Samstag, 1. August 2015

Die Hälfte aller pädokriminellen Täter waren in ihrer Kindheit selbst Opfer

Es scheint eine erbliche und eine Umwelt-Komponente im Ursachenbündel von pädokriminellem Verhalten zu geben

Abb.: Kindesmissbrauch in Deutschland
Grafik: isotype.com (Wiki)
Die Kommentare, die wir auf Internetblog „Netzwerk B“ von Norbert Denef im April dieses Jahres eingestellt hatten1, sollen hier noch einmal in überarbeiteter und erweiterter Form als Blogartikel erscheinen. Das mag um so sinnvoller sein, als es über dieses Thema in der deutschen Wissenschafts-Berichterstattung noch keinen einzigen Artikel zu geben scheint2.

Ein Artikel im renommierten Wissenschaftsmagazin „Science“ fragte im April, ob die Neigung zu sexueller Gewalt an Kindern zu 40 % erblich, also genetisch wäre. Hinweise, die für eine solche Vermutung sprechen, wurden schon 2013 in einem Bericht in der „Los Angeles Times“ genannt3:
Some of the new understanding of pedophilia comes from studies done on convicted sex criminals at the Center for Mental Health and Addiction in Toronto. (…) Among the most compelling findings is that 30% of pedophiles are left-handed or ambidextrous, triple the general rate. Because hand dominance is established through some combination of genetics and the environment of the womb, scientists see that association as a powerful indicator that something is different about pedophiles at birth. (…) Researchers have also determined that pedophiles are nearly an inch shorter on average than non-pedophiles and lag behind the average IQ by 10 points - discoveries that are consistent with developmental problems, whether before birth or in childhood.
Und aus diesem Grund
most clinicians have given up on changing the sexual orientation of pedophiles in favor of teaching the how to resist their unacceptable desires.
Natürlich ist es verständlich, dass aus solchen Forschererfahrungen und -meinungen heraus dann auch das umstrittene Berliner Projekt „Kein Täter werden“ entstehen konnte, wie dann in diesem Bericht weiter ausgeführt wurde:
Though extolled by many researchers, the same program could not be conducted in the United States or many other countries, where clinicians and others are required by law to notify authorities if they suspect a child has been or could be harmed.
Mit diesen Worten wird schon das moralisch geradezu Ungeheuerliche an diesem Projekt ausreichend gekennzeichnet: Die Täter werden untersucht, ohne dass nach etwaigen Opfern gefragt wird! - Im Wissenschaftsmagazin „Science“ wird weiter ausgeführt4:
Most studies point to early life experiences, such as childhood abuse, as the most important risk factor for becoming a perpetrator of abuse in adulthood.
Natürlich können auch frühkindliche Erfahrungen nur sehr schwer oder gar nicht im späteren Leben geändert werden. Aber es ist ja wohl doch ein Unterschied, ob man sagt, die häufigste Ursache von Pädophilie ist vorgeburtlicher und genetischer Art oder ob man sagt, sie beruht auf frühkindlichen Erfahrungen. Da besteht offensichtlich noch kein echter Konsens in der Forschung.

Dieselbe Autorin Emily Underwood hatte in demselben Wissenschaftsmagazin „Science“ kurz zuvor, im März, einen Überblicksartikel gegeben5. Eine dazugehörige originale Forschungsarbeit erschien in derselben Ausgabe6.

Das wesentliche Ergebnis ist: Menschen, die „nur“ Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit erfahren haben, haben keine erhöhte Wahrscheinlichkeit, selbst wieder als Erwachsene Täter zu werden. Bei Menschen jedoch, die entweder „sexuelle Gewalt“ erfahren haben oder allgemeine Vernachlässigung („neglect“), ist die Wahrscheinlichkeit, als Erwachsene selbst wieder Täter zu werden, verdoppelt. Aus dem erst zitierten Artikel:
CPS reports of sexual abuse were filed for 3.4% in the control group and 7.7% in the abused group; the figures for neglect were 9.5% in the control group and 18% in the abused group.
Zu Deutsch: Für die untersuchte Kontrollgruppe (also „Normalbevölkerung“) gab es 3,4 % Berichte von Vorkommen von sexuellem Missbrauch an die US-Kinderschutzbehörde, während es in der untersuchten Gruppe von schon als Kind missbrauchten 7,7, % waren, die als Eltern wiederum ihre Kinder missbrauchten. Für allgemeine Kindesvernachlässigung betragen die Zahlen 9,5 % für die Normalbevölkerung und 18 % für Eltern, die als Kinder vernachlässigt worden sind, also ebenfalls eine Verdoppelung.

