Freitag, 6. März 2020

Spaniens Vorgeschichte - Neue Erkenntnisse aus der Archäogenetik

Zuwanderungen nach Spanien in der Bronze- und Eisenzeit

Fußend auf einer neuen Studie zur Archäogenetik, sprich genetischen Geschichte der iberischen Halbinsel aus dem Jahr 2019 (1) hat der Humangenetiker David Reich im November 2019 in einem kurzen Vortrag an der Universität Harvard (2) den neuesten Erkenntnisstand zusammen gefaßt. Und wie bei fast jedem Vortrag von David Reich seit einigen Jahren wird man wieder überschüttet mit einer Fülle von neuen Einsichten zur Geschichte der Menschheit - übrigens keinesfalls nur der iberischen Halbinsel selbst.


Abb. 1: Verteilungskarte der keltischen und iberischen Stämme um 300 v. Ztr. (erstellt von Alcides Pinto auf der Grundlage einer Karte des portugisischen Archäologen Luís Fraga in "Campo Arqueológico de Tavira" (Wiki)

Eine erste indoeuropäische Zuwanderung nach Spanien erfolgte in Form der Glockenbecher-Kultur um 2.200 v. Ztr.. Durch sie hat im Laufe der folgenden Jahrhunderte kein Mann der ursprünglichen Bevölkerung der iberischen Halbinsel Nachkommen hinterlassen. Das haben wir schon in einem früheren Beitrag hier auf dem Blog behandelt (3). Es finden sich vielmehr Gräber von Ehepaaren, bei denen der Ehemann reine indogermanische Steppen-Genetik in sich trägt, die Ehefrau reine einheimische neolithische Genetik. Die daraus hervorgegangene Mischbevölkerung der Bronzezeit der iberischen Halbinsel war dann genetisch zur Hälfte indogermanisch ("Steppen-Genetik") und zur Hälfte vormals einheimische neolithische Genetik. 

Dazu eine Nebenbemerkung: In auffallendem Maße sind über viele Jahrtausende hinweg dieselben Muster zu beobachten. Noch in der germanischen Völkerwanderung vor und nach 375 v. Ztr. sehen wir - aufgrund archäogenetischer Ergebnisse der letzten Jahre zu Goten, Langobarden, Bajuwaren und anderen Völkern - aus dem germanischen Norden zuwandernde Männer mit vergleichsweise einheitlicher indogermanischer Steppen-Genetik vor Ort lebende einheimische Frauen mit Genetik vorwiegend aus dem mediterranen Raum heiraten (sowohl anatolisch-neolithischer Herkunft wie späterer romanischer Herkunft, die nach Norden gelangte durch die Ausbreitung des Römischen Weltreiches). 




Die Kelten - Sie erobern Spanien (800 v. Ztr.)


Was aber nun vermulich noch viel weniger bekannt ist: Um 800 v. Ztr. hat es auf der iberischen Halbinsel eine erneute indogermanische - genauer: keltische - Zuwanderung von Norden her gegeben. Das Ursprungsgebiet dieser Zuwanderung ist offensichtlich die Hallstatt-Kultur (Wiki) was in der Archäologie schon länger diskutiert wurde. Dadurch ist auf die iberische Halbinsel erneut zusätzliche indogermanische Genetik hinzugekommen, und zwar in recht beträchtlichem Umfang. So stellt die Genetik der neuen keltischen Zuwanderer in Nordspanien nach der Zuwanderung etwa 30 % der gesamten Genetik der Bevölkerung, in Südspanien etwa 20 % und in Nordostspanien (Katalonien) immer noch etwa 15 %

Dementsprechend sprach der größte Teil der iberischen Halbinsel - nämlich im Nordwesten - danach keltische Sprachen (abgesehen von dem Proto-Baskischen). In Süd- und Ostspanien hingegen haben sich bis zur Römerzeit einheimische iberische Sprachen erhalten. Die Herkunft dieser iberischen Sprachen (Wiki) ist aber noch ganz unklar. Sie liegt im Dunkel der Geschichte verborgen.

