Dienstag, 17. November 2020

Die Urheimat der Arier - Ist sie gefunden?

Ein nicht unbedeutendes, "vergessenes Kind der Schnurkeramik-Familie"

- Aus der schnurkeramischen Fatyanovo-Kultur Rußlands gingen die Sintashta-Kultur im Ural und die Andronowo-Kultur Sibiriens hervor, ebenso wie - vermutlich - die Kultur der "Arier" in Nordindien und wohl auch der Perser im Iran und schließlich der Skythen in der Steppe.

Immer einmal wieder ein Mann der griffigen, einprägsamen Formulierungen ist der deutsche Archäologe Volker Heyd. Dabei greift er gerne Themen heraus, die zentral sind zum Verständnis größerer weltgeschichtlicher Zusammenhänge. 2017 prägte er das Wort von "Kossina's smile" (1). Damit gab er dem Umstand eine Kennzeichnung, daß der lange vergessene, große deutsche Archäologe Gustaf Kossinna oben im Himmel sitzt und daß er - - - lacht und lacht und lacht. Diese herzhafte Formulierung hatten wir hier auf dem Blog gerne aufgegriffen. Und wir hatten mitgelacht: gelacht, gelacht und gelacht (1). Daß die Erde bebte. Und der Himmel sowieso.

Abb. 1: Die Fatyanovo-Kultur (aus 2)

Nun hat Volker Heyd eine neue treffende, einprägsame Formulierung gefunden zu einem zentraleren Thema. Sein neuer Aufsatz vom 12. November 2020 hat laut Titel das "Vergessene Kind der Schnurkeramik-Familie" gefunden (2). Und damit ist die Fatyanovo-Kultur (Wiki) gemeint, die erste Hirten- und Bauern-Kultur im heutigen nördlichen Rußland. Sie hat sich ab 2.900 v. Ztr. von der baltischen - oder aus anderer Sicht (3): von der ukrainischen - Schnurkeramik aus nach Osten bis zur Wolga ausgebreitet. Und sie hat die bis dahin dort ansässigen osteuropäischen Fischer-, Jäger und Sammler-Völker verdrängt oder sogar: weitgehend ersetzt.

Die Archäologen haben im Zusammenhang dieser Kultur auch Massengräber entdeckt. Bei ihnen scheint aber noch nicht geklärt zu sein, ob die dort Begrabenen durch Gewalt oder durch Seuchen ums Leben gekommen sind.

Aus der Fatyanovo-Kultur ging dann die Abeshovo-Kultur hervor. Und aus dieser schließlich die berühmte Sintashta-Kultur im südlichen Ural, sowie die Andronovo-Kultur im westlichen Sibirien (Abb. 1).

Die Urheimat der Arier

Indem in diesem neuen Aufsatz auf diese Zusammenhänge hingewiesen wird, schließt sich für uns eine Wissenslücke, die auch in der Archäologie selbst lange bestanden hat, da es im Umkreis der Indogermanen-Forschung genügend andere offene Fragestellungen gab. Nachdem diese anderen großen Fragen aber inzwischen - in den Grundzügen - gelöst zu sein scheinen (was eben das brachialische Lachen des Gustaf Kossinna auslöste), kann man sich eher "zweitrangigeren" Fragen zuwenden. Und zu diesen gehört nicht nur die Frage nach der Urheimat der Indogermanen selbst, sondern auch die Frage nach der Heimat eines Zweiges von ihnen, nämlich der berühmten "Arier" (Wiki) und ihrer indoarischen Sprachen (Wiki), ihrer indoiranischen Sprachen (Wiki), die ab 2000 v. Ztr. in Nordindien eingewandert sind. Sie könnten - so Heyd - von diesem "vergessenen Kind der Schnurkeramik-Familie" abstammen, denn von diesem ging vermutlich aus, so Heyd und sein Koautor .... (1, S. 19)

... die Entwicklung der Sintashta-Kultur, deren Zentrum im südlichen Ural liegt und der Andronovo-Kultur im südwestlichen Sibirien. Beide sind innovativ was ihre befestigten Siedlungen betrifft, ihr fortgeschrittenes Metallhandwerk, ihre Pferde-gezogenen Streitwagen und ihre Krieger-Ideale, um nur einiges wenige des Wichtigsten zu benennen, ebenso wie in ihrer geographischen Expansivkraft. (...) Im Besonderen wird der Andronowo-Kultur dahingehend eine besondere Rolle zugesprochen dahingehend, daß sie Weltgeschichte schrieb, als sie vielleicht das Substrat bildete für die Steppen-Herkunft im südlichen Asien (Indien).

This Abashevo and the key lands of the forest-steppe between Don and Volga its cultural proponents inhabit are, in turn, regarded the starting point for the next pieces in the big dominoes game of the Eurasian Bronze Age: The development of the Sintashta Culture centred in the southern Urals and of the Andronovo Culture in south-western Siberia (Anthony 2007, 381; Koryakova & Epimakhov 2007, 59; Parzinger 2011, 246ff.) (Fig. 11: A). Both are innovative, in terms of their fortified sites, advanced metallurgy, horse-drawn chariots, and warrior ideals, to name only the most important, as well as geographically expansive. Their link to the CWC has recently been strengthened by aDNA studies proposing similarity between individuals affiliated with the CWC, on the one hand, and Sintashta and Andronovo, on the other (Allentoft et al. 2015, 169; Damgaard et al. 2018a). In particular, a special role of writing world history is conferred on Andronovo in that it likely forms a substrate in the forwarding of steppe ancestry to southern Asia (Parpola 2015; Damgaard et al. 2018b; Narasimhan et al. 2019).

