Samstag, 21. November 2009

3.100 v. Ztr.: Mecklenburger Jäger und Fischer tragen einige den Bandkeramiker-Genen verwandte Gene in sich

Aber auch ihre Gene sind heute ausgestorben

Die Erkenntnisse zur Humanevolution der frühesten Bauernvölker Europas wachsen derzeit exponentiell an. Fragen, über die sich die Archäologen und Anthropologen seit vielen Jahrzehnten weitgehend unentschieden die Köpfe zerbrochen haben, werden durch neue Studien an Genresten in überkommenen Skeletten ("ancient DNA") derzeit einer einigermaßen definitiven Klärung entgegengeführt. Dies ist ein ungeheurer Fortschritt in der Wissenschaft, über den "Studium generale" gerne sich und andere auf dem Laufenden halten möchte.

Zur Rekapitulation: Um 4.100 v. Ztr. entstand in Ostholstein die älteste Bauernkultur im Ostseeraum, die Trichterbecherkultur (archäologische Stufe "Wangels"). Sie breitete sich in den weiteren Jahrhunderten rund um die Ostsee aus. Überraschenderweise lebten aber zu dieser Bauernkultur benachbart noch 2.000 Jahre lang sehr konservative Bevölkerungen von Fischern, Jägern und Sammlern. So in Südschweden und auf den Schweden vorgelagerten Ostsee-Inseln wie Gotland bis in die Zeit um 2.300 v. Ztr. hinein. Es handelte sich dort um die Kultur der sogenannten Grübchen- oder Kammkeramiker.

Im vorigen St. gen.-Beitrag behandelten wir DNA-Untersuchungen an Skeletten dieser mesolithischen Bevölkerung auf Gotland (1). Sie weist wenig genetische Verwandtschaft mit heutigen Bevölkerungen in Nordeuropa auf. So das Ergebnis. Weder mit heutigen Schweden, noch mit heutigen Saamen. Noch am ehesten kann man von einer genetischen Verwandtschaft mit heutigen Letten sprechen. Aufgrund dieser Untersuchungen kann gefolgert werden, daß die ersten Bauern des Ostseeraumes, die Trichterbecherleute, genetisch ein anderes Profil hatten als die letzten Jäger und Sammler in diesem Raum.


Die frühen Schweriner und ihre Stellung in der Weltgeschichte (3.100 v. Ztr.)

Und genau dieses Ergebnis ergibt sich auch aus einer zweiten, im Oktober an prominenter Stelle veröffentlichten Studie an mesolithischen Skeletten. Unter anderem an Skeletten einer tausend Jahre älteren, ebenfalls sehr konservativ lebenden Bevölkerung im Seengebiet Mecklenburgs, nämlich im Bereich der heutigen Stadt Schwerin (2 - 4). Genauer in Schwerins südlichem Vorort Ostorf.



Wie man auf den Google-Karten sieht (die dummen Adressfelder bitte wegklicken), liegen die Stadt Schwerin und ihre Seen zwar geographisch einigermaßen benachbart zu Ostholstein und der Ostseeküste. Aber sie liegen doch zugleich auch viele Kilometer im Landesinneren. Und noch heute kann man an der starken Bewaldung der Seeufer (siehe auch Bild ganz oben) sehen, daß diese Seeufer bis in unsere Zeit hinein als nicht sehr geeignet für Ackerbau und Viehzucht scheinen angesehen worden zu sein. Und hier wurden 1961 auf der kleinen, seither "Toteninsel" genannten Insel "Tannenwerder" im Ostorfer See etwa 70 Flachgräber aus der Zeit von 3.200 bis 3.000 v. Ztr. ergraben.

Da diese Skelette sich in den Lagerräumen gut erhalten haben, konnten aus ihnen für die neue Studie DNA-Reste extrahiert und analysiert werden. Überraschenderweise haben auch am Ostorfer See noch um 3.000 v. Ztr., also 1.000 Jahre nach Entstehung der Trichterbecherkultur in Ostholstein (!), Fischer, Jäger und Sammler gelebt. Neueste anthropologische Studien bestätigen die schon 1961, während der DDR-Zeit gemachten, bislang wenig bekannt gewordenen archäologischen Erkenntnisse (3, 4):
„Das waren keine Bauern, sondern Paddler“, sagt Thomas Terberger über die Ostorfer von einst. Ihre Armknochen weisen die modifizierten Muskelansatzstellen auf, wie sie für Kajakfahrer oder Kanuten typisch sind. Und zwar bei Männern wie Frauen. Das jedenfalls entdeckten Mainzer Anthropologen vor kurzem bei einer morphologischen Untersuchung. Die Kiefer verrieten ihnen, dass die Jäger und Sammler das frugale Mahl intensiv kauen mussten. Sie verzehrten Fleisch und Rohkost, aber kaum Kohlenhydrate. Trotzdem konnte ihre mesolithische Diät sie nicht vor Karies bewahren. Auch zeigen die bei Ostorf geborgenen Skelette Abnutzungsspuren auf; die veränderten Bein- und Hüftknochen zeugen von starker Mobilität. Ähnliche Merkmale sind heute bei Marathon- und Langstreckenläufern zu beobachten.
Frühe Schweriner waren Langstreckenläufer, Kajakfahrer oder Kanuten

Diese Skelette weisen also auf eine ganz andere, viel konservativere Lebensweise hin, als die Skelette von zeitgleichen Bauern in Norddeutschland. Diese "Ostorfer" müssen eine so ausreichend große Siedlungsdichte an den Seen gehabt haben, daß es ihnen über Jahrhunderte hinweg gelungen ist, sich wahrscheinlich auch militärisch gegenüber den sie umgebenden Bauernvölkern zu behaupten. Schon vom gesunden Menschenverstand ausgehend kann angenommen werden, daß man auch in einem gewissen arbeitsteiligen Austausch-Verhältnis mit den umgebenden Bauernvölkern gestanden haben kann. Wie die Ernährung zeigt, kann dieser Tauschhandel zugleich aber auch nicht sehr intensiv und umfangreich gewesen sein.

Und exakt dieser Umstand scheint sich auch in ihren Genen wiederzuspiegeln. Unter den vielen in der neuen Studie untersuchten DNA-Resten in mesolithischen Skeletten aus Litauen, Polen, Rußland und Deutschland, die alle heute in Europa weitgehend ausgestorbene Gentypen und auch keine Verwandtschaft mit frühen europäischen Bauernvölkern aufweisen, fallen nur die Ostorfer Skelette etwas aus dem Rahmen:
The only exception is the site Ostorf (northern Germany), where two individuals carried haplogroup T2, which is also found in our LBK sample. We are cautious about interpreting this as a signature of local admixture, particularly because the hunter-gatherer and early farmer T2 types belong to different sublineages, but it is notable that Ostorf is culturally a Mesolithic enclave surrounded by Neolithic Funnel-beaker farmers and is the only hunter-gatherer site where any non-U mtDNA types were observed.
Ein kleiner Anteil genetischer Einmischungen von Bauern?

Zu Deutsch: Im Unterschied zu allen übrigen, mesolithisch lebenden, untersuchten Bevölkerungen fand man nur bei den Mecklenburgischen Ostorfern in zwei Skeletten DNA-Reste, die man auch bei dem - nach derzeitigem Stand - heute genetisch weitgehend ausgestorbenen Volk der Bandkeramiker ("LBK") schon in einer früheren Studie gefunden hatte.

Da die Ostorfer umgeben waren von Trichterbecher-Leuten ("Funnelbeacker farmers"), kann das auf einige Vermischungen entweder mit den Trichterbecherleuten oder mit der vorhergehenden Michelsberger Kultur zurückgeführt werden, welche wiederum in Teilen das genetische Erbe der Bandkeramik oder ihr nahestehender Bevölkerungen in sich getragen haben könnte. Ein genetisches Erbe, das zumindest in seiner Spezifität in den weiteren Jahrhunderten bis heute in Mitteleuropa dann zum größten Teil verloren gegangen ist.

Ausblick

Schon diese ersten "ancient DNA"-Forschungen zeichnen ein sehr differenziertes Bild der frühneolithischen Bevölkerungsgeschichte Europas. Sie werden sicherlich in den nächsten Jahren nach und nach noch viele weitere, differenzierte Erkenntnisse zur Bevölkerungsgeschichte Europas erbringen, auf die man sehr gespannt sein darf.

Literatur:

ResearchBlogging.org1. Bading, Ingo: 4.100 v. Ztr.: Die modernen Nordeuropäer entstehen in Ostholstein. In: Studium generale, 18.9.09.
2. Bramanti B, Thomas MG, Haak W, Unterlaender M, Jores P, Tambets K, Antanaitis-Jacobs I, Haidle MN, Jankauskas R, Kind CJ, Lueth F, Terberger T, Hiller J, Matsumura S, Forster P, & Burger J (2009). Genetic discontinuity between local hunter-gatherers and central Europe's first farmers. Science (New York, N.Y.), 326 (5949), 137-40 PMID: 19729620; Supplement als freies -->pdf.
3. Kastilan, Sonja: Die Insel der Zurückgebliebenen. FAZ, 6.9.09.
4. Zessin, Wolfgang: Steinzeitliche Funde von Ostorf, Kreis Schwerin-Stadt. In: Informationen des Bezirksarbeitskreises für Ur- und Frühgeschichte Schwerin 22 (1982), S. 3 - 15; --> als freies pdf..
5. Pinhasi R, & von Cramon-Taubadel N (2009). Craniometric data supports demic diffusion model for the spread of agriculture into Europe. PloS one, 4 (8) PMID: 19707595

Mittwoch, 18. November 2009

4.100 v. Ztr.: Die modernen Nordeuropäer entstehen in Ostholstein

Zusammenfassung:

Eine neue Studie an DNA-Resten aus 19 spätmesolithischen Skeletten von der Ostseeinsel Bornholm (um 2.500 v. Ztr.) (1) vermehrt die Belege dafür, daß die heutigen Nordeuropäer zu größeren Teilen von den ersten Ackerbauern des Ostseeraumes abstammen und nicht von den vormaligen spätmesolithischen Jägern und Fischern des Ostseeraumes. Dies braucht aber nicht zu heißen, daß die spätmesolitischen Fischer durch Bauern- und bronzezeitliche Kulturen aus ganz anderen geographischen Regionen ersetzt worden sind. Vielmehr wird es sich um eine vergleichsweise kleine Gründerpopulation in Ostholstein gehandelt haben (archäologische Stufe "Wangels"; um 4.100 v. Ztr.), in der auch über kürzere historische Zeiträume hinweg sich stärkere genetische Veränderungen ergeben haben können, und die in Auseinandersetzung - und ggfs. auch Vermischung - mit Menschen der südlicheren Michelsberger Kultur eine neue Ethnie mit neuer Genetik und neuer Lebensweise herausgebildet haben könnte: die Trichterbecher-Kultur.

