Samstag, 10. August 2019

Die Indogermanen an der Nordgrenze Chinas - Neues über Yuezhi, Xiongnu, Weiße Hunnen und Skythen

Zur Archäogenetik der Dsungarei - und des benachbarten Tarim-Beckens

Die Inhalte dieses Blogartikels 
erläutere ich auch mündlich 
in einem Livestream 
(---> Youtube).

Die Zeit um 200 v. Ztr. wird in der chinesischen Geschichte als die "Zeit der streitenden Reiche" (Wiki) bezeichnet. Diese Zeit war nicht nur eine Blütezeit der chinesischen Kultur, sondern auch der chinesischen Philosophie, ebenso wie es zur gleichen Zeit im Westen, in der hellenischen Kultur eine Blütezeit von Kultur, Wissenschaft und Philosophie gegeben hat. Am Nord- und Westrand dieser Han-chinesischen Kultur lebten damals die halbnomadischen indogermanischen Yuezhi (Wiki) (500 v. Ztr.-200 n. Ztr.). Und scheinbar von Angehörigen dieses Volkes - oder eines ihnen nahe verwandten Volkes - konnten Archäogenetiker zehn Genome sequenzieren und die Ergebnisse vor drei Wochen veröffentlichen (1). Die Yuezhi waren vielleicht auch verwandt mit den etwas späteren Xiongnu (Wiki) (300 v. Ztr. bis 100 n. Ztr.) und von beiden könnten die noch späteren so genannten Weißen Hunnen (400-500 n. Ztr.) (Wiki) abstammen. Sie alle sind in chinesischen Schriftquellen immer wieder erwähnt.

Die neue Studie ist erarbeitet worden von chinesischen Archäogenetikern in Zusammenarbeit mit Johannes Krause (Jena). Zehn Menschen, deren Skelette chinesische Archäologen 2005, 2007 und 2009 in einer Ausgrabung im nordöstlichen Tianshan-Gebirge, am Fundort Shirenzigou, entdeckt haben, sind sequenziert worden. Das Tianshan-Gebirge trennt in dieser Region die Dsungarei (Wiki, engl) vom Tarim-Becken und ihren Oasenstädten der Seidenstraße ab. Die Dsungarei liegt südlich des Altai-Gebirges und in ihr liegt auch die Provinz-Hauptstadt Urumchi, wo es das berühmte Museum mit den Tarim-Mumien gibt. Die heutige Dsungarei ist historisch gesehen eigentlich nur die Ost-Dsungarei, zu der früher die heutige kasachische West-Dsungarei gehörte, auch Siebenstromland (Wiki) genannt. Der Fundort Shirenzigou (1)
liegt auf einer waldfreien Ebene im Tianshan-Gebirge, in einer Region, die die meiste Zeit des Jahres mit Schnee und Eis bedeckt ist (außer im Juni, Juli und August), und die in diesem Fall nicht geeignet ist für menschliches Leben. Die Ausgrabungen erbrachten große Mengen von Pferde-, Ziegen- und Rinder-Knochen, die zeigten, daß die Menschen von Shirenzigou ein eher nomadisches Leben lebten. Es wird angenommen, daß der Fundort aus einer umfangreichen Siedlung bestand, die von Herdenhaltern nur in kurzen Zeiten des Jahres aufgesucht wurden.
Original: It lies in the platform of the forest-free region of the Tianshan mountains, a region that was covered with snow and ice for the most time of the year (except for June, July and August), and in this case the region was not suitable for human habitation. The excavations of a large amount of horse, goat and bull bones showed that Shirenzigou people lived a more nomadic way of life and the site was believed to be a large-scale settlement used seasonally by pastoralists.

