Sonntag, 10. Juli 2016

Ist die biologische Evolution zu Ende?

Ausgangsbedingungen, Ablauf und Ende der biologischen Evolution
- Sind sie "bedingt" durch ein Ziel?

Abb. 1: Brauner Mausmaki (Microcebus rufus), Madagaskar
(Fotograf: Alex Dunkel)
Der britische Paläontologe Simon Conway Morris (geb. 1951) hat 2013 einen Aufsatz herausgebracht (1), in dem sehr grundlegende, neue Gedankengänge über die biologische Evolution der Arten auf unserer Erde enthalten sind. In diesem Aufsatz arbeitet er auf so etwas hinaus wie eine Erweiterung des "Anthropischen Prinzips" der Astrophysik und Kosmologie (Wiki) auf die Biologie.

Dabei werden viele neue Gedanken erörtert, etwa der Gedanke der Inhärenz, insbesondere aber der Gedanke, wonach die biologische Evolution die Grenzen der erreichbaren Komplexität im Wesentlichen auch schon erreicht habe. Und diese Gedanken werden aus der breiten Auseinandersetzung mit der neuesten Forschungsliteratur abgeleitet.

Zu dem Gedanken, dass die biologische Evolution auf der Erde zu Ende sein könnte, kündigte Simon Conway Morris schon im September 2013 eine wissenschaftliche Konferenz in Cambridge an für das Folgejahr unter dem Titel "Gibt es Grenzen für die Evolution?" ("Are there limits to evolution?") (MoL 9/2013). Sie hat im September 2014 stattgefunden (MoL 10/2014). Viele Tagungsbeiträge erschienen im Dezember 2015 in einem Themenheft der Zeitschrift "Interface Focus" (2). Zwischenzeitlich war das Thema im August 2015 im "Journal of Theoretical Biology" (3) aufgegriffen worden.

Das heißt also, die Anfangsbedingungen des Universums, die Feinabstimmung seiner Naturkonstanten, sowie die physikalischen, chemischen und biochemischen Beschaffenheiten, die sich später und eher zufällig und sehr speziell hier bei uns auf der Erde ergeben haben, schränken laut dieses Gedankens sehr stark ein,
  1. was evoluieren kann in diesem Universum,
  2. wie es evoluieren kann und
  3. wie weit es evoluieren kann.
Conway Morris arbeitet darauf hinaus, dass diese Dinge schon sehr früh in der Evolution festgelegt sind in sehr einfachen Organismen (er nennt das "Inhärenz", die er an einer Stelle auch als "Homunculus-artig" bezeichnet). Er arbeitet darauf hinaus aufzuzeigen, dass der Ablauf der Evolution mit diesen frühen Anfangsbedingungen ziemlich stark vorgegeben ist und gar nicht so viel anders ablaufen könnte, wenn sie noch einmal ablaufen würde irgendwo anders im Universum. Am Wesentlichsten aber ist - und am Neuesten von allem, was er sagt -, dass die Evolution vermutlich auch nicht mehr weiter gehen kann als sie bis heute fortgegangen ist, dass sie alles das an Komplexität, was sie schon erreicht hat - vor allem das Großhirn des Menschen, aber auch aufzeigbar an vielen anderen Bereichen - auch schon erreicht hat. Auf diesen letzteren zentralen Gedanken werden wir uns im folgenden fokussieren, wenn wir auch zugleich beschreiben wollen, wie Conway Morris ihn in seine übrigen gedanklichen Auseinandersetzungen einfügt.

Denn auch das Prinzip der Inhärenz sagt ja - so wie das schon zuvor von Conway Morris in das grundlegende biologische Denken eingeführte Prinzip der Konvergenz -, dass es so etwas wie "Voraussicht" gibt in der Evolution, so etwas wie Zielgerichtetheit, dass schon sehr früh festgelegt ist, was sich erst später mit Hilfe des früh Festgelegten entfaltet und entfalten kann.

Sowohl die astrophysikalischen Forschungen zum Anthropischen Prinzip wie Simon Conway Morris kommen mit solchen Entwicklungen fast schon in der Wortwahl, bzw. in der Formulierung ihrer grundlegenden Gedanken der Wortwahl und der Art der Gedanken der Evolutionären Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966) in ihrem Buch "Schöpfungsgeschichte" (1923) sehr nahe. Ohne dass beide mit hoher Wahrscheinlichkeit von ihr jemals ein Wort gelesen haben. "Wie von selbst" also würde sich gegenwärtig die wissenschaftliche Forschungsliteratur an die Erkenntnisse von Mathilde Ludendorff annähern. Mathilde Ludendorff hat ihre grundlegenden Gedanken 1923 folgendermaßen formuliert (7, S. 68f):
Im Anfang war der Wille Gottes zur Bewusstheit. Bewusstheit aber bedingt Erscheinung und so war der Wille Gottes, in Erscheinung zu treten.
Und auch die weiteren Stufen der Kosmologie und Evolution formuliert Mathilde Ludendorff jeweils mit solchen Worten, dass das Schöpfungsziel dieses oder jenes "bedingt". Und da dieses oder jenes "bedingt" wird, um das Schöpfungsziel zu erreichen, tritt es dann in Erscheinung. Aber es tritt eben immer nur insoweit in Erscheinung, als es vom Schöpfungsziel "bedingt" ist. Es wird also - nach Mathilde Ludendorff - nichts Überflüssiges geschaffen. Der Zufall, die Freiheit hat ihren Platz in der Evolution. Aber nicht, insoweit die Gesamtrichtung der Entwicklung davon betroffen ist. Hier gibt es keine Freiheit, keine Willkür nach Mathilde Ludendorff. Und selbst in seinen Formulierungen kommt Simon Conway Morris dieser philosophischen Deutung der Kosmologie und Evolution nun nahe, wie wir sehen werden. Bei Mathilde Ludendorff findet sich auch folgende Aussage (7, S. 141):
Die göttliche Erscheinung, welche noch nicht erreichtes Willensziel Gottes ist, aber erfüllt ist vom Schöpfungziele, vermeidet vorzeitige Höchstentfaltung einzelner Anlagen und verbirgt unter der Hülle der Einfachheit die Werkstatt göttlichen Schaffens.
Wir werden noch sehen, wie sehr diese philosophische Aussage passt zu der These von Simon Conway Morris zum Thema "Inhärenz". Auch dieses Prinzip nämlich besagt, dass "unter der Hülle der Einfachheit" - so kann man durchaus sagen: "die Werkstatt göttlichen Schaffens" verborgen ist. Nämlich dahingehend, dass schon den einfachsten Lebewesen Strukturen "inhärent" sind, so Conway Morris, die später die der Evolution mögliche "Höchstentfaltung einzelner Anlagen" erlauben. Höchstentfaltung bis zum Menschen - mehr nicht. Mathilde Ludendorff hatte zu der eben zitierten Erkenntnis mit folgendem Gedankengang hingeleitet (7):
Schauen wir zurück auf die unübersehbare Fülle von Tieren und Pflanzen, die geworden! Viele Arten scheinen sehr bedeutsam und hochentwickelt und erreichten dennoch nicht Bewusstheit, weil nur ein mattes Nachzittern der schöpferischen Erleuchtung in ihnen lebte und ihnen die Wege wies. Und nun suchen wir unter ihnen die wenigen, welche die Träger der großen Schöpfungstufen zur Bewusstheit waren: Die Zellkugel Pandorina, das Zellbläschen Volvox und die schlichte wurmähnliche Spindel: der Amphioxus. Wie einfach und unauffällig, wie unbeachtet und eher verachtet scheinen sie uns unter der Menge der vielgestaltigen Tiere und Pflanzen. Unterscheiden sie sich nicht ganz in dem gleichen Sinne wie jene kindlichsten unter den Kindern, die erwachenden Genialen, sich von all den frühreifen, frühtoten Wunderkindern unterscheiden. (...) Dieser Unterschied ist kein Zufall, sondern er wiederholt sich mit Gesetzmäßigkeit. Es will auch dieser Schöpfungsabschnitt uns noch eine Weisheit künden. (...) Die Schöpfung des vergänglichen Wesens gibt uns ein geheimes Erkennungsmerkmal der Erscheinungen, welche auserwählt sind, Träger der hellsten göttlichen Offenbarung zu werden, denn sie sagt uns: ...
Und nun folgen jene Worte, die zuvor schon zitiert worden waren.  Das ist genau der Grundgedanke des von Conway Morris in den Vordergrund gerückten Prinzips der Inhärenz. Kommen wir nun also zu dem Aufsatz aus dem Jahr 2013 von Conway Morris. In diesem will er vier sehr allgemeine Punkte über die Evolution der Arten herausarbeiten. Der Aufsatz ist im englischen Originaltext im Internet frei verfügbar (1). Da er aber auch für einen Leser, der englischsprachige wissenschaftliche Texte ansonsten recht flüssig lesen kann, sehr anspruchsvoll zu lesen ist, bzw. mehrmals sehr gründlich durchgegangen werden muss, bis man seinen Grundgedanken und alle seine Verzweigungen voll verstanden und nachvollzogen hat, sollen im folgenden in einem ersten Schritt wichtige Passagen desselben zur leichteren Nachvollziehbarkeit einfach ins Deutsche übersetzt werden. Dabei werden einige biologische Details von unserer Seite noch einmal (zumeist mit Verweis auf Wikipedia-Artikel) erläutert, allerdings nicht alle. Wenn noch Begriffe und Verständnisfragen beim deutschsprachigen Leser offen bleiben, kann auch von unserer Seite nur auf Wikipedia oder ähnliche Wissensquellen verwiesen werden als Auskunftsort, wo man sich weitere Auskünfte verschaffen kann.

Als ersten Punkt will Conway Morris in seinem Aufsatz herausarbeiten (1, S. 135), dass 
sich die nachgewiesenermaßen jeweils ursprünglichsten (primitivsten) Repräsentanten einer Organismen-Gruppe in Untersuchungen wiederholt als "unerwartet" komplex heraus stellen. Viele solcher Beispiele sind inzwischen verfügbar, aber am eindrucksvollsten sind unter diesen immer noch die Eukaryoten. 
Eukaryoten sind alle Organismen, deren Zellen einen Zellkern aufweisen, im Gegensatz zu den ursprünglicheren Prokaryoten, die keinen Zellkern aufweisen (siehe: Wikipedia). (Dazu zählen auch die drei Arten, die von Mathilde Ludendorff genannt wurden: Pandorina, Volvox und Amphioxus, also das Lanzettfischchen.) Damit zusammenhängend will Conway Morris als zweiten Punkt das Thema Inhärenz ("inherency") herausarbeiten. Er schreibt hierüber (1, S. 135):
Zum zweiten gibt es das Phänomen der evolutionären Inhärenz, die Beobachtung, dass vieles von dem, was erforderlich ist für das Entstehen einer komplexen Form schon in einem wesentlich früheren Stadium evoluiert ist. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Protein Kollagen, lebenswichtig als ein Strukturmolekül in allen Vielzellern. Aber seine Ursprünge liegen nicht nur tiefer in der eukaryotischen Geschichte, sondern in dieser waren seine Funktionen nachgewiesenermaßen auch noch ganz andere. Inhärenz weist darauf hin, dass viel von der späteren Komplexität im Entstehen begriffen ist - geradezu Homunculus-ähnlich - viel tiefer im Artenstammbaum als es allgemein erwartet worden ist.
Das Thema Inhärenz hat er schon zehn Jahre zuvor, 2003, in der Einleitung seines damals erschienenen, bahnbrechenden Buches über die evolutionären Konvergenzen angesprochen (4, S. 5-8). Der hier behandelte Aufsatz von 2013 ist sowieso eigentlich vor allem eine gedankliche Fortsetzung seines Buches von 2003. Das Thema Inhärenz hat Conway Morris dann auch in einem neuen Buch im Jahr 2015 "The Runes of Evolution" (5) behandelt. Als dritten Punkt will Conway Morris im Jahr 2013 herausarbeiten, dass wachsende biologische Komplexität oft auch dann vorliegt, wenn Organismen im Spiel sind, die hierbei in der Regel als "Vereinfachungen" oder "Regressionen" unbeachtet bleiben. Er nennt als Beispiel unter anderem die parasitischen, wurmartigen Rhombozoen (Rautentiere) und Wimperntierchen (Ciliaten), die im Nierentrakt von Kopffüsslern (Cephalopoden) leben.