Diese Feststellungen können wiederum als ein weiterer Hinweis darauf gelten, daß die Humanevolution in einem (dialektischen?) Wechselspiel von Aussterbeereignissen größerer Völkerschaften und Kulturen stattfindet, die mehr oder weniger regelmäßiger wiederkehrend (von weniger komplexer Kulturstufe schrittweise zu komplexerer Kulturstufe fortschreitend) durch das jeweilige explosive Bevölkerungswachstum aus ursprünglich vergleichsweise kleinen Gründerpopulationen
heraus ersetzt werden. Die kleinen Gründerpopulationen wären es dann vor allem, in denen die wesentlichsten genetischen und kulturellen Veränderungen und Neuanpassungen stattfinden, die für den Übergang zu der jeweils nächsten gesellschaftlichen Komplexitätsstufe erforderlich waren (Gen-Kultur-Koevolution).

Die Geschichte des europäischen Frühneolithikums, der ersten Bauernvölker Mitteleuropas, insbesondere aber auch derjenigen Nordeuropas, ist eine ungeheuer spannende. (1 - 13; einen außerordentlich aktuellen Überblick bietet auch: 14) In den Jahrtausenden des Rückzugs des Eises nach der Eiszeit hatte sich in Mitteleuropa schließlich flächendeckend der Wald ausgebreitet, vor allem Lindenwälder. In Nordeuropa hingegen konnten die Menschen noch für viele Jahrhunderte die traditionelle eiszeitliche Lebensweise der Rentierjäger fortsetzen.

In den mitteleuropäischen Urwäldern lebten nur noch vergleichsweise wenige Menschen. Die wenigen Funde, die auf menschliche Besiedlung deuten, werden von der Wissenschaft unter dem Begriff "Mesolithikum" ("Mittelsteinzeit") zusammen gefaßt. Die Mesolithiker lebten vor allem an den Ufern von Gewässern, von Seen, auch an überhängenden Abbruchkanten von Bergen. Schließlich an den Küsten von Nord- und Ostsee. Sie lebten als Rentierjäger, später als Fischer und als Jäger von vielfältigen Wildarten, sowie als Sammler, auch von Muscheln, Baum- und Strauchfrüchten.

Eine neue Lebensweise breitet sich aus (5.500 v. Ztr.)

Über den Balkan breitete sich dann - von der anatolischen Halbinsel aus kommend - die Kultur von Ackerbau und Viehzucht als eine Dorfkultur aus. Durch Begegnung der einheimischen mesolithischen Gruppen mit den neolithischen Dorfkulturen des Balkanraumes formte sich vor allem am Ufer des Plattensees und in seiner näheren Umgebung - also im heutigen österreichisch-ungarisch-mährischen Grenzraum - eine weltgeschichtlich ungeheuer einflußreiche, neue Kultur aus: Die Kultur der Bandkeramiker. Sie ist charakterisiert nicht durch eine Siedlungsweise in kleinen, zu Dörfern zusammengestellten Häusern, sondern durch einzeln oder locker in Weiler zusammen stehende, bis zu 30 Meter lange Langhäuser. Eine weltgeschichtlich völlig neue Art des Siedelns und Wohnens.

Aus einer kleinen Ausgangsregion hervorgehend breitete sich die Kultur der Bandkeramik innerhalb von nur wenigen Jahrhunderten ab 5.500 v. Ztr. über ganz Mitteleuropa bis zum Nordrand der Mittelgebirge aus. Dies war nur möglich durch einen Kinderreichtum, wie er etwa auch noch bei den stark religiös geprägten deutschen Rodungsbauern in Wolhynien im 19. Jahrhundert festgestellt werden kann, die noch im 19. Jahrhundert in Ostpolen eine vergleichbare Arbeit an Rodungsarbeit geleistet haben wie sie auch für die Bandkeramiker 7.500 Jahre zuvor vorausgesetzt werden muß. (s. Stud. gen.)

Die noch pferde- und räderlose Kultur der Bandkeramik existierte etwa 800 Jahre lang und wurde von nachfolgenden kleinräumiger verteilten Bauernkulturen abgelöst. Jedoch erreichten alle nachfolgenden Bauernkulturen in Mitteleuropa bis zum Frühmittelalter niemals mehr die vergleichsweise hohe Siedlungsdichte der Bandkeramiker. (Siehe frühere Beiträge auf St. gen..) Dieses Charakteristikum und noch so manches andere deutet auf die Besonderheit und Einzigartigkeit der Kultur der Bandkeramik hin.

Im Ostseeraum wird man moderner, bleibt aber bei der Lebensweise der Fischer und Jäger (5.100 v. Ztr.)

In der norddeutschen Tiefebene kam es zu Begegnungen und Kulturkontakten der südlichen, seßhaften Bandkeramiker mit dort lebenden, bislang nur halbseßhaften mesolithischen Gruppen. Sicherlich auch auf diese Einflüsse zurückzuführen ist die Ausbildung einer vergleichweise siedlungsdichten, spätmesolithischen Kultur im Ostseeraum, nämlich der "Ertebølle"-Kultur (seit 5.100 v. Ztr.), wahrscheinlich aus der dort bestehenden, siedlungsärmeren mesolithischen Vorgängerkultur heraus. Diese Menschen der Ertebølle-Kultur lebten an der Küste der Ostsee - zeitgleich zur Bandkeramik - vor allem von der Jagd und vom Fischfang.

Zur Zeit des Untergangs der Bandkeramik, um 4.750 v. Ztr. herum, ging auch die Ertebølle -Kultur in eine zweite, jüngere Phase über, die vor allem dadurch charakterisiert ist, daß nun auch im Ostseeraum Keramik benutzt wurde.

Tausend Jahre später: Auch im Ostseeraum beginnt sich die neue Lebensweise vollständig zu etablieren (4.100 v. Ztr.) ...

Um 4.100 v. Ztr. wird die Ertebølle-Kultur an der Südküste der Ostsee und in Dänemark abgelöst von der berühmten Ackerbau und Viehzucht, also Milchwirtschaft betreibenden Trichterbecher-Kultur, die ab 3.500 v. Ztr. auch ihre berühmten Großsteingräber errichtet.

An der Südküste Schwedens, der Nordostküste Dänemarks und an der Südküste Norwegens, sowie auf den Schweden benachbarten Ostsee-Inseln wie Gotland und Aaland hielten die Menschen jedoch außerordentlich zäh und konservativ an der bisherigen mesolithischen Lebensweise fest. Hier entstand etwa zeitgleich mit der Trichterbecher-Kultur und dauerte parallel zu ihr fort die spätmesolithische Kultur der Grübchen- oder Kammkeramik (Wiki engl.). Eine Kultur von Jägern und Fischern. Mit Übernahme der Schaf- und Schweinehaltung dauerte diese Kultur sogar bis weit in die Bronzezeit hinein fort, als etwa bis 2.300 v. Ztr.. Sie erlebte damit auch noch die Überlagerung der nordeuropäischen Trichterbecherkultur durch die indogermanischen Schnurkeramiker (den erstmals berittenen "Streitaxt"-Leuten) - ursprünglich wohl aus dem Nordschwarzmeer-Raum stammend - mit.

... aber letzte Jäger- und Fischerkulturen des Ostseeraumes halten zäh an der alten Lebensweise fest (2.300 v. Ztr.)

In der nordeuropäischen Archäologie ist es nun eine seit Jahrzehnten diskutierte Frage, ob die Trichterbecherkultur direkt von der Ertebølle-Kultur abstammt oder ob es zu einem umfangreicheren Bevölkerungswechsel bei der Ablösung der beiden Kulturen gekommen ist. In einer neuen Studie, veröffentlicht am 24. September, wurden 19 Skelette der Grübchen-Keramik-Kultur, die auf der Insel Gotland (siehe Karte rechts) begraben worden waren, auf Reste von mitochondrialer DNA hin untersucht. (1; siehe auch: Dienekes) Die Skelette werden auf 2.800 bis 2000 v. Ztr. datiert.

Man fand in diesen Skeletten vor allem mitochondriale DNA der Haplogruppen U4/H1b, U5 und U5a. Eine genauere Analyse und der Vergleich mit heute in Nordeuropa lebenden Bevölkerungen zeigt, daß diese Haplogruppen noch am ähnlichsten Haplogruppen der heute in Lettland und angrenzenden Ländern lebenden Menschen sind. Nicht aber Haplogruppen von Menschen, die heute sonst noch rund um die Ostsee leben und deshalb wahrscheinlich zu größeren Anteilen eher von den Trichterbecherleuten (vermischt zu bislang nicht bekannten Anteilen mit den Schnurkeramikern) abstammen.

Nachdem Untersuchungen von DNA-Resten in Skeletten der Bandkeramiker, der Etrusker oder des "Ötzi" (St. gen.) schon viele Hinweise dafür lieferten, daß die Gene jeweils zuvor großer Völkerschaften im Großen und Ganzen heute als genetisch ausgestorben angesehen werden müssen, scheint dies nun auch für die spätmesolithischen Kulturen des Ostseeraumes, also für die Ertebølle- und Grübchenkeramik-Kultur gelten zu müssen. Am ehesten scheint noch in baltischen Ländern wie Lettland ein genetisches Erbe dieser Kulturen fortzuleben. Hier erfolgte der Umbruch zur seßhaften Lebensweise offenbar noch weniger plötzlich als im nördlichen Ostseeraum, wodurch sich ansässige Jäger und Fischer zu Bauern wandeln konnten, ohne dabei zu stark von neu zuwandernden Bevölkerungen genetisch verdrängt zu werden.

