Donnerstag, 10. Januar 2019

Werner Heisenberg und seine Liebe zu Adelheid von Weizsäcker (1928 bis 1936)

"Ich muß viel Glück haben, wenn aus meinem Leben noch etwas werden soll" (Februar 1936)

Persönliche Vorbemerkung


Im Jahr 2003 bekam der Autor dieser Zeilen das erste mal die Briefe Werner Heisenbergs (1901-1976) (Wiki) an seine Eltern, bzw. an seine Mutter in die Hände (1). Sie fielen bei ihm damals auf wenig fruchtbaren Boden. Ich kann nicht sagen, daß ich zu jener Zeit von diesen ähnlich ergriffen gewesen wäre wie von den abgeklärten Lebenserinnerungen, die Heisenberg unter dem Titel "Der Teil und das Ganze" schon in den 1960er Jahren veröffentlicht hatte, und die ich wohl schon als junger Mensch verschlungen hatte. Nachdem ich seine Briefe an seine Eltern fünfzehn Jahre später wieder in die Hand nahm, ging mir erst auf, wie sehr man doch von der ganzen Stimmung, die diese Briefe enthalten, in Bann gezogen werden kann, wie man in ihnen das innere und äußere Ringen Heisenbergs nachverfolgen kann, wie deutlich wird, was ihm im Leben wichtig war und was nicht.

Abb. 1: Professor Werner Heisenberg und sein Assistent Carl Friedrich von Weizsäcker in Leipzig 1934

Nehme ich nun meinen bislang nie veröffentlichten Aufsatz-Entwurf aus dem Dezember 2003 zu diesem Buch in die Hand - immerhin 18 Din-A-4-Seiten -, finde ich in keiner Weise, daß ich in diesem Aufsatz-Entwurf damals der Stimmung, dem Wert der Briefe gerecht geworden war. Es ist also doch immer die Frage: Wo steht man selbst, welchen Wert gibt man sich selbst, wenn man über einen Gehalt urteilt, dem man - womöglich - innerlich nicht, gar nicht gewachsen ist, bzw. den man innerlich gar nicht wahrnimmt.

Der Mensch erlebt im Leben seelische Abstürze. Oder: Er kann sie erleben. Die Tatsache, daß 2003 Heisenbergs Briefe an seine Eltern bei mir auf keinen fruchtbaren Boden fielen, ist für mich ein Zeichen für einen solchen Sturz. Mich starrt die Seelenleere aus meinem 18-seitigen 2003-Manuskript so sehr an, daß ich lieber alles neu aus dem Buch erarbeite, als auch nur "Bruchstücke" aus diesem alten Manuskript als erhaltenswert "herausdestillieren" zu wollen. Wenn der innere Geist eines Manuskriptes nicht stimmt, stimmt alles andere auch nicht. Und der innere Geist in meinem damaligen Manuskript stimmte nicht. Der ganze Geist des Manuskriptes ödet mich an. Es ist ohne alle Ergriffenheit geschrieben und kann auch keine wecken. Gibt es Schlimmeres?!

Werner Heisenberg - Ein tief beseelter Mensch


Werner Heisenberg war ein durch und durch beseelter Mensch. Und zwar von früher Jugend an. Wenn es noch Zweifel daran gäbe, so würden diese Briefe solche federleicht beiseite räumen können. Es fallen einem Sätze ins Auge wie dieser vom 28. Februar 1936 (1, S. 248):
Ich muß viel Glück haben, wenn aus meinem Leben noch etwas werden soll.
Und diesen Satz schreibt er nicht nur als Physik-Professor in Leipzig, nein, als Physik-Nobelpreisträger des Jahres 1932, also als Träger eines Nobelpreises, der ihm erst vier Jahre zuvor verliehen worden war. Kennt man einen weiteren Nobelpreisträger aus der Naturwissenschaft, der fähig gewesen wäre, noch nach Verleihung des Nobelpreises einen solchen Satz niederzuschreiben? Der Satz zeigt, daß für Heisenberg selbst ein Nobelpreis kein Zeichen dafür war, daß aus einem Menschenleben in letzter Instanz etwas geworden ist oder nicht. Darüber entscheidet für ihn offensichtlich erst der letzte Tag des Lebens dieses Menschen. Bis dahin kann alles noch auf des Messers Schneide stehen. Und wie sich das menschliche Leben entscheidet, scheint für ihn auch wenig mit seiner wissenschaftlichen Entwicklung, mit etwaigen wissenschaftlichen Erfolgen zu tun zu haben. Der eigentlich menschliche Wert eines Menschenlebens, der durch äußere Ehrungen wie einen Nobelpreis nicht ansatzweise gekennzeichnet werden kann, entscheidet sich für ihn in ganz anderen Bereichen. Wer weiß etwas darüber? Zumindest einer wußte etwas darüber und zumindest einer sprach dieses Wissen auch aus: Werner Heisenberg.