Dabei sollte aber beachtet werden, dass diese Eltern das zumeist nicht selbst an die Wissenschaftler berichtet haben, sondern das erst von deren Kindern, die inzwischen 22 Jahre alt sind, berichtet, bzw. bestätigt wurde.

Aus diesen Zahlen ergeben sich natürlich viele Schlussfolgerungen. Allerdings werden von den Wissenschaftlern noch mancherlei Vorbehalte demgegenüber vorgebracht, dass diese Zahlen als endgültige angesehen werden können, da noch viele Unsicherheiten mit einfließen (wer berichtet was an die US-Kinderschutzbehörde? Was wird nicht berichtet etc.). Diesen Einzelheiten kann an dieser Stelle nicht nachgegangen werden.

Es dürfte sich bei diesen Zahlen aber schon einmal um grobe Annäherungen an die tatsächlichen Sachverhalte handeln. Zusammengefasst ergibt sich also der Eindruck, dass es in 3,4 % der europäischstämmigen Normalbevölkerung eine erbliche oder schwangerschaftsbedingte Neigung zu Pädophilie gibt, dass dieser Prozentanteil aber verdoppelt wird auf 7,7, % durch frühkindliche Erfahrungen.

Als Faustregel wird man deshalb künftig - zumal als Überlebender sexueller Gewalt - im Hinterkopf behalten dürfen: Die Hälfte aller Täter haben in ihrer Kindheit selbst ähnliches erlebt wie das, was sie nun anderen Kindern angetan haben. Wenn dieser Umstand berücksichtigt wird, wird die Beurteilung pädokrimineller Netzwerke sicherlich ein wenig differenzierter!

Inwieweit nun dieselben Prozentsätze auch für Menschen gelten, die Überlebende und/oder Täter generationenübergreifender ritueller, sexueller Gewalt waren oder sind (nach Umfragen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen 10 % aller Menschen, die heute in Deutschland psychotherapeutisch behandelt werden), ist in dieser Studie nicht behandelt. Darauf müsste also sicherlich noch einmal besonders das Augenmerk gerichtet werden, zumal die Kreise, in denen derartiges vorkommt, wie wir immer besser verstehen, unsere Politik sehr stark mitbestimmen, siehe Minister in der Thatcher-Regierung, siehe Kinderschänder-Ring im britischen Parlament, siehe die Tatsache, dass 5 % aller englischen Kinder in den letzten Jahrzehnten Opfer von sexueller Gewalt geworden sind. Ein Versuch der politischen Einordnung dieser Dinge wurde auf dem politischen Nachbarblog „Gesellschaftlicher Aufbruch – jetzt!“ gegeben (GA-j!, 12.7.2015).

Wenn man diese Zusammenhänge etwas länger auf sich wirken lässt, kommt man womöglich zu dem Schluss, dass sowohl zu der erblichen Komponente, wie zu der Umwelt-Komponente bei diesem kriminellen Verhalten zum Schluss immer noch die Eigenverantwortung jenes Menschen tritt, der erwachsen geworden ist. Diese ist die Grundlage der strafrechtlichen Verfolgung von Verbrechen.

