Samstag, 15. September 2007

Wo war die "Schlacht im Teutoburger Wald"?


Eine der größten archäologischen Entdeckungen der letzten beiden Jahrzehnte in Deutschland ist die des Ortes der "Schlacht im Teutoburger Wald" im Jahre 9 n. Ztr.. Wenn man schon viel darüber gelesen hat, wird es Zeit, daß man sich auch einmal vor Ort einen Eindruck von den Forschungsergebnissen verschafft. Hier ist abgebildet ein zentraler Ausschnitt jenes Schlachtfeldes, auf dem eine der bedeutendsten Schlachten der Weltgeschichte stattgefunden hat.

Dieser Ort ist sehr eindrucksvoll. An der Ausstellung und dem Museum, in denen die Forschungsergebnisse präsentiert werden, ist aber noch sehr vieles, wenn nicht alles zu bemängeln. Als den größten Mißerstand muß es wohl erachtet werden, daß immer noch nicht der derzeitige Forschungs- und Wissensstand dargestellt ist, sondern ein Wissensstand, der mindestens um zehn Jahre veraltet ist, und daß auch die reichhaltigen und vielfältigen Funde selbst etwas gar zu summarisch präsentiert werden. Die vielen Erkenntnisse über das hier geschlagene römische Heer, über den strategischen und taktischen Ablauf der Schlacht, sowie zur Einordnung in den allgemeinen Kenntnisstand der römischen Archäologie und Geschichte, die aufgrund der Funde und ihrer Loklisierung möglich sind, werden kaum herausgearbeitet und angemessen präsentiert.

Krieg in der Menschheitsgeschichte

Doch vorher noch einmal allgemeiner und grundsätzlicher zur geschichtlichen und wissenschaftlichen Bedeutung dieses Schlachtfeldes. Auch diese müßte durch eine solche Ausstellung viel klarer dargestellt und eingeordnet werden. Kriegs- und Militärgeschichte sind ein Teil der menschlichen Geschichte. Schon die Schimpansen kennen Kriegführung. Sie verteidigen ihre Gruppenterritorien, wenn andere Schimpansen-Gruppen diese auf Kosten ihrer eigenen ausweiten. Nachdem der Mensch seßhaft geworden ist, bekam die Kriegführung eine ganz neue Bedeutung. Mit der viel größeren Siedlungsdichte ergab sich eine schrittweise Spezialisierung und ein Ausbau der Methoden auch auf diesem Gebiet. Dennoch weiß die Forschung - neuerdings auch mit dem amerikanischen Evolutionären Psychologen und Bestseller-Autor Steven Pinker (siehe frühere St. gen.-Beiträge) - davon zu berichten, daß die Häufigkeit des gewaltsamen Todes insgesamt in der Menschheitsgeschichte seit der Seßhaftwerdung deutlich zurück gegangen ist. In viele Jäger-Sammler-Völkern - etwa auf Papua-Neuguinea oder in Südamerika - war (oder ist) es ganz normal, wenn über die Hälfte der männlichen Bevölkerung eines gewaltsamen Todes starb (bzw. stirbt). Eine solche Rate haben selbst moderne Großstadt-Viertel mit "legendärer" Gewaltbereitschaft - wie etwa die New Yorker Brox - nie erreicht.

Am ehesten noch wird man die Völkermorde des 20. Jahrhunderts damit vergleichen können, etwa den ukrainischen Hunger-Holocaust 1932/33 oder jüngst auch wieder der Völkermord am tschetschenischen Volk. Oft geschieht dies - so wie in diesen beiden Beispielen -, um Unabhängigkeits- und Selbstständigkeits-Bestrebungen von Völkern im Keim zu ersticken.