Ein solcher Umstand ist es schon, der die Lektüre seiner Briefe bedeutsam erscheinen läßt. Es kommt nicht auf äußere Erfolge im Menschenleben an. Ein Menschenleben kann scheitern. Es kann scheitern, auch wenn ihm viele äußere Erfolge beschieden gewesen sind. Und daß sich Heisenberg dieses Umstandes bewußt war - fortlaufend und durchgängig und ganz unabhängig von sonstigen persönlichen und zeitgeschichtlichen Umständen und Konstellationen in seinem Leben - das mag ihn als einen besonderen Menschen kennzeichnen.
Ich muß viel Glück haben, wenn aus meinem Leben noch etwas werden soll.
Dieser Satz ist auch keine eitle Selbstbespiegelung oder Phrase. Dafür wäre sich Heisenberg zu schade gewesen. Dieser Satz wurde vielmehr geschrieben als es sich abzeichnete, daß seine langjährige Liebe zur Schwester seines engsten lebenslangen Freundes, zur Schwester von Carl-Friedrich von Weizsäcker (1912-2007) (Wiki), nämlich zu Adelheid Marianne Viktoria Freiin von Weizsäcker (1916–2004)*) keine Erfüllung finden würde. Und zwar - wenn man es recht versteht - aufgrund der Entscheidung dieser Schwester selbst, nicht offenbar aufgrund äußerer, hinderlicher Umstände. Zwar sollten in den nachfolgenden Monaten des Jahres 1936 kurzzeitig noch einmal Hoffnungen aufflackern. Aber am Ende des Jahres klingt aus den Briefen von Werner Heisenberg noch größere Enttäuschung heraus als sie schon Anfang des Jahres heraus klang. Der Satz vor dem zitierten Satz vom 28. Februar 1936 lautete:
Ich weiß, daß sich in diesem Sommer nun alles entscheiden muß und ich habe etwas Angst davor.
Es ist klar: Er wußte nicht, wie er selbst damit umgehen würde, ob er es schaffen würde, diese Enttäuschung zu verkraften, ob er es schaffen würde, an ihr menschlich zu wachsen oder ob er an dieser Entscheidung zerbrechen würde. Diese Liebe bedeutete ihm also - fast - alles. Schon der erste Satz des Briefes hatte es deutlich gemacht:
Liebe Mama! Dieser Brief wird ein sehr ernster Brief!
und auch der Satz nach den beiden schon zitierten Sätzen bekräftigt diesen Eindruck:
Wenn Du in Gedanken in den nächsten Monaten bei mir bist, ohne zuviel äußerlich nach mir zu fragen, so wird mir das viel helfen.
Heisenberg wußte, daß er durch einen Sturm gehen würde, der ihn im Innersten erschüttern würde. Und er wappnete sich, er suchte Rückversicherung bei seiner Mutter, aber sicherlich noch mehr in sich selbst. Er suchte sich zu fassen, um den von ihm erwarteten Sturm zu bestehen. Bei der genannten Schwester von Carl Friedrich handelte es sich um Adelheid von Weizsäcker (1916-2004), die 1936 gerade erst 20 Jahre alt geworden war. Bis November 1936 nun scheint sich für Heisenberg das Verhältnis zu Adelheid geklärt zu haben, wenn er es auch nicht deutlich ausspricht. Am 3. November 1936 schreibt er an seine Mutter, die ihn an seinen 35. Geburtstag am 5. Dezember erinnert hatte (1, S. 253):
Es ist mir nicht sehr nach feiern zu Mut und ich bin froh, wenn ich mich in der nächsten Zeit tief in meine Arbeit vergraben kann. Ich empfinde sehr stark die Wohltat, in diesem einen Bereich ganz von der übrigen Welt abgeschlossen sein zu dürfen und beneide niemand, der gezwungen ist, sich immer mit dem Spiel der Welt draußen abzugeben.
Und eine Woche später (1, S. 253):
Auch ist mir das einsame Leben nur durch die Arbeit an der Wissenschaft erträglich, aber auf die Dauer wäre es sehr schlimm, wenn ich ohne einen ganz jungen Menschen neben mir auskommen müßte. Wie sich hier mein Leben weiter gestalten wird, weiß ich natürlich nicht. Die Verbindung zur Familie Weizsäcker wird wohl ganz abgebrochen werden und dadurch wird alles völlig anders als bisher. (...) Einstweilen will ich mich der Arbeit widmen, um derentwillen ich auf die Welt gekommen zu sein scheine; und die Erinnerung an die wesentlichen Dinge soll diese Arbeit nur wie eine ferne Musik begleiten.
Man spürt, wie viel Beben hinter diesen Worten steht, wie viele bestandene Stürme. In seinen Lebenserinnerungen beschreibt Werner Heisenberg ja sehr genau, wie er diesen - womöglich - tiefsten Punkt seines persönlichen Lebens damals erlebte.

Abb. 2: Werner Heisenberg und Ehefrau Margarethe, geborene Schumacher, etwa 1946

Doch gehen wir acht Jahre zurück in die Anfangszeit der Liebe zu Adelheid, um alles noch ein bisschen besser zu verstehen. Gehen wir zurück in das Jahr 1928, das Jahr, in dem Heisenberg 27 Jahre alt ist - und Adelheid erst 12. .....