Da man von diesen als Nichtbiologe in der Regel noch nie etwas gehört haben wird, auch nicht unbedingt als Biologe, sei über diese hier zunächst Wikipedia zitiert (Wiki):
Die Tiere leben in den Exkretionsorganen von Kopffüßern. Sie werden meist als deren Parasiten betrachtet. Da sie durch Ansäuerung ihres Milieus die Ammoniak-Exkretion ihres Wirtes fördern, kann man sie auch als Endosymbionten auffassen. Die Infektionsrate von Cephalopoden mit Rhombozoen ist generell sehr hoch, in vielen Populationen sind beinahe alle Kopffüßer betroffen. In Jungtieren überwiegen dabei in der Regel Nematogene, in älteren Tieren Rhombogene, ohne dass genau bekannt wäre, warum. Die Rhombozoa treten meist nur in einer oder in wenigen nahe verwandten Cephalopoden-Arten auf, sie sind also wirtsspezifisch. Eine einzelne Kopffüßer-Art kann dabei allerdings von mehreren Rhombozoen-Arten infiziert werden. So sind z.B. an der kalifornischen Küste 18 Arten von Rhombozoa bekannt, die acht Kopffüßer-Arten befallen.
Dies hier nur als kurze eingefügte Erläuterung.

Conway Morris nennt diese nun eigentlich nur im Vorübergehen in den folgenden Ausführungen (1, S. 136):
Viele solcher Beispiele wie die Rhombozoen (Rautentiere)/Wimperntierchen-Verbindung mit den Nierenorganen der Kopffüssler (Cephalopoden) oder - als ein alternatives Beispiel - die Bewohner eines Insekten-Mikrobioms - sind in intimer Weise symbiotisch und es kann argumentiert werden, dass sie ebenso komplex sind wie manche bekannteren Systeme.
Es muss später noch einmal genauer hingeschaut werden, warum Conway Morris dieser Gedanke so wichtig ist. Jedenfalls als vierten und letzten Punkt geht es ihm um folgendes (1, S. 136):
Schließlich präsentiere ich Belege dafür, dass biologische Systeme den Grenzen von Komplexität nahe gekommen sind oder sie in einigen Fällen schon erreicht haben. Dies ist belegbar durch Beispiele so unterschiedlich wie die Extremophilen, das Nerven- und Sinnessystem, Enzyme wie Rubisco, komplexe Symbiosen und funktionale Komplexe wie Zähne oder die Tagmatisierung der Gliederfüßler (Arthropoden). 
All diese Beispiele werden im folgenden noch genauer erläutert. Hier sei zum Verständnis des Begriffes Tagmatisierung zunächst nur auf Wikipedia verwiesen (s. Tagmata). Conway Morris schreibt dann weiter:
Das Paradoxon ist, dass obwohl der Evolution die Dinge ausgegangen sind, die sie tun kann, im Falle des Wissens und der Weisheit das genaue Gegenteil der Fall zu sein scheint. Hier haben wir das Ende der Komplexität noch nicht erreicht.
Conway Morris möchte seinen Aufsatz zunächst lediglich als eine "Tour d'horizon" verstanden wissen hinsichtlich der gegebenen Thematik, also als einen ersten, sichtenden Überblick, aber als einen solchen (1, S. 136),
dessen zentraler Tenor es paradoxerweise ist, nach den Grenzen dessen zu suchen, was möglich ist.
Einige Seiten später benennt Conway Morris seine vier Themen noch einmal kürzer formuliert folgendermaßen (1, S. 141):
a) Wie einfach sind die Ausgangspunkte?, b) Was liegt dem Prozess inhärent zugrunde?, c) Ist Komplexität irreversibel? und d) Sind äußerste Grenzen für biologische Komplexität vorhanden? In all diesen Fällen schlage ich vor, dass die Antworten nicht jene sind, an die die heutigen Neodarwinisten denken. (...) Ich will eine Reihe empirischer Beobachtungen vortragen, die nahelegen, dass die Möglichkeiten von Komplexität begrenzt sind mit einer paradoxen Ausnahme: uns selbst.

Ist der Hyperraum des biologisch Möglichen ausgeschöpft?


Conway Morris führt dann in Auseinandersetzung mit dem Komplexitätsforscher Chris Lucas aus, dass die Komplexität evoluierender Systeme keineswegs - wie Chris Lucas meint - Vorhersagbarkeit vermissen lasse. Hier bezieht sich Conway Morris natürlich auf die Grundaussage seines Buches aus dem Jahr 2003 und schreibt in Übereinstimmung mit dieser (1, S. 137):
Hier ist es wertvoll festzustellen, dass ein gewisser Führer in Richtung Vorhersagbarkeit vorliegt in der Allgegenwärtigkeit evolutionärer Konvergenz. Dies ist ein wichtiger Umstand angesichts der Luca'schen Beobachtung, dass "in jedem komplexen System viele Kombinationen der Teile möglich sind, so viele, dass wir zeigen können, dass die meisten Kombinationen während der gesamten Geschichte des Universums noch kein einziges mal aufgetreten sind". Dieser Gedanke legt nahe, dass zwar im Prinzip der kombinatorische Raum aller biologischen Möglichkeiten immens ist, die Wirklichkeit, die durch evolutionäre Konvergenz aufgedeckt wird, aber jene ist, dass einige, wenn nicht die meisten Kombinationen schon ausprobiert worden sind und sich als solche herausgestellt haben, die nicht zu verwirklichen sind ("not found wanting").
Conway Morris nimmt damit also den argumentativen Faden seines Buches aus dem Jahr 2003 wieder auf, der gegen das neodarwinische Paradigma gerichtet war, repräsentiert einstmals durch Jaques Monod's "Zufall und Notwendigkeit" (1970), später durch Steven Jay Gould's "Zufall Mensch" (1989) (10), und zuletzt auch, wie Conway Morris ausführt, durch "Elsasser's unendliche Zahlen" (1, S. 138),
die voraussetzen, dass jede mögliche Kombination mit gleicher Wahrscheinlichkeit ins Dasein tritt, überleben und sich vermehren kann.
Conway Morris schreibt zu diesen letzteren:
Aber dies ist natürlich extrem unwahrscheinlich. Sei es mit Bezug auf lebensfreundliche Aminosäuren (sowie ihrer Chiralität), sei es mit Bezug auf den genetischen Code oder auf Konvergenzen auf dem Gebiet der Enzyme - und das ist erst der Anfang der Geschichte - kann argumentiert werden, dass das Substrat der Möglichkeiten, die vorherbestimmt sind durch die physikochemischen Bedingungen des Universums, sicherstellen, dass praktisch die Gesamtheit des biologischen Möglichkeitenraumes ("biological hyperspace") unbesucht bleiben wird, nicht weil es dafür bisher zu wenig Zeitraum gegeben hat, sondern weil die hypothetischen Alternativen niemals tatsächlich funktionieren werden.
Mit diesen Fragen hatte sich Conway Morris schon in den ersten grundlegenden Kapiteln seines Buches von 2003 beschäftigt (4). Diese wurden leider in der vorgelegten deutschen Übersetzung dieses Buches nicht mit aufgenommen, was zeigt, dass der Verlag und (oder) der Übersetzer keine Sensibilität hatten für die sehr grundlegende Bedeutung dieser Kapitel für das Gesamtargument des Buches.

Exkurs: Warum ist es gerade dieser Feierabend-Blog, der das Thema im deutschsprachigen Raum als erster behandelt?


Bei dieser Gelegenheit fragt man sich übrigens auch, warum wir mit diesem Blogbeitrag die ersten sind, die den hier behandelten Aufsatz und Grundgedanken von Conway Morris aus den Jahren 2013 und 2015 erörtern und ihn dazu zunächst einmal nur in weiten Teilen ins Deutsche übersetzen müssen. Nämlich um den anspruchsvoll zu lesenden englischen Originaltext zu verstehen, und um damit seine Gedanken überhaupt bekannt zu machen und um schließlich in einem letzten Schritt auch eine erste Bewertung und Einordnung derselben vorzunehmen. Was letzteres sowohl naturwissenschaftlich wie natürlich auch philosophisch geschehen kann, bzw. in Bezugnahme zu schon vorliegenden Aussagen der Philosophie.

Sucht man im deutschsprachigen Internet der letzten drei Jahre nach dem Namen Simon Conway Morris, findet man wirklich den einen oder anderen sehr interessanten allgemeineren Artikel. Aber in keinem werden die in dem vorliegenden Blogbeitrag enthaltenen Gedanken erörtert. Man möchte auch diesen Umstand wieder einmal als einen Ausdruck von Verdummung großer westlicher Wissensgesellschaften bezeichnen. Spannendste und anspruchsvollste, herausfordernde Erörterungen über Grundfragen der Gesamtdeutung unseres Wissens von der Welt werden - in diesem Fall seit drei Jahren - gar nicht aufgenommen, gar nicht geführt. Es wird so getan, als gäbe es sie nicht. Was für eine Schande für all die bezahlten Akademiker in unserem Land. - Nun ist es ja nicht das erste mal, dass dieser Feierabend-Blog im deutschsprachigen Raum früher als andere Wissenschaftsautoren Themen aufgreift, die später sicherlich auch viele andere Autoren im deutschsprachigen Raum häufiger behandeln werden. So ging es uns ja auch schon - zum Beispiel - mit dem Conway Morris-Buch von 2003. Einfach weil Conway Morris eine Koryphäe seines Faches ist (was ja schon Stephen Jay Gould wusste und herausstellte).

Aber warum ist es denn gerade dieser Blog? Dieser Frage soll an dieser Stelle noch einmal etwas konkreter nachgegangen werden, weil das bislang selten hier auf dem Blog deutlich genug gesagt worden ist. Eine grundlegendere Frage dieses Blogs war es nämlich schon immer zu fragen, ob die Aussagen der Evolutionären Psychologie und Philosophie von Mathilde Ludendorff (1877-1966) aus der Zeit vor siebzig bis neunzig Jahren noch mit dem gegenwärtigen Forschungsstand in der Naturwissenschaft in Einklang zu bringen sind. Und wenn ja wie. Ganz offensichtlich ist es so, dass wenn man einer solchen Fragestellung allein bloß mit einem gewissen Nachdruck nachgeht, man im Vergleich zu anderen Akademikern sein Blickfeld schnell sehr deutlich erweitert, sprich seinen wissenschaftlichen Interessen- und Beobachtungshorizont. Also allein, sich eine solche Frage zu stellen, macht schon intelligenter und beugt allgemeiner Verdummung vor. Sie schützt vor dem weit verbreiteten (und wohl auch insgeheim von Interessengruppen geförderten) Phänomen des "Tunnelblicks" und des "Fachidiotentums" in der modernen Naturwissenschaft. Deshalb wollen wir aus diesem Anlass das Verfolgen ähnlicher Fragestellungen wie der eben genannten sehr deutlich zur Nachahmung empfehlen. Mathilde Ludendorff bietet ein solch breites Spektrum an philosophischen Aussagen, die mit modernen naturwissenschaftlichen Forschungen konfrontiert werden können, dass zumindest dem Bloginhaber keine zweite Philosophie bekannt ist, die eine so breite Konfrontation überhaupt nur sinnvoll ermöglicht oder fruchtbar erscheinen lässt. Natürlich ist damit noch nichts darüber gesagt, zu welchen Ergebnis man bei einer solchen Konfrontation kommt. Man sollte sie sich aber zunächst einmal einfach nur erlauben. Man wird nicht dümmer dabei!

Jedenfalls nun Simon Conway Morris weiter (1, S. 138):
Wenn diese Annahme - dass hypothetische biologische Alternativen nicht funktionieren - sich bestätigen sollte, dann ist das Leben nicht nur extrem fein austariert ("finely poised") zwischen nicht zu verwirklichenden Möglichkeiten, die entweder quasi-kristallin oder chaotisch sind (siehe Macklem, 2008), sondern die Evolution ist gezwungen, entlang der Silberminen der Lebensfähigkeit zu navigieren, welche eine Handvoll Routen definieren über eine ansonsten wüste und tote Landschaft.
Gemeint ist die Landschaft des Hyperraumes der zumindest prinzipiell denkbaren Möglichkeiten, biologische Strukturen zu schaffen:
Wenn, wie ich vermute, das Leben ebenso fein abgestimmt ist ("fine-tuned"), wie der Rest des Universums, dann können die Grenzen für Komplexität besser eingeschätzt werden.
Hier deutet sich an, worauf schon anfangs hingewiesen worden ist. Conway Morris arbeitet hin auf eine Erweiterung des astrophysikalischen Anthropischen Prinzips auf die biologische Evolution. Conway Morris hat sich in vielen früheren Jahren in internationalen Projektgruppen sehr intensiv mit der Frage beschäftigt, ob es im Universum Alternativen zu der Form komplexen Lebens auf unserer Erde gegen kann und wenn ja, in welcher Form. Siehe zu dieser Fragestellung allgemein Wikipedia (Ausserirdisches Leben, Astrobiologie). Auch dies ein Grund mehr, ihm sehr genau zuzuhören.