Da aber immer deutlicher wird, dass Pädokriminalität ein Herrschaftsinstrument ist, das von Geheimdiensten, dem Jesuitenorden, der katholischen Kirche und vermutlich auch von Teilen der Freimaurerei und ähnlichen elitären Netzwerken "systematisch" genutzt wird, da also deutlich wird, dass diese "systemimmanent" ist zum Beispiel in der ältesten Demokratie der Neuzeit, in Großbritannien, ist es noch viel wichtiger und wesentlicher, über diese elitären Netzwerke aufzuklären und nach Alternativen zu einer gesellschaftlichen Moral zu suchen, die solche Netzwerke toleriert. Der Jesuitenorden würde dabei nicht das erste mal als eine Täterorganisation in vielen Staaten der Welt verboten. Auch die Freimaurerei ist schon in vielen Staaten der Welt verboten gewesen. Und auch die Forderung nach einem nachhaltigen Abbau der weltweiten monströsen und kriminellen Geheimdienst-Strukturen wird in der Politik und Gesellschaft seit Jahrzehnten geäußert. Zwei der Prominentesten, die diese Forderung aufgestellt haben, waren: Erich Ludendorff und John F. Kennedy.

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1Denef, Norbert: Charité Programm ‚Kein Täter werden‘ zeigt erhebliche wissenschaftliche Mängel. Netzwerk B, Pressmitteilung, 13.4.2015, http://netzwerkb.org/2015/04/13/charite-programm-kein-tater-werden-zeigt-erhebliche-wissenschaftliche-mangel/
2zumindest wenn man mit den Suchworten „Emily Underwood Science“ nach diesbezüglichen deutschsprachigen Internetseiten sucht - ein Umstand, der sehr verwundert und der vielleicht auch sehr bezeichnend ist. "Skeptiker" beschäftigen sich offenbar lieber mit wesentlich harmloseren menschlichen Abirrungen als mit Pädokriminalität ...
3Zarembo, Alan: Many researchers taking a different view of pedophilia. A deep-rooted predisposition that does not change. In: Los Angeles Times, 14. January 2013, http://articles.latimes.com/2013/jan/14/local/la-me-pedophiles-20130115
4Underwood, Emily: Reality check – Is sex crime genetic? In: Science, 9. April 2015,http://news.sciencemag.org/brain-behavior/2015/04/reality-check-sex-crime-genetic
5Emily Underwood: Measuring child abuse’s legacy. In: Science, 27. March 2015, Vol. 347 no. 6229 p. 1408 DOI: 10.1126/science.347.6229.1408http://www.sciencemag.org/content/347/6229/1408.full
6Cathy Spatz Widom, Sally J. Czaja, Kimberly A. DuMont: Intergenerational transmission of child abuse and neglect: Real or detection bias? In: Science 27 March 2015: Vol. 347 no. 6229 pp. 1480-1485 DOI: 10.1126/science.1259917http://www.sciencemag.org/content/347/6229/1480.full

Sonntag, 14. Dezember 2014

Wie kam das Ursprungsvolk der Bantu-Völker zum Ackerbau?

Historische Erläuterungen und Ergänzungen zum vorigen Blogartikel

Abb. 1: Die großen Sprachfamilien in Afrika (Herkunft: Wiki)
Die Geschichte der afrikanischen archäologischen Kulturen, Völker und Sprachen, die schon im letzten Beitrag behandelt wurde, ist eine unglaublich spannende. So findet sich in einer neuen Studie der von uns sehr geschätzten britischen Anthropologin Ruth Mace (1) der Hinweis, dass das Ursprungsgebiet aller Bantu-Sprachen im Tal des Benue-Flusses im östlichen Nigeria liegt:
From their ancestral homeland in the Benue valley in Eastern Nigeria 3,000–5,000 BP, possibly using a grassland corridor that opened up through the Cameroon rainforest, the Bantu undertook one of the great farming expansions of the Neolithic.

Geht man aber nun der Herkunft des Ursprungsvolkes der Bantuvölker nach, wird man erst darauf gestoßen, dass die Bantu-Sprachen ja auch nur eine Untergruppe sind der Niger-Kongo-Sprachen. Aus diesen sind die hervorgegangen. Das hatten wir in unserem letzten Artikel noch gar nicht berücksichtigt.

