Mittwoch, 2. März 2016

"... Iss, trink und scherze - das übrige ist nicht SO viel wert ..."

Ein Ausflug in die Kultur- und Philosophiegeschichte der südtürkischen Küste
Oder: Die Küsten des Mittelmeeres träumen von der Herrlichkeit vergangenen Glanzzeiten der Menschheitsgeschichte 

Abb. 1: Der Apollon-Tempel in Side in Pamphylien (2. Jhdt. n. Ztr.)
(Fotograf: W. Lloyd MacKenzie, via Flickr)
Unsere Sehnsucht nach dem antiken Griechenland findet auch Nahrung, wenn man an heute unter Deutschen so beliebte Urlaubsorte reist wie Antalya oder Alanya. So wie der Autor erstmals für eine Woche Ende Februar 2016. Hier kann man heute mindestens ebenso günstig Urlaub machen wie auf Mallorca. Aber wohl nur eine Minderheit derjenigen, die hier Urlaub machen, sind sich bewusst, dass die Gegend von Antalya und Alanya wesentlich geschichtsträchtiger ist als etwa eine Urlaubsinsel wie Mallorca. Die antike griechische Kultur hat längs der gesamten Südküste Kleinasiens in fast regelmäßigen Abständen ihre - oft noch weitgehend unberührten - Ruinenstädte hinterlassen. Und man kann sich als Urlauber hier tief hinein versenken in das reichhaltige kulturelle Leben der Antike. Dazu sollen im vorliegenden Beitrag einige Anregungen gegeben werden.

Von Antalya nach Alanya fährt man heute mit dem Autobus etwa eineinhalb Stunden. Diese beiden modernen Hafenstädte begrenzen die antike Provinz "Pamphylien" im Westen und im Osten. Pamphylien wie überhaupt die Mittelmeerküste Kleinasien lag an der Peripherie bedeutendster kultureller Großregionen der Antike wie: der hethitischen und luwischen, der phönizischen und der griechischen. Die kulturelle Hochzeit dieser Gegend begann mit dem Zug Alexanders des Großen nach Kleinasien und Pamphylien im Jahr 333 v. Ztr.. Und sie endete mit dem Ende des Römischen Reiches in der Spätantike.

Abb. 2: Pamphylien und Cilicien in römischer Zeit
(Herkunft: Wiki)
Alexander der Große eroberte die antike Hafenstadt Side bei Antaly 333 v. Ztr. kampflos. Hier war man froh, die Herrschaft der Perser los zu sein. Der karthagische Feldherr Hannibal hinwiederum schlug 190 v. Ztr. vor dieser Hafenstadt Side eine Seeschlacht. Der immer wieder versandende Hafen von Side brachte das im ganzen Römischen Reich verbreitete Sprichwort mit sich über eine schwierige und unendlich lang dauernde Arbeit: sie sei "wie der Hafen von Side". Mit solchen Dingen wird einem deutlich, dass die Südküste Kleinasiens in der Antike fast im geographischen Mittelpunkt weiter kultureller und geschichtlicher Bezüge stand.

Fast jede hellenistische Stadt an dieser Küste besaß ihr Theater, ihre Philosophenschule, ihre Exedra, den Versammlungsort der philosophisch und kulturell Interessierten. Sie hatte ihre Dichter, Künstler, Wissenschaftler und Athleten ebenso wie es die Städte Ioniens an der Westküste Kleinasiens hatten - und wie das griechische Festland sowieso. Seit die Griechen sich um 1200 v. Ztr. in Ionien, an der Westküste Kleinasiens festgesetzt haben, hat es auch griechische Kolonien entlang der Südküste Kleinasiens gegeben. Diese haben sich aber anfangs meist akkulturalisiert an die dort bis zu Alexander dem Großen vorherrschende luwische Landessprache und Religion. Weil sich hier so viele Stämme vermischten, nannte die Griechen die Südküste Kleinasiens "Pamphylien", das heißt "alle Stämme".

Abb. 3: Die Südküste Kleinasiens war auch die Heimat der berühmten Zeder, die von dort ausgeführt wurde;
hier: Libanon-Zedern am Berg Libanon im Libanon
(Fotograf: Jerzy Strzelecki)

23 n. Ztr. - Strabo in seiner Erdbeschreibung über das südliche Kleinasien

Als Hauptquelle für die antike griechische Geschichte der Südküste Kleinasiens wird in Reiseführern (1) und auch sonst immer wieder die Erdbeschreibung des antiken griechischen Geographen Strabo (63 v. Ztr.-23 n. Ztr.) herangezogen. Dieser Geograph wurde geboren und starb in einer Stadt im nördlichen Kleinasien. Das vierzehnte Buch seiner Erdbeschreibung (2) befasst sich im ersten Kapitel mit Ionien. Im zweiten Kapitel beschreibt Strabo Karien und die ionischen Inseln Rhodos und Kos. Strabo hat noch das Nachbeben des Machtvakuums im südlichen Kleinasien während der Diadochenkämpfe und die daraus sich ergebende Ausbreitung des Piratenwesens erlebt. Ab dem dritten Kapitel (2) berichtet er zunächst über Lycien, also den westlichsten Teil der Südküste Kleinasiens, sie wäre
rauh und beschwerlich, jedoch sehr hafenreich und von wohlgesitteten Menschen bewohnt. Die Natur des Landes nämlich ist der von Pamphylien und dem Rauhen Cilicien ähnlich; allein jene Völker bedienten sich ihrer Häfen zu Sammelplätzen für den Seeraum, indem sie teils selbst Seeräuberei trieben, teils den Seeräubern Märkte für ihre Beute und Ankerplätze gewährten; wie denn z. B. in Side, einer Stadt Pamphyliens, Schiffswerfte für die Cilicier bestanden, welche dort durch einen Ausrufer Gefangene verkaufen ließen, deren Freiheit sie doch anerkannten. Die Lycier dagegen lebten fortwährend so bürgerlich und wohlgesittet, dass sie, während jene vom Glück begünstigt zur Seeherrschaft bis nach Italien hin gelangten, sich dennoch durch keinen schändlichen Gewinn reizen ließen, sondern bei der urväterlichen Verfassung des Lycischen Bundes treu verharrten. Es sind aber dreiundzwanzig Städte, welche am Stimmrecht Anteil haben ...
Diese 23 lycischen Städte im Süden Ioniens werden dann von Strabo genau beschrieben, zuletzt Termessos, eine antike Stadt kurz vor dem heutigen Antalya. Im vierten Kapitel beschreibt Strabo dann Pamphylien, sprich die Gegend rund um das heutige Antalya, das in der Antike bekannt war unter dem griechischen Namen Attaleia. Diese Stadt war benannt nach dem Erbauer Attalus Philadelphus (220-138 v. Ztr.), König von Pergamon, der hier zeitweise die Herrschaft aufrecht erhalten konnte. Als Städte östlich von Attaleia nennt Strabo zahlreiche, deren Ruinen heute noch vor Ort zumeist recht gut erhalten besichtigt werden können, so ...
... die Stadt Perge und in ihrer Nähe auf einer erhabenen Stelle der Tempel der Pergäischen Artemis, in welchem alljährlich ein Volksfest gefeiert wird. Dann folgt gegen 40 Stadien (6 km) über dem Meer die hochgelegene Stadt Syllium, die man von Perge aus sehen kann. Dann ein großer Landsee Kapria, darauf der Fluss Eurymedon, und wenn man denselben 60 Stadien (9 km) weit hinauf fährt, die ziemlich bevölkerte Stadt Aspendus, eine Gründung der Argiver. Über dieser aber liegt Petnelissus. Dann folgt ein anderer Fluss und viele davor gelegene Inselchen; dann Side, eine Pflanzstadt der Cymäer, mit einem Tempel der Athene. Nahe dabei ist auch die Küste von Klein-Cibyra und dann kommt der Fluss Melas und ein Ankerplatz. Sodann die Stadt Ptolemais und hierauf die Grenze Pamphyliens und Koracesium, der Anfang des Rauhen Ciliciens. Die ganze Küstenfahrt längst Pamphilien hält 640 Stadien (95 km).
Koracesium ist das heutige Alanya. (Ein antikes griechisches Stadion war 148,5 Meter lang. 40 Stadien sind also sechs Kilometer, 60 Stadien sind neun Kilometer, 640 Stadien sind 95 Kilometer.) Weiter schreibt Strabo, dass die Pamphylier sich nach dem Troianischen Krieg unter der Führung der beiden berühmten Seher vor Troia, nämlich Kalchas und Mopsus, in Pamphylien angesiedelt hätten:
Herodotus sagt, die Pamphylier stammten von dem Volkshaufen unter Amphilochus und Kalchas ab, welchem sich auch einige Mischlinge aus Troja angeschlossen gehabt hätten; die meisten nun seien hier geblieben, die übrigen aber hätten sich weit im Lande umher zerstreut. Kallinus meldet, Kalchas habe sein Leben in Klarus geendet, sein Volk aber habe mit Mopsus den Taurus überstiegen und sei teils in Pamphylien geblieben, teils habe es sich über Cilicien und Syrien bis nach Phönicien hin verteilt.
In diesen Schilderungen mögen sich die weitläufigen Bevölkerungsverschiebungen im Zuge des Seevölkersturmes, der dorischen Wanderungen und des Troianischen Krieges wiederspiegeln. Es ist durchaus möglich, dass hier auch nur "sagenhafte" Elemente sich eingemischt haben und nicht alles 100 Prozent historisch ist. Da die Phönizier höchstwahrscheinlich auch zu nicht geringen Teilen im Zuge des Seevölkersturmes nach Phönizien gekommen sind, ist es aber tatsächlich nicht unwahrscheinlich, dass sich in Pamphylien und Cilicien ein solches "Mischvolk" aus Troianern und Griechen angesiedelt hat, die sich mit den dort ansässigen Luwiern vermischt haben und an diese sprachlich angepasst haben. Über Koracaesium - die heutige, immer noch eindrucksvolle Bergfestung Alanya - schreibt Strabon dann im fünften Kapitel:
Zuerst also findet sich die auf einem abgerissenen Berge erbaute Veste Koracaesium, deren sich Diodotus mit dem Beinamen Tryphon als Waffenplatz bediente, wie er Syrien von den Königen abtrünnig machte und bald glücklich, bald unglücklich mit ihnen kämpfte. Ihn nun schloss zwar Antiochus, der Sohn des Demetrius, in einer Festung ein und nötigte ihn, sich selbst zu entleiben, für die Cilicier aber wurde Tryphon und die Nichtswürdigkeit der damals nach der Erbfolge in Syrien und zugleich in Cilicien herrschenden Könige die erste Veranlassung zur Errichtung des Seeräuberbundes.
Hamaxia und Syedra - Umschlagplätze der Libanon-Zeder

