Samstag, 18. Juni 2016

"Damals war nichts heilig als das Schöne"

Side - Die Hauptstadt Pamphyliens
Die Stadt des Granatapfels und der Fruchtbarkeit
Die Stadt des Mondgottes Men, der Göttin Athene, des Gottes Apollon

Die Stadt Side an der Südküste der Türkei ist heute eine Hochburg des Tourismus. Auf beiden Seiten eingerahmt von riesigen hässlichen Bettenburgen, Kilometerweit aufgereiht entlang der Küste in erster, zweiter und dritter Reihe, waren der ursprüngliche Anlass für diesen Tourismus in den 1970er Jahren die anziehenden und großes Interesse weckenden Ruinen einer im Grundriss und in wichtigen Ruinen fast vollständig erhaltenen antik-griechischen Stadt, der ehemaligen Hauptstadt einer ganzen Provinz an der Südküste Kleinasiens, nämlich Sides.

Abb. 1: Kopf einer Apollon-Statue aus Side, Pamphylien (2. Jahrhundert n. Ztr.)

Im vorletzten Beitrag ("... Iss, trink und scherze - das übrige ist nicht so viel wert ...") wiesen wir schon hin auf das reichhaltige kulturelle Leben in den antikgriechischen Städten an der Südküste Kleinasiens vor 2000 Jahren. Von Side war in diesem Beitrag dabei noch gar nicht so viel die Rede. Sie soll im folgenden beispielhaft als eine solche - vielleicht ganz willkürlich gewählte - Stadt behandelt werden. Denn selbst eine so unbekannte antik-griechische Stadt wie Side, eine Stadt wie es solche vor 2000 Jahren im östlichen und westlichen Mittelmeer-Raum zu hunderten oder tausenden gab, kann - zu einiger Überraschung - mit namhaften Vertretern der antik-griechischen Kultur als Söhne dieser Stadt aufwarten. Indem man diese Namen nennt, tritt man sogleich mitten hinein in die gelebte Kultur einer solchen Stadt vor 2000 Jahren, eine gelebte Kultur, wie man sie dort vor Ort heute über hunderte von Kilometern hinweg - siehe Bettenburgen*) - gänzlich umsonst sucht.

Side war die Geburtsstadt des Bischofs Eustathios von Antiochia (etwa 290 bis 350 n. Ztr.). Dieser gehörte zu den namhaften katholischen Bischöfen des römischen Reiches, die in der Zeit des Konzils von Nicäa die Arianer mit großer Schärfe bekämpften. Er gehörte also zu jenen religiösen Eiferern, die der vormaligen heidnischen Antike das Grab schaufelten. Side war auch die Geburtsstadt des siebzig Jahre später lebenden sophistischen Philosophen Troilus von Konstantinopel (etwa 390 bis 450 n. Ztr.), eines Vertreters des ursprünglichen, freien Geistes der griechischen Antike. Side war die Geburtsstadt des letzten großen Rechtsgelehrte der Antike, des Justizministers unter dem oströmischen Kaiser Justinian, nämlich Flavius Tribonianus (gest. 542). Dieser Mensch hat maßgeblich zur Fertigstellung des berühmten "Corpus Iuris" beigetragen. Andererseits beschreibt ihn der griechische Geschichtsschreiber Prokop als "geldgierig". Tribonianus war außerdem des Heidentums verdächtig. Aber das sind alles Namen der Spätantike. Über das ebenfalls vorhandene Geistesleben und kulturelle Leben Sides vor Beginn der Spätantike, also in klassischer Zeit, ist weniger bekannt. Es darf aber nach dem Zeugnis der Hinterlassenschaften, von denen im folgenden einige aufgeführt werden sollen, als ähnlich reichhaltig angenommen werden.

Side hatte in der Antike 40.000 Einwohner, das sind etwa halb so viel wie die Einwohner der damaligen größten griechischen Stadt, nämlich Korinth. Side hatte einen Hafen, vier Tempel, zwei Marktplätze (Agoren), zwei repräsentative, mit Säulen eingerahmte Kolonadenstrassen. Die Stadt hatte ein Theater und eine Bibliothek, sowie einen Gouverneurspalast. Ihre wehrhaften Mauern hatten 13 Türme. Das bis heute ebenfalls gut erhaltene Aquädukt, das Side mit Wasser aus dem Taurus-Gebirge versorgte, war 29 Kilometer lang. Side war hunderte von Jahren der Sitz des römischen Provinz-Gouverneurs von Pamphilien. In christlicher Zeit, zwischen 300 und 1400, war es Sitz des zuständigen katholischen Bischofs. Auch die Bischöfe haben in der Spätantike zunächst noch in der ungebrochenen Bautradition der Antike gebaut, obwohl sie zu dieser Zeit die heidnischen Tempel schon zerstört hatten.


Abb. 2: Derselbe Kopf einer Apollon-Statue aus Side, Pamphylien (2. Jhdt. n. Ztr.) aus Abb. 1, nun in eigener Aufnahme

Der Spätantike waren ja auch in Side wie in so vielen ihrer Nachbarstädte, glänzende Epochen der Kulturgeschichte vorangegangen. Side hatte den Aufstieg und Fall des Großreiches der Hethiter erlebt, jenes wenig bekannten, aber sehr Pferde-liebenden Volkes, das den ersten Friedensvertrag der Weltgeschichte, nämlich mit Ägypten schloss. So wie nach Homer im Kampf vor Toja "tapfere Helden" aus ganz Lykien beteiligt waren, werden auch solche aus Side dabei gewesen sein (oder hätten sein können). Also Helden wie Hektor, Achill, Odysseus und wie sie alle hießen. Aus dieser kriegerischen Heldenzeit haben sich in Side Reliefs erhalten, die bis zum Untergang der Stadt im Eingangsbereich des Osttores der Stadt hingen und die Feinde der Stadt schrecken sollten. In diesen waren nämlich die den besiegten Feinden der Stadt abgenommenen Rüstungen und Waffen dargestellt (Abb. 3).

Abb. 3: Reliefs vom Osttor von Side, ausgegraben aus den Dünen in den 1980er Jahren, heute im Museum von Side (eig. Aufn.)

Side erlebte den Aufstieg und Fall erst von Athen, dann von Rom. Und Side versank mit dem Fall des Römischen Reiches ebenfalls in das Traumland des "es war einmal und ist nicht mehr". Die Stadt war also mit bewegt worden von den hethitischen Schicksalen, den athenisch-hellenischen Schicksalen und schließlich erst denen des Römischen, dann des Oströmischen Reiches. Und auch noch die Frühzeit des byzantinischen Reiches erlebte die Stadt mit. Dann hauchte sie ihr Leben aus und ihre letzten Einwohner zogen nach Antalja.


Abb. 4: Frauenstatue aus den Ruinen des Theaters von Side (Museum Side) (eig. Aufn.)

Schon im Jahr 650 v. Ztr. war an der Stelle des bis heute berühmten Apollontempels von Side ein Vorgängerbau errichtet worden im hethitischen Stil, von dem sich wenige Reste erhalten haben. Aus jener Zeit stammen auch die Reliefs von den erbeuteten Waffen der Feinde Sides, die bis in byzantische Zeit zusammen mit sidetischer Inschrift das Osttor der Stadt schmückten, um die Feinde abzuschrecken. Side war dann eine Zeit lang Mitglied des delisch-attischen Seebundes unter der Vorherrschaft Athens.


Abb. 5: Frauenstatue aus den Ruinen des Theaters von Side (Museum Side) (eig. Aufn.)

Von den reichhaltigen Kunstwerken, die in den Ruinen der Stadt bis heute gefunden werden, und die im Museum von Side ausgestellt werden, übrigens in einer der erhaltenen Thermen der Stadt, kann in diesem Beitrag nur ein verschwindend kleiner Teil beispielhaft gezeigt werden. Auch die Ruinen dieser Stadt sagen dasselbe über ihre Bewohner, was die Ruinen von Pompeji und Herculaneum über ihre Bewohner sagen: Es handelte sich um schönheitstrunkene Menschen, die in einer schönheitstrunkenen Kultur gelebt haben.


Abb. 6: Eine Ecke des wieder errichteten Apollontempels in Side (eigene Aufnahme)

333 v. Ztr. brachte Alexander der Große endgültig die griechische Kultur auch nach Side. Die noch heute eindrucksvoll sichtbaren Stadtmauern von Side wurden zwischen 188 und 102 v. Ztr. unter der Herrschaft der Seleukiden in Syrien errichtet. Die Stadtmauern dienten der Abwehr der Ptolomäer in Pergamon in den Diadochenkämpfen. Zwischen 78 und 25 v. Ztr. wurde Side römisch. Ein Feldherr im Auftrag Roms machte in dieser Zeit jenem Piratenwesen ein Ende, das sich in Side und Coracaesium (Alanya) breit gemacht hatte als Folge eines Machtvakuums, das die Diadochenkämpfe hinterlassen hatten. Side wurde dann Sitz des römischen Provinzgouverneurs von Pamphylien.


