Dienstag, 14. Oktober 2014

Zur Evolution des weiblichen Hinterns

Ein Interview für "Radio Fritz" zur Frage:
Warum finden Männer den Po von Frauen attraktiv?

Abb.: Venus Kallipygos (Wiki) - Die "Schönhintrige"
Letzte Woche half ich ein wenig, den Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu erfüllen. Ich ließ mich breitschlagen, dem Brandenburger Jugendsender "Radio Fritz" ein "Experten"-Interview zu geben. Zum Glück sind meine Aussagen beim Zusammenschnitt nicht entstellt worden. Meine gezahlten GEZ-Gebühren - oder ein Teil davon - wurden mir allerdings trotzdem nicht erstattet!

Und gestern wurde das Interview dann gesendet. "Radio Fritz" hatte den ganzen Tag thematisch dem weiblichen Hinterteil gewidmet. Dafür wurde der jugendsprachliche (und frühneuzeitliche) Ausdruck "Arsch" benutzt (s. Fritz Reportagen, Fritz Interviews, Arschquiz).

Und ich nun wurde interviewt zu dem Thema (Audio):
Warum stehen Männer auf Hintern? - Diese Frage beschäftigt die Menschheit schon seit Jahrtausenden. Der Anthropologe Ingo Bading klärt die RadioFritzen am Nachmittag endlich auf.
Immerhin weiß ich jetzt, wie man zum "Experten" wird. Das Thema dieses Tages hat insbesondere RBB-Mitarbeiterin Henrike Möller recherchiert und interviewt. Das Interview mit dem Experten für Musikkultur hat einige Inhalte abgedeckt, die auch Thema meines Interviews waren, die aber nicht gesendet worden sind. Deshalb will ich auf dieses zuerst zu sprechen kommen (Audio):
Arsch und Rap - Warum wird vor allem in Rap-Songs immer wieder auf die Schönheit und die Fülle des weiblichen Hinterteils verwiesen? Rap-Journalist Falk Schacht kennt die Antwort.
Und Frank Schacht sagt dann im Interview (Hervorhebung nicht im Original):
Man kann sicherlich sagen, dass die Begeisterung für große Hintern im Hip-Hop deshalb so groß ist, weil Afroamerikaner da einen speziellen Faible für haben. Es ist da zumindest weiter verbreitet, als in den weißeren Musikgenres wie Metal oder Rock, zumindest wird es dort seit Jahrzehnten gepriesen. Es gibt zum Beispiel von 1972 ein Track von  Funkadelic "Loose Booty", da wird sich auch schon auf Ärsche bezogen. Ich glaube, über hundert mal werden da Ärsche in dem Song erwähnt. Und diese Begeisterung hält bis heute an. (...) In den letzten Jahren hat vor allem das Tworken, also der Tanz stark zugenommen. (...) Zirka seit Mitte der Nullerjahre.
(Weitergehendes zu den hier erwähnten Inhalten siehe übrigens: "Loose Booty". "Twerking" ist Tanzen mit Popopwackeln.) An diese Ausführungen anknüpfend, hätten gerne auch noch viele andere Inhalte des Interviews, das ich gegeben habe, gebracht werden können, nämlich über die kontinentalen Unterschiede nicht nur in der durchschnittlichen Gesäßgröße und damit zusammenhängende in der polygamen oder monogamen Lebensweise, sondern auch damit zusammenhängende, naheliegendere Schlußfolgerungen in Bezug auf die Evolution der menschlichen Intelligenz. Mein etwa einstündiges Interview wurde allerdings auf etwa eine Minute zusammen geschnitten. Nun, so nutze ich eben meinen Blog, um jene Interview-Inhalte, die ich zuvor für das Interview recherchiert hatte, bzw. die mir schon vorgegeben worden waren als Anregung, hier noch einmal in Schriftform zusammen zu stellen. Also um dem Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen auch hier gerecht zu werden. :)

"Wer Arsch sagt, muss auch Bescheid wissen."

Der Tag auf "Radio Fritz" war übrigens immer wieder mit schönen Wortspielen untermalt, die sich ja geradezu aufdrängen. So stand er etwa unter dem hübschen Motto: "Wer Arsch sagt, muss auch Bescheid wissen." Weitere Sendebeiträge zum Thema des Tages waren: "Warum sagt man 'Leck mich am Arsch'?" - Interview mit Linguist Simon Meier (Audio), "Ist Po-Grabschen eine sexuelle Belästigung?" - Interview mit Fachanwalt Christian Hieronimi (Audio), "Der Po in der Werbung" - Interview Marketingexperting Diana Jaffé (Audio) und - recherchiert und gesprochen von Henrike Möller: eine "Chronologie des Booty-Hypes" (Audio).

Nun denn, worüber sollte Bescheid wissen, wer Arsch sagt? Vorbemerkung: Man muss sich immer bewusst bleiben, dass es sich bei evolutionären Erklärungen der folgenden Art zumeist derzeit immer noch um so genannte "Just so"-Stories handelt. Also oft um recht willkürliche, vielleicht nahe liegende Hypothesen, die aber noch keine abschließende Bestätigung durch die Forschung (etwa in Form von Erkenntnissen zu konkreten genetischen Selektions-Prozessen, die damit verbunden sind) gefunden haben. Das bezieht sich also Ausführungen, die ich als Einstimmung zugesandt erhalten hatte wie:
In der Werbung und in der Popkultur trifft man immer häufiger auf die Zurschaustellung von Hinterteilen. Man hat das Gefühl, Gesäße hätten den Busen aktuell als Sexsymbol verdrängt. (...) Wie haben sich Schönheitsideale verändert? Welche Bedeutung hat das Gesäß für andere Kulturen? (...)
Warum ist der Mann evolutionsbiologisch darauf getrimmt, Interesse am Arsch der Frau zu haben? Hat das etwas mit den archaischen Begattungsriten zu tun? (...)
  • Früher, als wir noch nicht aufrecht gegangen sind, also noch Säugetiere wie die Affen waren, hat man sich von hinten bestiegen. 
  • Vorteil: Mann hat Frau fest im Griff, kann sie kontrollieren und Feinde schneller sehen.
  • Brust war also völlig uninteressant damals. Diese archaische Begattungsweise haben wir noch nicht abgelegt. 
  • Hintern werden bei Affen ja auch immer noch rot, wenn sie Lust auf Fortpflanzung haben. Hintern war für unsere Vorfahren also eine wichtige optische und geruchliche Signalwirkung
  • Viel Fett im Hintern suggeriert außerdem: Frau ist gesund, fruchtbar, kann Kinder ernähren (auch in schwierigen Zeiten)
Gut, das ist ja im Interview dann auch gesagt worden. Was nicht gebracht worden ist, sind folgende meiner Überlegungen zur Evolution des menschlichen Po's:

1. Durch Nacktheit wird der ganze Körper zur erogenen Zone - auch der Po

Dass der anatomisch moderne Mensch heute überhaupt die ihm eigene Anatomie aufweist, hängt sicher sehr viel damit zusammen, dass er sein Fell verloren hat, dass er eben ein "nackter Affe" geworden ist. Eine wesentliche Folge davon war ja, dass der Zärtlichkeit, dem Streicheln und dem Schmusen - über die "soziale Fellpflege" der behaarten Primaten hinaus - eine besondere Bedeutung zukam. Dass dasselbe also eine größere Befriedigung in den emotionalen Belohnungszenten im Gehirn des Menschen auslöst.

Dieser Umstand war in der Humanevolution sicherlich einer der ersten Schritte weg von der bloßen Fixierung auf die primären Geschlechtsorgane, wie sie gut bei Schimpansen und Bonobos beobachtbar sind. Beim Menschen hingegen wird der ganze Körper zur potentiell erogenen (oder zur "nicht spezfischen erogenen") Zone.

Und damit im Zusammenhang wird sich ergeben, dass jugendliche, rundere, wohlgeformtere Körperteile größere Beachtung gefunden haben und finden, größeres Verlangen wecken und größere Befriedigung in den emotionalen Belohnungszentren des Gehirns auslösen, als "hagerere", "abgemagerte" Körperteile wie sie bei vielen Säugetieren sonst anzutreffen sind. All das wird ja ohne Haare viel besser spürbar und weckt deshalb auch viel größeres taktiles Wohlgefallen. Diese Argumentation war aber der Interviewerin wohl nicht eingängig genug und nicht konkret genug auf den Po bezogen. Nun denn.

2. Dicker Po als Folge eines Menschen-spezifischen Fettleibigkeits-Gens 

Das ist ja im Interview erläutert worden und stützt sich auf die Wissenschaftsberichterstattung früherer Jahre, bzw. den entsprechenden Originalartikel (1) (siehe auch Zusammenfassung der jüngeren Forschungen auf der OMIM-Datenbank - "Online Mendelian Inheritance in Man" zu das 825T-Allel). Allerdings wurden meine Interview-Ausschnitte, in denen ich auf die charakteristischen kontinentalen Unterschiede der Verbreitung dieses Fettleibigkeitsgens sprach, und die, wie gesagt, gut zu dem anderen Interview passen, nicht gebracht. Siehe (Uni Essen 1999):
In homozygoter Form findet sich das Gen bei 60 v. H. aller Schwarzafrikaner und amerikanischen Schwarzen, bei 20 v. H. der untersuchten Ostasiaten - Chinesen, Japaner und Koreaner - und bei rund 10 v. H. der Kaukasier.
Eigentlich ist das eine sehr spannende Thematik. Warum ging der Anteil dieses Gens auf der Nordhalbkugel wieder zurück? Und hat das etwas damit zu tun, dass die Eiszeitjäger zwar mit der Venus von Willendorf noch recht dicke Po's zur Darstellung brachten, dass das danach dann aber womöglich im kulturellen Zusammenhang keine so große Rolle mehr gespielt hat wie zuvor (abgesehen von der Rubens-Zeit)? Die Originalstudie wäre es sicherlich wert, dass sie sich darauf noch einmal sehr genau angesehen würde.

3. Zusammenhang von dickem Po und (ursprünglicherer) polygamer Lebensweise?

Meine Argumentation ging dann aber - davon ausgehend - noch weiter. Der anatomische Unterschied zwischen Mann und Frau, Sexualdimorphismus genannt, ist in der Regel im Artenvergleich bei Primaten um so größer, um so polygamer eine Art lebt (2). Er ist zum Beispiel groß bei Gorillas und Orang-Utas, zwei Arten, bei denen jeweils ein Männchen mehrere Weibchen dominiert. Er ist wesentlich geringer bei Schimpansen oder Gibbons, die beide innerhalb größerer Gruppen familienähnliche Untergruppen aufweisen, bzw. sogar monogam leben.

Und der gleiche Zusammenhang deutet sich ja auch in menschlichen Bevölkerungen an. Von Afrika und allgemein von der Südhalbkugel, wo es eine größere Häufigkeit von polygamer Lebensweise gibt als auf der Nordhalbkugel gibt, kann womöglich gesagt werden, dass dort auch der Geschlechtsdimorphismus tendenziell stärker ausgeprägt ist, eben insbesondere erkennbar am oft größeren weiblichen Hintern, besungen noch heute oder heute sogar verstärkt wieder vom afroamerikanisch geprägten Hip Hop. Allerdings ging dasselbe der Tendenz nach ja auch von dem größeren Penis des Mannes. In Europa und Ostasien ist dieser Geschlechtsdimorphismus weniger stark ausgeprägt, hier ist auch monogame Lebensweise häufiger als auf der Südhalbkugel.

Bei der Feststellung des vorherrschenden Schönheitsideals arbeitet die Forschung häufig mit dem Taille-Hüft-Verhältnis (waist-hip-ratio = WHR). Dazu muss man die Taillen-Größe durch die Hüft-Größe teilen.

In westlichen Ländern bevorzugen Männer ein Taillen-Hüft-Verhältnis bei den Frauen von 0,6 bis 0,7, also etwa von etwa 2:3, die sogenannten "Sanduhr-Figur". So heute auch in Asien. Es gibt aber isolierte Kulturen (Hadza in Afrika etwa, Bevölkerungsgruppen in Ecuador), wo das Ideal bei 0,9 liegt - also kein so deutlicher Unterschied zwischen Taille und Hüfte (3).