Strabo schreibt dann weiter über die antike Stadt Hamaxia (Histolia). Ihre Ruinen liegen sieben Kilometer nordwestlich von Alanya auf 400 Meter Bergeshöhe. Und über die antike Stadt Syedra (Wiki). Sie liegt 18 Kilometer südöstlich von Alanya auf 250 Meter oberhalb der Küste. Und über die antike Stadt Laertes (Histolia). Sie liegt etwa 22 Kilometer südöstlich von Alanya auf 850 Meter oberhalb der Küste. Von allen drei Ruinenfeldern hat man herrliche Blicke hinab auf das heutige Alanya und das Meer. Strabo:
Nach Koracesium folgt die Stadt Syedra, dann ein Ort namens Hamaxia auf einem Hügel mit einem Ankerplatze, wohin das Schiffbauholz gebracht wird, meistens Zedern, an welcher Holzart diese Gegenden Überfluss zu haben scheinen, weshalb auch Antonius diese zur Ausrüstung von Flotten so geeignete Landschaft der Kleopatra zuteilte.
Gemeint ist "die" berühmte Königin Kleopatra von Ägypten. Tatsächlich befindet sich in der südlichen Türkei noch heute das größte Vorkommen der -berühmten - hier angesprochenen Libanon-Zeder, also jenes Baumes, auf den ja auch in der Bibel immer einmal wieder Bezug genommen wird (3):
Weltweit befindet sich der größte Waldbestand der Libanon-Zeder in der südlichen Türkei, er bedeckt eine Fläche von 417.188,5 ha.
Doch das sind nur Restbestände, denn (Wiki, eig. Übersetzung):
Über die Jahrhunderte hat es eine starke Entwaldung gegeben, die nur noch wenige Reste des ursprünglichen Waldes übrig ließ. Diese Entwaldung war im Libanon und auf Zypern besonders stark; auf Zypern überlebten nur Bäume bis 25 Meter Höhe, während Plinius der Ältere dort von Zedern berichtete, die 40 Meter hoch waren. Gegenwärtig wird eine intensive Wiederaufforstung von Zedern im Mittelmeerraum durchgeführt, besonders in der Türkei, wo über 50 Millionen junge Zedern jährlich gepflanzt werden. (...) In der Geschichte gab es verschiedene Versuche, den Bestand der Libanon-Zedern zu erhalten. Der erste wurde durch den römischen Kaiser Hadrian unternommen, "als der größte Zedernwald des Libanon in seiner Ausdehnung schon sehr eingeschränkt war." Hadrian schuf einen kaiserlichen Wald und befahl, dass er durch steinerne, beschriebene Grenzsteine markiert werde, von denen sich zwei im Museum der Amerikanischen Universität Beirut befinden.
Was ist das Besondere an der Libanon-Zeder? (Wiki):
Sie ist äußerst dürreresistent, bevorzugt aber Standorte mit Niederschlagsmengen zwischen 590 und 1300 mm pro Jahr. Es werden kalkhaltige Böden bevorzugt. Man findet sie in Höhenlagen von 600 bis 2.100 m. ü. NN. Sie bildet unter anderem Mischwälder mit der Kilikischen Tanne (Abies cilicica), Kiefern (Pinus spec.) und Wacholder (Juniperus spec.) wie Stinkender Wacholder. (...) Die Libanon-Zeder gehört zu den meist genutzten Baumarten. Das schöne, dauerhafte und leicht zu bearbeitende Holz der Libanon-Zeder wird seit fast 5.000 Jahren verwendet. In der Antike wurde es zum Palast- und Tempelbau genutzt. Es war zudem ein gefragtes Holz zum Schiffbau und zur Möbelherstellung. Auch heute noch ist das Holz ein sehr gefragtes Bau-, Tischler- und Möbelholz. (...) Für die Phönizier galt die Libanon-Zeder als Königin des Pflanzenreiches. Sie nutzten Zedernholz unter anderem zum Schiffbau. Auch die alten Ägypter nutzten Zedernholz für ihren Schiffbau, wobei vermutet wird, dass sie diese aus dem Libanon importierten.
- Zurück zu den angesprochenen antiken griechischen Städten. In den Ruinen von Hamaxia findet man noch heute Reste einer (1, S. 105)
Exedra mit Inschriften und Sitzreihen in einem Halbkreis.
Auch hier also trafen sich die philosophisch interessierten Bürger hellenistischer Städte zum Philosophieren. Und über Syedra berichtet Hagelstad (1, S. 64):
Die Stadt hat außerdem viele Athleten hervorgebracht, was aus zahlreichen Inschriften hervorgeht, wo nicht nur die Sportler der Stadt, sondern sogar auch Athleten aus Anamorium und einer aus Aspendos, geehrt werden. Das Interesse an sportlicher Betätigung geht auch aus den Münzen des 2. und 3. Jh. hervor, wo Siegerkränze und Ringkämpfe abgebildet.
Laertes - Alterssitz verdienter Soldaten

