferzeitlichen Spanier sind genetisch noch nicht von der Zuwanderung der Schnurkeramiker aus der Ukraine beeinflusst (städtische Los Millares-Kultur ab 3.200 v. Ztr.): "Thus, the “Ancient North Eurasian”-related ancestry that is ubiquitous across present-day Europe arrived in Iberia later than in Central Europe".
3. Aber auch zu den genetischen Ursprüngen der Indogermanen - sprich der nachmaligen Schnurkeramiker - in der Ukraine um 5.200 v. Ztr. (also zu Beginn der bandkeramischen Zuwanderung in Mitteleuropa), hat diese Studie Wesentlichstes zu sagen: "Admixture between populations of Near Eastern ancestry and the Early Hunter Gatherers (EHG)(in der Ukraine) "began as early as the Eneolithic (5200 - 4000 BCE), with some individuals resembling EHG and some resembling Yamnaya." (Yamnaya ist das Urvolk der Indogermanen, der Kurgankultur, der späteren Schnurkeramiker.) "The Yamnaya from Samara and Kalmykia,  the Afanasievo people from the Altai (3300-3000 BCE), and the Poltavka Middle Bronze Age (2900-2200 BCE) population that followed the Yamnaya in Samara, are all genetically homogeneous, forming a tight “Bronze Age steppe” cluster (...), sharing predominantly R1b-Y-chromosomes (...), and having 48 - 58% ancestry from an Armenian-like Near Eastern source without additional Anatolian Neolithic or Early European Farmer (EEF) ancestry."
Da wir Europäer von diesen Schnurkeramikern abstammen, heißt das, dass wir also nicht zuletzt aus Armenien stammen. In einem Vortrag aus dem September 2016, der etwas ausführlicher ist als der hier eingangs erwähnte, sagt David Reich, daß die osteuropäischen Jäger-Sammler sich mit Menschen "aus dem nördlichen Nahen Osten vermischt" haben, also "aus Gegenden wie etwa Armenien oder dem Iran", wobei das Volk der Indogermanen entstand (Yt, 31'41). Was für eine spannende Ethnogenese der Indogermanen. - In diesem Zusammenhang ist womöglich von Interesse, daß das 2000 Jahre spätere indogermanische Königreich nördlich des Kaukasus um 3.600 v. Ztr. ("Maikop-Kultur"), dessen Königs- und Adelsgräber viel Gold und Edelsteine aufweisen, die intensivsten Handelskontakte nicht mit den damals gegründeten Städten Nordmesopotamiens über den Kaukasus hinweg hatte (wenn dann noch am ehesten auf dem Gebiet der Keramik), sondern viel deutlicher mit den Städten des nördlichen Iran (10). Womöglich hat also der nördliche Iran auch eine entscheidende Rolle bei der Ethnogenese der Indogermanen gespielt. Und man darf annehmen oder wird es sogar müssen, dass es da - wie auch sonst häufiger - eine Flaschenhalspopulation gegeben hat, eine Gründerpopulation, in der viel genetische Selektion, viel Gen-Kultur-Koevolution stattgefunden hat. Es geschah das während der Entstehungszeit der Bandkeramik in Mitteleuropa.
4. Aber damit sind noch keineswegs alle Ergebnisse dieser Studie referiert. Sie kann auch Aussagen dazu machen, WELCHE Gene konkret selektiert wurden bei den hier behandelten Ethnogenesen! Das muss man sich alles noch genauer anschauen!
Während ich das hier einstelle, kommt mir die Vermutung, daß das Indogermanen-Phänomen von Anfang an ein Elitenphänomen gewesen sein könnte, und daß diese Eliten sehr beweglich waren, während die von ihnen unterworfenen Völkerschaften - schon an der Mittleren Wolga und auch sonst - seßhafter blieben. Aber das nur eine Vermutung. Jedenfalls wird durch diese Ausführungen noch einmal illustriert, was David Reich in seinem Vortrag - aufgrund der Kürze desselben - nur sehr schnell behandelt. Im Januar 2016 hörten wir in Potsdam einen Vortrag von Johannes Krause, einem weiteren Schüler von Svaante Pääbo (2) zu dieser Thematik und im Mai 2016 schrieben wir über eine weitere neue Studie (GooglePlus, Mai 2016):
Wir stammen im Wesentlichen von den indogermanischen Zuwanderern ab, die etwa 2.500 v. Ztr. vom Nordschwarzmeer-Gebiet aus als Schnurkeramiker ganz Mittel- und Nordeuropa eroberten (siehe frühere Beiträge). Das wissen wir seit etwa einem Jahr sicher aus der Untersuchung von genetischem Material, erhalten in alten Knochen ("ancient DNA"). Diese Zuwanderer waren groß, hatten helle Haut. Aber erstaunlich: Nun kommt heraus, dass die Völker, die durch diese Zuwanderungen entstanden, in der Häufigkeit noch WENIGER blonde Haare, blaue Augen und helle Haut hatten als heute, dass Menschen mit diesen Eigenschaften innerhalb dieser Völker seit der Zuwanderung der Indogermanen also mehr Kinder hatten, als Menschen mit anderen Eigenschaften (braune Augen, dunklere Haut usw.).