In Afrika und unter Afroamerikanern werden nun wohlbeleibtere Frauen mehr bevorzugt als andernorts (3). Auch eine Studie von 2011 stellte deutliche ethnische Unterschiede im Schönheitsideal fest (4):
Our results showed that South African men found attractive the high-WHR black figure with large breasts and the high-WHR white figure with small breasts. By contrast, British Caucasians and British Africans showed a preference for the high-WHR black figure with small breasts and the high-WHR white figure with large breasts.
4. Dicker Po und Intelligenz-Evolution

Zu dem sich daran anknüpfenden Zusammenhang zwischen Intelligenz und großen Po's (bzw. großem Penis) gibt es derzeit allerdings - merkwürdigerweise!?! - offenbar noch zwei sich konträr diametral gegenüber stehende Forschungsergebnisse.

Der britische Anthropologe Robin Dunbar hat aufgezeigt, dass monogame Lebensweise und durchschnittlich größeres Gehirnvolumen über den gesamten Säuger-Stammbaum miteinander korrelieren: Um so monogamer eine Art lebt, um so größer ist das Gehirnvolumen (wobei die Unterschiede, die allein auf Körpergröße beruhen, herausgerechnet sind) (siehe frühere Beiträge hier auf dem Blog). Und genau diesen Zusammenhang finden wir wiederum beim Menschen: Der durchschnittliche angeborene Intelligenz-Quotient auf der Nordhalbkugel liegt deutlich höher als auf der Südhalbkugel.

Daraus würde sich grob gesagt der Zusammenhang ergeben: Größerer weiblicher Hintern hat etwas mit polygamer Lebensweise zu tun und diese hängt wieder zusammen mit einem ursprünglicheren Zustand der Intelligenz-Evolution des Menschen, der ja auch auf der Südhalbkugel festgestellt wird. (Wobei, wie natürlich zu betonen ist, der Wert eines Menschen als Menschen nicht von der Intelligenz abhängig zu machen ist - sehr oft eher im Gegenteil!)

Der Mensch stammt aus Afrika ("out of africa"). Die schon erwähnten weiblichen Figurinen der europäischen Eiszeitjäger, der ersten anatomisch modernen Menschen in Europa, die ebenfalls häufig ausgeprägte weibliche Gesäße aufzeigen, können deutlich machen, dass auch unsere Vorfahren in Europa einst eine der heutigen afrikanischen Lebensweise und Phase der Intelligenz-Evolution nahe stehende aufgewiesen haben könnten. Dies hätte sich aber in den 10.000 Jahren nach der Eiszeit - vor allem mit der Ausbildung von Agrar- und Dienstleistungsgesellschaften - deutlich geändert.

Also Evolution in Richtung auf höhere Intelligenz wäre dann einher gegangen mit Evolution in Richtung auf weniger große Hintern.

Diese Erkenntnisse und unterstellten Zusammenhänge stehen aber nun in deutlicherem Widerspruch zu neueren Forschungsergebnissen, nach denen Frauen mit größeren Brüsten und Gesäßen durchschnittlich intelligenter sein sollen als Frauen mit weniger großen Brüsten und Gesäßen (Sciences360Chicago TribuneKristie Leong 2007):
According to a study carried out by a Chicago sociologist in 2003, women with big breasts had ten point higher I.Q’s. on average than their less well endowed counterparts.
Das scheint ein ziemlich eindeutiges Ergebnis zu sein. Man darf gespannt sein, wie diese zunächst widersprüchlichen Erkenntnisse miteinander in Einklang zu bringen sein werden. Und natürlich sind mit diesen wenigen Gedankengängen nur einige von vielen Hypothesen formuliert zu der Frage, warum Männer den Po von Frauen attraktiv finden und welche Männer welchen besonders.
______________________________________________
  1. W. Siffert, P. Forster, K. H. Jockel, D. A. Mvere, B. Brinkmann, C. Naber, R. Crookes, P. Heyns Du, J. T. Epplen, J. Fridey, B. I. Freedman, N. Muller, D. Stolke, A. M. Sharma, K. al Moutaery, H. Grosse-Wilde, B. Buerbaum, T. Ehrlich, H. R. Ahmad, B. Horsthemke, E. D. Du Toit, A. Tiilikainen, J. Ge, Y. Wang, and D. Yang. Worldwide ethnic distribution of the G protein beta3 subunit 825T allele and its association with obesity in Caucasian, Chinese, and Black African individuals. J.Am.Soc.Nephrol. 10 (9):1921-1930, 1999
  2. Klemmstein, Wolfgang: Evolution von Sozialstrukturen. Unterrichtsmodell für die Sekundarstufe II. In: Unterricht Biologie, 18. Jg., Folge 200, Dezember 1994, S. 38-46
  3. William D. Lasseka, Steven J.C. Gaulin: Waist-hip ratio and cognitive ability. Is gluteofemoral fat a privileged store of neurodevelopmental resources? Evolution and Human Behavior 29 (2008) 26–34 (freies pdf)
  4. Viren Swami, John Jones, Dorothy Einon, Adrian Furnham: Men's preferences for women's profile waist-to-hip ratio, breast size, and ethnic group in Britain and South Africa. British Journal of Psychology, Volume 100, Issue 2, pages 313–325, May 2009, Article first published online: 18 Mar 2011, DOI: 10.1348/000712608X329525
  5. Miller, Geoffrey F.: How Mate Choice Shaped Human Nature - A Review of Sexual Selection and Human Evolution. In: Charles B. Crawford, Dennis Krebs (eds.): Handbook of Evolutionary Psychology: Ideas, Issues, and Applications. Lawrence Erlbaum Assoc Inc, 1997, S. 87-126, hier S. 112f
  6. Lynn, Richard: An examination of Rushton’s theory of differences in penis length and circumference and r-K life history theory in 113 populations. In: Personality and Individual Differences (2012), doi:10.1016/j.paid.2012.02.016 (freies pdf)
  7. K N Manolopoulos, F Karpe, K N Frayn: Gluteofemoral body fat as a determinant of metabolic health. International Journal of Obesity 34, 949-959 (June 2010) | doi:10.1038/ijo.2009.286 (kein freies pdf)