Strabo nun setzt seine Aufzählung in seiner Erdbeschreibung fort:
... Dann auf einem busenförmig gewölbtem Hügel die Bergfeste Laertes mit einer Rhede.
Über diese antike Stadt schreibt Huglstad (1, S. 67):
Die Stadt existierte bereits ungefähr im Jahre 625 v. Chr., da man eine Tafel mit einer phönizischen Inschrift aus dieser Periode gefunden hat. Aus der Tafel geht hervor, dass der Provinzbefehlshaber dem Besitzer der Tafel, seinem Diener, ein Stück Land vermacht hat. (...) Aus der gleichen Zeit gibt es eine phönizische Inschrift, welche die hohe Qualität des hiesigen Weines preist.
Aus Inschriften des 1. bis 3. Jahrhundert geht hervor (1, S. 67f):
Römische Soldaten aus verschiedenen Regionen des Reiches haben nach absolviertem Dienst in der Stadt ihr Rentnerdasein verbracht. (...) Aus einer anderen Inschrift geht hervor, dass die Stadt einen Olympiasieger namens Polemos hervorgebracht hat. (...) Die Agora (Marktplatz) (...) Im nördlichen Ende sieht man die in einem Halbkreis angebrachten Sitzreihen. Der untere Teil ist mit zwei Löwentatzen dekoriert. Es dreht sich hier um eine so genannte Exedra, wo die Bürger der Stadt, Philosophen u.a.m. sich entspannen und diskutieren konnten.
"Iss, trink und scherze - das übrige ist nicht so viel wert" - Die Philosophenstädte Kilikien's

Über die Stadt Seleucia schreibt Strabo:
der stark bevölkerten und von den Cilicischen und Pamphylischen sehr abweichenden Stadt Seleucia. Hier lebten zur ... Zeit zwei bedeutende Männer, die zu der Schule der Peripipatetiker gehörenden Philosophen Athenäus und Xenarchus, von welchen Athenäus auch Staatsmann war und eine Zeit lang das Volk seiner Vaterstadt leitete, später aber, als er in freundschaftliche Verbindung ... zu Murena geraten war, nach Entdeckung der gegen den Kaiser ... gestifteten Verschwörung mit jenem fliehen musste und gefangen genommen wurde; doch ward er, als unschuldig erkannt, vom Kaiser wieder freigelassen. (...) Xenarchus aber, bei dem ich (selbst) gehört habe, verweilte nicht lange in der Heimat, indem er in Alexandria und Athen, zuletzt aber in Rom das Leben eines Lehrers wählte; und im Genus der Freundschaft des Arius und später des Kaisers Augusts blieb er bis zum Greisenalter in großer Achtung.
Über die Stadt Soli schreibt Strabo:
Merkwürdige Männer von hier waren Chrysippus, der stoische Philosoph, dessen Vater aus Tarsus, aber von dort weggezogen war, der Lustspieldichter Philemon, und Aratus, welcher die Phänomena (oder Himmelskörper) in Versen beschrieben hat.
Über Anchiale:
Eine Gründung des Sardanapal, wie Aristobulus sagt. Auch sei daselbst das Grabmal Sardanapal's und sein steinernes Bild, welches die Finger der rechten Hand so zusammen drücke, als ob er ein Schnippchen schlage, und daran finde sich folgende Inschrift mit assyrischen Buchstaben: "Sardanapal, der Sohn des Anakyndaxeres, baute Anchiale und Tarsus an einem Tage. Iss, trink und scherze; das übrige ist nicht so viel wert," nämlich eines Schnippchens. Auch Chörilus erwähnt diese Sache; besonders sind folgende Verse überall im Umlauf:
Jenes nur, was ich beim Mahl und beim Wein und in Liebe genossen,
Hab' ich anjetzt; doch zurück blieb jegliche Fülle des Reichtums.
Man merkt, dass dies Lebensgrundsätze geistreicher Menschen waren. Man sollte sich also hüten, ihre Lebensgrundsätze mit äußerlich ähnlichen heutiger Menschen zu vergleichen, die sich, indem sie glauben diese Grundsätze zu leben, für geistreich - - -  halten. Über die Stadt Tarsus schreibt Strabo:
Die dasigen Einwohner zeigen einen solchen Eifer sowohl für die Philosophie, als für alle übrigen allgemeinen Wissenschaften, dass sie selbst Athen und Alexandria und jeden anderen Ort, den man etwa sonst noch nennen kann, wo es Schulen und Unterricht der Philosophen gab, übertreffen. Nur das macht einen Unterschied, dass hier die Studierenden sämtlich Einheimische sind, Fremde aber nicht dort hinwandern; und selbst jene bleiben nicht dort, sondern vollenden ihre Bildung auswärts und bleiben, wenn sie dieselbe vollendet haben, dort. In jenen Städten aber, die ich eben nannte, außer Alexandria, geschieht das Gegenteil; in sie wandern viele und verweilen gern daselbst, von Einheimischen aber sieht man nicht viele aus Lernbegierde auswärts gehen, noch am Orte selbst sich den Wissenschaften widmen. Bei den Alexandrinern jedoch vereinigt sich beides; denn sie nehmen nicht nur viele Fremde auf, sondern entsenden auch nicht wenige der ihrigen, auch finden sich bei ihnen allerlei Schulen für die Sprachwissenschaften. (...) Von da gebürtige Männer waren die Stoiker Antipater, Archedemus und Nestor, dann zwei Athenodorus, von denen der eine, der den Beinamen Kordylion führte, im Hause des Marcus Cato lebte und bei ihm starb, der andere aber, Sandon's Sohn (...) den Kaiser Augustus unterrichtete und großer Ehre genoss, dann aber, schon ein Greis, in seine Vaterstadt zurückgekehrt, die dort bestehende Staatsverfassung aufhob, welche unter anderen besonders vom Boethus, einem ebenso schlechten Dichter als Bürger, aber als Volksschmeichler sehr mächtigem Manne, schlecht verwaltet wurde.
Von diesem Boethus, sowie von Athenodorus und ihren Streitfällen mit Heerführern und Mitbürgern weiß Strabo dann noch mancherlei Kurioses und Erheiterndes zu erzählen. So bekam der greise Athenodorus von Kritikern an die Hauswand geschrieben:
Taten der Jungen, Beratung der Männer und Fürze der Alten.
Athenodorus habe die Beleidigung als Scherz genommen, sie durchgestrichen und geschrieben:
Donner der Alten.
Doch die Jugend hinwiederum rächte sich mit noch derberen Beleidigungen ... Strabo weiter:
Diese Männer also waren Stoiker. Ein Akademiker dagegen war Nestor, der, zu meiner Zeit lebend, den Marcellus, den Sohn Octavia's, der Schwester des Kaisers, unterrichtete. Auch dieser stand als Nachfolger des Athenodorus an der Spitze der Staatsverwaltung und erhielt sich stets in der Achtung sowohl der Statthalter als der Stadt.
Unter den übrigen Philosophen (...) gehörten Plutiades und Diogenes zu denen, welche in den Städten umherziehen und einträgliche Schulen errichten. Diogenes machte auch gleichsam begeistert über jeden ihm vorgelegten Gegenstand Gedichte, meistens Trauerspiele. Sprachgelehrte, von denen auch noch Schriften vorhanden sind, waren Artemidorus und Diodorus, ein Trauerspieldichter aber Dionysides, der beste von denen, die zu dem Siebengestirn gerechnet werden. Besonders aber kann Rom die Menge der aus dieser Stadt gebürtigen Gelehrten zeigen; denn es ist voll von Tarsiern und Alexandrinern.
Wie es überhaupt als bemerkenswert bezeichnet werden kann, dass in einer geographischen Erdbeschreibung so ausführliche Beschreibungen von Philosophen einzelner Städte gegeben werden. Auch Strabo setzte offenbar die Prioritäten anders als das viele heutige Geographen tun ....