Es deutet sich an, daß es noch vergleichsweise viel Selektion innerhalb der europäischen Völker gegeben haben muß, nachdem ihre Ethnogenese selbst über Gründerpopulationen längst abgeschlossen war. Auch diesbezüglich werden die nächsten Jahre Forschung sicherlich viel mehr Klarheit bringen. Es hat hier also in den letzten Jahrtausenden weiterhin Selektion stattgefunden, die erst jenes körperliche (und sicherlich auch seelische) Bild hervorbrachte, das wir uns heute von Indogermanen machen (groß, blond, blauäugig). So aber hatten die ursprünglichen Indogermanen womöglich gar nicht ausgesehen. Nach dem schon genannten Vortrag vom September 2016 (Yt, 43'32) Sie hatten braune Augen, braune Haare. Dabei sollen doch auch schon die indogermanischen Inder, die in Indien einwanderten, als "Blonde" bezeichnet worden sein, ebenso ihr Gott "Hari" (Wiki), bzw. "Harikesh" als der Goldhaarige nach der traditionellen Anthropologie (3, S. 23). Auch diesbezüglich sind womöglich manche neuen Fragen aufgeworfen. Im Mai 2016 schrieben wir weiter als erste Mutmaßungen über jene Selektionsprozesse, die zu einem höheren Anteil von Blonden und Blauäugigen führten:
In traditionellen Bauern-Gesellschaften haben die reicheren Bauern mehr Kinder als die ärmeren. Die indogermanischen Zuwanderer und ihre Nachfahren werden zumeist die wohlhabenderen Bauern und Adeligen gewesen sein. Auch mag das durch die Zuwanderung entstandene kulturelle Ideal insgesamt dazu beigetragen haben, dass die Häufigkeit der Körpermerkmale - und damit natürlich auch der psychischen Merkmale - der Indogermanen sich seit ihrer Zuwanderung bis heute in den von ihnen abstammenden Völkern noch ausbreiteten. Ob das nicht auch eine Bestätigung der These von Gregory Clark ist (in "A Farewell to Alms"), nach der sich aufgrund von Gen-Kultur-Koevolution in den vielen letzten Jahrhunderten Intelligenzgene in England ausbreiteten? Und damit auch eine Bestätigung von Nicholas Wade, der von gewissen Wissenschafts-Vertretern in den USA scharf angegriffen wurde, als er die Thesen von Clark weiter dachte?
Selektion jedenfalls findet statt in vielen angeborenen Merkmalen, die unser Menschsein ausmachen. Bis heute. Und regional unterschiedlich. Wodurch die Einzigartigkeit der Völker entstanden ist, die die Globalisierer heute zerstören wollen.
Und im Oktober 2016 (GooglePlus 10/2016):
Ich hatte hier schon darüber berichtet: Die ancient-DNA-Forschung brachte letztes Jahr definitiv an den Tag, dass wir heutigen Mittel- und Nordeuropäer von den Indogermanen aus der Ukraine abstammen, die ab 2.800 v. Ztr. als "Streitaxtleute" bzw. "Schnurkeramiker" mit ihren Streitwagen Mitteleuropa eroberten. Und ich sagte auch schon, dass dabei - vermutlich - häufig die Männer der einheimischen Rinderwagen-Kulturen getötet und die einheimischen Frauen geheiratet wurden. In einer neuen genetischen Studie, die gestern veröffentlicht wurde, wird das noch einmal eindrucksvoll bestätigt und bekräftigt: "For later migrations from the Pontic steppe during the LNBA, however, we estimate a dramatic male bias, with ~5-14 migrating males for every migrating female. We find evidence of ongoing, primarily male, migration from the steppe to central Europe over a period of multiple generations, with a level of sex bias that excludes a pulse migration during a single generation." Bei den kriegerischen Zuwanderern kamen also auf fünf bis 14 Männer eine Frau! Und sie wanderten sogar über mehrere Generationen zu. All das in deutlichem Kontrast zu der Ausbreitung des Ackerbaus selbst in Mitteleuropa 3.000 Jahre zuvor (durch die Bandkeramiker).
Nun, dieses Forschungsergebnis von dem hohen Männeranteil der Zuwanderer steht ja noch in der Diskussion, es wird als ungesichert gelten müssen. Ansonsten müssen das wahrlich herrische Leute gewesen sein, die fast als reine Männergruppen ganze Völker, ja, einen ganzen Kontinent unterwarfen, die dort ansässigen Männer töteten, ihre Frauen heirateten und auch noch ihre Sprache überall in diesen Völkern durchsetzten.

