Donnerstag, 20. September 2007

Rainer Maria Rilke und Worpswede

Im Jahr 2003 veranstaltete die Kunsthalle Bremen eine Ausstellung zu dem Buch "Worpswede" von Rainer Maria Rilke. Der Begleitband zur Ausstellung (Amazon, Rilke.Worpswede.de) läßt einen vieles Neue sowohl über Rilke wie über die Künstlerkolonie Worpswede lernen.

Von den Rilke-Kennern ist das Worpswede-Buch Rilke's bis heute nicht ausreichend in seiner Bedeutung erkannt worden, das wird in diesem Ausstellungsband verdeutlicht (S. 270ff). Der Ausstellungs-Band gibt nicht nur die Schrift selbst wieder, sondern viefältige Informationen zu ihrer Entstehungsgeschichte und Wirkung. (Daß in den ebenfalls mitgegebenen "Kommentaren" die heutigen Kunstwissenschaftler sich fast alle vornehmer und urteilssicherer dünken als Rilke, darüber kann - und sollte man wohl - schnell hinweglesen.)

Rilkes Worpswede-Buch steht zeitlich zwischen seiner bedeutsamen Rußland-Reise - zusammen mit Lou Andreas-Salome - und seinem Paris-Aufenthalt bei Auguste Rodin. Es entstand in der kurzen Zeit seiner glücklichen Ehe mit der Worpsweder Bildhauerin Clara Westhoff, als er mit ihr im Nachbardorf von Worpswede ansässig war und in engem Austausch mit den Künstlern und ihren Frauen stand. (S. 230ff) Auf eine zweite Rußland-Reise hatte Rilke verzichtet, um diese Worpsweder Künstlerin zu heiraten. Der Maler Fritz Mackensen (berühmt durch sein Bild "Der Säugling" von 1892 - s. S. 39) nennt das Buch "wohl das Hervorragendste, was je über Kunst geschrieben worden ist". (S. 281) Auch der Maler Paul Modersohn äußerte sich - mit Recht - begeistert. (S. 169) Manfred Hausmann, der Schriftsteller, eiferte - wie mancher anderer - der Schrift nach. (S. 277) Ebenso der Worpsweder Maler Heinrich Vogeler, der überraschenderweise nach dem Ersten Weltkrieg Kommunist geworden ist und noch in den 1930er Jahren in der Sowjetunion Schriften zur Sowjetkunst erscheinen ließ, in denen er die Kunst von Worpswede feierte. (S. 284f)

Fritz Mackensen - "Der Säugling" - 1892

Nach Abschluß seiner Schrift ging Rilke also zum Bildhauer Auguste Rodin nach Paris, wo er seine berühmte Rodin-Schrift verfaßte und eine neue, noch vertieftere und gereiftere Einstellung zu Kunst und Leben entwickelte, als sie schon aus der Worpswede-Schrift spricht. Das durchgängig sichere (und treffsichere) Urteil Rilkes in seiner Worpswede-Monographie war nur möglich, weil Rilke selbst innerlich in seinem Leben und in seiner Kunst schon zu der Zeit der Entstehung derselben weiter war als die Maler von Worpswede. Diese standen oft der damaligen Heimatkunst-Bewegung nahe, bzw. entfernten sich niemals allzu deutlich von ihr. So meldete sich bspw. auch der Worpsweder Maler Hans am Ende 1914 kriegsfreiwillig und fiel im Jahr 1918 - sicherlich aus seinem Verständnis heraus auch für die freie Entfaltung einer nationalen, deutschen Kunst, die im deutschen Heimatboden verwurzelt sein sollte.

"Worpswede" und die Schrift Rilkes bleiben Teil des damaligen Aufbruchs zu einer neuen Kunst und - ja, auch: zu einer neuen Religion. Wenn man sich demgegenüber die "Religions-Suche" von heute ansieht, wäre so mancher Anlaß gegeben gegenüber dem damaligen Ernst und der damaligen Gefühlstiefe schamrot zu werden.

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Beliebte Posts

Regelmäßige Leser dieses Blogs (Facebook)

Email-Abonnement für diesen Blog

studgen abonnieren
Powered by de.groups.yahoo.com

Registriert unter Wissenschafts-Blogs

bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis

Haftungsausschluß

Urheber- und Kennzeichenrecht

1. Der Autor ist bestrebt, in allen Publikationen die Urheberrechte der verwendeten Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu beachten, von ihm selbst erstellte Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu nutzen oder auf lizenzfreie Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zurückzugreifen.

2. Keine Abmahnung ohne sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen.

Wenn der Inhalt oder die Aufmachung meiner Seiten gegen fremde Rechte Dritter oder gesetzliche Bestimmungen verstößt, so wünschen wir eine entsprechende Nachricht ohne Kostennote. Wir werden die entsprechenden Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte sofort löschen, falls zu Recht beanstandet.