Sonntag, 7. Februar 2016

Die Sehnsucht nach der Einsamkeit Alaskas

Arved Fuchs - "South Nahanni" (1984) - Ergänzendes zu seinem Buch

Wildnis. Weite. Felsen. Spärlicher Bewuchs und Fichtenwälder. So weit das Auge reicht. Die Lektüre eines auf dem Grabbeltisch (bzw. im "Medienpoint") gefundenen Buches des Abenteurers Arved Fuchs (1) gab Anlass zu dem folgenden Blogbeitrag. Arved Fuchs schildert darin eine Kanufahrt den Fluss Süd-Nahanni hinab, im Sommer 1984 im Nordwesten Kanadas. Und dieser Reisebericht packt einen. Er liest sich mehr als spannend, zumal er begleitet ist durch viele eindrucksvolle Bilder von dieser wegelosen Weite und grenzenlosen Einsamkeit der dortigen Natur und Wildnis.

Abb. 1: Die Schönheit Nordwest-Kanadas. Der Virginia-Wasserfall des Südlichen Nahanni-Flusses ist 90 Meter hoch und damit der höchste Kanadas, höher auch als die Niagara-Fälle, aber viel schwerer zu erreichen als der letztere
(Fotograf: Paul Gierszewski)
Beim Lesen fühlt man sich ziemlich bald in seine Kindheit zurück versetzt. Man lag krank im Bett, fühlte sich nicht gut und las Geschichten und Romane von Jack London. Und tauchte ein in eine fremde, unheimliche Welt. "An der weißen Grenze", "Ruf der Wildnis", "Der Seewolf", "Wolfsblut", "Lockruf des Goldes". Jack London selbst war 1897 dem Goldrausch nach dem Klondike und dem Yukon in Kanada gefolgt. Er hatte hier 60 Grad Minus erlebt und das Leiden und Sterben rauhester, stärkster Männer. Und seine Geschichten und Romane lebten von diesen sehr persönlichen Erfahrungen. Eine düstere, unheimliche, raue und kalte Männerwelt. Eine Welt an Roulette-Tischen und hinter Hundegespannen, erleuchtet von Liebe, Treue, Kameradschaft und Aufopferungs-Bereitschaft zwischen Menschen und Tieren, erleuchtet von Bewährung unter härtesten Lebensbedingungen. Eine Welt aber auch umdüstert und verdüstert von Habsucht und Mord, Heimtücke und Verrat, von Trunksucht und unerbittlichem Leiden, von Sterben in Kälte und Hunger und an der abgrundtiefen Bosheit der Mitmenschen. 



Abb. 2: Ankunft von Dene-Indianern mit Birkenholz-Kanus an der Südostküste des "Großen Sklaven-Sees" bei Fort Resolution (circa 1900)
Und nun noch weiter östlich im Landesinneren der von Jack London in seinen Romanen geschilderten Region des Klondike und des Yukon war Arved Fuchs achtzig Jahre später den wilden Bergfluss Nahanni abwärts gefahren, der in 1600 Meter Höhe im Hochgebirge beginnt und der immer weiter nach Süden hinab fließt zwischen steilen Felswänden, Bergen und Hochebenen.

Das Indianervolk der Dene 

Diese Region war - wie der Klondike und der Yukon - ursprünglich nur spärlich besiedelt von dem großen Indianervolk der Dene. Und da Arved Fuchs in seinem Buch von diesen Ureinwohner überhaupt nicht spricht, fühlt man sich veranlasst, einige Kenntnisse über die Ureinwohner dieses Landes im vorliegenden Beitrag noch einmal für sich und andere zusammen zu tragen. Die Dene kamen mit der zweiten Einwanderungswelle nach Nordamerika (Wiki). Sie sind den nordasiatischen Völkern sehr nahe verwandt und gehören mit den südlicheren Apachen und Navajos zur Athabaskischen Sprachgruppe (Wiki). Als dritte Einwanderungswelle folgten ihnen später noch die Eskimos/Inuit, die die Länder nordöstlich der von ihnen bewohnten Regionen - also noch näher dem Polarkreis - besiedelten. 

Aber auch die Lebenswelt der Dene in der Nahanni-Region war - zumal im Winter - unglaublich rauh und lebensfeindlich. Das mag sicherlich ein Grund sein dafür, dass sich die ansässigen Indianer bei Ankunft der Weißen ziemlich bald in der Nähe ihrer Forts sammelten. Denn hier gab es bessere Lebensbedingungen, importierte Nahrung, die gegen Pelze und Fleisch getauscht werden konnte. In der Nahanni-Region lebte der Dene-Stamm der Slavey (Wiki), die von den benachbarten Cree-Indianern als "Sklaven" angesehen und bezeichnet wurden, wovon ihr Name abgeleitet ist und ebenso auch der Name ihres größten Sees, des "Großen Sklaven-Sees". Sie selbst bezeichnen sich als "Dene Tha". Und die lokale Untergruppe am Nahanni bezeichnet sich als "Nahanni Butte". Sie lebt heute am Zusammenfluss des Flusses Süd-Nahanni mit dem Fluss Liard und besteht nur noch aus aus etwa 100 Personen (Wiki). Von ihnen soll aber auch der große Indianerstamm der Navajo viel weiter im Süden abstammen. Über den Fluss Nahanni wird berichtet (Wiki):
In early 1823, Alexander MacLeod of the Hudson Bay Company explored the lower river. The Company quickly lost interest when they realized that the river did not support a large native population and was not a viable route to the west. The nearest Hudson Bay fort was established at Fort Liard, and later many natives from the Nahanni settled nearby.
Abb. 3: Velma Wallis - Zwei alte Frauen
Heute werden in der Nahanni-Region gejagt - aber offenbar nicht mehr unter Einbindung von Ureinwohnern (s. Huntnahanni): Karibus, Elche, Bergschafe und Ziegen. Die Dene-Indianer lebten Jahrtausende lang im Wesentlichen von den Karibus. Die Karibus waren die Quelle für ihre Nahrung, für ihre Werkzeuge und für ihre Zelte. Über die rauhe Lebenswirklichkeit in Bergen bis 2000 Meter Höhe wird berichtet (CanadaHistory):
Food was not as plentiful as it was in the south and starvation and death from the cold were constant threats. (...) For most of the Dene, life was very nomadic and dwellings had to be easy to transport. Travel during winter was on foot with snowshoes and toboggans.
Toboggans sind zu Deutsch Schlitten.
In summer, light bark-covered canoes were carried on trips to be used when they came to navigable lakes and rivers. (...) Religious beliefs centred on the all-important relationship between hunters and animals. Hunters were given "medicine bundles" at childhood and they slept with these for supernatural aid. Because of the mobility of the society, the aged and infirm were left behind to die and bodies were often left unburied with a few possessions to take with them on their journey to the afterlife.
Dieser Bericht erinnert an das bekannte Buch "Zwei alten Frauen" von Velma Wallis (geb. 1960) (Amazon), erstmals erschienen 1993. Es schildert ein reales Schicksal zweier Indianerinnen in der Yukon-Region. Die Autorin selbst ist Angehörige eines dortigen Stammes und lebt in Fort Yukon in der Arktisregion.

