Sonntag, 7. Februar 2016

Die Sehnsucht nach der Einsamkeit Alaskas

Arved Fuchs - "South Nahanni" (1984) - Ergänzendes zu seinem Buch

Wildnis. Weite. Felsen. Spärlicher Bewuchs und Fichtenwälder. So weit das Auge reicht. Die Lektüre eines auf dem Grabbeltisch (bzw. im "Medienpoint") gefundenen Buches des Abenteurers Arved Fuchs (1) gab Anlass zu dem folgenden Blogbeitrag. Arved Fuchs schildert darin eine Kanufahrt den Fluss Süd-Nahanni hinab, im Sommer 1984 im Nordwesten Kanadas. Und dieser Reisebericht packt einen. Er liest sich mehr als spannend, zumal er begleitet ist durch viele eindrucksvolle Bilder von dieser wegelosen Weite und grenzenlosen Einsamkeit der dortigen Natur und Wildnis.

Abb. 1: Die Schönheit Nordwest-Kanadas. Der Virginia-Wasserfall des Südlichen Nahanni-Flusses ist 90 Meter hoch und damit der höchste Kanadas, höher auch als die Niagara-Fälle, aber viel schwerer zu erreichen als der letztere
(Fotograf: Paul Gierszewski)
Beim Lesen fühlt man sich ziemlich bald in seine Kindheit zurück versetzt. Man lag krank im Bett, fühlte sich nicht gut und las Geschichten und Romane von Jack London. Und tauchte ein in eine fremde, unheimliche Welt. "An der weißen Grenze", "Ruf der Wildnis", "Der Seewolf", "Wolfsblut", "Lockruf des Goldes". Jack London selbst war 1897 dem Goldrausch nach dem Klondike und dem Yukon in Kanada gefolgt. Er hatte hier 60 Grad Minus erlebt und das Leiden und Sterben rauhester, stärkster Männer. Und seine Geschichten und Romane lebten von diesen sehr persönlichen Erfahrungen. Eine düstere, unheimliche, raue und kalte Männerwelt. Eine Welt an Roulette-Tischen und hinter Hundegespannen, erleuchtet von Liebe, Treue, Kameradschaft und Aufopferungs-Bereitschaft zwischen Menschen und Tieren, erleuchtet von Bewährung unter härtesten Lebensbedingungen. Eine Welt aber auch umdüstert und verdüstert von Habsucht und Mord, Heimtücke und Verrat, von Trunksucht und unerbittlichem Leiden, von Sterben in Kälte und Hunger und an der abgrundtiefen Bosheit der Mitmenschen. 



Abb. 2: Ankunft von Dene-Indianern mit Birkenholz-Kanus an der Südostküste des "Großen Sklaven-Sees" bei Fort Resolution (circa 1900)
Und nun noch weiter östlich im Landesinneren der von Jack London in seinen Romanen geschilderten Region des Klondike und des Yukon war Arved Fuchs achtzig Jahre später den wilden Bergfluss Nahanni abwärts gefahren, der in 1600 Meter Höhe im Hochgebirge beginnt und der immer weiter nach Süden hinab fließt zwischen steilen Felswänden, Bergen und Hochebenen.

Das Indianervolk der Dene 

Diese Region war - wie der Klondike und der Yukon - ursprünglich nur spärlich besiedelt von dem großen Indianervolk der Dene. Und da Arved Fuchs in seinem Buch von diesen Ureinwohner überhaupt nicht spricht, fühlt man sich veranlasst, einige Kenntnisse über die Ureinwohner dieses Landes im vorliegenden Beitrag noch einmal für sich und andere zusammen zu tragen. Die Dene kamen mit der zweiten Einwanderungswelle nach Nordamerika (Wiki). Sie sind den nordasiatischen Völkern sehr nahe verwandt und gehören mit den südlicheren Apachen und Navajos zur Athabaskischen Sprachgruppe (Wiki). Als dritte Einwanderungswelle folgten ihnen später noch die Eskimos/Inuit, die die Länder nordöstlich der von ihnen bewohnten Regionen - also noch näher dem Polarkreis - besiedelten. 

Aber auch die Lebenswelt der Dene in der Nahanni-Region war - zumal im Winter - unglaublich rauh und lebensfeindlich. Das mag sicherlich ein Grund sein dafür, dass sich die ansässigen Indianer bei Ankunft der Weißen ziemlich bald in der Nähe ihrer Forts sammelten. Denn hier gab es bessere Lebensbedingungen, importierte Nahrung, die gegen Pelze und Fleisch getauscht werden konnte. In der Nahanni-Region lebte der Dene-Stamm der Slavey (Wiki), die von den benachbarten Cree-Indianern als "Sklaven" angesehen und bezeichnet wurden, wovon ihr Name abgeleitet ist und ebenso auch der Name ihres größten Sees, des "Großen Sklaven-Sees". Sie selbst bezeichnen sich als "Dene Tha". Und die lokale Untergruppe am Nahanni bezeichnet sich als "Nahanni Butte". Sie lebt heute am Zusammenfluss des Flusses Süd-Nahanni mit dem Fluss Liard und besteht nur noch aus aus etwa 100 Personen (Wiki). Von ihnen soll aber auch der große Indianerstamm der Navajo viel weiter im Süden abstammen. Über den Fluss Nahanni wird berichtet (Wiki):
In early 1823, Alexander MacLeod of the Hudson Bay Company explored the lower river. The Company quickly lost interest when they realized that the river did not support a large native population and was not a viable route to the west. The nearest Hudson Bay fort was established at Fort Liard, and later many natives from the Nahanni settled nearby.
Abb. 3: Velma Wallis - Zwei alte Frauen
Heute werden in der Nahanni-Region gejagt - aber offenbar nicht mehr unter Einbindung von Ureinwohnern (s. Huntnahanni): Karibus, Elche, Bergschafe und Ziegen. Die Dene-Indianer lebten Jahrtausende lang im Wesentlichen von den Karibus. Die Karibus waren die Quelle für ihre Nahrung, für ihre Werkzeuge und für ihre Zelte. Über die rauhe Lebenswirklichkeit in Bergen bis 2000 Meter Höhe wird berichtet (CanadaHistory):
Food was not as plentiful as it was in the south and starvation and death from the cold were constant threats. (...) For most of the Dene, life was very nomadic and dwellings had to be easy to transport. Travel during winter was on foot with snowshoes and toboggans.
Toboggans sind zu Deutsch Schlitten.
In summer, light bark-covered canoes were carried on trips to be used when they came to navigable lakes and rivers. (...) Religious beliefs centred on the all-important relationship between hunters and animals. Hunters were given "medicine bundles" at childhood and they slept with these for supernatural aid. Because of the mobility of the society, the aged and infirm were left behind to die and bodies were often left unburied with a few possessions to take with them on their journey to the afterlife.
Dieser Bericht erinnert an das bekannte Buch "Zwei alten Frauen" von Velma Wallis (geb. 1960) (Amazon), erstmals erschienen 1993. Es schildert ein reales Schicksal zweier Indianerinnen in der Yukon-Region. Die Autorin selbst ist Angehörige eines dortigen Stammes und lebt in Fort Yukon in der Arktisregion.