Die vormals oft von Archäologen geäußerte Vermutung, daß die Spätmesolithiker im Ostseeraum Verwandtschaft mit den heute noch in Finnland lebenden Saamen aufgewiesen haben könnten, konnten durch diese neue DNA-Studie auffallenderweise nicht bestätigt werden.

Eine Population mit neuer Kultur - und mit neuer Genetik

Damit festigt sich eine Erkenntnis, für die man schon in vielen anderen Fällen Hinweise erkennen konnte, nämlich zu der Frage, wie Humanevolution und Weltgeschichte in den groben Zügen überhaupt abläuft. Und wie dabei vor allem jüngste Selektionsereignisse im menschlichen Genom sich etablieren konnten, wie sich der jeweilige anthropologische Typus genetisch ändern konnte bis heute. Und wie das deshalb voraussichtlich auch künftig geschehen wird. Dies wird vornehmlich dadurch geschehen, daß vormals kleine Gründerpopulationen, wie sie etwa auch für die Trichterbecherkultur in der Stufe Wangels in Ostholstein angenommen werden kann, bevölkerungsmäßig anwachsen und sich ausbreiten in weite Räume hinein, in Räume, die zuvor von anderen Populationen bewohnt worden waren, deren Gene mittelfristig in der Geschichte größtenteils aussterben - aufgrund von Prozessen, die künftig sicherlich noch detaillierten zu charakterisieren sein werden. Neue, einwandernde, siedlungsdichtere Kulturen und ihrer Träger etablieren in einem Raum neue auch genetische Selektionsbedingungen, unter denen sich die zuvor Einheimischen nicht mehr so erfolgreich fortpflanzen wie zuvor.

Für alle Fragen, die in Diskussionen rund um das Theorem der "Gruppenselektion" aufgetaucht sind, dürften solche Erkenntnisse aus der unmittelbaren Empirie künftig immer größere Bedeutung erlangen. Und man wird immer mehr erkennen, daß man die "Bevölkerungsweise" einer Bevölkerung, ihr "demographisches Regime" im Sinne von Gerhard Mackenroth - und anderer Historischer Demographen - sehr genau analysieren muß, wenn man die hier vorliegenden Prozesse möglichst detailgenau charakterisieren will.

Die modernen Nordeuropäer und ihre Genetik

Auch bekommt man durch diese neuen Erkenntnisse einen schärferen Blick darauf, wie und unter welchen Umständen die nordeuropäischen Bevölkerungen mit ihrem typischen und auffälligen genetischen Merkmalsmuster - u.a.: blonde Haare, blaue Augen (St. gen.), die Fähigkeit, im Erwachsenenalter Rohmilch verdauen zu können (St. gen.), die Fähigkeit, Alkohol in größeren Mengen zu sich nehmen zu können, unter ihnen vergleichsweise hohe Anteile von Trägern der Hyperaktivitäts-(ADHS-)Gene, vergleichsweise wenige Trägern von Genen, die einen anfällig machen für Depressionen (Serotonin-Transporter-Gene) (s. Spektr. d. Wiss.), sowie mit vergleichsweise hohem Intelligenz-Quotienten - entstanden sein könnten. Vor allem die Erkenntnis der letzten Jahre, daß die Genmutation, die blaue Augenfarbe hervorruft, weltweit ursprünglich auf nur einen oder wenige Merkmalsträger zurückgeführt werden kann (St. gen.), deutet auf eine sehr kleine Gründerpopulation hin, die im Ostseeraum wird gesucht werden müssen.

Wenn nun die heutige Bevölkerung im Ostseeraum höchstwahrscheinlich genetisch so im allgemeinen nicht von den zuvor im Ostseeraum ansässigen Mesolithikern abstammt, wie die neue Studie aufzuzeigen scheint, wird im Wesentlichen die Trichterbecherkultur übrig bleiben, die ja auch die Fähigkeit, als Erwachsener Rohmilch verdauen zu können, im Zusammenspiel mit der Milchviehhaltung evoluiert haben wird.

Steht eine etwaige Siedlungskontinuität in Ostholstein seit dem Spätmesolithikum im Widerspruch dazu?

Zur Entstehung der Trichterbecher-Kultur sind der Forschungsliteratur unter anderem folgende Angaben zu entnehmen (11):
In Wangels läßt sich zwischen 4.300 und 4.100 v. Chr. ein kleiner Niederschlag der Ertebølle-Kultur nachweisen. In dieses Inventar gehören auch die ersten Knochen von Haustieren. Nach 4.100 v. Chr. tauchen dann völlig neue Gefäßformen auf, die mit kleinen, fast unmerklichen Neuerungen im Steinwerkzeuginventar vergesellschaftet sind. Von nun an bilden Nutzviehhaltung und Getreideanbau die Basis für die Nahrungsmittelproduktion. (...)

Als Auslöser für den kulturellen Wandel machten die Steinzeitforscher übrigens eine Kultur aus, die um 4.200 v. Chr. vom west- und mitteldeutschen Raum aus eine starke kulturelle Dynamik entfaltet: die sogenannte Michelsberger Kultur.
Der Prozeß der Neolithisierung, der "Verbäuerlichung" wurde also an der südlichen Ostseeküste von der einheimischen Bevölkerung getragen, wie die Forscher meinen (12):
Dafür spricht die an mehreren Orten zu beobachtende Platzkontinuität. Einige Küstensiedlungen wie Rosenhof und Wangels bestanden hunderte von Jahren und überdauerten den Wechsel von der Ertebølle- zur Trichterbecher-Kultur.
Platzkontinuität muß noch nicht heißen, daß die Ortsansässigen sich nicht dennoch mit Menschen der Michelsberger Kultur könnten vermischt haben bei der Akkulturation an die seßhafte Lebensweise. Auch bei der Entstehung der Bandkeramik am Plattensee findet man ja in diversen "Mischformen" der Siedlungsweise "Platzkontinuität" vor. Und dennoch darf davon ausgegangen werden, daß hier zugleich auf genetischem Gebiet sich sehr viele Selektionsprozesse abgespielt haben können. Man wird hier einfach noch weitere Forschungsergebnisse abwarten müssen. (Siehe dazu auch --> Sincos.)

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Literatur

ResearchBlogging.org1. Malmström H, Gilbert MT, Thomas MG, Brandström M, Storå J, Molnar P, Andersen PK, Bendixen C, Holmlund G, Götherström A, & Willerslev E (2009). Ancient DNA reveals lack of continuity between neolithic hunter-gatherers and contemporary Scandinavians. Current biology : CB, 19 (20), 1758-62 PMID: 19781941
2. Price, T., Ambrose, S., Bennike, P., Heinemeier, J., Noe-Nygaard, N., Petersen, E., Petersen, P., & Richards, M. (2007). NEW INFORMATION ON THE STONE AGE GRAVES AT DRAGSHOLM, DENMARK Acta Archaeologica, 78 (2), 193-219 DOI: 10.1111/j.1600-0390.2007.00106.x
3.Richards, M., Price, T., & Koch, E. (2003). Mesolithic and Neolithic Subsistence in Denmark: New Stable Isotope Data Current Anthropology, 44 (2), 288-295 DOI: 10.1086/367971
4. Zvelebil, M., & Dolukhanov, P. (1991). The transition to farming in Eastern and Northern Europe Journal of World Prehistory, 5 (3), 233-278 DOI: 10.1007/BF00974991
5. Hartz, S. & Lübke, H. (2006): New Evidence for a Chronostratigraphic Division of the Ertebølle Culture and the Earliest Funnel Beaker Culture on the Southern Mecklenburg Bay. - In: C.-J. Kind (Ed.), After the Ice Age. Settlements, subsistence and social development in the Mesolithic of Central Europe. Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg 78 (Stuttgart 2006, Konrad Theiss Verlag), --> pdf..
6. The Final Frontier: Foragers to Farmers in Southern Scandinavia. In: Gebauer, A.B./Price, T. D. (eds.): Transitions to agriculture in prehistory. Madison, Wisconsin 1992
7. Ein Lagerplatz der Mittelsteinzeit in Dänemark. In: Spektrum d. Wissenschaft, Mai 1987, S. 114 - 122
8. Lübke, Harald: Versunkene Welten am Ostseegrund. In: AiD 5/2002, S. 8 - 12
9. Raetzel-Fabian, Dirk: Ur- und frühgeschichtliche Archäologie. Literaturbericht. In: GWU (= Geschichte in Wissenschaft und Unterricht), Heft 5/6, 2002, S. 375 - 392
10. Curry, Andrew: A Stone Age World Beneath the Baltic Sea. In: Science, Vol. 314, 8.12.2006, S. 1533 - 1535
11. Schmölcke, Ulrich; Hartz, Sönke: Revolution an der Küste? Die ersten Bauern Schleswig-Holsteins. In: Schleswig-Holstein 3/2006, S. 6 - 9
12. Hartz, Sönke; Schmölcke, Ulrich: Spurensuche an der Ostseeküste. In: AiD (= Archäologie in Deutschland), 3/2006, S. 36f
13. Lübke, Harald; Terberger, Thomas: Abschied vom Wildbeutertum. AiD 3/2006, S. 38f
14. Rowley-Conwy, Peter: Human Prehistory: Hunting for the Earliest Farmers. Current Biology, Vol. 19, No. 20, R948 --> pdf..

Freitag, 17. Juli 2009

Wie breiten sich menschliche Gene und kulturelle Merkmale aus?

Welche Faktoren bestimmen die heutige Verbreitung von kulturell und genetisch bestimmten Merkmalen des Menschen?

Es kann sich dabei im wesentlichen um Zufallsfaktoren handeln. Also es kann sich etwa um das eher zufällige "Herumdriften" von genetisch und kulturell bestimmten Eigenschaften handeln. Diese Eigenschaften "driften" dann - etwa so wie ein Korken, der im Meer schwimmt - auf eher zufällige Weise über die Erdoberfläche, von Kontinent zu Kontinent. Menschen haben, bevor sie sterben, Kinder oder nicht auf eher zufällige Weise und geben an sie auf eher zufällige Weise bestimmte kulturelle Eigenschaften weiter, andere nicht.