Abb. 4: Lage des Nahanni-Flusses (rot) zwischen dem Großen Sklaven-See und der Westküste Kanadas
Weiterführende Auskünfte über die Kultur der Dene am Nahanni-Fluss sind zunächst nicht leicht zu finden (u.a. hier). Es gibt auch eine Seite eines Angehörigen des Volkes der Dene mit Universitätsabschluss, der die Sprache seiner Familie vor dem Aussterben bewahren will (DiDenekeh). Der Autor Dick Turner hat sich offenbar mit dem Stamm der Nahanni Butte befasst:
Dick Turner wrote three books, "Nahanni" and "Wings of the North" being the most successful.
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  1. Fuchs, Arved: South Nahanni. Kanu-Abenteuer im Norden Kanadas. Delius Klasing Verlag, Bielefeld 2008 (EA: 1984)

Donnerstag, 29. Oktober 2015

War Norditalien der Entstehungsort der Gründerpopulation des aschkenasischen Judentums?

"Der Ursprung der Ashkenasim ist ungeklärt"
The origins of the Ashkenazim are obscure,
heißt es auf dem diesbezüglichen Artikel auf Wikipedia bis heute! Der vorliegende Blogartikel erschien vor genau drei Monaten und ging der These nach, dass die Gründerpopulation des aschkenasischen Judentums in Worms, Speyer und Mainz entstanden wäre und von Anfang an da gelebt hätte. Diese These soll heute aktualisiert werden anhand neuer Hinweise (2). In die genannten Rheinstädte Worms, Speyer und Mainz ist nämlich im 9. Jahrhundert auch die bedeutende jüdische Familie der Kalonymiden aus Norditalien (Lucca) zugewandert (s.a. Wikipedia dt. und engl.). Was uns bislang nicht bekannt war. Dies ist aber das Thema eines angekündigten Vortrages von Michael Schneider im Archäologischen Landesmuseum Brandenburg am 4. November 2015: "Aschkenas – Archäologie des Judentums in Mitteleuropa von der Spätantike bis in die Neuzeit", der angekündigt wird mit den Worten:
Etwa seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. leben Juden in Aschkenas, also auf dem Gebiet Mitteleuropas. Die meisten kamen im Zuge der römischen Expansion nach Germanien. Ihre Geschichte ist von Anfang an eng mit der Kulturgeschichte Deutschlands verwoben. (...) Das Judentum ist eine Gemeinschaft der Sprache, der Schrift und deren Tradierung. In dem Vortrag wird dargestellt, inwieweit die Archäologie hilfreich bei der Erforschung und der Rekonstruktion jüdischen Lebens wirken kann. An aktuellen Beispielen u.a. der SCHUM-Gemeinden (Speyer, Worms und Mainz) werden die Ergebnisse zusammenfassend erörtert und anschaulich jüdisches Leben dargestellt.
Der genaue Zeitpunkt der Zuwanderung der genannten Kalonymiden-Familie kann anhand der innerjüdischen schriftlichen Überlieferungen bislang von der Forschung nicht sicher genannt werden, scheint aber nicht vor dem 9. Jahrhundert zu liegen (2). 

Aktuelle genetische Untersuchungen, die explizit Bezug nehmen würden auf die Familiengeschichte der Kalonymiden finden sich auf Google Scholar derzeit noch nicht. Allerdings fragte Michael Balter ja schon 2013 in "Science" im Kommentar zu der damals erschienen neuen spannenden genetischen Studie: "Did Modern Jews Originate in Italy?" (3). Das hatte man 2013, als man es las, eher als "Artefakt" gewertet, als einen eher zufälligen und willkürlichen Ausschlag im Datengewimmel. Mit der Kenntnis um die Familiengeschichte der Kalonymiden jedoch bekommt dieses damalige Ergebnis doch eigentlich ganz neue Bedeutung. Balter schrieb über das zu 80 Prozent europäische mitochondriale Genom der Aschkenasen:
The closest matches were with mtDNAs from people who today live in and around Italy.
(!!!) Und Balter weiter: 
The results imply that the Jews can trace their heritage to women who had lived in Europe at that time. Very few Ashkenazi mtDNAs could be traced to the Middle East.
Ergäbe sich daraus also, dass die Gründerpopulation des aschkenasischen Judentums in Norditalien zu suchen ist? Und dass die germanischen und europäischen Frauen, die zu dieser beitrugen, dann Langobardinnen waren, bzw. allgemeiner: Norditalienerinnen? Und nicht Franken oder Alemannen, wie bislang hier auf dem Blog vermutet und auch bisher im vorliegenden Blogartikel? Wow, das wäre eine spannende These. Und dann wären die folgenden Gedankengänge nach Italien zu verlegen! Was eigentlich wirklich nicht sehr dumm erscheint.

Die Langobarden besetzten ab dem Jahr 568 Norditalien. Und fragt man nun Google Bücher nach den Beziehungen zwischen Langobarden und Juden, stößt man als erstes auf folgendes Zitat eines Wilhelm Kaltenstadler, in dem er sich mit Uwe Topper's Geschichtstheorien auseinandersetzt (die man bislang für außerordentlich merkwürdig hielt) (4):
Wie die Juden legten auch die Langobarden auf ihre langen Bärte und das lange Haupthaar größten Wert.
In der Tat. Lango-Barden. Es wird da von Topper manches - scheinbar - im Sinne diverser alter geheimer und bekannter Männerorden geschichtsphilosophisch, ritualgeschichtlich und ideengeschichtlich mit imaginärer oder realer Bedeutung versehen (Bogumilen, "Lichtreligion" etc.) entlang altbekannter, auch hier auf dem Blog schon behandelter (gnostischer?) Denkmuster. Dem - und vielem anderen - wird man künftig noch einmal genauer nachgehen müssen.

Doch im folgenden bleibe der ursprünglichen Blogartikel einfach so stehen, wie er bisher eingestellt war, mit Ausführungen, die der Sache nach womöglich nun eher auf Norditalien als auf den deutschen Rhein zu beziehen wären. Sie geben also weiterhin höchstens noch Zeugnis von unserem intensiven Suchen, weniger vom abschließenden Finden. Sie geben also Zeugnis davon, dass Wissenschaft immer auch verbunden ist mit Irrwegen und zunächst falschen Hypothesen! :) (Aber man kann sie oft auch erst um so leichter und bedeutungsvoller widerlegen, um so intensiver man ihnen zuvor nachgegangen ist.)

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Die Ursprünge sind also noch nicht vollständig geklärt - auch nicht nach mehr als zehn Jahren insbesondere intensiver humangenetischer Forschung zu diesem Thema (s. den Abschnitt "Genetics" auf "Ashkenazi Jews", der dort seit Jahren vorbildlich aktuell gehalten wird). Über diesen Ursprung haben wir uns schon in früheren Blogartikeln immer wieder einmal Gedanken gemacht. Und diese sollen im folgenden Blogartikel durch einige neue Gedankengänge ein wenig weitergeführt werden. Denn es gibt aus genetischer Sicht und aus der Sicht der Evolution von Intelligenzbegabung fast kein spannenderes Volk weltweit als das Volk der aschkenasischen Juden. Schon Anfang 2008 hatten wir den Ursprung dieses Volkes deshalb auf dem Parallelblog "Studium generale" erörtert ("Zu welchen Anteilen stammen die aschkenasischen Juden von deutschen Frauen ab?"). Er wurde auch auf anderen Blogs in verschiedenen Zusammenhängen immer einmal wieder angesprochen, zuletzt 2013 im Kommentarbereich der Scilogs ("Der Rassismus der Guten"), wo von mir im allerletzten Kommentar auch auf den bis dato wohl aktuellen Stand der Forschung auf diesem Gebiet hingewiesen wurde.

