Samstag, 25. November 2017

Kossinna lacht - er lacht und lacht und lacht ....

Neue Erkenntnisse aus der Archäogenetik zu den Eiszeitjägern, zum Mesolithikum, zum Neolithikum und zur Bronzezeit Europas
Völker machen die Geschichte - So lautet überall die Haupterkenntnis 

Zusammenfassung: Was bisher in der Archäogenetik (Ancient DNA-Forschung) überhaupt nicht klar war, war die Frage, woher nun eigentlich der typisch nordeuropäische Menschentyp herstammen sollte. Seit Mai dieses Jahres beginnt sich diese Verwirrung zu lichten (7, 8): Die blonde Haarfarbe findet sich schon 15.000 v. Ztr. bei Mammutjägern in Sibirien im Genom (7, 8). Blonde Haare gab es bei den osteuropäischen Jägern und Sammlern, nicht aber bei den mittel- und westeuropäischen Jägern und Sammlern (7, 8). Die vorneolithischen Bevölkerungen in Ostmitteleuropa (vom Donauraum bis Lettland) und Skandinavien waren Mischbevölkerungen zwischen west- und osteuropäischen Jägern und Sammlern. Die blonde Haarfarbe gab es auch schon bei dem ausgestorbenen Ertebolle-Volk rund um den Ostseeraum (7, 8). Ebenfalls findet man bei ihnen helle Haut und blaue Augen. Die blonde Haarfarbe gab es dann auch schon - zumindest in Anteilen - bei den Urindogermanen (Yamnaya-Kultur) (7, 8). Nur wie hoch ihr Anteil bei den Trichterbecherleuten ist, darüber findet sich in der Literatur noch keine Angabe. Mit der hier referierten neuen Studie (7, 8) wird deutlich, daß die Erforschung der Gen-Variante "rs12821256", die mit deutlich erhöhter Wahrscheinlichkeit einher geht, blonde Haarfarbe zu haben, viel beitragen wird zur Erhellung des Einflusses der Indogermanen und Germanen auf die Weltgeschichte überhaupt. Aber auch sonst wartet die neue Studie (7, 8) mit einer Fülle von Neuerkenntnissen auf, etwa zu der langen Stabilität der vorindogermanischen Bauernvölker in Ost- und Ostmitteleuropa, der eindrucksvollen Cucuteni-Kultur und der seit 3.100 v. Ztr. Rinderwagen besitzenden Kugelamphoren-Kultur.

Eine parodistische Einleitung 


[Nachtrag 28.11.17] Statt die folgende parodistische Einleitung zu schreiben, hätte der Verfasser vielleicht besser Anfang Juli 2017 auf den 9. Deutschen Archäologie-Kongreß nach Mainz fahren sollen und dort insbesondere an der "AG Theorien in der Archäologie (AG TidA e.V.)" teilnehmen sollen, deren diesjähriges Thema war: "Frage Migration! - Erkenntnistheorien, Argumente, Modelle, Paradigmen". In den Zusammenfassungen der dort gehaltenen Vorträge (s. AG TidA, Programm 2017) wird schon recht schön deutlich, womit sich hier eine jüngere Archäologen-Generation gerade herumschlägt. Der Titel, den Sabine Reinhold (Berlin) für ihren Vortrag gewählt hat, ist so treffend, daß wir ihn auch für diesen Blogartikel hätten wählen können, anstelle des gewählten parodistischen. Denn er lautet so treffend wie durch und durch sachlich: "Völkerwanderung 2.0 oder Wieviel Biologie braucht der Transfer kultureller Praktiken". Schon dieser Titel ist voller Inhalt. Ganz am Ende des vorliegenden Blogartikels haben wir uns genau mit dieser Frage schon beschäftigt, bevor wir von dieser AG in Mainz erfahren hatten. In der Zusammenfassung hält sie lakonisch und richtig fest:
Es scheint doch auch biologische - oder vor allem biologische? - Verbindungen zwischen den Leuten zu geben, die etwa ihre Toten in derselben Form begraben oder eine vergleichbare Region bewohnen.
Ja, offenbar eine ungewohnte Blickrichtung für deutschen Archäologen des Jahres 2017. Nanu, kann denn so etwas sein? Wir verfallen immer gleich wieder in den unernsten Tonfall, wenn wir uns mit innerwissenschaftlichen Diskussionen heutiger deutscher Archäologen im Umfeld der neuen Ergebnisse der Archäogenetik befassen. Wir wollen es vermeiden. Es gelingt uns nicht. Es wird nämlich gleich noch schlimmer. Stefan Burmeister (Kalkriese) hielt einen Vortrag mit dem vielsagenden Titel: "Wolf im Schafspelz - Schaf im Wolfspelz? Prähistorische Mobilität im Fokus von Molekularbiologie und Archäologie". Laut Zusammenfassung möchte er den Wolf im Schafspelz (die Biologie und Genetik) am liebsten umwandeln zum Schaf im Wolfspelz. - - - Dazu muß der Wolf Kreide fressen, schießt einem dazu als Gedanke durch den Kopf. Schlimm, man kann sich der Parodien kaum erwehren, wenn man den Gesprächen der Archäologen untereinander zuhört. Somit mißlingt auch dieser neue Versuch einer Einleitung zu dem folgenden Blogartikel.

In ihrem Vortrag "Gruppen in Genetik und Archäologie - Die Frage nach der Nomenklatur genetischer Cluster" hat Stefanie Eisenmann (Jena) ihr neues "Max Planck Harvard Research Center for the Archaeoscience of the Ancient Mediterranean" vorgestellt. In diesem will sie sich mit den Ergebnissen der neuen Archäogenetik auseinander setzen. Der verdiente Mainzer Archäogenetiker Wolfgang Haak versuchte dann - sicherlich als Wolf im Schafspelz - ganz viel Kreide zu fressen und sprach "Über Migrations- und Vermischungsnarrative der Archäogenetik". Ja, als wir mit diesem zweiten Versuch einer Einleitung ansetzten, hatten wir eigentlich auch noch die Absicht gehabt, Kreide zu fressen und wollten die bisherige parodistische Einleitung ersetzen. Nein, auch schon diese Zusammenfassungen liefern wieder Steilvorlagen aller Art für Parodien aller Art, so daß wir uns offenbar derselben tatsächlich in der Einleitung nicht enthalten können, bevor wir dann endlich einfach nur auf die Sachthemen zu sprechen kommen.

Der Verfasser dieser Zeilen ist in sehr ausgesprochenem Masse ein Anhänger der "fröhlichen Respektlosigkeit" des Nobelpreisträgers Max Delbrück. Und auch im Doktorandenkreis von Max Delbrück hat man sich gerne gegenseitig parodiert. Auch in der Wissenschaft, so könnte man einmal festhalten anhand dieses Beispiels, sollte der Humor nicht zu kurz kommen. Sonst wird man humorlos und macht sich - vielleicht - vor der ganzen Welt lächerlicher als es einem selbst bewußt ist. Deshalb bleibt sie nun stehen, die erste Version unserer Einleitung, die wir vor drei Tagen schrieben. Auch den Titel lassen wir wie er ist. Obwohl beim Verfasser immed wieder der Wunsch aufkommt, auf Parodierendes, Unernstes zu verzichten.

***

Mit einem behaglichen und zugleich brachialen Gelächter, so schaut der alte Gustaf Kossinna (1858-1931) (Wiki), jener deutsche Archäologe, der die simple These aufgestellt hat, daß archäologische Kulturen Völker sind (Abb. 1), aus seinem Himmelsstübchen herab. Um dieser These willen war er seit 1945 von den deutschen Archäologen viel kritisiert worden, ja, mitunter ganz tabuisiert worden. Und nun lacht er aus seinem Himmelsstübchen herab, hinunter auf seine Nachfolger (1-3).


Abb. 1: Gustaf Kossinna, 1936 (zuerst 1927)


Ein Archäologe, Volker Heyd, hat ihn dabei beobachtet (2). Und er hat im April-Heft der Zeitschrift "Antiquity" der Welt davon berichtet ("Kossinna's smile") (2). So manche Archäologen dürfte er dabei im Gespräch miteinander belauscht haben.*) Und erst jetzt wird auch vielen anderen Archäologen allmählich bewußt, daß dieser alte Herr Gustaf Kossinna (Gustaf übrigens mit f, nicht mit v geschrieben) gar nicht in der Hölle schmort, wo sie ihn seit so vielen Jahren schon hingewünscht hatten, sondern daß er droben im sonnigen Archäologen-Himmel sitzt. Und daß er dort lacht und lacht und lacht ... (2, 3).

Er hatte lange stille gesessen dort oben im Himmel. Er hatte lange geschwiegen. Er hatte lange Zeit nur traurig den Kopf geschüttelt. Über die Verbiestertheit und Verklemmtheit seiner vielen Nachfolger. Aber in beschaulicher Betrachtung hat er sich die Weltenläufe hier unten angesehen. Und er wußte ja doch, daß seine Zeit letztlich noch kommen würde. Und siehe da - "ein Jahrhundert wie ein Wimpernschlag": Und schon war sie da, im Jahr 2015, seine Zeit. Und ganz, ganz leise, ganz, ganz sanft begann sich ein Schmunzeln auf seinem Gesicht auszubreiten, ganz sanft (1-6). Und allmählich fing er immer mehr an zu lächeln, allmählich mehr fing er sogar an zu lachen.


Abb. 2: Gustaf Kossinna im Gespräch mit Paul von Hindenburg, 27. August 1915 in Ostpreußen
(Abbildung aus Kossinna's Buch "Ursprung und Verbreitung ...", 1934, gleich neben dem Titelblatt)


Monat für Monat kamen neue Ancient-DNA-Studien heraus. Und mit jeder neuen Studie, die herauskam, wurde sein Lachen lauter und breiter und immer lauter und immer behaglicher. Und neben ihm, da saß der alte Hindenburg, der alte Knaster, Kriegshelden-Darsteller aus alter deutscher Heldenzeit, sein Freund (Abb. 2), vergrämt und verbittert und voller Mißtrauen über die Nachwelt. Und der wurde doch tatsächlich von dem Lachen seines Freundes Kossinna angesteckt. Und da lachten sie vereint. Und das Lachen wurde immer grausiger. Oh, so grausig.

Abb. 3: Gustaf Kossinna -
sein Nachname stammt aus Masuren
in Ostpreußen
Und jetzt schreiben wir schon das Jahr 2017. Monat für Monat kommen neue Ancient-DNA-Studien heraus. Kossinna und all die alten Kracher da oben im Himmel kommen gar nicht mehr nach mit dem Lesen, mit dem Studieren und mit dem Lachen. Ihr Lachen ist längst in ein schreckliches, furchtbares, brachiales, tösendes und tobendes Gelächter ausgeartet (7, 8). Dieser alte Kossinna da oben im Himmel, dieser Masure - "So zärtlich war doch sein Suleiken" (Wiki) - er führt Freudentänze auf und feiert Orgien, Orgien von Fröhlichkeit und Ausgelassenheit. Und sollte man es denken? Auch der alte Hindenburg hopst mit! Ja, wirklich. Er hopst mit! Und alle die Nachfahren von dem Kossinna, die deutschen Archäologen, sie stopfen sich - zutiefst erbost - die Ohren ob des ohrenbetäubenden Lärms da oben im Himmel.

Sie beginnen am Himmel selbst zu zweifeln, sie werden Ungläubige, Atheisten: Wenn selbst ein Kossinna in den Himmel kommt, wer ist dann noch davor gefeit, nicht auch noch mit ihm irgendwann im Himmel sitzen zu müssen? So fragen sie sich. Und sie rufen: Wahn, Wahn, die ganze Welt ist voller Wahn. Und sie werden ins Irrenhaus gesperrt .... Dort murmeln sie nur noch vor sich hin mit verdrehten Augen.