Hausmaus, Rispenhirse und Ethnogenese der Indogermanen


Abb. 1: Ein Steinadler - Der Götterbote des Zeus
Heiliges Tier der Indogermanen
Fotograf: Richard Bartz
(Wiki)
Nun sollen noch ein paar ungeklärte Fragen rund um die Ethnogenese der Indogermanen erörtert werden, an denen wir in den letzten Tagen herumgebohrt haben. Die meisten dieser Fragen werden sich in den nächsten Jahren sicher überraschend schnell klären. Aber wir werden um so aufnahmebereiter sein für die neuen Forschungsergebnisse, um so intensiver wir uns mit einigen Aspekten des gegenwärtigen Forschungsstandes beschäftigt haben.

Für uns hier auf dem Blog, die wir die "Hausmaus als Erkenntnisquelle der Historiker" schon vor Jahren entdeckten, ist und bleibt eines der Hauptprobleme: Auf welchen Wegen ist die osteuropäische Hausmaus entstanden und wie hat sie sich ausgebreitet (4)? Für die westeuropäische Hausmaus sind grundlegende Gesetzmäßigkeiten der Entstehung und Ausbreitung - zumal in diesem Jahr mit einer weiteren spannenden, sehr anschaulichen Studie zur Hausmaus im Natufium im Vorderen Orient - geklärt (5). Verglichen damit stochern die Forscher bezüglich der osteuropäischen Hausmaus noch ziemlich im Dunklen herum (6). (Aktuelle Studien zu diesen Themen sind leicht über Google Scholar mit den Suchworten "house mouse archaeology" und zeitliche Eingrenzung, etwa auf "seit 2013" zu finden.) Diese osteuropäische Hausmaus ist schon 4.600 v. Ztr. im indogermanischen Königreich von Warna in Bulgarien anzutreffen wie wir schon früher hier auf dem Blog erörterten (7). Aber von wo kam sie?

Daß die osteuropäische Hausmaus unter wesentlich anderen Gesetzmäßigkeiten entstanden sein soll und sich ausgebreitet haben soll als die indische und die westeuropäische (wie bislang vorwiegend in der Forschung noch angenommen), kann uns nicht einleuchten. Vielmehr wird uns neuerdings beim Überdenken der Verhältnisse klar, daß sie - natürlich - in China am Gelben Fluß entstanden sein muß, da dort der Ackerbau und seine Vorstufen ähnlich alt ist wie im Natufium des Vorderen Orients. Merkwürdig, daß eine solche Möglichkeit kaum erörtert wird in der Literatur bislang. Dabei deutet das Ausbreitungsgebiet einer bestimmten genetischen Abstammungslinie der osteuropäischen Hausmaus ("weinerii") doch nur allzu deutlich auf diesen Umstand hin. Ihr Ausbreitungsgebiet beschränkt sich zunächst vor allem auf den traditionellen chinesischen Raum.

Und dabei kommt einem dann gleich eine weitere wesentliche Frage in den Sinn: Wie hat sich die Rispenhirse, die am Gelben Fluß in China ähnlich früh domestiziert wurde, ausgebreitet? Die Rispenhirse gibt es schon in der Bandkeramik Mitteleuropas. Ist sie in Europa unabhängig von China entstanden? Über die Rispenhirse ist zu erfahren (8):
“Millet was the principal crop that supported town life,” he says. Although rice began to be domesticated in the southeast by 7000 B.C.E. or even earlier, millet was grown all across China in the preurban era, from the north to the southeastern coast. (...) Some researchers say the grain was first domesticated in northern China as early as 8000 B.C.E. and made its way to the Black Sea region of Europe by 5000 B.C.E. (...) Until this year, the earliest solid evidence of domesticated millet dated to about 6000 B.C.E. from a handful of sites in northern China. But in May, seed cases found at a northeastern site called Cishan in Hebei Province were dated to 8000 B.C.E.. (...) Whether the Cishan millet proves to be as old as supporters say, other sites in the region clearly show that millet was grown in significant quantities in northeastern China long before it appears around the Black Sea and in central Europe. Zhao and Crawford, for example, have dated millet at a northeastern Chinese site called Xinglonggou to approximately 5640 B.C.E.. (...) Millet either diffused from China to Europe or was domesticated independently in each place. Archaeologist Martin Jones of the University of Cambridge in the United Kingdom suspects that the timing of millet’s appearance around the Black Sea is no coincidence. Millet can produce seeds quickly - in 45 to 60 days - and the most common variety can survive dry conditions that kill other grains like wheat. So although wheat must have been traded across the steppes, mountains, and deserts that separate China and the Near East, millet could have been passed along by farmers who took up its cultivation across central Asia. Early results from ongoing genetic studies suggest that Chinese and European millets are indeed related, Jones says cautiously. Next year, he hopes to go into the field in Kazakhstan and China’s northwest to find millet remains that might connect the dots between north China and the West. “It may seem like looking for a needle in the haystack,” says Jones, “but we’re going to track down these sites.”