Abb. 7: Die von Säulen eingerahmte antike Hauptstraße, die hinter dem inneren Stadttor der Stadt hier
am Theater vorbei quer durch die Stadt hinunter zum Apollontempel führte (eig. Aufn.)

Im zweiten Jahrhundert nach der Zeitrechnung wurden schließlich jene Tempel, der kaiserliche Palast, bzw. die Bibliothek und die Staatsagora, das Theater und seine Agora, die eindrucksvollen beiden Stadttore, die innere Dekoration der Stadtmauer, das 29 Kilometer lange Aquädukt, das prachtvolle Nymphäum an seinem Ende vor dem Haupttor der Stadt, die Säulen-bestandene Hauptstrasse quer durch die Stadt (Abb. 7) und durch einen mit einem Pferdegespann gekrönten Triumphbogen hindurch erbaut - samt dem damit verbundenen prächtigen Figurenschmuck, um derentwillen Side von Besuchern noch heute als so eindrucksvoll und sehenswert erachtet wird. Natürlich abgesehen von seiner naturschönen Lage auf einer Halbinsel am Mittelmeer im fruchtbarsten Küstenstrichs Kleinasiens.


Abb. 8: Ausblick von der Stadtmauer auf die Bucht westlich von Side (eig. Aufn.)

Die Verehrung des Schönen - so zeigt auch diese Stadt und der Inhalt seines in den Ruinen ergrabenen Museums - war alltäglich in den Städten der Antike und lässt sich - aufzeigbar an Pompeji - bis in die kleinsten Wohneinheiten der ärmsten Schichten der Stadt hinein nach verfolgen. Alle legten sie wohlproportionierte Gärten in ihren Häusern an, sozusagen noch "in der kleinste Hütte", bemalten die Wände mit Malereien, von denen schon Goethe bei seinem Besuch von Pompeji sagte, dass man eine solche Dichte von wertvollen Kunstwerken selbst in Holland in der Hochzeit der dortigen Malerei in den Bürgerhäusern nicht gefunden haben wird.

Auch der erste Thermenbau entstand im zweiten Jahrhundert - die Hafen-Therme. Um 250 n. Ztr. wurde ein weiterer großer Thermenbau errichtet links an der Kolonadenstrasse Richtung Men-Tempel. Um 350 n. Ztr. wurde eine Stadtmauer mitten durch die Stadt errichtet an der schmalsten Stelle der Halbinsel und aus Bauschutt aus vormaligen Gebäuden der Stadt. Dabei wurden Triumphbogen und Theater Stadtmauer (Abb. 9).

Abb. 9: Die Säulen-umstandene Agora mit Fortuna-Tempel in der Mitte. Dahinter das Theater, daneben das innere Stadttor, ein Triumphbogen, auf dem früher ein Pferdegespann thronte, daneben die Therme (heute Museum), im Vordergrund verfallene Bürgerhäuser
- Die reichhaltigen Ruinen von Side erstrecken sich über seine gesamte frühere Ausdehnung, also über mehrere Kilometer (eigene Aufnahme)

Um 450 n. Ztr. wurde die Therme an der Agora (Abb. 9) erbaut, die gut erhalten ist, und in der sich heute das reichhaltige Museum von Side befindet.

Um 490 n. Ztr. war der Baubeginn des Bischofspalastes zwischen dem West- und Osttor der Stadt, im Außenbereich der Stadt, ein Palast, an dem bis 950 weiter gebaut wurde. Hierfür wurde sogar noch einmal eine neue repräsentative mit Säulen eingerahmte Strasse (Kolonadenstrasse) erbaut. In der gleichen Zeit wurden aber die Tempel für die Götter Men, Athene und Apollon, die Wahrzeichen der Stadt auf der Spitze der Halbinsel, abgerissen und zerstört. An ihrer Stelle wurde eine dumpfe christliche Basilika errichtet. Was für eine vielfältige Zeit und Geschichte. Die um 490 n. Ztr. ebenfalls abgebrannten Atriumhäuser (reiche Bürgerhäuser) nördlich der Agora (Abb. 9 im Vordergrund) wurden schon in dieser Zeit nicht mehr aufgebaut und blieben - bis heute - in ihrem Brandschutt liegen.

Abb. 10: Abendstimmung westlich von Side (eigene Aufnahme)

Eine Stadt in den Wechselfällen der Geschichte. Nur das Meer rauscht noch wie eh und je ans Ufer, die Palmen wehen im Wind und die üppige Natur samt jener Granatäpfel, die einst Side den Namen gegeben haben, treiben jedes Jahr im Frühjahr - im Februar - aufs Neue aus.
Die Götter Griechenlands
Da ihr noch die schöne Welt regieret,
An der Freude leichtem Gängelband
Selige Geschlechter noch geführet,
Schöne Wesen aus dem Fabelland!
Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte,
Wie ganz anders, anders war es da!
Da man deine Tempel noch bekränzte,
Venus Amathusia!
(...)
Finstrer Ernst und trauriges Entsagen
War aus eurem heitern Dienst verbannt;
Glücklich sollten alle Herzen schlagen,
Denn euch war der Glückliche verwandt.
Damals war nichts heilig, als das Schöne,
Keiner Freude schämte sich der Gott,
Wo die keusch erröthende Kamöne,
Wo die Grazie gebot.
Eure Tempel lachten gleich Palästen,
Euch verherrlichte das Heldenspiel
An des Isthmus kronenreichen Festen,
Und die Wagen donnerten zum Ziel.
Schön geschlungne, seelenvolle Tänze
Kreisten um den prangenden Altar,
Eure Schläfe schmückten Siegeskränze,
Kronen euer duftend Haar.
(...)
Schöne Welt, wo bist du? – Kehre wieder,
Holdes Blüthenalter der Natur!
Ach, nur in dem Feenland der Lieder
Lebt noch deine fabelhafte Spur.
Ausgestorben trauert das Gefilde,
Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,
Ach, von jenem lebenwarmen Bilde
Blieb der Schatten nur zurück.
Alle jene Blüthen sind gefallen
Von des Nordes schauerlichem Wehn;
Einen zu bereichern unter Allen,
Mußte diese Götterwelt vergehn.
Traurig such' ich an dem Sternenbogen,
Dich, Selene, find' ich dort nicht mehr;
Durch die Wälder ruf' ich, durch die Wogen,
Ach! sie wiederhallen leer!
Unbewußt der Freuden, die sie schenket,
Nie entzückt von ihrer Herrlichkeit,
Nie gewahr des Geistes, der sie lenket,
Sel'ger nie durch meine Seligkeit,
Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre,
Gleich dem todten Schlag der Pendeluhr,
Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere,
Die entgötterte Natur.
Ja, sie kehrten heim, und alles Schöne,
Alles Hohe nahmen sie mit fort,
Alle Farben, alle Lebenstöne,
Und uns blieb nur das entseelte Wort.
                                           Friedrich Schiller
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*) Kleiner Hinweis am Rande: Die leeren Bettenburgen sind im Winter, also bis Februar oder März, noch weitaus besser zu ertragen und zu ignorieren, als wenn die moderne Massenmenschenhaltung etwa April/Mai anfängt, überraschend schnell und kräftig Fahrt aufzunehmen. Den Typus des modernen, durchschnittlichen Mittel- und Nordeuropäers in seiner wohlverdienten Urlaubs- und Freizeit zu beobachten, ist fast noch erschreckender, als wenn man ihn im seelenlosen Hamsterrad der Arbeit moderner Dienstleistungsgesellschaften erlebt, wo jeder sich noch den Anschein gibt, als wäre er Mensch. Erst im Urlaub offenbar der Massenmensch sein "wahres Gesicht". (Nietzsche würden die Worte gänzlich ausgehen zur Charakterisierung dieses Typus von "letztem Menschen" ....) 
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  1. Huglstad, Allan: Alanya und Umgebung. Von Antalya bis Anamur. Alanya 2008 (220 S.)
  2. Atvur, Orhan: Side. A guide to the ancient city and the Museum. 7. Auflage 2010

Sonntag, 8. Mai 2016

Björn Höcke und r-/K-Strategien - Er redete nicht Quatsch, sondern referierte Lehrbuch-Wissen

Ein Aufsatz in der Zeitschrift "Human Nature" aus dem Jahr 2009 (1), referiert im Lehrbuch "Soziobiologie" von Eckart Voland im Jahr 2013 (2), lässt die Argumentationslinie von Björn Höcke zu angeborenen Verhaltensunterschieden von menschlichen Großgruppen bezüglich r- und K-Strategien (12-17) durchaus gerechtfertigt sein

Abb. 1: Die Zeitschrift "Human Nature"
Der Aufsatz stammt von einer Forschergruppe rund um den Evolutionären Psychologen Bruce J. Ellis von der Universität von Arizona in Tuscon, USA. Er ist in deutscher Übersetzung betitelt mit: "Grundlegende Auswirkungen von Umweltrisiken - Der Einfluss von harschen gegenüber unvorhersehbaren Umwelten in der Evolution und Entwicklung von Lebensphase-Strategien" (1).