Freitag, 26. September 2014

Helle Haut und Augen evoluierten in Nordeuropa schon vor dem Ackerbau

Die Gene von neun vorgeschichtlichen europäischen Skeletten sind neu sequenziert und ausgewertet worden

In der "Nature"-Folge vom 18. September findet sich ein neuer Forschungsartikel zur genetischen Geschichte von uns Europäern (1). Die Genetiker haben die erhaltene Gene von neun Skeletten sequenziert: Aus einem männlichen Jäger-Sammler-Skelett aus einer Höhle bei Loschbour in der Luxemburger Gegend aus der Zeit um 6.000 v. Ztr., aus sieben zumeist männlichen Fischer-Jäger-Sammler-Skeletten (vermutlich) der Ertebolle-Kultur in Motala in Schweden um 6.000 v. Ztr. und aus einem weiblichen Skelett der bäuerlichen Linearbandkeramik um 5.000 v. Ztr. aus der Stuttgarter Gegend. In der Auswertung bezieht sich die Studie auch auf die schon zuvor erforschten Gene eines Jäger-Sammler-Skelettes aus La Brana in Spanien etwa derselben Zeitstellung.

Abb. 1: Grafik aus der Studie(1)  - Erläuterung: Onge (Andamanen), Karitiana (brasilianische Ureinwohner), ANE (früheste Nordeurasier), WHG (westeuropäische Jäger-Sammler), EEF (frühe europäische Bauern), MA1 (schwedische Jäger-Sammler) (Nature)
Die Studie hält fest, dass die Fischer, Jäger und Sammler um 6.000 v. Ztr. in Schweden - ebenso wie die mitteleuropäischen Bauern tausend Jahre später - schon jene Gene für helle Haut hatten, wie wir sie auch heute noch in Europa haben - nicht aber die anderen erforschten Skelette.

Die Studie hält außerdem fest, dass die Besitzer der schwedischen Skelette - ebenso wie die Jäger-Sammler in Luxemburg und in Spanien - hellfarbige Augen hatten. Während die Bauern in der Stuttgarter Gegend tausend Jahre später braune Augen hatten. Die Jäger-Sammler in der Luxemburger Gegend hatten dunkle Haare wie die auf sie folgenden Bauern tausend Jahre später. Schon aus diesen wenigen Forschungsergebnissen wird deutlich, welche historische Bevölkerungsvielfalt es im historischen Längs- und Querschnitt allein in Europa in der Humanevolution innerhalb von etwa 2000 Jahren gegeben hat!

Die Forscher weisen auch auf volksspezifische Gene zur Stärke-Verdauung in den von ihnen erforschten Skeletten, bzw. Völkern hin.

Was die Studie nicht ausreichend herausstellt, was aber schon in früheren Studien dargelegt wurde und auch hier auf dem Blog behandelt wurde, ist der Umstand, dass alle hier erforschten Völker - die Mesolithiker Luxemburgs und Schwedens (Ertebolle-Kultur) wie auch die Bandkeramiker - im wesentlichen als ausgestorben angesehen werden müssen. Wenn wir Europäer heute ähnliche Gene wie sie haben, dann aufgrund von Selektions-Ereignissen in Flaschenhals-Populationen während der Ethnogenese der nachfolgenden Völker während und nach dem Aussterben der vorhergehenden und in Vermischung mit diesen. Selektions-Ereignissen, die dazu führten, dass kulturell oder sonstig vorteilhafte Gene ausgestorbener Völker in nachfolgenden Völkern beibehalten wurden, während kulturell oder sonstig unvorteilhafte Gene verloren gingen. (Zum Verständnis der dabei stattfindenden Selektionsprozesse sei an das Konzept der Gen-Kultur-Koevolution erinnert.)

Deshalb scheint uns der Forschungsansatz dieser Studie, den "Anteil" der Gene von Vorgänger-Bevölkerungen in unseren eigenen Genen benennen zu wollen, nicht besonders weiterführend zu sein. Vielmehr wäre doch herauszuarbeiten, was eigentlich das Neue zum Beispiel an der Genetik jener Trichterbecher-Kultur darstellte, von der wir zu nicht geringen Teilen abstammen im Vergleich zu den hier erforschten Völkern und was dann weiterhin die Schnurkeramiker dem noch hinzugefügt haben, die ja, wie schon früher hier auf dem Blog behandelt, einen nicht geringen Einfluss auf unsere heutige Genetik in Europa genommen haben.

Wie die Grafik in Abbildung 1 zeigt, geht es der Studie aber auch darum, die Genetik der späten Mesolithiker und frühen Neolithiker Mittel- und Nordeuropas in Bezug zu setzen zur neu erkannten Genetik der sibirischen Eiszeit-Jäger am Baikalsee ("Ancient north Eurasien"), die schon im vorletzten Beitrag Thema war. Die Gene der letzteren finden sich sowohl bei den südamerikanischen Ureinwohnern wie den Karitiana, wie auch in der Ertebolle-Kultur an der Ostsee, wie auch in uns, nicht aber in Luxemburger Jäger-Sammlern und in den Linearbandkeramikern. Auch trugen die ausgestorbenen Linearbandkeramiker noch Gene der ersten europäischen Eiszeitjäger in sich ("basal Eurasien"), die die Luxemburger Jäger-Sammler nicht in sich trugen. Nun, die Ethnogenese der Bandkeramiker vollzog sich ja auch am Plattensee durch Vermischung einheimischer Jäger-Sammler mit aus dem Balkanraum zugewanderten Bauern.

Aber ich glaube wie gesagt, dass man die in dieser Grafik aufgezeigten Zusammenhänge nicht zu wichtig nehmen sollte, da unser Kenntnisstand was das Aussterben von Völkern und nachfolgende Ethnogenese betrifft, eigentlich schon viel weiter ist.

