Freitag, 26. Dezember 2008

Rez. J. Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit

Autor: Asendorpf, Jens B.
Titel: Psychologie der Persönlichkeit.
Ort: Berlin
Verlag: Springer-Verlag
Jahr: 2004, 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage
ISBN-10: 3540007288
Umfang, Preis: 518 Seiten, 39,95

Rezension

Die Verhaltensgenetik des Menschen wird zu einem immer bedeutenderen Gebiet der Forschung. Nachdem wesentlichste Paradigmen des Faches Psychologie, insbesondere die Psychoanalyse von Sigmund Freud, ihren vorherrschenden, weitgehenden Alleinerklärungs-Anspruch in der Psychologie verloren haben, könnte es von mancherlei Interesse sein zu erfahren, in welchen größeren argumentativen Rahmen die Psychologie ihr Forschen und Denken heute und künftig stellen wird.

Einen Orientierungspunkt hierfür könnte bieten das Lehrbuch "Psychologie der Persönlichkeit" von Professor Jens B. Asendorpf, Berlin. Es ist in erster Auflage 1996, in dritter, aktualisierter Auflage 2004 und jüngst in vierter, aktualisierter Auflage 2007 erschienen. (1) Es liest sich sehr eingängig. Es scheint genau jene thematische Breite und zugleich fachliche Tiefe aufzuweisen, wie sie jemandem nützlich erscheinen muß, der sich als Laie und Neuling eines Faches in ein neues Forschungsgebiet (interdisziplinär) einzuarbeiten versucht. Und derartiges wird ja für viele heutige Forscher immer notwendiger aufgrund des Wandels in der Wissenslandschaft vor allem durch die moderne Humangenom-Forschung.

Die allgemeinere Fragestellung, unter die dieses Lehrbuch gestellt ist, geht möglicherwweise am prägnantesten aus dem Nachwort hervor. "Unterschiede sind menschlich," ist es überschrieben. Und hier wird ausgeführt, daß es in westlichen Kulturen eine starke Tendenz gäbe,
"nicht die vorhandene Vielfalt der Persönlichkeit, sondern ein einseitiges Persönlichkeitsideal als erstrebenswert anzusehen. Ob 'gottesfürchtig', 'nordisch', 'allseits entwickelte sozialistische Persönlichkeit' oder 'dynamischer Unternehmer' - die gerade vorherrschende Ideologie einer Kultur beinhaltet mit großer Regelmäßigkeit auch ein bestimmtes Persönlichkeitsideal."
Dieser Tendenz wird die folgende, in den wesentlichen Punkten evolutionsbiologische Argumentation gegenübergestellt: "Diese hohe Variabilität", die in den genetisch und kulturell weitergegebenen und geformten Persönlichkeitsmerkmalen von Einzelmenschen und Kulturen vorliegt,
"stellt so etwas wie ein Sicherheitsreservoir für das Überleben dar. Denn Gene bzw. kulturelle Inhalte sind nur den Umweltbedingungen ihrer evolutionären Vergangenheit gut angepaßt; ändert sich die Umwelt, ändern sich die Anpassungsbedingungen. Je variabler Genome bzw. kulturelle Inhalte sind, desto höher ist die Chance, daß jedenfalls einige diese Umweltveränderungen überleben werden."
Die in diesen Gedanken implizit enthaltenen Annahmen und der in ihnen enthaltene Wissenshorizont ist sehr intensiv am aktuellen humangenetischen Wissensstand orientiert. Etwas weiter heißt es:
"Aus der Einsicht in die Vielfalt der Persönlichkeit und ihrer Notwendigkeit für das genetische und kulturelle Überleben erwächst die Forderung, gerade nicht einen bestimmten Persönlichkeitstyp anzustreben, sondern die Vielfalt der Persönlichkeit zu achten und zu wahren."
Und der letzte Satz dieses Nachwortes und damit des Lehrbuches insgesamt lautet dann:
"Merke: Es gilt, die genetische und kulturelle Vielfalt der Menschheit zu bewahren." (1, S. 449)
Es scheint dies genau jene Argumentation zu sein, mit der sich eine Wissenschaft der Öffentlichkeit präsentieren könnte oder sollte, in der derzeit immer stärker nicht nur kulturelle, sondern auch genetische Unterschiede zwischen Menschen und Menschengruppen in den Vordergrund des Forschens treten. (vgl. etwa: 2 - 4) Deshalb heißt es auch schon im Vorwort dieses Lehrbuches auf der gleichen Linie:
"... Im Mittelpunkt steht also die Frage, wie stark und warum sich Menschen in ihrem typischen Erleben und Verhalten unterscheiden. Mit dieser differenzierten Fragestellung ist die Persönlichkeitspsychologie komplementär zur allgemeinen Psychologie, die zu beschreiben und erklären sucht, was Menschen gemeinsam ist."
Auch noch die bekannten Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt und Konrad Lorenz versuchten vor allem, evolutionsbiologische Gemeinsamkeiten zu beschreiben und zu erklären, weniger die individuellen Unterschiede. Aber wenn angeborene Unterschiede zwischen Menschen und Menschengruppen erforscht werden, was derzeit ein ganz neues Forschungsgebiet in der Wissenschaft wird (2 - 4), dann müssen zugleich auch völlig neue Kriterien und Kategorien zur ethischen Einordnung und Bewertung all dieses Wissens entwickelt werden. Dies wird von Asendorpf geleistet. Weiter im Zitat:
"Im Gegensatz zur klinischen Psychologie, die sich mit pathologischen Besonderheiten beschäftigt, interessieren in der Persönlichkeitspsychologie vor allem die Normalvarianten des Erlebens und Verhaltens."
Bei der Humangenom-Forschung und der damit verbundenen derzeitigen Populations-Genetik stehen derzeit noch oft die "pathologischen Besonderheiten" im Vordergrund, da hier oft sehr stark die Interessen der Pharma-Industrie mit hineinspielen, beziehungsweise überhaupt jegliche Art von unmittelbarer "Anwendbarkeit" von Forschungsergebnissen näher liegen.

Aus der Sicht des heutigen Forschungsstandes taucht tatsächlich die Frage auf, wie zum Beispiel Forscher wie Konrad Lorenz und Eibl-Eibesfeldt ein solches riesiges Forschungsgebiet der angeborenen Unterschiede zwischen Menschen in seiner Bedeutung so lange Zeit hatten unterbewerten können. Doch geben wir uns an dieser Stelle mit der Antwort zufrieden: Fortschritt heißt immer: Man weiß heute etwas besser als gestern. Und die Zwerge von heute stehen auf den Schultern der Riesen von gestern und sehen weiter als letztere.

Steigen wir gleich in Kapitel 4 ein. Hier wird das sogenannte "Five-Factor-Modell" der Persönlichkeitsbeschreibung vorgestellt, das heute in der psychologischen Wissenschaft eine so große Rolle spielt. Immer wieder stößt man auf dieses in der Literatur. Wo kommt es überhaupt her? Wie ist es einzuschätzen? Wo findet man die deutsche Begrifflichkeit dafür? Wie kann man damit umgehen? - Alles dies ist hier auf wenigen Seiten zu finden rund um die Seite 147. Wichtigstes Faktum: Das "Fünf-Faktoren-Modell" der Persönlichkeits-Beschreibung wurde im Jahr 1990 aufgrund vieler anderer Studien formuliert, sowohl in den USA wie in Deutschland. Vorläufer reichen bis in die 1930er Jahre zurück. Das muß man dann wohl einfach so hinnehmen und sehen, wie sich dieses Modell auch künftig bewähren wird.

Interessant erscheint aber im Zusammenhang damit, daß für kulturvergleichende Studien, in denen z.B. ostasiatische Kulturen mit eingeschlossen werden, dieses Fünf-Faktoren-Modell nicht so brauchbar ist, wie für Studien, die nur innerhalb der westlichen Kultur vorgenommen werden. Für kulturvergleichende Studien hat sich oft ein Drei-Faktoren-Modell besser bewährt. (1, S. 147) Dazu noch einmal der Originaltext:
"Diese 'Big Three' sind im Kulturvergleich besser replizierbar als die Big Five, können aber wegen der geringeren Faktorenzahl weniger Persönlichkeitsunterschiede erklären als die Big Five."
Richard Dawkins Gedanken über Gruppenunterschiede in seinem Buch "Ancestor's Tale" kommen einem dabei in den Sinn und die von Dawkins geäußerte Vermutung, daß es in Asien allgemein weniger Persönlichkeitsunterschiede gäbe (die Persönlichkeits-Vielfalt also geringer wäre) als in westlichen Ländern. Allerdings waren Richard Dawkins Vermutungen noch allein auf das körperliche Aussehen beschränkt und von ihm abgeleitet. (5, S. 421f)

Gleich darauf wird das Thema "Intelligenz" ebenso belehrend abgehandelt, seine Bedeutung wird sehr klar herausgestellt. Weil es vielen Menschen noch nicht so recht bewußt geworden ist, sei hier noch einmal "Lehrbuch-Text" angeführt:
"Intelligenzunterschiede beruhen wesentlich auf Unterschieden in der Geschwindigkeit elementarer Informationsverarbeitungsprozesse".
Und auch die Sätze davor:
"Intelligenztests sagen deshalb Bildung, Berufsprestige und Berufserfolg so gut vorher, weil sie eine Vielzahl unterschiedlicher kognitiver und motivationaler Anforderungen erfassen." (1, S. 198)
Zu einer klassischen IQ-Rasse-Adoptionsstudie der Autoren Weinberg und Scarr heißt es dann:
"Die sparsamste Erklärung scheint die Annahme genetisch bedingter Intelligenzunterschiede zwischen Schwarzen und Weißen in den USA zu sein, denn die über die weißen Elternhäuser hergestellte 'weiße' Umwelt verringerte den IQ-Unterschied zwischen schwarzen und weißen Kindern nicht wesentlich." (1, S. 434f)
Damit würde sich das Lehrbuch auf die Seite der Interpretation dieser IQ-Studie stellen, wie sie von IQ-Forschern wie Richard Lynn, Volkmar Weiß, Charles Murray, David C. Rowe gegeben worden sind, wenn es dann nicht weiter einschränkend heißen würde: "Diese mögliche Interpretation muß jedoch in dreifacher Hinsicht relativiert werden ..." Dabei war doch schon im Methodenteil des Lehrbuches ausgeführt worden, daß es das Kennzeichen empirischer Wissenschaft sei, nach der sparsamsten Erklärung zu suchen ...!