In den letzten Jahren hat sich in der Humangenetik also - trotz immer wieder auch anderslautender Studienergebnisse - die Erkenntnis herausgeschält und erhärtet, dass die heutigen 10 Millionen aschkenasischen Juden weltweit aus einer nur höchstens wenige hundert Menschen umfassenden Gründerpopulation hervorgegangen sind (einer "Flaschenhalspopulation"), die vor zwölf- bis sechzehnhundert Jahren am Rhein gelebt hat (deshalb auch der traditionelle alemannische Dialekt, das Jiddische, als Muttersprache). Und dass der größte Teil der Frauen dieser Gründerpopulation lokaler, nichtjüdischer, sprich germanisch-deutscher Herkunft war. Die Hälfte aller aschkenasischen Juden weltweit soll ja von nur vier solcher Frauen abstammen nach den derzeitigen Erkenntnissen der Humangenetik, die, nachdem sie eine Zeit lang verworfen worden waren, dennoch wieder bestätigt worden sind.

(Schon das äußere Erscheinungsbild vieler aschkenasischer Juden, unter denen es ja auch Blonde und Blauäugige gibt, sollte einem dieses Forschungsergebnis nahe liegend erscheinen lassen.)

Ein neuer Gedankengang dazu

Abb. 1: Die Mutter Albert Einsteins
Wenn man sich nun überlegt, aufgrund welcher Szenarien diese so sehr noch im Dunkeln liegende Gründerpopulation zustande gekommen sein kann, so kommt man zu folgender neuer Überlegung: So weit bekannt, spielen die jüdischen Frauen, sprich, die jüdischen Mütter eine große Rolle für die aschkenasisch-jüdische Kultur. Eine nicht hinweg zu denkende. Wohin man blickt, wird in ihr dementsprechend auch von der jüdischen Mutter mit Ehrfurcht und Respekt gesprochen.

Die Rabbiner haben sich auch immer wieder eingehend damit beschäftigt, dass den Frauen eine äußerst wohlwollende Stimmung innerhalb ihres Volkes entgegen gebracht würde. Schon das ist eigentlich sehr interessant zu beobachten.

Die Frage stellt sich aber dennoch: Wie konnten die aus den romanischsprachigen Teilen des damaligen untergehenden römischen Reiches und der dortigen germanischen Nachfolgereiche nach dem Rhein zuwandernden Männer jüdischer Herkunft (oft Angehöriger der Priesterkaste Kohanim, die sich bis in die Gegenwart genetisch in männlicher Linie "rein" erhalten hat) einheimische germanische Frauen so sehr von ihrer jüdischen Religion und Lebensweise überzeugen, dass diese bis heute eine solche starke Überzeugtheit von dieser und Identifikation mit derselben aufzeigen? Und zwar obwohl sie zum Beispiel im religiösen Leben der Gemeinden klar untergeordnet sind, kaum ein Mitspracherecht haben, ihre Anwesenheit in den Gottesdiensten eigentlich gar nicht notwendig ist aus der Sicht der Priesterschaft?

Der uns wichtige, neue Gedankengang ist nun folgender: Man möchte meinen, dass nichtjüdische Frauen, die in einem solch umfangreichen Ausmaß zur Identifikation mit der jüdischen Religion und Kultur gebracht werden sollen, zuvor schon "vorbereitet" gewesen sein müssen. Man möchte also meinen, dass es sich um Frauen gehandelt hat aus germanischen Bevölkerungsteilen, die schon seit vielen Generationen christianisiert worden waren. Diese Überlegung drängt den Gedanken auf, dass es sich um Frauen aus jenen alemannischen und fränkischen Bevölkerungsteilen gehandelt haben könnte, die am frühesten zum Christentum übergetreten sind.

Der christliche Königshof der Burgunder in Worms (406 bis 435)

Um nun die Ethnogenese des aschkenasisch-jüdischen Volkes zeitlich und räumlich noch klarer eingrenzen zu können, müsste man sich deshalb wohl die Siedlungs- und Missionsgeschichte der Alemannen und Franken anhand der archäologischen Ausgrabungen und der schriftlichen Überlieferungen anschauen. Zu den Burgunden heißt es auf Wikipedia:
Nach dem Abzug eines großen Teiles der römischen Truppen vom Rhein im Jahr 401 war der Weg über den Fluss frei. Der Übergang bei Mainz am 31. Dezember 406 (siehe Rheinübergang von 406) setzte vermutlich die Landnahme des nördlichen Alamannenlandes bis zum unteren Neckarbergland voraus. (...) Nach Olympiodoros von Theben (dessen Werk aber nur fragmentarisch erhalten ist) erhoben im Jahr 411 Burgunden unter ihrem Anführer Gundahar (auch als Gundihar oder Gunthahar überliefert) gemeinsam mit Alanen unter Goar in Mundiacum in der Provinz Germania II den Gallorömer Jovinus zum Gegenkaiser. Die ältere Forschung hat dies in der Regel dahingehend „verbessert“, dass das unbekannte Mundiacum mit Moguntiacum (=Mogontiacum bzw. Mainz) in der Provinz Germania I gleichgesetzt wurde.
Die Burgunden wurden von den Römern offenbar als Bundesgenossen innerhalb der Reichsgrenzen am Rhein angesiedelt. Weiter heißt es:
Orosius († um 418) behauptete in seinen letzten Lebensjahren, die Burgunden seien nunmehr Christen und überdies keine Feinde mehr, sondern Beschützer der Römer (Hist. adv. pag. 7,32). (...) Doch Gundahars Bemühungen, seinen Machtbereich unter Ausnutzung erneuter innerrömischer Konflikte nach Westen (in die Provinz Belgica I) auszudehnen, brachte die Burgunden schließlich in Konflikt mit den Römern. Im Jahr 435 wurde ein burgundisches Heer vom weströmischen Heermeister Aëtius besiegt und musste sich wieder in die Germania I zurückziehen. Ein Jahr darauf wurde das Burgundenreich am Rhein von hunnischen Hilfstruppen Westroms endgültig vernichtet. Dieses Ereignis stellt den historischen Kern der Nibelungensage dar, wobei Attila, das Vorbild für den mittelhochdeutschen Etzel bzw. altnordischen Atli der Sage, in Wahrheit keine Rolle beim Untergang des rheinischen Burgundenreiches spielte.
Das um 1200 entstandene Nibelungenlied nennt dieses Volk Burgonden und seinen König Gunther. Das Burgund des 12. Jahrhunderts lag jedoch um Arles (Königreich Arles) sowie weiter nördlich (Herzogtum Burgund in der Region um Dijon), während die Burgunden des 5. Jahrhunderts einige Jahre nach der Zerschlagung ihres Reichs am Rhein in der Gegend südlich des Genfer Sees angesiedelt wurden (siehe unten). Um die Unterschiede zu betonen, ist es in der Forschung oft üblich, nur das Volk der Nibelungensage als Burgunden, das historische Volk hingegen als Burgunder zu bezeichnen.
Damit spielt das christliche Burgunderreich von Worms nur in den Jahren 406 bis 435 eine Rolle. Man fühlt sich an die kurze Lebensdauer der etwas später begründeten Reiche der Wandalen in Nordafrika (429 bis 533) und der Ostgoten in Italien (488 bis 552) erinnert. Dass schon zumindest ein Teil der Burgunden in Worms christlich geworden ist, ebenso wie wir dies von den eben genannten Ostgoten wissen, ebenso wie dies von den die Burgunden in Worms ablösenden Franken gilt, wird auch durch zwei auf dem Wormser Kirchfriedhof schon im 19. Jahrhundert gefundene römischsprachige Grabsteine bestätigt für die 50-jährige "Pauta" und den 30-jährigen Ludino. Beide Grabsteine mit christlicher Bildsprache (u. a. Christogramm). Ihre beiden Namen ebenso wie die anderen auf den Steinen genannten Namen sind von der Forschung als germanische aufgefasst worden (1, S. 870):
Beide Grabinschriften belegen überzeugend, dass es hier bereits zu Beginn des 5. Jahrhunderts Germanen gab, die sich zum Christentum bekannten.
Die Inschrift des ersten, ins erste Drittel des 5. Jahrhunderts datierten Grabsteins lautet übersetzt (1, S. 871):
Hier ruht in Frieden Pauta ihres Namens, gestorben nach 50 Jahren, 6 Monaten und 15 Tagen. Den Grabstein errichteten Puasi und Quito und Siggo, Boddi, Ivio. 
Die Inschrift des zweiten, ins zweite Drittel des 5. Jahrhunderts datierten Grabsteins lautet übersetzt (1, S. 870):
Hier ruht in Frieden Ludino, der 30 Jahre lebte. Die Inschrift setzte seine Ehefrau Duda.
(Abbildungen der beiden Grabsteine hier, sowie hier und hier.) Wir wissen von den Westgoten, dass sie nach dem Hunnensturm von 375 und in Flucht vor demselben nur dann über die Donau hinter die Grenzen des römischen Reiches fliehen durften, wenn sie sich zugleich zum Christentum bekehrten. Vielleicht galt ähnliches auch für die als Bundesgenossen der Römer über den Rhein vorgedrungenen Burgunden. Jedenfalls deutet somit vieles darauf hin, dass die christlichen Gemeinden in den vormals römischen Städten Trier, Köln, Mainz, Worms und anderwärts während der Völkerwanderungszeit niemals ganz untergegangen sein müssen. Die die Kirchen umgebenden Friedhöfe scheinen ohne Unterbrechung von Christen benutzt worden zu sein, wobei sich auch die zuwandernden Germanen in die christlichen Gottesdienste und in die Friedhofsbenutzung scheinen eingeordnet zu haben. All das ist ja auch von dem etwas später begründeten Goten-Reich Theoderichs des Großen (451-526) bekannt.