Menschen - oder nur die von ihnen weitergegebenen kulturellen Merkmale - wandern über die Erdoberfläche oder bleiben an einem Ort, wo sie geboren wurden und wo die Merkmale entstanden sind - auch eher zufällig. Und dort werden sie von Generation zu Generation weitergegeben oder sie sterben dort wieder aus - auch eher zufällig.

Es kommt an dem einen Ort zur explosiven, zahlenmäßigen Zunahme von Trägern genetisch oder kulturell bestimmter Eigenschaften (durch Bevölkerungswachstum oder durch kulturelle "Moden", Meinungsumschwünge, Anpassungen an eine neue Lebensart, etwa an den "american", "hellenistic", "roman" oder "agrarian" "way of life"). Und an einem anderen Ort vielleicht kommt es zum implosiven Aussterben von Trägern bestimmter genetischer oder kultureller Merkmale.

All das könnte mehr oder weniger regellos, gesetzlos geschehen. Es könnte kaum vorhersehbar, kaum berechenbar sein. Wenn irgendwo vor Ort sich Träger genetischer oder kultureller Merkmale sehr plötzlich vermehren sollten, könnte das bloß ein eher zufälliges "Aufbauschen" von ebenso eher zufällig dort vorhandenen Merkmalen sein.

"Selektion" oder "Drift" - Zufall oder Regelhaftigkeit?

In all diesen Fällen würde man aus Sicht eines evolutionären Denkens sagen, daß hier überall keine oder kaum "Selektion" stattfindet, sondern bloßes "Driften" von Eigenschaften und Merkmalen. Und wenn behauptet wird, die letzten 200.000 Jahre Humanevolution wären insgesamt von "wenig Selektion" bestimmt gewesen (siehe Stud. gen., Alles was lebt), dann wird eben genau das behauptet, was eben ausgeführt worden ist. Zumindest der Tendenz nach.

Nun ist es aber so, daß sich das menschliche Denken - und im Anschluß daran erst recht die Wissenschaft - selten und höchst ungern damit zufrieden geben, wenn von bestimmten Phänomenen bloß gesagt wird, es handele sich halt um - wenig nachvollziehbare - Zufallsereignisse. Dazu ist menschliches Denken und Wissenschaft ja vor allem da, in das Chaos der dem Menschen begegnenden Erscheinungen Ordnung hineinzubringen, in ihnen Muster zu erkennen, wiederkehrende und damit irgendwie regelhafte Abläufe, Gesetzmäßigkeiten zu finden. Vielleicht sogar schließlich Kausalitäten zu entdecken, das heißt Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Und aus der Kenntnis derselben können dann wieder neue Schlußfolgerungen abgeleitet werden, "Nutzanwendungen".

Wir geben uns also selten einfach damit zufrieden, von einem Phänomen zu sagen, es handele sich um ein bloßes Zufalls-Ereignis. - In der Quantenphysik hat man den Charakter der Zufälligkeit und Unbestimmtheit des Umlaufbahnenwechsels eines Elektrons auch erst nach außerordentlich heftigen Debatten anerkannt. Wobei Albert Einstein wohl bis zum Ende seines Lebens daran festhielt, daß Gott "nicht würfele", daß hier also doch noch Kausalzusammenhänge vorliegen müßten.

Würfelt Gott in der Humanevolution?

Um so verwunderlicher, daß manche Wissenschaftler und Wissenschaftsberichterstatter dazu neigen, derzeit vor allem Zufallsfaktoren, statt konkrete selektive Faktoren zu betonen zur Erklärung der heutigen Verbreitung kulturell und genetisch bestimmter Merkmale des Menschen und in der Humanevolution überhaupt. Und zwar das sogar auffällig schnell, noch bevor es überhaupt zu hartnäckigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen gekommen ist, wie sie - etwa - zwischen Heisenberg, Bohr und Einstein geführt worden sind. (siehe Stud. gen., Alles was lebt)

Ein Nebengedanke drängt sich hier auf: Überall, wo bloßer Zufall im Spiel ist im menschlichen Handeln, hat das menschliche Verantwortungsbewußtsein weniger Anlaß, sich angesprochen zu fühlen, denn dann handelt es sich ja bloß um eine weitgehend unbeeinflußbare "Glückssache" oder um "Pech". (siehe Stud. gen.). (Ebenso wenig übrigens dann, wenn ein Vorgang stur und unbeeinflußbar, "starr" gesetzmäßig abläuft.)

Wenn also irgendwo von einem Phänomen gesagt wird, es sei weitgehend ein Zufallsereignis (etwa von der Entstehung des Weltalls überhaupt, von der Entstehung des Lebens auf der Erde oder eben von der derzeitigen Verbreitung kulturell und genetisch bestimmter Merkmale des Menschen), dann könnte das auch auf der psychologischen Tendenz und Neigung von Menschen beruhen, sich von eigener Verantwortung bezüglich irgendwelcher Dinge - etwa gar der Natur insgesamt gegenüber oder der eigenen Natur gegenüber - freisprechen zu wollen. Auf diese Möglichkeit soll ja hier nur einmal hingewiesen werden. Sie soll sonst nicht Thema dieses Beitrages sein.

Wünschen wir es uns heute, daß gewürfelt worden sein soll in der Humanevolution?

(Es könnten sich hier jedenfalls immer wieder un-, halbbewußt oder bewußt naturalistische Schlüsse und Fehlschlüsse mit hineinmogeln bei der Beurteilung wissenschaftlich zu erforschender Phänomene. Das würde also dazu führen, daß man jene Aspekte hervorhebt, die einem besonders angenehm erscheinen - für das eigene Selbst- und Weltbild - und man würde versuchen zu vermeiden, solche Aspekte in ihrem Wahrheitsgehalt als richtig anzuerkennen oder zumindest ihren Wahrheitsanspruch ernsthaft zu überprüfen, die einem aufgrund naturalistischer Schlüsse und Fehlschlüsse sowieso schon irgendwie "unangenehm" oder "suspekt" erscheinen.)

Bezüglich solcher Fragen liest sich die im vorletzten Beitrag (Stud. gen.) behandelte Studie "The Role of Geography in Human Adaption" - recht "kryptisch". Sehen wir uns deshalb doch einmal nach Studien um, die sich bezüglich solcher Fragen weniger "kryptisch" lesen und darum eine erste und zugleich auch günstigere Annäherung an die eingangs gewählte Fragestellung ermöglichen.

Dazu soll hier auf den eingängigen Aufsatz "Semes and Genes in Africa" von Barry S. Hewlett (siehe Bild rechts) und Koautoren hingewiesen werden. (1, pdf., siehe auch: 2) In ihren einleitenden Überlegungen im theoretischen Teil nennen Hewlett und Mitarbeiter drei verschiedene Möglichkeiten, wie sich kulturelle Merkmale des Menschen ausbreiten können: 1. zusammen mit der Ausbreitung eines Volkes oder Stammes ("Demic diffusion"), 2. durch Übernahme ursprünglich "ausländischer", fremder Kultur aus einer anderen geographischen Region ("Cultural diffusion"), 3. dadurch, daß lokale Stämme durch Versuch und Irrtum jeweils selbständig bestimmte kulturelle Merkmale entdecken und annehmen ("Local adaption"). Im empirischen Teil untersuchen sie dann, wie es sich bezüglich dieser drei Modelle in der Empirie von 36 ethnischen Gruppen im afrikanischen Raum verhält. Für diese untersuchen sie jeweils 109 scharf umrissene kulturelle Merkmalen, wie sie im viel benutzten "Ethnographischen Atlas" (erstmals von Murdock 1967) weltweit für alle Ethnien zusammengestellt worden sind. (Z. B. Hausbauform, Eheformen, Siedlungsweise, Wirtschaftsweise und vieles andere mehr.)

Drei Möglichkeiten der Ausbreitung kultureller Merkmale

Auf die statistischen Detailerläuterungen und viele andere Detailfragen soll hier nicht weiter eingegangen werden. Ihr erstes, recht auffälliges Ergebnis ist, daß die natürliche Umwelt wenig Einfluß auf die Verbreitung der untersuchten kulturellen Merkmale hatte. Das würde also zunächst einmal schon sehr gut zu einigen Erkenntnissen der im vorletzten Beitrag behandelten Studie "The Role of Geography in Human Adaption" passen, wo ebenfalls keine sehr engen Zusammenhänge zwischen Klimazonen und genetisch bestimmten Eigenschaften des Menschen festgestellt worden sind (obwohl es sich unter anderem um Hautfarben-Gene handelte), wo aber solche engen Zusammenhänge zwischen genetisch bestimmten Eigenschaften und dem genetischen Verwandtschaftsgrad überhaupt zwischen Bevölkerungen sehr wohl festgestellt worden sind.

Dieses Ergebnis von Hewlett und Mitarbeitern würde - sollte es sich verifizieren und auch die Genetik deutet in diese Richtung - schon so an dem einen oder anderen Lehrsatz der modernen Völkerkunde (Ethnologie, Kulturanthropologie) rütteln, die eben zunächst einmal besonders eine recht paßgenaue genetische und kulturelle Anpassung an die natürlichen Klimaverhältnisse vor Ort unterstellen. Das wäre ja zunächst auch eine der simpelsten und sparsamsten Hypothesen.