Abb. 2: Titelblatt von "Nature", 18.9.2014
Dass nun dieser Artikel auf der Titelseite der "Nature"-Ausgabe beworben wird mit dem Wort "Melting Pot" (s. Abb. 2) ist natürlich wieder einmal mehr den ideologischen Vorgaben des Zeitgeistes als den Forschungsergebnissen der Wissenschaft geschuldet. Wie hätten denn diese ganzen in der Studie benannten genetischen Unterschiede zwischen den Völkern entstehen können, wenn es immer nur genetische "Einschmelzungen" und keinerlei geographische und kulturelle genetische Abgrenzungen gegeben hätte (z.B. auch Heiratsgrenzen)? Und was hätten denn letztere bitteschön mit "Melting Pot" zu tun? Die Humanevolution kennt doch allzu offensichtlich immer beide Tendenzen: Kurzzeitige Vermischungen durch vorheriges Aussterben und Neuzuwanderung bei der Ethnogenese einerseits und längerfristigere genetische Bevölkerungs-Stabilität ohne großartige neue Vermischungen andererseits. (Das Volk der Bandkeramiker etwa lebte in Mitteleuropa 800 Jahre lang ungestört und ganz ohne weitere Vermischungen.) All das ist etwa auch gut aufzeigbar an der Ethnogenese der aschkenasischen Juden vor etwa tausend oder fünfzehnhundert Jahren im deutschsprachigen Europa an der Grenze von der Antike zum Mittelalter und seitherige ziemlich strikte rein kulturelle Heiratsgrenzen nicht nur gegenüber den europäischen "Wirtsvölkern", sondern sogar gegenüber dem Ausgangsvolk, den sephardischen Juden.

Die Sarrazin-Debatte geht weiter ....

In der gleichen "Nature"-Ausgabe findet sich übrigens auch eine Rezension zu drei neuen Büchern zum Thema Rassen, Völker und Genetik in der menschlichen Humanevolution und Geschichte (18. September 2014) (2). 

- Einmal wieder ein Blick gefällig, ob sich seit dem Jahr 2000, seit der "Mondlandung" in der modernen Humangenetik und der damit verbundenen vielen Neuerkenntnisse hinsichtlich der evoluierten genetischen (Begabungs-)Unterschiede zwischen Völkern und Rassen etwas geändert hat in der Wissenschafts-Berichterstattung über diese?

Aber nicht doch! Bitte schrauben Sie die Erwartungen nicht zu hoch, lieber Leser. Das bedeutendste besprochene Buch stammt von dem verdienten Leiter der Wissenschaftsredaktion der "New York Times" Nicholas Wade. Wade berichtet schon seit Jahren - spätestens seit seinem hervorragenden und empfehlenswerten Buch "Before the Dawn" - über dieses Thema, vor allem auch immer wieder in seiner Zeitung, der größten Tageszeitung der Welt.

Aber Vorsicht. Mit diesem Thema und seiner "angemessenen" Aufarbeitung in der Wissenschafts-Berichterstattung sind viele Machtinteressen verbunden, gewaltige Machtinteressen. Sich weltweit erstreckende. Denn: Wenn Menschenrassen "real" sind, biologisch zu erforschende Phänomene sind, oh Gott, oh Gott, muss dann nicht unser ganzes Denken über Menschen, Völker und Rassen auf eine neue Grundlage gestellt werden? Stehen dann nicht mehr als hundert Jahre Zeitgeschichte, "making the world safe for democracy" infrage? Rüttelt das nicht an den weltanschaulichen Grundlagen des derzeitigen "Systems", das - zum Beispiel - bedingt, wie jüngst auf unserem Parallelblog ausgeführt, dass Kinderschänder-Ringe in demokratisch gewählten Parlamenten der westlichen Welt Jahrzehnte lang nicht verfolgt werden?

Und dementsprechend: Was für ein Hauen und Stechen einmal erneut nur in dieser kleinen Besprechung in der bedeutendsten Wissenschaftszeitschrift der Welt. Wer menschliche Rasse als biologische Realität ansieht (die sogenannten "Rasse-Realisten"), dem werden hier - das ist, glaube ich neu! - ideologische Scheuklappen unterstellt!!! Wer das nicht tut, der wird als "Ideologie-frei" beschrieben! Dabei war es doch bislang umgekehrt! Einmal eine ganz neue Masche, wie es scheint, eine Masche nur, die dann gar nicht konsequent durchgehalten wird ...

Wie sehr da die Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden, gibt der Rezensent im Grunde genommen selbst zu, wenn er über - - - "Optimisten" (!!!) Sätze schreibt wie die folgenden (3; Hervorheb. n. i. Orig.):
The completion of the draft human­ genome sequence in 2000 led some opti­mists to forecast the end of race (one of them, Craig Venter, wrote the foreword to Yudell’s book), but use of the term in the biomedical literature has actually increased since then. For clinicians, race is a matter of pragma­tism. Although each of us is genetically and epigenetically unique, our ancestry leaves footprints in our genomes. Consequently, clinicians use familiar racial categories such as ‘black’ or ‘Ashkenazi Jewish’ as crude mark­ers of genotypes, in a step towards individual­ized medicine. For them, the reality of race is immaterial; diagnosis and treatment are what count.
Die Biomedizin benutzt zwar ständig die Kategorien Rasse und genetische Herkunft, Abstammung in ihren Untersuchungen, um den Menschen helfen zu können, weil eben menschlichen Gruppen - wie schon oben einmal erneut gesehen - seit vielen hundert, tausend oder zehntausend Jahren nicht mehr miteinander geheiratet haben - aufgrund kultureller und/oder geographischer Entfernung, weshalb sie in diesen hunderten, tausenden und zehntausenden Jahren - jeweils ganz unterschiedlich genetisch evoluiert sind, wodurch die so wertvolle genetische Vielfalt weltweit entstanden ist. Aber trotzdem sind Rasse und Herkunft, so diese Rezension - "immateriell"!!!! Man lasse sich dieses Wort einmal auf der Zunge zergehen! "Immateriell". Gene, die helle oder dunkle Haut hervorrufen, die Erwachsenen-Rohmilchverdauung hervorrufen, die Intelligenz-Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Zwillingspaaren, Geschwistern, Völkern und Rassen hervorrufen, sogar solche, die erst tausend Jahre alt sind (nämlich zum Beispiel die zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden) sind - immateriell. Bravo! Ganz hervorragende Wissenschaftsberichterstattung in der bedeutendsten Wissenschaftszeitschrift der Welt.