Inhärenz - Den "einfachen" evolutionären Anfangsbedingungen und Ausgangspunkten wohnt überraschenderweise die Möglichkeit zu großer Komplexität "inne"


Folgen wir weiter den Ausführungen von Conway Morris. Schwämme bestehen, so führt er aus, aus 15 unterschiedlichen Zelltypen, Menschen aus ungefähr 215 unterschiedlichen Zelltypen (1, S. 139). Conway Morris fragt sich jedoch, ob dieser offensichtliche Unterschied tatsächlich - wie von anderen vorgeschlagen - als ein guter Maßstab für wachsende biologische Komplexität erachtet werden sollte. Er tut dies mithilfe des folgenden Gedankenganges (1, S. 139/140):
Zunächst müssen wir vorsichtigt darin sein, die Komplexität von einigen "primitiven" Organismen zu unterschätzen. In dieser Hinsicht gibt uns der Keulenpolyp (Clava multicornis) eine nützliche Lehre. Denn er zeigt ein "überraschend" komplexes Verhalten. Dieser Umstand wird untermauert durch eine auffallende Polarisation seines Nervensystems und eine Anordnung seiner Sinneszellen und ebenso durch ein "unerwartetes" Ausmass seiner neuralen Organisation und zellulären Vielfalt. (...) Wenn es um morphologisch so "einfache" Gruppen wie die Schwämme und die Nesseltiere (Cnidaria) geht, dann steht die relativ geringe Anzahl von Zelltypen in einem krassen Gegensatz zu dem Ausmass ihrer genomischen Komplexität. (...) In Hinsicht auf die Nesseltiere oder zumindest ihrem Modellorganismus, nämlich der Seeanemone Nematostealla, gilt: "viel der genomischen Komplexität hinsichtlich des Geninhalts - und der Genstruktur ist schon in den gemeinsamen Vorfahren aller Eumetazoa vorhanden". Dies schließt das Nervensystem ein, wichtige Komponenten, die nicht nur bei den Schwämmen evoluiert sind, sondern sogar weit früher unter den Prä-Metazoen. (...) Das heißt, der molekularen Beschaffenheit der Schwämme und ähnlicher Gruppen von Organismen sind die Potentiale, bzw. Möglichkeiten für komplexere Lebenssysteme innewohnend (inhärent). Aus dieser Sicht ist das Auftreten jener komplexen Nervensysteme, das sich schon in den Planula (einer Larvenform der Nesseltiere) angekündigt hat, sehr wahrscheinlich, wenn nicht sogar unvermeidlich.
Sprich, frühe Ausgangsbedingungen in der Evolution des Organischen bedeuten schon für sich eine große Wahrscheinlichkeit, bzw. Unvermeidlichkeit dahingehend, dass aus ihnen, wenn genügend Zeit zur Verfügung steht, bestimmte andere, komplexere Strukturen evoluieren können. Conway Morris schreibt dann weiter im Hinblick darauf, dass das menschliche Gehirn die bislang komplexeste, bekannte Struktur im Weltall ist (1, S. 140, Hervorhebung nicht im Original):
Es ist immer noch wertvoll daran zu erinnern, dass der spezifische Weg zu Komplexität vor nicht weniger als 1,5 Milliarden Jahren begann. Warum schon damals? Weil damals der Zeitpunkt war, an dem das Sichtbarwerden jener genetischen Komponenten der Pilze und Pflanzen, die wir später im Nervensystem von Tieren finden (Mineta et. al., 2003), als erster Zeitpunkt gewählt werden kann, an dem ein zukünftiges Nervensystem wahrscheinlich wird, wenn nicht sogar sehr wahrscheinlich. Man bemerke ebenfalls, dass Mineta et. al. nicht einfach identifizieren einen sehr allgemeinen Satz von Proteinen in Pilzen und Pflanzen, sondern einen, der in der Folge eine spezifische Verwendung findet in verschiedenen nervlichen Kategorien (wie als Neurotransmitter, Nervendifferenzierung etc.). Es ist unwahrscheinlich, dass Nervensysteme selbst sehr viel älter als 580 Millionen Jahre sind (Pecoits et. al., 2012), Gehirne (oder etwas ihnen nahe Kommendes) folgten nur wenig später (und sicher um 530 Millionen Jahre vor heute). Nachfolgend erfolgte bei den Wirbeltieren ein zumindest vielfaches Anwachsen der Gehirngröße. Aber diese stürmische Encephalisation (anteilige evolutionäre Gewichtzunahme des Gehirns abgeglichen mit dem Körpergewicht) wurde, wie es scheint, erst in effektiver Weise initiiert ungefähr in den letzten 20 Millionen Jahren (derzeitige Daten weisen auf etwa 18 Millionen Jahre für Delphine, etwa 7 Millionen Jahre für Hominiden und vielleicht eine ähnliche Zeit für die Neukaledonienkrähen. (...) Diese Zeiträume erinnern uns daran, dass von einer Perspektive - jener von Nervensystemen - Komplexität lange auf sich hat warten lassen. Aber als das Wachstum an Komplexität Geschwindigkeit aufnahm, geschah dies vielleicht exponentiell und noch eindrucksvoller: mit einer gewissen Synchronizität.
Man kann natürlich unzählige andere Beispiele aus der Biologie wählen und es wäre ein Fehler anzunehmen, dass die Dinge voranschreiten entsprechend eines irgendwie ausgemachten Zeitplanes. Die Photosynthese zum Beispiel datiert zurück ziemlich sicher auf mindestens 3,5 Milliarden Jahre und es ist (...) offensichtlich nicht so, dass der Mechanismus der Photosynthese seit dem Archaikum besonders verbessert worden wäre.
Der Gedanke, dass es - ganz offensichtlich - eine Synchronizität in der Evolution verschiedener Organismengruppen gibt, fehlte uns noch in dem Buch aus dem Jahr 2003. Dabei ist es doch zum Beispiel offensichtlich, dass die Bedecktsamer (Angiospermen) etwa synchron evoluierten mit den Säugetieren und dass beide male - wie schon der Name sagt - eine Intensivierung der Nachkommenfürsorge einen Kernbereich des Evolutionsgeschehens überhaupt darstellte (Schutz des Samens durch "Bedeckung", Fürsorge um die Nachkommen durch Schwangerschaften und "Säugen"). (Wie ja Conway Morris scheinbar bis heute noch nicht den Gedanken geäußert hat, dass Zuwachs an Komplexität in der Evolution nur allzu oft zentral etwas mit dem Bereich Nachkommenfürsorge zu tun hat. Aber das nur am Rande.)

Soweit - von Seite 135 bis 142 - die nur einleitenden Gedanken von Conway Morris (1). Ab Seite 142 geht er seine vier genannten Punkte nacheinander durch unter folgenden Zwischenüberschriften: 1. Wie einfach sind die Ausgangspunkte?, 2. Evolutionäre Inhärenz, 3. Komplexitätszunahme in Umkehr ("reversing complexity"), 4. Gibt es für biologische Komplexität Grenzen? Schauen wir uns diese Abschnitte genauer an.

Zu 1.: Wie einfach sind die Ausgangspunkte?


.... / das ist künftig hier noch zu ergänzen! /

Zu 2.: Evolutionäre Inhärenz


Conway Morris schreibt (1, S. 145):
Es ist ein Gemeinplatz, dass die Evolution keine Voraussicht besitzt. Das stimmt, übersieht aber die Tatsache, dass wenn eine Struktur einmal entstanden ist, in vielen Fällen dann auch dahingehend argumentiert werden kann, dass dann eine bestimmte Stufe von Komplexität sehr wahrscheinlich, wenn nicht unvermeidlich geworden ist. Derelle et. al. (2007) schreiben über die Homeodomain-Proteine und sie argumentieren, dass ihr frühes Auftreten indiziert, "dass die Eukaryoten schon als Ganzes" 
also als gesamte Gruppe
"an Vielzelligkeit angepasst sind" (S. 217). Und ähnliches kann geschlussfolgert werden für die SNARE's. In gewisser Hinsicht ist diese molekulare Inhärenz keineswegs die Ausnahme, nämlich soweit diese als mehr oder weniger synonym erachtet werden kann zu dem evolutionären Prinzip der Kooption. Hierbei wird eine Komponente, die in einem Kontext evoluiert ist, in einem gänzlich nichtverwandten Kontext verwendet (oder - wenn einem ein anderes Wort lieber ist: gehijackt). Die Kristalle der Augen sind das vielleicht bekannteste Beispiel nicht nur um ihrer konvergenten Verwendung, sondern weil die Reihe der Proteine, die in unzähligen unterschiedlichen Tieraugen kooptiert wurden, in Mikroben ursprünglich völlig andere Funktionen hatten, wobei sie oft mit Stresskontrolle zu tun hatten. Aber Kooption und Inhärenz sind nicht bloß unterschiedliche Seiten derselben Medaille. Man erwähne das Wort "Kooption" und die meisten evolutionären Biologen werden klug mit ihren Köpfen nicken. Doch seine Allgegenwärtigkeit wird unterschätzt. 
Man nehme doch zum Beispiel den kuriosen Fall des Kollagens, ohne den Tiere angesichts seiner zentralen Rolle als Strukturprotein nicht existieren können. Wenn auch im Vorübergehen die eindrucksvollen Beispiele seiner konvergenten Evolution in Viren (Li et al., 2004), Bakterien (Waller et al., 2005) und Pilzen (Wang & St. Leger, 2006), erwähnt seien, möchte man doch erwarten, dass Kollagen bei der Entstehung der Tiere evoluiert ist. Für einige Proteine wie jene der Hox-Familie gilt dies auch offensichtlich. Nicht aber für das Kollagen. Denn es kommt in Choanoflagellaten vor und diese sind eine Schwesterruppe der Tiere. Der spezifische Choanoflagellat allerdings, das Taxon Monosiga, ist einzellig und sein Kollagen spielt ganz klar keine strukturelle Rolle (King et al., 2008). Was also macht es? Es gibt einen Hinweis, dass es ursprünglich benutzt wurde im Signalaustausch von Zellen (Heino, 2007). Aber Kooption für ein eine solche strukturelle Rolle heißt, dass es keineswegs lächerlich ist zu sagen, dass den Choanoflagellaten unsere Achillessehne inhärent war. Und hier liegt der Unterschied zwischen Kooption und Inhärenz. Und zwar weil das letztere das erstere subsumiert aber ebenso die Implikation von hoher Wahrscheinlichkeit oder Unvermeidlichkeit hat. In anderen Worten, komplexe Formen können nicht anders als entstehen nicht nur weil es eine "Landschaft" gibt, über die die Evolution gezwungen ist zu navigieren, sondern weil viele der Teilkomponenten schon evoluiert sind.
Mit dem Begriff "Inhärenz" will Conway Morris jedoch ausdrücklich nicht auf die sogenannten Hox-Gene hinaus, also auf sehr grundlegende Entwicklungs-Gene, die heute in der Forschung sehr in Mode sind, und die mit sogenannten "tiefen Homologien" in Verbindung gebracht werden, wobei ihnen eine sehr grundlegende Bedeutung zugesprochen wird (etwa durch den Forscher Gehring). Was Conway Morris hierzu als Einwand formuliert, schwante auch dem Schreiber dieser Zeilen schon sehr dunkel, als er einstens mit diesem Thema im Biologiestudium konfrontiert war (1, S. 147):
Es gibt selten (oder gar nicht) eine Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen einem Entwicklungsgen und einer Struktur.
Das belegt er auch mit entsprechenden Beispielen. Für ihn ist dagegen (1, S. 148):
Inhärenz viel ehrgeiziger darin zu untersuchen, ob Evolution nicht von bestimmten Organisationsprinzipien abhängt,
also solchen, die grundlegender sind, als die Verschaltung eines bestimmten Entwicklungsgens für angeblich nur eine einzige Funktion (etwa Augen) über weite Bereiche des Artenstammbaums hinweg. Conway Morris führt hingegen Beispiele an, nach denen diese Annahme noch nicht einmal für das oft genannte Hox-Gen für Augen gilt, das gerne auch einmal ganz andere Funktionen in der Entwicklung steuern kann.

Zu 3.: Komplexitätszunahme in Umkehr ("reversing complexity")


/ .... ist künftig hier noch zu ergänzen /

Zu 4.: Gibt es Grenzen für biologische Komplexität?