/Hier bricht vorläufig der Aufsatz ab. Er muß zukünftig nach und nach vervollständigt werden im angedeuteten Sinne./

Am 10. September 1932 schrieb Werner Heisenberg an seine Mutter, daß er Adelheid während seines Berlin-Besuches aus der Ferne gesehen habe (zit. n. 10, S. 917):
"Nachher bin ich den ganzen Weg nochmal allein zurückgegangen, die Straßen leuchteten noch ein wenig, wo sie vorbei gekommen war. Aber hier ist jetzt alles grau."
Der in Worten auch gegenüber seiner Mutter in diesen Dingen sehr wortkarge Heisenberg läßt hier ein wenig in seine Gefühle hinein blicken. Heisenbergs Mutter schrieb Anfang 1933 an Adelheids Mutter, Marianne von Weizsäcker. Diese antwortete ausführlich und beklagte, sich, daß Heisenberg immer noch nicht (zit. n. 10, S. 944)
"mehr männliche Einstellung diesen Dingen gegenüber"
zeige, das heißt, ihre Sorgen mißverstand und
"in seiner eigenen Einstellung zu unserer damals noch nicht 16jährigen Tochter nicht selbst die Folgerung zog".
Deshalb offenbar hatte Heisenberg zuvor Hausverbot bei der Familie von Weizsäcker erhalten.

Die meisten Autoren übrigens, die auf diese erste, große Liebe im Leben von Werner Heisenberg überhaupt zu sprechen kommen (z. B. 9, 10), erwähnen sie entweder nur leichthin im Vorübergehen oder scheinen sie nur als etwas ganz kindlich-einfältig-kindisches zu erachten. Sie nehmen nicht die Worte von Werner Heisenberg wahr und ernst, nach dem diese Liebe ihm viel wichtiger war als der ganze Nobelpreis. Vielen Menschen fällt es offenbar schwer, eine solche Einstellung ernst zu nehmen.

Gleich im Januar 1937 lernte Werner Heisenberg Margarethe Schumacher kennen und heiratete sie nur wenige Monate später. Adelheid heiratete den ostpreußischen Rittergutsbesitzer und Reserveoffizier Botho-Ernst Dietlof Graf zu Eulenburg-Wicken (1903-1944). Sie lebte auf Gut Wicken im Kreis Friedland in Ostpreußen. Ihr ebenfalls dort lebender Schwiegervater (Wiki) war Major im Ersten Weltkrieg, ein bekannter Freikorpsoffizier 1918/19 gewesen und vor 1933 Stahlhelm-Führer in Ostpreußen. Adelheid hatte zwei Töchter, die ältere der beiden wurde die nachmalige Schriftstellerin Heilwig Gräfin zu Eulenburg (10. September 1939-1975) (Wiki). Adelheids Ehemann gilt seit 1944 in Weißrußland als vermißt, sie selbst mußte mit ihren beiden Kindern und ihren Schwiegereltern aus Ostpreußen fliehen. Die Familie fand in Lindau am Bodensee eine neue Heimat.
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*) Zwei Fotografien von Adelheid aus dem Jahr 1929: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/69518834, https://ebookstr.e-bookshelf.de/products/reading-epub/product-id/26257/title/Vier%2BZeiten.html
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  1. Heisenberg, Werner; Hirsch-Heisenberg, Anna M.: Liebe Eltern! Briefe aus kritischer Zeit 1918 bis 1945. Langen/Müller, München 2003
  2. Kleint, Christian; Wiemers, Gerald (Hrsg.): Werner Heisenberg im Spiegel seiner Leipziger Schüler und Kollegen. Leipziger Universitätsverlag, 2006
  3. Heisenberg, Werner; Heisenberg, Elisabeth; Hirsch-Heisenberg, Anna M.: Meine liebe Li! Der Briefwechsel 1937 - 1946. Residenz, 2011 
  4. Lindner, Konrad: Jugendliches Genie - Carl Friedrich von Weizsäcker als Student in Leipzig. Dezember 2016, http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=835
  5. Lindner, Konrad:  Heisenbergs jüdische Meisterschüler - zur Physik in der Weimarer Republik. http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=679
  6. Werner Heisenberg und Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker - München 1966, https://av.tib.eu/media/14335
  7. Rekonstruktion der Quantentheorie und Theorie der Ur-Alternativen - Carl Friedrich von Weizsäcker diskutiert seine Thesen mit Manfred Eigen und Manfred R. Schroeder, 1988, https://av.tib.eu/media/11191
  8. Rechenberg, Helmut; Wiemers, Gerhard: Werner Heisenberg 1901-1976. Forscher, Lehrer und Organisator der Wissenschaft. Eine Ausstellung zum 100. Geburtstag, 2001, https://www.archiv.uni-leipzig.de/heisenberg/intro.htm
  9. Martin Ebner: Wen schert Heisenbergs Liebeskummer? Besprechung von "Werner Heisenberg. Liebe Eltern! Briefe aus kritischer Zeit 1918 bis 1945". Neue Züricher Zeitung, 21.9.2003, https://www.nzz.ch/article9065U-1.306192
  10. Rechenberg, Helmut: Werner Heisenberg - Die Sprache der Atome. Leben und Wirken - Eine wissenschaftliche Biographie. Band 1: Die "Fröhliche Wissenschaft" (Jugend bis Nobelpreis). Springer, Heidelberg 2010 (GB)

Samstag, 5. Januar 2019

Max Delbrück und das Liebesleben der Naturwissenschaftler

Ein neues Interview mit Ernst Peter Fischer 
- und ein altes Interview mit Max Delbrück

Immer einmal wieder beschäftigt sich der Autor dieser Zeilen mit der Aufarbeitung der Biographie seines Onkels und wissenschaftlichen Förderers, nämlich mit der Biographie des Konstanzer Biophysikers Gerold Adam (1933-1966) (Wiki). Insofern soll dieser Blog dafür benutzt werden, auch Beiträge zur Aufarbeitung der Biographie von Gerold Adam einzustellen, also Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte.