Die großen Sprachfamilien Afrikas

Über die Niger-Kongo-Sprachen finden sich nun folgende Angaben (Wiki):
Bei der Größe des Niger-Kongo mit 1.400 Sprachen ist es nicht erstaunlich, dass bisher noch keine Protosprache für die gesamte Familie rekonstruiert werden konnte. Es fehlte allein schon die Forschungskapazität, um dieses Projekt durchzuführen. Dieses Faktum wurde – und wird vereinzelt noch – als Argument der Gegner einer genetischen Einheit des Niger-Kongo benutzt.
Der Begriff "genetische Einheit" ist hier rein sprachwissenschaftlich gemeint und hat nichts mit Biologie zu tun. Allerdings breiten sich Sprachen - wie wir derzeit durch die Humangenetik immer genauer lernen - in der Regel gemeinsam mit der Biologie, bzw. gemeinsam mit genetischer Herkunft aus. Insofern ist es sicherlich erlaubt, bei diesem Begriff auch eine biologische Bedeutung mitzuhören. Es heißt nun weiter:
Es stellt sich also die Frage: Ist das Niger-Kongo eine genetische Einheit, so dass die lexikalischen und grammatischen Gemeinsamkeiten auf eine gemeinsame Vorgängersprache zurückgehen, oder ist es nur eine Ansammlung von typologisch ähnlichen Sprachgruppen, die sich durch arealen Kontakt gegenseitig mehr oder weniger stark beeinflusst haben?  Die Antwort fällt seitens der Fachleute der Niger-Kongo-Forschung heute eindeutig aus: die Gemeinsamkeiten in Grammatik und Wortschatz lassen sich nur durch eine genetische Verwandtschaft erklären.
Und in einem nächsten Abschnitt heißt es:
Wegen des riesigen Umfangs des Niger-Kongo wurde bisher keine Protosprache für die Gesamtfamilie rekonstruiert (deren Alter mit mindestens 10.000 Jahren anzusetzen ist), es gibt lediglich Rekonstruktionen für einzelne Untergruppen, am gründlichsten für die Bantusprachen.
Und:
Hinweise auf die Urheimat des Niger-Kongo sind in der Literatur äußerst spärlich. Wahrscheinlich ist aber der Bereich des westlichen Sudan (also das subsaharanische westliche Afrika), in dem die Niger-Kongo-Sprachen auch heute noch ihre größte Vielfalt zeigen. Das weit im Osten davon angesiedelte Kordofanische muss dann auf eine sehr frühe Auswanderung zurückgehen, oder die Urheimat erstreckte sich bis an den Nil, was eher unwahrscheinlich ist. Die Ausbreitung über das ganze zentrale, östliche und südliche Afrika erfolgte nahezu ausschließlich durch die Sprecher der Bantusprachen.
Westlicher Sudan? Nach längerem Recherchieren wird einem klar, dass sich in der Verbreitung der großen Sprachfamilien in Afrika (Abb. 1) auch schon eine Chronologie der Verbreitung des Ackerbaus in Afrika widerspiegeln wird. Sprich vom Entstehungsgebiet des Ackerbaus in der heutigen Südtürkei und im Levanteraum (um 10.000 v. Ztr.) wird er sich gemeinsam mit der afroasiatischen Sprachgruppe, deren Urheimat in der östlichen Sahara liegen soll (Wiki), also im heutigen Ägypten, etwa ab 6.500 v. Ztr. über Nordafrika ausgebreitet haben. Also etwa etwas früher, bzw. zeitgleich zur Ausbreitung des Ackerbaus in Europa. Wobei neben dem Ägyptischen die Berbersprachen eine Hauptrolle spielten, die früher noch eine größere Verbreitung in Nordafrika hatten als heute. Ebenso werden dann die Völker der kuschitischen, omotischen und Tschad-Sprachen im nördlichen Ostafrika entstanden sein jeweils gemeinsam mit der Annahme und Verbreitung des Ackerbaus, bzw. der Rindviehhaltung und seßhafter Lebensweise. Die semitischen Sprachen dieser Sprachgruppe (vor allem Arabisch) breiteten sich ja weltgeschichtlich gesehen erst sehr viel später nach Afrika aus (mit dem Islam). Noch weitere Einzelheiten nennt das englischsprachige Wiki ("History of Africa"):
A wet climatic phase in Africa turned the Ethiopian Highlands into a mountain forest. Omotic speakers domesticated enset around 6500–5500 BCE. Around 7000 BCE, the settlers of the Ethiopian highlands domesticated donkeys, and by 4000 BCE domesticated donkeys had spread to southwest Asia. Cushitic speakers, partially turning away from cattle herding, domesticated teff and finger millet between 5500 and 3500 BCE. In the steppes and savannahs of the Sahara and Sahel, the Nilo-Saharan speakers and Mandé peoples started to collect and domesticate wild millet, African rice and sorghum between 8000 and 6000 BCE. Later, gourds, watermelons, castor beans, and cotton were also collected and domesticated. The people started capturing wild cattle and holding them in circular thorn hedges, resulting in domestication. They also started making pottery and built stone settlements (look up Tichitt- Oualata). Fishing, using bone tipped harpoons, became a major activity in the numerous streams and lakes formed from the increased rains. In West Africa, the wet phase ushered in expanding rainforest and wooded savannah from Senegal to Cameroon. Between 9000 and 5000 BCE, Niger–Congo speakers domesticated the oil palm and raffia palm. Two seed plants, black-eyed peas and voandzeia (African groundnuts) were domesticated, followed by okra and kola nuts. Since most of the plants grew in the forest, the Niger–Congo speakers invented polished stone axes for clearing forest.
Feste Siedlungen in der Nubischen Wüste (7.000 bis 4.000 v. Ztr.)