Dabei werden sich die jüngeren und geistig Beweglicheren unter deutschen Archäologen allmählich bewußt, daß sie eigentlich schon froh sein sollten, wenn ihnen der Gott der Wissenschaft nicht seine strafenden Blitze herab sendet auf ihr Haupt, um ihrer Jahrzehnte langen Verklemmtheiten und Verbiesterheiten willen, um derentwillen sie mit hohlem, politisch korrekten Uminterpretieren von Sachverhalten, die zu Tage lagen wie die helle Sonne, ständig so weiter gemacht hatten, Jahrzehnte lang, goutiert von allen Menschen, die "guten Willens sind" und die Völker nicht mehr Gedanken Gottes nennen können, sondern vom Teufel auf diese Erde gesandt, um Unfrieden zu stiften. Ach ja, die Welt ist wirklich nicht mehr so wie man sie sich wünschen möchte, so seufzen die Archäologen. Und wünschen sich zurück in die schöne Zeit der 1970er Jahre als ihre Welt, zumindest ihre Welt noch in Ordnung war ...**)

Blonde Haarfarbe vor 17.000 Jahren in Sibirien


Nun aber Schluß mit lustig und Geschichten erzählen. Butter bei die Fische. Kommt man doch tatsächlich kaum noch hinterher damit, all die neuen Erkenntnisse aus der Ancient-DNA-Forschung auszuwerten, die schon vorliegen. Und wird man tatsächlich einigermaßen irre dabei, das alles auszuwerten, was da an Sturzflüssen über einen herein bricht. Englischsprachige Wissenschaftsblogs werten schon fleißig und regelmäßig aus. Aber auf deutschsprachigen Wissenschaftsblogs ist gähnende Leere und Funkstille zu verspüren (abgesehen von dem vorliegenden Blog). Wie gesagt: Alle Archäologie-Beschäftigten verstopfen sich hier in Deutschland die Ohren, sie wollen es nicht hören, sie wollen, wollen, wollen nicht. Aber schon im März 2017 ist im Preprint eine neue Ancient-DNA-Studie von David Reich und zahllosen Mitarbeitern erschienen "The Genomic History of Southeastern Europe" (7). Genom-Daten von 204 neuen, archäologisch gewonnenen Individuen Osteuropas werden ausgewertet und in Bezug gesetzt zum bisher schon Bekannten. Die vielleicht umwälzendsten Ergebnisse dieser Studie findet man im Anhang (8). Diese sollen zuerst referiert werden. Denn ihnen gegenüber sind die anderen, auch umwälzenden Ergebnisse noch überwälzender. Denn: Sogar die Herkunft der blonden Haarfarbe der Nordeuropäer scheint sich nun aufzuklären. Sie ist schon 17.000 Jahre alt (8):
The derived allele of the KITLG SNP rs12821256 that is associated with - and likely causal for - blond hair in Europeans is present in one hunter-gatherer from each of Samara, Motala and Ukraine (I0124, I0014 and I1763), as well as several later individuals with Steppe ancestry. Since the allele is found in populations with EHG but not WHG ancestry, it suggests that its origin is in the Ancient North Eurasian (ANE) population. Consistent with this, we observe that the earliest known individual with the derived allele (supported by two reads) is the ANE individual Afontova Gora which is directly dated to 16130-15749 cal BCE (14710±60 BP, MAMS-27186: a previously unpublished date that we newly report here). We cannot determine the status of rs12821256 in Afontova Gora 2 and MA-1 due to lack of sequence coverage at this SNP.
Die blonde Haarfarbe tritt also nach derzeitigem Kenntnisstand zum ersten mal auf bei einem Individuum, das um 15.000 v. Ztr. bei Afontova Gora lebte. Es waren dies Mammutjäger, die am Jenissei bei Krasnojarsk in Sibirien lebten (Wiki), 4.100 Kilometer östlich von Moskau (Wiki). Dort finden seit 1912 Ausgrabungen statt. Die hier genannte Ausgrabungsstätte Samara steht für Vorfahren der Indogermanen (bzw. wohl schon für Indogermanen selbst), die Ausgrabungsstätte Motala in Mittelschweden (Anc. Orig. 2014, Academiasteht (vermutlich) für die Ertebolle-Kultur im Ostseeraum. In beiden Völkern gab es also Blonde. Und ebenso dann bei den Indogermanen selbst. Damit dürfte jetzt in Grundzügen die Ethnogenese der nordeuropäischen Völker zu verstehen sein. Solange die blonde Haarfarbe bei den osteuropäischen Jägern und Sammlern, bei den Ertebolle-Leuten und den Indogermanen nicht bekannt war, kam einem alles noch ein bisschen "spanisch" (will heißen: rätselhaft, verwirrend) vor. Von Interesse ist natürlich nun vor allem auch, ob es das C-Allel dieses SNP, das mit blonder Haarfarbe korreliert, auch schon bei den Trichterbecherleuten gab. Vielleicht wird künftig für die Betrachtung des Einflusses der Indogermanen und Germanen auf die Weltgeschichte rs12821256 auch sonst sehr erhellend sein. Schon jetzt findet man auf dem deutschen Wikipedia die nicht uninteressante Passage (Wiki):
Der blonde, hellhäutige und blauäugige Menschentyp (...) Nach antiker Quellenlage fanden sich solche Menschen auch in Nordafrika (Libysche Invasion in Ägypten 1227 v. Chr.), Zentralasien (Stamm der Yuezhi lt. chinesischer Quellen aus dem 2. Jh. v. Chr.) oder nördlich des schwarzen Meeres (Skythen nach Herodot, 5. Jh. v. Chr.).
Und auf dem englischen Wikipedia (Wiki) ist die Verbreitung von blonden Menschen in der griechischen und römischen Antike anhand von Kunstwerken und damaliger Literatur sogar schon überraschend ausführlich dokumentiert. Der griechische Dichter Homer beispielsweise nannte sehr viele Personen seiner Dichtung blond. Eine Fülle von antiken Darstellungen blonder Menschen in der Kunst ist auf dem Artikel dokumentiert (Wiki). Und bei der Durchsicht derselben erinnert man sich daran, daß die Verbreitung blonder Haare schon in den Büchern von Hans F. K. Günther eine nicht geringe Rolle spielte. Dort las man, daß siebzig Prozent der Menschendarstellungen auf den Wandmalereien in Pompeji hellhaarig waren. Und all diese Umstände zeigen, daß der spätantike Untergang indogermanischer Kulturen von den blonden Tocharern an der Seidenstraße über die Sogder und Perser bis zu den Griechen und Römern im Mittelmeerraum auch mit einer Veränderung der Häufigkeit eines bestimmten anthropologischen Typus einhergegangen ist. Das wird in den nächsten Jahren sicher auch noch deutlicher von der Ancient-DNA-Forschung aufgearbeitet werden.

Und da man ja zu allem immer auch noch einmal ein persönlicheres Verhältnis entwickelt, wenn man die erörterten Gensequenzen mit seinen eigenen vergleicht, noch ein Blick in den Rohdatensatz der Sequenzierung der Gene des Verfassers dieser Zeilen über "23andme", einsehbar auf OpenSNP. Der Verfasser dieser Zeilen hat braune Haare und er hat für rs12821256 TT, also die evolutionär ursprünglichere, nicht blonde Variante (s. OpenSNP, dort unter "other users" als "Ingo Bading" zu finden; s.a. SNPediaOMIM). "Dabei war ich doch als Kind so blond," könnte ich jetzt wie viele andere sagen. (Das ist aber eine typische Erscheinung bei hellhäutigen Menschen, die auf Wikipedia auch erörtert wird.) (Und - großer Mist: Im Rohdaten-Satz der Mutter des Verfassers dieser Zeilen, sequenziert vor einigen Wochen über "MyHeritage", lassen sich Angaben zu diesem SNP nicht finden. Immer weniger neigt man aufgrund solcher Beobachtungen dazu, "MyHeritage" zur Sequenzierung zu empfehlen, obwohl das dort gerade nur 39 Euro kostet. Aber die gelieferte Dateiform des Rohdatensatzes wird nicht von jeder Datenbank akzeptiert, was schon für sich sehr ärgerlich ist und erhöhten Aufwand mit sich bringt. Aber das nur nebenbei.)

Erwachsenen-Rohmilch-Verdauung vor 12.000 Jahren im Rhonetal

Auch zur Herkunft, Entstehung und Ausbreitung der angeborenen Erwachsenen-Rohmilch-Verdauung, für die sich Humangenetiker seit Jahrzehnten so stark interessieren, gibt es neue, allerdings noch nicht sehr stark abgesicherte Erkenntnisse:
The approximately 12,000 year old WHG individual Iboussieres-25 appears to carry the derived allele at the SNP rs4988235 that is strongly associated with lactase persistence in present-day Northern Europeans. Four reads at this SNP all carry the derived allele, although we caution that this is a C>T SNP in a non-UDG treated sample and so might be affected by deamination, and two reads at neighboring SNPs do not support the persistence haplotype, at least in a homozygous state (Supplementary Figure S2.3). The observation of this allele, long before domestication and dairying, would be surprising, but might be consistent with observation of lactase persistence in early Neolithic populations in Iberia and Sweden - observations that were themselves surprising based on the absence of persistence in large samples of Anatolian Neolithic and LBK individuals. One possibility is that the allele was widely distributed at low frequencies before being strongly selected in the Bronze Age, perhaps due to the spread of dairying.
Erwachsenen-Rohmilch-Verdauung könnte also schon bei westeuropäischen Jäger-Sammlern um 10.000 v. Ztr. im Rhone-Tal westlich der Alpen vorgelegen haben. Und deshalb überraschend früh auch bei den Trichterbecherleuten, den ersten Bauern in Skandinavien. Daß es die Trichterbecherleute bei ihrer Milchviehhaltung brauchten, ist nachvollziehbar, aber wozu brauchten die dieses Gen vor 12.000 Jahren im Rhone-Tal? Das ist in der Studie nicht weiter behandelt, aber es kann gefragt werden: Haben die sich etwa von ihren Frauen auch noch im Erwachsenenalter "stillen" lassen? Eine solche Möglichkeit könnte ja auch einmal völkerkundlich aufgearbeitet werden. Erinnert man sich doch daran, daß Frauen auf Papua Neuguinea auch kleine Schweinchen, die im Haushalt leben, stillen. Und immerhin ist ja ein solches Geschehen unter Erwachsenen - als "Caritas Romana" - in der europäischen Kunstgeschichte, auch in der christlichen immer wieder einmal thematisiert worden (Wiki). Und 1903 wurde von einem Carl Buttenstedt regelmäßiges Trinken an den Brüsten der Ehefrau sogar zur Empfängnisverhütung vorgeschlagen (Wiki). Na, wenn das keine Idee ist.

Helle Haut und blaue Augen bei den Ertebolle-Fischern an der Ostsee


Allgemeiner schreiben die Wissenschaftler über die west- und osteuropäischen (mesolithischen) Jäger-Sammler-Populationen (7):
There is also substructure in phenotypically important variants (Supplementary Information Note 2).
Und über diese phänotypische Varianz heißt es im Anhang (8):
At least some Mesolithic hunter-gatherer groups had combinations of phenotypes that are unusual in present-day populations. In particular, western European hunter-gatherers (WHG) typically lacked the variants that contribute to light skin pigmentation in present-day Europeans, though the OCA2/HERC2 variant that is the major determinant of light (including blue) eye color was common.
Die westeuropäischen Mesolithiker hatten also - wie man schon aus anderen Studien erfahren hatte - dunkle Haut und blaue Augen, eine ungewöhnliche Kombination. Die Gründe für diese auffallende Merkmalskombination könnten in einem genetischen Flaschenhals-Ereignis gefunden werden. Heißt es doch weiter:
Mesolithic hunter-gatherers have been shown to have had lower genetic diversity than either Neolithic farmers, or present-day Europeans.
Die mesolithischen Gruppen waren also intern genetisch einheitlicher als die nachfolgenden Bauern und die heutigen Europäer. Die genetischen Daten legen nahe
a stronger bottleneck in WHG relative to EHG
also ein stärkeres populationsgenetisches Flaschenhals-Ereignis für die westeuropäischen Mesolithiker als für die osteuropäischen. Sie gingen also aus einer kleineren Gründerpopulation hervor als die osteuropäischen und waren deshalb genetisch noch einheitlicher als die osteuropäischen. Das werden populationsgenetische Flaschenhals-Ereignisse am Ende der Eiszeit und bei der Ausbreitung des Waldes in Mitteleuropa gewesen sein. Oder sie sind noch älter? Weiter:
We show that Mesolithic and Neolithic individuals from Ukraine, Latvia and the Iron Gates had, like Scandinavian and Eastern hunter-gatherers, intermediate to high frequencies of the derived skin pigmentation allele at SLC24A5. Unlike Scandinavian and Eastern hunter-gatherers, however, they have low frequency of the derived SLC45A2 allele.
Wenn ich das recht verstehe, hatten also die skandinavischen und osteuropäischen Mesolithiker (sprich Ertebolle-Kultur und zeitgleiche) helle Hautfarbe sogar aufgrund von zwei Genvarianten, die weiter südlicher lebenden ebenfalls helle Hautfarbe, aber nur aufgrund einer Genvariante. Beide kombinierten helle Hautfarbe mit blauen Augen. Bei ihnen war also tatsächlich schon jener heutige nordeuropäische Phänotyp vorhanden, der bei den zuwandernden mediterranen Bauern doch offenbar nicht vorhanden war. Weiter:
The derived OCA2/HERC2 allele associated with light (particularly blue) eye color is common in WHG, SHG, and hunter-gatherers from Latvia, but at low frequency in hunter-gatherers from Ukraine and the Iron Gates. 
Blaue Augen gab es also bei den Mesolithikern im Norden Europas - aber nicht so häufig in der Ukraine und am Eisernen Tor im Donauraum. So langsam formt sich von der Ancient-DNA-Forschung her ein Bild, das mit allen uns bekannten historischen Erscheinungen nun endlich auch zusammen paßt. Weiter heißt es über die blaue Augenfarbe:
This allele appears to be differentiated in a North-South gradient, as it is today - suggesting the possibility of long-term balancing selection due to geographic variation in selective pressure. The WHG phenotype of light eye and dark skin pigmentation thus appears to be restricted to western Europe and is far from universal in European hunter-gatherers, with light skin pigmentation common in Northern and Eastern Europe before the appearance of agriculture.
Ja, jetzt ist das Bild allmählich "rund". Vieles, was man bis dato noch nicht richtig hatte einordnen können, was irgendwie "counter-intuitive" war, würde sich damit klären.