Conway Morris fragt (1, S. 150):
Können wir die Meinung vertreten, dass das Leben die Grenzen des biologischen Universums - wie auch immer definiert - schon erreicht hat? Die Schlussfolgerung wäre, dass dann der Raum zur weiteren Erforschung von Komplexität recht deutlich eingeschränkt wäre. Weil uns eine Beschreibung des biologischen Hyperraumes fehlt, ist es sehr schwierig, mehr als einige Hinweise zu geben, die auf sehr unterschiedliche Beispiele Bezug nehmen. Da aber zumindest einige dieser Beispiele - wie die Einschränkungen des Nervensystems - von sehr allgemeinen Faktoren abhängen - wie der Allometrie und des Energieverbrauchs, haben wir Vertrauen, dass unsere Schlussfolgerungen nicht völlig flügellahm daher kommen aufgrund von Umständen, die nur wenig Allgemeinheit für sich beanspruchen können.
Schon die Tatsache, dass viele Lösungen für ein bestimmtes Problem des Lebens (etwa in extremen Temperaturen in heißen Quellen zu leben) mehrmals konvergent erreicht worden sind, ist für Conway Morris dann ein erster Hinweis darauf, dass es für solche Probleme gar nicht so viele andere Lösungen gibt, dass also hierfür die Grenzen des biologisch Möglichen - wahrscheinlich - schon ausgereizt sind (1, S. 151f):
Diese Kombination aus Konvergenz und molekularer Feinabstimmung (fine-tuning) legt nahe, dass Extremophile ein brauchbares Gebiet sind, um Komplexität zu untersuchen. (...) Bakterien werden niemals in 150 Grad leben oder in einer Umgebung mit einer Wasseraktivität weniger als 0,6.
Zur Thematik Wasseraktivität siehe einmal erneut Wikipedia (s. "Aw-Wert"). Auf dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel "Water activity" gibt es auch eine entsprechende Liste, unter welchen Bedingungen Mikroorganismen diesbezüglich leben können. Conway Morris weiter:
Vielleicht können sie es "draußen" (im Universum) oder in einigen noch nicht erforschten Regionen unseres Planeten aber wenn es sich nach und nach bestätigen sollte, dass die umschriebenen Rahmenbedingungen ("envelope") nicht zu durchbrechen sind, dann sagt uns diese Grenze etwas über die allgemeinen Begrenzungen dessen, was Leben kann und was es - noch wichtiger - nicht kann.
Weiter sagt er (1, S. 152):
Die Tatsachen legen nahe, dass - mit einer wesentlichen Ausnahme - es nicht nur eine Grenze für biologische Komplexität gibt, sondern dass die Evolution diese - analog zu den Extremophilen - auch schon so gut wie erreicht hat. (...) Meine Absicht ist es hier, ein Forschungsprogramm vorzuschlagen, dass diesbezüglich über den gegenwärtigen neodarwinischen Rahmen hinausschaut.
Als ein wesentliches Beispiel bringt er dann das Protein RuBisCO. Über dieses kann man sich wieder leicht auf Wikipedia kundig machen (Wiki). Auf dem englischsprachigen heißt es (engl.):
The inability of the enzyme to prevent the reaction with oxygen greatly reduces the photosynthetic capacity of many plants.
In der Wissenschaft ist man sich einig, dass das am häufigsten vorkommende Protein auf unserer Erde (weil es sich in allen Blättern findet für die Photosynthese) zugleich eines der am ineffektivsten arbeitenden Proteine ist. Und dennoch konnte bislang die Natur - trotz aller Bemühungen seit 3,5 Milliarden Jahren - auf diesem Gebiet nicht "verbessert" werden. Ein wesentliches Argument für Conway Morris. Schließlich kommt er zu seinem abschließenden Argument (1, S. 155):
Von allen Grenzen der Komplexität ist aber die vielleicht interessanteste jene, die die Evolution des Nervensystems betrifft. Es ist gut bekannt, dass Nervensysteme in Hinsicht auf den Energieumsatz lähmend teuer sind: die Retina der  Schmeißfliege nimmt für sich allein außergewöhnliche 8 Prozent des totalen Energieumsatzes des Insekts in Anspruch (Laughlin et. al., 1998). Ebenso gibt es eine eindrucksvolle Literatur über die vielfältigen Wege, auf denen Nervensysteme mit größter Effektivität genutzt werden können bei geringstem Verbrauch von Energie. Auf ihren unterschiedlichen Wegen macht diese deutlich, dass wie komplex Nervensysteme auch immer werden sollten, es abschließende Grenzen dessen gibt, was schlussendlich möglich ist. Das heißt nicht, dass es eine einzige Lösung gibt. Und in diesem Kontext mag man feststellen, dass obwohl Enzephalisation normalerweise verbunden ist mit Gewebe-Wärmebildung, dies offensichtlich für den Oktopus (die Krake) nicht gilt. Wenn wir jedoch die Evolution des Säugetier-Gehirns betrachten, dann scheint es - wie Hofmann (2001) gezeigt hat - endgültige Grenzen zu geben für alle weitere Größenzunahme und damit implizit auch für seine Komplexität. Zum Teil drehen sich diese Grenzen rund um die Fähigkeit eines Gehirns in Bezug darauf, dass es sich, wenn es seine Größe ständig erweitert, sich weiterhin um effektive Integration bemühen muss (...). Von gleicher Bedeutung ist, dass die unterschiedlichen Allometrien der grauen und weißen Substanz eine absolute Grenze für die Gehirngröße mit sich zu bringen scheinen, so dass es nicht mehr als um das Dreifache in seiner Größe zunehmen kann (Hofmann, 2001).
Das heißt, hier erreichen wir eine höchste Stufe der Komplexität, zumindest auf biologischer Ebene. Wir können nicht mit 65 Kilometer pro Stunde laufen (obwohl ein Spurt mit zirka 44 Kilometer pro Stunde keinesfalls vernachlässigbar ist)
(siehe dazu Wikipedia),
noch fliegen (aber ein Gin Tonic in 11,5 Kilometer Höhe hat seine Vorzüge), noch den Pazifik schwimmend durchqueren (aber der Freitauch-Rekord über eine Strecke von 243 Meter verdient gewiss eine Ehrenbezeugung). Aber wir können jeden anderen Organismus, der jemals evoluiert ist, im Denken übertrumpfen. Doch haben wir ebenfalls die Grenzen neuraler Komplexität erreicht und die Fähigkeit zu fragen - ganz abgesehen davon zu verstehen - die nächste Reihe von Fragen? Ich glaube das nicht, aber das ist, wie man so sagt, eine völlig andere Geschichte.
So die raunenden letzten Worte von Conway Morris in diesem Aufsatz. Es wird deutlich, dass es einige Hinweise gibt, dass die Evolution zu Ende ist. Aber zugleich wird deutlich, dass vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus noch keineswegs mit letzter Sicherheit gesagt werden kann, dass es tatsächlich so ist.

Ein erstes Zwischenresümee


Der von diesem Blog hoch verehrte britische Paläontologe Simon Conway Morris, der in seinem Buch von 2003 die These vertrat "Unvermeidlich Menschen in einem einsamen Universum", hat 2013 nachgelegt und einen neuen Gedanken veröffentlicht, nach dem der Mensch und andere Produkte der Evolution nicht nur unvermeidlich aus der Evolution hervorgehen, wenn sie hier auf der Erde oder anderwärts einmal angefangen hat, sondern nach dem das Leben auch gar keine größere Komplexität erreichen kann, als es hier auf der Erde schon erreicht hat. Dieser Gedanke wird 2015 im "Journal of Theoretical Biology" folgendermaßen zusammen gefasst (3):
Er argumentiert, dass es Grenzen für die Komplexität des Lebens gibt und dass diese Grenzen schon erreicht worden sind. Er nimmt an, dass die Vorherrschaft von konvergenter Evolution indiziert, dass es ein endliches Set von Strategien gibt, die Organismen nutzen können. Wenn das Tonband des Lebens erneut abgespielt würde, würden dieselben Ergebnisse erreicht, weil die Selbstorganisation und die sich gegenseitig ausschließenden Begrenzungen in der Entwicklung es für Organismen erforderlich machen, jenen begrenzten Raum des Möglichkeiten-Raumes zu besuchen, der ihnen erreichbar ist. In seinem zweiten Argument fragt sich Conway Morris, warum einige Strukturen, die offensichtlich schlecht funktionieren, über Millionen von Jahren unverändert geblieben sind. Warum wurde Rubisco nicht über die Jahre effizienter, ein Prozess, der seine Komplexität erhöht haben würde? In Conway Morris Sichtweise ist Evolution nicht fähig, diesen Schritt zu tun, weil das System auf seinem Höhepunkt von Komplexität angekommen ist. Diese herausfordernde Annahme ist bis heute noch nicht ausreichend überprüft worden.  
Original: He argues that there are limits to the complexity of life and that these limits have already been touched. He asserts that the prevalence of convergent evolution indicates that there is a finite set of strategies that organisms can use. If the tape of life was played again, the same results would ensue, because self-organization and the conflicting constraints in development bind organisms to visit a limited area of the possibility space otherwise available. In his second argument, Morris wonders why some structures which clearly perform poorly have remained almost unchanged for millions of years. Why has not Rubisco become more efficient over the years, a process that would likely increase its complexity? In Morris׳s view, evolution is unable to take that step, because the system has arrived at its peak complexity. This daring suggestion has not yet been properly tackled.
Die Evolutionäre Psychologin und Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966) kommt in ihrer philosophischen Deutung der Entwicklungsgeschichte des Lebens auf der Erde zu der intuitiv gewonnenen und durch eine einheitliche philosophische Argumentation abgestützten Erkenntnis, dass mit der Entstehung bewussten Lebens auf der Erde, also mit der Entstehung des Menschen die Kosmologie und die Evolution hier auf der Erde ihr Ziel erreicht haben und darum seither aufgehört haben, grundlegend Neues zu schaffen. Das Weltall entstand und im Weltall entstand nach und nach größere Komplexität, weil das Ziel der Kosmologie und Evolution die Hervorbringung bewussten Lebens war. Da nur dieses Ziel erreicht werden sollte, konnte nach Erreichen dieses Zieles die Evolution zum Stillstand kommen, so die Aussage der Philosophie von Mathilde Ludendorff.

Das war zu den Zeiten als diese intuitive, in ein philosophisches Gedankengebäude eingefügte Erkenntnis niederschrieben worden ist und noch bis vor wenigen Jahren eine - aus naturwissenschaftlicher Sicht - unglaublich kühne, waghalsige, wenn nicht ganz und gar "unseriöse" Aussage. Eine typisch "vitalistische" oder "kreationistische". Welche naturwissenschaftlichen Hinweise sollte es bis dato geben für die Wahrheit einer solchen philosophischen Aussage wie (7):
"Da stunden stille die Wege des Werdens auf Erden
      (...)
Nicht wurde mehr Art und Gestaltung," 
bzw. der philosophischen Aussage:
"…denn sieh', es steht still das Werden der Arten!"
nämlich mit dem Erreichen bewussten Lebens auf dieser Erde? Welche naturwissenschaftlichen Hinweise sollte es bis dato geben für die Wahrheit einer solchen philosophischen Aussage wie (7):
Und wir begreifen es wohl, wie unmöglich sich eine Aufwärtsentwicklung der Tiere und Pflanzen auf Erden nach der Menschwerdung mit Gottes Erhabenheit über Raum, Zeit und Kausalität vereinen lässt! (...) Nein, es bedeutet nichts anderes als ein ohnmächtiges Haftenbleiben in dem Vernunfterkennen und ein Fernsein vom Wesen Gottes, wenn wir nicht selbstverständlich erwarten, dass nach der Menschwerdung (...) aus all der nichtbewussten Tierheit, auch nicht aus den höchstentwickelten unterbewussten Tieren, eine höhere Art wurde.
Naturwissenschaftliche Hinweise hierfür hat es bis zum Jahr 2013 - nach Kenntnis des Verfasers dieser Zeilen - nicht gegeben. Und genau 90 Jahre nach Ersterscheinen des Buches "Schöpfungsgeschichte" von Mathilde Ludendorff legt der namhafte Paläontologe Simon Conway Morris genau für eine solche These rein naturwissenschaftliche Argumente vor. Aber man schaue genau hin. Im Leben des Simon Conway Morris war ebenso erstaunlich "früh" alles da, wie in den Organismen, die er untersucht. Denn schon in seinem 2003 veröffentlichten grundlegenden Buch "Life's Solution - Inevitable Humans in a Lonely Universe" finden sich die Worte (4, S. 301):
Die Wirklichkeit der Konvergenz bringt vier Implikationen für die Evolution mit sich, insbesondere die unausweichliche Notwendigkeit, die Themen zu überdenken der Anpassung, von Trends, des Fortschritts und (ein Gegenstand, der überraschenderweise vernachlässigt wurde): ob die Evolution zumindest lokal ihre Potentiale erschöpfen kann.
Soweit übersehbar spricht er in seinem Buch von 2003 diese letztere Implikation ansonsten gar nicht weiter an. Auf diese Implikation ist er also erst zehn Jahre später erstmals umfangreicher zu sprechen gekommen in einem Aufsatz aus dem Jahr 2013. Und dabei scheint er die Annahme längst aufgegeben zu haben, dass die Evolution nur "lokal" ihre Potentiale erschöpfen kann. (Oder meinte er mit "lokal" die Erde und die Region des Universums, in der sie angesiedelt ist?)