Der reiche archäologische Fundort Nabta Playa in der Nubischen Wüste gibt aus der Zeit ab 6.500 v. Ztr. Hinweise, wie man sich die Ausbreitung des Ackerbaus in Afrika vorstellen kann (Wiki):
Seit dem 7. Jahrtausend finden sich große Ansiedlungen mit hohem Organisationsgrad. Im Nabta-Playa ist seit etwa 6000 v. Chr. auch Keramik nachgewiesen. Diese mit komplexen farbigen Mustern verzierte Keramik ähnelt Keramikstilen im Niltal bei Khartum. Die archäologischen Befunde deuten darauf hin, dass der gesellschaftliche Organisationsgrad höher war als in den Siedlungen im Niltal. (...) Im Nabta-Playa befindet sich nahe einem ausgetrockneten See mit das älteste archäoastronomische Monument. Etwa zeitgleich mit der Kreisgrabenanlage von Goseck, jedoch 1000 Jahre älter als Stonehenge, errichteten die Bewohner eine Megalith-Anlage für Kalenderzwecke zur Bestimmung der Sommersonnenwende.
Abb. 2: Astronomische Anlage in Nabta Playa in der Nubischen Wüste (um 5.000 v. Ztr.) (Wiki)
Das englischsprachige Wiki ist dazu noch genauer. Wenn man die Ergebnisse der Humangenetik unseres letzten Blogartikels berücksichtigt, wird man sagen müssen, dass die Entstehung des Ackerbaus in dieser Region nicht nur durch kulturelle Anregungen erfolgte, die die einheimische Bevölkerung, die vermutlich "negroid" war, wie es heißt, übernommen hat, sondern auch durch Wanderungsbewegungen von Menschen aus dem Norden. In ganz ähnlicher Weise ist ja auch der früheste Ackerbau in Europa verbreitet worden, diesmal durch Völker, die sich vom Balkanraum aus Richtung Mitteleuropa ausbreiteten.

Auch die Sprachenkarte Afrikas (Abb. 1) selbst scheint ja schon im Groben nahezulegen, dass sich der Ackerbau in Afrika nicht vor allem über die Meeresküsten, sondern über das Festland - und vor allem vermittelt über die Nilregion - nach Süden ausbreitete. Und hierbei wird also die nilosaharanische Sprachgruppe (Wiki), der auch der Fundort Nabta Playa zugesprochen wird, die Hauptrolle gespielt haben. Der Regenwald bildete dabei zunächst eine Grenze nach Süden. Diesen durchschritten die Vorfahren der Bantu-Völker schließlich, wie Ruth Mace erwähnte.