Das Konzept der "emotionalen Intelligenz", das 1995 von dem Journalisten D. Goleman vorgeschlagen wurde, und das im Denken vieler Menschen eine diffuse Rolle spielt, obwohl es mit dem viel schärfer und klarer umrissenen und weitaus besser erforschten Konzept der "kognitiven Intelligenz" überhaupt nichts zu tun hat, wird kurz und prägnant als ein sehr unausgereiftes Konzept charakterisiert. (1, S. 204)
"Das Konzept 'der' emotionalen 'Intelligenz' (...) suggeriert, daß es eine einheitliche Fähigkeit zum Umgang mit Gefühlen jeder Art gibt."
Empirische Forschungen dazu werden kurz referiert und dann folgendermaßen zusammengefaßt:
"'Emotionale Intelligenz' erwies sich damit weder als einheitlicher Fähigkeitsbereich noch als ein Merkmal von Intelligenz." "Das sollte die Psychologie aber nicht davon abhalten, das weite und unübersichtliche Feld der emotionalen Kompetenzen zu bearbeiten, auch wenn schnelle Erträge dort nicht zu erwarten sind." (1, S. 204f)
In Kapitel 2 werden die "Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie" abgehandelt. Zuerst die Psychoanalyse. Von ihr bleibt an wissenschaftlichem Wert so gut wie "kein Haar". Wieder nur ein paar Merksätze aus dem Buch:
"Die klassische psychoanalytische Methodik ist aufgrund ihrer suggestiven Wirkung auf Patient und Therapeut in Gefahr, selbsterfüllende Prophezeiungen zu produzieren und ist von daher nicht akzeptabel als Methodik einer empirischen Wissenschaft." - "Die klassische psychoanalytische Methodik der Persönlichkeitserklärung beruht auf Erinnerungen von Erwachsenen an Kindheitserlebnisse; dies ist wegen der bekannten Erinnerungsfehler inakzeptabel als Methodik einer empirischen Wissenschaft." - "Die klassische Psychoanalyse ist aus methodischen Gründen keine empirische Wissenschaft." (1, S. 23)
Das nur in Andeutungen und auszugsweise. Und am Ende dieses Kapitels 2, neu aufgenommen in der 3. Auflage, wird "Das evolutionspsychologische Paradigma" behandelt. Knapp und eindringlich werden William D. Hamilton, Richard Dawkins, Edward O. Wilson und ihre Ideen erläutert. Bis zu diesem Punkt ist also jetzt schon der Stand der Wissenschaft auch in der Persönlichkeitspsychologie angelangt. Zumindest an einem nicht unbedeutenden Lehrstuhl an der Humboldt-Universtität Berlin.

Es gibt dann ein Kapitel über "soziale Bindungen" und "soziale Unterstützung" (Mutter-Kind-Bezeihung, Beziehungen zwischen Ehepartnern) (Kapitel 5), sowie über Lebensphasen (Kapitel 6). Hier wird auch schon über das für die Wissenschaft immer interessanter werdende sogenannte Neugier- und Unruhe-Gen (ADHS) (1, S. 347) berichtet, das auf Völker sehr unterschiedlich verteilt ist. Kapitel 7: Geschlechtsunterschiede. Im Kapitel 8 gibt es Unterkapitel wie "Genpool, Kultur und Persönlichkeit", "Rasseunterschiede". Das nordeuropäische Milchverdauungs-Gen wird abgehandelt und einiges ähnliche. Alles entsprechend des Buches des Forschers Durham von 1991. Also ein bischen veraltet - dennoch möchte man sagen: immerhin! Der Fragehorizont ist für ein gewöhnliches Psychologie-Lehrbuch sehr bemerkenswert.

Hochinteressant auch die völlig unterschiedlichen Ergebnisse des standardisierten (auch vom Ehepaar Großmann in Regensburg [Schüler von Konrad Lorenz] verwendeten) "Fremde-Situation(en)-Tests" an zweijährigen Kindern in Japan und in westlichen Ländern. (1, S. 436) Dieser sagt bisher noch nichts über genetische, sondern bislang nur über kulturelle Unterschiede aus. Die engere körperliche Nähe der japanischen Kinder zur Mutter während der frühen Lebensjahre führt, so die naheliegende Vermutung, zu viel größerer Ängstlichkeit bei ihrer kurzzeitigen Trennung von der Mutter als im Westen. Aber diese enge körperliche Nähe ist natürlich eine sehr tiefgehende frühkindliche Prägung, die gar nicht unterschätzt werden kann und sicherlich ziemlich dauerhaft zum Beispiel das spezifische "Cocktail" von Verhaltens- und Streß-Hormonen in der Blutbahn und die dazugehörigen Nervenbahnungen für jeweilige Lebens-Situationen "prägt". Und davon könnte die Ausprägung ganzer kontinentweiter Kulturen bestimmt sein.


Anmerkungen

1. Asendorpf, Jens B.: Psychologie der Persönlichkeit. 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage, Springer-Verlag Berlin 2004 (diese Ausgabe wird hier zitiert, obwohl 2007 schon die 4. Auflage erschienen ist)
2. Wade, Nicholas: Still Evolving, Human Genes Tell New Story. In: The New York Times, 7. März 2006
3. Wade, Nicholas: The Twists and Turns of History, and of DNA. In: The New York Times, 12. März 2006
4. Wade, Nicholas: Before the Dawn. Recovering the Lost History of Our Ancestors. Penguin Press, Mai 2006; siehe auch --> hier.
5. Dawkins, Richard: The Ancestors Tale. A Pilgrimage to the Dawn of Life. Phoenix, London 2005 (2004), S. 331, 343 (2008 auf deutsch erschienen unter dem Titel "Geschichten vom Ursprung des Lebens")

Freitag, 3. Oktober 2008

Die Hausmaus als eine Erkenntnisquelle der Historiker

ResearchBlogging.orgKurz gefaßt: Die Hausmaus breitete sich in Europa schrittweise aus 1. wahrscheinlich mit der frühbronzezeitlichen Glockenbecher-Kultur, 2. mit den Wallburg-Kulturen der Kelten, 3. mit den römischen Städten, 4. mit den Wallburg-Kulturen der Ostsee-Slawen und 5. über die Handelswege der Wikinger und Byzantiner. Die neuen genetischen und archäologischen Daten deuten auf den "Oldenburger Wall" (d.i. die Slawenburg Starigard bei Oldenburg in Ostholstein), als einen Schlüsselort für die weitere Ausbreitung der Hausmaus nach Skandinavien und von dort nach Irland. Die Ausbreitung der Hausmaus scheint jeweils als ein guter Indikator dienen zu können für das früheste Auftreten erster stadtähnlicher Siedlungs- und Wirtschaftsstrukturen, die zugleich an weiträumigere und regelmäßigere Handelsverbindungen gebunden sind.

1. Der "fürstliche Bogenschütze" von Stonehenge bringt die Hausmaus nach England

Die eingangs gezeigte Karte zeigt die geographische und zeitliche Verteilung archäologischer Befunde zur geschichtlichen Ausbreitung der Hausmaus (Mus musculus) in Großbritannien nach aktuellem Kenntnisstand. (aus: 1) Diese Karte gibt über die Ausbreitungsgeschichte der Hausmaus - zusammen mit weiter unten zu referierenden neuen genetischen Erkenntnissen - viel größere Sicherheit, als sie bisher bestanden hat (siehe Stud. gen. 1, 2, 3).

Danach könnte die Hausmaus erstmals mit der frühbronzezeitlichen Glockenbecher-Kultur nach Großbritannien gekommen sein - aber nur nach Südwest-England in die Gegend rund um Stonehenge herum. Dies zeigen die schwarzen Kreise in der Karte, die für die Bronzezeit (2.300 - 700 v. Ztr.) stehen. Wie ja die Forschungen der letzten Jahre erbracht haben, ist der Beginn der Bronzezeit in Südengland und Stonehenge charakterisiert durch die Zuwanderung eines reichen "fürstlichen Bogenschützen" aus Süddeutschland, zugleich des ersten Bronzehandwerkers in England, der auch eine viel fortschrittlichere Hausbau-Weise und insgesamt Wirtschaftsweise nach England mitgebracht hat. (vgl. etwa: a, b, c)

2. Die Hausmaus ist an die keltische Höhenburgen- und die Oppida-Kultur gebunden

Die grauen Kreise zeigen Hausmaus- Funde aus der Eisenzeit (700 v. Ztr. - 43 n. Ztr.). Die Eisenzeit ist in Süd- und Mitteldeutschland gekennzeichnet durch die keltischen Höhenburgen und -siedlungen. Ähnliches Anlagen trifft man zu dieser Zeit auch in Südengland an. Es ist somit sehr naheliegend, auch für Süddeutschland in diesen keltischen "Oppida" schon die Hausmaus zu vermuten.

Aber da es diese stadtähnlichen Siedlungen in der Eisenzeit in Norddeutschland noch nicht gegeben hat, wird man die Entwicklung in Norddeutschland und Skandinavien wohl mit der in Schottland und Irland - und zwar sowohl in der Bronzezeit wie in der Eisenzeit - parallel setzen können.

Denn da die Hausmaus, wie sich immer mehr herausschält, zu ihrer Verbreitung an stadtähnliche Siedlungskonzentrationen gebunden zu sein scheint, könnte man annehmen, daß die Bronzezeit der Glockenbecherkultur - zumindest in Kernregionen - ebenfalls an eine solche gebunden gewesen ist, und daß diese sie dann aber nicht über ein Kerngebiet in Südwestengland hinaus nach Norden oder auch nach Irland ausgebreitet hat. Die Frage danach, wo die Kulturgrenze diesbezüglich in Deutschland auszumachen wäre Richtung Norden, Westen und Osten, gibt sicherlich noch spannende Forschungsaufgaben der nächsten Jahre ab.

Obwohl es für die Spätbronzezeit sowohl an der Nord- wie an der Ostseeküste Belege für Handels- und Kulturkontakte mit dem Mittelmeer-Raum gibt, hat man dort bislang noch keinerlei Hinweise für stadtähnliche Siedlungskonzentrationen in dieser Zeit gefunden.

3. Die Hausmaus ist an die römische Zivilisation gebunden

Die weißen Kreise stehen nun für Hausmaus-Funde aus der römischen Zeit (43 n. Ztr. - 450 n. Ztr.). Hier ist die Ausbreitung der Hausmaus ganz klar an die Verbreitung der römischen Zivilisation gebunden. Ein paralleles Geschehen wird man für Deutschland vermuten dürfen - also: bis zum Limes. Beziehungsweise Versuche, große Getreidelager auch an der Weser (Barkhausen?) und an der Werra (Holzminden) anzulegen, werden ja derzeit archäologisch intensiv erforscht. (siehe andere Beiträge auf Stud. gen.) Dort wird aber die Hausmaus nach der Schlacht von Kalkriese vor 2.000 Jahren bald wieder ausgestorben sein, da ihre römischen "Hüter" mitsamt ihrer intensiven Wirtschaftsweise vertrieben wurden.

Wie ging nun die Geschichte der Hausmaus und damit der menschlichen Zivilisation mit stadtähnlichen Siedlungsstrukturen in Nordeuropa weiter? Wer brachte schlußendlich die Hausmaus an die Nordwest-Küsten Großbritanniens und nach Irland? Beziehungsweise an die deutsche Nord- und Ostseeküste? Hinsichtlich Deutschlands kann es noch nicht so definitiv gesagt werden. Aber hinsichtlich Großbritanniens deuten nun die genetischen Forschungen (1, ORF, wissenschaft-online, Süddt., Welt, n-tv etc.) immer mehr auf: die Wikinger.

4. Die Hausmaus ist an die Wikinger gebunden

Von ihnen war schon zuvor vermutet worden, daß sie die Hausmaus auf die Insel Madeira gebracht haben. Die zweite und dritte Karte zeigt nun die heutige Verteilung von zwei sehr deutlich genetisch unterscheidbaren Hausmaus-Linien in Großbritannien und Irland (oben) und auf den Orkney-Inseln (unten). (1) Die weißen Kreise deuten auf genetische Linien, die genetische Verwandtschaft mit den westdeutschen und westeuropäischen Hausmäusen aufzeigen - vielleicht die Nachfahren jener Mäuse, die der reiche süddeutsche "fürstliche Bogenschütze und Bronzeschmied von Stonehenge" Anfang der Bronzezeit mit nach Südwestengland gebracht hat, und die sich dann mit den eisenzeitlichen Höhensiedlungen, der römischen Zivilisation und in der Zeit danach bis nach Nordschottland ausgebreitet haben.