Auch das Baskische nun hat sich als Sprache erhalten, obwohl die Basken heute nicht weniger eisenzeitliche (also keltische) indogermanische Steppen-Genetik in sich tragen als andere Bewohner der iberischen Halbinsel. Allerdings haben sich die Basken nach der Eisenzeit genetisch nicht mehr verändert, während sich alle anderen Bewohner der spanischen Halbinsel noch weiter genetisch veränderten. Und zwar erfolgte dies durch Vermischung mit Menschen ostmediterraner und nordafrikanischer Herkunft in der Zeit der griechischen und römischen Kolonisation und Eroberung, sowie der Zeit der arabischen Eroberung. Damit ist nun der ganze Mythos der Basken als ein "Urvolk Europas" zu großen Teilen entzaubert.

Diese archäogenetischen Erkenntnisse klären - wiederum - eine archäologische Debatte, die weit über hundert Jahre alt ist. So lesen wir etwa auf dem deutschen Wikipedia gegenwärtig immer noch (Wiki):
Im nordspanischen Galicien fanden sich ebenfalls einige latènezeitliche Fibeln, doch kann dort nicht von einem geschlossenen keltischen Kulturhorizont im Sinne der Latène-Kultur die Rede sein. (...) Während der ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. einsetzenden Wanderungswellen wird die keltische Kultur auch in Nordspanien und Portugal faßbar, wobei hier kein Verdrängen ortsansässiger Kulturen nachgewiesen werden kann. Ein allmähliches Annehmen mitteleuropäischer Kulturelemente durch die ansässigen Gesellschaften ist weit wahrscheinlicher. Die in Nordspanien und Portugal lebenden Menschen der späten Eisenzeit werden deshalb auch als Keltiberer bezeichnet.
Es wird in diesen Worten deutlich, was für eine große Unklarheit bislang in der Forschung herrschte darüber, ob tatsächlich Menschen, Stämme, Völker der keltischen Völkergruppe nach Spanien eingewandert waren und wenn ja: in welchem Umfang. Das englische Wikipedia ist - wie so häufig - etwas genauer und etwas dichter am aktuellen Forschungsstand dran (Wiki):
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hat man die Anwesenheit der Kelten auf der iberischen Halbinsel anerkannt mit einer materiellen Kultur, die in Beziehung gesetzt werden kann zu der Hallstatt- und La Tène-Kultur. Doch (...) die Anwesenheit der keltischen Kultur in dieser Region war keineswegs in vollem Umfang anerkannt. Erst die moderne Wissenschaft konnte klar beweisen, daß die Anwesenheit der Kelten und ihr Einfluß sehr grundlegend waren im heutigen Spanien und Portugal (mit der vielleicht höchsten Siedlungsdichte im westlichen Europa), insbesondere in den mittleren, westlichen und nördlichen Regionen.
Until the end of the 19th century, traditional scholarship dealing with the Celts did acknowledge their presence in the Iberian Peninsula as a material culture relatable to the Hallstatt and La Tène cultures. However, since according to the definition of the Iron Age in the 19th century Celtic populations were supposedly rare in Iberia and did not provide a cultural scenario that could easily be linked to that of Central Europe, the presence of Celtic culture in that region was generally not fully recognised. Modern scholarship, however, has clearly proven that Celtic presence and influences were most substantial in what is today Spain and Portugal (with perhaps the highest settlement saturation in Western Europe), particularly in the central, western and northern regions.
Nun, allein aus archäologischer Sicht hätte man sicher noch viele Jahrzehnte über den Umfang der keltischen Zuwanderung in die iberische Halbinsel diskutieren können. Diese bislang offene Frage ist - wieder einmal - sehr definitiv und abschließend geklärt worden. Durch die Archäogenetik.

Die antiken Griechen


Aber noch weitergehende Erkenntnisse sind gewonnen worden. 24 Individuen einer antiken griechischen Kolonialstadt im heutigen Katalonien - nämlich von Emporion (Wiki) - wurden sequenziert. Und die Hälfte derselben trugen klar eisenzeitliche spanische Herkunft in sich, die andere Hälfte klar - - - bronzezeitliche ägäische Herkunft (2). 

Und Reich kann einen Bericht des griechischen Historikers Strabon anführen darüber, daß Einheimische genau das wollten, nämlich einen gemeinsamen Stadtwall um zwei unterschiedliche Städte, eine Stadt der Einheimischen und eine der aus der Ägäis zugewanderten Griechen (2). Aber: Bronzezeitliche ägäische Herkunft - was das wohl heißt? Womöglich heißt das, daß sich die antiken Griechen vor und nach den Dunklen Jahrhunderten, die zwischen Bronze- und Eisenzeit lagen, also vor und nach dem Seevölkersturm und der Dorischen Wanderung um 1200 v. Ztr., genetisch nur wenig verändert haben?!? Weniger jedenfalls als womöglich die Menschen an der Mittelmeerküste Spaniens durch die Zuwanderung der Kelten?!?