Typisch ostasiatische genetische Merkmale bei den Ertebolle-Fischern an der Ostsee


Jene Variante des EDAR-Gens, das bei den Ostasiaten dickeres Haar, eine größere Zahl von Schweißdrüsen in der Haut, kleinere Brüste und die bei ihnen typischen Zahnmerkmale hervorruft (ganz schön viel für eine Genvariante!) (Wiki), fand sich schon in einer Ancient-DNA-Studie aus dem Jahr 2015 bei drei (von sechs) Individuen in Motala in Schweden (also Ertebolle) (5.900-5.500 v. Ztr.), dann bei zwei Individuen der urindogermanischen Afanasevo-Kultur in Sibirien (3.300-3.000 v. Ztr.) und bei einem Skythen (400-200 v. Ztr.). Damit in Übereinstimmung findet es sich nun auch bei einem mittelneolitischen Letten:
The derived allele of rs3827760 in EDAR, which is common and has been a target of strong selection in the ancestors of present-day East Asians, is present in a single copy in one Middle Neolithic individual from Latvia (I4435), consistent with previous observations of the allele in hunter-gatherers from Motala in Sweden. This continues to support the possibility that this allele may have originated in the Ancient North Eurasians and not in ancestral East Asians.
Nun, man möchte meinen, daß nach den bisherigen Zeitstellungen dieser Variante die Möglichkeit auch nicht ausgeschlossen sein muß, daß sie sich mit der Keramik, mit der Hirse und mit der osteuropäischen Hausmaus von Ostasien aus unter den Völkern Osteuropas ausgebreitet haben könnte. Aber diesbezüglich wird wohl noch nicht das letzte Wort gesprochen sein.

Innereuropäische Wanderungen und Vermischungen im vorneolithischen Mesolithikum?


Nach diesem einleitenden Blick in den "phänotypischen" Anhang zurück in die Hauptstudie. Über die ausgewerteten Genreste in Menschenknochen der Ukraine wird gesagt (7):
On the cline from WHG- to EHG-related ancestry, the Mesolithic individuals fall towards the East, intermediate between EHG and Mesolithic hunter-gatherers from Sweden (Figure 1B). 
Also die ukrainischen Mesolithiker stehen auf der Mitte zwischen skandinavischen und osteuropäischen Mesolithikern. Ob es da zuvor eine Vermischung gegeben hat? Sind Leute der Ertebolle-Kultur Richtung Süden gewandert oder umgekehrt? Hier stellen sich - meines Wissens - ganz neue Fragehorizonte an die Archäologie. Nach einer noch neueren archäogenetischen Studie aus dem Juli 2017 (13) betrug der genetische Anteil der nordosteuropäischen Mesolithiker im Norden und Westen Skandinaviens 55 % und auf den Ostseeinseln und in Lettland 35 %. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse wird vorgeschlagen, daß das eisfreie Skandinavien, vor allem die Südküste der Ostsee erst von den mittel-, bzw. westeuropäischen Mesolithikern besiedelt wurde, und daß später die Nordküste der Ostsee von osteuropäischen Mesolithikern besiedelt wurde. Beide Gruppen hätten sich dann im Ostseeraum miteinander vermischt (13):
The SHGs from northern and western Scandinavia show a distinct and significantly stronger affinity to the EHGs compared to the central and eastern SHGs. Conversely, the SHGs from eastern and central Scandinavia were genetically more similar to WHGs compared to the northern and western SHGs.
Und weiter zum ukrainischen Neolithikum (7):
The Neolithic population has a significant difference in ancestry compared to the Mesolithic (Figures 1B, Figure 2), with a shift towards WHG shown by the statistic D (Mbuti, WHG, Ukraine_Mesolithic, Ukraine_Neolithic); Z=8.9 (Supplementary Information Table 2).
Das Neolithikum (das hier nur Keramik und noch nicht Ackerbau bedeutet haben wird) soll im Zusammenhang mit einer Zuwanderung durch westeuropäische Mesolithiker entstanden sein. Diese westeuropäischen Mesolithiker waren überhaupt weit verbreitet, nämlich in einem Gebiet zwischen Sizilien im Süden, dem Balkan im Osten und dem Atlantik im Westen, sowie im Norden bis Luxemburg, Skandinavien und Lettland (7). Damit würden viele bislang doch als sehr eigenständige und unterschiedlich angesprochene europäische Fischer-Kulturen (Wiki) als genetisch sehr einheitlicher Herkunft aufgezeigt werden. Vierzig Individuen aus der Gegend des Eisernen Tors im Donauraum konnten in dieser Studie neu untersucht werden. Sie haben 85 % westeuropäische und 15 % osteuropäische Gene. Wie kann man sich die Ausbreitung dieser westeuropäischen Mesolithiker vorstellen? Mitteleuropa war ja flächendeckend mit Wald bedeckt. Vornehmlich kann das über Gewässer vonstatten gegangen sein. In der Endzeit des Mesolithikums hat sich im westlichen Teil dieser Region die sagenumwobene La-Hougette-Keramik (Wiki) ausgebreitet.

Der Donauraum im Frühneolithikum - Auch hier gab es in Rückzugsräumen einheimische Fischer


So weit zum Mesolitikum. Nun zum Neolithikum. Im folgenden wird dazu schon viel vorausgesetzt, was in früheren Blogbeiträgen behandelt worden ist (14-16) und es wird nur noch zusätzlich das referiert, was an neuen Erkenntnissen durch die neue Studie (7) hinzu kommt. Auch bei Lepenski Vir an der Eisernen Pforte in Serbien im Donauraum finden sich Mischbevölkerungen, die hauptsächlich von Fischen leben neben rein medierranen Bauernvölkern, die bäuerliche Ernährung haben. Ähnliche Verhältnisse also wie sie schon aus der Blätterhöhle in Westfalen und am Schweriner See im Ostseeraum im Früh- bis Mittelneolithikum bekannt geworden waren. Die Einheimischen lebten weiter ihren bisherigen Lebensstil in Rückzugsräumen, vermischten sich aber auch mit den Zuwanderern. Da sie aber viel kleinere Populationsgrößen hatten, war ihr genetischer Anteil auch in späteren Generationen der Zuwanderer zunächst nicht sehr groß. Solche Mischbevölkerungen scheinen sich als Ausnahmen auch anderswo auf dem Balkan zu finden, wo aber ansonsten - wie auch sonst in Europa - eine einheitliche mediterrane Bauernbevölkerung siedelt.

In der Kupferzeit steigt auch in den Bauernkulturen des Balkanraumes wieder der Genanteil der einheimischen Bevölkerung. Überall ein ähnliches Bild. Verrückt. Gleichzeitig tritt damit wieder vermehrt Grablegung in Rückenlage auf wie bei den Mesolithikern, während die mediterranen Bauern Hockerlage kannten.

Die Pelasger im Peloponnes stammen aus dem Kaukasus


Eine besondere Geschichte ist auf der Peloponnes in Griechenland zu finden. Hier fanden sich fünf bäuerliche Individuen mit einer genetischen Herkunft von Jäger-Sammlern aus dem Kaukasus ("Caucasus Hunter Gatherers" = CHG)! Darüber heißt es (7):
D-statistics (Supplementary Information Table 2) show that in fact, these "Peloponnese Neolithic" individuals dated to ~4000 BCE are shifted away from WHG and towards CHG, relative to Anatolian and Balkan Neolithic individuals. We see the same pattern in a single Neolithic individual from Krepost in present-day Bulgaria (I0679_d, 5718-5626 BCE). An even more dramatic shift towards CHG has been observed in individuals associated with the Bronze Age Minoan and Mycenaean cultures, and thus there was gene flow into the region from populations with CHG-rich ancestry throughout the Neolithic, Chalcolithic and Bronze Age. Possible sources are related to the Neolithic population from the central Anatolian site of Tepecik Ciftlik, or the Aegean site of Kumtepe, who are also shifted towards CHG relative to NW Anatolian Neolithic samples, as are later Copper and Bronze Age Anatolians.
Aus Mittelanatolien haben sich also bäuerliche Kulturen nach dem Peloponnes und nach Bulgarien ausgebreitet unabhängig von der sonst in Europa zu beobachtenden Ausbreitung der nordwestanatolischen Bauern. Und diese Bevölkerungen scheinen auch die Ausgangspopulation gewesen zu sein für die Besiedelung Kretas in minoischer und mykenischer Zeit. Also sind das doch die - - - Pelasger (Wiki)! Man hütet sich in der Studie, ihren Namen zu nennen. Aber sie stehen doch wie der Elefant, den keiner zu nennen wagt, mitten im Raum. Unglaublich faszinierende Geschichten. Geschichten, die oft die betreffenden Völker selbst von sich gar nicht gewußt haben werden. Oder können die Pelasger gewußt haben, daß sie aus dem Kaukasus stammten?

Männer machten die Geschichte - Auch im Mittelneolithikum


Außerdem wird ausgeführt, daß der Wiederanstieg der einheimischen Genfrequenzen in den mittelneolithischen Kulturen Europas insgesamt mehr auf Männer als auf Frauen zurück zu führen ist (7). Natürlich haben wieder einmal die Männer die untergehende Bandkeramik bekriegt und unterworfen, die Männer häufiger als die Frauen getötet und die Frauen geheiratet. Klar, so machte man das doch als Mann und Krieger bis in antike Zeiten hinein. Für die Schnurkeramiker wurde das ja schon früher festgestellt.

Abb. 4: Ausbreitung der anatolisch-neolithischen Bauern nach Mitteleuropa (rot) und in die Ukraine (blau)
(Herkunft: Archaeo3D, Institut für Archäologie, Prag) 

Ab 6.000 v. Ztr. breitete sich - ausgehend von der Starcevo-Kultur auf dem Balkan, die Körös-Kultur (Wiki) nach Ungarn und im Karpatenbecken aus. Am Plattensee in Ungarn entstand aus ihr um 5.700 v. Ztr. die völlig neue Kultur der Bandkeramik mit ihren Langhäusern. Ihr östlicher Zweig wird die Alföld-Linearkeramik (Wiki) bezeichnet. Sie ist ebenfalls durch Langhäuser gekennzeichnet. Letztere breitete sich - zeitgleich zur mitteleuropäischen Bandkeramik - 5.500 bis 4.900 v. Ztr. entlang des Nordrandes der Karpaten nach Süden Richtung in der heutigen Ukraine aus. Um 4.900 v. Ztr. löste sich europaweit die Bandkeramische Kultur in Nachfolgekulturen auf. In Ungarn etwa bildete sich die Lengyel-Kultur, in der erstmals archäologisch Volkssternwarten auftreten, also die tempelartigen "Kreisgrabenanlagen" (Wiki), die mit astronomischen Bezügen errichtet wurden und deren berühmteste Stonehenge werden sollte. Es dürfte von nicht geringem Interesse sein, daß auch diese Kreisgrabenanlagen, die später von den indogermanischen Zuwanderern weiter benutzt worden sind (auch Stonehenge), nicht selbst indogermanischen Ursprungs waren, sondern erstmals von den Nachkommen der anatolisch-neolithischen Bauern des Frühmittelneolithikums errichtet wurden, also nachdem sie sich mit noch ein paar mehr europäischen Jäger-Sammler-Nachkommen vermischt hatten als die Bandkeramiker.

In der Bukowina am Ostrand der Karpaten, im Grenzgebiet zwischen dem heutigen Rumänien und der heutigen Ukraine entstand um diese Zeit die berühmte großartige, außerordentlich eindrucksvolle Cucuteni-Tripolye-Kultur (4.800-3.000 v. Ztr.) (Wikiengl.). Sie breitete sich von dort über 500 Kilometer hinweg nach Osten aus über den Dnjestr hinweg bis zum Dnjepr. In ihrer mittleren Phase, um 4.000 v. Ztr., brachte sie ihre auffälligen, bemerkenswerten "Großsiedlungen" (Abb. 5) hervor, um der sie bekannt geworden ist. In ihrer Endphase, um 3.500 v. Ztr., wurde vermutlich von ihr der von Rindern gezogenen Wagen erfunden. Nach der hier erörterten archäogenetischen Studie vom Mai 2017 könnte sie auch an der Domestikation des Pferdes beteiligt gewesen sein (was ja nicht so fern liegt, wenn man schon einmal Rinder als Zugtiere benutzt).

4.900 v. Ztr. - Die Sredny-Stog-Kultur in der Ukraine war nicht indogermanisch


Menschen der Cucuteni-Kultur, bzw. ihre Verwandten finden sich jedenfalls 4.900 v. Ztr. an dem berühmten Ausgrabungsort Dereivka (Wiki) am Westufer des Dnjepr (7): 
Unexpectedly, one Neolithic individual from Dereivka (I3719), which we directly date to 4949-4799 BCE, has entirely NW Anatolian Neolithic-related ancestry.
Die dortigen Funde werden der Sredny-Stog-Kultur zugerechnet, die damit dem Völkerkreis der anatolisch-neolithischen Völker zuzurechnen ist und erst später von der indogermanischen Yamnaja-Kultur überlagert wurde. So weit nach Osten also drangen die mediterranen Bauern in der Ukraine vor. Und "überraschender Weise" heißt es in der neuen Archäogenetik-Studie vermutlich, weil nach der Meinung vieler Archäologen Dereivka als der Ort der Pferdedomestikation angesehen wird. Insbesondere David Anthony hat diese Meinung mit guten Gründen vertreten (Wiki):
This site is known primarily as a probable site of early horse domestication due to a high percentage of horse bones found at the site. (...) Of interest is some apparently equivocal evidence for fenced houses. Two cemeteries are associated, one from the earlier (neolithic) Dnieper-Donets culture and one from the Sredny Stog culture, of the Copper Age. The habitation site included three dwellings and six hearths, each containing hundreds of animal bones. Of all the bones, approximately 75% came from horses, possibly exploited by the inhabitants only as food staple. As a part of the Sredny Stog complex, it is considered to be very early Indo-European, and probably, Proto-Indo-European, within the traditional context of the Kurgan hypothesis of Marija Gimbutas, though Sredny Stog is itself pre-kurgan as to burial rite.
Ja, und nun weist die Archäogenetik zunächst einmal die Vermutung zurück, daß die Sredny Stog-Kultur indogermanisch wäre. Erst ab 3.600 v. Ztr. kamen an diesen Ort die Indogermanen, obwohl Indogermanen schon ab 4.700 v. Ztr. in Varna in Bulgarien zu finden sind (siehe unten). Beide Daten deuten darauf hin, was sich auch schon in der Archäologie angedeutet hatte, jetzt aber bestätigt ist, daß schon die Vorgänger-Kultur der Yamnaya expansiv war (7):
Two Copper Age individuals (I4110 and I6561, Ukraine_Eneolithic) from Dereivka and Alexandria dated to ~3600-3400 BCE (and thus preceding the Yamnaya complex) have mixtures of steppe- and NW Anatolian Neolithic-related ancestry (Figure 1D, Supplementary Data Table 2).
Es kam also ab 3.600 v. Ztr. zur Vermischung der östlichen Indogermanen mit den ansässigen Bauern mediterraner Herkunft. Und man ist jetzt sehr gespannt, wie der Archäologe David Anthony als einer der besten Kenner der dortigen Archäologie diese neuen Daten dem bisherigen Wissen zuordnen wird. Er hat jetzt überhaupt viel zu tun, seit genetische Verbindungen der Indogermanen nach dem Kaukasus bekannt geworden sind. Aber schauen wir uns nun einmal die eindrucksvolle Kultur an, die da westlich der Indogermanen in der Ukraine entstanden war als Nachfolgekultur der Bandkeramik.