Die schwarzen Kreise deuten nun auf genetische Hausmaus-Linien, die genetische Verwandtschaft mit norwegischen Hausmaus-Linien aufzeigen. Da sie das gleiche Verbreitungsgebiet zeigen wie die Haupthandels- und Hauptkriegs-Routen der Wikinger und Norweger im Früh- und Hochmittelalter, ist es hochplausibel, diese für die Verbreitung der Hausmaus in jenen Gebieten verantwortlich zu machen, zumal sie die ersten stadtähnlichen Siedlungen nach Irland gebracht haben. Die hier ausgewertete Studie (1) kündigt diesbezüglich weitere Untersuchungen für die nächsten Jahre im Nordsee-Raum an, die vielleicht noch eine genauere zeitliche Einordnung erlauben werden.

5. Die skandinavische Hausmaus stammt aus Oldenburg in Ostholstein (700 n. Ztr.)

Wie nun die Norweger zu den Hausmäusen gekommen sind, kann schon aufgrund älterer Studien jetzt sehr gut auch zeitlich eingeordnet werden. In einem früheren Beitrag (Stud. gen.) wiesen wir auf eine Gründerpopulation aller skandinavischen Hausmäuse hin, die in Ostholstein, in der Nähe der Insel Fehmarn gelebt haben muß, und die aus einer Mischpopulation der sich hier begegnenden west- und osteuropäischen Hausmaus-Arten hervorgegangen ist. (Die Artgrenze verläuft entlang der Elbe und dem Bayerischen Wald quer durch Europa von Norden nach Süden, siehe der frühere Beitrag.) Im früheren Beitrag vermuteten wir noch die erste Bauernkultur Skandinaviens, die Trichterbecherkultur als Verbreiter der Hausmäuse. Diese Vermutung kann aber nun wohl angesichts der oben referierten Forschungen zu England ad acta gelegt werden. Und damit tritt auch hier mit großer Sicherheit das Frühmittelalter ins Zentrum der Aufmerksamkeit, was die Hausmäuse betrifft.

Im Frühmittelalter war Ostholstein von sehr kriegerischen slawischen Volksstämmen besiedelt, die an germanische Volksstämme grenzten. Insbesondere von den Wagriern, die sehr oft auf Schiffen Raubzüge nach Dänemark ausführten oder ihrerseits von den Dänen in Raubzügen heimgesucht wurden. (So berichtet es etwa Helmold von Bosau, s.u..) Ihr religiöses Zentrum lag auf Rügen. In den Slawenstädten an der Ostsee, etwa in Vineta, lebten damals viele ethnische Gruppen als Händler, darunter auch "Griechen" aus Byzanz.

Schon vor den Missionskriegen Karls des Großen also hatten die Sachsen, Friesen, Dänen, Schweden und die slawischen Stämme Burgen errichtet, sowie Handelsplätze. Haithabu an der Schlei ist spätestens 770 n. Ztr. gegründet worden. Der vergleichbare Handelsplatz Oldenburg/Starigard in Ostholstein wohl noch einige Jahrzehnte früher. Es dürfte allerdings beim gegenwärtigen Kenntnisstand noch schwierig sein zu entscheiden, wann genau sich die westeuropäische und die osteuropäische Hausmaus in Ostholstein getroffen haben, ob schon vor den Sachsenkriegen Karls des Großen oder erst später. Von seiner Stadtgründung Bardowick an der Elbe regulierte Karl ausdrücklich und streng den Handel mit den Wagriern.

Der "Limes saxonia" - errichtet von Karl dem Großen gegen die
- von ihm eroberten und tributpflichtig gemachten - Wagrier in Ostholstein


Die osteuropäische Hausmaus dürfte sich über die berühmten slawischen Handelsstädte an der Ostseeküste in jener Zeit ausgebreitet haben, von Reric in der Wismarer Buch kommend, von "Vineta" (oder Jumneta), von Truso bei Elbing und anderen Städte an der Oder- und Weichselmündung. Sicherlich hat ihre Ausbreitung etwas mit den Handelskontakten Oldenburg/Starigards bis nach Kiew und damit bis nach Byzanz zu tun. Waren es als erstes die Wikinger oder die Byzantiner, die über die russischen Flüsse die Hausmaus bis zur Ostsee ausgebreitet haben?

Von Ostholstein aus muß sich dann jedenfalls sehr früh und sehr schnell die Ausbreitung der Hausmaus über ganz Skandinavien vollzogen haben. Und da die Ausbreitung im genetischen Bild so klar und eindeutig ist, dürfte sie auch mit sehr konkreten historischen und wirtschaftshistorischen Ereignissen der frühen Wikingerzeit oder davor zusammenhängen, also mit Raub- und Handelszügen entweder der Wagrier oder der Dänen.

6. Was wissen wir über die Wagrier in Starigard/Oldenburg?

Der berühmte Helmold von Bosau (1120 - 1177), ein Kleriker aus dem ostholsteinischen Kloster Bosau, hat in seiner "Chronik der Slawen" recht genau geschildert, wie die dortigen Slawen an der Ostseeküste von den Ottonen und schließlich von Heinrich dem Löwen in einem Jahrhunderte langen Prozeß christianisiert wurden, und wie sich zugleich in der dorigen Ostsee-Region die verschiedenen Fürstentümer und Könige einander bekriegten, die Dänen, die Wagrier, die Polaben, die Rugianer (auf der Insel Rügen), die Obotriten (in Mecklenburg), die Pommern, die Pruzzen (in Preußen) und anderen Stämme in immer wechselnden Allianzen mit den Herrschern des Deutschen Reiches.

In seiner Chronik beschreibt er die slawischen Ostsee-Völker von Osten nach Westen und kommt zum Schluß zu seiner engeren Heimat:

... Die Polaben, ihre Burg ist Ratzeburg. Dann kommt man über den Travefluß in unser, das wagrische Land. Die Burg dieses Landes war einst das am Meer liegende Aldenburg (= Oldenburg in Ostholstein). Auch gibt es im Baltischen Meere Inseln, welche von den Slawen bewohnt sind; deren eine heißt Fehmarn. Diese liegt den Wagriern gegenüber, so daß man sie von Aldenburg aus sehen kann.

7. Ein "tapferes", "gastfreundliches" Volk

Über ihre Bewohner, über die er sich bei "alten Greisen" der Slawen noch erkundigt hat, schreibt er:

Diese Burg und Landschaft wurde einst von sehr tapferen Männern bewohnt, darum weil sie am Ende des ganzen Slawenlandes gelegen die Völker der Dänen und Sachsen zu Nachbarn hatte, und weil daher ihre Bewohner allen kriegerischen Bewegungen (...) zuerst ausgesetzt waren. Es sollen aber mitunter so mächtige Könige unter ihnen gewesen sein, daß sie das ganze Gebiet der Obotriten und Kyciner und selbst derer, die noch weiter entfernt waren, beherrschten.
Also ganz Mecklenburg. Helmold rühmt auch die Gastfreundschaft dieses Volkes:
... Da habe ich durch eigene Erfahrung kennengelernt, was ich vorher nur vom Hörensagen wußte, daß kein Volk, was Gastlichkeit anlangt, ehrenwerter ist, als die Slawen.
Das hinderte ihn aber nicht, ihre vielfältigen heiligen, religiösen Orte (unter anderem "Eichenhaine") zu zerstören, wann immer er dazu Gelegenheit hatte. Sachlichere Auskünfte über die Geschichte der Stadt Starigard/Oldenburg entnehmen wir Wikipedia:

Oldenburg lag früher an einer Ostseebucht und war Hafen und Hauptort der slawischen Wagrier. Um das Jahr 700 entstand ein Burgwall, der später bis zu 18 Meter hoch war. Aus dem westlichsten slawischen Fürstensitz Starigard (Alte Burg) wurde der Ortsname Aldinborg, später dann Oldenburg. Der Ort war im frühen Mittelalter umkämpft.

Adam von Bremen erwähnt Oldenburg erstmals im Jahr 1076: "(...) Aldinburg ist eine große Stadt der Slawen, die Wagrier genannt werden, gelegen in der Nähe des Meeres, welches das Baltische oder das Barbarische genannt wird, ... Tagereisen von Hamburg entfernt." Zusammen mit Haithabu war Aldinburg Hafen im Ostseehandel. Die Schiffe gingen bis ins Samland oder nach Kiew.

Und:

Im 7. Jahrhundert lebten im heutigen Ostholstein die slawischen Wagrier. Auf einem Hügel an der schmalsten Stelle eines schiffbaren Sundes bauten sie ihre Fürstenburg Starigard. Zum Schutz gegen ungebetene Gäste umgaben sie die Burg mit einem 18 m hohen Wall, dem Oldenburger Wall. Dieses Bauwerk bestand aus gezimmerten Holzkästen, die mit Sand und Lehm gefüllt wurden, und umschloss die gesamte, in ihrer größten Achse 260 m große Siedlung. Innerhalb dieses Burgwalls wohnte nicht nur der Fürst mit seinem Hof und seinem Heer, sondern auch Handwerker. Zu Füßen der Burg lag ein Hafen. Im 8. und 9. Jahrhundert war Starigard eine der bedeutendsten Siedlungen an der westlichen Ostsee und trieb auch mit entfernten Städten Handel. Sie war vergleichbar mit dem an der Schlei gelegenen Haithabu. Im zehnten Jahrhundert kamen christliche Sachsen, eroberten die Burg, zerstörten die slawischen Heiligtümer und gründeten hier das Bistum Oldenburg.

Die frühmittelalterliche Wallanlage im Stadtgebiet von Oldenburg/Holstein

Die Niederung, die Oldenburg früher mit dem Meer verband, ist noch auf heutigen Karten gut zu erkennen.

Die Ausgrabungsbefunde, die im Oldenburger Wallmuseum zu besichtigen sind, deuten auch auf reiches karolingisches Tafelgeschirr und viele andere Dinge mehr. Von hier also, darf man vermuten, breitete sich die Gründerpopulation der skandinavischen Hausmäuse aus - schließlich bis nach Irland und Madeira, ja, bis in andere Teile der Welt. Fraglich bleibt nur noch der genaue Zeitpunkt.

Oldenburg in Ostholstein - ein zentraler Ostsee-Handelsplatz im Frühmittelalter

8. Und wie sieht es aus mit der Hauskatze?

Das Vorkommen der Hausmaus kann also als ein guter Indikator für die Intensität der jeweils vor Ort vorherrschenden städtischen Siedlungs- und Wirtschaftsweise, sowie der bestehenden weitreichenderen Handelsbeziehungen gelten.

Übrigens wäre es noch einmal so spannend zu erforschen, wann die Hauskatze - als der "natürliche" Feind der Hausmaus - jeweils in einer geographischen Region heimisch wurde. Für sie gibt es zwar inzwischen frühe archäologische Belege auf Zypern aus dem Frühneolithikum (2). Aber sie scheint sich erst mit den Römern nach Mitteleuropa ausgebreitet zu haben. (3) Besonders bemerkenswert scheint die Tatsache zu sein, daß die Hauskatze auch im antiken Griechenland erst sehr spät gehalten worden ist (3), und daß man in älteren archäologischen Schichten auch in diesem Raum nur Wildkatzen findet.