- Warum ist es der vorliegende, wenig gelesene Blog "Studium generale", betrieben von einem Feierabend- und Wochenend-Wissenschaftler und -Journalisten, und warum ist es nicht die gesamte sogenannte "Qualitätspresse" weltweit, die auf den im folgenden zu erläuternden Umstand aufmerksam macht?

Wird das folgende auch einmal wieder etwas aussagen über die "Qualität" der sogenannten "Qualitätspresse"? Oder soll das viel gepriesene "christlich-jüdische Abendland" weiter verblödet und verdummt werden anstelle dass es sich als moderne Wissensgesellschaften, um die es sich der Sache nach handelt, weiter entwickelt? Warum hat noch nicht einmal  jene - angebliche - "Qualitätspresse", die sich politisch - angeblich - Björn Höcke als nahe stehend empfindet, und in der es doch nicht nur dumme und unbelesene Leute gibt (wir wiesen schon an anderer Stelle hin auf den Lese- und Studieneifer etwa eines Alain de Benoist) bis heute auf diesen Umstand aufmerksam gemacht (3-8)? Obwohl doch schon seit Dezember an verschiedenen Orten auf ihn aufmerksam gemacht worden ist (siehe zum Beispiel: 13, 14, 17)?

Nun, naturwissenschaftsnahem Denken wird ja heute überhaupt wenig Raum eingeräumt in der öffentlichen Wahrnehmung und Debatte. Und zwar weder naturwissenschaftsnahes Philosophieren allgemein und noch viel weniger naturwissenschaftsnahes politisches Denken. Es steht wohl viel zu oft in Gegensatz zu "jüdisch-abendländischen" geistigen Kontinuitäten. Oder wie? Nur ab und an flackert ein naturwissenschaftsnahes Debattieren kurz auf. Etwa wenn ein Thilo Sarrazin über "Deutschland schafft sich ab" nachdenkt und dabei auch naturwissenschaftsnahes Denken zu rate zieht. Oder eben wenn ein Björn Höcke angeborene Verhaltensunterschiede zwischen menschlichen Gruppen bezüglich r- und K-Strategien anspricht. In Zeiten, in denen noch ein Steven Jay Gould die "Richtlinien" des naturwissenschaftsnahen Denkens bestimmte, mag es oft noch ein wenig mehr gewesen sein als ein kurzzeitiges Aufflackern eines naturwissenschaftsnahen Argumentes. Aber damals konnte man ja auch Naturwissenschaft noch ein wenig leichter mit jenem politischen Nihilismus in Einklang bringen, der heute als vorherrschend zu bezeichnen ist, und der gegenwärtig ein menschliches demographisches Massenaussterbeereignis hervorruft.

Der Wissenschafts-Propagandist Stephen Jay Gould als Beispiel


So vertrat Gould in seinem Buch "Zufall Mensch" die damals ganz "zeitgeistige" These, der Mensch sei ein Zufallsprodukt der Evolution. Das passte natürlich ihm als Anhänger einer Gotteswahn-Religion und allen Sympathisanten seines damit zusammenhängenden Denkens gut in den Kram. Denn dann konnte er sagen, dass die Evolution, sprich allgemein die Errungenschaften von Wissensgesellschaften dem Menschen wenig zu Fragen des Lebenssinnes sagen könnten. Dadurch blieb das angebliche "Alleinstellungsmerkmal" von Gotteswahn-Religionen erhalten. Und er konnte so unverblümt und unentlarvt seine Lehre vertreten, dass Geistes- und Naturwissenschaften "getrennte Magisteria" wären, so wie es den Priestern aller Religionen immer schon recht war und wie es ihnen auch heute nur immer recht sein kann. (Und wofür sie Karlspreise bekommen.) - Aber ausgerechnet jener damals junge Forscher, auf den sich Gould in seinem Buch am meisten berief, der bedeutende britische Paläontologe Simon Conway Morris, vertrat in einem nachfolgend erschienenen Buch "Inevitable Humans in a Lonely Universe" (korrekte deutsche Übersetzung: "Unvermeidlich Menschen in einem einsamen Universum") den klaren Gegenstandpunkt. Nämlich dass die Evolution, wo immer sie im Weltall stattfinden würde, immer nur etwas hervorbringen würde, das dem heutigen Menschen sehr ähneln würde. Etwa auch aufrecht auf zwei Beinen gehen würde, auch binokular sehen würde, auch fünf Finger an zwei Händen hätte, ein großes Gehirn hätte und so weiter. Allerdings wäre die Wahrscheinlichkeit, dass dies ein zweites mal im Weltall geschehen würde, nicht besonders hoch. Und das alles auf höchstem Niveau moderner Wissensgesellschaften argumentiert. (Siehe zuletzt dazu zustimmend: "Ist Evolution vorhersagbar?" in "Biologie in unserer Zeit", 2016.) Damit deckten sich die Aussagen von Conway Morris erstaunlich genau mit der Aussage der Evolutionären Philosophin Mathilde Ludendorff. - - - War letzteres etwa der Grund dafür, dass über die These von Simon Conway Morris in der Öffentlichkeit viel weniger berichtet und sie erörtert wurde und wird als zuvor über die These von Stephen Jay Gould - ?

Abb. 2: Die Überlebenskurve für fünf unterschiedliche Lebewesen mit unterschiedlicher Fortpflanzungsstrategie
(Danke für diese Grafik von: Armin Kübelbeck)
In "Der falsch vermessene Mensch" ("Missmeasure of Man") vertrat Gould die These, dass es wenig Sinn mache, vom evolutionären, biologischen Standpunkt aus gesehen den Menschen in Menschenrassen und Völker einzuteilen. Inzwischen haben nun aber einige Forscher sogar ihre Ansicht begründet, dass Gould, um diese These vertreten zu können, Forschungsdaten gefälscht habe, sie jedenfalls zumindest sehr angreifbar ausgewertet habe. Das Buch von Gould gilt jedenfalls schon lange nicht mehr als einwandfrei seriöse Grundlage zu Erörterungen über die darin behandelten Fragen. Womit die Forschung ebenfalls - mit vielen anderen neueren Ergebnissen - sich in ihren Aussagen erstaunlich stark den Aussagen der naturwissenschaftsnahen Evolutionären Philosophin Mathilde Ludendorff näherte. - - - Ein Grund dafür, dass Gould's und "Lewontin's Fehlschluss" (wie es in der Forschung heißt) so erstaunlich selten in der Öffentlichkeit erörtert werden?

Man schweigt lieber ganz über naturwissenschaftsnahes Denken. Es könnte ja doch nur Wasser auf die Mühlen von - vorgeblich - "falschen Freunden" des Evolutionären Humanismus und damit einer fruchtbringenden Gestaltung der Zukunft der Völker der Nordhalbkugel sein. Da betreibt man dann doch lieber Politik im Einklang mit dem - vorgeblich - so humanen "christlichen Menschenbild", da verteidigt man doch lieber das "christlich-jüdische Abendland", in dem dann naturwissenschaftsnahes Denken - so wie im Mittelalter - nur noch eine Randerscheinung ist. Und in dem mit Emotionen auf politischem Gebiet wesentlich mehr erreicht werden kann, als mit sachlichem Denken.

Nur an wenigen Tagen in den vielen letzten Monaten und Jahren wurde also einmal kurzzeitig im Zusammenhang politischer Erörterungen der Mantel des Schweigens geöffnet was naturwissenschaftsnahes Argumentieren betrifft. Der AfD-Politiker Björn Höcke hatte in einer Rede politische Fragen von einem evolutionären Gesichtspunkt aus erörtert (17).