5.000 v. Ztr. - Die Cucuteni-Tripolie-Kultur war nicht indogermanisch


Dort war nämlich eine außerordentlich eindrucksvolle bäuerliche Kultur entstanden, nämlich die berühmte Cucuteni-Tripolye-Kultur (5.500-3.500 v. Ztr.) (Wikiengl.) mit ihren auffälligen, bemerkenswerten "Großsiedlungen" (Abb. 4). Sie war mediterraner Abstammung, es sind noch keine Indogermanen in dieser nachgewiesen worden  (7):
Four individuals associated with the Copper Age Trypillian population have ~80% NW Anatolian- related ancestry (Supplementary Table 3), confirming that the ancestry of the first farmers of present-day Ukraine was largely derived from the same source as the farmers of Anatolia and western Europe. Their ~20% hunter-gatherer ancestry is intermediate between WHG and EHG, consistent with deriving from the Neolithic hunter-gatherers of the region.
Die Kultur erstreckte sich vom Ostrand der Karpaten bis zum südlichen Bug. Und insbesondere die englischsprachigen Wikipedia-Artikel über sie berichten schon sehr differenziert und ausführlich. Sie ging - wie die Bandkeramik - sowohl kulturell wie genetisch aus der Starcevo-Körös-Kultur des Balkans hervor. Sie hat wie die beiden anderen genannten ersten Bauernkulturen Europas ursprünglich mediterraner Herkunft vor allem Muttergottheiten (Fruchtbarkeitsgöttinnen) abgebildet in Figurinen. Sie entstand etwa zeitgleich wie die Bandkeramik, wies aber eine überraschend längere gesellschaftliche und kulturelle Stabilität auf. Auf Wikipedia heißt es:
Throughout the 2,750 years of its existence, the Cucuteni-Trypillia culture was fairly stable and static.

Abb. 5: Typische Stadtsiedlung der Cucuteni-Tripolye-Kultur in der Ukraine, um 4.000 v. Ztr.
Design: Kenny Arne Lang Antonsen (Herkunft: Wiki)

Mit Bezug auf die hier im Blogartikel vor allem erörterte Studie (7) heißt es über diese Kultur auf Wikipedia  (Wiki):
A 2017 ancient DNA study found evidence of genetic contact between the Cucuteni-Trypillia culture and steppe populations from the east from as early as 3600 BCE, well before the influx of steppe ancestry into Europe associated with the Yamnaya culture.
Davon war ja oben hinsichtlich von Dereijvka am Dnjepr schon die Rede. Über die soziale Komplexität der Cucuteni-Kultur ist zu erfahren (Wiki engl.):
Like other Neolithic societies, the Cucuteni-Trypillia culture had almost no division of labor. Although this culture's settlements sometimes grew to become the largest on Earth at the time (up to 15,000 people in the largest), there is no evidence that has been discovered of labour specialisation. Every household probably had members of the extended family who would work in the fields to raise crops, go to the woods to hunt game and bring back firewood, work by the river to bring back clay or fish and all of the other duties that would be needed to survive. Contrary to popular belief, the Neolithic people experienced considerable abundance of food and other resources. (...) The primitive trade network of this society, that had been slowly growing more complex, was supplanted by the more complex trade network of the Proto-Indo-European culture that eventually replaced the Cucuteni-Trypillia culture.
Auch entwickelte sie womöglich noch komplexere gesellschaftliche Strukturen als die Bandkeramik. Denn sie bildete spätestens um 4.000 v. Ztr. in der Ukraine stadtartige Siedlungen aus, sogenannte "Megasite"'s. Eine solche komplexe Siedlungsweise wird - wie die Bandkeramik - die Hausmaus aufgewiesen haben. Und wenn um diese Zeit die osteuropäische Hausmaus schon in Varna zugange war, wird sie auch in diese Megasite's zugange gewesen sein.



4.700 v. Ztr. - Die ersten Indogermanen in Varna in Bulgarien


Und nun finden sich die ersten indogermanischen Gene in Varna in Bulgarien, diese Region gehört zum westlichen Teil der Cucuteni-Tripolje-Kultur (7):
In two directly dated individuals from southeastern Europe, one (ANI163) from the Varna I cemetery dated to 4711-4550 BCE and one (I2181) from nearby Smyadovo dated to 4550-4450 BCE, we find far earlier evidence of steppe-related ancestry (Figure 1B,D). These findings push back the first evidence of steppe-related ancestry this far West in Europe by almost 2,000 years, but it was sporadic as other Copper Age (~5000-4000 BCE) individuals from the Balkans have no evidence of it. Bronze Age (~3400-1100 BCE) individuals do have steppe-related ancestry (we estimate 30%; CI: 26-35%), with the highest proportions in the four latest Balkan Bronze Age individuals in our data (later than ~1700 BCE) and the least in earlier Bronze Age individuals (3400-2500 BCE; Figure 1D).
Schon in der Zusammenfassung der Studie (Abstract) hieß es am Anfang (7):
... steppe ancestry in individuals from the Varna I cemetery and associated with the Cucuteni-Trypillian archaeological complex, up to 2,000 years before the Steppe migration replaced much of northern Europe's population.
Über die genetische Herkunft der Indogermanen heißt es in dieser Studie wieder etwas genauer:
Steppe-related ancestry itself can be modeled as a mixture of EHG-related ancestry, and ancestry related to Upper Palaeolithic hunter-gatherers of the Caucasus (CHG) and the first farmers of northern Iran.
Also sowohl Jäger und Sammler, wie Bauern aus dem Kaukasus und dem nördlichen Iran sollen genetisch Einfluß genommen haben auf die nördlich lebenden osteuropäischen Jäger und Sammler bei der Ethnogenese der Indogermanen.

Jedenfalls: Wenn es 4.700 v. Ztr. schon Indogermanen in Varna gab, aber im Zwischenraum die Cucuteni-Tripolya-Kultur die bisherige (mediterrane) Genetik aufweist, dann müssen indogermanische Eroberer-Gruppen diesen Kulturraum umgangen haben bei ihrer Expansion nach Varna. Da wird man künftig sicher noch vieles Neue erfahren über die Wechselbeziehungen zwischen Indogermanen und Cucuteni-Tripolije-Kultur. Auch scheint der Zuwanderer-Anteil der Indogermanen in Varna im ersten Jahrtausend ihrer dortigen Anwesenheit nicht sehr hoch gewesen zu sein. Vielleicht findet man den dann auch andernorts erst noch später? Er stieg jedenfalls in Bulgarien erst in der Bronzezeit an, entweder also durch weiteren Zuzug oder durch größere Kinderzahlen der schon früh Zugewanderten.

Keine frühen Indogermanen in Anatolien


Die Forscher finden keine Hinweise darauf, daß die Indogermanen zu dieser frühen Zeit nach Anatolien eingedrungen wären, wodurch wiederum eine Theorie zum Ursprung der indogermanischen Sprachen wiederlegt ist (die "anatolische"). Dazu schreiben nun David Reich und Mitarbeiter (7):
An alternative hypothesis is that the ultimate homeland of Proto-Indo-European languages was in the Caucasus or in Iran. In this scenario, westward movement contributed to the dispersal of Anatolian languages, and northward movement and mixture with EHG was responsible for the formation of a “Late Proto-Indo European”-speaking population associated with the Yamnaya Complex.
Das dürfte noch eine ziemlich kühne These sein. Aber bei David Reich weiß man nie ... Meistens weiß er schon mehr als er sagt und schreibt. Auf welche Sprachstammbaum-Theorien diese Ausführungen sich beziehen (anatolische indogermanische Sprachen, die sich abspalteten vor den "späten Proto-Indoeuropäischen Sprachen"?), das müßte noch herausgesucht werden.

3.100 v. Ztr. - 2.700 v. Ztr. - Die Kugelamphoren-Kultur war nicht indogermanisch


Die berühmte litauisch-US-amerikanische Archäologin Marija Gimbutas (1921-1994) (Wiki), die Begründerin der Kurgan-Hypothese zur Herkunft der Indogermanen (Wiki), die sich heute in sehr weitgehendem Maße als bestätigt erwiesen hat, hatte außerdem noch angenommen, daß die Schnurkeramiker aus ihrer Vorgängerkultur, der Kugelamphoren-Kultur (Wiki) (engl. Globular Amphora Complex), hervorgegangen wären. Diese Annahme wird durch die genetischen Daten nicht (!) bestätigt (7). Es finden sich bei den Angehörigen der Kugelamphoren-Kultur - wie sonst im europäischen Mittelneolithikum - erhöhte einheimische Genanteile vermischt mit mediterranen Genanteilen, aber keinerlei indogermanische Gene. - Es wird wohl keinen Archäologen der Geschichte geben, dessen Theorien alle zu 100 Prozent bestätigt wurden durch die weiteren Entwicklungen in der Forschung. Weder gilt das für den lachenden Herrn Gustaf Kossinna, der sich die Urheimat der Indogermanen bestimmt nicht an der Wolga vorgestellt hat. Noch auch gilt das für die ähnlich derzeit lachende Marija Gimbutas. Mich wundert sowieso, daß die deutschen Archäologen alle den Kossinna in ihren Ohren lachen hören. Warum schreiben sie keine Aufsätze mit dem Titel "Gimbuta's smile"? Das fände ich viel naheliegender. Ihre Kurgan-Theorie wurde im Wesentlichen erst nach 1945 vertreten und veröffentlicht und war schon viel dichter auch am heutigen Forschungsstand dran als ausgerechnet der olle Kossinna. Und auch Frau Gimbutas ging doch von Völkern aus. Aber manche Traumata der (Wissenschafts-)Geschichte wirken so stark nach, daß sie sich nur an einen Namen heften, mag er auch noch so alt sein. In diesem Fall an den Namen Gustaf Kossinna.