"Das Leben ist ebenso fein abgestimmt wie der Rest des Universums"


Simon Conway Morris hat - wie wir gerade entdecken - auch einen eigenen Internetblog "Map of Life", sowie eine Internetseite ("Map of Life"). In seinem Buch "The Runes of Evolution", das letztes Jahr erschien, schreibt er (5, S. 6):
What also emerges is the astonishing sensitivity of these (and many other) evolutionary systems. Repeatedly we find a breathtaking precision of operation, be it the operation of the Johnston’s organ (a sort of ear) of the mosquito or the infrared detector of the buprestid fire-beetle. One can make a general argument that in their different ways these sensory systems have effectively reached the limits of the physical universe, at least as far as biology is concerned.
Also auch die "atemberaubende Präzision" komplizierter Sinnesorgane von Tieren ist für ihn ein Hinweis darauf, dass diese die Grenzen des physikalischen Universums erreicht haben, zumindest soweit das etwas mit Biologie zu tun hat.

Wie deutlich geworden ist, ist der vorliegenden Blogartikel nur eine erste Sichtung dieser neuen Gedankenwelt. Sie ist in den künftigen Wochen nach und nach noch zu ergänzen und zu vervollständigen. Da aber schon mehrere Wochenenden dazu benutzt wurden, diesen Blogartikel soweit zu schreiben, soll er erst einmal in dieser Unvollständigkeit veröffentlicht werden. 
________________________________________
  1. Conway Morris, Simon: Life - The final frontier for complexity? In: C. H. Lineweaver, P. C. W. Davies, M. Ruse (eds.): Complexity and the Arrow of Time. Cambridge University Press, 2013, S. 135-162; freies pdf.: http://uberty.org/wp-content/uploads/2016/01/Charles_H._Lineweaver_Complexity.pdf
  2. Zeitschrift "Interface Focus", Theme issue ‘Are there limits to evolution?’ organized by Simon Conway Morris, Jennifer F. Hoyal Cuthill and Sylvain Gerber, 06 December 2015; volume 5, issue 6, http://rsfs.royalsocietypublishing.org/content/5/6; Einleitung hier: https://www.researchgate.net/publication/283332901_Hunting_Darwin's_Snark_Which_maps_shall_we_use
  3. Gustavo V. Barrosoa, David R. Luzb: On the limits of complexity in living forms.  In: Journal of Theoretical Biology, Volume 379, 21 August 2015, Pages 89–90, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0022519315002143
  4. Conway Morris, Simon: Life's Solution. Inevitable Humans in a Lonely Universe. Cambridge University Press, Cambridge 2003, 2005; dt.: Jenseits der Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. Berlin University Press 2008
  5. Conway Morris, Simon: The Runes of Evolution. 2015, https://www.templetonpress.org/sites/default/files/Runes_Evolution.pdf
  6. Ludendorff, Mathilde: Triumph des Unsterblichkeitwillens. Verlag Hohe Warte, Pähl 1959 (Erstauflage 1921)
  7. Ludendorff, Mathilde: Schöpfungsgeschichte. Verlag Hohe Warte, Pähl 1954 (Erstauflage 1923)
  8. Ludendorff, Mathilde: Wunder der Biologie im Lichte der Gotterkenntnis meiner Werke. - 1. Band. Stuttgart: Hohe Warte, Pähl 1950
  9. Grampp, Karl: "…denn sieh', es steht still das Werden der Arten!" - Können auch nach der Menschwerdung noch Tier- und Pflanzenarten entstehen? 9/2000, Auf: Ludendorff.info, pdf., http://ludendorff.info/Abhandlungen/Artenentstehung.pdf
  10. Gould, Stephen Jay: Zufall Mensch. Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur. Deutscher Taschenbuch-Verlag (engl: Wonderful Life: The Burgess Shale and the Nature of History, 1989)
  11. Dawkins, Richard: The Ancestor's Tale. A Pilgrimage to the Dawn of Life. Phoenix Paperback, London 2005 [Erstauflage 2004]; dt: Geschichten vom Ursprung des Lebens. Eine Zeitreise auf Darwins Spuren. Ullstein, 2008
  12. Conway Morris, Simon (ed.): The Deep Structure of Biology. Is Convergence Sufficiently Ubiquitous to Give a Directional Signal? Tempelton Press 2008
  13. Meinecke, Erich: Paradigmenwechsel in der Biologie? In: Mensch & Maß, Folge 5, 9.3.2006
  14. Bading, Ingo: Ist die Evolution zielgerichtet? Auf: Wissen bloggt, 24.11.2011, http://www.wissenbloggt.de/?p=7742
  15. Conway Morris, Simon: If the Evolution of Intelligence is Inevitable, then What are the Metaphysical Consequences? In: The Science and Religion Dialogue - Past and Future.  Ed. by Michael Welker, Peter Lang, Frankfurt u.a. 2014, http://www.uni-heidelberg.de/fiit/aktuelle_projekte/AusgewaehltePublikationen.html
  16. Raagard, Ingrid: „Aliens sehen uns ähnlich“ - Gibt es im Weltall doch kleine, grüne Männchen? In: Bild-Zeitung, 21.7.2015, http://www.bild.de/news/mystery-themen/ausserirdische/cambridge-professor-aliens-sehen-uns-aehnlich-41719546.bild.html
  17. Leupold, Hermin: Warum ist das Weltall so wie es ist? Das Anthropische Prinzip der Kosmologie und seine philosophische Bedeutung. 3. Aufsatz der Aufsatzreihe "Die Evolution aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie". In: Die Deutsche Volkshochschule, 1989, Folge 62 
  18. Leupold, Hermin: Evolution - „Schöpfung“ oder Ablauf eines „Uhrwerkes“. Grenzen der Kausalität bei der Kristallbildung. 6. Aufsatz der Aufsatzreihe "Die Evolution aus der Sicht der Naturwissenschaft und der Philosophie". In: Die Deutsche Volkshochschule, 1991, Folge 74

Samstag, 18. Juni 2016

"Damals war nichts heilig als das Schöne"

Side - Die Hauptstadt Pamphyliens
Die Stadt des Granatapfels und der Fruchtbarkeit
Die Stadt des Mondgottes Men, der Göttin Athene, des Gottes Apollon

Die Stadt Side an der Südküste der Türkei ist heute eine Hochburg des Tourismus. Auf beiden Seiten eingerahmt von riesigen hässlichen Bettenburgen, Kilometerweit aufgereiht entlang der Küste in erster, zweiter und dritter Reihe, waren der ursprüngliche Anlass für diesen Tourismus in den 1970er Jahren die anziehenden und großes Interesse weckenden Ruinen einer im Grundriss und in wichtigen Ruinen fast vollständig erhaltenen antik-griechischen Stadt, der ehemaligen Hauptstadt einer ganzen Provinz an der Südküste Kleinasiens, nämlich Sides.

Abb. 1: Kopf einer Apollon-Statue aus Side, Pamphylien (2. Jahrhundert n. Ztr.)

Im vorletzten Beitrag ("... Iss, trink und scherze - das übrige ist nicht so viel wert ...") wiesen wir schon hin auf das reichhaltige kulturelle Leben in den antikgriechischen Städten an der Südküste Kleinasiens vor 2000 Jahren. Von Side war in diesem Beitrag dabei noch gar nicht so viel die Rede. Sie soll im folgenden beispielhaft als eine solche - vielleicht ganz willkürlich gewählte - Stadt behandelt werden. Denn selbst eine so unbekannte antik-griechische Stadt wie Side, eine Stadt wie es solche vor 2000 Jahren im östlichen und westlichen Mittelmeer-Raum zu hunderten oder tausenden gab, kann - zu einiger Überraschung - mit namhaften Vertretern der antik-griechischen Kultur als Söhne dieser Stadt aufwarten. Indem man diese Namen nennt, tritt man sogleich mitten hinein in die gelebte Kultur einer solchen Stadt vor 2000 Jahren, eine gelebte Kultur, wie man sie dort vor Ort heute über hunderte von Kilometern hinweg - siehe Bettenburgen*) - gänzlich umsonst sucht.

Side war die Geburtsstadt des Bischofs Eustathios von Antiochia (etwa 290 bis 350 n. Ztr.). Dieser gehörte zu den namhaften katholischen Bischöfen des römischen Reiches, die in der Zeit des Konzils von Nicäa die Arianer mit großer Schärfe bekämpften. Er gehörte also zu jenen religiösen Eiferern, die der vormaligen heidnischen Antike das Grab schaufelten. Side war auch die Geburtsstadt des siebzig Jahre später lebenden sophistischen Philosophen Troilus von Konstantinopel (etwa 390 bis 450 n. Ztr.), eines Vertreters des ursprünglichen, freien Geistes der griechischen Antike. Side war die Geburtsstadt des letzten großen Rechtsgelehrte der Antike, des Justizministers unter dem oströmischen Kaiser Justinian, nämlich Flavius Tribonianus (gest. 542). Dieser Mensch hat maßgeblich zur Fertigstellung des berühmten "Corpus Iuris" beigetragen. Andererseits beschreibt ihn der griechische Geschichtsschreiber Prokop als "geldgierig". Tribonianus war außerdem des Heidentums verdächtig. Aber das sind alles Namen der Spätantike. Über das ebenfalls vorhandene Geistesleben und kulturelle Leben Sides vor Beginn der Spätantike, also in klassischer Zeit, ist weniger bekannt. Es darf aber nach dem Zeugnis der Hinterlassenschaften, von denen im folgenden einige aufgeführt werden sollen, als ähnlich reichhaltig angenommen werden.

Side hatte in der Antike 40.000 Einwohner, das sind etwa halb so viel wie die Einwohner der damaligen größten griechischen Stadt, nämlich Korinth. Side hatte einen Hafen, vier Tempel, zwei Marktplätze (Agoren), zwei repräsentative, mit Säulen eingerahmte Kolonadenstrassen. Die Stadt hatte ein Theater und eine Bibliothek, sowie einen Gouverneurspalast. Ihre wehrhaften Mauern hatten 13 Türme. Das bis heute ebenfalls gut erhaltene Aquädukt, das Side mit Wasser aus dem Taurus-Gebirge versorgte, war 29 Kilometer lang. Side war hunderte von Jahren der Sitz des römischen Provinz-Gouverneurs von Pamphilien. In christlicher Zeit, zwischen 300 und 1400, war es Sitz des zuständigen katholischen Bischofs. Auch die Bischöfe haben in der Spätantike zunächst noch in der ungebrochenen Bautradition der Antike gebaut, obwohl sie zu dieser Zeit die heidnischen Tempel schon zerstört hatten.


Abb. 2: Derselbe Kopf einer Apollon-Statue aus Side, Pamphylien (2. Jhdt. n. Ztr.) aus Abb. 1, nun in eigener Aufnahme

Der Spätantike waren ja auch in Side wie in so vielen ihrer Nachbarstädte, glänzende Epochen der Kulturgeschichte vorangegangen. Side hatte den Aufstieg und Fall des Großreiches der Hethiter erlebt, jenes wenig bekannten, aber sehr Pferde-liebenden Volkes, das den ersten Friedensvertrag der Weltgeschichte, nämlich mit Ägypten schloss. So wie nach Homer im Kampf vor Toja "tapfere Helden" aus ganz Lykien beteiligt waren, werden auch solche aus Side dabei gewesen sein (oder hätten sein können). Also Helden wie Hektor, Achill, Odysseus und wie sie alle hießen. Aus dieser kriegerischen Heldenzeit haben sich in Side Reliefs erhalten, die bis zum Untergang der Stadt im Eingangsbereich des Osttores der Stadt hingen und die Feinde der Stadt schrecken sollten. In diesen waren nämlich die den besiegten Feinden der Stadt abgenommenen Rüstungen und Waffen dargestellt (Abb. 3).

Abb. 3: Reliefs vom Osttor von Side, ausgegraben aus den Dünen in den 1980er Jahren, heute im Museum von Side (eig. Aufn.)

Side erlebte den Aufstieg und Fall erst von Athen, dann von Rom. Und Side versank mit dem Fall des Römischen Reiches ebenfalls in das Traumland des "es war einmal und ist nicht mehr". Die Stadt war also mit bewegt worden von den hethitischen Schicksalen, den athenisch-hellenischen Schicksalen und schließlich erst denen des Römischen, dann des Oströmischen Reiches. Und auch noch die Frühzeit des byzantinischen Reiches erlebte die Stadt mit. Dann hauchte sie ihr Leben aus und ihre letzten Einwohner zogen nach Antalja.