Völker und Rassen - Die "immateriellen" genetischen Unterschiede zwischen ihnen

Aber warum erklären wir dann menschliche Rassen und Völker nicht gleich zu "übernatürlichen Akteuren"?! So wie es ja die Okkultgläubigen schon lange gemacht haben. Oder etwa zu Bewohnern von Alpha Centauri!? - Nein, Scherz beiseite: Hier gibt wieder einmal ein (nur "immaterieller"?) "Genosse Stalin" die ideologische Linie vor. Weiter nichts. Ideologie und Streben nach Machterhalt - andere Gründe gibt es nicht für diese leicht durchschaubare Schizophrenie.

Während nun Wade - laut dieser Rezension und wie man es aus vielen seiner Publikationen kennt - über Wissenschaft schreibt, schreiben die beiden anderen besprochenen Autoren über - Wissenschaftsgeschichte! Das macht sich doch hübsch. Einmal erneut werden breit Eugenik und Nationalsozialismus ausgebreitet. Unbedingt notwendig. - Ich betrachte dieses Schwarz-Weiß-Malen allmählich als verbrecherisch. Es ist doch offensichtlich, dass derjenige, der so in Schwarz-Weiß malt wie hier einmal wieder geschehen, eigentlich die heutige Generation von Menschen auf dieser Erde unfähig machen will, sich mit dem Thema der genetischen Völker- und Rassenunterschiede human und differenziert auseinander zu setzen auf der Augenhöhe des Menschlichen unserer Zeit. Er tut so, als gäbe es nur zwei Alternativen: Entweder "Rasse-Realismus" konsequenterweise verbunden mit Völkermord (!) (und - selbstredend - Krieg) ODER die "schöne neue Welt" der bloß "immateriellen" Rassen, dieser bloßen "sozialen Konstrukte", deren Überwindung erforderlich ist, damit die Menschen endlich alle soooo friedlich zusammen leben können, wie sie es ja heute schon weltweit tun - nicht wahr, lieber Leser? Wenn nur nicht ständig diese Ewiggestrigen in die Naturwissenschaft etwas hineininterpretieren wollten, was sich doch so gaaaaaar nicht in ihr findet.

Die Leute sollen auch auf diesem Gebiet für so blöd und entmoralisiert verkauft werden, wie sie auch sonst von unserer Unterhaltungsindustrie für dummblöd und entmoralisiert verkauft werden. Was hier der Tiefstand ist, ist eben der Umstand, dass es sich um eine hoch anerkannte und sonst auch hoch anzuerkennenden Naturwissenschafts-Zeitschrift handelt. Nun gut, in den letzten Worten der Rezension scheint dem dann doch wieder etwas Tribut gezollt worden zu sein, denn schließlich klingen sie dann wohl doch wieder etwas differenzierter (2; Hervorh. n. i. O.):
A full-throated, intellectually rigorous anti-racism must critically assess both biological and cultural evidence about race. It must acknowledge that no work on race science can be free of ideology — and, precisely for that reason, it must not place historical actors before a moral green screen showing an image of contemporary values. Rather, it must set the stage for each scene with meticulous, empathetic historical detail. Such work would allow the scientific study of 'racial superiority' — inherently grounded in subjectivity and bias — to fall on its own sword.
Dem ist nun hinwiederum vollständig zuzustimmen. Denn die heutige Wissenschaft weiß längst, dass jedes Volk und jede Rasse seine eigene "rassische Überlegenheit" aufweist gegenüber allen anderen Rassen und Völkern. Jedes hat in seiner Einzigartigkeit seine eigenen hervorragenden Begabungen, kulturell und/oder genetisch weitergegeben. Keines ist mehr- oder minderwertig. Und jetzt? Geht jetzt die Welt unter, wenn wir uns auf diese Linie einigen? Natürlich nicht.

Das wichtigste Fachbuch erschien letztes Jahr in überarbeiteter Neuauflage

Von noch größerem Interesse aber dürfte sein, dass das grundlegendste humangenetische Fachbuch, das 2003 erstmals die "kopernikanische Wende" auf dem Gebiet der Humangenetik in Bezug auf das Thema "Völker und Genetik" in breitester Form zur Darstellung gebracht hatte, schon letztes Jahr eine gründlich überarbeitete Neuauflage erfahren hat (3), die angesichts des raschen Fortschritts in der Forschung auch dringend notwendig geworden war. Darauf werden wir hier auf dem Blog noch zurückkommen, heißt es doch schon im Klappentext:
.... The only textbook to integrate genetic, archaeological, and linguistic perspectives on human evolution, and to offer a genomic perspective, reflecting the shift from studies of specific regions of the genome towards comprehensive genomewide analyses of human genetic diversity ...
Dieses Buch vor allem wohl sollte auch Thilo Sarrazin gründlich studieren für seinen kommenden Bestseller auf der Linie von "Deutschland schafft sich ab".
_____________________________________________________
  1. Iosif Lazaridis u.a.: Ancient human genomes suggest three ancestral populations for present-day Europeans. Nature, 18.9.14
  2. Nathaniel Comfort: Under the skin. The enduring trend of misrepresenting race. Nature, 18.9.14, S. 306f
  3. Mark Jobling, Edward Hollox u.a.: Human Evolutionary Genetics. Origins, Peoples and Disease. Taylor & Francis Ltd., 2nd edition, revised, 3. Juli 2013

Donnerstag, 18. September 2014

Die Städte der Indogermanen und ihre Hausmäuse

Eine neue Studie zur genetischen Geschichte der osteuropäisch-asiatischen und der indischen Hausmaus

Seit 2008 verfolgen wir hier auf dem Blog in inzwischen sechs Beiträgen die Forschung zur Herkunft der europäischen Hausmaus-Arten. Es gibt eine westeuropäische (Mus domesticus) und eine osteuropäische (Mus musculus) Hausmaus-Art. Die Art-Grenze zwischen beiden zieht sich auffallender Weise - so wie es der Eiserne Vorhang während des Kalten Krieges tat - von Ostholstein aus nach Süden bis in den Balkanraum und von dort über Anatolien bis in den Kaukasus. Nördlich der Donau und des Kaukasus gibt es die osteuropäische Hausmaus (in Abbildung 1 die blauen Punkte), südlich der Donau und des Kaukasus gibt es die westeuropäische Hausmaus (siehe Abbildung 1 die roten Punkte).