Abb.1: Gerold inmitten einer Gemeinschaft, 1989

Gerold hat vom August 1965 bis Dezember 1966 bei Max Delbrück (1906-1981) (Wiki) in Pasadena in Kalifornien gearbeitet. Diese Zeit in Kalifornien hat ihn maßgeblich geprägt, wie mir scheint. Gerold blieb auch lebenslang mit dem Ehepaar Delbrück in freundschaftlicher Verbindung und im regen Austausch von Briefen. Gerold erhielt ja auch eine Professur an der - unter maßgeblicher Mithilfe von Delbrück gegründeten - Forschungsuniversität Konstanz.



Kürzlich ist ein neues Interview veröffentlicht worden mit Gerolds einstigem Konstanzer Kollegen, dem Wissenschaftshistoriker Professor Ernst Peter Fischer (geb. 1947) (Wiki) (1).*) Fischer hat Anfang der 1970er Jahre ebenfalls als Diplomphysiker bei Max Delbrück in Pasadena gearbeitet und hat nach dem Tod Delbrücks die so wunderbare Biographie "Licht und Leben" über Max Delbrück verfaßt (7, 9). Das Interview ist nun deshalb bemerkenswert, weil darin - ab Minute 14'35 - auch davon die Rede ist, daß Delbrück als letzte Bemerkung vor seinem Tod an seinen Biografen noch die Frage richtete:
Wie kannst du es wagen, mein Leben zu beschreiben, wenn du nichts über mein Sex life weißt?
Fischer bringt dann gleich im Anschluß daran das Beispiel Werner Heisenberg, und daß ein Biograph bei Werner Heisenberg genug zu tun hätte, dessen Wissenschaft zu beschreiben. Aber gerade der Fall Werner Heisenberg gibt doch auch zu erkennen, wie sehr Max Delbrück mit seiner Bemerkung den Nagel auf den Kopf trifft. Denn auch für Werner Heisenberg war - wie wir heute wissen - seine Liebe zur Schwester seines besten Freundes Carl Friedrich von Weizsäcker für viele Jahre das Wichtigste in seinem Leben, etwas viel Wichtigeres als der Nobelpreis, den er in derselben Zeit erhalten hat. Werner Heisenberg gab in dieser Zeit sogar zum Ausdruck, daß sein ganzes Leben scheitern könne, wenn er bezüglich dieser Fragen nicht zu einer gelungenen Lösung fände.

So charakterisierte Werner Heisenberg das selbst in den vor einigen Jahren veröffentlichten Briefen an seine Eltern (10). Ein Ausdruck wie "amoröse Szenen"  - wie Fischer sich in diesem Zusammenhang äußert - wird, so möchte man meinen, bei einem in diesen Dingen so tief nach innen gekehrten Menschen wie Werner Heisenberg nicht der richtige Ausdruck sein. Deutlich genug geht das aus den sich über viele Jahre hinweg erstreckenden Briefen an seine Eltern hervor.

Die Vorstellung, daß "Heisenberg den Frauen hinterher gelaufen" sein könnte, "um nachher die Quantenmechanik zu machen", wie das Fischer formuliert, ist vor diesem Hintergrund mehr als abwegig. Sogar bezüglich eines Menschen wie Johann Wolfgang von Goethe wäre sie doch sehr abwegig. Sie dürfte sogar hinsichtlich eines Menschen wie dem nahen Heisenberg-Freund Wolfgang Pauli abwegig sein, selbst wenn hier im äußeren Leben mehr Anlaß bestehen sollte, eine solche Äußerung zu tätigen. Deshalb handelt es sich bei der Äußerung von Max Delbrück natürlich auch nicht um "die Schnappsidee eines alten Mannes, der stirbt", wie das Ernst Peter Fischer formuliert, sondern es handelt sich einfach um ein sehr menschliches und darum natürlich auch menschlich zu behandelndes Thema.

Abb. 2: Max Delbrück in seinem Konstanzer Büro 1969

Fischer selbst allerdings hat es tatsächlich - - - "gewagt" (!), seine Biographie über Max Delbrück zu schreiben, ohne auf dieses Thema einzugehen. Ob er sich eines solchen "Wagnisses" wirklich bewußt war und ist? Natürlich: Diese Biographie hat aufregende Inhalte genug, als daß dieses Thema noch so notwendig mit zu behandeln wäre, um diese Biographie zu einer solchen zu machen, die Anteilnahme zu wecken befähigt ist. Allerdings kann der Leser durchaus auch das Gefühl haben, daß er mehr wissen könne und mehr wissen wolle über das Verhältnis von Max Delbrück zu den Frauen, die in seinem Leben eine Rolle gespielt haben.