[27.11.17] Der Name Kossinna wird wohl tatsächlich im Unterbewußtsein aller deutschen Archäologen verbunden sein mit einer Gedanken-"Versuchung", die wohl alle von ihnen schon verspürt hatten, die sie aber alle sehr heftig unterdrückt hatten. Das wird der Grund für ihre derzeitige starke emotionale Reaktion sein. - Aber dennoch interessant, wie Frau Gimbutas auf ihre Vermutungen hinsichtlich der Kugelamphoren-Kultur gekommen ist, nämlich aufgrund von Tierbeigaben in Gräbern, die auch hier auf dem Blog schon Thema waren (11) und aufgrund von unterstellter Witwenverbrennung. Es sind nämlich - laut deutschem Wikipedia - viel mehr Männer- als Frauengräber bekannt aus der Kugelamphorenkultur. Und so lesen wir derzeit auf dem englischen Wikipedia (Wiki):
The inclusion of animals in the grave is seen as an intrusive cultural element by Marija Gimbutas. The practice of suttee, hypothesized by Gimbutas is also seen as a highly intrusive cultural element. The supporters of the Kurgan hypothesis point to these distinctive burial practices and state this may represent one of the earliest migrations of Indo-Europeans into Central Europe. In this context and given its area of occupation, this culture has been claimed as the underlying culture of a Germanic-Baltic-Slavic continuum.
Ich weiß nicht, ob es zu der Zeit von Gimbutas schon so gut bekannt war. Aber heute ist ja recht gut bekannt, daß sich die Benutzung von Rinderwagen ab 3.100 v. Ztr., also 300 Jahre vor Auftreten der Schnurkeramiker in der Trichterbecher- und in der zeitgleichen Kugelamphorenkultur ausbreitete, also in einer Region vom Schwarzen Meer bis nach Dänemark (11). Und mit dieser auch die Grablegung von Rinderwagen und ihrer nun also offenbar männlichen Lenker (11). Weiterhin dürfte es allerdings von Interesse sein zu fragen, ob nicht dennoch die sich darin spiegelnden veränderten sozialen Verhältnisse in irgendeinem Zusammenhang stehen mit Kulturentwicklungen rund um die Indogermanen, die ja immerhin schon 1500 Jahre früher die Königsherrschaft in Varna in Bulgarien angetreten hatten. Im Mittelpunkt der Betrachtung scheint hier stehen zu müssen die Endzeit der schon erwähnten großartigen Cucuteni-Kultur in der Ukraine, die im Untergang den nachfolgenden Völkern den Rinderwagen "geschenkt" hat wie es scheint. Auf Wikipedia ist zu lesen (Wiki):
Die späte Cucuteni-Kultur verfügte über Ochsenkarren mit Scheibenrädern. Die ältesten Hinweise auf den Gebrauch von Wagen stammen aus der Zeit vor 3500 v. Chr. In der West-Ukraine und Moldawien fand man Gefäße in Tiergestalt auf Schlittenkufen, die für das Durchstecken von Achsen mit Tonrädern durchlocht waren.
Und dann ist über den Untergang dieser großartigen Kultur zu erfahren (Wiki):
In his 1989 book "In Search of the Indo-Europeans", Irish-American archaeologist J. P. Mallory, summarising the three existing theories concerning the end of the Cucuteni-Trypillia culture, mentions that archaeological findings in the region indicate Kurgan (i.e. Yamna culture) settlements in the eastern part of the Cucuteni-Trypillia area, co-existing for some time with those of the Cucuteni-Trypillia. Artifacts from both cultures found within each of their respective archaeological settlement sites attest to an open trade in goods for a period, though he points out that the archaeological evidence clearly points to what he termed "a dark age," its population seeking refuge in every direction except east. He cites evidence of the refugees having used caves, islands and hilltops (abandoning in the process 600-700 settlements) to argue for the possibility of a gradual transformation rather than an armed onslaught bringing about cultural extinction. (...) The kurgans that replaced the traditional horizontal graves in the area now contain human remains of a fairly diversified skeletal type approximately ten centimetres taller on average than the previous population.
Vielleicht deuten sich hier jene Vermischungen an, die ja auch die Ancient-DNA-Daten nahelegen. Jedenfalls breitet sich in der Endphase der Cucuteni-Kultur die Benutzung von Rinderwagen bis nach Norddänemark aus und damit einhergehend offenbar Königsherrschaften. [Ende Einfügung 27.11.17] Eine noch viel neuere Ancient-DNA-Studie vom 10. November 2017 - allerdings nur aufgrund der mitochondrialen DNA - findet noch um 3.500 v. Ztr. in einer Höhle am Fluß Seret (9) Bauern nordwest-anatolisch-neolithischer Abstammung. Sie liegt 460 Kilometer südwestlich des heutigen Kiew (9) (Wiki) (9):
Farmers before and after 6,500 yrBP in Europe had haplogroups W, HV*, H, T, K, and these are also found in individuals buried at Verteba Cave 13 (Table 5). Therefore, our data point to a common ancestry with early European farmers.
Aber die hier vor allem erörterte archäogenetische Studie aus dem Mai 2017 weist auf den Untergang der Cucuteni-Kultur 500 Jahre später hin (7):
We report three Yamnaya individuals (...) from Ukraine and Bulgaria and show that while they all have high levels of steppe-related ancestry, one from Ozera in Ukraine and one from Bulgaria (I1917 and Bul4, both dated to ~3000 BCE) have NW Anatolian Neolithic-related admixture, the first evidence of such ancestry in Yamnaya-associated individuals (Figure 1B,D, Supplementary Data Table 2).
Das heißt, die Cucuteni-Kultur ging um 3.000 v. Ztr. unter, aber die ihr nachfolgenden Indogermanen vermischten sich mit Angehörigen derselben. Auf dem Balkan ergab sich dann für die Bronzezeit ab etwa 3.000 v. Ztr. 27 % genetischer Steppen-Anteil neben 67 % anatolisch-neolithischem Anteil und 5 % genetischem westeuropäischem Jäger-Sammler-Anteil (siehe gleich).

Prozentangaben zu den genetischen Herkunftsverhältnissen der untersuchten europäischen Völker


Hier sei noch eingefügt, was sich im tabellarischen Anhang an zusätzlichen interessanten Angaben findet, die man so nicht oder nicht so deutlich im Text hat finden können oder auf  die man dort nicht fokussiert war beim Lesen (Supplementary Table 1 bis 5): In Motala in Mittelschweden um 6.000 v. Ztr. finden sich 49 % westeuropäische Jäger-Sammler-Gene (WHG) und 51 % osteuropäische Jäger-Sammler-Gene (EHG). Ein vielleicht besonders eindrucksvoller Sachverhalt drückt sich in Tabelle 1 in der folgenden kruden Aussage aus:
LBK_Austria has the same HG ancestry as LBK_EN (from Germany).
Damit ist zum Ausdruck gebracht - wenn ich das recht verstehe (man korrigiere mich, wenn ich falsch liegen) -, daß die Bandkeramische Kultur von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende immer genau denselben genetischen Einheimischen-Anteil hatte. Sie lebten und sie starben mit derselben Genetik. Erst nach ihrem Untergang änderte sich in der genetischen Zusammensetzung etwas, nämlich in den regionalen Nachfolgekulturen, die auf die einheitliche mitteleuropäische Bandkeramik folgten, also gemeinsam mit der jeweils regionalen Veränderung ihrer Kultur. Die Bandkeramiker waren also nach ihrer Ethnogenese in Ungarn durch ihre ganze Geschichte hindurch streng endogam, haben nur untereinander geheiratet und es gab keine etwaigen "schleichenden", zusätzlichen Einheiraten von Einheimischen. Und das obwohl sich die Bandkeramik über ein riesiges Territorium erstreckte und dabei viele Berührungspunkte mit Einheimischen hatte. Auch in diesem Sachverhalt würde sich wieder ein starker Hinweis finden auf jene kulturellen Tendenzen, die man auch sonst in der Bandkeramik hindurchspürt, nämlich zu starker kultureller (und damit genetischer) Einheitlichkeit, zu starker Regelhaftigkeit über tausende von Kilometern hinweg. Eine Siedlung in der Ukraine und eine Siedlung an der Kanalküste gleichen sich wie ein Ei dem anderen, wie die Archäologen schon vor Jahrzehnten feststellten. Und so offenbar nun auch ihre Genetik (zumindest nachdem das Volk als solches als Gründerpopulation entstanden war und begonnen hatte demographisch zu expandieren).

Das schließt nicht aus, daß sie dennoch - untereinander - anthropologisch größere Vielfalt hatten als - etwa - die heutigen anthropologisch sehr einheitlichen Ostasiaten. (Für die aschkenasischen Juden beispielsweise ist ja genau derselbe Sachverhalt festgestellt worden. Bei ihrer Ethnogenese selbst zunächst sehr starke Vermischung mit europäischen Frauen, aber danach und seither durchgängig streng endogam, sogar gegenüber den sephardischen Juden.)

Die frühen Bauern des Peloponnes und die Minoer werden in den Tabellen beide zu 100 % herkunftsmäßig anatolisch-neolithisch gekennzeichnet. (Freilich war das eine andere anatolisch-neolithische Genetik als die der neolithischen Nordwestanatolier.) Sie haben sich aber außerdem nach dieser Angabe offensichtlich noch deutlich weniger mit etwaigen Einheimischen gemischt als die nordwestanatolischen Bauern und ihre Verwandten auf dem Balkan und in Mitteleuropa.

Das Mittelneolithikum im heutigen Deutschland ("Central_MN"), also die Nachfolgekulturen der Bandkeramik haben dann 18 % Anteil westlicher Jäger-Sammler-Gene (WHG) und die Kugelamphorenkultur hat davon sogar schon 25 % (WHG). Hier richtete sich also eine - wie auch immer geartete Selektion - gegen die einstmals zugewanderten anatolisch-neolithischen Gene.

Und dann beginnt die Ausbreitung der Yamnaya. Da ist zunächst eine Vučedol-Kultur (Wiki)  im heutigen Kroatien an der Adriaküste in der Zeit zwischen 3.000 und 2.200 v. Ztr. genannt (die uns als solche im Text gar nicht aufgefallen war). Und bei dieser beträgt der genetische Yamnaya-Anteil ab also etwa 3.000 v. Ztr. 27 %, neben 67 % anatolisch-neolithischem Anteil und 5 % westeuropäischem Jäger-Sammler-Anteil. Hier konnte sich also der anatolisch-neolithische genetische Anteil recht gut halten. Ganz ähnliche Prozentanteile werden dann für die Bronzezeit des Balkans genannt.

In Mitteleuropa hingegen haben sich die Yamnaya ab 2.800 v. Ztr. deutlich stärker genetisch durchgesetzt als auf dem Balkan. Die Glockenbecher-Kultur in Deutschland hat 48 % Yamnaya-Anteil neben 37 % anatolisch-neolithischem Anteil und 15 % westlichem Jäger-Sammler-Anteil. Die Schnurkeramiker haben sogar 70 % Yamnaya-Anteil, neben 20 % anatolisch-neolithischem Anteil und 10 % westlichem Jäger-Sammler-Anteil. Man gewinnt fast den Eindruck, als ob bei den Ethnogenesen dieser mitteleuropäischen Kulturen der anatolisch-neolithische genetische Anteil anteilsmäßig stärker zurück gedrängt worden wäre als der westliche Jäger-Sammler-Anteil, denn letzterer hält sich ja in beiden Kulturen auf dem Anteil des Mittelneolithikums. Es entsteht der Eindruck, als ob in den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Schnurkeramikern (oder in epidemischen Krankheiten) unverhältnismäßig mehr Menschen vorwiegend anatolisch-neolithischer Herkunft ums Leben gekommen wären als Menschen einheimischer europäischer Jäger-Sammler-Herkunft. Vielleicht waren letztere Gen-Anteile aber auch einfach nur genetisch besser an den mitteleuropäischen Raum angepaßt oder an die Kultur, die nun von den kulturell dominierenden Yamnaya ausgebildet wurde. (Übrigens unterscheiden sich die Tabellen untereinander etwas in den Prozentangaben - aber nicht wesentlich. Das hat Gründe, die wohl erst nach intensiverer Auseinandersetzung mit ihnen verständlich würden.) Soweit die Durchsicht des tabellarischen Anhangs.

Die Indogermanen kommen spät nach Lettland


Über Lettland heißt es in der Studie (7):
We find (Supplementary Data Table 3) that Mesolithic and Early Neolithic individuals (Latvia_HG) associated with the Kunda and Narva cultures have ancestry intermediate between WHG (~70%) and EHG (~30%), consistent with previous reports.
Auch hier ist der westeuropäische mesolithische Anteil überraschend hoch. Zwischenzeitlich, so wird dann ausgeführt, könnte es noch zu Verschiebungen in den Genanteilen in Lettland gekommen sein. Und irgendwann in der Endzeit der Schnurkeramik kamen die Indogermanen nach Lettland. Soweit ein Überblick über wichtige neue Einsichten dieser Studie. Ergänzt sei noch anhand einer weiteren Studie (10), daß unsere heutigen europäischen Hunde auf Hunde der Bandkeramiker zurückgehen, nicht auf Hunde indogermanischer Zuwanderer (10). Dabei hatte doch der führende Indogermanen-Archäologe David Anthony gerade erst einen riesigen Hype gemacht um einen indogermanischen Hundekult betrieben im Zusammenhang eines unterstellten Initiationsritus von Seiten jugendlicher männlicher Kriegerbünde (17). Wenn es ihn gegeben haben sollte (was auch sonst arg hypothetisch ist) (17), dann war ihnen jedenfalls offenbar egal, Hunde welcher Herkunft sie dafür nahmen.

Ausblick


Insbesondere sehenswert sind auch noch die schönen Grafiken im Anhang, die man hier in den Blogbeitrag herüber holen müßte, insbesondere die Hauptkomponenten-Analyse mit den eingetragenen neuen Ergebnissen. - Ganz richtig heißt es am Ende der Studie (7):
While this study has clarified the genomic history of southeastern Europe from the Mesolithic to the Bronze Age, the processes that connected these populations to the ones living today remain largely unknown. An important direction for future research will be to sample populations from the Bronze Age, Iron Age, Roman, and Medieval periods and to compare them to present-day populations to understand how these transitions occurred.
Abschließend: Der deutlichere Bezug zum Titel und zur Einleitung geht im Verlauf der Ausführungen dieses Blogartikels verloren. Aber klar geht aus fast allen Ausführungen hervor, daß überall Völker die Geschichte machen über Migrationen und anteilmäßige Vermischungen, und daß sich überall dort, wo sich die Kultur ändert, in der Regel auch die zugrunde liegenden Gene ändern. Einmal stärker, einmal weniger stark. Dieser Zusammenhang ist unübersehbar. Nur in Ausnahmefällen wird Kultur von Menschen anderer Genetik angenommen als der Genetik jener Menschen, die diese Kultur hervorgebracht haben (Glockenbecher-Leute in Spanien zum Beispiel). Anhand solcher Angaben kann also jetzt zunehmend besser erforscht werden, welches Zusammenspiel es zwischen Genen und Kultur gibt (Gen-Kultur-Koevolution).

So darf man es etwa auch als auffällig erachten, daß um 5.700 v. Ztr. die Bandkeramik als völlig neue, sehr charakteristische und eigentümliche Kultur entstand, obwohl - wie schon angedeutet und in den beiden letzten Jahren gut erforscht - der genetische Einfluß der dort zuvor ansässigen einheimischen Bevölkerung dabei durchgehend nur 9 % betragen hat. Dennoch bestand das "Bedürfnis" dieser Menschen - oder sie sahen die Notwendigkeit -, eine ganz neue, eigenständige Kultur zu schaffen und zu leben - insbesondere in weilerartigen Langhäusern anstelle von Mauer an Mauer gebauten dörflichen Siedlung. Und ähnlich kann man sich jetzt auch Gedanken machen zur Entstehung aller anderen hier genannten Kulturen. Lange Jahrhunderte der genetischen und kulturellen Stabilität vor Ort wechseln oft abrupt mit der Zuwanderung neuer Gene und neuer Kultur. Neues entsteht offenbar vor allem dort, wo entweder die demographische und kulturelle Expansivkraft einer Kultur an ihre mehr oder weniger intern vorgegebenen Grenzen stößt und/oder wo äußerer Widerstand nicht mehr von ihr ohne weitere Veränderung zu überwinden ist. Natürlich stellt auch die Weiterentwicklung der Technologie einen wesentlichen Faktor dar, hier insbesondere das Rad, sowie die Domestizierung des Pferdes.