Literatur:

1. Jeremy B. Searle, Catherine S. Jones, İslam Gündüz, Moira Scascitelli, Eleanor P. Jones, Jeremy S. Herman, R. Victor Rambau, Leslie R. Noble, R.J. Berry, Mabel D. Giménez, Fríða Jóhannesdóttir (2008). Of mice and (Viking?) men: phylogeography of British and Irish house mice Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0958
2. Vigne, J.-D. et. al. : Early Taming of the Cat in Cyprus. In: Science, Vol. 304, 9.4.2004, S. 259
3. Benecke, Norbert: Archäozoologische Studien zur Entwicklung der Haustierhaltung. Akademie Verlag, Berlin 1994

Mittwoch, 24. September 2008

Der "Tanz" der sozialen Beziehungen, der Monogamie, des Altruismus

ResearchBlogging.orgIst Evolution vor allem ein Weg zur Überwindung des Autismus gewesen? Und warum gibt es ihn dennoch in verschiedenen Abstufungen?

1. Ein Gehirnboten-Gen mit vielfältigen Aspekten: AVPR1a

Sind die sozialen Beziehungen im Tierreich und beim Menschen in erster Linie ein "Tanz"? Ein wichtiges Hormon, das im Gehirn von Tier und Mensch emotionale und soziale Reaktionen und Verhaltensweisen beeinflußt, ist das Vasopressin. In bestimmten Gehirnbereichen (Amygdala, Mandelkern, Hippocampus und anderen) wird von den Zellen ein Vasopressin-Rezeptor-Gen (genannt "AVPR1a") abgelesen. (Wiki) Verschiedene Ablesemutationen dieses Gens steuern, wie es scheint, die Häufigkeit der Produktion von Vasopressin-Rezeptoren in diesen Zellen und damit die Stärke der Wirkung von Vasopressin auf bestimmte Gehirnbereiche mit entsprechenden Wirkungen bezüglich von Verhalten und emotionalen Reaktionen.

Diese Ablesemutationen, Steuerungs-Mutationen liegen in den Genbereichen vor oder hinter dem eigentlichen Vasopressin-Rezeptor-Gen. Entsprechend können diese vor- und hintergeschalteten Genbereiche auch je nach genetischer Variante einmal länger und einmal kürzer sein (müssen sie aber nicht). Und unterschiedliche Mutationen und Abschnitte dieser vor- oder hintergeschalteten Ablesemutationen - oft die längeren Varianten - korrelieren in auffälliger Weise mit so auf den ersten Blick ganz unterschiedlichen Erscheinungen des sozialen Lebens wie: Altruismus, tänzerische Begabung, spirituelle Begabung, Monogamie, Gefühle romantischer Liebe und mütterlicher Liebe, sowie frühe(re) erste geschlechtliche Erfahrungen. (Pritchard 2007, frei zugänglich)

Während andere Varianten - oft die kürzeren - mit etwas weniger Altruismus, weniger tänzerischer und spiritueller Begabung, mit Polygamie, späteren ersten geschlechtlichen Erfahrungen, sowie auch mit Autismus und aggressivem Verhalten korrelieren. (Auch mit Alkohol-Abhängigkeit - zumindest bei Mäusen.)

Untersucht sind diese Zusammenhänge bisher an verschiedenen amerikanischen Wühlmaus-Arten, an Zebrafinken, Feldsperlingen, an israelischen Tänzern, an israelischen Studenten, sowie an schwedischen gleichgeschlechtlichen Zwillingspaaren und ihren Ehepartnern.

2. Amerikanische Wühlmaus-Arten, Partnerbindung und - AVPR1a

Eine lange Version dieses Gens macht männliche amerikanische Prärie-Wühlmäuse (Microtus ochrogaster, aus der Gattung der Feldmäuse, bzw. der Untergattung der Wühlmäuse) monogam, eifrig im Sorgen um den eigenen, genetischen Nachwuchs und "vertrauensvoll" auch in sozialen Begegnungen mit unbekannten Individuen. Eine kurze Version dieses Gens, die die nah verwandten amerikanischen Berg-Wühlmäuse besitzen, macht deren Männchen polygam. Bei den Weibchen hat man offenbar noch keine Auswirkungen der unterschiedlichen Versionen dieses Gens festgestellt. Die meisten Wühlmaus-Arten leben aber polygam und haben dennoch lange Versionen dieses Gens. Also hier weiß man noch nicht alles, was man zu diesem Thema wissen müßte, um die Zusammenhänge vollständig verstehen zu können. Wüsten- und Feldmäuse weisen eine große Arten-Vielfalt auf, zugleich auch eine große genetische Vielfalt, in der die Evolution offenbar weltweit viele "Experimente" durchgeführt hat, auch was soziales Verhalten betrifft. (s.a. wissenschaft.de)

3. Der Tanz der Geschlechter in der Evolution und - AVPR1a

In einer israelischen, humangenetischen Studie aus dem Jahr 2005 (1) (frei zugänglich), in der die Korrelation einer Version dieses Vasopressin-Rezeptor-Gens mit tänzerischer Begabung im Mittelpunkt steht, werden die Forschungsergebnisse abschließend in folgenden größeren Kontext eingeordnet (für jeweilige Literaturangaben im Text siehe bitte das Original):
Across the vertebrates, vasopressin plays a key role in courtship behavior that frequently involves elements of song and dance. For example, male zebra finches (Taeniopygia guttata) sing directed song to females as an integral part of a courtship display that also includes elements of dance. The choreography of the dance presumably conveys or enhances some part of the message that is carried by the individual's learned song, although the exact importance and function of the dance are not known. Furthermore, arginine vasopressin plays a key role courtship behavior in zebra finches as well as in other bird species such as the territorial field sparrow (Spizella pusilla), as it does in social behaviors in mammals and other vertebrates. There is also evidence in humans that vasopressin is important in maternal and romantic love. Imaging studies have shown that brain areas rich in vasopressin receptors are activated when subjects are shown pictures designed to evoke feelings of attachment. The observation discussed above that AVPR1a is associated with a temperament trait, Reward Dependence, also strengthens the conjectured role of this gene in human social communication. Thus, studies in humans as well as in many other animal species suggest to us the reasonable notion that variations in AVPR1a microsatellite structure might also predispose some individuals to excel in dancing. (...) In this context, it is easier to see how the AVPR1a receptor microsatellite polymorphisms contribute to human dance. Human dancing can be understood in part as a form of courtship and social communication that shares a surprisingly conserved evolutionary history, characterized by apparently common neurochemical and genetic mechanisms, with mating displays and affiliative behavior observed across the vertebrates.
Was hier zunächst überrascht, ist die These, daß dieses Vasopressin-Rezeptor-Gen über den ganzen Arten-Stammbaum der Vertebraten in ähnlicher Weise für soziale Kommunikation, für Balzverhalten, Bindungsverhalten (Monogamie/Polygamie) und für Tanz verantwortlich sein soll. Das erinnert unglaublich stark an die Monogamie-These von Robin Dunbar, wonach über weite Stammbaum-Teile monogame Verhaltensweise mit Gehirngröße korreliert. Was wiederum gut zu der social brain-Hypothese paßt, die zunächst nur für Primaten formuliert worden war.

Bewegen wir uns hier in Kernbereichen dessen, was für die Evolution "des Humanum", des Sozialen im Menschen verantwortlich war? Und müssen wir uns hierbei auf viele Überraschungen gefaßt machen, vielleicht sogar - unangenehmen? Denn wo jemand eine individuelle genetische Begabung "für" etwas hat, dort fehlt einem anderen diese genetische Begabung. Natürlich hat die Evolution immer schon mit einer großen Variationsbreite gearbeitet. Wobei noch zu erklären wäre, wie deren Evolutionsstabilität zustande kam. Aber: Liegt diese Variationsbreite auch bei Menschen vor? Und was würde das heißen?

Wenn der Leser nämlich genau gelesen hat, kodiert das gleiche Gen, daß monogames Verhalten und tänzerische Begabung kodiert auch - altruistisches Verhalten. Wir lassen uns - vielleicht - gerne noch unterstellen, daß wir keine besonders ausgeprägten angeborenenen Neigungen zu Monogamie haben. Aber auch nicht zu - Altruismus ganz allgemein?

4. Der Altruismus in der Soziobiologie seit 1964

In der Soziobiologie ist seit ihren Gründungsjahren 1964, bzw. 1975/76 über Altruismus eigentlich immer nur in ganz allgemeinem Sinne gesprochen worden. Es wurde eine genetisch bedingte Anlage, Neigung für Altruismus vorausgesetzt, beim Menschen oft nur "halbbewußt" vorliegend, und es wurden die Bedingungen, "Strategien" erforscht, unter denen sich diese Anlage in der Evolution für jede Tierart wieder etwas anders und ebenso beim Menschen halten kann über die Generationen hinweg. Aufgrund welcher evolutiver Kausalzusammenhänge diese angeborene Neigung nicht ausstirbt im egoistischen, ellenbogenhaften "Daseinskampf" nach Charles Darwin. Daß es angeborene Altruismus-Unterschiede tatsächlich gäbe - wer hätte das jemals so frank und frei gewagt zu behaupten?

Die Erklärung für das Nicht-Aussterben geschah generell fast immer nach dem gleichen Prinzip, das William D. Hamilton, der Begründer der Soziobiologie, als einsamer Student 1964 in Londoner Bahnhofs-Wartesäälen formulierte, nämlich nach dem des Verwandten-Altruismus. Neuerdings kommen immer mehr auch Konzepte kultureller und genetischer "Gruppenselektion" hinzu - insofern es sich um altruistisches Verhalten in größeren Gruppen, jenseits der engeren, familiären, genetischen Verwandtschaft handelt.

Nachdem lange Zeit im Vordergrund der Forschung der Gegenseitigkeits-Altruismus (nach Robert Trivers, 1972) gestanden hatte, fragen Forscher in den letzten Jahren immer häufiger, warum er so "selten" im Tierreich auftritt (etwa Peter Hammerstein 2004 oder Marc Hauser im gleichen Jahr). Der Gegenseitigkeits-Altruismus ("tit for tat") scheint nach dem gegenwärtigen soziobiologischen, spieltheoretischen Denken besonders gut - nur - beim Menschen zu funktionieren, der genau zählen kann und der sich bewußter an vergangene Ereignisse erinnert und zukünftige vorausplant, als das selbst die intelligentesten Tiere auf unserer Erde tun. Der Gegenseitigkeits-Altruismus, also der kategorische Imperativ von Immanuel Kant, ist im engeren Sinne wahrscheinlich eine evolutiv erst sehr spät erworbene Eigenschaft, von der ja schon seit langem bekannt ist, daß sie durch viele Absicherungen gegen egoistische "Täuscher" und "Trittbrettfahrer", "blinde Passagiere" und so weiter abgesichert werden muß.