Abb. 3: Rushton - Rasse, Evolution, 2005
Die Medienmeute und der politische Gegner fielen über ihn her. Er rede vollkommenen Blödsinn. Außerdem sei das "völkisches" und "rassistisches" Denken. Selbst nahe politische Freunde - freilich: christliche Freunde wie Karlheinz Weißmann oder Dieter Stein - waren von Abscheu erfüllt, meinten, dass man sich kontraproduktiver nicht hätte äußern können. Björn Höcke selbst wich in einer rechtfertigenden Stellungnahme dazu in der Sachaussage zwar um keinen Zentimeter zurück - immerhin. Aber er entschuldigte sich quasi dafür, dass er falsch verstanden worden sei. Und führte die inhaltliche Debatte bis heute - wie alle anderen - nicht weiter.

Selbst so überlegte politische Freunde Björn Höckes in der AfD wie der Südtiroler Philosoph Dr. Marc Jongen von der Universität Karlsruhe äußern lieber ihre Sympathien für Rudolf Steiner, als dass sie Verständnis für Höcke's naturwissenschaftsnahes, evolutionäres Denken aufbringen können. Und Höckes politischer Freund Götz Kubitschek, der die Rede Höckes veröffentlicht hatte, zog die Veröffentlichung schnell zurück, sich dafür entschuldigend, dass er Höcke mit der Veröffentlichung keinen guten Dienst erwiesen habe (17).

Und niemand, niemand, niemand weit und breit führte die Debatte inhaltlich weiter. Niemand.

"Der Häscher der Selbstgerchten"


Außer uns. Und außer ganz wenigen Denkenden in Deutschland. Und außer des Wissenschaftsjournalisten Marcus Anhäuser (14) und jener wenigen, auf die er sich bezieht - - - und schließlich außer jemandem, der sich nennt "DerHäscherderSelbstgerechten", der dann von Kritikern so schön begrüßt wurde als "DerMitMartialischenNamenTanzt". Es handelt sich bei diesem "Häscher der Selbstgerechten" um einen Blogger, der sich "Genhorst" nennt. (Der aber jüngeren Jahrgangs ist, als man bei einer solchen Namenswahl vermuten sollte.) Dieser gab schon am 14. Dezember - allerdings bis heute wenig beachtet - den entscheidenden Kommentar zu allen öffentlichen Erörterungen rund um Björn Höckes evolutionäres Denken ab (Genhorst 14.12.2015) (13). Der Verfasser dieser Zeilen ist bislang der einzige gewesen, dem dieser Blogbeitrag "gefiel", und der ihn auf Facebook weiter geteilt hat. Und der ihn in Kommentaren bei Marcus Anhäuser dann weiter auswertete. Das soll nun auch hier noch einmal dokumentiert werden. Denn - wie gesagt - niemand innerhalb der gesamten "Qualitätspresse" weltweit griff bislang diesen Hinweis auf. Womit der Vorwurf Lügenpresse voll und ganz gerechtfertigt ist.

Was hatte "Der Häscher der Selbstgerechten" getan? Er hatte einfach ein Zitat aus dem Lehrbuch meines Doktorvaters gebracht, auf das ich selbst gar nicht gekommen war (- Asche über mein Haupt!):
Soziobiologe Eckart Voland schreibt dazu in seinem Standartwerk „Soziobiologie“ (Springer-Verlag Berlin, Auflage von 2013) im Abschnitt „Menschen sind flexible K-Strategen“ (S. 166).
Und dieses Zitat brachte er dann auch am 5. Februar 2016 in den Kommentaren bei Marcus Anhäuser. Eckart Voland schrieb da also schon 2013:
Allein schon angesichts ihrer vergleichsweise geringen Fruchtbarkeit, langen Jugendentwicklung und beachtlichen Lebenserwartung rangieren Menschen weit auf der K-Seite des r/K-Gradienten. Allerdings lässt sich eine durchaus nennenswerte Variabilität, sowohl im Populationsvergleich als auch im interindividuellen Vergleich, innerhalb einer Population in Bezug auf lebensstrategische Parameter beobachten. Man denke nur an den Unterschied in der realisierten Fruchtbarkeit, wie sie in den westlichen Industriestaaten vorherrscht und nicht einmal zur bloßen Regeneration der Bevölkerung ausreicht […] Angesichts dieser Unterschiede hat sich schon früh die Frage gestellt, ob das Konzept von “r-” versus “K-Strategie”, das zwar zur Erklärung von genetisch weitgehend fixierten Artunterschieden entwickelt wurde, nicht sinngemäß auch menschliche Unterschiede zu erklären vermag. Schließlich beobachtet man Unterschiede in individuellen Lebensvollzügen, die analog zum “r/K-Konzept” unterschiedlich stark ausgeprägte Fluktuationen in den sozio-ökologischen Lebensbedingungen einschließlich unterschiedlicher extrinsischer Mortalitätsrisiken abbilden. Wenngleich Menschen also K-Strategen sind, sind sie das auch auf verschiedene Weise. Idealtypisch vereinfacht lassen sich eher “langsame” von “schnellen” Lebensverläufen unterscheiden, wobei die “Geschwindigkeit” des reproduktiven Verhaltens als konditionale und funktional-adaptive Antwort auf das Ausmaß individuell erfahrener Lebenssicherheit verstanden wird. […] Die Forschung zur Plastizität der K-Strategie des Menschen hat längst ihre ursprüngliche Domäne, nämlich die Darwinische Entwicklungspsychologie verlassen und strahlt weit in benachbarte Disziplinen aus, die – sei es mit demografischen, kulturvergleichenden oder anderen Methoden und Datensätzen – die Vielfalt der menschlichen Lebensverläufe mit einer einheitlichen evolutionären Theorie einzufangen versucht.
Abb. 4: Eckart Voland - Soziobiologie, 2013, 4. Aufl.
Darauf schrieben wir noch am gleichen Tag in den Kommentaren:
Was “Genhorst” da gefunden hat, ist schlichtweg die definitive ENTSCHEIDUNG in dieser Debatte. Und dieses Zitat müsste, wenn wir es denn nicht mit einer Pinocchio-Presse zu tun hätten, durch die gesamte große Presse gehen. Die moderne Humansoziobiologie mit ihrem im deutschen Sprachraum prominentesten Vertreter sagt, dass Menschen r-Strategen sein können als “Antwort auf individuell erfahrene Lebenssicherheit” UND auf der Ebene von Populationen (von der in dem Zitat die Rede ist). In Afrika gibt es r-Strategie als Antwort auf individuell erfahrene Lebenssicherheit auf Populationsebene. (...) Den WISSENSSTAND hat Björn Höcke schlichtweg zu allergrößten Teilen korrekt wiedergegeben. Ob er die richtigen politischen Schlussfolgerungen daraus gezogen hat, ist damit nicht gesagt. Aber Pinocchio-Presse bleibt Pinocchio-Presse. Peter Sloterdijk spricht absolut korrekt von Lügenäther.
Ich übergehe hier einen längeren Abschnitt in der Diskussion bei Marcus Anhäuser, in der auf Einwände gegen unsere Auslegung dieses Zitats geantwortet wurde. Es wird eine Diskussion sein, die sehr lehrreich sein dürfte für manche, die noch weniger in naturwissenschaftsnahem Denken geschult sind. Bis zum 9. Februar hatte ich dann endlich herausgesucht, was hier tatsächlich inhaltlich zur Erörterung stand. Ich schrieb:
Habe jetzt das obige Voland-Zitat im Original rausgesucht und sehe, dass sich Voland bezieht bei den zitierten Aussagen auf diese Studie aus dem Jahr 2009: http://www.u.arizona.edu/~ajf/pdf/Ellis,%20Figueredo,%20Brumbach,%20&%20Schlomer%202009.pdf (Schade, dass man das hier alles selber machen muss und die “Qualitätspresse” weit und breit sich in Deutschland darum nicht kümmert.) Im Abstract dazu heißt es abschließend: “This review demonstrates the value of applying a multilevel evolutionary-developmental approach to the analysis of a central feature of human phenotypic variation.” Ohne das Ding jetzt weiter gelesen zu haben, entnehme ich jetzt mal dem Wort “multilevel approach”, dass ich mit meiner obigen “Interpretaton” des Voland-Zitates 100% richtig liege. Denn multilevel heißt: die genetische Ebene ist eben NICHT ausgeschlossen.