Die Juden unter den Westgoten (418 bis 711)

Wahrscheinlich haben die Juden des römischen Reiches zu den toleranteren Arianern unter den christianisierten Germanenvölkern sogar noch eher Zugang gefunden als zu den damaligen romanischsprachigen "Mehrheitschristen", unter denen der religiöse Antisemitismus ja schon sehr stark ausgeprägt gewesen ist. Jedenfalls wurden damals von den Mehrheitschristen wo immer sie auftraten "Heiden, Juden und Arianer" in einem Atemzug genannt. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Beschlüsse des dritten Konzils von Toledo der Westgoten im Jahr 589 gegen Arianer und Juden, nachdem der westgotische König zu den Mehrheitschristen übergetreten war und nachdem die Westgoten damit eine ganz neue Identität als Volk angenommen hatten (Wiki):
Zu den Konzilsbeschlüssen gehörten auch Maßnahmen gegen die Juden; ihnen wurde unter anderem verboten, christliche Frauen zu heiraten oder christliche Konkubinen zu haben, und Kinder aus solchen bereits bestehenden Verbindungen mussten getauft werden.
Über das vierte Konzil von Toledo im Jahr 633 heißt es:
Das Konzil missbilligte die von König Sisebut (612–621) angeordneten Zwangstaufen der Juden, erklärte sie aber für kirchenrechtlich gültig; den auf Sisebuts Veranlassung zwangsweise getauften Juden wurde verboten, zu ihrem angestammten Glauben zurückzukehren.
Das sechste Konzil tagte im Jahr 638:
Es fasste unter anderem Beschlüsse gegen die Juden, wobei den Konzilsakten zufolge der König die treibende Kraft war. Die Bischöfe billigten die Absicht des Königs, das Judentum in seinem Reich gänzlich auszurotten und keine Nichtkatholiken zu dulden.
Auch noch 693 und 694 wurden entsprechend scharfe Gesetze gegen das Judentum beschlossen, da man sie verdächtigte, die Muslime zum Angriff auf das Westgoten-Reich in Spanien zu ermuntern. In diesem Angriff ist das Westgoten-Reich dann ja auch ab 711 untergegangen.

Christianisierte germanische Frauen in etwa dritter Generation?

Es ist also bekannt, dass in der Regel zuerst die Oberschicht der germanischen Völker zum Christentum übergetreten ist. Und dies wird ebenfalls zunächst vor allem für die frühe Stadtbevölkerung dieser Völker gelten. So wie die romanisierten Bevölkerungen links des Rheins werden auch die dort lebenden ("sephardischen") Juden mit den zuwandernden Germanen-Völkern auf einen ganz neuen "Menschenschlag" getroffen sein. Und dieser "Kulturschock" wird am Rhein nicht - wie unter den Westgoten in Spanien oder an der Loire und Seine unter den Franken dadurch abgemildert gewesen sein, dass es noch eine größere romanischsprachige Vorbevölkerung gab. Diese wurde am Rhein vielmehr ebenfalls "germanisiert". Und so wird für die ("sephardischen") Juden am Rhein noch viel schwieriger gewesen sein, sich - zumal als eigenständige religiöse und ethnische Gruppierung - inmitten dieses ganz neuen Menschenschlages zu behaupten als weiter westlich, zumal nachdem auch die Franken unter Chlodwig um 500 zum katholischen (nicht arianischen) Christentum übergetreten waren.

Auf dem Flächenland rechts des Rheines treten um 500 n. Ztr. ganz unregelmäßig Kreuzbeigaben und andere christliche Symbole in den alemannischen und fränkischen heidnischen Reihengräbern auf. In dem Augenblick, in dem die Reihengräberfelder nicht mehr weiter belegt wurden, sondern sich die nun eindeutig christlichen Gräber um eine örtliche Kirche gruppierten, ist die jeweilige Christianisierung vor Ort als im wesentlichen abgeschlossen zu erachten. Auf Wikipedia heißt es (Alemannen):
Im 7. Jahrhundert begannen Teile der Oberschicht, ihre Toten nicht mehr auf den Reihengräberfeldern, sondern beim Herrenhof zu bestatten. In dieser Zeit zeichnen oft Steinkisten die Gräber aus. Durch die Christianisierung wurden Anfang des 8. Jahrhunderts die Reihengräberfelder ganz aufgegeben und die Friedhöfe künftig um die Kirche herum angelegt.
Genauer detailliert ist auf einer anderen Internetseite zu erfahren, wobei der Schwerpunkt der Betrachtung auf dem etwas abgelegeneren Allgäu liegt (Oberstorf Online):
Im 6. und 7. Jahrhundert sind die Zeugnisse für ein bewusstes und lebendiges Heidentum der Alemannen leicht nachweisbar. So wurden im ländlichen Raum noch nahezu alle Toten in Reihengräberfeldern mit Grabbeigaben bestattet. Funde in Sonthofen, Altstätten und Fischen belegen dies auch für unser Gebiet. Die Kirchenorganisation im 6. Jahrhundert war einfach noch nicht in der Lage, eine Missionierung in größerem Stile durchzuführen.
Dies änderte zu Beginn des 7. Jahrhunderts (...). Beschleunigt wurde zu dieser Zeit die Christianisierung durch den Machtzuwachs des fränkisch-alemannischen Adels, der zunehmend den Bau von Kirchen betrieb. Häufig waren das sogenannte Eigenkirchen, die zum Teil aus heidnischen Tempeln zu Kirchen umgewandelt wurden. Der Grundherr und nicht der Bischof bestimmte die Priester, die häufig selbst noch dem alten Glauben zugetan waren. Erst etwas um 720 wurde dann an der Stelle der Zelle de Hl. Gallus das Kloster St. Gallen gegründet, das sich, wie wir unten lesen werden, der kirchlichen Durchdringung des alemannischen Allgäus annahm. (...)
Durch die Reihengräberfunde in Sonthofen, Altstätten und Fischen wissen wir sicher, dass sich die Allgäuer Alemannen um 700 noch zu ihren alten Göttern bekannten. Dies blieb so bis Mitte des 8. Jahrhunderts, denn warum sonst sollte der erste sicher nachgewiesene Bischof der Diözese Augsburg Wikterp († um 772) Magnus ins Allgäu holen.
Das hieße, dass die Alemannen auf dem Land erst um 750 n. Ztr. in ihrer großen Mehrheit zum Christentum übergetreten sind. Der burgundische Königshof von Worms ist es womöglich schon um das Jahr 406 herum. Man sieht aus diesen beiden Jahreszahlen die große zeitliche Dauer, die der Christianisierungs-Prozess der germanischen Völker in Anspruch nahm.