Es müssen hier im allgemeinen typisch "überwachungsstaatliche", "polizeitstaatliche" Mechanismen und bürgerschaftliches Engagement vorausgesetzt werden, damit er als eine "evolutionsstabile" Erscheinung verstanden werden kann. Die hier auftretenden Probleme hängen zusammen mit dem "Allmende-Problem", mit "cheater detection" (Erkennen von egoistischen Täuschern), mit "altruistic punishment" (altruistisches Bestrafen von Täuschern), mit dem Erhöhen von altruistischem Einsatz in ansonsten egoistischen, hedonistischen Gesellschaften durch das Vorspiegeln oder das tatsächliche Vorhandensein von äußeren Bedrohungen in gruppenselektionistischen Prozessen - und vielen anderen, tendenziell weniger gesellschaftlich freiheitlichen, liberalen Prinzipien mehr.

5. Verhaltensgene beim Menschen allgemein

In den letzten Jahren geschieht aber nun etwas sehr, sehr Aufregendes und Grundlegendes in der Wissenschaft, worüber auch hier auf dem Blog noch nie so richtig konkret gesprochen worden ist. - Schon vor zehn Jahren wurde aufgezeigt, daß sich Menschen in einem solchen sozialen Verhaltensmerkmal wie ADHS genetisch auf individueller und auf Gruppenebene unterscheiden. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von ADHS-Gen-Trägern in einer Gesellschaft und der derzeitigen, bzw. geschichtlich "nomadischen" Lebensweise dieser Gesellschaft. So geschichtlich konservative, wenig "herumgekommene" Ethnien wie die Chinesen oder die südafrikanischen Buschleute haben keine Träger von ADHS-Genen in ihren Gesellschaften, während so geschichtlich weit gewanderte und "kriegerische" Völker wie etwa viele südamerikanische Indianerstämme höhere zweistellige Prozentzahlen von Trägern dieses Gens unter sich zählen. Das wurde schon an diversen Stellen hier auf dem Blog erwähnt. -

Was aber noch nie erwähnt wurde, ist, daß die Forschung in den letzten zehn Jahren auch auf anderen Gebieten erheblich weitergegangen ist. Es kann immer konkreter aufgezeigt werden, daß Menschen sich nicht nur kulturell auf Gruppenebene in sehr konkreten altruistischen, "prosozialen" Verhaltensneigungen unterscheiden (Stud. gen.), sondern nun auch genetisch und individuell. Zwar wußte man um unterschiedliche, angeborene Altruismus-Neigungen schon aus der Zwillingsforschung. Auch wußte man, daß viele sozio- und psycho-pathologische Erscheinungen wie Autismus oder Neigung zu Gewalt genetische Komponenten haben. Aber die neuen Erkenntnisse, die oben schon angedeutet wurden und über die im folgenden zu berichten ist, sind doch noch einmal um manches frappierender, weil sie so gut wie jeden Menschen der Gesellschaft betreffen, so daß selbst "hartgesottene" "Naturalisten" - wie der Schreiber dieser Zeilen - an der einen oder anderen Stelle fast "geschockt" innehalten: Was denn, ist das wirklich so konkret, so deutlich? "Diskriminiert" die Natur, "unterscheiden" die Gene selbst so deutlich? "Bevorteilen" sie, "benachteiligen" sie so deutlich? Jeden von uns? In ganz grundlegenden sozialen Zusammenhängen wie Ehe und Liebe - oder anderen?

Das läßt einen über vieles ganz neu nachdenken und innehalten.

6. Autismus und - AVPR1a

Um sich an diese neuen Fragen anzunähern, könnte es sich als sinnvoll erweisen, sich mit der weitgehend angeborenen Verhaltensauffälligkeit des Autismus, des Asperger-Syndroms (AS) zu beschäftigen. Diese Krankheit könnte so in etwa aufzeigen, was den Gegenpol ausmacht zu den eigentlicheren menschlichen Eigenschaften, die den Menschen zum Menschen machen, nämlich auf den Gebieten von Empathie und nonverbaler Kommunikation. (Man beachte: Auch etwa der Tanz und jede Art von Balzverhalten ist ja eine nonverbale Kommunikation.) Bei Wikipedia heißt es unter anderem über diese Krankheit:
Menschen mit AS können schlecht Augenkontakt mit anderen Menschen aufnehmen oder halten. Sie vermeiden Körperkontakt, wie etwa Händeschütteln. Sie sind unsicher, wenn es darum geht, Gespräche mit anderen zu führen, besonders wenn es sich um eher belanglosen Smalltalk handelt. Soziale Regeln, die andere intuitiv beherrschen, verstehen Menschen mit AS nicht intuitiv, sondern müssen sie sich erst mühsam aneignen. (...) Im Unterricht sind sie in der Regel wesentlich besser im schriftlichen als im mündlichen Bereich. In der Ausbildung und im Beruf macht ihnen der fachliche Bereich meist keine Schwierigkeiten, nur der Smalltalk mit Kollegen oder der Kontakt mit Kunden. Auch das Telefonieren kann Probleme bereiten. Im Studium können mündliche Prüfungen oder Vorträge große Hürden darstellen. (...) Die meisten Menschen mit AS können durch hohe Schauspielkunst nach außen hin eine Fassade aufrecht erhalten, so dass ihre Probleme auf den ersten Blick nicht gleich sichtbar sind, jedoch bei persönlichem Kontakt durchscheinen, etwa in einem Vorstellungsgespräch. Menschen mit AS gelten nach außen hin zwar als extrem schüchtern, jedoch ist das nicht das eigentliche Problem. Schüchterne Menschen verstehen die sozialen Regeln, trauen sich aber nicht, sie anzuwenden. Menschen mit AS würden sich trauen sie anzuwenden, verstehen sie aber nicht und können sie deshalb nicht anwenden. Die Fähigkeit zur kognitiven Empathie (Einfühlungsvermögen) ist gar nicht oder nur schwach ausgeprägt, jedoch die affektive Empathie (Mitgefühl) gegenüber anderen ist durchaus genauso oder sogar stärker ausgeprägt als bei nicht-autistischen Menschen (Rogers et al. 2006). Menschen mit AS können sich schlecht in andere Menschen hineinversetzen und deren Stimmungen oder Gefühle an äußeren Anzeichen ablesen. Überhaupt können sie nur schwer zwischen den Zeilen lesen und nicht-wörtliche Bedeutungen von Ausdrücken oder Redewendungen verstehen. Sie ecken an, weil sie die für andere Menschen offensichtlichen nonverbalen Signale nicht verstehen. Da es ihnen meist schwer fällt, Gefühle zu benennen und auszudrücken, passiert es oft, dass ihre Mitmenschen dies als mangelndes persönliches Interesse missdeuten. Auch können sie in gefährliche Situationen geraten, da sie äußere Anzeichen, die auf eine bevorstehende Gefahr - etwa durch Gewalttäter - hinweisen, oft nicht richtig deuten können.
Also kurz gesagt: Im alltäglichen "Tanz" der nonverbalen Kommunikation und Empathie von Menschen untereinander haben sie Mühe, ihr Tanzbein mitzuschwingen. Sie sind vielleicht nicht nur nicht religiös "musikalisch", sondern auch sozial nicht "musikalisch", auch sozial nicht "tänzerisch" begabt. Frauen sind ja durchschnittlich sowieso angeborenermaßen besser in Empathie und auch in verbaler und nonverbaler Kommunikation.

Autismus ist eine Krankheit, die eher typisch ist für Männer als für Frauen und viele "autistische" Merkmale erinnern auch an ganz normale Probleme in Paarbeziehungen zwischen Männern und Frauen, in denen Männer oft nicht fähig oder willens sind, zum Beispiel über Gefühle zu sprechen oder auf gezeigte Gefühle zu reagieren. Dieses eine Vasopressin-Rezeptor-Gen wirft eine solche Fülle von Implikationen auf, daß sie in diesem einen Beitrag bei weitem nicht erschöpfend behandelt werden können. Auch liegen auf fast allen Gebieten längst noch keine eindeutigen Forschungsergebnisse vor, sondern immer nur Andeutungen.

7. Altruismus und - AVPR1a

Doch nehmen wir uns jetzt eine weitere, konkrete Studie vor (2, pdf. frei zugänglich). Das "Diktator-Spiel" ist ein witziges, verrücktes Spiel nach der Art von Spielen, die von Spieltheoretikern wie etwa auf Zoon politikon oft und gern behandelt werden. In einer israelischen Studie, die in diesem Frühjahr veröffentlicht wurde, wurde Versuchsteilnehmern zum Beginn folgendes mitgeteilt:
"Lieber Teilnehmer,

in dieser Aufgabe werden Sie aufgefordert, eine Entscheidung zu treffen, bei der Sie etwas Geld verdienen können. Die Aufgabe wird in Paaren stattfinden, in denen einer der Teilnehmer Spieler A und der andere der Teilnehmer Spieler B sein wird. Die Auswahl, wer Spieler A und wer Spieler B sein wird, wird vom Computer zufällig getroffen. Sie werden den anderen Teilnehmer nicht kennen und werden ihn in der Zukunft nicht treffen.

In dieser Aufgabe gibt es 50 Punkte, von denen Spieler A entscheiden muss, wie er sie zwischen sich selbst und Spieler B verteilt. Das heißt, Spieler A entscheidet, wie viele Punkte er für sich selbst behält und wie viele Punkte Spieler B erhält. Für jeden Punkt, den er für sich selbst behält, wird Spieler A 1 Schekel" (israelische Währung) "erhalten und für jeden Punkt, den er Spieler B gibt, wird Spieler B 1 Schekel erhalten.

Damit ist die Aufgabe zu Ende.

Bitte drücken Sie den Button, um fortzufahren."
1 Schekel beträgt derzeit knapp 0,20 Euro, hier geht es also insgesamt um etwa 10 Euro, bzw. 10 Dollar. Spieler A ist hier also der "Diktator" und Spieler B der "Empfänger". Nun könnten wir nach Art von "Zoon politikon" fragen: Was glauben Sie wohl, liebe Leserin, wie die 200 israelischen Studenten, 100 Männer und 100 Frauen, Durchschnittsalter 26 Jahre, sich entschieden haben? Wie würden Sie sich entscheiden?
Hier das überraschend vielfältige Ergebnis:
48 Teilnehmer gaben 0 bis 5 Schekel,
18 Teilnehmer gaben 6 bist 10 Schekel,
9 Teilnehmer gaben 11 bis 15 Schekel,
32 Teilnehmer gaben 16 bis 20 Schekel,
3 Teilnehmer gaben 21 bis 24 Schekel,
78 Teilnehmer gaben 25 bis 30 Schekel,
5 Teilnehmer gaben 36 bis 40 Schekel,
1 Teilnehmer gab 41 bis 45 Schekel,
14 Teilnehmer gaben 46 bis 50 Schekel.
In unserer Kultur gibt es also zunächst eine erstaunliche Vielfalt von altruistischen und egoistischen Reaktionen. Wir Menschen scheinen weder genetisch noch kulturell besonders "einheitlich" festgelegt zu sein, was Entscheidungen in solchen schlichten und einfachen Spielen betrifft. Es wurden auch keine Geschlechtsunterschiede in den Entscheidungen festgestellt.