Hewlett und Mitarbeiten führen weiter aus, daß sie - entsprechend ihrer Detailstatistik - für 45 der untersuchten 109 kulturellen Merkmale (also für 41 % von ihnen) Erklärungsmodelle der im theoretischen Teil erörterten Art zuordnen können. Für die restlichen kulturellen Merkmale bieten sich noch mehrere unterschiedliche Erklärungsmodelle gleichzeitig an, von denen die Forscher noch keine Gründe wissen, warum sie für sie ein Erklärungsmodell für die Ausbreitung eines kulturellen Merkmals dem anderen gegenüber bevorzugen sollten. Und nun das Hauptergebnis weiter in wörtlicher Wiedergabe (in Eigenübersetzung):
Das demische Diffusionsmodell erklärt die größte Zahl der kulturellen Merkmale (20) und war besonders wichtig, um Verwandtschaft, Familie und (dörfliches, staatliches) Gemeinschaftsleben zu erklären. Die Daten stimmen überein mit den Ergebnissen jüngster Studien (...), die nahelegen, daß Verwandtschaft und Sozialorganisation in Afrika und anderen kulturellen Regionen die Ausbreitung von Gruppen mit bestimmten Arten von Verwandtschaft und Sozialorganisation wiederspiegelt. (...) Es sind dies die klassischen Merkmale südsaharischer, afrikanischer, sozialer Strukturen: unabhängige polygyne Familien mit Frauen in seperaten Behausungen, keine Heirat mit Cousins/Cousinen ersten oder zweiten Grades, clan-basierte Nachbarschaften und shifting cultivation (z.B. Gartenbau). Das demische Diffusionsmodell war ebenfalls besonders wichtig zur Erklärung politischer Stratifikation (Schichtung) oberhalb der Dorfebene. Die Daten legen nahe, daß die politische Komplexität in Afrika vornehmlich auf die Ausbreitung bestimmter Völker zurückzuführen ist und nicht auf kulturelle Diffusion oder lokale Anpassung.

(...) Kulturelle Diffusion erklärte 12 kulturelle Merkmale und war besonders nützlich, um die Verteilung von Hausbauformen und des nachgeburtlichen Verbotes der geschlechtlichen Gemeinschaft zu erklären.
Dieses Forschungsergebnis kann man zunächst einmal auf sich wirken lassen. Der häufigste Fall von Ausbreitung kultureller Merkmale würde also dadurch geschehen, daß ein Stamm einen größeren Bevölkerungszuwachs hat als andere Stämme und dadurch zusammen mit seinem Bevölkerungszuwachs zugleich auch die damit zusammenhängenden kulturellen Merkmale ausbreitet.

Völker breiten sich aus und mit ihnen kulturelle Merkmale

Sicherlich nicht gerade einer der ungewöhnlichsten Fälle, was die Humanevolution und Weltgeschichte überhaupt betrifft. In Nordamerika vermehrt sich etwa das kulturelle Merkmalsmuster "Lebensweise als Amischer" oder "Lebensweise als Hutterer" ebenfalls so gut wie ausschließlich aufgrund des demischen Modells, nämlich aufgrund der Tatsache, daß sich die Populationen der Amischen und Hutterer fast alle 25 Jahre schlichtweg verdoppeln. (Aufgrund ihres Kinderreichtums.)

Wenn man nun noch die oben genannte Erkenntnis dazu nimmt, daß sich möglicherweise auch genetisch bestimmte Merkmale des Menschen vor allem durch ethnisch bestimmte Gemeinschaften ausbreiten (wie man auch an den indischen Stämmen des vorigen Beitrages erkennen konnte und wie man sicherlich auch am Bevölkerungszuwachs staatstragender Mehrheitsbevölkerungen wie der Han-Chinesen erkennen kann), dann schält sich doch mehr oder weniger einfach eine Gesetzmäßigkeit der Humanevolution heraus:

Es mag - weltgeschichtlich gesehen - "flüchtige" kulturelle Diffussion von Lebensweisen geben, nennen wir sie Christentum, nennen wir sie Hellenismus, nennen wir sie globalisierenden "american way of life". Solange sich Ethnien durch diese weltgeschichtlichen "Moden" nicht gar zu sehr beirren lassen und etwa - wie in Indien - trotz Missionierung sich ihren endogamen und sonstigen kulturellen Zusammenhalt bewahren, bewahren sie damit zugleich auch ihr jeweils einzigartiges Muster von kulturell und genetisch bestimmten Merkmalen. Geben sie diesen Zusammenhalt auf, gehen sie einfach - wie etwa in China - in größeren kulturellen und genetischen "Kommunen" auf. Aber auch diese größeren genetischen und kulturellen "Kommunen" gingen hervor aus Ursprungsbevölkerungen, die ursprünglich mit jenen vergleichbar waren, die nun in sie aufgehen.

Humanevolution und Kulturgeschichte vollziehen sich im Wesentlichen in Ethnien

Die Quintessenz dieser Ausführungen wäre also schlicht: Humanevolution und menschliche Kulturgeschichte vollziehen sich im wesentlichen in Ethnien und Völkern und haben sich auch im Wesentlichen nie anders vollzogen. Und es scheint auch kein einziges weltgeschichtliches oder völkerkundliches oder humangenetisches Beispiel zu geben, wo sich all das nun alles ganz anders verhalten hätte oder verhalten würde.

Denn selbst wenn sich bei der Ethnogenese, bei der Entstehung von Völkern vormals ganz unterschiedliche Ausgangspopulationen miteinander verschmelzen sollten (in einem "melting pot of races"), so wäre das Ergebnis ja dennoch wieder eine Ethnie (siehe etwa die von Derek Bickerton erforschten, neu entstandenen Kreolen-Sprachen und die sich mit ihnen potentiell neu formierenden "Ethnien"). (Möglicherweise sind nach diesem Modell viele Sprachen, etwa auch das Deutsche, das Englische, das Französische zunächst einmal ihrer Natur nach - also während der Ethnogenese dieser Völker selbst - "Kreolen-Sprachen" gewesen.) Die menschliche Psyche selbst scheint - schon über die tiefgreifenden, frühen Prägungsmechnismen was Mutterspachen-Erwerb und kindlichen Sprachgebrauch betrifft - in sehr tiefgehender Weise ethnischer Natur zu sein. Und dementsprechend auch viele wesentliche Elemente der Kultur und der Häufigkeitsverteilung von Verhaltens- und Wahrnehmungsgenen.

- Ein Essay von Paul R. Ehrlich und Simon A. Levin betitelt "The Evolution of Norms" in PLoSBiology vom Juni 2005 (2) (siehe auch "Spektrum Direkt" dazu) trägt zu der hier behandelten Thematik zwar keine eigenen empirischen Forschungen vor, scheint aber insgesamt die Aufmerksamkeit von der Erforschung der parallelen Evolution von Genen und Kultur, wie sie von Hewlett und anderen vorangebracht worden ist, abziehen zu wollen auf die Erforschung von bloß soziologischer, bloß kultureller Ausbreitung von Normen und Werten. Besonders interessant erscheint in dem Zusammenhang auch die Verwendung des Begriffs des "moral entrepreneuers (individuals engaged in changing norms)", also des Begriffs eines "moralischen Unternehmers", von "Individuen, die sich darin engagieren, Normen zu ändern". -

Menschliche Gene und kulturelle Merkmale breiten sich parallel aus

Natürlich wollen auch Wissenschaftler Normen verändern. Und natürlich ist auch Wissenschaft dazu angetan, implizit Normen zu verändern. Damit stellen sich Wissenschaftler zunehmend stärker an jene Stelle, die vormals Priester und andere "Geschichtenerzähler" innegehabt hatten.

Aber um die Beantwortung der Frage "Wie breiten sich kulturelle Normen aus?" abschließend noch einmal auf den Punkt zu bringen: Kulturelle Werte und Normen breiten sich in der Humanevolution, soweit wir bislang sehen, am häufigsten dadurch aus, daß ethnische Gruppen Kinder haben und sich auf diese Weise die kulturellen Werte zusammen mit der Genetik der jeweiligen Gruppen ausbreiten oder zumindest zusammen mit ihnen fortbestehen. Dies gilt, soweit wir aufgrund des Aufsatzes "Semes and Genes" annehmen können, zumindest für Afrika. Und auch die ursprünglich sogar von Cavalli-Sforza vertretene These, daß sich der Ackerbau in Europa nach 5.700 v. Ztr. im Wesentlichen kulturell und nicht demisch ausgebreitet hätte, kann inzwischen seit den Forschungen von Bryan Sykes und anderen sowohl aus der Sicht der Genetik als auch aus Sicht der Archäologie als widerlegt angesehen werden.

Die Frage zu klären, wie an einen solchen Sachverhalt dann Konzepte von kultureller und genetischer Gruppenselektion und Gruppenkonkurrenz heranzutragen sind, ist wohl einer der nächsten, bedeutsamen Schritte, den die Forschung in schlüssiger und allgemeingültig nachvollziehbarer Weise aufzuzeigen haben wird.


ResearchBlogging.org1. Hewlett, B., De Silvestri, A., & Guglielmino, C. (2002). Semes and Genes in Africa Current Anthropology, 43 (2), 313-321 DOI: 10.1086/339379
2. Ehrlich, P., & Levin, S. (2005). The Evolution of Norms PLoS Biology, 3 (6) DOI: 10.1371/journal.pbio.0030194
3. Wilson, Edward O.; Lumsden, Charles: Das Feuer des Prometheus. Piper-Verlag 1987

Donnerstag, 16. Juli 2009

"Das größte genetische Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde"

"Das indische Kastensystem war das größte genetische Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde."
("The caste system in India was the grandest genetic experiment ever performed on man.”)
So lautet eines der vielen eingängigen Zitate, die, formuliert von berühmten biologischen Vordenkern wie Charles Darwin oder Theodosius Dobzhansky, Zusammenhänge auf den Punkt bringen und deshalb immer wieder einmal gerne zitiert werden. Nämlich dann, wenn eben auf diese Zusammenhänge selbst das Augenmerk gerichtet werden soll. Übrigens stammt auch dieses Zitat - sollte es noch jemanden verwundern? - vom "großen" Theodosius Dobzhansky. Jedenfalls ist dieses Zitat auch wieder einer neuen genetischen Studie über Indien vorangestellt worden (2, pdf.), die unter der Koautorschaft des britischen Humangenetikers Chris Tyler-Smith veröffentlicht worden ist. Und tatsächlich beherbergt Indien ja
"eine der kulturell heterogensten menschlichen Gesellschaften überhaupt",
wie es in einer anderen Studie (3) heißt. Jeder Inder gehört offiziell zu einer von 4.635 Gemeinschaften (also Ethnien oder Kasten) in Indien. Schon im Jahr 1983 war dazu in den "Annals of Human Biology" eine lesenswerte Studie erschienen mit dem Titel:
"Die Bedeutung des indischen Kastensystems hinsichtlich der evolutionären Anpassung - eine ökologische Perspektive"
("Adaptive significance of the Indian caste system: an ecological perspective")
(1, pdf.). Diese Studie des indischen Biologen Madhav Gadgil (geb. 1942) gibt einen guten Eindruck von dem vielfältigen Zusammenleben und von dem vielfältigen Aufeinander-angewiesen-Sein der zahlreichen traditionellen, endogam lebenden Stämme und Kasten in der indischen Gesellschaft. Sie gibt auch einen guten Eindruck von der jeweilig recht einzigartigen ökologischen und wirtschaftlichen Spezialisierung und "Einnischung" jeder einzelnen Kaste und jedes einzelnen Stammes sowohl in die indische Gesamtgesellschaft, als auch in die jeweiligen natürlichen Lebensbedingungen und Klimazonen vor Ort.