Abb. 4: Lage des Nahanni-Flusses (rot) zwischen dem Großen Sklaven-See und der Westküste Kanadas
Weiterführende Auskünfte über die Kultur der Dene am Nahanni-Fluss sind zunächst nicht leicht zu finden (u.a. hier). Es gibt auch eine Seite eines Angehörigen des Volkes der Dene mit Universitätsabschluss, der die Sprache seiner Familie vor dem Aussterben bewahren will (DiDenekeh). Der Autor Dick Turner hat sich offenbar mit dem Stamm der Nahanni Butte befasst:
Dick Turner wrote three books, "Nahanni" and "Wings of the North" being the most successful.
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  1. Fuchs, Arved: South Nahanni. Kanu-Abenteuer im Norden Kanadas. Delius Klasing Verlag, Bielefeld 2008 (EA: 1984)

Donnerstag, 29. Oktober 2015

War Norditalien der Entstehungsort der Gründerpopulation des aschkenasischen Judentums?

"Der Ursprung der Ashkenasim ist ungeklärt"
The origins of the Ashkenazim are obscure,
heißt es auf dem diesbezüglichen Artikel auf Wikipedia bis heute! Der vorliegende Blogartikel erschien vor genau drei Monaten und ging der These nach, dass die Gründerpopulation des aschkenasischen Judentums in Worms, Speyer und Mainz entstanden wäre und von Anfang an da gelebt hätte. Diese These soll heute aktualisiert werden anhand neuer Hinweise (2). In die genannten Rheinstädte Worms, Speyer und Mainz ist nämlich im 9. Jahrhundert auch die bedeutende jüdische Familie der Kalonymiden aus Norditalien (Lucca) zugewandert (s.a. Wikipedia dt. und engl.). Was uns bislang nicht bekannt war. Dies ist aber das Thema eines angekündigten Vortrages von Michael Schneider im Archäologischen Landesmuseum Brandenburg am 4. November 2015: "Aschkenas – Archäologie des Judentums in Mitteleuropa von der Spätantike bis in die Neuzeit", der angekündigt wird mit den Worten:
Etwa seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. leben Juden in Aschkenas, also auf dem Gebiet Mitteleuropas. Die meisten kamen im Zuge der römischen Expansion nach Germanien. Ihre Geschichte ist von Anfang an eng mit der Kulturgeschichte Deutschlands verwoben. (...) Das Judentum ist eine Gemeinschaft der Sprache, der Schrift und deren Tradierung. In dem Vortrag wird dargestellt, inwieweit die Archäologie hilfreich bei der Erforschung und der Rekonstruktion jüdischen Lebens wirken kann. An aktuellen Beispielen u.a. der SCHUM-Gemeinden (Speyer, Worms und Mainz) werden die Ergebnisse zusammenfassend erörtert und anschaulich jüdisches Leben dargestellt.
Der genaue Zeitpunkt der Zuwanderung der genannten Kalonymiden-Familie kann anhand der innerjüdischen schriftlichen Überlieferungen bislang von der Forschung nicht sicher genannt werden, scheint aber nicht vor dem 9. Jahrhundert zu liegen (2). 

Aktuelle genetische Untersuchungen, die explizit Bezug nehmen würden auf die Familiengeschichte der Kalonymiden finden sich auf Google Scholar derzeit noch nicht. Allerdings fragte Michael Balter ja schon 2013 in "Science" im Kommentar zu der damals erschienen neuen spannenden genetischen Studie: "Did Modern Jews Originate in Italy?" (3). Das hatte man 2013, als man es las, eher als "Artefakt" gewertet, als einen eher zufälligen und willkürlichen Ausschlag im Datengewimmel. Mit der Kenntnis um die Familiengeschichte der Kalonymiden jedoch bekommt dieses damalige Ergebnis doch eigentlich ganz neue Bedeutung. Balter schrieb über das zu 80 Prozent europäische mitochondriale Genom der Aschkenasen:
The closest matches were with mtDNAs from people who today live in and around Italy.
(!!!) Und Balter weiter: 
The results imply that the Jews can trace their heritage to women who had lived in Europe at that time. Very few Ashkenazi mtDNAs could be traced to the Middle East.
Ergäbe sich daraus also, dass die Gründerpopulation des aschkenasischen Judentums in Norditalien zu suchen ist? Und dass die germanischen und europäischen Frauen, die zu dieser beitrugen, dann Langobardinnen waren, bzw. allgemeiner: Norditalienerinnen? Und nicht Franken oder Alemannen, wie bislang hier auf dem Blog vermutet und auch bisher im vorliegenden Blogartikel? Wow, das wäre eine spannende These. Und dann wären die folgenden Gedankengänge nach Italien zu verlegen! Was eigentlich wirklich nicht sehr dumm erscheint.