Und wenn man nun erfährt, daß Max Delbrück sogar in dieser Weise angeregt hat, das Thema zu behandeln, bedauert man um so mehr, daß Fischer ein solches "Wagnis" eingegangen ist. Die ersten Andeutungen, die Fischer dann im Interview gibt - hinsichtlich des fröhlichen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens in Cold Spring Harbor - sind dann ebenfalls viel zu ungenügend, um aus diesen irgendwelche Schlußfolgerungen ziehen zu können. James Watson hat in seinen Büchern - etwa in "Genes, Girls and Gamov" (8) (vielleicht auch in anderen, etwa in "Avoid Boring People") - darüber ja ebenfalls schon allerhand Andeutungen gegeben, durchaus wertvolle Andeutungen (was dem flapsigen Titel des erstgenannten Buches nicht unbedingt anzumerken ist).

"Du bist Ishi!"


Von Gerold ist mir nun erzählt worden, daß Manny und Max Delbrück während seines Aufenthaltes in Pasadena immer wieder versucht haben, ihn mit jungen Frauen zusammen zu bringen, da sie der Meinung waren, es würde ihm gut tun, verheiratet zu sein. Zu diesem Zweck wurden junge Frauen zu gemeinsamen Essen eingeladen. Er erzählte, daß Manny und Max Delbrück ihm zum Abschied die damals ganz neu erschienene Biographie von Ishi (etwa 1860-1916) (Wiki), dem berühmten, letzten frei lebenden Indianer in Kalifornien, geschenkt hätten (5), und daß Manny im Zusammenhang damit zu Gerold gesagt hätte: "Du bist Ishi!" Gerold hat wiederholt von Ishi erzählt, der als letzter Überlebender seines Stammes auf Angebote von jungen Frauen, mit ihm Kinder zu haben, nicht eingegangen ist. Der Unterton war, daß er sich wohl oft selbst als ein solcher "letzter seines Stammes" fühlte und - womöglich - von Freunden auch so wahrgenommen wurde.

Gerold ist dann im Dezember 1966 von Pasadena aus - über Island - nach Marburg zurück gekehrt. Um die warmherzige Art zu kennzeichnen, die Max dann zeitlebens gegenüber Gerold beibehielt, sei hier zitiert, was Max gleich danach an Gerold schrieb**):
Prosit Neujahr! Ich hoffe, daß du nicht auf Island stecken geblieben bist. Ich hatte noch versucht, dich am Huntington Hotel zu treffen, um dir Brecht's "Kalendergeschichten" als Reiselektüre mitzugeben. Leider kam ich aber erst in dem Augenblick an, als dein Bus abfuhr. Zu viel Party in der Nacht davor! Nun ist alles sehr ruhig in den Phyco- und Phage-Laboren. M.
Der Abschied von Gerold war - wie man nach diesen Worten annehmen kann - sehr kräftig gefeiert worden. Und am 27. Januar 1967 beendete Max einen längeren Brief mit den Worten:
We all miss you. I especially. M.
Auch zwischen Gerold und Martin Heisenberg, einem der Söhne von Werner Heisenberg, der noch länger bei Max Delbrück blieb, bestand damals kurzzeitig ein Briefwechsel. Am 11. März 1967 schrieb Max in einem Brief an Gerold in Marburg etwa auch:
Dear Gerold: What a nuisance it is to have to write a long letter to you rather than trotting down the hall and talking things over.
Also: "Lieber Gerold, wie umständlich das ist, dir einen langen Brief zu schreiben anstatt einfach in die Halle hinunter zu trotten und die Dinge mit dir durchzusprechen." Dieser Briefwechsel enthält dann weiterhin und sonst zumeist durchaus sehr "schwere Kost", nämlich wissenschaftliches Nachdenken im Bereich der theoretischen Biologie und auch Nachdenken darüber, wo Gerold seine wissenschaftliche Laufbahn weiter fortführen könne. Das kann gewiß andernorts noch einmal wesentlich ausführlicher dokumentiert werden. Hier seien nur noch die Ausschnitte zitiert, die Bezug haben zu den von Ernst Peter Fischer in seinem neuen Interview aufgeworfenen Fragen. Am 14. April 1967 schrieb Manny an Gerold:
Dear Gerry, (...) I am glad, you received and read "Ischi" with as much sympathy as I counted on you to feel for this personality.
Manny hatte also Gerold tatsächlich verstanden. Sie hatte ihm dieses Buch nachgeschickt und womöglich war zuvor schon in Pasadena mündlich beim Essen davon die Rede gewesen. Ein Jahr später, am 26. Juni 1968, schrieb Manny einen vierseitigen Brief aus dem vom Sommersturm umbrausten Cold Spring Harbor an Gerold, in dem sie lebhaft und bildhaft das fröhliche wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Leben dort schildert, das ja gut aus vielen Berichten über Max Delbrück bekannt ist, und in dem sie unter anderem schreibt***):
Gestern Abend hatten wir eine Hummer und Wein-Party. Jim Watson und seine neue, junge Frau waren da und vom ersten Augenschein sieht es nach einer glücklichen Zukunft für sie aus - so sagt Max, Du solltest Mut fassen, eines Tages wirst Du ebenfalls eine Begleiterin finden, was um so kostbarer sein wird, nachdem Du so lange ohne eine solche gelebt hast.
Nur wenige Wochen später lernte Gerold dann tatsächlich seine spätere Frau kennen. Am 27. Oktober 1969 schrieb Max an Gerold als handschriftlichen Zusatz zu einem Brief:
What about your love life? Martin got ahead of you.
Vermutlich ist Martin Heisenberg gemeint. Es ist dies die Zeit, in der Max den Nobelpreis erhielt und er von viel Rummel umgeben war. Und es ist die Zeit, in der Gerold eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Konstanz erhalten hat. Gerold heiratete am 6. Dezember 1969, die Hochzeitsreise führte durch die Pyrenäen. Am 21. Januar 1970 schrieb Manny:
We have your wedding announcement and the description of your beautiful trip through Spain already came before we got around the congratulations! Of course, we expected you to see around to the wedding sometime before our next visit to Konstanz when we'll look forward meeting your wife. I questioned Patty Reau (?) (who is now back in Pasadena, installed in Max's lab with her own phyco project) but she replied that your wife never did show up in Konstanz to her.
Dann ist noch vom Hochzeitsgeschenk die Rede. Der Brief schließt:
Be happy together!
Yours Manny and Max.
So viel an dieser Stelle nur als eine Ergänzung zu den Andeutungen von Ernst Peter Fischer, ebenso als eine Ergänzung natürlich zu den wissenschaftlichen Biographien von Gerold und Max Delbrück.