Die zentrale Rolle von Mainz, Speyer und Worms

Auf Wikipedia finde sich neuerdings der vielleicht wichtige und sehr konkrete Eintrag:
Die drei SchUM-Gemeinden Mainz (belegt ab 917), Speyer und Worms (ab 980) gelten als Beginn des aschkenasischen Judentums.
Und über diese heißt es:
Aufgrund ihrer zentralen Bedeutung für die jüdischen Gemeinden in Zentraleuropa gelten sie als Geburtsstätte der aschkenasischen religiösen Kultur.
So deutlich hat man es früher auf Wikipedia nicht gelesen und liest man es noch heute auf dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel noch nicht. Freilich ist das Jahr 917 schon recht spät. Aber so unwahrscheinlich wird es dennoch nicht sein, dass sich die Volkwerdung des aschkenasisch-jüdischen Volkes zwischen 400 und 700 n. Ztr. in den drei Städten Mainz, Speyer und Worms vollzogen hat. Ob hier die Archäologie noch neue Erkenntnisse zutage bringen wird? Womöglich sogar die DNA-Forschung an Knochenfunden aus nachweisbar jüdischen Gräbern in einer dieser drei Städte, bzw. natürlich auch an Knochenfunden aus nichtjüdischen Gräbern?

Gab es zwischen 700 und 800 n. Ztr. christliche, sich stark auf das Judentum hin orientierende Gemeinden in Mainz, Speyer und Worms?

Ein Gemeinschaftsgefühl unter allen ostfränkischen germanischen Stämmen bildete sich mit dem Bewusstwerden einer gemeinsamen Volkssprache heraus (im Gegensatz zum Lateinischen und den romanischen Sprachen bei den westfränkischen Stämmen). Die zweisprachig abgefassten Straßburger Eide aus dem Jahr 842 werden allgemein als erstes Anzeichen der sprachlichen Trennung zwischen dem französischen und dem deutschen Volk angesehen.

Abb. 2: Judenfriedhof von Worms (dahinter Dom)
Fotograf: Jörg Bürgis
Es wäre nun einmal zu untersuchen, ob es schon in damaligen germanisch-christlichen Bevölkerungsteilen in Worms und anderwärts Gruppen gegeben hat, die nicht nur zum Christentum neigten, sondern die aufgrund dieser Religion auch ein erhöhtes Interesse an der jüdischen Religion selbst entwickelten, die diese jüdische Religion also nicht aus "zweiter Hand" (von Nichtchristen) gepredigt bekommen wollten, sondern vom "Volk des Heils" selbst. Und die sich davon nicht mit Hilfe des Arguments abschrecken ließen, dass es ja "die Juden" gewesen seien, die den Heiland ans Kreuz geschlagen hätten. Solche Menschen, gerade auch Frauen, gibt es auch heute noch in Deutschland. Und es mag belehrend sein, sich einmal einen solchen jüdischen Gottesdienst für christliche Juden und nichtjüdische Christen anzusehen und mitzuerleben.

Falls es damals solche Gruppierungen gegeben hätte, könnte man erwarten, dass die jüdischen Männer der Gründerpopulation des aschkenasischen Judentums in diesen Gruppierungen am ehesten ihre Frauen gefunden haben werden. Denn hier bestand sicherlich die größte Aufgeschlossenheit ihnen und ihrer Religion und Kultur gegenüber. Das Verheiraten mit einheimischen Frauen wird ihnen nun auch deshalb sinnvoll vorgekommen sein, weil dadurch das allein physische Aussehen ihrer Kinder und Kindeskinder nicht mehr als gar so krass im Gegensatz stehend empfunden zu werden brauchte zu dem "Menschenschlag" und dessen physischem Aussehen der einheimischen Bevölkerung, weshalb diese dann auch wiederum eher geneigt gewesen sein könnte, die Anwesenheit einer solchen Gruppierung in ihrer Stadt zu tolerieren und sich dem wirtschaftlichen und sonstigen Austausch mit ihr zu öffnen, mit einer Volksgruppe, die ja noch über das ganze Mittelalter hinweg dennoch als sehr fremd empfunden worden ist in allen europäischen Völkern.

Und man möchte weiterhin vermuten, dass das starke Volksgefühl auch noch der christlichen Deutschen der nächsten Jahrhunderte - repräsentiert etwa von König Heinrich I., der sich weigerte, sich vom Bischof salben zu lassen - dazu geführt haben könnte, dass die Ablehnung gegenüber den jüdischen Gemeinden so stark gewesen ist, dass von aschkenasisch-jüdischer Seite aus unterbewusst - oder sogar bewusst - das Gefühl vorgeherrscht haben mag, dass man nur die intelligentesten Söhne der Gemeinde unter solche Nichtjuden schicken könne, und dass es von diesen intelligenten Söhnen deshalb gar nicht genug geben könne in ihren Gemeinden. Und insofern mag innerhalb des aschkenasisch-jüdischen Volkes schon in den ersten Generationen der Gründerpopulation mehr als bis dahin innerhalb des sephardischen Judentums oder innerhalb anderer jüdischer Volksteile in der Welt Wert gelegt worden sein darauf, dass jene Söhne die meisten Kinder hatten, den reichsten Schwiegervater bekamen, die sich als die begabtesten in der Talmudschule erwiesen. (Wie etwa bei Kevin MacDonald "A People that shall dwell alone" ausgeführt und belegt wird.)

Und aufgrund solcher kulturpsychologischer Mechanismen mag es zu jenen kulturellen Selektionsmechanismen gekommen sein, die dazu führten, dass heute die aschkenasischen Juden allein von ihrer angeborenen Intelligenz her gesehen als das begabteste Volk der Erde angesehen werden müssen.

Wie wir gesehen haben, heirateten unter den Westgoten in Spanien Juden christliche Frauen, wurden Juden zwangschristianisiert, kehrten danach aber auch gerne wiederholt zu ihrer angestammten Religion zurück. Wenn es ähnliche Vorgänge auch in Worms und in den Nachbarstädten am Rhein gegeben hätte, wäre die Bildung des aschkenasischen Judentums als eines jüdisch-germanischen Mischvolkes durchaus erklärbar.

/Zuerst veröffentlicht am 29.7.2015 auf GA-j!, ergänzt um Ausführungen rund um Literaturangaben 2 bis 4: 29.10.15, verschoben auf den Blog "Studium generale" am 27.11.2015/
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  1. Boppert, W.; Wieczorek, A.: Die Gräber des Ludino und der Pauta aus Worms. In: Die Franken - Wegbereiter Europas. Vor 1500 Jahren: König Chlodwig und seine Erben. Reiss-Museum Mannheim und Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1996, S. 870-872
  2. Wernitz, Rene: Verwirrende Familienchronik des Kalonymos. Ließen sich Juden aus Italien im 10. Jahrhundert von einem König Karl nach Norden locken? In: Brawo (Anzeigenblättchen des Landes Brandenburg), 25.10.2015, S. 6
  3. Balter, Michael: Did Modern Jews Originate in Italy? In: Science, 8.10.2013, http://news.sciencemag.org/biology/2013/10/did-modern-jews-originate-italy
  4. Kaltenstadler, Wilhelm: Judentum, Christentum und Kulturtransfer. In: Nicolas Benzin (Hrsg.): Beiträge zur Kulturgeschichte des Judentums und der Geschichte der Medizin. Band 2, 2010 , S. 23-69
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