Die Rispenhirse tritt also früh in archäologischen Kulturen auf, und zwar sowohl in Georgien wie in Mitteleuropa wie in China. Aber bislang nirgendwo dazwischen. Dabei ist Hirse ein indogermanisches Wort (Wiki):
Der früher auch männlich gebrauchte Name Hirse stammt aus dem Altgermanischen (ahd. hirsa neben hirsi und hirso) und ist von einem indogermanischen Wort für „Sättigung, Nährung, Nahrhaftigkeit“ abgeleitet (vgl. die römische Göttin des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit Ceres).
Auf Englisch heißt die Rispenhirse "proso millet" oder "broomcorn millet" und wir erfahren über sie (Wiki):
Im Unterschied zur Kolbenhirse ("foxtail millet") ist die Wildform der Rispenhirse noch nicht befriedigend identifiziert worden. Wildformen dieser Getreidesorte finden sich in Zentralasien und erstrecken sich über eine Fläche östlich von Xinjiang und der Mongolei bis zum Kaspischen Meer und es mag sein, dass diese semiariden Gegenden die "ursprüngliche Wildform P. miliaceum" beherbergen. Diese Hirse wurde in neolithischen Fundstätten in Georgien gefunden (datiert auf das fünfte und vierte Jahrtausend v. Ztr.), in Deutschland (nahe Leipzig, Hadersleben) im Zusammenhang mit der Bandkeramik (5.500-4.900 v.Ztr.) und wurde ebenso ausgegraben in Bauerndörfern der Yangshao-Kultur im Osten in China. 
(Original:) Unlike the foxtail millet, the wild ancestor of the proso millet has not yet been satisfactorily identified. Weedy forms of this grain are found in central Asia, covering a widespread area from the Caspian Sea east to Xinjiang and Mongolia, and it may be that these semiarid areas harbor "genuinely wild P. miliaceum forms." This millet has been reportedly found in Neolithic sites in Georgia (dated to the fifth and fourth millennia BC), in Germany (near Leipzig, Hadersleben) by Linear Pottery culture (Early LBK, Neolithikum 5500–4900 BCE), as well as excavated Yangshao culture farming villages east in China.
Das ist auch an anderer Stelle noch einmal genauer erläutert (s. Hirsemühle). Im Grunde schreit dieses Verbreitungsgebiet nach einer einheitlichen Erklärung. In China und in der Südtürkei ist der Ackerbau unabhängig voneinander um 12.000 bis 10.000 v. Ztr. entstanden. In beiden Regionen entwickelten sich schon sehr früh sehr weit fortgeschrittene Kulturen in Siedlungen mit bis zu zehntausend Einwohnern. Hirse allerdings gehörte eindeutig nicht zum Grundinventar domestizierter Pflanzen im Vorderen Orient. Und nun ist in diesem Zusammenhang eine auffallende Beobachtung zu machen: Während sich im Westen der Ackerbau ab 6.500 v. Ztr. rund um die ganze Mittelmeerküste ausbreitete und ab 5.500 v. Ztr. bis nach Mitteleuropa hinein und bis an den Dnjepr in der Ukraine, kann über lange Jahrtausende von einer so weit ausgreifenden Dynamik in Ostasien nicht die Rede sein. Die dortige Hochentwicklung seßhafter Kulturen griff höchstens bis in die Innere Mongolei hinein aus. Der sogenannte "Hexi-Korridor" (Wiki), der nach Richtung Westen geführt hätte, wurde bis etwa 2000 v. Ztr. (als die westindogermanischen Tocharer in den Oasen-Siedlungen der Taklamakan Städte gründeten) nicht für einen solchen Ausgriff in die geographische Weite genutzt, auch nicht für Handelsaustausch (9).

Da scheint sogar die dritte, etwas später die Szenerie betretende Ursprungsregion des Ackerbaus in Pakistan und Nordindien im geographischen Ausgriff dynamischer gewesen zu sein. Als kleiner Exkurs sei für die Zeit um 6.500 v. Ztr. erwähnt, also jene Zeit, in der sich der Ackerbau auch rund um die Mittelmeer-Küste ausbreitete (Wiki):
Die am besten erforschte Stätte dieser Zeit ist Mehrgarh, die um 6500 v. Chr. entstand. Diese Bauern domestizierten Weizen und Rinder und benutzten ab 5500 v. Chr. auch Töpferwaren. 