Abb. 4: Frauenstatue aus den Ruinen des Theaters von Side (Museum Side) (eig. Aufn.)

Schon im Jahr 650 v. Ztr. war an der Stelle des bis heute berühmten Apollontempels von Side ein Vorgängerbau errichtet worden im hethitischen Stil, von dem sich wenige Reste erhalten haben. Aus jener Zeit stammen auch die Reliefs von den erbeuteten Waffen der Feinde Sides, die bis in byzantische Zeit zusammen mit sidetischer Inschrift das Osttor der Stadt schmückten, um die Feinde abzuschrecken. Side war dann eine Zeit lang Mitglied des delisch-attischen Seebundes unter der Vorherrschaft Athens.


Abb. 5: Frauenstatue aus den Ruinen des Theaters von Side (Museum Side) (eig. Aufn.)

Von den reichhaltigen Kunstwerken, die in den Ruinen der Stadt bis heute gefunden werden, und die im Museum von Side ausgestellt werden, übrigens in einer der erhaltenen Thermen der Stadt, kann in diesem Beitrag nur ein verschwindend kleiner Teil beispielhaft gezeigt werden. Auch die Ruinen dieser Stadt sagen dasselbe über ihre Bewohner, was die Ruinen von Pompeji und Herculaneum über ihre Bewohner sagen: Es handelte sich um schönheitstrunkene Menschen, die in einer schönheitstrunkenen Kultur gelebt haben.


Abb. 6: Eine Ecke des wieder errichteten Apollontempels in Side (eigene Aufnahme)

333 v. Ztr. brachte Alexander der Große endgültig die griechische Kultur auch nach Side. Die noch heute eindrucksvoll sichtbaren Stadtmauern von Side wurden zwischen 188 und 102 v. Ztr. unter der Herrschaft der Seleukiden in Syrien errichtet. Die Stadtmauern dienten der Abwehr der Ptolomäer in Pergamon in den Diadochenkämpfen. Zwischen 78 und 25 v. Ztr. wurde Side römisch. Ein Feldherr im Auftrag Roms machte in dieser Zeit jenem Piratenwesen ein Ende, das sich in Side und Coracaesium (Alanya) breit gemacht hatte als Folge eines Machtvakuums, das die Diadochenkämpfe hinterlassen hatten. Side wurde dann Sitz des römischen Provinzgouverneurs von Pamphylien.


Abb. 7: Die von Säulen eingerahmte antike Hauptstraße, die hinter dem inneren Stadttor der Stadt hier
am Theater vorbei quer durch die Stadt hinunter zum Apollontempel führte (eig. Aufn.)

Im zweiten Jahrhundert nach der Zeitrechnung wurden schließlich jene Tempel, der kaiserliche Palast, bzw. die Bibliothek und die Staatsagora, das Theater und seine Agora, die eindrucksvollen beiden Stadttore, die innere Dekoration der Stadtmauer, das 29 Kilometer lange Aquädukt, das prachtvolle Nymphäum an seinem Ende vor dem Haupttor der Stadt, die Säulen-bestandene Hauptstrasse quer durch die Stadt (Abb. 7) und durch einen mit einem Pferdegespann gekrönten Triumphbogen hindurch erbaut - samt dem damit verbundenen prächtigen Figurenschmuck, um derentwillen Side von Besuchern noch heute als so eindrucksvoll und sehenswert erachtet wird. Natürlich abgesehen von seiner naturschönen Lage auf einer Halbinsel am Mittelmeer im fruchtbarsten Küstenstrichs Kleinasiens.


Abb. 8: Ausblick von der Stadtmauer auf die Bucht westlich von Side (eig. Aufn.)

Die Verehrung des Schönen - so zeigt auch diese Stadt und der Inhalt seines in den Ruinen ergrabenen Museums - war alltäglich in den Städten der Antike und lässt sich - aufzeigbar an Pompeji - bis in die kleinsten Wohneinheiten der ärmsten Schichten der Stadt hinein nach verfolgen. Alle legten sie wohlproportionierte Gärten in ihren Häusern an, sozusagen noch "in der kleinste Hütte", bemalten die Wände mit Malereien, von denen schon Goethe bei seinem Besuch von Pompeji sagte, dass man eine solche Dichte von wertvollen Kunstwerken selbst in Holland in der Hochzeit der dortigen Malerei in den Bürgerhäusern nicht gefunden haben wird.

Auch der erste Thermenbau entstand im zweiten Jahrhundert - die Hafen-Therme. Um 250 n. Ztr. wurde ein weiterer großer Thermenbau errichtet links an der Kolonadenstrasse Richtung Men-Tempel. Um 350 n. Ztr. wurde eine Stadtmauer mitten durch die Stadt errichtet an der schmalsten Stelle der Halbinsel und aus Bauschutt aus vormaligen Gebäuden der Stadt. Dabei wurden Triumphbogen und Theater Stadtmauer (Abb. 9).

Abb. 9: Die Säulen-umstandene Agora mit Fortuna-Tempel in der Mitte. Dahinter das Theater, daneben das innere Stadttor, ein Triumphbogen, auf dem früher ein Pferdegespann thronte, daneben die Therme (heute Museum), im Vordergrund verfallene Bürgerhäuser
- Die reichhaltigen Ruinen von Side erstrecken sich über seine gesamte frühere Ausdehnung, also über mehrere Kilometer (eigene Aufnahme)

Um 450 n. Ztr. wurde die Therme an der Agora (Abb. 9) erbaut, die gut erhalten ist, und in der sich heute das reichhaltige Museum von Side befindet.

Um 490 n. Ztr. war der Baubeginn des Bischofspalastes zwischen dem West- und Osttor der Stadt, im Außenbereich der Stadt, ein Palast, an dem bis 950 weiter gebaut wurde. Hierfür wurde sogar noch einmal eine neue repräsentative mit Säulen eingerahmte Strasse (Kolonadenstrasse) erbaut. In der gleichen Zeit wurden aber die Tempel für die Götter Men, Athene und Apollon, die Wahrzeichen der Stadt auf der Spitze der Halbinsel, abgerissen und zerstört. An ihrer Stelle wurde eine dumpfe christliche Basilika errichtet. Was für eine vielfältige Zeit und Geschichte. Die um 490 n. Ztr. ebenfalls abgebrannten Atriumhäuser (reiche Bürgerhäuser) nördlich der Agora (Abb. 9 im Vordergrund) wurden schon in dieser Zeit nicht mehr aufgebaut und blieben - bis heute - in ihrem Brandschutt liegen.

Abb. 10: Abendstimmung westlich von Side (eigene Aufnahme)

Eine Stadt in den Wechselfällen der Geschichte. Nur das Meer rauscht noch wie eh und je ans Ufer, die Palmen wehen im Wind und die üppige Natur samt jener Granatäpfel, die einst Side den Namen gegeben haben, treiben jedes Jahr im Frühjahr - im Februar - aufs Neue aus.
Die Götter Griechenlands
Da ihr noch die schöne Welt regieret,
An der Freude leichtem Gängelband
Selige Geschlechter noch geführet,
Schöne Wesen aus dem Fabelland!
Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte,
Wie ganz anders, anders war es da!
Da man deine Tempel noch bekränzte,
Venus Amathusia!
(...)
Finstrer Ernst und trauriges Entsagen
War aus eurem heitern Dienst verbannt;
Glücklich sollten alle Herzen schlagen,
Denn euch war der Glückliche verwandt.
Damals war nichts heilig, als das Schöne,
Keiner Freude schämte sich der Gott,
Wo die keusch erröthende Kamöne,
Wo die Grazie gebot.
Eure Tempel lachten gleich Palästen,
Euch verherrlichte das Heldenspiel
An des Isthmus kronenreichen Festen,
Und die Wagen donnerten zum Ziel.
Schön geschlungne, seelenvolle Tänze
Kreisten um den prangenden Altar,
Eure Schläfe schmückten Siegeskränze,
Kronen euer duftend Haar.
(...)
Schöne Welt, wo bist du? – Kehre wieder,
Holdes Blüthenalter der Natur!
Ach, nur in dem Feenland der Lieder
Lebt noch deine fabelhafte Spur.
Ausgestorben trauert das Gefilde,
Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,
Ach, von jenem lebenwarmen Bilde
Blieb der Schatten nur zurück.
Alle jene Blüthen sind gefallen
Von des Nordes schauerlichem Wehn;
Einen zu bereichern unter Allen,
Mußte diese Götterwelt vergehn.
Traurig such' ich an dem Sternenbogen,
Dich, Selene, find' ich dort nicht mehr;
Durch die Wälder ruf' ich, durch die Wogen,
Ach! sie wiederhallen leer!
Unbewußt der Freuden, die sie schenket,
Nie entzückt von ihrer Herrlichkeit,
Nie gewahr des Geistes, der sie lenket,
Sel'ger nie durch meine Seligkeit,
Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre,
Gleich dem todten Schlag der Pendeluhr,
Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere,
Die entgötterte Natur.
Ja, sie kehrten heim, und alles Schöne,
Alles Hohe nahmen sie mit fort,
Alle Farben, alle Lebenstöne,
Und uns blieb nur das entseelte Wort.
                                           Friedrich Schiller
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*) Kleiner Hinweis am Rande: Die leeren Bettenburgen sind im Winter, also bis Februar oder März, noch weitaus besser zu ertragen und zu ignorieren, als wenn die moderne Massenmenschenhaltung etwa April/Mai anfängt, überraschend schnell und kräftig Fahrt aufzunehmen. Den Typus des modernen, durchschnittlichen Mittel- und Nordeuropäers in seiner wohlverdienten Urlaubs- und Freizeit zu beobachten, ist fast noch erschreckender, als wenn man ihn im seelenlosen Hamsterrad der Arbeit moderner Dienstleistungsgesellschaften erlebt, wo jeder sich noch den Anschein gibt, als wäre er Mensch. Erst im Urlaub offenbar der Massenmensch sein "wahres Gesicht". (Nietzsche würden die Worte gänzlich ausgehen zur Charakterisierung dieses Typus von "letztem Menschen" ....) 
___________________________________________
  1. Huglstad, Allan: Alanya und Umgebung. Von Antalya bis Anamur. Alanya 2008 (220 S.)
  2. Atvur, Orhan: Side. A guide to the ancient city and the Museum. 7. Auflage 2010

Sonntag, 8. Mai 2016

Björn Höcke und r-/K-Strategien - Er redete nicht Quatsch, sondern referierte Lehrbuch-Wissen

Ein Aufsatz in der Zeitschrift "Human Nature" aus dem Jahr 2009 (1), referiert im Lehrbuch "Soziobiologie" von Eckart Voland im Jahr 2013 (2), lässt die Argumentationslinie von Björn Höcke zu angeborenen Verhaltensunterschieden von menschlichen Großgruppen bezüglich r- und K-Strategien (12-17) durchaus gerechtfertigt sein

Abb. 1: Die Zeitschrift "Human Nature"
Der Aufsatz stammt von einer Forschergruppe rund um den Evolutionären Psychologen Bruce J. Ellis von der Universität von Arizona in Tuscon, USA. Er ist in deutscher Übersetzung betitelt mit: "Grundlegende Auswirkungen von Umweltrisiken - Der Einfluss von harschen gegenüber unvorhersehbaren Umwelten in der Evolution und Entwicklung von Lebensphase-Strategien" (1).

- Warum ist es der vorliegende, wenig gelesene Blog "Studium generale", betrieben von einem Feierabend- und Wochenend-Wissenschaftler und -Journalisten, und warum ist es nicht die gesamte sogenannte "Qualitätspresse" weltweit, die auf den im folgenden zu erläuternden Umstand aufmerksam macht?

Wird das folgende auch einmal wieder etwas aussagen über die "Qualität" der sogenannten "Qualitätspresse"? Oder soll das viel gepriesene "christlich-jüdische Abendland" weiter verblödet und verdummt werden anstelle dass es sich als moderne Wissensgesellschaften, um die es sich der Sache nach handelt, weiter entwickelt? Warum hat noch nicht einmal  jene - angebliche - "Qualitätspresse", die sich politisch - angeblich - Björn Höcke als nahe stehend empfindet, und in der es doch nicht nur dumme und unbelesene Leute gibt (wir wiesen schon an anderer Stelle hin auf den Lese- und Studieneifer etwa eines Alain de Benoist) bis heute auf diesen Umstand aufmerksam gemacht (3-8)? Obwohl doch schon seit Dezember an verschiedenen Orten auf ihn aufmerksam gemacht worden ist (siehe zum Beispiel: 13, 14, 17)?