Die Langobarden besetzten ab dem Jahr 568 Norditalien. Und fragt man nun Google Bücher nach den Beziehungen zwischen Langobarden und Juden, stößt man als erstes auf folgendes Zitat eines Wilhelm Kaltenstadler, in dem er sich mit Uwe Topper's Geschichtstheorien auseinandersetzt (die man bislang für außerordentlich merkwürdig hielt) (4):
Wie die Juden legten auch die Langobarden auf ihre langen Bärte und das lange Haupthaar größten Wert.
In der Tat. Lango-Barden. Es wird da von Topper manches - scheinbar - im Sinne diverser alter geheimer und bekannter Männerorden geschichtsphilosophisch, ritualgeschichtlich und ideengeschichtlich mit imaginärer oder realer Bedeutung versehen (Bogumilen, "Lichtreligion" etc.) entlang altbekannter, auch hier auf dem Blog schon behandelter (gnostischer?) Denkmuster. Dem - und vielem anderen - wird man künftig noch einmal genauer nachgehen müssen.

Doch im folgenden bleibe der ursprünglichen Blogartikel einfach so stehen, wie er bisher eingestellt war, mit Ausführungen, die der Sache nach womöglich nun eher auf Norditalien als auf den deutschen Rhein zu beziehen wären. Sie geben also weiterhin höchstens noch Zeugnis von unserem intensiven Suchen, weniger vom abschließenden Finden. Sie geben also Zeugnis davon, dass Wissenschaft immer auch verbunden ist mit Irrwegen und zunächst falschen Hypothesen! :) (Aber man kann sie oft auch erst um so leichter und bedeutungsvoller widerlegen, um so intensiver man ihnen zuvor nachgegangen ist.)

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Die Ursprünge sind also noch nicht vollständig geklärt - auch nicht nach mehr als zehn Jahren insbesondere intensiver humangenetischer Forschung zu diesem Thema (s. den Abschnitt "Genetics" auf "Ashkenazi Jews", der dort seit Jahren vorbildlich aktuell gehalten wird). Über diesen Ursprung haben wir uns schon in früheren Blogartikeln immer wieder einmal Gedanken gemacht. Und diese sollen im folgenden Blogartikel durch einige neue Gedankengänge ein wenig weitergeführt werden. Denn es gibt aus genetischer Sicht und aus der Sicht der Evolution von Intelligenzbegabung fast kein spannenderes Volk weltweit als das Volk der aschkenasischen Juden. Schon Anfang 2008 hatten wir den Ursprung dieses Volkes deshalb auf dem Parallelblog "Studium generale" erörtert ("Zu welchen Anteilen stammen die aschkenasischen Juden von deutschen Frauen ab?"). Er wurde auch auf anderen Blogs in verschiedenen Zusammenhängen immer einmal wieder angesprochen, zuletzt 2013 im Kommentarbereich der Scilogs ("Der Rassismus der Guten"), wo von mir im allerletzten Kommentar auch auf den bis dato wohl aktuellen Stand der Forschung auf diesem Gebiet hingewiesen wurde.

In den letzten Jahren hat sich in der Humangenetik also - trotz immer wieder auch anderslautender Studienergebnisse - die Erkenntnis herausgeschält und erhärtet, dass die heutigen 10 Millionen aschkenasischen Juden weltweit aus einer nur höchstens wenige hundert Menschen umfassenden Gründerpopulation hervorgegangen sind (einer "Flaschenhalspopulation"), die vor zwölf- bis sechzehnhundert Jahren am Rhein gelebt hat (deshalb auch der traditionelle alemannische Dialekt, das Jiddische, als Muttersprache). Und dass der größte Teil der Frauen dieser Gründerpopulation lokaler, nichtjüdischer, sprich germanisch-deutscher Herkunft war. Die Hälfte aller aschkenasischen Juden weltweit soll ja von nur vier solcher Frauen abstammen nach den derzeitigen Erkenntnissen der Humangenetik, die, nachdem sie eine Zeit lang verworfen worden waren, dennoch wieder bestätigt worden sind.

(Schon das äußere Erscheinungsbild vieler aschkenasischer Juden, unter denen es ja auch Blonde und Blauäugige gibt, sollte einem dieses Forschungsergebnis nahe liegend erscheinen lassen.)

Ein neuer Gedankengang dazu

Abb. 1: Die Mutter Albert Einsteins
Wenn man sich nun überlegt, aufgrund welcher Szenarien diese so sehr noch im Dunkeln liegende Gründerpopulation zustande gekommen sein kann, so kommt man zu folgender neuer Überlegung: So weit bekannt, spielen die jüdischen Frauen, sprich, die jüdischen Mütter eine große Rolle für die aschkenasisch-jüdische Kultur. Eine nicht hinweg zu denkende. Wohin man blickt, wird in ihr dementsprechend auch von der jüdischen Mutter mit Ehrfurcht und Respekt gesprochen.

Die Rabbiner haben sich auch immer wieder eingehend damit beschäftigt, dass den Frauen eine äußerst wohlwollende Stimmung innerhalb ihres Volkes entgegen gebracht würde. Schon das ist eigentlich sehr interessant zu beobachten.

Die Frage stellt sich aber dennoch: Wie konnten die aus den romanischsprachigen Teilen des damaligen untergehenden römischen Reiches und der dortigen germanischen Nachfolgereiche nach dem Rhein zuwandernden Männer jüdischer Herkunft (oft Angehöriger der Priesterkaste Kohanim, die sich bis in die Gegenwart genetisch in männlicher Linie "rein" erhalten hat) einheimische germanische Frauen so sehr von ihrer jüdischen Religion und Lebensweise überzeugen, dass diese bis heute eine solche starke Überzeugtheit von dieser und Identifikation mit derselben aufzeigen? Und zwar obwohl sie zum Beispiel im religiösen Leben der Gemeinden klar untergeordnet sind, kaum ein Mitspracherecht haben, ihre Anwesenheit in den Gottesdiensten eigentlich gar nicht notwendig ist aus der Sicht der Priesterschaft?

Der uns wichtige, neue Gedankengang ist nun folgender: Man möchte meinen, dass nichtjüdische Frauen, die in einem solch umfangreichen Ausmaß zur Identifikation mit der jüdischen Religion und Kultur gebracht werden sollen, zuvor schon "vorbereitet" gewesen sein müssen. Man möchte also meinen, dass es sich um Frauen gehandelt hat aus germanischen Bevölkerungsteilen, die schon seit vielen Generationen christianisiert worden waren. Diese Überlegung drängt den Gedanken auf, dass es sich um Frauen aus jenen alemannischen und fränkischen Bevölkerungsteilen gehandelt haben könnte, die am frühesten zum Christentum übergetreten sind.