- Es steht also zunächst eines fest: Der Mensch ist nicht generell so egoistisch, wie es viele ökonomische Theorien vorausgesetzt hatten, bis einmal Spieltheoretiker häufiger die Menschen zu solchen Spielen aufforderten. Aber andererseits auch: Es finden sich zwischen ihnen durchaus so manche "Diktatoren", die auch viel für sich behalten, wenn sie teilen könnten und ihnen das niemand "nachtragen" kann. Ist das nicht auch exakt unsere alltägliche Erfahrung? Daß wir manches mal uns ärgerten, irgendwo Vertrauen gezeigt zu haben, das nicht erwidert wurde, während wir in anderen Fällen über uns entgegengebrachtes Vertrauen, über Hilfsbereitschaft überrascht waren? So sind halt - Menschen, möchte man sagen. Ein buntes Gemisch von solchen und solchen Eigenschaften.

Aber das ist noch nicht alles. Solche Spiele wurden - wie schon angedeutet - schon in früheren Jahrzehnten häufig gespielt und die Ergebnisse analysiert. Was neu an der Studie dieses Jahres ist, ist, dass unterschiedliche Versionen von Vasopressin-Rezeptor-Genen der Teilnehmer mit ihrem Verhalten bei diesem Spiel verglichen wurden. Mehr Teilnehmer mit langen Versionen dieses Gens gaben nun größere Summen in diesem Spiel als Teilnehmer mit kürzeren Versionen dieses Gens. Also offenbar: Der Mensch ist gar keine Graugans. Und nur Fußball-Fans sind Baumhopfe. Ansonsten ist der Mensch - eine Wühlmaus.

Menschen mit langen Versionen dieses Gens haben noch nach dem Tod in bestimmten Hirnregionen (Hippocampus) mehr Gen-Produkte dieses Gens (messenger RNA, also Boten-RNA), als Menschen mit kurzen Versionen dieses Gens, wie die gleiche Studie in einer parallelen Untersuchung feststellte.

Reinerbige Träger der langen Version dieses Gens (homozygote) gaben durchschnittlich 22,2 Schekel, reinerbige Träger der kurzen Version dieses Gens (also ebenfalls homozygote) gaben durchschnittlich 15,4 Schekel. Auch die Antworten in einem Fragebogen, der den Versuchsteilnehmer Fragen bezüglich ihrer Selbsteinschätzung hinsichtlich Altruismus stellte, korrelierten mit den beiden Gen-Versionen in dem genannten Sinne.

Was nun, Du Mensch, der du glaubst, so ganz unabhängig von Deinen Genen Entscheidungen zu fällen, was so Grundlegendes wie Altruismus oder Egoismus betrifft? Wie gehst Du damit um? Mit solch einer Erkenntnis? Aber warte noch eine Weile, das war noch längst nicht alles.

Es ist der Jerusalemer Verhaltensgenetiker Richard P. Ebstein (siehe Bild), aus dessen Forschungsgruppe sowohl die eingangs angeführte Tänzer-Studie als auch die eben angeführte Altruismus-Studie hervorgegangen sind. Diese Forschungsgruppe scheint sich auf ziemlich spannenden "Pfaden" menschlicher Erkenntnis zu bewegen. (Siehe auch 3) (pdf. frei zugänglich)

8. Schwedische Zwillingspaare, eheliche Bindung und AVPR1a

Das Treue-/Untreue-Gen AVPR1a, das zunächst an amerikanischen Prärie- und Bergwühlmäusen erforscht worden war (siehe oben), ist inzwischen auch beim Menschen untersucht worden (4, freier Zugang). Das machte schon vor drei Wochen die Runde in der Presse.

Den Forschern unterläuft gleich im ersten Satz ihrer Studie ein bemerkenswerter Fehler. Er zeigt, wie wenig die Forscher alle Dinge hier schon im Zusammenhang sehen, wie sie es aber - über Fehler wohl - allmählich lernen, diese Zusammenhänge zu sehen. Sie beziehen sich in der zu dem ersten Satz gehörenden Literatur-Angabe auf die Monogamie-These von Robin Dunbar, auf die wir auch hier auf dem Blog schon oft mit Betonung hingewiesen haben, und die ja wohl auch unübersehbare Bedeutung im Zusammenhang mit diesem Thema hat. (Stud. gen. 1, 2) Aber die Forscher schreiben:
Primate social organization is often characterized by bonded relationships, and recent analyses suggest that it may have been the particular demands for pair-bonding behavior that triggered the evolutionary development of the primate social brain.
Genau so nicht! Die jüngste Dunbar-Studie, die zu diesem Satz zitiert wird, war ja gerade nicht mit der Evolution von Gehirnen von Primaten befaßt, sondern von Gehirnen von einer breiten Vielfalt von Nichtprimaten. Wenn wir die These von Dunbar richtig verstanden haben, dann sagt sie, daß die Primaten-Gehirn-Evolution durch Gruppengröße vorangetrieben wurde, nicht durch Paarbindung, daß aber bei Nichtprimaten die Gehirn-Evolution durch Paarbindung vorangetrieben wurde, und daß die auf diese Weise erworbenen psychischen Fähigkeiten zur Aufrechterhaltung von langfristigen monogamen Sozialbeziehungen dann von Primaten auf noch mehr Gruppenmitglieder übertragen wurde zur Aufrechterhaltung von engen, langfristigen Sozialbeziehungen in größeren Gruppen. Also praktisch: Die sozialen Kompetenzen, Begabungen zur Ehe wurden (erst) von Primaten auf die Gruppe insgesamt übertragen.

Aber ansonsten ist die Studie natürlich ebenso frappierend wie schon die zuvor angeführten. Eine der Ablesemutationen von AVPR1a beim Menschen trägt die Nummer 334. Über dieses Allel heißt es nun in der Studie:
Fifteen percent of the men carrying no 334 allele reported marital crisis, whereas 34 % of the men carrying two copies of this allele reported marital crisis, suggesting that being homozygous for the 334 allele doubles the risk of marital crisis compared with having no 334 allele.
Und:
The frequency of nonmarried men being higher among 334 homozygotes (32 %) than among men with no 334 alleles (17 %).
Das sind schon ganz frappierende Unterschiede. Wobei zu bemerken ist, daß hier - aufgrund der spezifischen Studienbedingungen - sowieso nur Männer untersucht wurden, die in Beziehungen lebten, die schon fünf Jahre andauerten. Wie erst werden die Unterschiede ausfallen, wenn die Männer dazu genommen werden, die derzeit nicht in so langen Beziehungen leben? Und genau dieses Allel 334 spielt auch, worauf die Studie hinweist, bei Autismus eine Rolle.

Razib Khan (gnxp-a, -b) beantwortet als einziger jene Frage, die sich dem humangenetisch Informierten seit einigen Jahren immer zugleich mitstellt:
Haplotter does not suggest any recent selection, so this might be a case where behavioral polymorphism has persisted for a long time as different strategies maintain themselves at equilibrium.
Die Verteilung dieser Gentypen scheint also in allen menschlichen Bevölkerungen auf der Erde ähnlich zu sein. Und das wirft die Frage auf, welche evolutionären Vorteile eigentlich dieses 334-Allel mit sich bringt, daß es so häufig ist in menschlichen Bevölkerungen.

Dies ist ein langer Beitrag geworden und er hat für 100 aufgeworfene Fragen vielleicht 10 Antworten gegeben. So ist es immer in Forschungsgebieten, die sich in rascher Entwicklung befinden. Man darf, was die Erforschung von AVPR1a betrifft, auf die nächsten Jahre hochgradig gespannt sein.
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Literatur:

1. Rachel Bachner-Melman, Christian Dina, Ada H. Zohar, Naama Constantini, Elad Lerer, Sarah Hoch, Sarah Sella, Lubov Nemanov, Inga Gritsenko, Pesach Lichtenberg, Roni Granot, Richard P. Ebstein (2005). AVPR1a and SLC6A4 Gene Polymorphisms Are Associated with Creative Dance Performance PLoS Genetics, 1 (3) DOI: 10.1371/journal.pgen.0010042

2. A. Knafo, S. Israel, A. Darvasi, R. Bachner-Melman, F. Uzefovsky, L. Cohen, E. Feldman, E. Lerer, E. Laiba, Y. Raz, L. Nemanov, I. Gritsenko, C. Dina, G. Agam, B. Dean, G. Bornstein, R. P. Ebstein (2008). Individual differences in allocation of funds in the dictator game associated with length of the arginine vasopressin 1a receptor RS3 promoter region and correlation between RS3 length and hippocampal mRNA Genes, Brain and Behavior, 7 (3), 266-275 DOI: 10.1111/j.1601-183X.2007.00341.x
3.
Rachel Bachner-Melman, Ada H. Zohar, Naomi Bacon-Shnoor, Yoel Elizur, Lubov Nemanov, Inga Gritsenko, Richard P. Ebstein (2005). Link Between Vasopressin Receptor AVPR1A Promoter
Region Microsatellites and Measures of Social Behavior in Humans Journal of Individual Differences, 26 (1), 2-10 DOI:
10.1027/1614-0001.26.1.2

4. H. Walum, L. Westberg, S. Henningsson, J. M. Neiderhiser, D. Reiss, W. Igl, J. M. Ganiban, E. L. Spotts, N. L. Pedersen, E. Eriksson, P. Lichtenstein (2008). Genetic variation in the vasopressin receptor 1a gene (AVPR1A) associates with pair-bonding behavior in humans Proceedings of the National Academy of Sciences, 105 (37), 14153-14156 DOI: 10.1073/pnas.0803081105

Mittwoch, 17. September 2008

Single-Mütter sind intelligenter - bei Buntbarschen

ResearchBlogging.org
Gerade hatten wir noch stolz verkündet, daß über weite Bereiche des Arten-Stammbaumes hinweg Gehirngröße positiv mit der Intensität der monogamen Lebensweise korreliert (Stud. gen. 1, 2), ja daß sogar soziale Komplexität bei soziallebenden Insekten etwas mit Monogamie zu tun hat (Stud. gen.), da macht uns neuerdings die Tiergruppe der Buntbarsche einen Strich durch die Rechnung. Diese Ausreißer! (Proc. B., frei zugänglich) - Nieder mit den Buntbarschen!

Allein erziehende Mütter haben bei ihnen größere Gehirne als kooperative Elternpaare. Was ziehen wir daraus für Schlußfolgerungen? Wir sagen, hier sind nur 39 Buntbarsch-Arten miteinander verglichen worden und das ist uns noch zu wenig. Wir warten auf Nachfolge-Studien.

Aber trotzdem: Was könnte es uns noch sagen? Traue niemals einem Forschungsergebnis, solange Du nicht um die nächste Ecke geschaut hast. Natürlich ist dies keine Falsifizierung der Monogamie-These von Robin Dunbar. Aber immerhin doch eine Differenzierung. Die Natur (oder doch zumindest bis zu diesem Punkt die Wissenschaft) erlaubt es sich - wieder einmal! - unsere Erwartungen nicht zu bestätigen. - Klasse. So macht Wissenschaft Spaß.

Für fleischfressende Säugetiere gibt es größere Gehirngrößen bei alleinerziehenden Müttern offenbar ebenfalls.

"Social Brain-Hypothese" dennoch bestätigt

Aber die Forscher glauben dennoch, mit ihrer Studie die "Social Brain-Hypothese" von Robin Dunbar an den Buntbarschen bestätigt zu haben. Sie fanden nämlich das "counter-intuitive" Ergebnis - wie sagt man das ebenso kurz auf Deutsch,? - das unerwartete Ergebnis, daß jagende Buntbarsche geringere Gehirngröße haben, als Algen-abgrasende Buntbarsch-Arten. Dabei gibt es doch die weitgehend unbestätigte Hypothese, daß es der Fleischfresser Mensch war, der auf diese Weise sein großes Gehirn evoluiert hat. - Deshalb jedenfalls für die Forscher "counter-intuitive", unerwartet.