Abb. 1: Die Verbreitung der Hausmaus-Arten in Asien. Nach einer japanische Studie aus dem Jahr 2013 (1) (rote Punkte = westeuropäische, blaue Punkte = osteuropäische, gelbe Punkte = indische Hausmäuse)
In Skandinavien (nicht in der Abbildung 1 verzeichnet!) lebt seit der Wikingerzeit eine Hausmaus-Art, die eine Mischung beider vorgenannter Arten darstellt. Sie entstand, was hier auf dem Blog der Ausgangspunkt war, in Oldenburg in Ostholstein. Und wo sie auftritt - etwa auf der Insel Madeira - ist sie ein Hinweis auf erste wikingerzeitliche Besiedlung.

Die ersten Hausmäuse in Großbritannien traten in der Frühbronzezeit in Südengland auf in der Gegend von Stonehenge, breiteten sich aber - interessanterweise! - über lange Jahrhunderte innerhalb Englands nicht weiter nach Norden aus.

Alle hier auf dem Blog behandelten Daten deuteten bisher darauf hin, dass die Hausmaus um sich auszubreiten eine vergleichsweise große, fast "stadtartige" Bevölkerungsdichte benötigt und überregionalen Handelsaustausch. Verhältnisse jedenfalls, wie sie es in der Wikinger-Zeit gegeben hat, dementsprechend (und inzwischen immer besser bekannt) auch ab dem europäischen Endneolithikum (der Schnurkeramik- und Glockenbecher-Kultur) und der Frühbronzezeit (z.B. Aunjetitzer Kultur mit Stadt-ähnlichen Höhenburgen und überregionalem Handel).

In dem ältesten Beitrag zum Thema hier auf dem Blog ist allerdings gerade nachgetragen worden, dass es auch schon seit vielen Jahrzehnten Hinweise auf Hausmäuse - und sogar Katzen - in Siedlungen der Bandkeramik gibt, dass auch neuere genetische Studien deren Existenz dort annehmen (2012, S. 80), also innerhalb der ersten sesshaften Bauernkultur in Mitteleuropa, die ja zugleich schon die höchste Siedlungsdichte vor dem Frühmittelalter hatte. 

Man könnte es für denkbar halten, dass es nach dem Untergang der Bandkeramik und bis zur Frühbronzezeit in Mitteleuropa keine Hausmäuse mehr gegeben hat aufgrund der geringeren Siedlungsdichte der extensiver Rinderherden-Haltung betreibenden Nachfolgekulturen. Wie sonst soll die genannte noch heute vorhandene markante Artgrenze zwischen west- und osteuropäischer Hausmaus quer durch Europa zustande gekommen sein, die mit dem Verbreitungsgebiet der bandkeramischen Kultur vom Schwarzen Meer bis zur Kanalküste ganz gewiss nicht erklärt werden kann.

Die westeuropäische Hausmaus stammte jedenfalls aus dem Mittelmeerraum, rund um dessen Küsten sie sich mit den ersten bäuerlichen Siedlern ausgebreitet hat. Und sie ist in jenem Fruchtbaren Halbmond - wahrscheinlich in Südanatolien - entstanden, wo auch der größte Teil unserer domestizierten "sonstigen" Haustierarten und -pflanzen herstammt. Man hat die Hausmaus dort überraschenderweise schon in den halb-sesshaften Siedlungen des "Natufiums" gefunden (9.000 v. Ztr.), also schon zu einer Zeit, als dort Getreide noch gar nicht angebaut wurde, sondern nur wilde Getreidearten geerntet und gelagert wurden. Während die Menschen gleichzeitig von Massen-Jagden auf wilde Gazellen-Herden lebten, was zusammen genommen auch eine hohe Bevölkerungsdichte ermöglichte.

Zuletzt hatten wir 2011 hier auf dem Blog auf eine Studie über die osteuropäischen Hausmaus-Knochen und - Zähne hingewiesen, die man in der vorgeschichtlichen bulgarischen Königsstadt Warna am Schwarzen Meer gefunden hat aus der Zeit um 4000 v. Ztr., die also wahrscheinlich von indogermanischen Völkern der Steppe vom Kaspischen Meer aus nach Warna gebracht worden sind und sich von dort aus dann mit den endneolithischen Schnurkeramikern bis hoch an die Ostsee ausgebreitet haben.

Eine neue japanische Studie widerspricht

In den letzten drei Jahren ist die Hausmaus-Forschung kräftig weitergegangen und es ist viel dazu publiziert worden, sogar ganze Bücher nur zu diesem Thema. Und so ist es natürlich spannend, einmal wieder einen Blick in sie hineinzuwerfen. Eine 2013 erschienene japanische Studie (1) (siehe auch Abbildung 1) erweitert ganz besonders das Wissen. Geht sie doch der Herkunft und Verbreitung der osteuropäischen Hausmaus genauer nach als das bisher geschehen ist. Womit sie inhaltlich unmittelbar an unseren letzten Beitrag zum Thema hier auf dem Blog anknüpft. Zugleich verfolgt sie auch die Ausbreitung der indischen Hausmaus nach Südostasien hinein sehr detailliert.

Japanische Genetiker haben schon vor Jahrzehnten über ganz Asien hinweg Blutproben von Hausmäusen gesammelt. Diese konnten für die neue Studie erneut ausgewertet werden mit den verbesserten Gen-Sequenzierungs-Techniken, die in unseren Tagen verfügbar sind.