Hier muß man einfach die weiteren Forschungen zur genetischen Geschichte der antiken Griechen abwarten. Auf sie darf man sehr gespannt sein. In der Tat hatten ja erste archäogenetische Studien zu den Minoern, den Mykenern und den Hethitern noch keinerlei indogermanische Steppen-Genetik gefunden. Aber es wäre das doch ein sehr rätselhafter Umstand, wenn wir im östlichen Mittelmeerraum zwar die bedeutensten antiken Völker der Indogermanen vorfinden, wenn wir aber ausgerechnet bei ihnen zugleich so gar keine indogermanische Steppen-Genetik entdecken sollten können. Diese Frage jedenfalls steht weiterhin als großes Rätsel vor uns.

An der Mittelmeerküste Spaniens - Seit langem höhere Bevölkerungsdichte?


Höhere Bevölkerungsdichte auf der iberischen Insel in den schon weiter entwickelten Stadtkulturen an der Mittelmeerküste kann vielleicht schon mit der Los Millares-Kultur ab 3.200 v. Ztr. (Wiki) aber dann - mit der Zuwanderung der Glockenbecher-Kultur - auch in der El-Argar-Kultur ab 2.200 v. Ztr. (Wiki) vermutet werden. Womöglich war ab dieser Zeit die Bevölkerungsdichte an der Mittelmeerküste ähnlich wie sie zeitgleich in der Ägäis war. Und dieser Umstand könnte vielleicht erklären, warum der einheimische genetische Anteil an der spanischen Mittelmeeerküste trotz der keltischen Zuwanderungen aus dem Norden höher blieb als in anderen Teilen der iberischen Halbinsel und warum sich hier auch die iberischen Sprachen bis zur Römerzeit erhalten haben. In anderen Teilen der iberischen Halbinsel finden sich - womöglich: erst - ab 1.000 v. Ztr. stadtähnliche Kulturen. Hier wäre die Castro-Kultur (Wiki) im Nordwesten der iberischen Halbinsel zu nennen. Und über die Keltiberer im Landesinnern ist zu erfahren (Wiki):
Von Chronisten werden die Keltiberer als kriegerisch beschrieben. Im 2. Jahrhundert v. Chr. wurden sie von den Römern unterworfen. Zumindest die Iberer in den römischen Städten wurden in der Folge allmählich romanisiert, christianisiert und römische Bürger. Im Gegensatz zu diesen assimilierten Iberoromanen (Hispano-Romanen) kämpften auf dem weniger romanisierten Land einige vor allem keltische Stämme noch zu Anfang des fünften Jahrhunderts gemeinsam mit den Bagauden und den Sueben gegen die römische Herrschaft.
In römischer und islamischer Zeit kam nach Südspanien dann nordafrikanische Herkunftsanteile (2). Nach der Reconquista gingen diese nordafrikanischen Herkunftsanteile in Südspanien in der Häufigkeit aber wieder zurück (2).  
________________
  1. Olalde I, Mallick S, Patterson N, (...) Haak W, Pinhasi R, Lalueza-Fox C, Reich D (2019) The genomic history of the Iberian Peninsula over the past 8000 years. Science 363, 1230-4
  2. Reich, David: The Genomic History of the Iberian Peninsula over the past eight-thousand years. Vortrag auf der Tagung "From Homer to History - Recent Results from Bronze Age Investigations" des Max Planck Harvard Research Center for the Archaeoscience of the Ancient Mediterranea (MHHAM) an der Universität Harvard, 1. November 2019, https://youtu.be/aOix-8DSzRQ.
  3. Bading, Ingo: Die einheimischen Männer des Neolithikums in Spanien starben aus - Sie überlebten die Jahrhundete langen indogermanischen Zuwanderungen nicht - 1000 Jahre später hinterließen sie keine männlichen Nachkommen mehr (2.800 bis 1.800 v. Ztr.), 4. Oktober 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/10/die-einheimischen-manner-des.html

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