Über die vermutlich eher weitläufigen indogermanischen Verwandten der Tarim-Mumien am hier erforschten Fundort Shirenzigou heißt es nun (1):
Der genetische Herkunftsanteil, der sich deckt mit Menschen der Yamnaya-Kultur von Samara (an der Wolga) oder mit Menschen der Afanasievo-Kultur (in Sibirien) beträgt bei den Menschen von Shirenzigou zwischen 20 und 80 %.
Original: The Yamnaya_Samara or Afanasievo-related ancestry ranges from 20% to 80% in different Shirenzigou individuals.
Dies ist der indogermanische Herkunftsanteil. Aber über diesen heißt es weiter (1):
Die Menschen von Shirenzigou besaßen nicht jenen grünen Herkunftsanteil, der (in anderen Völkern) von den anatolisch- und europäisch-frühneolithischen Bauern stammt.
Original: Shirenzigou samples lack the green component that is enriched in Anatolian and European farmers when compared to the above present-day groups.
Was für eine spannende Erkenntnis. Und weiter heißt es:
Der asiatische Herkunftsanteil bei den Menschen von Shirenzigou sieht mehr nach dem nördlicher asiatischer Völker aus wie den Daur und den Hezhen als wie dem südlicher asiatischer Völker, denn sie haben jenen pinken Herkunftsanteil nicht, der sich bei südlichen Asiaten findet.
Original: The East Eurasian component in Shirenzigou looks more related to northern Asians such as Daur and Hezhen than to southern Asians as they do not have the pink component that is enriched in southern Asians.
Die Daur (Wiki) sind ein mongolisches Volk der Inneren Mongolei. Die Hezhen (Wiki) leben im Gebiet des Flusses Amur, sprechen eine tungusische Sprache. Bei ihnen gibt es noch Schamanen.

Abb. 1: Die Menschen von Shirenzigou weisen nicht den grünen anatolisch-neolithischen Herkunftsanteil der späteren (westlichen) indogermanischen Völker auf. Damit sind sie Nachkommen der frühesten Indogermanen (Samara, Karagash, Afanasievo, Poltovka), nicht der etwas späteren Indogermanen, die den anatolisch-neolitschen Herkunftsanteil aufweisen (Sintashta, Srubnaya, Andronovo). SHG=Skandinavische Jäger-Sammler, EHG=Osteuropäische Jäger-Sammler (aus: 1)

Zusammen mit der Grafik in Abbildung 1 können wir also feststellen: Die Menschen von Shirenzigou weisen nicht den grünen anatolisch-neolithischen Herkunftsanteil der späteren (westlichen) indogermanischen Völker auf. Damit sind sie Nachkommen der frühesten Indogermanen (Samara, Karagash, Afanasievo, Poltovka), und nicht der etwas späteren Indogermanen, die den anatolisch-neolitschen Herkunftsanteil seither aufgewiesen haben (Sintashta, Srubnaya, Andronovo).

Und bis 200 v. Ztr. haben sich die ursprünglichen Indogermanen im nordöstlichen Tianschan-Gebirge also noch nicht besonders stark mit Han-Chinesen vermischt, sondern vor allem mit Völkern aus der Mongolei. Vermutlich haben die Menschen von Shirenzigou also etwas zu tun mit den in den antiken Schriftquellen benannten .

Abb. 2: Die Chinesen, Koreaner und Japaner weisen zwei Herkunftsanteile auf: Atyal (blau) und Vorfahren der Ultschen (Ulchi, braun) (aus: 1)

Während man also bislang von einem Replacement der frühen indogermanischen Völker in Sibirien wußte durch spätere (westliche) indogermanische Völker, entdecken wir hier um 200 v. Ztr. noch Nachkommen der frühesten indogermanischen Zuwanderung nach Asien ab 3.500 v. Ztr. in Form der Afanasievo-Kultur (Wiki). Das Replacement war also doch nicht so vollständig wie man bislang angenommen hat.

Die zwei großen Herkunftsgruppen der Ostasiaten


Übrigens lernen wir hier - wie nebenbei - auch neues zur genetischen Geschichte Ostaisens hinzu, die ja vergleichend mitbetrachtet werden muß, um feststellen zu können, woher der asiatische Herkunftsanteil der Menschen von  Shirenzigou stammt (Abb. 2). Den braunen Herkunftsanteil haben Chinesen, Koreaner und Japaner gemeinsam mit einem Volk, das am Amurfluß nördlich von Nordkorea in Sibirien seit zehntausend Jahren als Fischervolk lebt, nämlich mit den Ultschen ("Ulchi"), die wir hier auf dem Blog schon mehrmals behandelt haben (7).  Der dunkelblaue Herkunftsanteil ist heute noch am unverfälschtesten repräsentiert durch die Atyal (Wiki, engl), Ureinwohner, die im gebirgigen nördlichen Innern Taiwans leben und das Fischervolk der Ami (Wiki, engl), austronesische Ureinwohner im Südosten Taiwans.