Ein spannendes Thema, diese vielfältigen Verflechtungen von Gruppen nun zusätzlich noch mit etwaigen jeweiligen genetischen (Fitneß-)Interessen von endogamen Stammes- und Kasten-Gruppen in Abgleich zu bringen, so wie man es ja auch schon im Titel bei dem Begriff "adaptive" heraushören mag. (Oder sie auf jeweilige "gruppenevolutionäre Strategien" hin zu untersuchen.)

Und auf solche Dinge wird dann auch tatsächlich am Ende des Aufsatzes (S. 473) hingedeutet, wenn ausgeführt wird, daß man die in diesem Aufsatz erforschten wirtschaftlichen Spezialisierungen und "Einnischungen" der jeweiligen Kasten und Stämme künftig auch noch unter der breiteren Perspektive der Gen-Kultur-Koevolutions-Theorien von Edward O. Wilson & Charles Lumsden (1981) und Luigi Luca Cavalli-Sforza & Marcus Feldman (1981) erforschen wolle. An welcher Stelle Gadgil selbst seither noch einmal auf diese Ansätze zurückgekommen ist, ist einer schnellen Literatur-Recherche nicht zu entnehmen.

Aber schon die Veröffentlichungsliste dieses innerhalb der Forschung höchstens wenigen Kennern *) bekannten indischen Anthropologen Madhav Gadgil weist viele weitere, ähnlich interessante Themen auf. Schon 1975 veröffentlichte er zum Beispiel - und zwar über Edward O. Wilson - eine theoretische Studie zum Thema Gruppenselektion (pdf.). Er könnte also zusätzlich zu der anregenden Studie von 1983 noch mancherlei Anregendes verfaßt haben oder weiterhin zu verfassen im Sinn haben.

1. In China genetische Einebnung, in Indien genetisches Kontrast-Programm zwischen Gruppen

Aber genau solche Fragestellungen werden auch schon in der genannten neuen genetischen Studie von 2008 angegangen. (2) Und zwar anhand der genetischen Vielfalt, die das Y-Chromosom bei Menschen verschiedener Stämme und Kasten in Indien aufweist. Es wird die genetische Vielfalt innerhalb und zwischen verschiedenen Stämmen und Kasten in Indien verglichen mit der genetischen Vielfalt innerhalb und zwischen "Populationen" in China. Eine Vergleichbarkeit ist ja schon insofern gegeben, als sowohl in Indien wie in China heute jeweils über 1 Milliarde Menschen leben. Hinsichtlich Chinas sind in die Studie auch so unterschiedliche ethnische Gruppen ("Populationen") mit einbezogen worden wie die Ewenken, die Tibeter, die Uiguren, die Koreaner. Daneben zahlreiche lokale Han-Gruppen und zahlreiche südchinesische ethnische Populationen, die aber zumeist heute schon sehr weitgehend "sinisiert" sind. (Deshalb wohl auch wird in der Studie durchgängig bezüglich China von "Populationen" gesprochen, während bezüglich von Indien von "Ethnien" und "Kasten" gesprochen wird.)

Nach den Ergebnissen dieser Studie sind nun die genetischen Unterschiede zwischen den heutigen Stämmen und Kasten in Indien deutlich "kontrastreicher", "konturenreicher", "unebener" als zwischen den heutigen "Populationen" in China, sogar dann, wenn in China solche Gruppen wie die Uiguren mit hineingenommen werden. Einerseits ist also - insgesamt gesehen - die genetische Einheitlichkeit innerhalb der Stämme und Kasten Indiens größer als die genetische Einheitlichkeit innerhalb der jeweiligen untersuchten Populationen Chinas. Andererseits ist die genetische Vielfalt zwischen den Stämmen und Kasten Indiens größer als die zwischen den Populationen Chinas.

Während also innerhalb von China die genetischen Populationsunterschiede im Vergleich zu Indien mehr "eingeebnet" erscheinen - wie gesagt, sogar unter Einschluß solcher Gruppen wie der Uiguren -, scheinen sie in Indien deutlicher prononciert und "unebener", "bergiger" in den genetischen Häufigkeitsverteilungen zu sein.

Es drängt sich geradezu der Eindruck auf - und dies wäre schon Teil einer selbständigeren Interpretation der Ergebnisse dieser Studie -, als ob der starke kulturelle Trend zur konfuzianischen "Vereinheitlichung" und zum Konformismus in China, zur "Sinisierung" seit hunderten oder tausenden von Jahren - man kann sicherlich auch sagen: der kulturelle "Druck" diesbezüglich innerhalb der dominierenden Han-Bevölkerung und von dieser auch gegenüber anderen ethnischen Gruppen - sich auch auf genetischer Ebene in Richtung auf eine stärkere Einebnung genetischer Unterschiede zwischen Gruppen ausgewirkt hat. Also auf eine gleichmäßigere Verteilung der genetischen Vielfalt auf die Gesamtbevölkerung. Auf eine Einebnung von genetischen Gruppenunterschieden - zumindest im Vergleich zu Indien. Die genetische Vielfalt ist jedenfalls innerhalb der chinesischen (Sub-)Populationen größer und zwischen den chinesischen (Sub-)Populationen geringer als in Indien.

2. Nicht die Kasten, sondern die Stämme in Indien stellen "das größte genetische Experiment am Menschen" dar

In Indien weist nun zusätzlich noch die ältere und hier offenbar auch noch besser erhaltene soziale und kulturelle Lebensform des "Stammes" eine geringere "innerstammliche" genetische Vielfalt auf - noch heute, als sowohl die Kasten in Indien als auch die "Populationen" in China. Das heißt, sie weist eine größere genetische Einheitlichkeit auf. Und die vielleicht in der Spätbronzezeit (um 1.500 v. Ztr.) auf der Grundlage vieler städtischer Vorgängerkulturen in Indien eingeführte soziale Lebensform der "Kaste" weist demgegenüber - also verglichen mit den indischen Stämmen - eher in Richtung Einebnung der genetischen Gruppenunterschiede. Diese genetische Einebnung ist aber bei den indischen Kasten noch nicht so weit gegangen, wie in China zwischen den verschiedenen Populationen.

Würden sich diese Forschungen bestätigen, wären sie schon einmal einigermaßen frappierend. Welche Schlußfolgerungen aber könnten aus diesen Ergebnissen abgeleitet werden, zumal, wenn versucht wird, sie in Abgleich zu bringen mit den Ansätzen der Studie von 1983?

Gadgil legte 1983 den Schwerpunkt der Argumentation auf die Tatsache der Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende langen Koexistenz von unterschiedlichen Gruppen, die durch die Umsicht und Sorgfalt ("prudence"), ja, Rücksichtnahme gegenüber der Ökologie ihres Lebensraumes und auch gegenüber jeweilig koexistierenden ethnischen Gruppierungen gekennzeichnet gewesen wäre. Jahrhunderte lange kulturelle Koexistenz hat hier also zusammen mit der Aufrechterhaltung der ethnischen Heiratsschranken zu einer prononcierten Verteilung der genetischen Gruppenvielfalt geführt.

Führen Verwandten-Altruismus und/oder altruistisches Bestrafen zu Rücksichtnahme zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen in Indien?

Ein weitergehender Gedankengang wäre: Größere genetische Einheitlichkeit innerhalb eines Stammes oder einer Kaste könnte Verwandten-Altruismus fördern. Oder besser gesagt: Der Zusammenhalt des Stammes oder der Kaste selbst könnte durch verwandten-altruistische Motivationen stabilisiert worden sein. (Siehe etwa die Forschungen von Frank Salter und anderen.) Andererseits aber wäre es erforderlich, in eine allgemeinere Theorie der Evolution menschlichen sozialen Verhaltens miteinzubeziehen, daß eine Herabsenkung der genetischen Einheitlichkeit innerhalb einer Population und eine Verringerung der genetischen Unterschiede gegenüber anderen Populationen durch andere, evolutiv jüngere Formen von Altruismus und Kooperationsbereitschaft kompensiert werden müßten, als jene, die durch verwandten-altruistische Motivationen hervorgerufen werden.

Da denkt man zuerst an Institutionen und religiöse Vorstellungen, die durch einen tatsächlichen oder vorgestellten "dritten Bestrafer" im gesellschaftlichen "Third-Party-Punishment-Spiel" egoistisches Täuschen und Trittbrettfahren im sozialen Austausch von Leistungen verhindern oder vermindern können. (Das sogenannte "altruistische Bestrafen" durch gegenseitige soziale Kontrolle, bzw. die Überwachung durch unbeteiligte Dritte wie Polizisten, Götter, Priester und andere Dinge mehr.)

Gruppenkonkurrenz? Gruppenselektion?

In jedem Fall deutet sich an, daß in dem über so viele Jahrhunderte hinweg auch vergleichsweise harmonischen Zusammenleben von Gruppen in Indien Vorgänge von "Gruppenkonkurrenz" oder gar von "Gruppenselektion" in etwas anderer Weise abgelaufen sein könnten, als zeitgleich in China. Die traditionelle indische, kulturelle Sozialpsychologie, so möchte man mutmaßen, konnte ethnische Vielfalt besser tolerieren und mit ihr umgehen, als die zeitgleiche chinesische.

Man müßte also, so drängt sich der Vergleich auf, in der chinesischen Geschichte deutlichere Mechanismen der genetischen Einebnung - sicherlich auch über Genozide und Suizide (ethnisch und verhaltensgenetisch deutlich von der Mehrheitsbevölkerung abweichender Bevölkerungen und Menschen) - beobachten, als in der indischen Geschichte. Weil der ethnische Konformitätsdruck hier zeitweise (also z.B. nach der kulturell offenen Tang-Zeit) wesentlich größer gewesen sein könnte.