Alles in allem sind Titel und Einleitung deshalb doch berechtigt: Durch alle Ausführungen des vorliegenden Aufsatzes hindurch wird deutlich, daß es immer wieder Völker sind, die die Geschichte bestimmen, Völker, die lange oder kurz leben, Völker, die in gigantischer Weise expandieren und dann zur geschichtlichen Bedeutungslosigkeit zusammen brechen, während andere Völker auf ganz neue Weise expandieren und bis heute im wesentlichen in genetischer Kontinutität weiter leben.

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*) David Reich holt auf die Frage, wie die Archäologen auf die neuen Ergebnisse reagiert haben, in angemessener Weise weiter aus (1):
Ich denke, das ist eine gute Frage. Archäologen sind Wissenschaftler, sie sind stark daran interessiert zu probieren herauszubekommen, was sie über die Vergangenheit lernen können. Und ihre wissenschaftliche Gemeinschaft hat Naturwissenschaft wieder und wieder und wieder als einen Weg begrüßt, um etwas Neues über die Vergangenheit zu lernen. Was nun hier in der Archäologie passiert, das ist sehr ähnlich zu der C14-Revolution, als man mit dem Jahr 1949 (...) herausbekam, daß man Funde datieren kann (...) und daß dadurch eine absolute Chronologie für die Vergangenheit erstellt werden kann. Und dies widerlegte viele Annahmen über die Vergangenheit. Die ersten Steinmonumente stammen nicht aus dem Nahen Osten, aus Ägypten und Mesopotamien, sie traten vielmehr erstmals in Westeuropa auf und an Orten wie Stonehenge. 
Nun, da nennt er - klugerweise - eher ein Ausnahmephänomen (das im übrigen mit Göbekli Tepe sogar ebenfalls als solches infrage gestellt werden kann). Aber auf die Regel kommt er ja dann auch schon im nächsten Satz zu sprechen:
Also alle Chronologien zeigen, daß alle Erfindungen aus dem Nahen Osten kamen und daß sich die Zeitspannen alle verändert haben. Die Archäologen haben diese neuen Techniken der Naturwissenschaft begrüßt wieder und wieder und begrüßen auch diese neue. Ich denke, es gibt hier in der Genetik eine besondere Sensibilität, denn wir reden hier über die Bewegung von Menschen und das hat politisch ziemlich starke Bedeutung erhalten in den Schwierigkeiten des 20. Jahrhunderts. Denn in den Anfängen der Archäologie gab es Menschen, die Gruppen - wie die Kultur der Schnurkeramik aus Osteuropa - zum Beispiel als die Begründer der indoeuropäischen Sprachen identifizierten. Sie breiteten sich über Osteuropa aus, es gab deutsche Archäologen, die behaupteten, daß die Völker, die in indoeuropäischen Sprachen wurzeln, sich in alle Richtungen ausbreiteten, daß ihr Heimatland Deutschland war oder in Nachbarländern. Und sie sprachen sie als das ursprüngliche Volk an und als nationales Ursprungsland von Deutschland und es wurde im Zweiten Weltkrieg benutzt als Teil der propagandistischen Rechtfertigung für die Ansprüche auf Land. Deshalb hat die archäologische und anthropologische Forschungsgemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg darauf sehr stark reagiert. Sie argumentierten und pflückten - wie Wissenschaftler das so tun - die Argumente auseinander, die benutzt worden waren, um zu behaupten, daß das von Seiten der Schnurkeramiker Wanderbewegungen waren. Und sie zeigten die Probleme auf, die es mit dieser Argumentation gab. Und es wurde sehr unpopulär in der Archäologie - und das ist es dort immer noch vielerorts - Wanderbewegungen anzunehmen. Die Annahme ist, daß der Wandel und die Ausbreitung von Kulturen sich durch die Kommunikation von Ideen vollzogen hat und nicht durch die Wanderungen von Menschen (oder Völkern). Und die Genetik fand nun Beispiele wie die Schnurkeramiker-Expansion - auch wenn sie in umgekehrten Richtung verlief, nicht vom Westen nach Osten wie die Archäologen ursprünglich sagten, sondern von Osten nach Westen - die zeigen, daß Wanderbewegungen durchaus sehr wichtig waren in der menschlichen Geschichte ebenso wie Vermischung. Und ich denke, daß es sehr interessant ist, damit in Übereinstimmung zu kommen. Und im Zusammenhang mit den Veröffentlichungen, an denen ich beteiligt war, bei einer besonders, der Entdeckung dieser Hauptexpansion von der Steppe nach Mitteleuropa hinein, schrieb ein deutscher Archäologe an alle Mitverfasser dieser Veröffentlichung: "Das ist wie die 'Siedlungsarchäologie' von Gustaf Kossinna vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Wir können bei einer solchen Wiederbelebung nicht mitmachen, auch wenn es nur eine kleine ist." Und die Archäologen begannen, von der Autorschaft der Veröffentlichung zurückzutreten. Deshalb mußten wir die Veröffentlichung umschreiben und dann machten sie alle wieder mit.
Lachen im Publikum.
Also das ist ein sehr sensibles Thema - und es ist angemessener Weise ein sensibles Thema. Es gibt da diese Frage in der Archäologie, die "Pots versus People"- ("Gefäße versus Völker"-)Debatte, die Frage, ob kultureller Wandel über die Weiterverbreitung von Ideen zustande kommt oder über Wanderbewegungen. Und wir können das zum ersten mal beantworten mit den genetischen Daten. Vorher hat man versucht das zu beantworten über die Schädelformen. Aber das war nicht sehr genau und es gab zu viele Probleme damit. Aber man kann das jetzt beantworten. Es ist eine beantwortbare Frage.
**) Als eine besonders merkwürdige Reaktion auf das Lachen des alten Kossinna da oben im Himmel - und gleichzeitig auf die Zuwanderungen nach Deutschland im Jahr 2015 - sind die Ausführungen des Archäologen Harald Meller (geb. 1960) (Wiki) im Vorwort zu einem Tagungsband zu einer im Oktober 2016 in Halle abgehaltenen Archäologen-Tagung zu diesem Thema anzusprechen (12). Der Sache nach akzeptiert er jetzt schon, daß der alte Gustaf Kossinna so Unrecht nicht gehabt haben wird. Nach dem reinen Sachreferat stellt er sich Migration in der Vorgeschichte dann aber folgendermaßen interpretierend vor (12):
"In beiden Fällen - Migration und Ankunft von Migranten - handelt es sich um historische Ereignisse, die sich auf den regelmäßigen Ablauf des täglichen Lebens - vor allem in seßhaften Gesellschaften - auswirken, ...." 
... das wird durchaus so vermutet werden dürfen, ja .... Die:
"... aber gleichzeitig zur erfolgreichen Entwicklung der Gemeinschaft beitragen, bzw. für diese notwendig sind."
Wir versuchen, ganz ruhig zu bleiben und diese Sätze so gelassen und emotionslos wie nur möglich einzuordnen. Man wird wohl doch in aller Zurückhaltung sagen dürfen, daß dies eine recht kühne Behauptung ist. Woher weiß Harald Meller von dieser "Notwendigkeit"? Das ist ja ein durchaus interessanter und erörterbarer Geschichtsbegriff. Aber ein solcher müßte doch einmal sehr ausführlich erörtert werden, bevor man ihn so glattweg unterstellen könnte. Was aber doch noch viel wesentlicher ist: Es wird doch wohl sehr infrage gestellt werden dürfen, ob alle Zeitgenossen in der Vorgeschichte von einer solchen "Notwendigkeit" gar so sehr überzeugt gewesen sind wie Harald Meller das heute ist und unterstellt. Harald Meller setzt diese Überzeugung aber rundum voraus wenn er weiter schreibt (12):
"Es ist daher zu erwarten, daß die vor- und frühgeschichtlichen Gesellschaften über Strategien verfügten, die sowohl die Mobilität als auch die Aufnahme von Personen und Gruppen regelten und traumatische Begegnungen verhinderten."
Das ist also eine ganz neue Form, mit Kossinna'schen Geschichtsbildern umzugehen. Man ahnt schon wieder recht deutlich, wie sich die Gesichtszüge des alten Kossinna droben im Himmel zuckend zusammen ziehen. So als ob er reinen Zitronensaft zu probieren gekriegt hätte.

Nehmen wird doch - zum Beispiel - die neolithischen Bauern der Trichterbecherkultur. Wie haben diese die Schnurkeramiker begrüßt? Das wird gewiß alles künftig noch genauer erforscht werden. Einstweilen kennen wir nur das Grab der schnurkeramischen Familien von Eulau (Wikian der Saale in Sachsen-Anhalt, fünf Kilometer nördlich von Naumburg, wo Familienmitglieder bäuerliche Pfeilspitzen im Hinterkopf hatten und gemeinsam bestattet wurden, also aller Wahrscheinlichkeit nach gemeinsam zu Tode kamen in einem Massaker. Die Pfeilspitzen stammten von Bauern, die 60 Kilometer weiter nördlich im Harz lebten. Um diesen Befund den Meller'schen Gedanken zuzuordnen: Da waren wohl einige Einheimische von der Weltgeschichte doch noch nicht so ganz ausreichend in den "Strategien" geschult worden, "traumatische Begegnungen" zu verhindern. Von Meller selbst stammt eine wissenschaftliche Veröffentlichung über diese Funde.

Nun, zu all dem könnte wohl noch unendlich viel gesagt werden. Aber das soll hier nicht gar zu sehr ausgewalzt und ausgerechnet gegen Harald Meller verwendet werden. Es wird hier auch nur der Vollständigkeit halber eingefügt. Sonst macht Harald Meller nämlich schon seit vielen Jahren viel beachtete und ganz hervorragende wissenschaftliche Arbeit. So viele grundlegend neue archäologische Erkenntnisse kamen in den letzten Jahren immer wieder gerade aus Sachsen-Anhalt. Und Meller ist doch offensichtlich einer der ersten Archäologen, der umfangreich Knochenfunde zur Auswertung den Genetik-Laboren zur Verfügung gestellt hat. Er war offenbar nur zeitweise ein wenig entsetzt über die Ergebnisse*). Und er versucht sie nun hier ein wenig gar zu einseitig harmonisierend zu interpretieren, vielleicht beeinflußt durch die politische Zeitstimmung, die ihn in diesen Jahren umgibt. Irgendwann wird sich das Pendel der Interpretationen der geschichtlichen Daten wohl wieder auf ein vernünftiges Mittelmaß einpendeln, das nicht gar zu pauschal heute in Mitteleuropa verinnerlichte Strategien vorgeschichtlichen Bevölkerungen zuspricht. 