Bruce J. Ellis aus Tuscon/Arizona


Die Originalarbeit, auf die sich Voland bezog, ist glücklicherweise frei zugänglich und so konnten aus dieser gleich die entscheidenden Passagen herausgesucht werden (worauf es dann auch - bis heute - keine Einwände mehr gab ;) ). Bezugnehmend auf hier nicht dokumentierte Diskussionsabschnitte schrieb ich also:
Der eben genannte Artikel von 2009 raisonniert auf genau der gedanklichen Linie, die ich oben schon erläutert habe. Aber er geht noch erheblich weiter! Er erörtert sehr WOHL auch sehr konkret verhaltensgenetisch vorgegebene Häufigkeitsunterschiede zwischen MENSCHLICHEN Populationen weltweit. Insbesondere auf S. 228f wird dies anhand einer genetischen Anlage für ADHS erörtert, eine Anlage, deren 7-fache Sequenz bei Chinesen und Buschleuten gar nicht vorkommt, die aber in einigen Volksstämmen Südamerikas sehr häufig vorkommt und z. B. unter Europäern ebenfalls mitverantwortlich ist für dortiges “novelity seeking”, für Abenteuerlust, Risikofreude und ADHS. Und diese Steuerungssequenz korreliert nach älteren Studien (u.a. Harpending) mit Nomadenhaftigkeit und Wanderungsfreude. Und nun der von Voland zitierte Aufsatz zu solchen angeborenen Lebenslauf-Häufigkeits-Unterschieden zwischen menschlichen Populationen in Bezug auf diese Veranlagung (LH = Life history):
“Variation between and within human populations in LH strategies has also been linked to measured genetic variation. For example, the modal slow human LH strategy may be supported by the common 4R variant of the human dopamine receptor D4 (DRD4) gene. DRD4 regulates dopamine receptors in the brain, and variants of this gene have been linked to individual differences in such personality traits as extraversion and novelty-seeking (Ebstein 2006). The 4R allele was apparently the most common form of the DRD4 gene throughout human prehistory (Wang et al. 2004). Under conditions of environmental harshness and resource limitation, which are common in pre-agricultural foraging societies, biparental investment in offspring, durable pairbonds, and strong family ties and cooperation (i.e., slower LH strategies) are generally needed to survive and reproduce successfully (see Draper and Harpending 1988; Geary 2000; Rodseth and Novak 2000). Harpending and Cochran (2002) suggest that these ancestral conditions helped to maintain the 4R allele, which is associated with more riskaverse mating and social behavior.
Whereas the DRD4 4R allele appears to have emerged around a half-million years ago and is common in most geographical locations, the DRD4 7R allele, which is associated with more impulsive and risk-prone behavior, appears to have been selected for during the past 40,000–50,000 years and has a widely variable and nonrandom global distribution (Chen et al. 1999; Wang et al. 2004). Based on an analysis of this distribution, Chen et al. (1999) have argued that the 7R allele promotes migratory behavior, with bearers of 7R more likely to lead populations far from their ancient lands of origin (e.g., South American Indians, Pacific Islanders). An alternative explanation, however, proposed by Harpending and Cochran (2002), is that the 7R allele is favored by selection under conditions of surplus resources. In such luxuriant contexts, where offspring can be successful without intensive biparental investment (as is common in many agricultural and modern societies), higher levels of energetic, impulsive, and noncompliant behavior characteristic of male bearers of the 7R allele may facilitate fast sexual behavior and success in intrasexual competition (Harpending and Cochran 2002; Penke et al. 2007). Recent increases in the frequency of the 7R allele (Ding et al. 2002) are consistent with this hypothesis. In total, 7R bearers may not only be more likely to become propagules colonizing new environments (generating between-group variation in LH strategies) but may also employ faster LH strategies than 4R bearers in well-resourced, multiniche environments (supporting within-group variation in LH strategy).
In sum, there is much variation in LH strategies between different human populations (e.g., Rushton 2004; Walker et al. 2006b; Walker and Hamilton 2008). On the one hand, genetic polymorphisms, such as those at the DRD4 locus, are potentially relevant because they may account for meaningful cultural and individual variation in LH strategies. On the other hand, comparative data from small-scale human societies suggest that differences between populations in LH strategies are responsive to mortality rates. Much more work is needed, however, to delineate the potential evolutionary and developmental bases of such differences and their coordination with environmental conditions.”
In diesem Falle würden also, wenn ich es recht verstehe, Buschleute und Chinesen auf der “K-nahen” Seite stehen, während südamerikanische Indianerstämme und abenteuerlustige, risikofreudige Europäerinnen und Europäer auf der “r-nahen” Seite stehen, weil sie wechselnde Sexualpartner haben und/oder auch einen sonstigen risikofreudigeren Lebensstil haben. Man sieht, das Thema ist in jedem Fall komplex. Aber daher zu kommen und zu sagen, es sei grundsätzlich “Blödsinn” von dem Höcke, in Bezug auf angeborene Verhaltensunterschiede beim Menschen auf Populationsebene von r- und K-Strategie zu sprechen – DAS ist: Blödsinn. Denn die Forschung geht auch jenseits von Philippe Rushton auf diesem Gebiet weiter, jenseits eines Autors übrigens, der auch in der Studie von 2009 als ernstzunehmender zitiert wird.
Seit diese Zitate der Öffentlichkeit bekannt gegeben und ihr erläutert worden sind, ist die öffentliche Erörterung rund um das evolutionäre Denken von Björn Höcke schlichtweg entschieden. All die Kritiker auf dem Blog von Marcus Anhäuser, die sich zuvor immer wieder mit neuen Einwänden gemeldet hatten, blieben, nachdem diese Zitate gebracht worden waren, stumm. Wahrscheinlich reden sie sich damit heraus, dass ihnen die Diskussion zu lang geworden war und sie ihr gar nicht mehr gefolgt wären. Freu. Könnte man doch mal versuchen! ;)

Aber man möchte doch gerne wissen, wann endlich Qualitätspresse Qualitätsberichterstattung betreibt. Statt Hetzpresse und Verblödungspresse zu sein. (Einige weiterführende Ausführungen im Anhang.) (Ergänzung 11.6.16:) Übrigens ist damit auch die öffentliche Stellungnahme des "Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung" (19) vollständig widerlegt, etwa die dortige These, dass es sich bei der r/K-Theorie um eine "mittlerweile veraltete Theorie zu Unterschieden im Fortpflanzungsverhalten zwischen verschiedenen Tierarten" handeln würde. Wie können habilitierte Wissenschaftler so viel Blödsinn äußern? Es ist ein Trauerspiel, wenn man gestandene Wissenschaftler solche nichtsahnenden Stellungnahmen abgeben sieht. Ein Tiefststand deutscher Wissenschaftskultur.
__________________________________________________________
ResearchBlogging.org
  1. Ellis BJ, Figueredo AJ, Brumbach BH, & Schlomer GL (2009). Fundamental Dimensions of Environmental Risk : The Impact of Harsh versus Unpredictable Environments on the Evolution and Development of Life History Strategies. Human nature (Hawthorne, N.Y.), 20 (2), 204-68 PMID: 25526958
  2. Voland, Eckart: Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. Springer-Verlag, Heidelberg u.a. 2013 (4. Auflage)
  3. Bading, Ingo: Ein Skandal der allerersten Güte. Das "Institut für Staatspolitik" in Schnellroda und sein geistig überaus schmalspuriges Auftreten. Auf: GA-j!, 12. Juli 2015
  4. Bading, Ingo: Rettet naturwissenschaftsnaher Katholizismus die europäischen Völker? Entwicklungen auf dem Internetblog "Projekt Ernstfall". GA-j!, 23. Juli 2015
  5. Bading, Ingo: "Eine Milliarde Katholiken gegen 200 Ludendorffer - viel Spaß in der Bataille". GA-j!, 28. Juli 2015
  6. Bading, Ingo: Verblödung auf der Internetseite Sezession. Katholische Rechtskonservative seit über 40 Jahren: "Gehe zurück auf Los und fange bei Null an". GA-j!, 15. August 2015
  7. Bading, Ingo: Alain de Benoist - Er hat "biologische Fragestellungen" "allzu sehr in den Vordergrund gestellt. GA-j!, 7.10.2015 
  8. Bading, Ingo: Alain de Benoist - Ein rechtskonservativer Hijacker. GA-j!, 11.10.2015
  9. Bading, Ingo: Lasst sie nicht abreißen! - Die kulturelle und genetische Tradition. Begreift Euch als Erben! Eine Lesehilfe zu Peter Sloterdijk's neuestem Buch "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" (2014). GA-j!, 15. Oktober 2015
  10. Albrecht, Jörg: Das Fremde und das Vertraute. In: FAS, 17.11.2015
  11. von Rauchhaupt, Ulf: Lewontins Fehlschluß. In: FAS, 17.11.2015
  12. Zastrow, Volker: Neue Rechte - Höckes Rassetheorie. In: FAZ, 20.12.2015
  13. Genhorst: Höckes r- und K-Strategen. Auf: Das Wesen - EvoDevoAnthro, 14. Dezember 2015, https://genhorst.wordpress.com/2015/12/14/hoeckes-r-und-k-strategen/
  14. Anhäuser, Marcus: Liebe Biologen, #Höcke wäre Eure Chance gewesen (Nachtrag 28.1.16). Auf Placeboalarm, 15. Dezember 2015, mit 105 Kommentaren, http://scienceblogs.de/plazeboalarm/index.php/liebe-biologen-hoecke-waere-eure-chance-gewesen/
  15. „Sonst endet die AfD als ‘Lega Ost’“ - Interview mit Karlheinz Weißmann. In: Junge Freiheit, 21.12.2015
  16. Hermsdorf, Daniel: Volksverhetzung durch angebliche #Rassismus-Kritik? Filmdenken, 21.12.2015
  17. Bading, Ingo: Björn Höckes evolutionäres Denken Mangelndes Vertrauen in die Aufklärungs- und Humanisierungsfähigkeit moderner Wissensgesellschaften Oder: Warum die Öffentlichkeit ständig geistig und moralisch unterfordert wird. Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 10. Januar 2016, http://studgenpol.blogspot.de/2015/12/die-debatte-um-bjorn-hockes.html
  18. Brynja Adam-Radmanic: Hat Höcke recht, aber wir dürfen es nicht sagen? - Ein Fakten-Check mit Anleitung zur Verhinderung totalitären Denkens. Auf: Wissensküche, 15. Dezember 2015 (mit 126 Kommentaren), http://wissenskueche.de/2015/12/hat-hoecke-recht-aber-wir-duerfen-es-nicht-sagen-ein-fakten-check-mit-anleitung-zur-verhinderung-totalitaeren-denkens/
  19. Damian Ghamlouche: BIM-Pressemitteilung: Rassistische Argumentationen dringen unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit in den politischen Raum. Pressemitteilung des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung vom 15.12.2015, http://www.bim.hu-berlin.de/media/PM_BIM_14122015.pdf