Damit wäre also gesagt: Wir hätten es hier mit dem "Urvolk" der Arier zu tun und mit jenem Prozeß, der Kentum- und Satem-Sprachen in der indogermanischen Sprachfamilie voneinander trennten (Wiki). Ausgangspunkt der archäologischen Überlegungen aus (2) ist aber wiederum eine neue archäogenetische Studie zur Fatyanovo-Kultur aus dem Sommer dieses Jahres (3). Als Ergebnis der letzteren wird formuliert (3):

Die steinzeitlichen Jäger und Sammler einerseits und die bronzezeitliche Fatyanovo-Angehörigen andererseits sind genetisch klar zu unterscheiden. (...) Mehr noch, die Fatyanovo-Angehörigen (ähnlich wie andere Schnurkeramiker) haben vornehmlich Steppen-Herkunft, aber ebenso einige anatolisch-neolithische Herkunft, die in dieser Region zuvor nicht vorgekommen war, weshalb auch eine Nordwärts-Ausbreitung der Yamnaya-Kultur als Ursprung der Fatyanovo-Kultur ausgeschlossen werden kann, da die Yamnaya nur Steppen-Herkunft (ohne anatolisch-neolithische Herkunftskomponente) aufweisen.

The Stone Age Hunter Gatherer (HG) and the Bronze Age Fatyanovo individuals are genetically clearly distinguishable. (...) What is more, the Fatyanovo Culture individuals (similarly to other CWC people) have mostly Steppe ancestry, but also some EF ancestry which was not present in the area before and thus excludes the northward migration of Yamnaya Culture people with only Steppe ancestry as the source of Fatyanovo Culture population.

Die offene Frage, die jetzt noch zu klären bleibt, ist die, ob die Fatyanovo-Kultur von der Schnurkeramik-Kultur am Mittleren Dnjepr - so sagen es die Forscher in (3) - oder aber ob sie von der Schnurkeramik-Kultur im Baltikum - so sagen es die Forscher in (2) - abstammt.

Ein Drittel waren blond und blauäugig

Dabei ist aber die eigentliche Urheimat der Schnurkeramiker noch nicht gefunden. Der Umstand, daß die erste Generation der Schnurkeramiker auch in Mitteleuropa scheinbar noch reine Steppen-Herkunft aufgewiesen hat und auch dort erst in den nachfolgenden Generationen die anatolisch-neolithische Herkunftskomponente hinzu kam, gibt schon erste Anhaltspunkte, wo diese Urheimat zu suchen sein könnte, nämlich in Grenzregionen der Yamnaya-Kultur. Auf dem englischen Wikipedia werden die wesentlichsten Ergebnisse der hier erwähnte archäogenetische Studie übrigens schon folgendermaßen zusammen gefaßt (Wiki):

Etwa ein Drittel der untersuchten Skelette hatten zu Lebzeiten blaue Augen und/oder blonde Haare, während der Rest braune Augen und schwarze oder braune Haare hatten. .... Mit der vorhergehenden Volosovo-Kultur scheinen sie sich nicht vermischt zu haben. ...

Around a third of the samples had blue eyes and/or blond hair, while the rest had brown eyes and black or brown hair. The genetics of the people of the Fatyanovo culture was found to be substantially different from preceding Volosovo culture, with whom they do not appear to have mixed. Their EEF admixture has not been detected in the earlier Yamnaya culture, suggesting that the Fatyaovo people did not directly descend from the Yamnaya.

Interessant ist übrigens, daß die Verwandtschaft der modernen indoarischen Sprachen mit den modernen westindogermanischen Sprachen gar nicht so leicht sichtbar ist, daß sie aber bei den antiken Sprachen noch viel deutlicher war (Wiki):

Für einen Großteil des Wortschatzes und insbesondere der Grammatik der modernen indoarischen Sprachen läßt sich gar keine Entsprechung in den heutigen europäischen Sprachen finden. Zwischen im Altertum gesprochenen Sprachen wie dem Sanskrit und dem Lateinischen oder Altgriechischen sind die Übereinstimmungen hingegen weitaus größer, sowohl was den Wortschatz als auch die Morphologie angeht. Man vergleiche hierzu Formen wie Sanskrit dantam und Latein dentem „den Zahn“ oder Sanskrit abharan und Altgriechisch epheron „sie trugen“.

Hier wird auch "spürbar", daß vielleicht schon mit der Ausbreitung der Schnurkeramiker und der Glockenbecher-Kultur selbst die Ausgangspunkte der späteren indogermanischen Einzelsprachen in Europa entstanden sind (zum Beispiel eben von Latein oder Griechisch).

____________

  1. Bading, Ingo: 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/11/kossinna-lacht-er-lacht-und-lacht-und.html
  2. The Forgotten Child of the Wider Corded Ware Family: Russian Fatyanovo Culture in Context. K Nordqvist, Volker Heyd - Proceedings of the Prehistoric Society, 12.11.2020 (Cambridge)
  3. Genetic ancestry changes in Stone to Bronze Age transition in the East European plain Lehti Saag, Sergey V. Vasilyev, Liivi Varul, Natalia V. Kosorukova, Dmitri V. Gerasimov, Svetlana V. Oshibkina, Samuel J. Griffith, Anu Solnik, Lauri Saag, Eugenia D’Atanasio, Ene Metspalu, Maere Reidla, Siiri Rootsi, Toomas Kivisild, Christiana Lyn Scheib, Kristiina Tambets, Aivar Kriiska, Mait Metspalu bioRxiv 2020.07.02.184507; doi: https://doi.org/10.1101/2020.07.02.184507, https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2020.07.02.184507v1
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