Wie man sieht, sind sie eng verwandt mit südchinesischen Völkern wie den Thai, den Dai und den Kinh und haben ihren - grob gesprochen - "südasiatischen" Herkunftsanteil vermutlich nur deshalb so "unverfälscht" und einheitlich erhalten, weil sie auf der abgelegenen Insel Taiwan leben. Von diesen beiden ursprünglichen Herkunftsgruppen stammen heute also alle Chinesen, Koreaner und Japaner ab wie man der Grafik (Abb. 2) entnehmen kann. Wahrscheinlich haben sich die beiden ursprünglicheren asiatischen Herkunftsgruppen - die nördliche und die südliche - miteinander vermischt in der Zeit als die Völker zum Ackerbau übergegangen sind, also etwa beginnend vor 8.000 Jahren. Ähnliches ist ja auch für Europa zu beschreiben.

Abb. 3: Die anatolisch-neolithischen Völker in Anatolien (Anatolia_N), in Mitteleuropa (Bandkeramiker=LBK_EN), in Spanien, sowie ihr Herkunftsanteil bei den indogermanischen Schnurkeramikern (Corded Ware), sowie bei den Armeniern. Der größere gelbe Herkunftsanteil stammt von den westeuropäischen Jäger-Sammlern (s. Abb. 1) (aus: 1)

Das Muster der genetischen Herkunftsanteile der Menschen von Shirenzigou deutet auf ein Vermischungs-Ereignis hin, das um 200 v. Ztr. noch gar nicht so lange her war. Die Menschen von Shirenzigou scheinen also das Ergebnis einer Ethnogenese eines Volkes wie dem der Weißen Hunnen ganz gut zu repräsentieren. Die Wissenschaftler halten für möglich (1) ...
... ein kürzliches Vermischungs-Ereignis zwischen Gruppen mit Yamnaya-Herkunft und ostasiatischer Herkunft.
Original: ... a recent admixture event between groups with Yamnaya-related ancestry and East Asian ancestry.
Weiter schreiben sie (1):
Von der sonstigen Archäologie her zeigt die der Fundplatz Shirenzigou die typischen Charakteristika der agro-pastoralen Yanbulake-Kultur des bronzezeitlichen Hami-Tales, das sich im südlichen Bogen des östlichen Tianshan-Gebirges befindet. Die Tier-Motive wie Hirsch-geformte Greife an dem Fundplatz spiegeln Einflüsse der Pazyryk-Kutur der Altai-Region wieder.
Original: The existing archaeological evidences suggest that the Shirenzigou site shows typical characteristics of the agro-pastoral Yanbulake Culture from the Bronze-Age Hami Basin located in the southern slope of the East Tianshan Mountains. The animal motifs such as the deer-shaped Griffin in the site also reflects the influences from the Pazyryk Culture from the Altai region.
Hirsch-Greif-Mischwesen sind ein Erkennungsmerkmal der Pazyryk-Kultur (Wiki). Diese stellt eine späte Variante der großen skythischen Völkergruppe dar, vermutlich eine solche, die ebenfalls durch Vermischung mit mongolischen Völkern entstanden ist. Allerdings könnte skythische-indogermanische Herkunft die anatolisch-neolithische Herkunftskomponente der (westlichen) Indogermanen aufweisen und das könnte ein Hinweis sein, daß es von dieser Kultur nur kuturelle, keine genetischen Einflüsse in Richtung der Menschen von Shirenzigou gegeben hat (so die vorläufige Vermutung des Bloginhabers).

Abb. 4: Archäologische Funde und Befunde, sowie Wandmalereien vom Fundort Shirenzigou (aus: 1)
 