Mittwoch, 2. März 2016

"... Iss, trink und scherze - das übrige ist nicht SO viel wert ..."

Ein Ausflug in die Kultur- und Philosophiegeschichte der südtürkischen Küste
Oder: Die Küsten des Mittelmeeres träumen von der Herrlichkeit vergangenen Glanzzeiten der Menschheitsgeschichte 

Abb. 1: Der Apollon-Tempel in Side in Pamphylien (2. Jhdt. n. Ztr.)
(Fotograf: W. Lloyd MacKenzie, via Flickr)
Unsere Sehnsucht nach dem antiken Griechenland findet auch Nahrung, wenn man an heute unter Deutschen so beliebte Urlaubsorte reist wie Antalya oder Alanya. So wie der Autor erstmals für eine Woche Ende Februar 2016. Hier kann man heute mindestens ebenso günstig Urlaub machen wie auf Mallorca. Aber wohl nur eine Minderheit derjenigen, die hier Urlaub machen, sind sich bewusst, dass die Gegend von Antalya und Alanya wesentlich geschichtsträchtiger ist als etwa eine Urlaubsinsel wie Mallorca. Die antike griechische Kultur hat längs der gesamten Südküste Kleinasiens in fast regelmäßigen Abständen ihre - oft noch weitgehend unberührten - Ruinenstädte hinterlassen. Und man kann sich als Urlauber hier tief hinein versenken in das reichhaltige kulturelle Leben der Antike. Dazu sollen im vorliegenden Beitrag einige Anregungen gegeben werden.

Von Antalya nach Alanya fährt man heute mit dem Autobus etwa eineinhalb Stunden. Diese beiden modernen Hafenstädte begrenzen die antike Provinz "Pamphylien" im Westen und im Osten. Pamphylien wie überhaupt die Mittelmeerküste Kleinasien lag an der Peripherie bedeutendster kultureller Großregionen der Antike wie: der hethitischen und luwischen, der phönizischen und der griechischen. Die kulturelle Hochzeit dieser Gegend begann mit dem Zug Alexanders des Großen nach Kleinasien und Pamphylien im Jahr 333 v. Ztr.. Und sie endete mit dem Ende des Römischen Reiches in der Spätantike.

Abb. 2: Pamphylien und Cilicien in römischer Zeit
(Herkunft: Wiki)
Alexander der Große eroberte die antike Hafenstadt Side bei Antaly 333 v. Ztr. kampflos. Hier war man froh, die Herrschaft der Perser los zu sein. Der karthagische Feldherr Hannibal hinwiederum schlug 190 v. Ztr. vor dieser Hafenstadt Side eine Seeschlacht. Der immer wieder versandende Hafen von Side brachte das im ganzen Römischen Reich verbreitete Sprichwort mit sich über eine schwierige und unendlich lang dauernde Arbeit: sie sei "wie der Hafen von Side". Mit solchen Dingen wird einem deutlich, dass die Südküste Kleinasiens in der Antike fast im geographischen Mittelpunkt weiter kultureller und geschichtlicher Bezüge stand.

Fast jede hellenistische Stadt an dieser Küste besaß ihr Theater, ihre Philosophenschule, ihre Exedra, den Versammlungsort der philosophisch und kulturell Interessierten. Sie hatte ihre Dichter, Künstler, Wissenschaftler und Athleten ebenso wie es die Städte Ioniens an der Westküste Kleinasiens hatten - und wie das griechische Festland sowieso. Seit die Griechen sich um 1200 v. Ztr. in Ionien, an der Westküste Kleinasiens festgesetzt haben, hat es auch griechische Kolonien entlang der Südküste Kleinasiens gegeben. Diese haben sich aber anfangs meist akkulturalisiert an die dort bis zu Alexander dem Großen vorherrschende luwische Landessprache und Religion. Weil sich hier so viele Stämme vermischten, nannte die Griechen die Südküste Kleinasiens "Pamphylien", das heißt "alle Stämme".

Abb. 3: Die Südküste Kleinasiens war auch die Heimat der berühmten Zeder, die von dort ausgeführt wurde;
hier: Libanon-Zedern am Berg Libanon im Libanon
(Fotograf: Jerzy Strzelecki)