Aber auch viele andere gedankliche Ansätze könnten sicherlich an diesem "größten genetischen Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde", erprobt werden und auf empirische Gültigkeit hin überprüft werden. Möglicherweise bietet also gerade der Vergleich zwischen Indien und China schon ein ganz gutes gedankliches und datenmäßiges "Experimentierfeld", um Theorien zur Evolution menschlichen altruistischen Verhaltens in Stammesgesellschaften und darüber hinaus auf ihre Robustheit zu testen. Und dabei könnte es dann sinnvoll sein, vor allem auch den letzten Satz der Studie von 2008 zu berücksichtigen:
"Das 'größte Experiment, das jemals durchgeführt wurde' mag tatsächlich eher jenes gewesen sein, das die sozialen und genetischen Strukturen der Stämme hervorgerufen hat, als jenes, das das Kastensystem hervorgebracht hat."
("The 'grandest experiment ever performed' may in fact have been the one which produced the tribal social and genetic structure, rather than the caste system.")
Diese Aussage führt nämlich noch zu einer anderen Frage: Warum glauben Evolutionsforscher, anhand von kontrastreicher, menschlicher (genetischer) Populationsvielfalt mehr lernen zu können als anhand von eher eingeebneter genetischer Populationsvielfalt? Sicherlich weil sie richtigerweise intuitiv davon ausgehen, daß es insgesamt die genetische Vielfalt von Populationen ist, die erklärt werden muß, und daß ein Fall wie China demgegenüber sich dann eher nur als ein "Spezialfall" der Humanevolution erweisen könnte, von dem höchstens im Gegensatz zu und im Vergleich mit anderen Fällen allgemeingültigere Evolutionsgesetze abgeleitet werden könnten.

Aber niemand sollte China und seine geschichtlichen Lebensgesetze unterschätzen. Seine gegenwärtigen explosiven Zuwachsraten führen es wirtschaftlich schon ziemlich bald an seine beiden ostasiatischen "Brüder" (nein, im ostasiatischen Verständnis: "Söhne") heran, nämlich an Japan und Südkorea. Indien bleibt demgegenüber mit seiner viel gepriesenen ethnischen Vielfalt wohl auch weiterhin im weltweiten Vergleich wirtschaftlich weit zurück. Mit einer etwaigen genetischen Vereinheitlichung und Einebnung zwischen den (Sub-)Populationen Chinas könnte also - ebenso wie in Japan und Korea - auch der Gewinn von Entwicklungspotentialen einhergegangen sein, die in dieser Weise heute in Indien nicht so deutlich vorhanden sein mögen.

Es gibt also sicherlich noch viele andere, spannende "genetische Experimente am Menschen", die ähnliche Bedeutung haben, wie jenes Jahrtausende alte in Indien.

- Übrigens hat Jared Diamond in einem "Peeling the Chinese Onion" benannten Nature-Artikel 1998 einmal gemutmaßt, daß die Einheitlichkeit der chinesischen Geographie im Gegensatz zur Vielfalt der europäischen Geographie zu wesentlichen Anteilen für den unterschiedlichen Verlauf der (neuzeitlichen) Geschichte in China und Europa verantwortlich sein könnte. Ob er da wohl berücksichtigt hat, daß dann auch in dem geographisch einheitlicheren Indien (ebenfalls nur wenige Inseln oder Halbinseln) ein mit China vergleichbarer Geschichtsverlauf festgestellt werden müßte? Und weisen die Daten der hier behandelten Studie von 2008 nicht doch noch in eine ganz andere Richtung?

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*) Zum Beispiel in der Studie "Diaspora Peoples" von Kevin MacDonald (enthalten in der ersten Taschenbuch-Ausgabe von "A People That Shall Dwell Alone", 2002), in die sich die Arbeit von Gadgil thematisch gut hineinfügen lassen würde, ist ein Autor Gadgil nirgends erwähnt.

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Literatur:

ResearchBlogging.org1. Gadgil, M.; Malhotra, K.C. (1983): Adaptive significance of the Indian caste system: an ecological perspective. Annals of Human Biology, 10 (5). 465 -477.
2.
Denise R. Carvalho-Silva, & Chris Tyler-Smith (2008). The Grandest Genetic Experiment Ever Performed on Man? –
A Y-Chromosomal Perspective on Genetic Variation in India Int J Hum Genet, 8 (1-2), 21-29

3.
N V Joshi, M Gadgil, & S Patil (1996). Correlates of the desired family size among Indian communities PNAS, 93 (13), 6387-6392

Dienstag, 9. Juni 2009

Humanevolution: WENIG Selektion?

Berichtet "Bild der Wissenschaft" richtig?

Soeben ist im Online-Dienst von "Bild der Wissenschaft" ein journalistischer Artikel von Ulrich Dewald (BdW) erschienen zu neuen humangenetischen Forschungen (1, PLoSGenetics, frei verfügbar). Diese Forschungen werden von Dewald sehr mißverständlich folgendermaßen zusammengefaßt:
Selektionsdruck spielte bei der Entwicklung des modernen Menschen nur eine geringe Rolle. Die genetischen Unterschiede bei modernen Menschen sind kein alleiniges Produkt des evolutionären Selektionsdrucks, bei dem der Stärkere oder Gesündere gegen den Schwächeren durchsetzt. Viel stärker haben die in der Menschheitsgeschichte häufigen Wanderungsbewegungen die Variationen im genetischen Code von Menschen unterschiedlicher Herkunft geprägt. (...)

Einen viel größeren Effekt auf die Ausbreitung neuer Genvarianten als die natürliche Selektion hatten die Wanderungsbewegungen, die es in der Menschheitsgeschichte seit vielen Jahrzehntausenden immer wieder gegeben hat, schließen die Forscher aus ihren Analysen. Die Selektion an sich war nicht stark genug, um eine feine Anpassung der menschlichen Populationen an die jeweiligen lokalen Umweltbedingungen zu bewirken, erklärt Jonathan Pritchard, einer der beteiligen Forscher. Die Ausbreitung neuer genetischer Merkmale folgte vielmehr den Strömen von Aus- und Einwanderern, die neue Siedlungsgebiete erschlossen und sich mit anderen Menschengruppen und Volksstämmen vermischten.
Ist Gruppenselektion keine Selektion?

Hier scheint doch insgesamt ziemlich klar zu kurzatmig gedacht zu werden. Haben denn Wanderungsbewegungen, Überlagerungen, Schichten- und Klassenbildungen nichts mit unterschiedlicher Fitneß und damit mit Selektion zu tun? Diese Frage wurde schon verschiedentlich auf "Studium generale" in früheren Beiträgen behandelt (zuletzt hier) und muß doch mehr oder weniger klar verneint werden.

Vielmehr handelt es sich doch bei ihnen fast immer um Vorgänge, die nur allzu deutlich in den Zusammenhang mit dem Konzept der Gruppenselektion gestellt werden können. (Das Konzept der Gruppenselektion wurde gerade erst wieder bei "Zoon politikon" aufgrund eines neuen "Science"-Artikels von Samuel Bowles thematisiert --> hier).

Schauen wir uns also den Artikel, über den Dewald Bericht erstattet, einmal genauer an. Bekannte Namen unter den heute lebenden Humangenetikern waren es, die sich zusammentaten (1), um eine sehr grundlegende Frage zu beantworten. Namen wie Luigi Luca Cavalli-Sforza (siehe Bild links), Marcus W. Feldman und Jonathan K. Pritchard fragten sich:
"How effective has selection been at driving allele frequency differentiation between continental groups?"
In Beantwortung dieser Frage schreiben die Forscher:
The first pattern, the “non-African sweep”, is exemplified by a sweep near the KIT ligand gene (KITLG). It has been reported previously that HapMap Europeans and East Asians have undergone a selective sweep in the KITLG region on a variant that leads to lighter skin pigmentation. Haplotype patterns in the HGDP indicate that a single haplotype has swept almost to fixation in nearly all non-African populations. More generally, at SNPs that strongly differentiate the HGDP Yoruba from both the Han and French, we observe that typically one allele is rare or absent in all the HGDP Africans, and at uniformly high frequency across Eurasia, the Americas, and usually Oceania. This pattern could be consistent either with sweeps across all the HGDP African populations, or with non-African sweeps that pre-date the colonization of the Americas some 15 KYA. As outlined below, it seems that in fact most of these signals are, like KITLG, due to non-African sweeps.

The second pattern, the “west Eurasian sweep” is illustrated by a nonsynonymous SNP in the SLC24A5 gene. The derived allele at this SNP is also strongly associated with lighter skin color and has clear signals of selection in the HapMap Europeans and in the Middle East and south Asia. The derived allele is also at high frequency in US-sampled Indian populations, supporting the idea that the sampled Indian populations may be similar to the western eurasian HGDP populations at selected as well as neutral SNPs. The derived allele is near fixation in most of the HGDP Eurasian populations west of the Himalayas, and at low frequency elsewhere in the world. More generally, alleles that strongly differentiate the French from both the Han and Yoruba are typically present at high frequency across all of Europe, the Middle East and South Asia (an area defined here as “west Eurasia”), and at low frequency elsewhere. This pattern of sharing across the west Eurasian populations is highly consistent with observations from random markers showing that the populations in west Eurasia form a single cluster in some analyses of worldwide population structure. Allele frequencies at high- FST SNPs in two central Asian populations, the Uygur and Hazara, tend to be intermediate between west Eurasia and east Asia, consistent with observations that these populations have recent mixed ancestry between west Eurasia and east Asia.

Finally, the “east Asian sweep” pattern is defined by SNPs that differentiate the Han from French and Yoruba. One example is provided by a nonsynonymous SNP in the MC1R gene, for which the derived allele is at high frequency in the east Asian and American populations, and virtually absent elsewhere. MC1R plays an important role in skin and hair coloration, although the functional impact of this variant in MC1R–if any–is unknown. A nonsynonymous SNP in the EDAR gene that affects hair morphology shows a very similar geographic pattern. It is interesting that although west Eurasians and east Asians have both evolved towards lighter skin pigmentation, they have done so via largely independent sets of genes. This suggests that favored mutations have not spread freely between the two regions.