Die Forscher verschlagworten ihre Studie mit dem reichlich widersprüchlichen Begriff "wild house mouse". Denn sie vertreten die These, dass zwar die indische Hausmaus sich erst mit dem Domestizierung von Hirse und Reis von Nordindien nach Indien und Südostasien ausgebreitet habe. Das Entstehungsgebiet der osteuropäischen Hausmaus lokalisieren sie rund um das Kaspische Meer, was zunächst auch recht plausibel klingt. Allerdings soll diese sich nun von dort aus schon während der Eiszeit vor zehn- bis zwanzigtausend Jahren (!) über die Wüstenoasen der Taklamakan nach China hinein und über ganz Asien bis hoch nach Korea und Japan ausgebreitet haben, ebenso in Richtung Europa. Die Genetiker glauben für diese These mehrere unabhängige Belege anführen zu können, auf die hier nicht im einzelnen eingegangen werden soll. Man darf aber gespannt sein, ob sich diese These, dass die erste Verbreitung der osteuropäischen Hausmaus nicht an größere menschliche Bevölkerungsdichte gebunden gewesen sein soll, halten wird. Denn sie steht konträr zu unserem derzeitigen Wissen über die Verbreitung der westeuropäischen Hausmaus vom Fruchtbaren Halbmond aus bis nach England und Skandinavien und der indischen Hausmaus von Nordindien aus über ganz Südostasien.

Sieht man sich das erstmals von genetischer Seite in dieser Studie gründlicher aufgearbeitete Verbreitungsgebiet der osteuropäischen Hausmaus an (die dunkel- und hellblauen Punkte in der Abbildung 1), dann will einem eine Ausbreitung dieser Hausmaus-Art gemeinsam mit den endneolithischen ersten Städten der indoeuropäischen Kurganvölker am Nordrand des Kaspischen und Schwarzen Meeres bis hoch nach Sibirien und bis nach Warna und bis in das sonstige Osteuropa hinein - so wie diese Stadtentwicklung so verdienstvoll von dem Archäologen Hermann Parzinger überblicksartig in einem ersten Wurf dargestellt worden ist (2) - viel plausibler erscheinen.

Etwas mysteriös scheint sich auch die Frage zu gestalten nach der Geschichte der "Clade F"-Maus, die es heute sowohl in Deutschland gibt, andererseits (siehe Abbildung 1) auch eine so prononcierte, punktuelle weitläufige Verbreitung aufweist, dass sie einerseits in Somalia auftritt und andererseits im tiefsten China, bzw. Nordwestchina. Und zwar jeweils ganz punktuell. Die Orte ihres Auftretens in Nordwestchina - Lanzhou und Xining - werden auf der Handelsroute der Sogder während der Tang-Zeit in China gelegen haben. Ist diese Clade F also womöglich mit den Tocharern direkt von Westeuropa aus nach Innerasien gekommen?

Die Bedeutung der Hausmaus-Forschung sollte deutlicher als bisher ins Bewusstsein der Archäologen treten

Und auf dieser Linie gibt es noch zahlreiche weitere offene Fragen, wenn man sich die Verhältnisse regional vor Ort ansieht. Auch hier wird die Ancient-DNA-Forschung künftig sicherlich viel neues Licht auf die Dinge werfen können. Aber solange die Archäologen gar nicht auf breiterer Linie als bisher wahrnehmen und ihnen bewusst wird, dass die Hausmäuse vielleicht der hervorragendste Indikator für stadtähnliche Bevölkerungsdichten einer archäologischen Kultur und für überregionalen Handel darstellen und sich hierbei eignet womöglich zu einem weltweiten Vergleich - und das scheint in der Tat noch weite Wege zu haben - so lange werden wir bezüglich der genetischen Geschichte der Hausmaus wohl in den nächsten Jahren immer wieder einmal nur so vereinzelte, punktuelle Forschungsergebnisse erhalten wie bisher.

Dabei eignet sich das Thema hervorragend für ein breit angelegtes, internationales, interdisziplinäres Projekt wie sie so gerne von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und anderen gefördert werden. So lange das nicht erkannt ist, werden wir wohl auf ein rundes und abgeschlossenes Bild, in dem sich eine wichtige Etappe in der sozioökonomischen Entwicklung der Kulturen weltweit abspiegeln könnte, noch einige Jahrzehnte mehr als nötig warten müssen.

ResearchBlogging.org
______________________________________________
  1. Suzuki H, Nunome M, Kinoshita G, Aplin KP, Vogel P, Kryukov AP, Jin ML, Han SH, Maryanto I, Tsuchiya K, Ikeda H, Shiroishi T, Yonekawa H, & Moriwaki K (2013). Evolutionary and dispersal history of Eurasian house mice Mus musculus clarified by more extensive geographic sampling of mitochondrial DNA. Heredity, 111 (5), 375-90 PMID: 23820581Heredity (2013) 111, 375–390 (freies pdf) (die wichtigste Abb.)
  2. Parzinger, Hermann: Die frühen Völker Eurasiens. Vom Neolithikum zum Mittelalter. Verlag C.H. Beck, München 2006

Beliebte Posts

Regelmäßige Leser dieses Blogs (Facebook)

Email-Abonnement für diesen Blog

studgen abonnieren
Powered by de.groups.yahoo.com

Registriert unter Wissenschafts-Blogs

bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis

Haftungsausschluß

Urheber- und Kennzeichenrecht

1. Der Autor ist bestrebt, in allen Publikationen die Urheberrechte der verwendeten Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu beachten, von ihm selbst erstellte Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu nutzen oder auf lizenzfreie Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zurückzugreifen.

2. Keine Abmahnung ohne sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen.

Wenn der Inhalt oder die Aufmachung meiner Seiten gegen fremde Rechte Dritter oder gesetzliche Bestimmungen verstößt, so wünschen wir eine entsprechende Nachricht ohne Kostennote. Wir werden die entsprechenden Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte sofort löschen, falls zu Recht beanstandet.