Gläser der hier genannten Yanbulaq-Kultur (Wiki) sind nach chemischen Analysen aus China importiert worden. Die Wissenschaftler schreiben (1):
Die Menschen von Shirenzigou weisen auch eine Han-chinesische Herkunftskomponente auf, die in diese Region gelangt sein könnte durch bäuerliche Bevölkerungen in Regionen der Umgegend wie Gansu und Quinghai, die ebenso zu den heutigen Han-Chinesen beitrugen.
Original: The Shirenzigou samples also harbor a Han Chinese-related component, which may be introduced into this region by the farming populations from surrounding regions, such as Gansu and Qinghai, who also contributed to present-day Han Chinese.
Der indogermanische Anteil der Menschen von Shirenzigou dürfte also ursprünglich in Zusammenhang gestanden haben mit der ersten indogermanische archäologischen Kultur Asiens, der Afanasievo-Kultur. Über die Archäologie von Shirenzigou heißt es in der Studie (1):
The site was first excavated by a joint team consisted of the Hami Bureau of Cultural Heritage, Barkol County’s Cultural Relics Administration and the School of Cultural Heritage of North-west University between 2005 and 2007, and subsequently by the same team in 2009. (...)
From the late Bronze Age onward, the pottery and the funeral rituals of Barkol Steppe in the east Tianshan mountain region showed characteristics that were more typical of the oasis-based agricultural Yanbulake Culture of the Hami Basin. The Shirenzigou site also resembles the Pazyryk Culture, an early Iron Age culture from the Altai mountain. For example, horse sacrifice and animal motifs - golden plaques of tiger and rams - excavated from the Shirenzigou site were also popular among the Pazyryk people. Moreover, a bronze cauldron found in dwelling F2 may also indicate additional influences from the Han Chinese. In all, the current archaeological evidence shows that Shirenzigou people have a close relationship with populations of the Altai mountain as well as that of the Han Chinese. (...)
Nine individuals were from the burial tombs and the other one individual was from the dwelling. Five dated samples from this study (...) were dated around 200 BCE, corresponding to the Warring State Period or the Western Han Dynasty of the Chinese chronology.
___________________________________________
  1. Ning et al., Ancient Genomes Reveal Yamnaya-Related Ancestry and a Potential Source of Indo-European Speakersin Iron Age Tianshan, Current Biology (2019), https://doi.org/10.1016/j.cub.201 9.06.044
  2. Feng, Q., Lu, Y., Ni, X., Yuan, K., Yang, Y., Yang, X., ... & Lu, D. (2017). Genetic history of Xinjiang’s Uyghurs suggests Bronze Age multiple-way contacts in Eurasia. Molecular biology and evolution, 34(10), 2572-2582. doi: 10.1093/nar/gkx1032
  3. Genetic History of Xinjiang’s Uyghurs Suggests Bronze Age Multiple-Way Contacts in Eurasia, 2018, https://youtu.be/PUJetznRAV0
  4. Beautiful Xinjiang - with brief history of Uyghurs in Xinjiang, 2009, https://youtu.be/FgRU9gYNjzA
  5. Stephen Chen: Chinese engineers plan 1,000km tunnel to make Xinjiang desert bloom. South China Morning Post, 29 Oct, 2017, https://www.scmp.com/news /china/society/ article/2116750/chinese-engineers-plan-1000km-tunnel-make-xinjiang-desert-bloom
  6. Carr, Mariel:  The Mummy That Wasn’t There  What happens when a museum is forbidden to exhibit the star of its show?, 2.6.2016, https://www.sciencehistory.org/ distillations/ magazine/the-mummy-that-wasnt-there 
  7. Bading, Ingo: 8.000 Jahre lange genetische Kontinuität eines Fischervolkes in Ostsibirien, 5.2.2017, https://studgendeutsch.blogspot .com/2017/02/ 8000-jahre-lange-genetische-kontinuitat.html 
  8. Iron Age Indo-European Ancient DNA Found East Of Tarim Basin, July 26, 2019, http://dispatchesfromturtleisland. blogspot.com/2019/07/ iron-age-indo-european-ancient-dna.html
  9. Davidski: They mixed up Huns with Tocharians, July 28, 2019, http://eurogenes.blogspot.com /2019/07/they-mixed-up-tocharians-with-huns.html
  10. Quiles, Carlos: Iron Age Tocharians of Yamnaya ancestry from Afanasevo show hg. R1b-M269 and Q1a1, 25.7.2019, https://indo-european.eu/2019/07/iron-age-tocharians-of-yamna-ancestry-from-afanasievo-and-hg-r1b-m269-and-q1a1/
  11. Günther, Hans F. K.: Die nordische Rasse bei den Indogermanen Asiens. Zugleich ein Beitrag zu Frage nach Urheimat und Herkunft der Indogermanen. J. F. Lehmann, München 1934; [Nachdr.] mit Ergänzung von Jürgen Spanuth. Verlag Hohe Warte, Pähl 1982

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