Für dieses grobe Bild bleibt - wie vielleicht deutlich geworden ist - noch viel Platz für weitere Einzelheiten, die zu erforschen sind oder aus der Literatur heraus nachzutragen wären.
__________________________________________
  1. Mace, Ruth u.a.: Phylogenetic reconstruction of Bantu kinship challenges Main Sequence Theory of human social evolution. PNAS, December 9, 2014, vol. 111, no. 49

Montag, 8. Dezember 2014

Buschleute waren einst die größte Bevölkerungsgruppe weltweit

Spannende neue Erkenntnisse aus der Erforschung der Genome der Afrikaner

Die folgende Abbildung ist eine tolle Grafik, die einige der wesentlichsten Ergebnisse einer neuen Studie in "Nature" über die Erforschung des Genoms der Afrikaner und der Geschichte derselben in den letzten 12.000 Jahren zusammenfasst (Abb. 1) (die Studie ist frei zugänglich).

Abb. 1: Datierung und Anteil der Eimischung von außerafrikanischen und Buschleute-Genen in das typische Genom der Schwarzafrikaner
Sie zeigt den Anteil der Einmischung von außerafrikanischen und Buschleute-Genen in das typische Genom der schwarzafrikanischen Bevölkerung südlich der Sahara (orange gefärbt = "SSA ancestry" = Sub-Saharan Africa ancestry). Diese Bevölkerung wird auch als die Gruppe der traditionell Ackerbau und Rindviehzucht betreibenden Bantuvölker angesprochen. Aber es wird nicht nur der Anteil gekennzeichnet, sondern auch auch die jeweilige zeitliche Datierung der Einmischung.

Vieles davon deutete sich schon in früheren Studien an. Aber hier hat man es nun einmal zusammengefaßt und komprimiert auf einen Blick und auf neuestem Stand.

6.500 v. Ztr. - Ethnogenese der Bantu-Völker angestoßen durch Neolithisierung des Mittelmeerraumes?

Nach dieser Studie, bzw. der genannten Grafik gab es zwischen 8.500 und 5.500 v. Ztr. eine geringe Einmischung der Gene von frühen "Eurasiern", also sicherlich Menschen grob gesprochen aus dem Mittelmeerraum, dem fruchtbaren Halbmond und von deren Randgebieten (s. Abb 1 linke Grafik "Eurasian ancestry"). Es erscheint nicht unwahrscheinlich, dass dies in einem näheren oder ferneren Zusammenhang steht mit der gleichzeitigen Neolithisierung des gesamten Mittelmeerraumes ab 6.500 v. Ztr.. Es könnte sich hierbei also um frühe neolithische, ackerbautreibende Völker von den Mittelmeerküsten Nordafrikas gehandelt haben, die überhaupt erst den Bantu-Völkern die Anregung gegeben haben, zum Ackerbau überzugehen, und die damit womöglich die Ethnogenese der Bantu-Völker erst initiierten.

Es wäre sicherlich interessant zu wissen, ob sich diese über Land oder über die Meeresküsten nach Westafrika ausgebreitet haben. Hier auf dem Blog ist schon auf Indizien darauf hingewiesen worden, dass die Schiffahrt auf dem Mittelmeer ab 6.500 v. Ztr. weitere Strecken überwinden konnte (direkter Seeweg von Nordafrika nach Südfrankreich, nachgewiesen anhand bestimmter Pflanzen). Deshalb könnte man es für plausibel erachten, dass sich diese Kulturen auch bis Westafrika entlang der Küsten ausgebreitet haben.