(Vielleicht entstand der Ackerbau dort auch schon früher [Wiki]). Der dort domestizierte Weizen hat sich jedenfalls von dort schon ab 5.500 bis 4.000 v. Ztr. nach Innerasien und Tibet ausgebreitet (9). Weiter nach China hinein hat er sich aber nach derzeitigem Kenntnisstand erst ab 3.000, vielleicht auch erst ab 2.200 v. Ztr. ausgebreitet (9), also vermutlich mit der Zuwanderung der indogermanischen Tocharer nach Innerasien. 

Der Forschung fällt es also zunächst schwer zu glauben, dass die Hirse in China und in Georgien unabhängig voneinander entstanden ist. Das würde aber heißen, dass schon die Vorgängerkulturen der Fischer- und Jäger-Kulturen der Kelteminar (Wiki) - derzeit datiert auf die Zeit ab 5.500 v. Ztr. am Aralsee und am Kaspischen Meer - mit ihren 25 Meter langen Häusern die Hirse benutzt haben, was womöglich durch die Archäologie nur noch nicht festgestellt worden ist, und daß über diese Kulturen hinweg die Nutzung der Hirse sich über die Indogermanen an der Wolga weiter bis nach Georgien und von dort bis auf den Balkan ausgebreitet hat. Und konnte sich mit der Hirse gemeinsam dann nicht auch die Hausmaus ausbreiten? Wir erfahren (11, S. 203):
Pottery appears in the north Caspian area, the middle-lower Volga (Yelshan, c. 7200 BC) and the lowe Don (Rakushechnyi Yar; c. 6800 BC). Stable settlement is indicated by sites in the middle-lower Volga (Yelshan) at 6800 BC, and in the Caspian lowland and on the lower Don at c. 6000 BC. (...) The origin of ceramics in eastern Europe was independent from the Near East. However, the early appearance of ceramics at the western margins of the central Asian steppe zone and the high degree of perfection make its local invention unlikely. Vybornov (2008) seeks its sources in the trans-Caspian deserts. Significantly, a network of culturally related pottery-bearing foraging sites arose along the waterways further north (Vinogradov 1981). Ultimately, this pottery horizon might have its origins in the early pottery of Siberia and China (Gronenborgn 2009). Future research should be geared towards closing this link. This pottery horizon then spreads from the Russian steppe zone into the forest zone northwards up to the Baltic coast and from there westward until its final outliers are reached with the Ertebolle and Swifterband traditions.
Also wäre die Vermutung, daß auch schon erst halbseßhafte Völker, die aber schon sehr früh Keramik hatten, auch Hirse angebaut haben könnten. Aber hier stochert man noch ziemlich im Dunklen bislang. Interessant jedenfalls dürfte sein, daß die halbseßhafte Vorgängerkultur der späteren, quasi "voll-"indogermanischen Samara-Kultur an der Mittleren Wolga, nämlich die Elsan-Kultur um 7.500 v. Ztr. schon von Ostasien her Keramik übernommen hatte (12). Sie war damit die früheste europäische Kultur mit Keramik! (12):
Weiter westlich hielt die neue Technologie erst etwa tausend Jahre später Einzug (Bug-Dnestr-Kultur),
dort nun aufgrund der neuen kulturellen Einflüsse aus dem Westen, vom Balkanraum. Und von dort breitete sich die Keramik dann bis zur Ertebolle-Kultur an der Ostsee aus (12). Soll man schon daran ablesen, daß die Indogermanen von Anfang an besonders wandlungsfreudig waren, besonders offen für Neuheiten alle Art, besonders von ihrer Verhaltensgenetik des Neugier-Gens ADHS getrieben?

Das wichtigste Buch zum gegenwärtigen rein archäologischen Forschungsstand über die Indogermanen ist von  David W. Anthony aus dem Jahr 2008 ("The Horse, the Wheel and Language - How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World") (13). Dieses Buch ist im Internet frei zugänglich (Archive) und wird gründlich in mehreren englischsprachigen Wikipedia-Artikeln ausgewertet (z.B. Wiki und Wiki). Es finden sich auch weitere Arbeiten von Anthony (Academia.edu). Es berichtet, daß die Bug-Dnjestr-Kultur schon Steinmörser hatte, bevor sie durch die westlich benachbarte älteste vollneolithische Cris-Kultur Mahlsteine übernommen hat (13, S. 154). Schon die Bug-Dnjestr-Leute sprachen, so vermutet Anthony, eine Pre-Proto-Indogermanische Sprache. Als besonders dichte archäologische Fundregion beschreibt er die Dnjepr-Wasserfälle, wo im Zusammenhang mit Staudamm-Bauten in den Jahren 1927 und 1958 viele Ausgrabungen getätigt wurden. Hier auch finden sich die ältesten Grabfelder, bzw. Friedhöfe/Ahnenstätten in der Steppe, auf die vermutlich dann die wenig später in Gebrauch kommenden Kurgane, bzw. Grabhügel zurück geführt werden können. Es fanden sich in diesen Gräbern anthropologisch sehr unterschiedliche Menschentypen, sie wiesen auch häufig Kopfverletzungen auf (13, S. 157).