Der christliche Königshof der Burgunder in Worms (406 bis 435)

Um nun die Ethnogenese des aschkenasisch-jüdischen Volkes zeitlich und räumlich noch klarer eingrenzen zu können, müsste man sich deshalb wohl die Siedlungs- und Missionsgeschichte der Alemannen und Franken anhand der archäologischen Ausgrabungen und der schriftlichen Überlieferungen anschauen. Zu den Burgunden heißt es auf Wikipedia:
Nach dem Abzug eines großen Teiles der römischen Truppen vom Rhein im Jahr 401 war der Weg über den Fluss frei. Der Übergang bei Mainz am 31. Dezember 406 (siehe Rheinübergang von 406) setzte vermutlich die Landnahme des nördlichen Alamannenlandes bis zum unteren Neckarbergland voraus. (...) Nach Olympiodoros von Theben (dessen Werk aber nur fragmentarisch erhalten ist) erhoben im Jahr 411 Burgunden unter ihrem Anführer Gundahar (auch als Gundihar oder Gunthahar überliefert) gemeinsam mit Alanen unter Goar in Mundiacum in der Provinz Germania II den Gallorömer Jovinus zum Gegenkaiser. Die ältere Forschung hat dies in der Regel dahingehend „verbessert“, dass das unbekannte Mundiacum mit Moguntiacum (=Mogontiacum bzw. Mainz) in der Provinz Germania I gleichgesetzt wurde.
Die Burgunden wurden von den Römern offenbar als Bundesgenossen innerhalb der Reichsgrenzen am Rhein angesiedelt. Weiter heißt es:
Orosius († um 418) behauptete in seinen letzten Lebensjahren, die Burgunden seien nunmehr Christen und überdies keine Feinde mehr, sondern Beschützer der Römer (Hist. adv. pag. 7,32). (...) Doch Gundahars Bemühungen, seinen Machtbereich unter Ausnutzung erneuter innerrömischer Konflikte nach Westen (in die Provinz Belgica I) auszudehnen, brachte die Burgunden schließlich in Konflikt mit den Römern. Im Jahr 435 wurde ein burgundisches Heer vom weströmischen Heermeister Aëtius besiegt und musste sich wieder in die Germania I zurückziehen. Ein Jahr darauf wurde das Burgundenreich am Rhein von hunnischen Hilfstruppen Westroms endgültig vernichtet. Dieses Ereignis stellt den historischen Kern der Nibelungensage dar, wobei Attila, das Vorbild für den mittelhochdeutschen Etzel bzw. altnordischen Atli der Sage, in Wahrheit keine Rolle beim Untergang des rheinischen Burgundenreiches spielte.
Das um 1200 entstandene Nibelungenlied nennt dieses Volk Burgonden und seinen König Gunther. Das Burgund des 12. Jahrhunderts lag jedoch um Arles (Königreich Arles) sowie weiter nördlich (Herzogtum Burgund in der Region um Dijon), während die Burgunden des 5. Jahrhunderts einige Jahre nach der Zerschlagung ihres Reichs am Rhein in der Gegend südlich des Genfer Sees angesiedelt wurden (siehe unten). Um die Unterschiede zu betonen, ist es in der Forschung oft üblich, nur das Volk der Nibelungensage als Burgunden, das historische Volk hingegen als Burgunder zu bezeichnen.
Damit spielt das christliche Burgunderreich von Worms nur in den Jahren 406 bis 435 eine Rolle. Man fühlt sich an die kurze Lebensdauer der etwas später begründeten Reiche der Wandalen in Nordafrika (429 bis 533) und der Ostgoten in Italien (488 bis 552) erinnert. Dass schon zumindest ein Teil der Burgunden in Worms christlich geworden ist, ebenso wie wir dies von den eben genannten Ostgoten wissen, ebenso wie dies von den die Burgunden in Worms ablösenden Franken gilt, wird auch durch zwei auf dem Wormser Kirchfriedhof schon im 19. Jahrhundert gefundene römischsprachige Grabsteine bestätigt für die 50-jährige "Pauta" und den 30-jährigen Ludino. Beide Grabsteine mit christlicher Bildsprache (u. a. Christogramm). Ihre beiden Namen ebenso wie die anderen auf den Steinen genannten Namen sind von der Forschung als germanische aufgefasst worden (1, S. 870):
Beide Grabinschriften belegen überzeugend, dass es hier bereits zu Beginn des 5. Jahrhunderts Germanen gab, die sich zum Christentum bekannten.
Die Inschrift des ersten, ins erste Drittel des 5. Jahrhunderts datierten Grabsteins lautet übersetzt (1, S. 871):
Hier ruht in Frieden Pauta ihres Namens, gestorben nach 50 Jahren, 6 Monaten und 15 Tagen. Den Grabstein errichteten Puasi und Quito und Siggo, Boddi, Ivio. 
Die Inschrift des zweiten, ins zweite Drittel des 5. Jahrhunderts datierten Grabsteins lautet übersetzt (1, S. 870):
Hier ruht in Frieden Ludino, der 30 Jahre lebte. Die Inschrift setzte seine Ehefrau Duda.
(Abbildungen der beiden Grabsteine hier, sowie hier und hier.) Wir wissen von den Westgoten, dass sie nach dem Hunnensturm von 375 und in Flucht vor demselben nur dann über die Donau hinter die Grenzen des römischen Reiches fliehen durften, wenn sie sich zugleich zum Christentum bekehrten. Vielleicht galt ähnliches auch für die als Bundesgenossen der Römer über den Rhein vorgedrungenen Burgunden. Jedenfalls deutet somit vieles darauf hin, dass die christlichen Gemeinden in den vormals römischen Städten Trier, Köln, Mainz, Worms und anderwärts während der Völkerwanderungszeit niemals ganz untergegangen sein müssen. Die die Kirchen umgebenden Friedhöfe scheinen ohne Unterbrechung von Christen benutzt worden zu sein, wobei sich auch die zuwandernden Germanen in die christlichen Gottesdienste und in die Friedhofsbenutzung scheinen eingeordnet zu haben. All das ist ja auch von dem etwas später begründeten Goten-Reich Theoderichs des Großen (451-526) bekannt.