Wobei sogar etwas gar zu sehr harmonisierend übersehen wird, daß wir es auch heute oft mit traumatisierten Menschen zu tun haben, die andere Weltteile aufsuchen. Aber auch die Behauptung, daß solche traumatisierten Menschen aus anderen Weltteilen "notwendigerweise" die Entwicklung von Gesellschaften an ihren Ankunftsorten voran bringen, dürfte auch aus rein wissenschaftlicher Perspektive - und gerade auch vor dem Hintergrund der neuen Ancient-DNA-Ergebnisse - in ihrer pauschalen Art als außerordentlich kritikwürdig zurückzuweisen sein. Selbst unabhängig von der Ancient-DNA-Forschung können doch schließlich haufenweise Migrationen in der Geschichte angeführt werden, durch die die gesellschaftliche Entwicklung vor Ort um Jahrhunderte, wenn nicht um ganze Jahrtausende zurück geworfen worden ist, durch die ganze Völker und Weltteile versklavt worden sind, ausgerottet worden sind, durch die kulturelle Vielfalt vernichtet worden ist, durch die ganze Hochkulturen untergegangen sind und so weiter und so fort. Viele naturwissenschaftliche Erkenntnisse des Aristoteles (etwa auf dem Gebiet der Meeresbiologie) sind erst in den letzten Jahren als solche wieder entdeckt worden, weil es zwischen ihm und uns - zwischen 375 und 500 n. Ztr. - krasse Migrationen gab, die eine Hochkultur zerstörten. Und diese Ausführungen nur, um zu diesem Thema auch nur das Allerwenigste gesagt zu haben.
____________________________________________________
  1. Reich, David: "Kossinna - It is a very sensitive issue". Antwort auf eine Frage zu seinem Vortrag "Who we are and how we got here - Ancient DNA and the new science of the human past" - Midsummer Nights' Science Wednesday, July 12 2017, Broad Institute Cambridge, MA (The Eliana Hechter Memorial Lecture), etwa 55'45 bis 59'39: https://youtu.be/pgXYfLkRdJ0?t=55m43s
  2. Heyd, Volker: Kossinna's smile. In: Antiquity, Vol. 91, No. 356, 04.2017, p. 348-359. https://www.cambridge.org/core/journals/antiquity/article/kossinnas-smile/8ABA3BD9132B7605E8871236065CD4E3, https://research-information.bristol.ac.uk/files/113850524/Kossinna_s_Smile_as_finally_submitted.pdf
  3. Kristiansen, Kristian u.a.: Re-theorising mobility and the formation of culture and language among the Corded Ware Culture in Europe. In: Antiquity, Vol. 91, No. 356, 04.2017, https://www.cambridge.org/core/journals/antiquity/article/retheorising-mobility-and-the-formation-of-culture-and-language-among-the-corded-ware-culture-in-europe/E35E6057F48118AFAC191BDFBB1EB30E/core-reader
  4. Meller, Harald; Krause, Johannes und andere: Migration and Integration from Prehistory to the Middle Ages. 2016. Available from: https://www.researchgate.net/publication/320866192_Migration_and_Integration_from_Prehistory_to_the_Middle_Ages [accessed Nov 23 2017]
  5. Kristiansen, Kristian u.a.: Population genomics of Bronze Age Eurasia. 2015. Available from: https://www.researchgate.net/publication/278327861_Population_genomics_of_Bronze_Age_Eurasia [accessed Nov 24 2017]
  6. PM/HR: Hinweise auf Herkunft des Indogermanischen aus der Steppe - Wissenschaftler der Universität Tübingen an Studie zum Einfluß frühbronzezeitlicher Wanderungsbewegungen auf die Entwicklung der indoeuropäischen Sprachen beteiligt. Pressemitteilung, März 2015. https://www.mpg.de/8995790/menschen-wanderung-indogermanische-sprachen
  7. Mathieson, Iain; Reich, David und viele andere (2017-05-30). The Genomic History Of Southeastern Europe. https://www.biorxiv.org/content/early/2017/05/30/135616, https://www.biorxiv.org/content/biorxiv/early/2017/09/19/135616.full.pdf
  8. Anhang (Supplement) zu 7: https://www.biorxiv.org/content/biorxiv/suppl/2017/09/19/135616.DC4/135616-1.pdf
  9. Analysis of ancient human mitochondrial DNA from Verteba Cave, Ukraine: insights into the origins and expansions of the Late Neolithic-Chalcolithic Cututeni-Tripolye Culture Ken Wakabayashi, Ryan Schmidt, Takashi Gakuhari, Kae Koganebuchi, Motoyuki Ogawa, Jordan Karsten, Mykhailo Sokhatsky, Hiroki Oota doi: https://doi.org/10.1101/217109, 10.11.2017, https://www.biorxiv.org/content/early/2017/11/10/217109
  10. Ancient European dog genomes reveal continuity since the early Neolithic Laura Botigue, Shiya Song, Amelie Scheu, Shyamalika Gopalan, Amanda Pendleton, Matthew Oetjens, Angela Taravella, Timo Seregély, Andrea Zeeb-Lanz, Rose-Marie Arbogast, Dean Bobo, Kevin Daly, Martina Unterländer, Joachim Burger, Jeffrey Kidd, Krishna R Veeramah doi: https://doi.org/10.1101/068189, https://www.nature.com/articles/ncomms16082, https://www.biorxiv.org/content/early/2017/03/15/068189
  11. Bading, Ingo: 3.100 v. Ztr.: Der Rinderwagen in der Weltgeschichte - Prozessionen an Königsgräbern lassen um 3.100 v. Ztr. staatliche Strukturen in Norddänemark erkennen. Studium generale, 21. Oktober 2010, http://studgendeutsch.blogspot.de/2010/10/3100-v-ztr-der-rinderwagen-in-der.html
  12. Meller, Harald; Krause Johannes und andere: Vorwort zum Tagungsband "Migration und Integration von der Urgeschichte bis zum Mittelalter. 9. Mitteldeutscher Archäologentag, 20.-22. Oktober 2016 in Halle. Landesamt für Denkmalpflege, Halle 2017. Available from: https://www.researchgate.net/publication/320866192_Migration_and_Integration_from_Prehistory_to_the_Middle_Ages [accessed Nov 23 2017]
  13. Genomics of Mesolithic Scandinavia reveal colonization routes and high-latitude adaptation. Autoren: Torsten Günther, Helena Malmström, Emma Svensson, Ayça Omrak, Federico Sánchez-Quinto, Gülşah M. Kılınç, Maja Krzewińska, Gunilla Eriksson, Magdalena Fraser, Hanna Edlund, Arielle R. Munters, Alexandra Coutinho, Luciana G. Simões, Mário Vicente, Anders Sjölander, Berit Jansen Sellevold, Roger Jørgensen, Peter Claes, Mark D. Shriver, Cristina Valdiosera, Mihai G. Netea, Jan Apel, Kerstin Lidén, Birgitte Skar, Jan Storå, Anders Götherström, Mattias Jakobsson doi: https://doi.org/10.1101/164400, 30.7.2017, https://www.biorxiv.org/content/early/2017/07/30/164400
  14. Bading, Ingo: Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen - Wie entstanden die modernen europäischen Völker? - Ancient-DNA-Forscher David Reich berichtet über den aktuellen Forschungsstand. Auf: Studium generale, 2. Juli 2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/07/neue-forschungen-zur-entstehung-der.html
  15. Bading, Ingo: Was macht uns Europäer genetisch so einzigartig? Die ancient-DNA-Forschung entwirft ein völlig neues und unerwartetes Bild vom Werden der europäischen Völker. Auf: Studium generale, 10. Juli 2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/07/die-trichterbecher-leute-standen.html
  16. Bading, Ingo: Ancient-DNA-Forschung und Physische Anthropologie gegenüber gestellt Wie nehmen sich die Forschungsergebnisse der bisherigen Physischen Anthropologie aus vor den jüngsten Ergebnissen aus der ancient-DNA-Forschung? Auf: Studium generale, 27. Juli 2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/07/ancient-dna-forschung-und-physische.html
  17. Bading, Ingo: Dienen Menschenopfer der Stabilisierung menschlicher Gesellschaften seit vielen Jahrtausenden? Neue Forschungsergebnisse zur Funktion von kultischen Männerbünden und Menschenopfern. Auf: GA-j!, 29. Juli 2017, http://studgenpol.blogspot.de/2017/07/kultische-geheimbunde-haben-sie.html

Freitag, 17. November 2017

Inhärenz schlägt Selektion - Als zugrunde liegendes Prinzip der Evolution

Oder: Sollte Leben ohne Evolution nicht sehr viel wahrscheinlicher sein?

Ist also das Prinzip Inhärenz für die Evolution bedeutender als das Prinzip Selektion?
Ist also Inhärenz ein viel stärkeres, mächtigeres Erklärungsprinzip für Evolution als Selektion?

Abb. 1: Brauner Mausmaki (Microcebus rufus), Madagaskar
(Fotograf: Alex Dunkel)
Der innovative Denker und Forscher Simon Conway Morris hat das Prinzip Inhärenz in den Ring des wissenschaftlichen und philosophischen Nachdenkens über Evolution geworfen (1). Und das mit manchen nachvollziehbaren empirischen Anhaltspunkten aus der modernen Forschung. Aber als ich davon das erste mal las (1), kam mir dieser Gedanke ganz und gar ungewöhnlich, fast esoterisch und unseriös vor. Ich konnte ihn anfangs nur schwer in mein bisheriges Gerüst von Grundüberzeugungen über Evolution und Wissenschaft einfügen. Heute kam mir diesbezüglich ein neuer Gedanke, der im folgenden erläutert werden soll.

Zunächst einmal zur Beruhigung vorneweg: Am "Konrad Lorenz Institut" (KLI) in Klosterneuburg bei Wien hat erst im Oktober 2017 wie man mit Internetsuche feststellen kann, ein US-Biologe über die "Inhärenz in der Entwicklung und Evolution von Lebewesen" gesprochen (2). Er wird das wohl auf der Linie von Conway Morris getan haben. Grundsätzlich unseriös macht man sich damit also von vornherein nicht mehr. Dennoch bleibt ein Restbestand von "Anrüchigem" und "Ketzerhaftem", wenn man den Implikationen nachgeht. Gäbe es übrigens Wissenschaftsautoren vom Schlage eines Hoimar von Ditfurth im heutigen Deutschland, würden viele solcher sehr grundlegenden Gedanken von Simon Conway Morris über Evolution wohl schon in gekonnter Weise dem deutschen Publikum in nachvollziehbarer, anschaulicher Weise erläutert worden sein. Das ist aber offenbar bislang noch nicht geschehen (abgesehen von meinem eigenen noch sehr vorläufigen Versuch [1]).

Um so mehr man nun aber selbst das umsinnt, was mit diesem Prinzip Inhärenz alles angesprochen sein kann, wie es zu verstehen sein könnte, könnte man sich erst der großen Bedeutung bewußt werden, die diesem Prinzip Inhärenz zukommen könnte. Auch wird einem bewußt, daß der biologische Forscher und Denker Charles Lindbergh (1902-1974) (Wiki), der schon viel Behandlung auf unseren Blogs gefunden hat (7), schon manche Vorahnung von diesem Prinzip gehabt haben könnte, als er seinen Kindern die Lebensweisheit mit auf den Weg gegeben hat: "Life will work it out." (3) In diesen wenigen Worten nämlich ist das Prinzip Inhärenz wohl recht dicht und treffend auf den Punkt gebracht worden. Und damit kann man sich klar machen: Dieses Prinzip kann auch in unserem persönlichen Leben eine Rolle spielen. - - -

Man denke sich vor die Aufgabe gestellt, Leben zu schaffen


Man denke sich vor die Aufgabe gestellt, in diesem Universum Leben zu schaffen. Man denke sich aber weiterhin vor die Aufgabe gestellt, in diesem Universum nicht nur Leben schaffen zu sollen, sondern zugleich auch Leben, das in einer ununterbrochenen Kette von Generationen - mitsamt Weitergabe von Informationen darüber, wie gelebt werden könne von Eltern- auf Nachkommen-Individuen - jene unglaubliche Fülle von Lebensformen hervor bringen kann, die das Leben hier auf dieser Erde hervorgebracht hat. Und man denke sich drittens vor die Aufgabe gestellt, dieses Leben "auf einen Wurf hin" schaffen zu sollen, also nicht experimentieren und ausprobieren zu dürfen, wie man dieses Leben schaffen wolle. Wenn man diese drei Aufgaben vor sich gestellt sieht und sie durchdenkt und zu Ende denkt, wird einem vielleicht eine Ahnung dessen möglich, was Simon Conway Morris mit dem Prinzip Inhärenz alles angesprochen haben könnte, was dieses Prinzip mit Bezug auf Evolution alles implizieren könnte.

In der ersten entstandenen Zelle hier auf der Erde ist zumindest vor dem Zeithorizont der Milliarden Jahre langen Evolution - "mit einem Schlage", auf einen Wurf hin - die Möglichkeit der Entfaltung aller Lebensformen dieser Erde mit geschaffen worden. Die Möglichkeit der Entfaltung dieser Lebensformen ist inhärent in dieser einen ersten Biozelle hier auf der Erde, von der wir - vermutlich - alle abstammen, mit enthalten. Denn in der Biologie ist bis heute nichts dem schon 1855 von Rudolf Virchow aufgestellten Grundsatz Widersprechendes gefunden worden, der da lautet: "Omnis cellula e cellula", "Jede Zelle [geht] aus einer Zelle [hervor]." Dieser Grundsatz bedeutet, daß alles Leben aus einer Biozelle hervorgegangen ist. Vielleicht sind es ja auch mehrere verschiedene ursprüngliche Zellen gewesen, von denen wir abstammen. Aber in ihrer Funktionsweise dürfen sie sich nicht gar zu sehr unterschieden haben, wenn sie unsere Vorfahren werden sollten. Und keinesfalls konnten sie sich untereinander darauf hin selektieren, daß sie mehr oder weniger Entfaltungspotentiale hinsichtlich künftiger Artbildung in sich bergen würden.

Denn es ist ja nicht bekannt, daß in den 3,9 Milliarden Jahren Leben auf unserer Erde das Leben irgendwann wieder "auf Null" gestellt worden wäre, also das Leben insgesamt ausgestorben wäre und neu hätte entstehen müssen. Auch ist nicht bekannt, daß es mit dem einmal entstandenen Leben sozusagen Experimente, Selektionsvorgänge dahingehend gegeben hätte: So weit kommt Evolution mit diesem geschaffenen Leben, soweit kommt Evolution mit jenem geschaffenen Leben. Auf der Erde hat es - nach derzeitigem Wissensstand - immer nur eine einzige Form von Leben gegeben. Und in dieser scheint - nach allem, was wir heute wissen - inhärent enthalten gewesen zu sein die ungeheure Entfaltung aller Lebensformen auf dieser Erde. Und wie hätte diese Inhärenz "selektiert" werden können? Das Prinzip Inhärenz ist also ein eigenständiges Prinzip, das nicht auf ein anderes Prinzip zurück geführt werden kann.

Die oben genannte Aufgabe, vor die man sich gestellt sehen könnte, dürfte man ziemlich bald als völlig unlösbar erkennen. Ob Leute wie Manfred Eigen, die sich mit Hyperzyklen-Ideen ja schon viele plausible Gedanken über die Entstehung des Lebens gemacht haben, auch solche grundlegenden Fragen hinsichtlich von Inhärenz schon umsonnen haben? Eigentlich sollten sie nahe liegend sein. Aber hat sich einmal ein Forschungsparadigma wie der Neodarwinismus in den Köpfen festgesetzt, bahnt ein solches das Denken der Zeitgenossen sehr stark. Sie können kaum noch rechts und links, bzw. abseits und unabhängig von ihm denken. Viele wollen es auch nicht. Es würde sie vor zu viele beunruhigende Fragen stellen.

Ist Leben ohne Evolution nicht wahrscheinlicher?