Zwischen 9.100 und 4.500 v. Ztr., also etwa zeitgleich gab es bei der Ethnogenese der Bantu-Völker in Westafrika eine geringe Eimischung der Gene von Buschleuten (Abb. 1, rechte Seite: "HG ancestry" = Hunter-Gatherer-ancestry), die also damals womöglich noch bis Westafrika ausgebreitet lebten und erst danach von der schnell wachsenden Demographie der seßhaften Bantu-Völker über ganz Afrika südlich der Sahara hinweg in Restgebiete verdrängt worden sind. Darüber heißt es in der Studie (mit Bezügen zu entsprechenden vorausgehenden archäologischen Studien):
Given limited archaeological and linguistic evidence for the presence of Khoe-San populations in West Africa, this extant HG admixture might represent ancient populations, consistent with the presence of mass HG graves from the early Holocene period comprising skeletons with distinct morphological features, and with evidence of HG rock art dating to this period in the western Sahara.
Zur Vermischung mit Buschleuten kam es bei der Ausbreitung der Bantu-Völker in den nachfolgenden Jahrtausenden immer wieder, ihr genetischer Anteil in den Bantu-Bevölkerungen ist im Süden Afrikas heute noch höher als im Norden (s. Abb. 1 rechte Grafik). - Vielleicht war er früher im Norden auch noch höher und ist über den langen Zeitraum "herausselektiert" worden?

Ab 4.500 v. Ztr. - Genetische Einflußnahmen nördlicher Ackerbau- und Hochkulturen auf die Bantu-Völker

Auch spätere Eimischung von Genen vermutlich nordafrikanischer, mediterraner Ackerbauern-Kulturen (mit Rinderhaltung), bzw. der Ägypter, sowie von Genen des Vorderen Orients lassen sich in den Bantu-Völkern nachweisen (Abb. 1 linke Grafik). Unter anderem aus der Zeit, als die ägyptischen Hochkultur am Oberlauf des Nils vordrang (1.900 v. Ztr. bis 400 v. Ztr.) und als etwa zeitgleich Hochkulturen der arabischen Halbinsel auf den afrikanischen Kontinent übergriffen (1.800 v. Ztr. bis 600 v Ztr.), sowie als sich die Expansion der Araber, bzw. des Islam vollzog (300 bis 900 bzw. 1250 n. Ztr.).

Einen Tag nach der Veröffentlichung dieser Studie wurde im parallelen Wissenschaftsmagazin "Science" aufmerksam gemacht auf eine mindestens ebenso spannende Studie zur genetischen Geschichte der Buschleute, veröffentlicht in "Nature Communications" (2, 3). Die Buschleute stehen ja genetisch, geographisch und sprachlich am dichtesten an der Wurzel des Völker-Stammbaums von uns Menschen heute weltweit. Sie sind sozusagen wahrscheinlich die Hüter unseres ursprünglichsten genetischen, sprachlichen und kulturellen Erbes. Während alle anderen Völker weltweit nach der Menschwerdung vor etwa 200.000 Jahren in Afrika aus sich abwandernden kleinen Bevölkerungsgruppen hervor gingen (also etwa ab 60.000 Jahren vor heute), wobei in Gründerpopulationen viel Drift (neue Zufallsverteilungen von Genen) und Selektion stattfinden konnte (sprich genetische Neuanpassungen an die Verhältnisse vor Ort, sprich: Evolution), stammen die Buschleute heute immer noch von der einstmals grössten Bevölkerungsgruppe weltweit ab (2):
For tens of thousands of years, the Khoisan’s ancestors were members of “the largest population” on the planet, according to a new study. (...) The Khoisan inherited their genetic diversity from a large ancestral population, an idea supported by a single Khoisan genome published in 2012. 
Und weiter:
The team reconstructed population sizes for the ancestors of the Khoisan, as well as for Europeans, Asians, and another African group, the Yoruba. They found that all four groups declined in effective population size (the number of breeding adults) between 120,000 and 30,000 years ago. The non-Khoisan groups’ numbers plunged precipitously - by 30,000 years ago, European and Asian populations had plummeted by 90% from their peak, thanks to population bottlenecks caused by the migration of small groups out of Africa. But the Khoisan population declined by only 26%. (Yoruba populations dropped by 69%).
In der Originalstudie (3) heißt es:
The ancestors of the non-Khoisan groups, including Bantu-speakers and non-Africans, experienced population declines after the split and lost more than half of their genetic diversity.
Und:
The earliest human population split has been known to be between the ancestral Khoisan and the ancestors of the other human populations and was estimated to take place ~110–150 kyr ago. (...) After the earliest split, between the ancestral Khoisan and non-Khoisan populations ~100–150 kyr ago, the ancestral Khoisan population maintained their high genetic diversity, while the effective population size of the non-Khoisan continued to decline for 30~120 kyr ago and lost more than half of its diversity. The ‘Out of Africa’ migration ~40–60 kyr ago (ref. 20) accounts for the observed population split between African and non-African populations, and the subsequent smaller effective population size of non-Africans compared with non-Khoisan Africans.
Die Buschleute wurden in den letzten 2000 Jahren durch die Ausbreitung der Bantuvölker ebenfalls zu einer Art "Flaschenhals-Population", die am Rande des Aussterbens steht. Aber alles deutet darauf hin, dass auch dieser Bevölkerungsrückgang für sich noch nicht so viel Selektion und Evolution ausgelöst hat wie ihn die Vorfahren aller übrigen Völker weltweit während und nach dem Auswandern aus Afrika erfahren haben, bzw. während ihrer Ethnogenese innerhalb der anderen Weltteile später.