Dummheiten mit positiver Wirkung


Vor einiger Zeit ist auch ein 1980 in deutscher Sprache geführtes Interview mit Max Delbrück durch einen seiner Söhne im Internet dankenswerter Weise zugänglich gemacht geworden (2). Es ist ein Jahr vor dem Tod von Max Delbrück geführt worden, weshalb er in diesem Interview schon sehr alt wirkt. Delbrück antwortet deshalb vielleicht etwas zögerlich. Er scheint - insbesondere anfangs - nach den Worten der deutschen Sprache zu suchen, die er in den USA ja nicht mehr täglich nutzte.

Aber es bricht immer einmal wieder ein famoser Humor durch, eine famose, mehr nach innen gekehrte Heiterkeit. Es wird auch deutlich, wie überlegt, wie ernst im Überdenken er sein konnte, um wie viel Genauigkeit er auch in seinen Bewertungen bemüht war. Als er nach einer etwaigen preußischen Disziplin in seinem Elternhaus gefragt wird, verneint er diese zunächst, korrigiert sich dann aber: Es war vielleicht eine gemäßigte. Es ist doch eigentlich schön, wenn jemand so genau ist.

Man merkt auch, daß er vieles unausgesprochen läßt, man merkt, daß er zu vielem noch viel, viel mehr sagen könnte.

Mehrmals spricht er über Dummheiten, die erstaunliche Wirkungen hatten. Die Dummheiten in den Vermutungen von Niels Bohr über Biologie führten dazu, daß er, Delbrück, sich ganz der Biologie zugewandt hatte. Sie hatten also doch eine positive Wirkung. Zuvor hatte seine eigene Dummheit dazu geführt (und auch die von Bohr und anderen), daß die Atomkernspaltung erst 1937 entdeckt wurde und nicht schon drei oder fünf Jahre früher. Delbrück sagt ganz richtig - aber auch mit überlegenem Abstand, der sich selbst nicht gar so wichtig nimmt, daß sich ohne seine damalige Dummheit die Weltgeschichte beträchtlich anders hätte entwickeln können. Er sagt das mit einem so feinen Humor, mit einer so famosen, sanften Heiterkeit.

Es steht zu vermuten, daß Gerold Max sehr geliebt hat. Das geht aus mancher Stelle der Briefe zwischen ihnen hervor. Gerold beklagt darin einmal, daß er in Konstanz niemanden hätte, mit dem er sich so gut unterhalten und austauschen könne wie mit ihm, Max. Aber Max hatte ja einen außergewöhnlich großen Freundeskreis und kam vielen Aufgaben im internationalen Wissenschaftsleben nach aufgrund seiner großen Bekanntheit. Es ist deutlich, daß er für Gerold später nicht mehr so viel Zeit hatte wie Gerold sich das gewünscht hätte.

Mit einem solchen Interview jedoch (2) merkt man, wie viel Grund Gerold hatte, sich das zu wünschen. Solche Menschen wie Delbrück wird es auch zu Lebzeiten von Gerold nur sehr selten gegeben haben. Ich glaube auch, daß Gerold - über prägungsähnliches Lernen - viel von Delbrück's Art für sich selbst übernommen hat, vielleicht eher unbewußt als bewußt. Etwa in der Art zu sprechen, in der Art zu überlegen, in der Art zu lachen.