Die Juden unter den Westgoten (418 bis 711)

Wahrscheinlich haben die Juden des römischen Reiches zu den toleranteren Arianern unter den christianisierten Germanenvölkern sogar noch eher Zugang gefunden als zu den damaligen romanischsprachigen "Mehrheitschristen", unter denen der religiöse Antisemitismus ja schon sehr stark ausgeprägt gewesen ist. Jedenfalls wurden damals von den Mehrheitschristen wo immer sie auftraten "Heiden, Juden und Arianer" in einem Atemzug genannt. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Beschlüsse des dritten Konzils von Toledo der Westgoten im Jahr 589 gegen Arianer und Juden, nachdem der westgotische König zu den Mehrheitschristen übergetreten war und nachdem die Westgoten damit eine ganz neue Identität als Volk angenommen hatten (Wiki):
Zu den Konzilsbeschlüssen gehörten auch Maßnahmen gegen die Juden; ihnen wurde unter anderem verboten, christliche Frauen zu heiraten oder christliche Konkubinen zu haben, und Kinder aus solchen bereits bestehenden Verbindungen mussten getauft werden.
Über das vierte Konzil von Toledo im Jahr 633 heißt es:
Das Konzil missbilligte die von König Sisebut (612–621) angeordneten Zwangstaufen der Juden, erklärte sie aber für kirchenrechtlich gültig; den auf Sisebuts Veranlassung zwangsweise getauften Juden wurde verboten, zu ihrem angestammten Glauben zurückzukehren.
Das sechste Konzil tagte im Jahr 638:
Es fasste unter anderem Beschlüsse gegen die Juden, wobei den Konzilsakten zufolge der König die treibende Kraft war. Die Bischöfe billigten die Absicht des Königs, das Judentum in seinem Reich gänzlich auszurotten und keine Nichtkatholiken zu dulden.
Auch noch 693 und 694 wurden entsprechend scharfe Gesetze gegen das Judentum beschlossen, da man sie verdächtigte, die Muslime zum Angriff auf das Westgoten-Reich in Spanien zu ermuntern. In diesem Angriff ist das Westgoten-Reich dann ja auch ab 711 untergegangen.

Christianisierte germanische Frauen in etwa dritter Generation?

Es ist also bekannt, dass in der Regel zuerst die Oberschicht der germanischen Völker zum Christentum übergetreten ist. Und dies wird ebenfalls zunächst vor allem für die frühe Stadtbevölkerung dieser Völker gelten. So wie die romanisierten Bevölkerungen links des Rheins werden auch die dort lebenden ("sephardischen") Juden mit den zuwandernden Germanen-Völkern auf einen ganz neuen "Menschenschlag" getroffen sein. Und dieser "Kulturschock" wird am Rhein nicht - wie unter den Westgoten in Spanien oder an der Loire und Seine unter den Franken dadurch abgemildert gewesen sein, dass es noch eine größere romanischsprachige Vorbevölkerung gab. Diese wurde am Rhein vielmehr ebenfalls "germanisiert". Und so wird für die ("sephardischen") Juden am Rhein noch viel schwieriger gewesen sein, sich - zumal als eigenständige religiöse und ethnische Gruppierung - inmitten dieses ganz neuen Menschenschlages zu behaupten als weiter westlich, zumal nachdem auch die Franken unter Chlodwig um 500 zum katholischen (nicht arianischen) Christentum übergetreten waren.

Auf dem Flächenland rechts des Rheines treten um 500 n. Ztr. ganz unregelmäßig Kreuzbeigaben und andere christliche Symbole in den alemannischen und fränkischen heidnischen Reihengräbern auf. In dem Augenblick, in dem die Reihengräberfelder nicht mehr weiter belegt wurden, sondern sich die nun eindeutig christlichen Gräber um eine örtliche Kirche gruppierten, ist die jeweilige Christianisierung vor Ort als im wesentlichen abgeschlossen zu erachten. Auf Wikipedia heißt es (Alemannen):
Im 7. Jahrhundert begannen Teile der Oberschicht, ihre Toten nicht mehr auf den Reihengräberfeldern, sondern beim Herrenhof zu bestatten. In dieser Zeit zeichnen oft Steinkisten die Gräber aus. Durch die Christianisierung wurden Anfang des 8. Jahrhunderts die Reihengräberfelder ganz aufgegeben und die Friedhöfe künftig um die Kirche herum angelegt.
Genauer detailliert ist auf einer anderen Internetseite zu erfahren, wobei der Schwerpunkt der Betrachtung auf dem etwas abgelegeneren Allgäu liegt (Oberstorf Online):
Im 6. und 7. Jahrhundert sind die Zeugnisse für ein bewusstes und lebendiges Heidentum der Alemannen leicht nachweisbar. So wurden im ländlichen Raum noch nahezu alle Toten in Reihengräberfeldern mit Grabbeigaben bestattet. Funde in Sonthofen, Altstätten und Fischen belegen dies auch für unser Gebiet. Die Kirchenorganisation im 6. Jahrhundert war einfach noch nicht in der Lage, eine Missionierung in größerem Stile durchzuführen.
Dies änderte zu Beginn des 7. Jahrhunderts (...). Beschleunigt wurde zu dieser Zeit die Christianisierung durch den Machtzuwachs des fränkisch-alemannischen Adels, der zunehmend den Bau von Kirchen betrieb. Häufig waren das sogenannte Eigenkirchen, die zum Teil aus heidnischen Tempeln zu Kirchen umgewandelt wurden. Der Grundherr und nicht der Bischof bestimmte die Priester, die häufig selbst noch dem alten Glauben zugetan waren. Erst etwas um 720 wurde dann an der Stelle der Zelle de Hl. Gallus das Kloster St. Gallen gegründet, das sich, wie wir unten lesen werden, der kirchlichen Durchdringung des alemannischen Allgäus annahm. (...)
Durch die Reihengräberfunde in Sonthofen, Altstätten und Fischen wissen wir sicher, dass sich die Allgäuer Alemannen um 700 noch zu ihren alten Göttern bekannten. Dies blieb so bis Mitte des 8. Jahrhunderts, denn warum sonst sollte der erste sicher nachgewiesene Bischof der Diözese Augsburg Wikterp († um 772) Magnus ins Allgäu holen.
Das hieße, dass die Alemannen auf dem Land erst um 750 n. Ztr. in ihrer großen Mehrheit zum Christentum übergetreten sind. Der burgundische Königshof von Worms ist es womöglich schon um das Jahr 406 herum. Man sieht aus diesen beiden Jahreszahlen die große zeitliche Dauer, die der Christianisierungs-Prozess der germanischen Völker in Anspruch nahm.

