Donnerstag, 20. September 2007

Rainer Maria Rilke und Worpswede

Die Kunsthalle Bremen veranstaltete im Jahr 2003 eine Ausstellung zu dem Buch "Worpswede" von Rainer Maria Rilke (1875-1926) (Wiki). In dem Begleitband zur Ausstellung  (1, 2) kann man viel Neues lernen sowohl über Rainer Maria Rilke wie über die Künstlerkolonie Worpswede.

Von Rilke-Kennern ist das Worpswede-Buch Rilke's aus dem Jahr 1902 bis heute in seiner Bedeutung nicht ausreichend erkannt und gewürdigt worden. Das wird in diesem Ausstellungsband verdeutlicht (1, S. 270ff). Der Ausstellungs-Band enthält nicht nur das Worpswede-Buch selbst, sondern vielfältige Auskünfte zu seiner Entstehungsgeschichte und seiner Wirkung. Daß sich in den mitgegebenen "Kommentaren" die heutigen Kunstwissenschaftler fast alle vornehmer und urteilssicherer dünken als Rilke, darüber kann - und sollte man wohl - in diesem Band jedes mal schnell hinweglesen. - Was nützt es? Wer wollte von denen einem Rilke das Wasser reichen?

Das Worpswede-Buch von Rilke kann man liebgewinnen. Es steht zeitlich zwischen seiner bedeutsamen Rußland-Reise - die er gemeinsam mit Lou Andreas-Salome unternahm - und seinem Paris-Aufenthalt, für den in den ersten Jahren das Erlebnis Auguste Rodin den Mittelpunkt bildete. Das Worpswede-Buch entstand in der kurzen Zeit der glücklichen Ehe Rilkes mit der Worpsweder Bildhauerin Clara Westhoff. Mit ihr gemeinsam war er im Nachbardorf von Worpswede ansässig und stand in engem Austausch mit den Künstlern und ihren Frauen (1, S. 230ff). Rilke hatte auf eine zweite Rußland-Reise verzichtet, um diese Worpsweder Künstlerin zu heiraten.

Der Maler Fritz Mackensen - berühmt durch sein Bild "Der Säugling" von 1892 (s. 1, S. 39) - nennt dieses Buch "wohl das Hervorragendste, was je über Kunst geschrieben worden ist" (1, S. 281). Der Maler Paul Modersohn äußerte sich ebenfalls - und mit Recht - begeistert (1, S. 169). Der Schriftsteller Manfred Hausmann eiferte - wie manch anderer seither - dieser Schrift nach (1, S. 277). Ebenso der Worpsweder Maler Heinrich Vogeler. Nach dem Ersten Weltkrieg ist dieser überraschenderweise Kommunist geworden. Und noch in den 1930er Jahren ließ er in der Sowjetunion Schriften zur Sowjetkunst erscheinen, in denen er die Kunst von Worpswede feierte (1, S. 284f).


Abb. 1: Fritz Mackensen - "Der Säugling", 1892

Nach Abschluß seiner Schrift ging Rilke wie gesagt zum Bildhauer Auguste Rodin nach Paris, wo er seine berühmte Rodin-Schrift verfaßte. In dieser entwickelte er eine neue, noch vertieftere und gereiftere Einstellung zu Kunst und Leben, als eine solche schon aus dem Buch über die Maler von Worpswede spricht.

Das durchgängig sichere, treffsichere Urteil Rilkes in seiner Worpswede-Monographie war nur möglich, weil Rilke innerlich in seinem Leben und in seiner Kunst schon zu der Zeit der Entstehung dieser Monographie weiter war als die Maler von Worpswede. Diese standen oft der damaligen Heimatkunst-Bewegung nahe, bzw. entfernten sich niemals allzu deutlich von ihr. Der Worpsweder Maler Hans am Ende meldete sich 1914 kriegsfreiwillig und fiel im Jahr 1918 - sicherlich aus seinem Verständnis heraus für die freie Entfaltung einer nationalen, deutschen Kunst, die im deutschen Heimatboden verwurzelt sein sollte.

"Worpswede" und die Schrift Rilkes bleiben Teil des damaligen Aufbruchs zu einer neuen Kunst und - auch - zu einer neuen Religion. Wenn man sich demgegenüber die "Religions-Suche" von heute ansieht, wäre so mancher Anlaß gegeben, gegenüber dem damaligen Ernst und der damaligen Gefühlstiefe - - - schamrot zu werden.

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  1. Wulf Herzogenrath und Andreas Kreul (Hg.): Rilke. Worpswede. Eine Ausstellung als Phantasie über ein Buch. H. M. Hauschild 2003 (Amaz.)
  2. Rilke.Worpswede.de [nicht mehr verfügbar]

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