Jedenfalls: Mit den neuen, aus der ancient-DNA-Forschung gewonnenen Erkenntnissen gibt es zugleich auch eine neue Sichtweise auf die Menschheitsgeschichte. Insbesondere erfährt auch das "Problem des Völkertodes" wie es ein Buchtitel der deutschen Anthropologin Ilse Schwidetzky einmal kurz nach dem Zweiten Weltkrieg benannt hatte, eine bedeutsame Klärung. Einerseits ist die These von Oswald Spengler, daß der "Untergang" einer Kultur gesetzmäßig erfolge wie auch der Alterstod des einzelnen Menschen durch die modernen Forschungen widerlegt: Es gibt Völker und Kulturen, die unglaublich lange genetische und kulturelle Kontinuität aufweisen, was vielmehr die These von der "potentiellen Unsterblichkeit" der Völker von Seiten Mathilde Ludendorffs bestätigt. Es gibt aber auch viel Völkertod, viel Aussterben von Völkern. Und es schält sich allmählich die Erkenntnis heraus, daß häufigerer Völkertod zugleich einhergehen kann mit genetischer und kultureller Neuanpassung und Weiterentwicklung wie sie ohne Völkertod offenbar nicht möglich ist. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Geschichte und Kultur der Völker dieser Erde.

Wie breitete sich der Ackerbau von Georgien aus nach Norden aus?


Die sichere Erkenntnis, dass wir Indogermanen abstammen von den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres macht erst in vollem Umfang bewusst, dass wir rein archäologisch nur wenig sagen können über etwaige Szenarien zur Entstehung des Volkes der Indogermanen. Die wichtigste Frage ist jetzt: Mit welchen Ackerbau-Kulturen aus der Gegend südlich des Kaukasus, aus Armenien oder dem Iran konnten denn die Vor-Indogermanen in Berührung gekommen sein, um - ähnlich wie zur gleichen Zeit am Plattensee in Ungarn - mit diesen sich ausbreitenden Bauern ein neues Volk zu bilden? Und wo ist das geschehen? Wirklich an der Mittleren Wolga? Verglichen mit Mitteleuropa sind das dort im Osten doch viel weitere Räume. Wie breiteten sich Ackerbau und Rinderhaltung vom Kaukasus aus nach Norden aus?

Seßhafte, ackerbautreibende Kulturen gibt es in Georgien seit 8.000 v. Ztr. (Wiki). Seit 6.000 v. Ztr. wird dort Wein angebaut durch die Shulaveri-Shomu-Kultur (Wiki) (17, 18). Es ist zu erfahren, dass diese Kultur von der berühmten Hassuna- und Halaf-Kultur beeinflusst ist, bzw. abstammt, die sich zuvor im Zagros-Gebirge über weite Gebiete ausgebreitet hatte. Sie ist unter anderem berühmt wegen ihrer eindrucksvollen Keramik (Kaukasus-Wiki):
In around ca. 6000-4200 B.C the Shulaveri-Shomu and other Neolithic/Chalcolithic cultures of the Southern Caucasus use local obsidian for tools, raise animals such as cattle and pigs, and grow crops, including grapes. Many of the characteristic traits of the Shulaverian material culture (circular mudbrick architecture, pottery decorated by plastic design, anthropomorphic female figurines, obsidian industry with an emphasys on production of long prismatic blades) are believed to have their origin in the Near Eatern Neolithic (Hassuna, Halaf).
Wie aber kamen nun ackerbautreibende Menschen von hier bis an die Mittlere Wolga, 2000 Kilometer weiter nördlich? Hermann Parzinger referiert (19):
Während des Bestehens der Bug-Dnjestr-Kultur im Westen des nordpontischen Raumes war im Bereich des Dnjepr-Knies und östlich davon die Sursker Kultur und im Bereich der Wolga-Mündung in das Asowsche Meer die Kultur von Rakušečnyj Jar verbreitet. Neuere 14C-Daten machen es inzwischen sehr wahrscheinlich, dass die beiden zuletzt genannten Kulturen sogar noch vor die Anfänge der Bug-Dnjestr-Kultur zurückreichen und bereits um die Mitte des 7. Jahrtausends v. Chr. eingesetzt haben könnten. Aus der Sursker wie aus der Rakušečnyj-Jar-Kultur sind Siedlungsstellen mit Resten von Behausungen bekannt, wobei jedoch unklar bleibt, ob sie ganzjährig besiedelt waren oder vielleicht nicht doch nur saisonal aufgesucht wurden. Als Lebensform dominierte weiterhin das Wildbeutertum; die Ernährung basierte also auf Jagd, Fischfang und Sammeltätigkeit. Es gibt allerdings immer wieder auch Hinweise auf einsetzende Viehzucht, insbesondere in den jüngeren Phasen beider Kulturen, aus denen sich gelegentlich Knochen von Rindern und Schweinen im Fundmaterial erhalten haben.