Aber sie haben eine tolle Erklärung, die wieder einmal in die Nähe der These von Gruppenselektion reicht. Sie sagen, daß Algen-abgrasende Buntbarsch-Arten in sehr, sehr komplexen Habitaten mit sehr, sehr vielen, ihnen selbst ähnlichen Buntbarsch-Arten zusammen leben müssen in Kooperation (Gegenseitigkeit) und Aggression, und daß dieses enge Zusammenleben mit anderen Arten ihre Gehirnevolution beschleunigt haben könnte. Das ist einmal eine ganz andere Sichtweise auf die Dinge. So ähnlich stellten sich ja manche Evolutionsforscher auch die Gehirnevolution beim Menschen vor vor einigen Jahrzehnten (Richard Alexander zum Beispiel), nämlich als "runaway"-Gruppenselektions-Prozess: Die Menschengruppen mit den größten Gehirnen, mit dem höchsten IQ überlebten.

Nun, wir sehen das heute mit den niedrigen Kinderzahlen von Akademikern etwas, ähm - - - "differenzierter", können aber diese These von Richard Alexander keineswegs schlüssig falsifizieren. Weshalb man künftig noch mehr Gründe haben könnte, als früher schon, sich die Buntbarsche sehr genau anzuschauen. - Übrigens könnte die IQ-Evolution der Buntbarsche ja ähnlich wie bei den aschkenasischen Juden (und vielleicht anderen Völkern) etwas mit Inzucht zu tun haben, mutmaßte "Studium generale" schon vor anderthalb Jahren. (Stud. gen.)

Noch ein Gedanke, zu dem sich in dem Paper keinerlei bestätigende oder abschwächende Hinweise fanden: Vielleicht paßten die Männchen mit ihren geringeren Gehirngrößen einfach nicht mehr in die komplexen, engen Sozialsysteme der weiblichen, algen-abgrasenden Buntbarsche hinein und werden in die guten Territorien nur hereingelassen zum Zeugen von Nachwuchs? Denn gemeinsame Brutpflege ist auch hier der stammesgeschichtlich ursprüngliche Zustand.

Jedenfalls, es bleibt alles ein wenig - "counter-intuitive".

1. Alejandro Gonzalez-Voyer, Svante Winberg, Niclas Kolm (2008). Social fishes and single mothers: brain evolution in African cichlids Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0979

Montag, 15. September 2008

Wissenslogs: Die ländliche, nichtbäuerliche Wirtschaft

"Rural Nonfarm Economy" (RNE), die Entwicklung der ländlichen, nichtbäuerlichen Wirtschaft wird als ein entscheidender Faktor in der wirtschaftlichen Entwicklung der heutigen Entwicklungsländer gesehen, so erfahren wir im Interview von Stefan Ohm vom Wissenschaftsblog "Geo-Log" mit dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Steven Haggblade (Geo-Log), der zu diesem Thema gerade ein Buch veröffentlicht hat. (Amazon)

Auf dieses Thema habe ich selbst schon im Zusammenhang mit der Diskussion um die Evolution des (beruflichen) Verantwortungsbewußtseins und der Amischen hingewiesen auf den Chronologs (Natur des Glaubens von Michael Blume). Ich schrieb dort:

... Bei den Amischen kann man ja heute auch eine berufliche "Spezialisierung" im wirtschaftlichen sekundären Sektor (Handwerk usw.) beobachten, (die insbesondere von Donald Kraybill wissenschaftlich aufgearbeitet wird), da nicht alle amischen Kinder selbst Land kaufen können und selbst Landwirte werden können. Auf der Farm des Bruders richten sie deshalb handwerkliche Betriebe ein und gründen auf diese Weise selbst Familie.

Sie exerzieren gegenwärtig eine Entwicklung vor, die alle komplexer-arbeitsteiligen Gesellschaften geschichtlich durchlaufen haben, (in Mittel- und Nordeuropa besonders seit dem Frühmittelalter - aber sicherlich letztlich schon seit Einführung des Ackerbaus überhaupt).

Auch bei den Amischen ermöglicht und stabilisiert arbeitsteilige-gesellschaftliche Gliederung, Spezialisierung derjenigen, die nicht Bauern werden können, das weitere Wachstum, also die biologische Fitneß der Gruppe.

Siehe dazu das Buch von Donald Kraybill "Amish Enterprise" (Amazon).

"Pull-" und "Push-"Faktoren bezüglich ländlicher, nichtbäuerlicher Wirtschaft (NRE)

Steven Haggblade sagt nun in dem Interview:

Nonfarm earnings account for 35% to 50% of rural household income across the developing world. Landless and near-landless households everywhere depend heavily on nonfarm income for their survival, while agricultural households count on nonfarm earnings to diversify risk, moderate seasonal income swings and finance agricultural input purchases. (...)

Since many of the resource flows from agriculture to the secondary and tertiary sectors of the economy transit functionally and spatially via the rural nonfarm economy, an understanding of the forces that drive change in the RNFE becomes central to understanding the processes that drive overall economic growth. Rural households diversify into nonfarm activities in response to “pull” factors such as growing markets and rising rural purchasing power or in response to “push” factors such as falling rural wage rates and declining land availability. Thus the trajectory of rural nonfarm growth and development differs substantially across settings, driven by changes in agriculture, population and integration with urban markets.

Und dann sagt er weiter:

In successfully transforming economies, policy makers see the RNFE as a sector that can productively absorb the many agricultural workers and small farmers being squeezed out of agriculture by increasingly commercialized and capital intensive modes of farming. Given frequently low capital requirements in the nonfarm economy, policy makers in both settings view the RNFE as offering a potential pathway out of poverty for many of their rural poor.

(Ich schrieb dort gerade den folgenden Kommentar.)

Wenn ich Haggblade recht verstehe, dann sieht er im gegenwärtigen Afrika die "Zug"-Faktoren, die in einer prosperierenden landwirtschaftlichen Entwicklung liegen, positiv, die "Druck"-Faktoren, die aus einer stagnierenden oder rückläufigen landwirtschaftlichen Entwicklung folgen, als negative Folgen für die RNE. Es entsteht der Eindruck, als würde Haggblade alles von einer prosperierenden landwirtschaftlichen Entwicklung erwarten. Ich habe das Buch selbst noch nicht gelesen und würde deshalb gerne fragen: Ist dieser Eindruck richtig?

Wie war es in der europäischen Entwicklung?

Als Mittelalter- und Neuzeithistoriker würde ich dazu sagen: In der europäischen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Entwicklung war ja alles ein bischen anders. Da bekamen nur diejenigen eine Heiratserlaubnis, die eine zuverlässige wirtschaftliche Versorgung der künftigen Familie nachweisen konnten, damit diese neu gegründeten Familien nicht künftig die Armenhäusern der jeweiligen Dörfer füllen würden, die von den Dorfbewohnern jeweils ja selbst finanziert werden mußten, ihnen selbst zur Last fielen.

Damit war ein letztlich durch "sexuelle Askese" (Max Weber) angetriebener Anreiz gegeben, sich wirtschaftlich so zu positionieren, daß man an diese wertvolle Glücks-Ressource "Sexualität" herankam (als Mann oder auch als Frau). (Auch spätes Heiraten von wirtschaftlich nicht gut Versorgten wurde dadurch gefördert, was ja die Nachkommenzahl herabsetzt.)

In der Dritten Welt gibt es diese typisch europäische mittelalterliche und frühneuzeitliche Steuerung des Bevölkerungswachstums, um allgemeinen gesellschaftlichen Rückgang des Wohlstandes zu vermeiden, so weit ich weiß ja nicht.

Übrigens gab es diese Steuerung laut dem französischen Bevölkerungswissenschaftler Pierre Chaunu ("Die verhütete Zukunft") auch nicht in der Geschichte Chinas, in der immer fast 100 % der Bevölkerung auch verheiratet war, und in der chinesische Kaiser es sich sogar zur Pflicht machten, dafür zu sorgen, daß alle Chinesen heiraten konnten. Was immer wieder zu übertrieben starkem Bevölkerungswachstum führte, ohne daß die wirtschaftliche Komplexität parallel mitwachsen konnte.

Die chinesische Geschichte war dementsprechend von geradezu periodisch wiederkehrenden, katastrophalen Bevölkerungszusammenbrüchen gekennzeichnet, die nicht zu vergleichen wären mit den parallelen in Europa. Diesen gegenüber hätte Europa eine viel kontinuierlichere Entwicklung aufzuweisen. (Ich weiß nicht, ob das alles wirklich exakt so stimmt - so aber zumindest Chaunu.)

Wenn man die Aids-Epidemie im heutigen Afrika berücksichtigt und anderes, auf das diese Gesellschaften immer noch nur sehr unflexibel reagieren können, möchte man doch meinen, daß Afrika sich - unbewußt - eher an das von Chaunu beschriebene "chinesische Modell" ökonomisch-demographischer Entwicklung hält, als an das mittelalterlich-frühneuzeitlich europäische.

Nimmt denn Haggblade in seinem Buch auch demographische Entwicklungen in die Betrachtung hinein?

Donnerstag, 11. September 2008

Gruppenselektion - ein neuer Beitrag aus der empirischen Forschung

ResearchBlogging.orgDie Vogelart der Baumhopfe (engl. "green woodhoopoe", lat. "Phoeniculus purpureus") lebt in Wäldern von fast ganz Afrika südlich der Sahara und ist entfernt mit den europäischen Wiedehopfen verwandt. Baumhopfe sind ein beliebtes Briefmarken-Motiv von afrikanischen Staaten und leben in Gruppen mit 2 bis 8 Individuen, von denen sich aber immer nur jeweils ein Paar fortpflanzt. Baumhopfe sind bei der Nahrungssuche in der Baumrinde ständig in Bewegung und schwer zu fotographieren. Ihr Territorium verteidigen sie das ganze Jahr über nach außen. Innerhalb der Gruppen gibt es aber wenig Auseinandersetzungen zwischen den Gruppenangehörigen.

Fast 60 % der Gruppen bestehen aus mehr Individuen als dem sich fortpflanzenden Paar. Die "Helfer am Nest" sind zu 90 % mit mindestens einem der beiden sich fortpflanzenden Individuen familiär verwandt (also z.B. Geschwister oder erwachsene Nachkommen des sich fortpflanzenden Paares). Die erwachsenen Tiere der Gruppe pflegen sich das ganze Jahr über mit der gleichen Regelmäßigkeit das Kopf- und Nackengefieder aus hygienischen Gründen. Das Pflegen des übrigen Gefieders hat wie das Fellausen bei den Primaten soziale Funktion. Seine Häufigkeit schwankt mit der Jahreszeit und es ist häufiger in größeren Gruppen.

In der östlichen Kap-Provinz Südafrikas hat der Vogel-Verhaltensforscher Andrew Radford in den waldreichen Flußtälern sechs Monate lang (zwischen November 2000 und Mai 2001) 12 solcher Gruppen beobachtet. (1) Die Größe der Territorien ändert sich offenbar in den Auseinandersetzungen zwischen Gruppen so gut wie nie.

Gruppenauseinandesetzungen ...