Die Weltgeschichte hallt wieder von Krieg und Gewalt. Der Aufstieg und Untergang fast aller Großreiche und Hochkulturen derselben ist mit Kriegen und entscheidenden Schlachten verbunden. Kulturen ohne Überlebenswillen wurden von Nachbarkulturen früher oder später durch Gewalt, sowie auch durch friedliche Entwicklungen übernommen. Der Sieg der "demokratischen" Griechen in der Schlacht bei Marathon, mit dem sich diese erfolgreich gegen die Eroberungsgelüste des persischen Großkönigs verteidigten, ermöglichte die kulturelle Entfaltung des klassischen Griechenlands. Dessen kulturelles Erbe wiederum ist grundlegend geworden für die kulturelle, wirtschaftliche und politische Entfaltung des Abendlandes. In gewaltigen Schlachten - wie der berühmten von Canää - wurde später zwischen Karthago und Rom um die Vorherrschaft im Mittelmeer gerungen. Die drei "punischen Kriege" endeten mit der vollständigen Vernichtung der karthagischen Kultur. Das Römische Weltreich breitete sich auch weiterhin mit gewaltigen Schlachten gegen seine Nachbarvölker aus, nachdem es Verteidigungsschlachten etwa gegen die Kelten, sowie Kimbern und Teutonen siegreich bestanden hatte. Cäsar eroberte Gallien. Bürgerkriege erschütterten das Reich im Inneren.

Auch der Untergang des römischen Reiches wurde durch gewaltige Schlachten, vor allem diejenigen der germanischen Völkerwanderung, besiegelt. Letztere wurde ausgelöst dadurch, daß die Goten an der Wolga von der Hunnen militärisch überrannt und unterworfen worden waren. Die Hunnen hatten in vielen Jahrhunderten zuvor die Skythen unterworfen, mit dem chinesischen Reich Krieg geführt, mit den Sogdern und den Persern. Später eroberten die Goten unter Theoderich Italien, noch etwas später unter anderen (westgotischen) Königen Spanien. Die Franken eroberten das vorherige Gallien und gründeten jenes Reich, das bis heute andauert. Das Volk der Goten dagegen ist wenig später sprachlich und kulturell vollständig untergegangen, ein Sachverhalt, den Jacob Grimm auf der ersten Germanisten-Tagung überhaupt 1847 in der Paulskirche hervorhob.

Als die katholische Gegenreformation mit dem Feldherrn Wallenstein den Katholizismus wieder bis an die Küste der Ostsee trug, griff der schwedische König Gustav Adolf in den Krieg ein und fiel wenig später in der berühmten Schlacht von Lützel. Nach 30 Jahren Gemetzel endete dieser Religionskrieg mit einem Unentschieden. Aber von Danzig bis Stettin wurde die Ostsee schließlich doch wieder der "alleinseligmachenden Kirche" eingegliedert: 1945.

Um an entscheidende Kriege und Schlachten des 20. Jahrhunderts zu erinnern, brauchen ja nur wenige Namen genannt werden: Verdun etwa oder Stalingrad.

Forschungen von internationalem Rang

Nun zurück zu einer ebensolchen, entscheidenden Schlacht der Weltgeschichte, der "Schlacht im Teutoburger Wald" im Jahre 9 n. Ztr., jenes Gemetzel, mit dem frei germanische Stämme unter dem Cheruskerfürsten Arminius drei hochgerüstete römische Legionen vernichtend schlugen. Letztere waren an die Werra und an die Weser, ins "freie Germanien", gekommen, um die freien Germanenstämme bis zur Elbe dem römischen Weltreich einzugliedern. Diese Vernichtungsschlacht im Teutoburger Wald war Ausdruck des Überlebenswillens und des Willens zur Eigenständigkeit von Seiten der germanischen Kultur im Angesicht der "Globalisierungs-Bestrebungen" des Römischen Weltreiches.