Die zentrale Rolle von Mainz, Speyer und Worms

Auf Wikipedia finde sich neuerdings der vielleicht wichtige und sehr konkrete Eintrag:
Die drei SchUM-Gemeinden Mainz (belegt ab 917), Speyer und Worms (ab 980) gelten als Beginn des aschkenasischen Judentums.
Und über diese heißt es:
Aufgrund ihrer zentralen Bedeutung für die jüdischen Gemeinden in Zentraleuropa gelten sie als Geburtsstätte der aschkenasischen religiösen Kultur.
So deutlich hat man es früher auf Wikipedia nicht gelesen und liest man es noch heute auf dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel noch nicht. Freilich ist das Jahr 917 schon recht spät. Aber so unwahrscheinlich wird es dennoch nicht sein, dass sich die Volkwerdung des aschkenasisch-jüdischen Volkes zwischen 400 und 700 n. Ztr. in den drei Städten Mainz, Speyer und Worms vollzogen hat. Ob hier die Archäologie noch neue Erkenntnisse zutage bringen wird? Womöglich sogar die DNA-Forschung an Knochenfunden aus nachweisbar jüdischen Gräbern in einer dieser drei Städte, bzw. natürlich auch an Knochenfunden aus nichtjüdischen Gräbern?

Gab es zwischen 700 und 800 n. Ztr. christliche, sich stark auf das Judentum hin orientierende Gemeinden in Mainz, Speyer und Worms?

Ein Gemeinschaftsgefühl unter allen ostfränkischen germanischen Stämmen bildete sich mit dem Bewusstwerden einer gemeinsamen Volkssprache heraus (im Gegensatz zum Lateinischen und den romanischen Sprachen bei den westfränkischen Stämmen). Die zweisprachig abgefassten Straßburger Eide aus dem Jahr 842 werden allgemein als erstes Anzeichen der sprachlichen Trennung zwischen dem französischen und dem deutschen Volk angesehen.

Abb. 2: Judenfriedhof von Worms (dahinter Dom)
Fotograf: Jörg Bürgis
Es wäre nun einmal zu untersuchen, ob es schon in damaligen germanisch-christlichen Bevölkerungsteilen in Worms und anderwärts Gruppen gegeben hat, die nicht nur zum Christentum neigten, sondern die aufgrund dieser Religion auch ein erhöhtes Interesse an der jüdischen Religion selbst entwickelten, die diese jüdische Religion also nicht aus "zweiter Hand" (von Nichtchristen) gepredigt bekommen wollten, sondern vom "Volk des Heils" selbst. Und die sich davon nicht mit Hilfe des Arguments abschrecken ließen, dass es ja "die Juden" gewesen seien, die den Heiland ans Kreuz geschlagen hätten. Solche Menschen, gerade auch Frauen, gibt es auch heute noch in Deutschland. Und es mag belehrend sein, sich einmal einen solchen jüdischen Gottesdienst für christliche Juden und nichtjüdische Christen anzusehen und mitzuerleben.

Falls es damals solche Gruppierungen gegeben hätte, könnte man erwarten, dass die jüdischen Männer der Gründerpopulation des aschkenasischen Judentums in diesen Gruppierungen am ehesten ihre Frauen gefunden haben werden. Denn hier bestand sicherlich die größte Aufgeschlossenheit ihnen und ihrer Religion und Kultur gegenüber. Das Verheiraten mit einheimischen Frauen wird ihnen nun auch deshalb sinnvoll vorgekommen sein, weil dadurch das allein physische Aussehen ihrer Kinder und Kindeskinder nicht mehr als gar so krass im Gegensatz stehend empfunden zu werden brauchte zu dem "Menschenschlag" und dessen physischem Aussehen der einheimischen Bevölkerung, weshalb diese dann auch wiederum eher geneigt gewesen sein könnte, die Anwesenheit einer solchen Gruppierung in ihrer Stadt zu tolerieren und sich dem wirtschaftlichen und sonstigen Austausch mit ihr zu öffnen, mit einer Volksgruppe, die ja noch über das ganze Mittelalter hinweg dennoch als sehr fremd empfunden worden ist in allen europäischen Völkern.

Und man möchte weiterhin vermuten, dass das starke Volksgefühl auch noch der christlichen Deutschen der nächsten Jahrhunderte - repräsentiert etwa von König Heinrich I., der sich weigerte, sich vom Bischof salben zu lassen - dazu geführt haben könnte, dass die Ablehnung gegenüber den jüdischen Gemeinden so stark gewesen ist, dass von aschkenasisch-jüdischer Seite aus unterbewusst - oder sogar bewusst - das Gefühl vorgeherrscht haben mag, dass man nur die intelligentesten Söhne der Gemeinde unter solche Nichtjuden schicken könne, und dass es von diesen intelligenten Söhnen deshalb gar nicht genug geben könne in ihren Gemeinden. Und insofern mag innerhalb des aschkenasisch-jüdischen Volkes schon in den ersten Generationen der Gründerpopulation mehr als bis dahin innerhalb des sephardischen Judentums oder innerhalb anderer jüdischer Volksteile in der Welt Wert gelegt worden sein darauf, dass jene Söhne die meisten Kinder hatten, den reichsten Schwiegervater bekamen, die sich als die begabtesten in der Talmudschule erwiesen. (Wie etwa bei Kevin MacDonald "A People that shall dwell alone" ausgeführt und belegt wird.)

Und aufgrund solcher kulturpsychologischer Mechanismen mag es zu jenen kulturellen Selektionsmechanismen gekommen sein, die dazu führten, dass heute die aschkenasischen Juden allein von ihrer angeborenen Intelligenz her gesehen als das begabteste Volk der Erde angesehen werden müssen.