23 n. Ztr. - Strabo in seiner Erdbeschreibung über das südliche Kleinasien

Als Hauptquelle für die antike griechische Geschichte der Südküste Kleinasiens wird in Reiseführern (1) und auch sonst immer wieder die Erdbeschreibung des antiken griechischen Geographen Strabo (63 v. Ztr.-23 n. Ztr.) herangezogen. Dieser Geograph wurde geboren und starb in einer Stadt im nördlichen Kleinasien. Das vierzehnte Buch seiner Erdbeschreibung (2) befasst sich im ersten Kapitel mit Ionien. Im zweiten Kapitel beschreibt Strabo Karien und die ionischen Inseln Rhodos und Kos. Strabo hat noch das Nachbeben des Machtvakuums im südlichen Kleinasien während der Diadochenkämpfe und die daraus sich ergebende Ausbreitung des Piratenwesens erlebt. Ab dem dritten Kapitel (2) berichtet er zunächst über Lycien, also den westlichsten Teil der Südküste Kleinasiens, sie wäre
rauh und beschwerlich, jedoch sehr hafenreich und von wohlgesitteten Menschen bewohnt. Die Natur des Landes nämlich ist der von Pamphylien und dem Rauhen Cilicien ähnlich; allein jene Völker bedienten sich ihrer Häfen zu Sammelplätzen für den Seeraum, indem sie teils selbst Seeräuberei trieben, teils den Seeräubern Märkte für ihre Beute und Ankerplätze gewährten; wie denn z. B. in Side, einer Stadt Pamphyliens, Schiffswerfte für die Cilicier bestanden, welche dort durch einen Ausrufer Gefangene verkaufen ließen, deren Freiheit sie doch anerkannten. Die Lycier dagegen lebten fortwährend so bürgerlich und wohlgesittet, dass sie, während jene vom Glück begünstigt zur Seeherrschaft bis nach Italien hin gelangten, sich dennoch durch keinen schändlichen Gewinn reizen ließen, sondern bei der urväterlichen Verfassung des Lycischen Bundes treu verharrten. Es sind aber dreiundzwanzig Städte, welche am Stimmrecht Anteil haben ...
Diese 23 lycischen Städte im Süden Ioniens werden dann von Strabo genau beschrieben, zuletzt Termessos, eine antike Stadt kurz vor dem heutigen Antalya. Im vierten Kapitel beschreibt Strabo dann Pamphylien, sprich die Gegend rund um das heutige Antalya, das in der Antike bekannt war unter dem griechischen Namen Attaleia. Diese Stadt war benannt nach dem Erbauer Attalus Philadelphus (220-138 v. Ztr.), König von Pergamon, der hier zeitweise die Herrschaft aufrecht erhalten konnte. Als Städte östlich von Attaleia nennt Strabo zahlreiche, deren Ruinen heute noch vor Ort zumeist recht gut erhalten besichtigt werden können, so ...
... die Stadt Perge und in ihrer Nähe auf einer erhabenen Stelle der Tempel der Pergäischen Artemis, in welchem alljährlich ein Volksfest gefeiert wird. Dann folgt gegen 40 Stadien (6 km) über dem Meer die hochgelegene Stadt Syllium, die man von Perge aus sehen kann. Dann ein großer Landsee Kapria, darauf der Fluss Eurymedon, und wenn man denselben 60 Stadien (9 km) weit hinauf fährt, die ziemlich bevölkerte Stadt Aspendus, eine Gründung der Argiver. Über dieser aber liegt Petnelissus. Dann folgt ein anderer Fluss und viele davor gelegene Inselchen; dann Side, eine Pflanzstadt der Cymäer, mit einem Tempel der Athene. Nahe dabei ist auch die Küste von Klein-Cibyra und dann kommt der Fluss Melas und ein Ankerplatz. Sodann die Stadt Ptolemais und hierauf die Grenze Pamphyliens und Koracesium, der Anfang des Rauhen Ciliciens. Die ganze Küstenfahrt längst Pamphilien hält 640 Stadien (95 km).
Koracesium ist das heutige Alanya. (Ein antikes griechisches Stadion war 148,5 Meter lang. 40 Stadien sind also sechs Kilometer, 60 Stadien sind neun Kilometer, 640 Stadien sind 95 Kilometer.) Weiter schreibt Strabo, dass die Pamphylier sich nach dem Troianischen Krieg unter der Führung der beiden berühmten Seher vor Troia, nämlich Kalchas und Mopsus, in Pamphylien angesiedelt hätten:
Herodotus sagt, die Pamphylier stammten von dem Volkshaufen unter Amphilochus und Kalchas ab, welchem sich auch einige Mischlinge aus Troja angeschlossen gehabt hätten; die meisten nun seien hier geblieben, die übrigen aber hätten sich weit im Lande umher zerstreut. Kallinus meldet, Kalchas habe sein Leben in Klarus geendet, sein Volk aber habe mit Mopsus den Taurus überstiegen und sei teils in Pamphylien geblieben, teils habe es sich über Cilicien und Syrien bis nach Phönicien hin verteilt.
In diesen Schilderungen mögen sich die weitläufigen Bevölkerungsverschiebungen im Zuge des Seevölkersturmes, der dorischen Wanderungen und des Troianischen Krieges wiederspiegeln. Es ist durchaus möglich, dass hier auch nur "sagenhafte" Elemente sich eingemischt haben und nicht alles 100 Prozent historisch ist. Da die Phönizier höchstwahrscheinlich auch zu nicht geringen Teilen im Zuge des Seevölkersturmes nach Phönizien gekommen sind, ist es aber tatsächlich nicht unwahrscheinlich, dass sich in Pamphylien und Cilicien ein solches "Mischvolk" aus Troianern und Griechen angesiedelt hat, die sich mit den dort ansässigen Luwiern vermischt haben und an diese sprachlich angepasst haben. Über Koracaesium - die heutige, immer noch eindrucksvolle Bergfestung Alanya - schreibt Strabon dann im fünften Kapitel:
Zuerst also findet sich die auf einem abgerissenen Berge erbaute Veste Koracaesium, deren sich Diodotus mit dem Beinamen Tryphon als Waffenplatz bediente, wie er Syrien von den Königen abtrünnig machte und bald glücklich, bald unglücklich mit ihnen kämpfte. Ihn nun schloss zwar Antiochus, der Sohn des Demetrius, in einer Festung ein und nötigte ihn, sich selbst zu entleiben, für die Cilicier aber wurde Tryphon und die Nichtswürdigkeit der damals nach der Erbfolge in Syrien und zugleich in Cilicien herrschenden Könige die erste Veranlassung zur Errichtung des Seeräuberbundes.
Hamaxia und Syedra - Umschlagplätze der Libanon-Zeder

Strabo schreibt dann weiter über die antike Stadt Hamaxia (Histolia). Ihre Ruinen liegen sieben Kilometer nordwestlich von Alanya auf 400 Meter Bergeshöhe. Und über die antike Stadt Syedra (Wiki). Sie liegt 18 Kilometer südöstlich von Alanya auf 250 Meter oberhalb der Küste. Und über die antike Stadt Laertes (Histolia). Sie liegt etwa 22 Kilometer südöstlich von Alanya auf 850 Meter oberhalb der Küste. Von allen drei Ruinenfeldern hat man herrliche Blicke hinab auf das heutige Alanya und das Meer. Strabo:
Nach Koracesium folgt die Stadt Syedra, dann ein Ort namens Hamaxia auf einem Hügel mit einem Ankerplatze, wohin das Schiffbauholz gebracht wird, meistens Zedern, an welcher Holzart diese Gegenden Überfluss zu haben scheinen, weshalb auch Antonius diese zur Ausrüstung von Flotten so geeignete Landschaft der Kleopatra zuteilte.
Gemeint ist "die" berühmte Königin Kleopatra von Ägypten. Tatsächlich befindet sich in der südlichen Türkei noch heute das größte Vorkommen der -berühmten - hier angesprochenen Libanon-Zeder, also jenes Baumes, auf den ja auch in der Bibel immer einmal wieder Bezug genommen wird (3):
Weltweit befindet sich der größte Waldbestand der Libanon-Zeder in der südlichen Türkei, er bedeckt eine Fläche von 417.188,5 ha.
Doch das sind nur Restbestände, denn (Wiki, eig. Übersetzung):
Über die Jahrhunderte hat es eine starke Entwaldung gegeben, die nur noch wenige Reste des ursprünglichen Waldes übrig ließ. Diese Entwaldung war im Libanon und auf Zypern besonders stark; auf Zypern überlebten nur Bäume bis 25 Meter Höhe, während Plinius der Ältere dort von Zedern berichtete, die 40 Meter hoch waren. Gegenwärtig wird eine intensive Wiederaufforstung von Zedern im Mittelmeerraum durchgeführt, besonders in der Türkei, wo über 50 Millionen junge Zedern jährlich gepflanzt werden. (...) In der Geschichte gab es verschiedene Versuche, den Bestand der Libanon-Zedern zu erhalten. Der erste wurde durch den römischen Kaiser Hadrian unternommen, "als der größte Zedernwald des Libanon in seiner Ausdehnung schon sehr eingeschränkt war." Hadrian schuf einen kaiserlichen Wald und befahl, dass er durch steinerne, beschriebene Grenzsteine markiert werde, von denen sich zwei im Museum der Amerikanischen Universität Beirut befinden.
Was ist das Besondere an der Libanon-Zeder? (Wiki):
Sie ist äußerst dürreresistent, bevorzugt aber Standorte mit Niederschlagsmengen zwischen 590 und 1300 mm pro Jahr. Es werden kalkhaltige Böden bevorzugt. Man findet sie in Höhenlagen von 600 bis 2.100 m. ü. NN. Sie bildet unter anderem Mischwälder mit der Kilikischen Tanne (Abies cilicica), Kiefern (Pinus spec.) und Wacholder (Juniperus spec.) wie Stinkender Wacholder. (...) Die Libanon-Zeder gehört zu den meist genutzten Baumarten. Das schöne, dauerhafte und leicht zu bearbeitende Holz der Libanon-Zeder wird seit fast 5.000 Jahren verwendet. In der Antike wurde es zum Palast- und Tempelbau genutzt. Es war zudem ein gefragtes Holz zum Schiffbau und zur Möbelherstellung. Auch heute noch ist das Holz ein sehr gefragtes Bau-, Tischler- und Möbelholz. (...) Für die Phönizier galt die Libanon-Zeder als Königin des Pflanzenreiches. Sie nutzten Zedernholz unter anderem zum Schiffbau. Auch die alten Ägypter nutzten Zedernholz für ihren Schiffbau, wobei vermutet wird, dass sie diese aus dem Libanon importierten.
- Zurück zu den angesprochenen antiken griechischen Städten. In den Ruinen von Hamaxia findet man noch heute Reste einer (1, S. 105)
Exedra mit Inschriften und Sitzreihen in einem Halbkreis.
Auch hier also trafen sich die philosophisch interessierten Bürger hellenistischer Städte zum Philosophieren. Und über Syedra berichtet Hagelstad (1, S. 64):
Die Stadt hat außerdem viele Athleten hervorgebracht, was aus zahlreichen Inschriften hervorgeht, wo nicht nur die Sportler der Stadt, sondern sogar auch Athleten aus Anamorium und einer aus Aspendos, geehrt werden. Das Interesse an sportlicher Betätigung geht auch aus den Münzen des 2. und 3. Jh. hervor, wo Siegerkränze und Ringkämpfe abgebildet.
Laertes - Alterssitz verdienter Soldaten