It should be noted that rare examples of strong frequency clines within geographic regions do exist, in contrast to the sharp steps seen in Figure 3. For example, SNPs in the lactase and Toll-like receptor 6 gene regions are among the most differentiated SNPs between the French and Palestinian populations and are strongly clinal across Europe. However, these clinal alleles do not appear in Figure 3 because the values for these SNPs between the Yoruba, French and Han are less extreme than for the SNPs in Figure 3. We suggest that these alleles may represent relatively recent selection events that have not yet generated extremely large frequency differences between continental groups or had time to disperse more evenly across a broad geographic region.
Abrupte und fließende Übergänge in der geographischen Verteilung von Genen

Hier werden also einerseits Gensequenzen charakterisiert, die jeweils Haut- und Haarfarbe hervorrufen und deren geographische Verteilung zwischen den Kontinenten sich vergleichsweise abrupt ändert - abgesehen von kleineren Mischbevölkerungen wie den Uiguren und Hazara in Zentralasien. Von diesen kontinentalen Gen-Unterschieden (die also "Rassen" unterscheiden) kann angenommen werden, daß sie schon sehr früh evoluierten und sehr alt sind. Überraschenderweise sind dabei Gene für helle Haut in Ostasien und Europa unterschiedlich evoluiert.

Andererseits werden Gensequenzen charakterisiert, deren geographische Verteilung sich graduell ("clinal") ändert, also fließende Übergänge aufzeigt. Als Beispiel wird das viel zitierte Erwachsenen-Milchverdauungs-Gen genannt. Die graduell unterschiedliche Häufigkeitsverteilung von Nordeuropa nach Süden weist nach Ansicht der Forscher auf ein jüngeres Entstehungsdatum hin. Und dann machen die Forscher noch auf einen anderen wichtigen Umstand aufmerksam:
Although there should be sets of populations that share particular selective pressures despite not being closely related, the data do not provide obvious examples of this. For example, recall that within Eurasia, the geographic distribution of the skin pigmentation locus SLC24A5 agrees with population structure estimated from neutral markers, rather than with latitude or climate.
Nicht das Klima, sondern Prozesse der Gruppenselektion formten den Menschen

Das steht in mehr oder weniger auffälligem Unterschied zu bisherigen Annahmen über die Humanevolution: Die genetischen Populationsunterschiede sind also weniger mit einer sehr direkten Anpassungen an das Klima vor Ort in Zusammenhang zu bringen, eine Anpassung, die sich dann auch graduell mit dem Klima ändern müßte (und die das einzige sind, was Dewald, s.o. offenbar bereit ist, Produkt von Selektion zu nennen), sondern sie gehen parallel mit jenen genetischen Verwandtschaftsgraden, die auch schon in selektionsneutralen (also nicht kodierenden) Genomabschnitten festgestellt worden waren.

Und das weist wiederum darauf hin, daß nicht die Anpassung an das Klima der wichtigste formende Faktor in den humangenetischen Populationsunterschieden war, sondern die Bevölkerungsgeschichte an sich, die historischen Schicksale, die Wanderungen, Überlagerungen, das heißt also Prozesse der Gruppenselektion und der Gen-Kultur-Koevolution. (Achtung: Die Interpretation als "Gruppenselektion" ist eine Eigeninterpretation des Autors dieser Zeilen, sie ist nicht im Forschungsartikel selbst enthalten.) - Etwas später schreiben die Forscher:
This explanation does not imply an absence of positive selection in the Yoruba. (...) African populations have presumably also experienced a variety of new selection pressures during the same time-period, due to the appearance of new pathogens, changes in diet, etc. While these pressures may have been less numerous or sustained than in non-Africans, there may also be reasons why we might have lower power to detect them.
Es geht den Forschern also fortlaufend um Selektion und sie sagen keineswegs, daß die Selektion keine Rolle gespielt hätte. Und man findet bislang, so die Forscher, auf der Nordhalbkugel noch wesentlich deutlichere Anzeichen von genetischer Selektion als in afrikanischen Bevölkerungen. Das könnte auch durchaus ein Hinweis darauf sein, daß grundlegend humanevolutionär Neues (etwa höherer IQ) erst nach der Auswanderung aus Afrika evoluierte und erst mit diesem zusammenhängend dann eben auch Hautfarbe und ähnliche Dinge.

- Das Credo von "Studium generale" in diesen Zusammenhängen: Menschlichkeit bewährt sich daran, wie man mit Unterschieden umgeht. Sie plakativ wegzuleugnen, kann noch nicht der höchste, erreichbare Grad von Menschlichkeit sein. Es stellt möglicherweise sogar einen recht niedrigen Grad von Menschlichkeit dar, wenn man Unterschiede erst wegleugnen muß, um dann damit human umgehen zu können.

Literatur:

ResearchBlogging.org1. Coop, G., Pickrell, J., Novembre, J., Kudaravalli, S., Li, J., Absher, D., Myers, R., Cavalli-Sforza, L., Feldman, M., & Pritchard, J. (2009). The Role of Geography in Human Adaptation PLoS Genetics, 5 (6) DOI: 10.1371/journal.pgen.1000500

Montag, 1. Juni 2009

Die früheste Hirse in Europa und Asien

Hirse war das Grundnahrungsmittel vieler Völker der Vorgeschichte. (s.a. Wiki engl.) Sie wurde in Europa erst in der Frühen Neuzeit - unter anderem - durch die Kartoffel verdrängt. In Afrika wird noch heute aus ihr das Pombe-Bier gebraut. Wo aber wurde diese Getreideart zum ersten mal domestiziert?

Um 5.700 v. Ztr. breitete sich die Kultur der Bandkeramik vom Plattensee aus in wenigen Jahrhunderten über ganz Mitteleuropa, das heißt, über ein Gebiet von der Ukraine bis zur Kanalküste aus. Es handelte sich um die erste vollneolithische Bauernkultur Europas mit domestizierten Schweinen, Rindern und verschiedenen Getreidesorten, sowie großen, rechteckigen Langhäusern und einer Bevölkerungsdichte, die in Mitteleuropa erst wieder im Frühmittelalter erreicht wurde. Zu den Getreidesorten der Bandkeramiker gehörte ebenfalls schon die Hirse. (1)

Sie findet sich in deutschen Fundstätten dieser Zeitstellung in Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen. (1) Domestizierte Hirse finden die Archäologen aber zu gleicher Zeit (etwa 5.500 v. Ztr.) ebenfalls im Vorderen Orient, in Ägypten, auf dem Balkan, im Kaukasus und - in Nordchina (siehe Karte, entnommen aus: 1).

Dieser Umstand wirft einmal mehr die Frage auf nach etwaigen Fernkontakten zwischen den frühen Bauernkulturen Europas und Nordchinas, für die es schon anderweitig zahlreiche archäologische und humangenetische Hinweise gegeben hat. Auf diese war schon im März 2007 auf "Studium generale" hingewiesen worden. (Stud. gen. 1, 2) (In dem Zusammenhang besonders wichtig erscheint der Aufsatz des Mainzer Archäologen Detlef Gronenborn in "Archäologie in Deutschland" - pdf., frei zugänglich.) In "PNAS" vom 5. Mai dieses Jahres heißt es nun in einem Kommentar zu einer neuen Studie (S. 7271):
Today, these grains are important mainly in parts of Russia, South Asia, and East Asia. How, when, and in what settings these millets initially evolved is not well known.
Keine abschließende Klärung bislang

Also auch diese neue Studie (2) zeigt zwar auf, daß Kolbenhirse (Setaria italica) (engl. foxtail millet) und Rispenhirse (Panicium miliaceum) (engl. broomcorn) in Nordchina schon zwischen 8.300 und 6.700 v. Ztr. angebaut worden sein sollen. Und die Forscher schreiben abschließend:
Our study shows that common millet appeared as a staple crop in northern China 10,000 years ago, suggesting that common millet might have been domesticated independently in this area and later spread to Russia, India, the Middle East, and Europe.
Aber ob damit die Hirse in China und im Vorderen Orient unabhängig voneinander domestiziert worden ist, wie es durch diese Daten nahegelegt werden würde - oder von China nach Europa importiert wurde - ist, wenn man alle Äußerungen zusammen nimmt (siehe auch: 1), auch mit dieser Studie offenbar noch keineswegs abschließend geklärt. - Wenn aber die Kultur der Bandkeramik aufgrund ihrer späteren Zeitstellung als Vermittler nach Nordchina ausgeschlossen werden kann, wie nun diese neue Studie nahelegt, dann würden doch mancherlei weitere Argumente zumindest für eine unabhängige Domestikation in China sprechen.

Da sind nun einfach die weiteren Ergebnisse der Forschung abzuwarten. Spannende Fragen bezüglich außergewöhnlich früher Zeiten in der Geschichte arbeitsteiliger, menschlicher Gesellschaften jedenfalls allemal.

Ergänzung: Es gilt zu berücksichtigen, daß halbseßhafte Lebensweise - u.a. auf der Grundlage des Erntens von Kastanien - und - damit zusammenhängend - Produktion von Keramik in Ostasien viel früher auftritt als Europa und dem Vorderen Orient, schon 16.000 v. Ztr.. (Siehe als Neuestes dazu: PNAS, Spektrum Direkt.)

ResearchBlogging.org1. Hunt, H., Vander Linden, M., Liu, X., Motuzaite-Matuzeviciute, G., Colledge, S., & Jones, M. (2008). Millets across Eurasia: chronology and context of early records of the genera Panicum and Setaria from archaeological sites in the Old World Vegetation History and Archaeobotany, 17 (S1), 5-18 DOI: 10.1007/s00334-008-0187-1
2.
Lu, H., Zhang, J., Liu, K., Wu, N., Li, Y., Zhou, K., Ye, M., Zhang, T., Zhang, H., Yang, X., Shen, L., Xu, D., & Li, Q. (2009). Earliest domestication of common millet (Panicum miliaceum) in East Asia extended to 10,000 years ago Proceedings of the National Academy of Sciences, 106 (18), 7367-7372 DOI: 10.1073/pnas.0900158106

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