Nun, naturwissenschaftsnahem Denken wird ja heute überhaupt wenig Raum eingeräumt in der öffentlichen Wahrnehmung und Debatte. Und zwar weder naturwissenschaftsnahes Philosophieren allgemein und noch viel weniger naturwissenschaftsnahes politisches Denken. Es steht wohl viel zu oft in Gegensatz zu "jüdisch-abendländischen" geistigen Kontinuitäten. Oder wie? Nur ab und an flackert ein naturwissenschaftsnahes Debattieren kurz auf. Etwa wenn ein Thilo Sarrazin über "Deutschland schafft sich ab" nachdenkt und dabei auch naturwissenschaftsnahes Denken zu rate zieht. Oder eben wenn ein Björn Höcke angeborene Verhaltensunterschiede zwischen menschlichen Gruppen bezüglich r- und K-Strategien anspricht. In Zeiten, in denen noch ein Steven Jay Gould die "Richtlinien" des naturwissenschaftsnahen Denkens bestimmte, mag es oft noch ein wenig mehr gewesen sein als ein kurzzeitiges Aufflackern eines naturwissenschaftsnahen Argumentes. Aber damals konnte man ja auch Naturwissenschaft noch ein wenig leichter mit jenem politischen Nihilismus in Einklang bringen, der heute als vorherrschend zu bezeichnen ist, und der gegenwärtig ein menschliches demographisches Massenaussterbeereignis hervorruft.

Der Wissenschafts-Propagandist Stephen Jay Gould als Beispiel


So vertrat Gould in seinem Buch "Zufall Mensch" die damals ganz "zeitgeistige" These, der Mensch sei ein Zufallsprodukt der Evolution. Das passte natürlich ihm als Anhänger einer Gotteswahn-Religion und allen Sympathisanten seines damit zusammenhängenden Denkens gut in den Kram. Denn dann konnte er sagen, dass die Evolution, sprich allgemein die Errungenschaften von Wissensgesellschaften dem Menschen wenig zu Fragen des Lebenssinnes sagen könnten. Dadurch blieb das angebliche "Alleinstellungsmerkmal" von Gotteswahn-Religionen erhalten. Und er konnte so unverblümt und unentlarvt seine Lehre vertreten, dass Geistes- und Naturwissenschaften "getrennte Magisteria" wären, so wie es den Priestern aller Religionen immer schon recht war und wie es ihnen auch heute nur immer recht sein kann. (Und wofür sie Karlspreise bekommen.) - Aber ausgerechnet jener damals junge Forscher, auf den sich Gould in seinem Buch am meisten berief, der bedeutende britische Paläontologe Simon Conway Morris, vertrat in einem nachfolgend erschienenen Buch "Inevitable Humans in a Lonely Universe" (korrekte deutsche Übersetzung: "Unvermeidlich Menschen in einem einsamen Universum") den klaren Gegenstandpunkt. Nämlich dass die Evolution, wo immer sie im Weltall stattfinden würde, immer nur etwas hervorbringen würde, das dem heutigen Menschen sehr ähneln würde. Etwa auch aufrecht auf zwei Beinen gehen würde, auch binokular sehen würde, auch fünf Finger an zwei Händen hätte, ein großes Gehirn hätte und so weiter. Allerdings wäre die Wahrscheinlichkeit, dass dies ein zweites mal im Weltall geschehen würde, nicht besonders hoch. Und das alles auf höchstem Niveau moderner Wissensgesellschaften argumentiert. (Siehe zuletzt dazu zustimmend: "Ist Evolution vorhersagbar?" in "Biologie in unserer Zeit", 2016.) Damit deckten sich die Aussagen von Conway Morris erstaunlich genau mit der Aussage der Evolutionären Philosophin Mathilde Ludendorff. - - - War letzteres etwa der Grund dafür, dass über die These von Simon Conway Morris in der Öffentlichkeit viel weniger berichtet und sie erörtert wurde und wird als zuvor über die These von Stephen Jay Gould - ?

Abb. 2: Die Überlebenskurve für fünf unterschiedliche Lebewesen mit unterschiedlicher Fortpflanzungsstrategie
(Danke für diese Grafik von: Armin Kübelbeck)
In "Der falsch vermessene Mensch" ("Missmeasure of Man") vertrat Gould die These, dass es wenig Sinn mache, vom evolutionären, biologischen Standpunkt aus gesehen den Menschen in Menschenrassen und Völker einzuteilen. Inzwischen haben nun aber einige Forscher sogar ihre Ansicht begründet, dass Gould, um diese These vertreten zu können, Forschungsdaten gefälscht habe, sie jedenfalls zumindest sehr angreifbar ausgewertet habe. Das Buch von Gould gilt jedenfalls schon lange nicht mehr als einwandfrei seriöse Grundlage zu Erörterungen über die darin behandelten Fragen. Womit die Forschung ebenfalls - mit vielen anderen neueren Ergebnissen - sich in ihren Aussagen erstaunlich stark den Aussagen der naturwissenschaftsnahen Evolutionären Philosophin Mathilde Ludendorff näherte. - - - Ein Grund dafür, dass Gould's und "Lewontin's Fehlschluss" (wie es in der Forschung heißt) so erstaunlich selten in der Öffentlichkeit erörtert werden?

Man schweigt lieber ganz über naturwissenschaftsnahes Denken. Es könnte ja doch nur Wasser auf die Mühlen von - vorgeblich - "falschen Freunden" des Evolutionären Humanismus und damit einer fruchtbringenden Gestaltung der Zukunft der Völker der Nordhalbkugel sein. Da betreibt man dann doch lieber Politik im Einklang mit dem - vorgeblich - so humanen "christlichen Menschenbild", da verteidigt man doch lieber das "christlich-jüdische Abendland", in dem dann naturwissenschaftsnahes Denken - so wie im Mittelalter - nur noch eine Randerscheinung ist. Und in dem mit Emotionen auf politischem Gebiet wesentlich mehr erreicht werden kann, als mit sachlichem Denken.

Nur an wenigen Tagen in den vielen letzten Monaten und Jahren wurde also einmal kurzzeitig im Zusammenhang politischer Erörterungen der Mantel des Schweigens geöffnet was naturwissenschaftsnahes Argumentieren betrifft. Der AfD-Politiker Björn Höcke hatte in einer Rede politische Fragen von einem evolutionären Gesichtspunkt aus erörtert (17).

Abb. 3: Rushton - Rasse, Evolution, 2005
Die Medienmeute und der politische Gegner fielen über ihn her. Er rede vollkommenen Blödsinn. Außerdem sei das "völkisches" und "rassistisches" Denken. Selbst nahe politische Freunde - freilich: christliche Freunde wie Karlheinz Weißmann oder Dieter Stein - waren von Abscheu erfüllt, meinten, dass man sich kontraproduktiver nicht hätte äußern können. Björn Höcke selbst wich in einer rechtfertigenden Stellungnahme dazu in der Sachaussage zwar um keinen Zentimeter zurück - immerhin. Aber er entschuldigte sich quasi dafür, dass er falsch verstanden worden sei. Und führte die inhaltliche Debatte bis heute - wie alle anderen - nicht weiter.

Selbst so überlegte politische Freunde Björn Höckes in der AfD wie der Südtiroler Philosoph Dr. Marc Jongen von der Universität Karlsruhe äußern lieber ihre Sympathien für Rudolf Steiner, als dass sie Verständnis für Höcke's naturwissenschaftsnahes, evolutionäres Denken aufbringen können. Und Höckes politischer Freund Götz Kubitschek, der die Rede Höckes veröffentlicht hatte, zog die Veröffentlichung schnell zurück, sich dafür entschuldigend, dass er Höcke mit der Veröffentlichung keinen guten Dienst erwiesen habe (17).

Und niemand, niemand, niemand weit und breit führte die Debatte inhaltlich weiter. Niemand.

"Der Häscher der Selbstgerchten"


Außer uns. Und außer ganz wenigen Denkenden in Deutschland. Und außer des Wissenschaftsjournalisten Marcus Anhäuser (14) und jener wenigen, auf die er sich bezieht - - - und schließlich außer jemandem, der sich nennt "DerHäscherderSelbstgerechten", der dann von Kritikern so schön begrüßt wurde als "DerMitMartialischenNamenTanzt". Es handelt sich bei diesem "Häscher der Selbstgerechten" um einen Blogger, der sich "Genhorst" nennt. (Der aber jüngeren Jahrgangs ist, als man bei einer solchen Namenswahl vermuten sollte.) Dieser gab schon am 14. Dezember - allerdings bis heute wenig beachtet - den entscheidenden Kommentar zu allen öffentlichen Erörterungen rund um Björn Höckes evolutionäres Denken ab (Genhorst 14.12.2015) (13). Der Verfasser dieser Zeilen ist bislang der einzige gewesen, dem dieser Blogbeitrag "gefiel", und der ihn auf Facebook weiter geteilt hat. Und der ihn in Kommentaren bei Marcus Anhäuser dann weiter auswertete. Das soll nun auch hier noch einmal dokumentiert werden. Denn - wie gesagt - niemand innerhalb der gesamten "Qualitätspresse" weltweit griff bislang diesen Hinweis auf. Womit der Vorwurf Lügenpresse voll und ganz gerechtfertigt ist.

Was hatte "Der Häscher der Selbstgerechten" getan? Er hatte einfach ein Zitat aus dem Lehrbuch meines Doktorvaters gebracht, auf das ich selbst gar nicht gekommen war (- Asche über mein Haupt!):
Soziobiologe Eckart Voland schreibt dazu in seinem Standartwerk „Soziobiologie“ (Springer-Verlag Berlin, Auflage von 2013) im Abschnitt „Menschen sind flexible K-Strategen“ (S. 166).
Und dieses Zitat brachte er dann auch am 5. Februar 2016 in den Kommentaren bei Marcus Anhäuser. Eckart Voland schrieb da also schon 2013:
Allein schon angesichts ihrer vergleichsweise geringen Fruchtbarkeit, langen Jugendentwicklung und beachtlichen Lebenserwartung rangieren Menschen weit auf der K-Seite des r/K-Gradienten. Allerdings lässt sich eine durchaus nennenswerte Variabilität, sowohl im Populationsvergleich als auch im interindividuellen Vergleich, innerhalb einer Population in Bezug auf lebensstrategische Parameter beobachten. Man denke nur an den Unterschied in der realisierten Fruchtbarkeit, wie sie in den westlichen Industriestaaten vorherrscht und nicht einmal zur bloßen Regeneration der Bevölkerung ausreicht […] Angesichts dieser Unterschiede hat sich schon früh die Frage gestellt, ob das Konzept von “r-” versus “K-Strategie”, das zwar zur Erklärung von genetisch weitgehend fixierten Artunterschieden entwickelt wurde, nicht sinngemäß auch menschliche Unterschiede zu erklären vermag. Schließlich beobachtet man Unterschiede in individuellen Lebensvollzügen, die analog zum “r/K-Konzept” unterschiedlich stark ausgeprägte Fluktuationen in den sozio-ökologischen Lebensbedingungen einschließlich unterschiedlicher extrinsischer Mortalitätsrisiken abbilden. Wenngleich Menschen also K-Strategen sind, sind sie das auch auf verschiedene Weise. Idealtypisch vereinfacht lassen sich eher “langsame” von “schnellen” Lebensverläufen unterscheiden, wobei die “Geschwindigkeit” des reproduktiven Verhaltens als konditionale und funktional-adaptive Antwort auf das Ausmaß individuell erfahrener Lebenssicherheit verstanden wird. […] Die Forschung zur Plastizität der K-Strategie des Menschen hat längst ihre ursprüngliche Domäne, nämlich die Darwinische Entwicklungspsychologie verlassen und strahlt weit in benachbarte Disziplinen aus, die – sei es mit demografischen, kulturvergleichenden oder anderen Methoden und Datensätzen – die Vielfalt der menschlichen Lebensverläufe mit einer einheitlichen evolutionären Theorie einzufangen versucht.
Abb. 4: Eckart Voland - Soziobiologie, 2013, 4. Aufl.
Darauf schrieben wir noch am gleichen Tag in den Kommentaren:
Was “Genhorst” da gefunden hat, ist schlichtweg die definitive ENTSCHEIDUNG in dieser Debatte. Und dieses Zitat müsste, wenn wir es denn nicht mit einer Pinocchio-Presse zu tun hätten, durch die gesamte große Presse gehen. Die moderne Humansoziobiologie mit ihrem im deutschen Sprachraum prominentesten Vertreter sagt, dass Menschen r-Strategen sein können als “Antwort auf individuell erfahrene Lebenssicherheit” UND auf der Ebene von Populationen (von der in dem Zitat die Rede ist). In Afrika gibt es r-Strategie als Antwort auf individuell erfahrene Lebenssicherheit auf Populationsebene. (...) Den WISSENSSTAND hat Björn Höcke schlichtweg zu allergrößten Teilen korrekt wiedergegeben. Ob er die richtigen politischen Schlussfolgerungen daraus gezogen hat, ist damit nicht gesagt. Aber Pinocchio-Presse bleibt Pinocchio-Presse. Peter Sloterdijk spricht absolut korrekt von Lügenäther.
Ich übergehe hier einen längeren Abschnitt in der Diskussion bei Marcus Anhäuser, in der auf Einwände gegen unsere Auslegung dieses Zitats geantwortet wurde. Es wird eine Diskussion sein, die sehr lehrreich sein dürfte für manche, die noch weniger in naturwissenschaftsnahem Denken geschult sind. Bis zum 9. Februar hatte ich dann endlich herausgesucht, was hier tatsächlich inhaltlich zur Erörterung stand. Ich schrieb:
Habe jetzt das obige Voland-Zitat im Original rausgesucht und sehe, dass sich Voland bezieht bei den zitierten Aussagen auf diese Studie aus dem Jahr 2009: http://www.u.arizona.edu/~ajf/pdf/Ellis,%20Figueredo,%20Brumbach,%20&%20Schlomer%202009.pdf (Schade, dass man das hier alles selber machen muss und die “Qualitätspresse” weit und breit sich in Deutschland darum nicht kümmert.) Im Abstract dazu heißt es abschließend: “This review demonstrates the value of applying a multilevel evolutionary-developmental approach to the analysis of a central feature of human phenotypic variation.” Ohne das Ding jetzt weiter gelesen zu haben, entnehme ich jetzt mal dem Wort “multilevel approach”, dass ich mit meiner obigen “Interpretaton” des Voland-Zitates 100% richtig liege. Denn multilevel heißt: die genetische Ebene ist eben NICHT ausgeschlossen.