In der Regel verlaufen nun Gruppenauseinandersetzungen bei den Baumhopfen in der Weise, daß eine Gruppe in das Territorium der Nachbargruppe eindringt. Nur sehr selten kommt es zu physischen Auseinandersetzungen. Vielmehr beugen sich die Vögel auf und nieder und "skandieren" "chorweise" gegeneinander und gruppenweise abwechselnd ihre "Schlachtrufe". Die sich nicht fortpflanzenden Gruppenmitglieder tragen dazu mehr bei als das jeweils sich fortpflanzende Paar. Radford sagt, es geschehe das wie bei "Fußball-Fans", die die Fans der gegnerischen Manschaft zu "überstimmen" suchen. Die in Südafrika einheimischen Buschleute benennen diese Vögel nach diesem "Skandieren" mit dem Namen "Das schnatternde (oder gackerende) Lachen der Frauen".

Diese Konflikte können bis zu 45 Minuten dauern und auf dem Höhepunkt wird oft eine Blume oder eine Baumflechte in den Schnabel genommen und von einem Gruppenmitglied zum nächsten weitergereicht, "wie das Schwenken einer Fahne oder eines Schals während eines Fußballspiels" (so wiederum Andrew Radford laut "Telegraph" und "Times").

Wenn die eindringende Gruppe dieses Skandieren gewinnt, bleibt sie bis zu einer Stunde in dem Territorium, sucht hier nach Nahrung und untersucht Nestlöcher, während sich die einheimische Gruppe tiefer in dasselbe zurückzieht. In der Regel kehrt die eindringende Gruppe dann in ihr eigenes Territorium zurück. Verliert die eindringende Gruppe, kehrt sie sofort in ihr Territorium zurück.

... und das psychische "Wundenlecken"
Während der Stunde nach dem Konflikt putzten sich die erwachsenen Gruppenmitglieder nun mehr als doppelt so häufig das Körpergefieder als in der sonstigen Zeit, laut Radford's Studie 2,45 mal pro Stunde im Gegensatz zu den sonstigen 0,86 mal pro Stunde. Und zwar besonders die beiden sich fortpflanzenden Tiere den sich nicht-fortpflanzenden. - Geradezu wie aus "Dankbarkeit", bzw. um sie bei künftigen Auseinandersetzungen zu ähnlichem tapferen Verhalten zu ermutigen. Besonders ausgesprägt war dieses Putzen nämlich bei jenen Gruppen, die verloren hatten - und zwar nach langen Auseinandersetzungen, nicht nur kurzen. "Der volle Einsatz der Gruppenmitglieder ist wichtig, denn die Gruppengröße bestimmt oftmals den Ausgang der Auseinandersetzungen," schreibt Radford.

Gruppenselektion?

Diese Studie und ihr Ergebnis ist für sich selbst sehr schön und anschaulich. Zu fragen bleibt, ob der theoretische Rahmen, in den diese Studie gestellt wird - nämlich dem der Gruppenselektion - besonders deutlich durch diese Studie bestätigt wird. Konkret: Würde der Zusammenhalt in den Gruppen und die Unterstützung innerhalb der Gruppe geringer sein, wenn der äußere Druck durch andere Gruppen nicht vorhanden wäre? So lautet ja die These dieser Studie:

that the amount of intergroup conflict in which a group is involved could influence the amount of cooperation.

daß also das Ausmaß der Zwischengruppen-Konfliktes das Ausmaß der Kooperation beeinflußten könnte.
Nach dem Motto: In Zeiten außenpolitischer Bedrohungen, in Kriegszeiten sind Gruppen oft zu größeren innenpolitischen Kompromissen bereit. Ein viel benutztes und mißbrauchtes Instrument in der menschlichen Politik.

Um das in diesem Fall plausibel machen zu können, müßten wohl noch viele von den in der Studie vorgeschlagenen Nachfolge-Studien unternommen werden. Sie werden wahrscheinlich ein recht differenziertes Bild und keineswegs ein so plattes Bild ergeben wie das vielleicht manche heutige Politiker gern hätten.

Offensichtlich ist aber schon jetzt, daß bei 90 % familiärer Verwandtschaft innerhalb der Gruppe besondere gruppenselektionistische Mechanismen gar nicht herangezogen werden müssen, um das altruistische Verhalten der "Helfer am Nest" zu erklären. Die hier beschriebenen Mechanismen könnten aber dennoch einen typischen gruppenpsychischen Mechanismus kennzeichnen, der auch das Verhalten von Gruppen mit weniger durchschnittlichem Verwandtschaftsgrad kennzeichnet. Aber ob ein solches Verhalten ganz ohne genetische Verwandtschaft langfristig evolutionsstabil wäre, ist doch stark infrage zu stellen und kann auch an dieser Tierart wohl gar nicht nachgewiesen werden.

(Ergänzende Auskünfte und auch Abbildungen auf dem Ergänzungsblog.)

1. Andrew N. Radford (2008). Duration and outcome of intergroup conflict influences intragroup affiliative behaviour Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0787

Mittwoch, 10. September 2008

Regionale genetische Verwandtschaft in vorindustriellen Gesellschaften

ResearchBlogging.org
Von über 1.000 Menschen, deren vier Großeltern aus derselben geographischen Region (innerhalb Europas) stammen, kann aufgrund der Zusammenschau von etwa 500.000 ihrer genetischen Marker in ihrem Genom ihr geographischer Herkunftsort auf 300 bis 700 Kilometer im Umkreis eingegrenzt werden. (1) (Die Ergebnisse dieser jüngst veröffentlichten "Nature"-Studie von John Novembre und Mitarbeitern gingen auch breit durch die Wissenschafts-Berichterstattung der Tageszeitungen.) (Siehe auch Abbildung aus der Studie - durch Draufklicken vergrößern!)

Damit hat die Genom-Forschung eine "Auflösung" und "Tiefenschärfe" erreicht, die diejenige der traditionellen (vor allem Physischen) Anthropologie anfängt zu übertreffen. Vom bloßen physischen Erscheinungsbild her kann selbst bei wissenschaftlicher Beurteilung eines Gerichtsgutachters ein solcher Genauigkeitsgrad nicht erreicht werden. In der Schweiz können mit dieser Zusammenschau von 500.000 genetischen Markern - laut Studie - sogar die Gruppe der deutschsprachigen von der der franzöisch- und italienisch-sprachigen Schweizer unterschieden werden. Ebenso in Italien - offenbar - jene Italiener, die aus Sardinien und Korsika stammen. Ebenso andere regionale, kulturelle und geographische Unterschiede in Europa.

Es ist ja klar, daß mit dieser Zusammenschau von 500.000 genetischen Markern (durchschnittliche) größere oder geringere genetische Verwandtschaft festgestellt werden kann. Und genetische Verwandtschaft stabilisiert bekanntlich altruistisches Verhalten in der Evolution und Humanevolution. Diese neue Studie nähert sich also aus anderer Richtung an etwa dasselbe Phänomen an, an das sich die isländischen Humangenetiker (um Agnar Helgason und Kari Stefansson) Anfang des Jahres aus der Richtung der Verwandten-Heiraten und ihres unterschiedlichen Reproduktionserfolges annäherten (s. Stud. gen.): Nämlich an das Phänomen genetischer Verwandtschaft zwischen Menschen, die in derselben geographischen Region leben und deshalb auch (mehr oder weniger "zwangsläufig") häufiger untereinander heiraten.

Genetische Verwandtschaft nimmt Einfluß auf altruistisches oder egoistisches Verhalten

Die Wissenschaftswelt ist überrascht, daß die Bevölkerung Europas offenbar trotz der vielen Wanderungsbewegungen in den letzten Jahrhunderten und Jahrtausenden aufgrund der doch recht stabilen, längerfristigen Seßhaftigkeit bäuerlicher Gesellschaften sich derart präzise genetisch - noch heute - strukturiert.

Eine weitere Fragestellung wäre jetzt, wie diese Verwandtschafts-Feststellung aufgrund der Genom-Analyse zusammen paßt mit - eher unbewußterer - Verwandtschafts-Feststellung durch Geruchswahrnehmung, die ja bei der Heiratspartner-Wahl eine nicht geringe Rolle spielt. Kann die Geruchswahrnehmung des Menschen Menschen unterscheiden (oder auch nur deren verschwitzte T-Shirts), deren vier Großeltern aus Wohnregionen stammen, die 300, 500, 1.000 Kilometer von der Wohnregion der eigenen vier Großeltern entfernt leben? Man könnte die Fähigkeit zu einer solchen (zumeist eher nur halbbewußten) Wahrnehmung, Unterscheidung irgendwo auf dieser Skala beginnend durchaus für wahrscheinlich halten. Ob darüber schon Erkenntnisse vorliegen, entzieht sich gegenwärtig der Kenntnis des Autors dieser Zeilen.
Using a multiple-regression-based assignment approach, one can place 50% of individuals within 310 km of their reported origin and 90% within 700 km of their origin. Across all populations, 50% of individuals are placed within 540 km of their reported origin, and 90% of individuals within 840 km. These numbers exclude individuals who reported mixed grandparental ancestry, who are typically assigned to locations between those expected from their grandparental origins.
Man beachte, daß hier also im wesentlichen "autochthone" Bevölkerungen untersucht wurden. Das Genom des Autors dieser Zeilen hätte dazu nicht benutzt werden können, zwei Großeltern stammen zwar aus zwei Dörfern, die nur zehn Kilometer voneinander entfernt sind, der dritte Großelternteil stammt jedoch aus einer Region über 1.000 Kilometer entfernt von diesen und der vierte Großelternteil davon noch einmal um (mindestens) 500 Kilometer entfernt. (Vielleicht sollte man mal innerfamiliäre Geruchs-Forschung betreiben! ;-) ) Die in dieser Studie festgestellte genetische Strukturierung spiegelt also so ungefähr die vorindustrielle genetische Struktur Europas wieder, in der über 90 % der Bevölkerung auf dem Land lebten und bei Heiraten nicht weit herumkamen. Schon bei der bürgerlichen Bevölkerung der vorindustriellen Städte wird es anders sein.

Man merkt also, wie sich die Wissenschaft aus mehreren unterschiedlichen Richtungen annähert an die Frage, welche tatsächlichen durchschnittlichen genetischen Verwandtschafts-Verhältnisse auch noch in vorindustriellen Gesellschaften bei Menschen vorliegen und wie sich das auf ihr altruistisches, bzw. egoistisches Verhalten und auf ihre Fortpflanzung auswirkt. Hochgradig spannende Fragen. Es wird immer unplausibler zu vermuten, daß der Verwandten-Altruismus in vorindustriellen Gesellschaften marginal oder bedeutungslos geworden wäre. Zumal wenn man es zusammen mit der Tatsache sieht, daß die arbeitsteilige Strukturierung der Gesellschaft - aufgrund der Möglichkeit effizienterer Hilfeleistung - ihn seine Bedeutung beibehalten läßt, auch wenn der durchschnittliche Verwandtschaftsgrad zwischen Altruist und Nutznießer sinkt.

1. John Novembre, Toby Johnson, Katarzyna Bryc, Zoltán Kutalik, Adam R. Boyko, Adam Auton, Amit Indap, Karen S. King, Sven Bergmann, Matthew R. Nelson, Matthew Stephens, Carlos D. Bustamante (2008). Genes mirror geography within Europe Nature DOI: 10.1038/nature07331
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