Nachdem die Ausbreitung der neolithischen Kulturen nach Europa hinein inzwischen gut aufgeklärt ist, wird eine der nächsten großen Herausforderungen der Forschung sein, die Verhältnisse diesbezüglich auch nördlich des Kaukasus genauer zu klären. David Anthony schrieb darüber 2007 noch (13, S. 186):
Many archaeologists have wondered if domesticated cattle and sheep might have entered the steppes through the Eneolithic farmers of the Caucasus as well as from Old Europe. Farming cultures had spread from the Near East into the southern Caucasus Mountains (Shulaveri, Arukhlo, and Shengavit) by 5800-5600 BCE. 
Diese wären aber nicht sehr weit verbreitet gewesen, hätten sich konzentriert auf wenige in Flußtälern gelegene Ortschaften in den oberen Tälern des Kura und des Araxes:
No bridging sites linked them to the distant European steppes, more than 500 km to the north and west. The permanently glaciated North Caucasus Mountains
habe ein Überschreiten verhindert. Die Zusammensetzung der in den Nordschwarzmeerkulturen angebauten Getreidesorten entspräche jener, die sich im Westen in der Cris-Kultur fände, nicht jener, die sich südlich des Kaukasus fände. Auch fänden sich in der Keramik keine Ähnlichkeiten mit der Keramik der frühesten Ackerbauern des Kaukasus. Dann schreibt er über die Gegend des wohl des heutigen Tschetschenien und Daghestan folgendes (13, S. 187):
In the western part of the North Caucasian piedmont, overlooking the steppes, the few documented Eneolithic communities had stone tools and pottery somewhat like those of their northern steppe neighbors; these communities were southern participants in the steppe world, not northern extensions of Shulaveri-type Caucasian farmers. (...) But only a few sites are published. The most important is the cemetery at Nalchik. (...) The Nalchik-era sites clearly represent a community that had at least a few domesticated cattle and sheep/goats, and was in contact with Khvalynsk. They probably got their domesticated animals from the Dniepr, as the Khvalynsk people did.
All diese Dinge wird sich die Archäologie jetzt sehr gründlich neu anschauen müssen. Es war gerade Anthony, der die Vereisung des Kaukasus besonders betonte, dass es nur wenige Kontakte über ihn hinweg gegeben haben könne, und zwar gegen die Meinung anderer Forscher.

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*) Auffallend ist, daß sich auf Youtube derzeit kein einziger detaillierterer Vortrag in deutscher Sprache findet, der auch nur irgend etwas Substantielles zu aktuellen Ergebnissen der ancient-DNA-Forschung ausführen würde, soweit sie über die Sequenzierung des Neandertaler-Genoms hinaus geht. Dabei gehörte die ancient-DNA-Forschung doch zwischen 1990 und etwa 2012 international zu einem Alleinstellungsmerkmal Deutschlands als Wissenschaftsstandort, weil man sich hier insbesondere um den innovativen Kopf Svante Pääbo (geb. 1955) (Wiki) bemüht hatte, und wo ihm und seinen zahlreichen, heute international renommierten Schülern in München und Leipzig durch deutsche Steuergelder die besten Forschungsmöglichkeiten geboten worden sind. David Reich weist in seinem Vortrag ausdrücklich darauf hin, daß die ancient DNA-Forschung einmal nicht in den USA, sondern in Leipzig entwickelt wurde und von dort aus in alle Welt exportiert wurde. Dennoch wird darüber in deutscher Sprache auf Youtube nirgendwo gesprochen, dabei gibt es heute außer Leipzig auch noch zahlreiche andere ancient-DNA-Forschungsstätten in Deutschland (Mainz, Jena, Göttingen ...) und sicherlich international überdurchschnittlich viele ancient-DNA-Forscher deutscher Muttersprache. Auch von Johannes Krause beispielsweise gibt es derzeit nur mehrere englischsprachige Beiträge. Deshalb - und aus keinem anderen Grund - in diesem Beitrag der Verweis auf den Vortrag von David Reich in Israel.