Ein Ausweg für Zufalls-Anhänger könnte sein zu sagen: "Im Universum sind so viele verschiedene Formen von Leben entstanden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß alle diese Formen von Leben zu keiner umfangreicheren Weiterentwicklung geführt haben." (Denn sonst müßte ja das Inhärenz-Prinzip anerkannt werden.) " 'Nur' auf einem einzigen, einsamen Planeten in diesem riesigen Universum war das erste entstandene Leben 'zufällig' so beschaffen, daß daraus dann noch so viel mehr folgen konnte, insbesondere daß diese immense Artenvielfalt daraus hervorgehen konnte. Das ist reiner Zufall. Und wir wissen ja auch nur darum, weil wir das Ergebnis dieses Prozesses sind. Es macht aber wenig Sinn, vor so vielen unterstellten Experimenten im Universum, Leben zu schaffen, unserem in besonderer Weise 'geglückten' Experiment irgendeine besondere Bedeutung zuzusprechen." Immerhin würde man dann Artenvielfalt und Bewußtsein als eine nicht besonders häufige Erscheinung im Weltall ansprechen. Insgesamt ist aber zu sagen, daß eine solche Argumentation beim heutigen Kenntnisstand völlig "graue Theorie" wäre. Man kann diese Argumentation deshalb einstweilen unberücksichtigt lassen.

Allerdings macht sie darauf aufmerksam, wie simpel frühere Vorstellungen von Evolution im Allgemeinen waren. Ging man doch früher in der Regel immer davon aus, daß es zu Evolution auf einem Planeten käme, wenn überhaupt einmal Leben entstanden wäre. Diese Unterstellung impliziert aber zugleich das Prinzip Inhärenz, nämlich daß Evolution von vornherein allem Leben, das überhaupt entstehen könnte in diesem Universum, "inhärent" wäre. Aber angesichts der vielen Milliarden Jahre auf unserer Erde, in der es so gut wie keine Evolution gegeben hat, in denen es nur Prokaryoten gegeben hat, war auch schon diese Annahme eine recht kühne.

Soweit ich das beim Querlesen finden kann, umsinnen auch Peter Ward und Donald Brownlee die in diesem Blogbeitrag zur Diskussion gestellte Frage in ihrem an sich schon sehr ketzerischen Buch "Unsere einsame Erde" nicht (4). Fast scheint es, als ob frühere Forscher-Generationen dazu neigten, Leben und Evolution geradezu zwangsläufig gleichzusetzen. Es ist die bekannte Vorstellung vom "Tape of Life", dem "Tonband des Lebens", das man Vor- oder Zurückspulen könne, das schnell oder gerne auch sehr langsam ablaufen könne. Daß Leben aber einfach nur Leben sein könnte, ohne sich weiter zu entwickeln, scheint gar nicht vorzukommen in diesem Denken, scheinbar noch nicht einmal explizit bei S. J. Gould (5, S. 309).

Die Frage stellt sich doch aber: Warum sollte es nicht auch Leben ohne Evolution geben können? Beziehungsweise: Sollte es nicht viel wahrscheinlicher sein, daß aus Bakterien nichts weiter entstehen kann als Bakterien? Warum sollten aus Bakterien künftig Universitäten entstehen, geschaffen von Nachkommen von Bakterien? Nur weil das hier auf der Erde so geschehen ist, darf man das doch nicht als eine der nahe liegendsten Eigenschaften von Bakterien ansehen, nämlich unter bestimmten, günstigen Bedingungen höhere Lebensformen hervorbringen zu können.

In der Frühphase des Lebens auf der Erde


Es dürfte jedenfalls erkennbar sein: In der Frühphase des Lebens hier auf dieser Erde kann das Prinzip Selektion durchaus eine große Rolle gespielt haben. Aber das viel bedeutendere Prinzip, das hier - aus den eben getätigten Überlegungen heraus - als wirksam festgestellt werden muß, kann doch nur das Prinzip Inhärenz ein. Und indem einem diese ganzen Überlegungen in den Kopf kommen, wird einem erst wieder - oder einmal erneut - bewußt, was für ein ganz und gar innovativer, genialer, kreativer Denker Simon Conway Morris sein muß.

Aber gehen wir noch einmal zu dem Gedanken von Charles Lindbergh zurück. Ist es nicht auch in der Kulturgeschichte der Menschheit oft so, daß geniale Denker früherer Generationen schon "in nuce" eine Fülle dessen wußten, voraus ahnten, was erst nachfolgende Generationen nach und nach, Schritt für Schritt im einzelnen vollgültig als richtig anerkannten? Ist nicht auch diesen zukunftsweisenden "Fackelträgern der Menschheit" vieles "inhärent", so sehr inhärent, daß sie zu ihren Kindern und Nachkommen mit großem Vertrauen sagen können: Es mag euch vieles kompliziert, verwickelt und unverständlich erscheinen am Leben überhaupt oder an eurem eigenen, besonderen Leben, an der Art, wie ihr selbst zu eurer Existenz kamt und wie ihr selbst euch durch eure Existenz "wühlt", keine Sorge: Life will work it out. Ihr werdet euch hindurch ringen zu solchen Einsichten und Moralgrundsätzen, die andere schon voraus geahnt und - sozusagen - voraus gelebt haben, und von denen aus dann erst vieles sinnvoll erscheint, was einem zuvor alles noch so ganz und gar konfus und völlig sinnlos erschienen war.

Äußerlich aber müssen diese Fackelträger der Menschheit in der Gegenwart ihrer Zeit leben. Die neuen Prinzipien, die sie leben, und die sich in der Zukunft nach und nach entfalten werden, sind in ihrem Innern verborgen, die Mitwelt ist noch nicht weit genug, um sie zu verstehen, die genialen Fackelträger können sie ihrer Gegenwart kaum vernünftig erklären, ohne zu Idioten oder Verbrechern erklärt zu werden. Aber sie können ihren Kindern sagen: "Keine Sorge, life will work it out."

An dieser Stelle soll noch ein Absatz metaphysischer Gedanken eingefügt werden, die diesen Gedanken der Inhärenz erläutern können. Dieser Absatz ist aber nur für jene Leser, die sich darauf einlassen wollen, bzw. können. So sei also gesagt: Das (dieser Welt immanente) Göttliche wirkt, wenn wir uns ihm hingeben und mit nicht nachlassendem Eifer auf es hinstreben, manchmal mit Macht auf uns zurück. Es ist uns dann "inhärent". Beziehungsweise: Wir spüren - erst - dann, daß es uns inhärent ist. Es will Dinge von uns, die uns - zuvor - gar nicht voll bewußt waren, Dinge auch, die uns über die Gegenwart hinaus tragen, Dinge, die - mitunter - in die Zukunft weisen. Das Göttliche "versklavt" uns in diesem Fall. Es wirkt als eine Macht, die nicht mehr will, daß man so lebt wie bisher. Und so mögen allen Dingen - oder vielen Dingen - inhärente Entfaltungsmöglichkeiten innewohnen, inne liegen, ob wir nun wollen oder nicht, ob wir uns derselben bewußt sind oder nicht.

Natürlich könnten das biologische Prinzip Inhärenz und das Anthropische Prinzip der Kosmologie allerhand einander gegenseitig erläuternde und bestätigende Lichter aufeinander werfen. Unserem Weltall selbst sind schon so viele besonderen Eigenschaften "inhärent", die die Wissenschaft mehrheitlich bislang immer noch mit Selektion zu erklären versucht (Multiversen-Theorien). Vielleicht wäre es allem, was wir wissen, angemessener, das rational nicht Verstandene und Verstehbare vorläufig oder auch endgültig als etwas Inhärentes zu begreifen - auch bezüglich dieses einen Weltalls, das wir allein kennen und empirisch nachweisen können.

Soweit ich das mitbekommen habe, hat Conway Morris übrigens selbst den Gedanken der Inhärenz noch nicht auf die erste entstandene Biozelle auf dieser Erde angewandt so wie das in diesem Blogartikel geschehen ist. Eine solche Anwendung ist doch aber nur konsequent und liegt sicherlich ganz auf der Linie dessen, was er selbst bislang zu Inhärenz schon geäußert hat (1).

Auch Hoimar von Ditfurth streifte diese Fragen schon (1972)


In dem Buch "Im Anfang war der Wasserstoff" von Hoimar von Ditfurth aus dem Jahr 1972 finden sich schon viele Gedankengänge, die dem in diesem Blogbeitrag vorgetragenen nahe kommen, und zwar im Kapitel "Der Sprung zum Mehrzeller" (6, S. 256):
Das Leben hatte Fuß gefaßt. Es hatte sich eingerichtet, es war auf der Erde heimisch geworden und von jetzt ab ein fester Bestandteil unseres Planeten. Das erstaunlichste angesichts dieser Situation ist, bei Licht betrachtet, ungeachtet aller glücklich überwundenen Hindernisse und Gefahren, dennoch nicht der Umstand, daß es soweit kommen konnte. Das erstaunlichste ist die Tatsache, daß es nicht dabei blieb.
Er erinnert dann daran, daß es in der Kosmologie schon eine ähnliche Situation gegeben hatte. Warum hätten, nachdem das Wasserstoff-Atom entstanden war, auch noch so viele andere Elemente entstehen "sollen" (6, S. 257):
Daß es anders kam, daß neue, andere Elemente entstanden, die der Entwicklung neue, unerwartete Horizonte öffneten, lag an der Verwandlungsfähigkeit des Ur-Elementes Wasserstoff. Die Herkunft des Wasserstoffs aber und damit auch die Ursachen für die Besonderheiten seiner Eigenschaften liegen für uns jenseits eines Anfangs, über den hinaus unsere Wissenschaft keine sinnvollen Fragen mehr stellen kann.
Dieser Umstand wird heute ja mit Hilfe des "Anthropischen Prinzips" benannt. Und man kann mit Hilfe der neue Begrifflichkeit, die von Conway Morris eingeführt oder wiederbelebt wurde, sagen: Dem Element Wasserstoff - und damit unserem Universum - "inhärent" liegt die Eigenschaft, daß aus diesem Element auch noch so viele andere Elemente hervorgehen können. von Ditfurth (6, S. 257):
Warum das Wasserstoffatom diese besonderen Eigenschaften hat, wie es entstanden ist und wie es in unsere Welt kam, das sind Fragen, auf die es wissenschaftlich ebensowenig mehr eine Antwort gibt wie auf die Frage nach der Herkunft der Zeit oder den Ursachen der Naturgesetze.
Ebenso sagt von Ditfurth über das entstandene Leben (6, S. 258):
Was eigentlich sprach gegen die Möglichkeit, daß es damit nun endlich sein Bewenden haben könnte? Welcher Grund ließe sich, auch heute noch, nachträglich in voller Kenntnis alles dessen, was sich anschloß, für die Behauptung anführen, daß es damals mit Notwendigkeit hätte weitergehen müssen, daß die Entwicklung nicht zum Stillstand kommen konnte?
Über solche "Phasenübergänge" als wie sie heute von der Theorie komplexer Systeme (Synergetik) beschrieben werden und als den ja auch "der symbiotische Zusammenschluß unterschiedlich spezialisierter Urzellen" heute dargestellt wird, schrieb auch schon Hoimar von Ditfurth (6, S. 258):
Auch er kann, stellt man ihn in diesen Zusammenhang, so beschrieben werden, daß man sagt, hier scheine ein Prinzip am Werk zu sein, unter dessen Herrschaft die Entwicklung dadurch voranschreitet, daß sie auf jeder neu erreichten Stufen der Organisation mit den sich dort jeweils neu bietenden Möglichkeiten das wiederholt, was bei den vorangegangenen Schritten schon erfolgreich war. 

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  1. Bading, Ingo: Ist die biologische Evolution zu Ende? Ausgangsbedingungen, Ablauf und Ende der biologischen Evolution - Sind sie "bedingt" durch ein Ziel? Auf: Studium generale, 10. Juli 2016, http://studgendeutsch.blogspot.de/2016/07/ist-die-biologische-evolution-zu-ende_10.html
  2. o.V.: Forscher (Stuart Newman): Lebewesen-Vielfalt entstand nicht durch beinharte Selektion. Studium.at, 19. Oktober 2017, https://www.studium.at/670421-forscher-lebewesen-vielfalt-entstand-nicht-durch-beinharte-selektion
  3. Bading, Ingo: Ein "absolut einzigartig" Liebender - Die deutschen Familien des Flugpioniers Charles Lindbergh. Auf: Studium generale, 9. Juni 2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/06/ein-absolut-einzigartig-liebender.html
  4. Ward, Peter D.; Brownlee, Donald: Unsere einsame Erde. Springer Verlag, Berlin, Heidelberg 2001
  5. Gould, Stephen Jay: Wonderful Life. The Burgess Shale and the Nature of History. Norton, New York NY u. a. 1989; Norton Paperback 1990 http://s-f-walker.org.uk/pubsebooks/pdfs/Stephen_Jay_Gould_Wonderful_Life_The_Burgess.pdf (In deutscher Sprache: Zufall Mensch. Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur. Carl Hanser, München 1991)
  6. Ditfurth, Hoimar von: Im Anfang war der Wasserstoff. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1988 (OA. 1972)
  7. Bading, Ingo: Charles Lindbergh - Auf der Suche nach einer Philosophie, die das Überleben der westlichen Kultur ermöglicht - Lindbergh's Bekenntnisschrift "Of Flight and Life" aus dem Jahr 1948. Auf: GA-j!, 9. Oktober 2017, http://studgenpol.blogspot.de/2017/10/charles-lindbergh-suchte-nach-einer.html
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