Strabo nun setzt seine Aufzählung in seiner Erdbeschreibung fort:
... Dann auf einem busenförmig gewölbtem Hügel die Bergfeste Laertes mit einer Rhede.
Über diese antike Stadt schreibt Huglstad (1, S. 67):
Die Stadt existierte bereits ungefähr im Jahre 625 v. Chr., da man eine Tafel mit einer phönizischen Inschrift aus dieser Periode gefunden hat. Aus der Tafel geht hervor, dass der Provinzbefehlshaber dem Besitzer der Tafel, seinem Diener, ein Stück Land vermacht hat. (...) Aus der gleichen Zeit gibt es eine phönizische Inschrift, welche die hohe Qualität des hiesigen Weines preist.
Aus Inschriften des 1. bis 3. Jahrhundert geht hervor (1, S. 67f):
Römische Soldaten aus verschiedenen Regionen des Reiches haben nach absolviertem Dienst in der Stadt ihr Rentnerdasein verbracht. (...) Aus einer anderen Inschrift geht hervor, dass die Stadt einen Olympiasieger namens Polemos hervorgebracht hat. (...) Die Agora (Marktplatz) (...) Im nördlichen Ende sieht man die in einem Halbkreis angebrachten Sitzreihen. Der untere Teil ist mit zwei Löwentatzen dekoriert. Es dreht sich hier um eine so genannte Exedra, wo die Bürger der Stadt, Philosophen u.a.m. sich entspannen und diskutieren konnten.
"Iss, trink und scherze - das übrige ist nicht so viel wert" - Die Philosophenstädte Kilikien's

Über die Stadt Seleucia schreibt Strabo:
der stark bevölkerten und von den Cilicischen und Pamphylischen sehr abweichenden Stadt Seleucia. Hier lebten zur ... Zeit zwei bedeutende Männer, die zu der Schule der Peripipatetiker gehörenden Philosophen Athenäus und Xenarchus, von welchen Athenäus auch Staatsmann war und eine Zeit lang das Volk seiner Vaterstadt leitete, später aber, als er in freundschaftliche Verbindung ... zu Murena geraten war, nach Entdeckung der gegen den Kaiser ... gestifteten Verschwörung mit jenem fliehen musste und gefangen genommen wurde; doch ward er, als unschuldig erkannt, vom Kaiser wieder freigelassen. (...) Xenarchus aber, bei dem ich (selbst) gehört habe, verweilte nicht lange in der Heimat, indem er in Alexandria und Athen, zuletzt aber in Rom das Leben eines Lehrers wählte; und im Genus der Freundschaft des Arius und später des Kaisers Augusts blieb er bis zum Greisenalter in großer Achtung.
Über die Stadt Soli schreibt Strabo:
Merkwürdige Männer von hier waren Chrysippus, der stoische Philosoph, dessen Vater aus Tarsus, aber von dort weggezogen war, der Lustspieldichter Philemon, und Aratus, welcher die Phänomena (oder Himmelskörper) in Versen beschrieben hat.
Über Anchiale:
Eine Gründung des Sardanapal, wie Aristobulus sagt. Auch sei daselbst das Grabmal Sardanapal's und sein steinernes Bild, welches die Finger der rechten Hand so zusammen drücke, als ob er ein Schnippchen schlage, und daran finde sich folgende Inschrift mit assyrischen Buchstaben: "Sardanapal, der Sohn des Anakyndaxeres, baute Anchiale und Tarsus an einem Tage. Iss, trink und scherze; das übrige ist nicht so viel wert," nämlich eines Schnippchens. Auch Chörilus erwähnt diese Sache; besonders sind folgende Verse überall im Umlauf:
Jenes nur, was ich beim Mahl und beim Wein und in Liebe genossen,
Hab' ich anjetzt; doch zurück blieb jegliche Fülle des Reichtums.
Man merkt, dass dies Lebensgrundsätze geistreicher Menschen waren. Man sollte sich also hüten, ihre Lebensgrundsätze mit äußerlich ähnlichen heutiger Menschen zu vergleichen, die sich, indem sie glauben diese Grundsätze zu leben, für geistreich - - -  halten. Über die Stadt Tarsus schreibt Strabo:
Die dasigen Einwohner zeigen einen solchen Eifer sowohl für die Philosophie, als für alle übrigen allgemeinen Wissenschaften, dass sie selbst Athen und Alexandria und jeden anderen Ort, den man etwa sonst noch nennen kann, wo es Schulen und Unterricht der Philosophen gab, übertreffen. Nur das macht einen Unterschied, dass hier die Studierenden sämtlich Einheimische sind, Fremde aber nicht dort hinwandern; und selbst jene bleiben nicht dort, sondern vollenden ihre Bildung auswärts und bleiben, wenn sie dieselbe vollendet haben, dort. In jenen Städten aber, die ich eben nannte, außer Alexandria, geschieht das Gegenteil; in sie wandern viele und verweilen gern daselbst, von Einheimischen aber sieht man nicht viele aus Lernbegierde auswärts gehen, noch am Orte selbst sich den Wissenschaften widmen. Bei den Alexandrinern jedoch vereinigt sich beides; denn sie nehmen nicht nur viele Fremde auf, sondern entsenden auch nicht wenige der ihrigen, auch finden sich bei ihnen allerlei Schulen für die Sprachwissenschaften. (...) Von da gebürtige Männer waren die Stoiker Antipater, Archedemus und Nestor, dann zwei Athenodorus, von denen der eine, der den Beinamen Kordylion führte, im Hause des Marcus Cato lebte und bei ihm starb, der andere aber, Sandon's Sohn (...) den Kaiser Augustus unterrichtete und großer Ehre genoss, dann aber, schon ein Greis, in seine Vaterstadt zurückgekehrt, die dort bestehende Staatsverfassung aufhob, welche unter anderen besonders vom Boethus, einem ebenso schlechten Dichter als Bürger, aber als Volksschmeichler sehr mächtigem Manne, schlecht verwaltet wurde.
Von diesem Boethus, sowie von Athenodorus und ihren Streitfällen mit Heerführern und Mitbürgern weiß Strabo dann noch mancherlei Kurioses und Erheiterndes zu erzählen. So bekam der greise Athenodorus von Kritikern an die Hauswand geschrieben:
Taten der Jungen, Beratung der Männer und Fürze der Alten.
Athenodorus habe die Beleidigung als Scherz genommen, sie durchgestrichen und geschrieben:
Donner der Alten.
Doch die Jugend hinwiederum rächte sich mit noch derberen Beleidigungen ... Strabo weiter:
Diese Männer also waren Stoiker. Ein Akademiker dagegen war Nestor, der, zu meiner Zeit lebend, den Marcellus, den Sohn Octavia's, der Schwester des Kaisers, unterrichtete. Auch dieser stand als Nachfolger des Athenodorus an der Spitze der Staatsverwaltung und erhielt sich stets in der Achtung sowohl der Statthalter als der Stadt.
Unter den übrigen Philosophen (...) gehörten Plutiades und Diogenes zu denen, welche in den Städten umherziehen und einträgliche Schulen errichten. Diogenes machte auch gleichsam begeistert über jeden ihm vorgelegten Gegenstand Gedichte, meistens Trauerspiele. Sprachgelehrte, von denen auch noch Schriften vorhanden sind, waren Artemidorus und Diodorus, ein Trauerspieldichter aber Dionysides, der beste von denen, die zu dem Siebengestirn gerechnet werden. Besonders aber kann Rom die Menge der aus dieser Stadt gebürtigen Gelehrten zeigen; denn es ist voll von Tarsiern und Alexandrinern.
Wie es überhaupt als bemerkenswert bezeichnet werden kann, dass in einer geographischen Erdbeschreibung so ausführliche Beschreibungen von Philosophen einzelner Städte gegeben werden. Auch Strabo setzte offenbar die Prioritäten anders als das viele heutige Geographen tun ....

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