Jahrhundertelang hat die Forschung intensiv nach dem Ort dieser legendären Schlacht gesucht. Als Ort war in den römischen Quellen ein sogenannter "Teutoburger Wald" genannt worden und infolge von Vermutungen hinsichtlich des Ortes dieser Schlacht heißt nun ein ganzer norddeutscher Gebirgszug "Teutoburger Wald". Zu Unrecht wie wir seit den frühen 1990er Jahren wissen. Die "Schlacht im Teutoburger Wald" fand am Nordrand des Wiehengebirges statt, das darum mit Fug und Recht in "Teutoburger Wald" umbenannt werden sollte. Auch das berühmte Hermannsdenkmal bei Bielefeld steht darum nun erwiesenermaßen am ganz falschen Ort:

Das neu entdeckte Schlachtfeld bei Kalkriese wird immer noch erforscht. Es handelt sich um das größte erforschte Schlachtfeld der Antike überhaupt. Und das, obwohl es außerhalb des Raumes der antiken Kultur liegt! Die Reichhaltigkeit der Münzfunde bei Kalkriese kann nur mit derjenigen von Pompeji verglichen werden - auch in der Zusammensetzung der älltäglichen Benutzung dieses Geldes, das das römische Heer mit sich führte. Und auch in vielerlei anderer Hinsicht hat die Erforschung dieses Schlachtfeldes eine Bedeutung von internationalem Rang.

Der Entdecker, ein damaliger britischer Besatzungsoffizier in Deutschland und Hobbyarchäologe, hat von der britischen Königin persönlich einen Orden verliehen bekommen. Mit Folgerichtigkeit. Schließlich hat sich auch das künftige kulturelle Schicksal des heutigen Großbritannien im Jahre 9 im Teutoburger Wald entschieden - ebenso wie jenes von Deutschland und Frankreich. Die Vorfahren aller drei Völker besiegten im Jahre 9 die Römer und machten damit ihren Anspruch auf weltgeschichtliche Bedeutsamkeit geltend.

Das Schicksal der keltischen und gallischen Stämme, das sich einige Jahrzehnte zuvor vollzogen hatte, stand damals allen Stämmen außerhalb des Römischen Reiches noch lebhaft vor Augen. Die germanischen Stämme wollten es nicht teilen und an ihren eigenen, überkommenen Göttern und Sitten festhalten. Sie wollten keine sprachlich und sonstig "romanisierten" Römer werden. Sie wollten nicht in die Dekadenz des römischen Weltreiches mit hineingezogen werden.

Die folgende Abbildung aus der Ausstellung gibt einen Eindruck von den bis dato unbekannten Wallanlagen, die die Germanen unter ihrem genialen Feldherren Arminius kurz vor der Schlacht an strategisch besonders begünstigter Stelle anlegten, um aus dieser Schlacht wirklich eine echte Einkreisungs- und Vernichtungsschlacht zu machen, wie man sie nicht wesentlich besser von Hanibal bei Canää und von Erich Ludendorff bei Tannenberg 1914 kennt.

Die Größe und das räumliche Ausmaß der rot eingezeichneten, inzwischen schon bekannten Wallanlagen - Grassoden-Mauern an einer Engstelle von wenigen Metern gegenüber einem großen Moor, das weitgehend unbegehbar war damals - wird besonders gut deutlich, wenn man sich klar macht, daß auch die beiden eingezeichneten Gebäude - das neue Museum und das "Eingangsgebäude" ("Gehöft") recht große Gebäude sind. Das obige erste Foto gibt einen Ausschnitt von diesem Areal.

Hier ein Blick nach Norden in Richtung des Kalkrieser Berges (Wiehengebirge), an dessen Nordrand entlang die drei römischen Legionen Richtung Nordwesten nach dem Sommerlager an der Weser im Herbst zum Rhein zurückkehren wollten.

Hier ist das Eingangsgebäude ("Gehöft") mit dem Restaurant (beide noch keine hundert Jahre alt):

Hier ein Beispiel für die allzu summarische Präsentation reichhaltigster Funde:

Auf dieser Abbildung kann man sich die Größe einer einzigen Legion vorstellen:

Von einer solchen wurden drei in der Schlacht vernichtet. Dazu muß man sich noch einen großen "friedensmäßigen" Troß von Händlern und Marketender(inne)n denken. Beispielsweise wurden auch die Knochen eines Maulesels gefunden, der aus dem damaligen Allgäu stammte. Daneben Ärztebesteck, eine große Pionieraxt, die zum Einebnen der Wege und zum Bau von Lagern benutzt wurde, Vermessungsgerät und vieles andere mehr.

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