Wie wir gesehen haben, heirateten unter den Westgoten in Spanien Juden christliche Frauen, wurden Juden zwangschristianisiert, kehrten danach aber auch gerne wiederholt zu ihrer angestammten Religion zurück. Wenn es ähnliche Vorgänge auch in Worms und in den Nachbarstädten am Rhein gegeben hätte, wäre die Bildung des aschkenasischen Judentums als eines jüdisch-germanischen Mischvolkes durchaus erklärbar.

/Zuerst veröffentlicht am 29.7.2015 auf GA-j!, ergänzt um Ausführungen rund um Literaturangaben 2 bis 4: 29.10.15, verschoben auf den Blog "Studium generale" am 27.11.2015/
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  1. Boppert, W.; Wieczorek, A.: Die Gräber des Ludino und der Pauta aus Worms. In: Die Franken - Wegbereiter Europas. Vor 1500 Jahren: König Chlodwig und seine Erben. Reiss-Museum Mannheim und Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1996, S. 870-872
  2. Wernitz, Rene: Verwirrende Familienchronik des Kalonymos. Ließen sich Juden aus Italien im 10. Jahrhundert von einem König Karl nach Norden locken? In: Brawo (Anzeigenblättchen des Landes Brandenburg), 25.10.2015, S. 6
  3. Balter, Michael: Did Modern Jews Originate in Italy? In: Science, 8.10.2013, http://news.sciencemag.org/biology/2013/10/did-modern-jews-originate-italy
  4. Kaltenstadler, Wilhelm: Judentum, Christentum und Kulturtransfer. In: Nicolas Benzin (Hrsg.): Beiträge zur Kulturgeschichte des Judentums und der Geschichte der Medizin. Band 2, 2010 , S. 23-69

Samstag, 1. August 2015

Die Hälfte aller pädokriminellen Täter waren in ihrer Kindheit selbst Opfer

Es scheint eine erbliche und eine Umwelt-Komponente im Ursachenbündel von pädokriminellem Verhalten zu geben

Abb.: Kindesmissbrauch in Deutschland
Grafik: isotype.com (Wiki)
Die Kommentare, die wir auf Internetblog „Netzwerk B“ von Norbert Denef im April dieses Jahres eingestellt hatten1, sollen hier noch einmal in überarbeiteter und erweiterter Form als Blogartikel erscheinen. Das mag um so sinnvoller sein, als es über dieses Thema in der deutschen Wissenschafts-Berichterstattung noch keinen einzigen Artikel zu geben scheint2.

Ein Artikel im renommierten Wissenschaftsmagazin „Science“ fragte im April, ob die Neigung zu sexueller Gewalt an Kindern zu 40 % erblich, also genetisch wäre. Hinweise, die für eine solche Vermutung sprechen, wurden schon 2013 in einem Bericht in der „Los Angeles Times“ genannt3:
Some of the new understanding of pedophilia comes from studies done on convicted sex criminals at the Center for Mental Health and Addiction in Toronto. (…) Among the most compelling findings is that 30% of pedophiles are left-handed or ambidextrous, triple the general rate. Because hand dominance is established through some combination of genetics and the environment of the womb, scientists see that association as a powerful indicator that something is different about pedophiles at birth. (…) Researchers have also determined that pedophiles are nearly an inch shorter on average than non-pedophiles and lag behind the average IQ by 10 points - discoveries that are consistent with developmental problems, whether before birth or in childhood.
Und aus diesem Grund
most clinicians have given up on changing the sexual orientation of pedophiles in favor of teaching the how to resist their unacceptable desires.
Natürlich ist es verständlich, dass aus solchen Forschererfahrungen und -meinungen heraus dann auch das umstrittene Berliner Projekt „Kein Täter werden“ entstehen konnte, wie dann in diesem Bericht weiter ausgeführt wurde:
Though extolled by many researchers, the same program could not be conducted in the United States or many other countries, where clinicians and others are required by law to notify authorities if they suspect a child has been or could be harmed.
Mit diesen Worten wird schon das moralisch geradezu Ungeheuerliche an diesem Projekt ausreichend gekennzeichnet: Die Täter werden untersucht, ohne dass nach etwaigen Opfern gefragt wird! - Im Wissenschaftsmagazin „Science“ wird weiter ausgeführt4:
Most studies point to early life experiences, such as childhood abuse, as the most important risk factor for becoming a perpetrator of abuse in adulthood.
Natürlich können auch frühkindliche Erfahrungen nur sehr schwer oder gar nicht im späteren Leben geändert werden. Aber es ist ja wohl doch ein Unterschied, ob man sagt, die häufigste Ursache von Pädophilie ist vorgeburtlicher und genetischer Art oder ob man sagt, sie beruht auf frühkindlichen Erfahrungen. Da besteht offensichtlich noch kein echter Konsens in der Forschung.

Dieselbe Autorin Emily Underwood hatte in demselben Wissenschaftsmagazin „Science“ kurz zuvor, im März, einen Überblicksartikel gegeben5. Eine dazugehörige originale Forschungsarbeit erschien in derselben Ausgabe6.

Das wesentliche Ergebnis ist: Menschen, die „nur“ Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit erfahren haben, haben keine erhöhte Wahrscheinlichkeit, selbst wieder als Erwachsene Täter zu werden. Bei Menschen jedoch, die entweder „sexuelle Gewalt“ erfahren haben oder allgemeine Vernachlässigung („neglect“), ist die Wahrscheinlichkeit, als Erwachsene selbst wieder Täter zu werden, verdoppelt. Aus dem erst zitierten Artikel:
CPS reports of sexual abuse were filed for 3.4% in the control group and 7.7% in the abused group; the figures for neglect were 9.5% in the control group and 18% in the abused group.
Zu Deutsch: Für die untersuchte Kontrollgruppe (also „Normalbevölkerung“) gab es 3,4 % Berichte von Vorkommen von sexuellem Missbrauch an die US-Kinderschutzbehörde, während es in der untersuchten Gruppe von schon als Kind missbrauchten 7,7, % waren, die als Eltern wiederum ihre Kinder missbrauchten. Für allgemeine Kindesvernachlässigung betragen die Zahlen 9,5 % für die Normalbevölkerung und 18 % für Eltern, die als Kinder vernachlässigt worden sind, also ebenfalls eine Verdoppelung.