Man hat das Gefühl, daß Delbrück in dem Interview oft darum bemüht ist, seinen Humor nicht zu sehr durchbrechen zu lassen, da er von einem so durch und durch steifen, trockenen Gesprächspartner interviewt wird. Der ist ja auch wirklich schon überraschend trocken. Und das konnte eigentlich schon ein Unterhaltungswert für sich sein für einen Delbrück. Dieser Gesprächspartner ist ja prakisch auch eine lebende Karikatur. Aber das durfte Delbrück natürlich nicht zum Ausdruck bringen. Dennoch fragt man sich beim Ansehen ständig - und Delbrück wollte scheinbar diesen Eindruck auch nicht völlig unsichtbar machen: Was sollen diese beiden Menschen einander zu sagen haben?

Interessant auch, wie Delbrück in dem Interview die Zeit in der Atomphysik in Göttingen nach 1925 charakterisiert. Das und noch so vieles andere: Was für ein reiches Leben.

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*) Das folgende hat der Autor dieser Zeilen einen Tag nach Veröffentlichung dieses Artikels auch in mündlicher Form behandelt (11) (Minuten 13'15 bis 18'30).
**) Original: Prosit Neujahr! Hope you did not get stuck in Iceland. Tried to see you off at Huntington Hotel and give you Brecht's „Kalendergeschichten“ as Reiselektüre but got there just as your bus pulled out. Too much party in the night before! Now all very quiet in the Phyco and Phage labs. M.
***) Original: Last night we had a lobster wine party. Jim Watson and his new young wife were there and from first appearances it looks like a happy future for them - so Max says, you should take heart for one day you too will find a compagnion, the more precious for having gone long without.
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  1. Helmut Fink: Gespräch mit Prof. Dr. Ernst Peter Fischer. Podcast-Gespräch, Kortizes, 19.12.2018, https://youtu.be/hs9nwJuPpEs 
  2. Zeugen des Jahrhunderts. Max Delbrück im Gespräch mit Peter von Zahn. 1980, https://youtu.be/ynobDNSnMKc
  3. Bading, Ingo: "Die Pipette ist meine Klarinette ..." Studium generale, 6.11.2007,  http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/11/die-pipette-ist-meine-klarinette.html
  4. Detlev Ganten über Max Delbrück. Videokanal des Max Delbrück Centrum, 24.03.2016, https://youtu.be/ZdAYHrOJ7aQ
  5. Kroeber, Theodora: Ishi in two worlds. A biography of the last wild Indian in North America. 1961 (viele Folgeauflagen); Deutsch: Der Mann, der aus der Steinzeit kam (1967)
  6. Watson, James D.: Growing Up in the Phage Group. In: Cairns, J.; Stent, G.S.; Watson, J.D. (eds.): Phage and the Origins of Molecular Biology. New York 1966; Expanded Edition. Cold Spring Harbor Laboratory Press 1992, S. 239-245 (Deutsch: Phagen und die Entwicklung der Molekularbiologie. Festschrift für Max Delbrück zum 60. Geburtstag. Berlin (Ost) 1972)
  7. Fischer, Peter: Licht und Leben. Ein Bericht über Max Delbrück, den Wegbereiter der Molekularbiologie. Universitätsverlag, Konstanz 1985 (282 S.) [Konstanzer Bibliothek, Bd. 2] (s.a. Google Bücher) (= Das Atom der Biologen. Max Delbrück und der Ursprung der Molekulargenetik. Piper-Verlag, München 1988
  8. Watson, James D.: Genes, Girls und Gamow. (After the Double Helix, engl. 2001) Piper-Verlag, München 2003
  9. Göldenboog, Christian: Das Loch im Walfisch. Die Philosophie der Biologie. Klett-Cotta, Stuttgart 2003 (Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 
  10. Werner Heisenberg, Anna M. Hirsch-Heisenberg: Liebe Eltern! Briefe aus kritischer Zeit 1918 bis 1945. Langen/Müller, 2003
  11. Bading, Ingo: Welche Hilfe gibt Gotterleben im geistigen Leben unserer Zeit? Video-Kanal, 6.1.2019, https://youtu.be/s76Vf81X0p4

Dienstag, 1. Januar 2019

Robert Plomin und die polygenetische Revolution




00:00 - Viele Veränderungen im Jahr 2018, ausgelöst - recht wesentlich - durch Nikolai Nerling, den Volkslehrer.

00:50 - Der Verhaltensgenetiker Robert Plomin und sein neues Buch "Blueprint" (1).

01:30 - Es gibt viele Videos über "polygenic scores", aber NICHTS, NICHTS auf Deutsch! (Suchwort polygenetisch, nicht - wie mehrmals falsch gesagt - "polygenisch")

06:00 - Hörbücher, Podcasts über Wissenschaft sind ziemlich nützlich, um schnell viel Neues zu lernen, zum Beispiel Interviews mit Robert Plomin (2).

07:30 - Wo bleiben die Beiträge und Video-Vorträge von Andreas Vonderach?