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Literatur

  1. Haak, Wolfgang et al (u.a. David W. Anthony, David Reich): Massive migration from the steppe was a source for Indo-European languages in Europe. Nature, 11. Juni 2015, https://www.academia.edu/28416535/Haak_et_al_2015_Massive_migration_from_the_steppe_was_a_source_for_Indo-European_languages_in_Europe 
  2. Krause, Johannes (Direktor, Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Jena): Die genetische Herkunft der Europäer. Vortrag am 26. Januar 2016 im Rahmen der Vorlesungsreihe "Vom Selbstverständnis der Naturwissenschaften" am Einstein-Forum in Potsdam, Gesprächsleitung: Dr. Matthias Kroß, Potsdam
  3. Günther, Hans F. K.: Die Nordische Rasse bei den Indogermanen Asiens. Zugleich ein Beitrag zur Frage nach der Urheimat und Rassenherkunft der Indogermanen. Verlag Hohe Warte, Pähl 1982 (Nachdruck der Auflage von 1933)
  4. Bading, Ingo: Die Städte der Indogermanen und ihre Hausmäuse - Eine neue Studie zur genetischen Geschichte der osteuropäisch-asiatischen und der indischen Hausmaus. Auf: Studium generale, 18. September 2014, http://studgendeutsch.blogspot.de/2014/09/die-stadte-der-indogermanen-und-ihre.html
  5. Lior Weissbroda,1,2, Fiona B. Marshallb, François R. Vallac, Hamoudi Khalailyd, Guy Bar-Oza, Jean-Christophe Auffraye, Jean-Denis Vignef, and Thomas Cucchi: Origins of house mice in ecological niches created by settled hunter-gatherers in the Levant 15,000 y ago. In: PNAS, April 18, 2017 vol. 114 no. 16, http://www.pnas.org/content/114/16/4099.abstract
  6. Hitoshi Suzuki, Lyudmila V. Yakimenko, Daiki Usuda and Liubov V. Frisman: Tracing the eastward dispersal of the house mouse, Mus musculus. In: Genes and Environment, August 2015, DOI: 10.1186/s41021-015-0013-9, https://genesenvironment.biomedcentral.com/articles/10.1186/s41021-015-0013-9
  7. Bading, Ingo: Von Königen und Mäusen - Die Warna-Kultur (4.400 v. Ztr.), das erste von Indogermanen gegründete Königreich - Ort der "Domestikation" der osteuorpäischen Hausmaus? Auf: Studium generale, 13. August 2011, http://studgendeutsch.blogspot.de/2011/08/von-konigen-und-mausen.html
  8. Lawler, Andrew: Millet on the Move. In: Science, 21. August 2009, http://www.andrewlawler.com/scimagaug2109/
  9. Chris J Stevens, Charlene Murphy, Rebecca Roberts, Leilani Lucas, Fabio Silva and Dorian Q Fuller: Between China and South Asia - A Middle Asian corridor of crop dispersal and agricultural innovation in the Bronze Age. In: The Holocene 2016, Vol. 26(10) 1541–1555, pdf: http://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1177/0959683616650268 
  10. Ivanova, Mariya: Kaukasus und Orient - Die Entstehung des "Maikop-Phänomens" im 4. Jahrtausend v. Chr.. In: Prähistorische Zeitschrift, 87/2012, s. 1-28
  11. Gronenborn, Detlef; Dolukhanov, Pavel: Early Neolithic Manifestations in Central and Eastern Europe. (Verfasst Dezember 2011). In: Chris Fowler, Jan Harding, Daniela Hofmann (Hrsg.): The Oxford Handbook of Neolithic Europe, Oxford University Press, 2015, S. 195ff (GB)
  12. Piezonka, Henny: Neue AMS-Daten zur frühneolithischen Keramikentwicklung in der nordosteuropäischen Waldzone. In: Estonian Journal of Archaeology, 12/2008, S. 67-113
  13. Anthony, David W.: The Horse, the Wheel and Language. How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World, Princeton University Press 2007 (Wiki, GB, Archive) (weitere Arbeiten auf Academia.edu)
  14. Rene Letolle, Monique Mainguet: Der Aralsee - Eine ökologische Katastrophe. Springer-Verlag, Berlin 1996
  15. Reich, David: Failure to replicate a genetic signal for sex bias in the steppe migration into central EuropePaper published in PNAS, 2017
  16. Schmöckel, Reinhard: Hirten, die die Welt veränderten. Der vorgeschichtliche Aufbruch der europäischen Völker. Rowohlt, Hamburg 1982
  17. Bertille Lyonnet et al: Mentesh Tepe, an early settlement of the Shomu-Shulaveri Culture in Azerbaijan. In: Quaternary International Volume 395, 22 February 2016, Pages 170-183, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1040618215001457
  18. K. Kh. Kushnareva: The Southern Caucasus in Prehistory. Stages of Cultural and Social Development from the Eighth to the Second Millenium B.C.. University of Pennsylvenia, Philadelphia 1997 (GB)
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