Dabei sollte aber beachtet werden, dass diese Eltern das zumeist nicht selbst an die Wissenschaftler berichtet haben, sondern das erst von deren Kindern, die inzwischen 22 Jahre alt sind, berichtet, bzw. bestätigt wurde.

Aus diesen Zahlen ergeben sich natürlich viele Schlussfolgerungen. Allerdings werden von den Wissenschaftlern noch mancherlei Vorbehalte demgegenüber vorgebracht, dass diese Zahlen als endgültige angesehen werden können, da noch viele Unsicherheiten mit einfließen (wer berichtet was an die US-Kinderschutzbehörde? Was wird nicht berichtet etc.). Diesen Einzelheiten kann an dieser Stelle nicht nachgegangen werden.

Es dürfte sich bei diesen Zahlen aber schon einmal um grobe Annäherungen an die tatsächlichen Sachverhalte handeln. Zusammengefasst ergibt sich also der Eindruck, dass es in 3,4 % der europäischstämmigen Normalbevölkerung eine erbliche oder schwangerschaftsbedingte Neigung zu Pädophilie gibt, dass dieser Prozentanteil aber verdoppelt wird auf 7,7, % durch frühkindliche Erfahrungen.

Als Faustregel wird man deshalb künftig - zumal als Überlebender sexueller Gewalt - im Hinterkopf behalten dürfen: Die Hälfte aller Täter haben in ihrer Kindheit selbst ähnliches erlebt wie das, was sie nun anderen Kindern angetan haben. Wenn dieser Umstand berücksichtigt wird, wird die Beurteilung pädokrimineller Netzwerke sicherlich ein wenig differenzierter!

Inwieweit nun dieselben Prozentsätze auch für Menschen gelten, die Überlebende und/oder Täter generationenübergreifender ritueller, sexueller Gewalt waren oder sind (nach Umfragen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen 10 % aller Menschen, die heute in Deutschland psychotherapeutisch behandelt werden), ist in dieser Studie nicht behandelt. Darauf müsste also sicherlich noch einmal besonders das Augenmerk gerichtet werden, zumal die Kreise, in denen derartiges vorkommt, wie wir immer besser verstehen, unsere Politik sehr stark mitbestimmen, siehe Minister in der Thatcher-Regierung, siehe Kinderschänder-Ring im britischen Parlament, siehe die Tatsache, dass 5 % aller englischen Kinder in den letzten Jahrzehnten Opfer von sexueller Gewalt geworden sind. Ein Versuch der politischen Einordnung dieser Dinge wurde auf dem politischen Nachbarblog „Gesellschaftlicher Aufbruch – jetzt!“ gegeben (GA-j!, 12.7.2015).

Wenn man diese Zusammenhänge etwas länger auf sich wirken lässt, kommt man womöglich zu dem Schluss, dass sowohl zu der erblichen Komponente, wie zu der Umwelt-Komponente bei diesem kriminellen Verhalten zum Schluss immer noch die Eigenverantwortung jenes Menschen tritt, der erwachsen geworden ist. Diese ist die Grundlage der strafrechtlichen Verfolgung von Verbrechen.

Da aber immer deutlicher wird, dass Pädokriminalität ein Herrschaftsinstrument ist, das von Geheimdiensten, dem Jesuitenorden, der katholischen Kirche und vermutlich auch von Teilen der Freimaurerei und ähnlichen elitären Netzwerken "systematisch" genutzt wird, da also deutlich wird, dass diese "systemimmanent" ist zum Beispiel in der ältesten Demokratie der Neuzeit, in Großbritannien, ist es noch viel wichtiger und wesentlicher, über diese elitären Netzwerke aufzuklären und nach Alternativen zu einer gesellschaftlichen Moral zu suchen, die solche Netzwerke toleriert. Der Jesuitenorden würde dabei nicht das erste mal als eine Täterorganisation in vielen Staaten der Welt verboten. Auch die Freimaurerei ist schon in vielen Staaten der Welt verboten gewesen. Und auch die Forderung nach einem nachhaltigen Abbau der weltweiten monströsen und kriminellen Geheimdienst-Strukturen wird in der Politik und Gesellschaft seit Jahrzehnten geäußert. Zwei der Prominentesten, die diese Forderung aufgestellt haben, waren: Erich Ludendorff und John F. Kennedy.

____________________________________________
1Denef, Norbert: Charité Programm ‚Kein Täter werden‘ zeigt erhebliche wissenschaftliche Mängel. Netzwerk B, Pressmitteilung, 13.4.2015, http://netzwerkb.org/2015/04/13/charite-programm-kein-tater-werden-zeigt-erhebliche-wissenschaftliche-mangel/
2zumindest wenn man mit den Suchworten „Emily Underwood Science“ nach diesbezüglichen deutschsprachigen Internetseiten sucht - ein Umstand, der sehr verwundert und der vielleicht auch sehr bezeichnend ist. "Skeptiker" beschäftigen sich offenbar lieber mit wesentlich harmloseren menschlichen Abirrungen als mit Pädokriminalität ...
3Zarembo, Alan: Many researchers taking a different view of pedophilia. A deep-rooted predisposition that does not change. In: Los Angeles Times, 14. January 2013, http://articles.latimes.com/2013/jan/14/local/la-me-pedophiles-20130115
4Underwood, Emily: Reality check – Is sex crime genetic? In: Science, 9. April 2015,http://news.sciencemag.org/brain-behavior/2015/04/reality-check-sex-crime-genetic
5Emily Underwood: Measuring child abuse’s legacy. In: Science, 27. March 2015, Vol. 347 no. 6229 p. 1408 DOI: 10.1126/science.347.6229.1408http://www.sciencemag.org/content/347/6229/1408.full
6Cathy Spatz Widom, Sally J. Czaja, Kimberly A. DuMont: Intergenerational transmission of child abuse and neglect: Real or detection bias? In: Science 27 March 2015: Vol. 347 no. 6229 pp. 1480-1485 DOI: 10.1126/science.1259917http://www.sciencemag.org/content/347/6229/1480.full
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