09:00 - Seit Jahren kann man seine eigenen Gene sequenzieren (lassen): personal genomics, consumer genetics ("Mitmach-Genetik"). Aber bislang erbrachte das zu den spannendsten menschlichen Eigenschaften nur auffallend wenig konkrete Ergebnisse. Ich habe darüber auf meinem Blog immer wieder berichtet (zuletzt: 3).

13:10 - Plomin berichtet - über Kapitel hinweg - nur von Mißerfolgen in der Forschung (1, S. 120ff).

14:00 - Es ist seit langem bekannt, daß ein großer Teil der individuellen, Volks- und Rasse-Unterschiede von Menschen angeboren ist. Das weiß man seit der Zwillingsforschung (siehe z.B. Wikip. dazu), über die Hoimar v. Ditfurth in "Querschnitte" im Mai 1983 sehr, sehr aufregend berichtet hat (4).

15:15 - Um 1960 gehörte die Eröterung angeborener psychischer Unterschiede zwischen Menschen zu einem der größten Tabus in Lehre und Forschung, wie Plomin immer wieder (sehr auffallend) betont.

16:00 - Die Jahrzehnte lange grottenschlechte Popularisierung von Wissenschaft in Deutschland.

Mitmachen - Millionen von Menschen sollten das tun


25:30 - In den letzten beiden Jahren wuchs die Einsicht massiv, daß man MILLIONEN von Menschen braucht, die ihre Gene sequenzieren lassen, um in der Erkenntnisgewinnung über jene tausende von Small-Effekt-SNP's ("Gene") weiter zu kommen, die die Erblichkeit fast aller wesentlichen menschlichen Merkmale - und zwar polygenetisch - hervorrufen. Hierbei kommt auch die Mitmach-Genetik ins Spiel, erkennbar an der derzeitigen, guten Ausgangssituation der Firma 23andme (1, S. 130).

26:15 - Deshalb seit einigen Jahren Zusammenschluß von Forschungs-"Konsortien", von hunderten von Forschern weltweit.

34:35 - 23andme hat inzwischen fast 2 Millionen Kunden, von denen 80 % zugestimmt haben, daß sie sich an wissenschaftlichen Studien beteiligen wollen. Ich gehöre auch dazu und trage damit zum wissenschaftlichen Fortschritt bei!!! ;-) Nach dem Motto: "Frage dich nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern frage dich, was du für dein Land - und den wissenschaftlichen Fortschritt - tun kannst!" - "Sequeniere deine Gene und laß die Wissenschaftler arbeiten, MANN!!!!!"

35:10 - Man versteht jetzt, warum die Sequenzierung bei MyHeritage so kostengünstig angeboten wird.

35:45 - Viel Wichtiges befindet sich vermutlich in der so genannten "Junk-DNA" ("Müll-DNA"), besser in der "Dunkelfeld-DNA". Die Funktion von 90 % jener 1 % des menschlichen Genoms, das Unterschiede zwischen Menschen hervorruft, sind noch gar nicht bekannt.

37:35 - Das heißt: Die bisherigen "Ausschnitts"-Sequenzierungen werden nicht reichen, das Genom wird künftig deutlich vollständiger sequenziert werden müssen als man das bislang getan hat.

38:34 - Auch die augenscheinlichen pleiotropischen Effekte dieser unzähligen "Small-Effect"-SNP's wird man künftig noch viel besser aufklären müssen, um zu einem Gesamtverständnis dessen zu kommen, was die Evolution hier eigentlich gemacht hat und macht.

40:00 - Wie kommt ein "polygenic score", eine polygenetische Einschätzung, zustande (1, S. 136)?

42:15 - Jene hochgradig erstaunliche exponentielle Leistungssteigerung wie man sie in den letzten Jahrzehnten z.B. in der Speicher-Technik von Computern, in der allgemeinen DNA-Sequenzierung, in der ancient-DNA-Sequenzierung beobachten konnte, jene exponentielles Anwachsen von Wissen wird in den unmittelbar nächsten Jahren auch bezüglich des "polygenic score" zu beobachten sein.

43:10 - Und dadurch wird der gesamten Bevölkerung sehr vieles über die Erblichkeit menschlicher Merkmale bewußt werden. Ideologische Verdummung wird auf dem Müllhaufen landen.
_____________________________________
  1. Plomin, Robert: Blueprint. How DNA makes us who we are. Allen Lane, 2018
  2. Sam Leith: Interview mit Robert Plomin über sein neues Buch "Blueprint" im: Spectator Books Podcast, 35:54 Minuten, https://blogs.spectator.co.uk/2018/10/books-podcast-how-genes-can-predict-your-life/ , https://player.fm/series/series-1426765/robert-plomin-blueprint  (zu finden auch auf Spotify)
  3. Bading, Ingo: Unsere Gene, unser Leben, unsere besten Heiratspartner. Studium generale, 30. Oktober 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/10/unsere-gene-unser-leben-unsere-besten.html
  4. Hoimar von Ditfurth: Marionetten der Gene. Provozierende Resultate der Zwillingsforschung, in: ders.: Die Sterne leuchten, auch wenn wir sie nicht sehen. Über Wissenschaft, Politik und Religion, Köln 1994, S. 166-188; ausgestrahlt am 8.5.1983 im ZDF in der Sendung "Querschnitte"
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