Die Buschleute waren einst die größte Bevölkerungsgruppe weltweit 

Dies macht deutlicher vielleicht als jemals zuvor auf eine Erkenntnis aufmerksam, die sich nach und nach immer deutlicher herausschält: Human-Evolution - zusammen mit Intelligenz- und Verhaltens-Evolution, sowie mit der Evolution von vielfältigsten Körpermerkmalen, Verdauungsmerkmalen, Krankheitsneigungen - scheint doch mehr oder weniger still zu stehen, wenn Völker zahlenmäßig groß bleiben und nicht mit neuen Lebens- und Überlebensbedingungen konfrontiert werden oder solche aktiv suchen.

Und daran schließt sich eine weitere Schlußfolgerung an, die einen ziemlich umtreiben könnte: Sollte das - sozusagen - der evolutionäre Sinn der Tatsache sein, dass sich heute weltweit die einheimischen Bevölkerungen auf der Nordhalbkugel in der demographischen Krise befinden? Nachdem sich ihre kulturellen Lebens- und Überlebensbedignungen in den letzten 500 Jahren drastisch verändert haben? Und wie werden die Neuanpassungen aussehen, die geeignet sind, diese demographische Krise zu überstehen und - sozusagen - eine "neue Welt" zu schaffen? Eine neue Welt des Menschen, des zukünftigen? Diese letztgenannte Studie läßt darüber jedenfalls intensiver nachdenken, als jede andere Studie zuvor, da sie so vieles bestätigt und ergänzt, was sich schon zuvor angedeutet hatte!

Friedrich Schiller läßt seinen Marquis Posa in seinem "Don Carlos" zum Beispiel sagen:
                              Das Jahrhundert
Ist meinem Ideal nicht reif. Ich lebe,
Ein Bürger derer, welche kommen werden.
Man könnte noch viele Erwartungen auf eine bessere Zukunft der Menschheit zitieren, wie sie unsere großen Dichter und Denker ausgesprochen haben. Die neuen genetischen Erkenntnisse müssen jedenfalls nicht als im Widerspruch zu solchen Erwartungen stehend interpretiert werden.
_____________________________________________
ResearchBlogging.org
  1. Deepti Gurdasani, Stephen Tollman et al.: The African Genome Variation Project shapes medical genetics in Africa. In: Nature (2014) doi:10.1038/nature13997,  Received 15 July 2014, Accepted 23 October 2014 Published online 03 December 2014
  2. Gibbons, Anne: Dwindling African tribe may have been most populous group on planet. In: Science, 4.12.2014 
  3. Kim, H., Ratan, A., Perry, G., Montenegro, A., Miller, W., & Schuster, S. (2014). Khoisan hunter-gatherers have been the largest population throughout most of modern-human demographic history Nature Communications, 5 DOI: 10.1038/ncomms6692
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