Bruce J. Ellis aus Tuscon/Arizona


Die Originalarbeit, auf die sich Voland bezog, ist glücklicherweise frei zugänglich und so konnten aus dieser gleich die entscheidenden Passagen herausgesucht werden (worauf es dann auch - bis heute - keine Einwände mehr gab ;) ). Bezugnehmend auf hier nicht dokumentierte Diskussionsabschnitte schrieb ich also:
Der eben genannte Artikel von 2009 raisonniert auf genau der gedanklichen Linie, die ich oben schon erläutert habe. Aber er geht noch erheblich weiter! Er erörtert sehr WOHL auch sehr konkret verhaltensgenetisch vorgegebene Häufigkeitsunterschiede zwischen MENSCHLICHEN Populationen weltweit. Insbesondere auf S. 228f wird dies anhand einer genetischen Anlage für ADHS erörtert, eine Anlage, deren 7-fache Sequenz bei Chinesen und Buschleuten gar nicht vorkommt, die aber in einigen Volksstämmen Südamerikas sehr häufig vorkommt und z. B. unter Europäern ebenfalls mitverantwortlich ist für dortiges “novelity seeking”, für Abenteuerlust, Risikofreude und ADHS. Und diese Steuerungssequenz korreliert nach älteren Studien (u.a. Harpending) mit Nomadenhaftigkeit und Wanderungsfreude. Und nun der von Voland zitierte Aufsatz zu solchen angeborenen Lebenslauf-Häufigkeits-Unterschieden zwischen menschlichen Populationen in Bezug auf diese Veranlagung (LH = Life history):
“Variation between and within human populations in LH strategies has also been linked to measured genetic variation. For example, the modal slow human LH strategy may be supported by the common 4R variant of the human dopamine receptor D4 (DRD4) gene. DRD4 regulates dopamine receptors in the brain, and variants of this gene have been linked to individual differences in such personality traits as extraversion and novelty-seeking (Ebstein 2006). The 4R allele was apparently the most common form of the DRD4 gene throughout human prehistory (Wang et al. 2004). Under conditions of environmental harshness and resource limitation, which are common in pre-agricultural foraging societies, biparental investment in offspring, durable pairbonds, and strong family ties and cooperation (i.e., slower LH strategies) are generally needed to survive and reproduce successfully (see Draper and Harpending 1988; Geary 2000; Rodseth and Novak 2000). Harpending and Cochran (2002) suggest that these ancestral conditions helped to maintain the 4R allele, which is associated with more riskaverse mating and social behavior.
Whereas the DRD4 4R allele appears to have emerged around a half-million years ago and is common in most geographical locations, the DRD4 7R allele, which is associated with more impulsive and risk-prone behavior, appears to have been selected for during the past 40,000–50,000 years and has a widely variable and nonrandom global distribution (Chen et al. 1999; Wang et al. 2004). Based on an analysis of this distribution, Chen et al. (1999) have argued that the 7R allele promotes migratory behavior, with bearers of 7R more likely to lead populations far from their ancient lands of origin (e.g., South American Indians, Pacific Islanders). An alternative explanation, however, proposed by Harpending and Cochran (2002), is that the 7R allele is favored by selection under conditions of surplus resources. In such luxuriant contexts, where offspring can be successful without intensive biparental investment (as is common in many agricultural and modern societies), higher levels of energetic, impulsive, and noncompliant behavior characteristic of male bearers of the 7R allele may facilitate fast sexual behavior and success in intrasexual competition (Harpending and Cochran 2002; Penke et al. 2007). Recent increases in the frequency of the 7R allele (Ding et al. 2002) are consistent with this hypothesis. In total, 7R bearers may not only be more likely to become propagules colonizing new environments (generating between-group variation in LH strategies) but may also employ faster LH strategies than 4R bearers in well-resourced, multiniche environments (supporting within-group variation in LH strategy).
In sum, there is much variation in LH strategies between different human populations (e.g., Rushton 2004; Walker et al. 2006b; Walker and Hamilton 2008). On the one hand, genetic polymorphisms, such as those at the DRD4 locus, are potentially relevant because they may account for meaningful cultural and individual variation in LH strategies. On the other hand, comparative data from small-scale human societies suggest that differences between populations in LH strategies are responsive to mortality rates. Much more work is needed, however, to delineate the potential evolutionary and developmental bases of such differences and their coordination with environmental conditions.”
In diesem Falle würden also, wenn ich es recht verstehe, Buschleute und Chinesen auf der “K-nahen” Seite stehen, während südamerikanische Indianerstämme und abenteuerlustige, risikofreudige Europäerinnen und Europäer auf der “r-nahen” Seite stehen, weil sie wechselnde Sexualpartner haben und/oder auch einen sonstigen risikofreudigeren Lebensstil haben. Man sieht, das Thema ist in jedem Fall komplex. Aber daher zu kommen und zu sagen, es sei grundsätzlich “Blödsinn” von dem Höcke, in Bezug auf angeborene Verhaltensunterschiede beim Menschen auf Populationsebene von r- und K-Strategie zu sprechen – DAS ist: Blödsinn. Denn die Forschung geht auch jenseits von Philippe Rushton auf diesem Gebiet weiter, jenseits eines Autors übrigens, der auch in der Studie von 2009 als ernstzunehmender zitiert wird.
Seit diese Zitate der Öffentlichkeit bekannt gegeben und ihr erläutert worden sind, ist die öffentliche Erörterung rund um das evolutionäre Denken von Björn Höcke schlichtweg entschieden. All die Kritiker auf dem Blog von Marcus Anhäuser, die sich zuvor immer wieder mit neuen Einwänden gemeldet hatten, blieben, nachdem diese Zitate gebracht worden waren, stumm. Wahrscheinlich reden sie sich damit heraus, dass ihnen die Diskussion zu lang geworden war und sie ihr gar nicht mehr gefolgt wären. Freu. Könnte man doch mal versuchen! ;)

Aber man möchte doch gerne wissen, wann endlich Qualitätspresse Qualitätsberichterstattung betreibt. Statt Hetzpresse und Verblödungspresse zu sein. (Einige weiterführende Ausführungen im Anhang.) (Ergänzung 11.6.16:) Übrigens ist damit auch die öffentliche Stellungnahme des "Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung" (19) vollständig widerlegt, etwa die dortige These, dass es sich bei der r/K-Theorie um eine "mittlerweile veraltete Theorie zu Unterschieden im Fortpflanzungsverhalten zwischen verschiedenen Tierarten" handeln würde. Wie können habilitierte Wissenschaftler so viel Blödsinn äußern? Es ist ein Trauerspiel, wenn man gestandene Wissenschaftler solche nichtsahnenden Stellungnahmen abgeben sieht. Ein Tiefststand deutscher Wissenschaftskultur.
__________________________________________________________
ResearchBlogging.org
  1. Ellis BJ, Figueredo AJ, Brumbach BH, & Schlomer GL (2009). Fundamental Dimensions of Environmental Risk : The Impact of Harsh versus Unpredictable Environments on the Evolution and Development of Life History Strategies. Human nature (Hawthorne, N.Y.), 20 (2), 204-68 PMID: 25526958
  2. Voland, Eckart: Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. Springer-Verlag, Heidelberg u.a. 2013 (4. Auflage)
  3. Bading, Ingo: Ein Skandal der allerersten Güte. Das "Institut für Staatspolitik" in Schnellroda und sein geistig überaus schmalspuriges Auftreten. Auf: GA-j!, 12. Juli 2015
  4. Bading, Ingo: Rettet naturwissenschaftsnaher Katholizismus die europäischen Völker? Entwicklungen auf dem Internetblog "Projekt Ernstfall". GA-j!, 23. Juli 2015
  5. Bading, Ingo: "Eine Milliarde Katholiken gegen 200 Ludendorffer - viel Spaß in der Bataille". GA-j!, 28. Juli 2015
  6. Bading, Ingo: Verblödung auf der Internetseite Sezession. Katholische Rechtskonservative seit über 40 Jahren: "Gehe zurück auf Los und fange bei Null an". GA-j!, 15. August 2015
  7. Bading, Ingo: Alain de Benoist - Er hat "biologische Fragestellungen" "allzu sehr in den Vordergrund gestellt. GA-j!, 7.10.2015 
  8. Bading, Ingo: Alain de Benoist - Ein rechtskonservativer Hijacker. GA-j!, 11.10.2015
  9. Bading, Ingo: Lasst sie nicht abreißen! - Die kulturelle und genetische Tradition. Begreift Euch als Erben! Eine Lesehilfe zu Peter Sloterdijk's neuestem Buch "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" (2014). GA-j!, 15. Oktober 2015
  10. Albrecht, Jörg: Das Fremde und das Vertraute. In: FAS, 17.11.2015
  11. von Rauchhaupt, Ulf: Lewontins Fehlschluß. In: FAS, 17.11.2015
  12. Zastrow, Volker: Neue Rechte - Höckes Rassetheorie. In: FAZ, 20.12.2015
  13. Genhorst: Höckes r- und K-Strategen. Auf: Das Wesen - EvoDevoAnthro, 14. Dezember 2015, https://genhorst.wordpress.com/2015/12/14/hoeckes-r-und-k-strategen/
  14. Anhäuser, Marcus: Liebe Biologen, #Höcke wäre Eure Chance gewesen (Nachtrag 28.1.16). Auf Placeboalarm, 15. Dezember 2015, mit 105 Kommentaren, http://scienceblogs.de/plazeboalarm/index.php/liebe-biologen-hoecke-waere-eure-chance-gewesen/
  15. „Sonst endet die AfD als ‘Lega Ost’“ - Interview mit Karlheinz Weißmann. In: Junge Freiheit, 21.12.2015
  16. Hermsdorf, Daniel: Volksverhetzung durch angebliche #Rassismus-Kritik? Filmdenken, 21.12.2015
  17. Bading, Ingo: Björn Höckes evolutionäres Denken Mangelndes Vertrauen in die Aufklärungs- und Humanisierungsfähigkeit moderner Wissensgesellschaften Oder: Warum die Öffentlichkeit ständig geistig und moralisch unterfordert wird. Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 10. Januar 2016, http://studgenpol.blogspot.de/2015/12/die-debatte-um-bjorn-hockes.html
  18. Brynja Adam-Radmanic: Hat Höcke recht, aber wir dürfen es nicht sagen? - Ein Fakten-Check mit Anleitung zur Verhinderung totalitären Denkens. Auf: Wissensküche, 15. Dezember 2015 (mit 126 Kommentaren), http://wissenskueche.de/2015/12/hat-hoecke-recht-aber-wir-duerfen-es-nicht-sagen-ein-fakten-check-mit-anleitung-zur-verhinderung-totalitaeren-denkens/
  19. Damian Ghamlouche: BIM-Pressemitteilung: Rassistische Argumentationen dringen unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit in den politischen Raum. Pressemitteilung des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung vom 15.12.2015, http://www.bim.hu-berlin.de/media/PM_BIM_14122015.pdf

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