Sonntag, 14. Dezember 2014

Wie kam das Ursprungsvolk der Bantu-Völker zum Ackerbau?

Historische Erläuterungen und Ergänzungen zum vorigen Blogartikel

Abb. 1: Die großen Sprachfamilien in Afrika (Herkunft: Wiki)
Die Geschichte der afrikanischen archäologischen Kulturen, Völker und Sprachen, die schon im letzten Beitrag behandelt wurde, ist eine unglaublich spannende. So findet sich in einer neuen Studie der von uns sehr geschätzten britischen Anthropologin Ruth Mace (1) der Hinweis, dass das Ursprungsgebiet aller Bantu-Sprachen im Tal des Benue-Flusses im östlichen Nigeria liegt:
From their ancestral homeland in the Benue valley in Eastern Nigeria 3,000–5,000 BP, possibly using a grassland corridor that opened up through the Cameroon rainforest, the Bantu undertook one of the great farming expansions of the Neolithic.

Geht man aber nun der Herkunft des Ursprungsvolkes der Bantuvölker nach, wird man erst darauf gestoßen, dass die Bantu-Sprachen ja auch nur eine Untergruppe sind der Niger-Kongo-Sprachen. Aus diesen sind die hervorgegangen. Das hatten wir in unserem letzten Artikel noch gar nicht berücksichtigt.

Die großen Sprachfamilien Afrikas

Über die Niger-Kongo-Sprachen finden sich nun folgende Angaben (Wiki):
Bei der Größe des Niger-Kongo mit 1.400 Sprachen ist es nicht erstaunlich, dass bisher noch keine Protosprache für die gesamte Familie rekonstruiert werden konnte. Es fehlte allein schon die Forschungskapazität, um dieses Projekt durchzuführen. Dieses Faktum wurde – und wird vereinzelt noch – als Argument der Gegner einer genetischen Einheit des Niger-Kongo benutzt.
Der Begriff "genetische Einheit" ist hier rein sprachwissenschaftlich gemeint und hat nichts mit Biologie zu tun. Allerdings breiten sich Sprachen - wie wir derzeit durch die Humangenetik immer genauer lernen - in der Regel gemeinsam mit der Biologie, bzw. gemeinsam mit genetischer Herkunft aus. Insofern ist es sicherlich erlaubt, bei diesem Begriff auch eine biologische Bedeutung mitzuhören. Es heißt nun weiter:
Es stellt sich also die Frage: Ist das Niger-Kongo eine genetische Einheit, so dass die lexikalischen und grammatischen Gemeinsamkeiten auf eine gemeinsame Vorgängersprache zurückgehen, oder ist es nur eine Ansammlung von typologisch ähnlichen Sprachgruppen, die sich durch arealen Kontakt gegenseitig mehr oder weniger stark beeinflusst haben?  Die Antwort fällt seitens der Fachleute der Niger-Kongo-Forschung heute eindeutig aus: die Gemeinsamkeiten in Grammatik und Wortschatz lassen sich nur durch eine genetische Verwandtschaft erklären.
Und in einem nächsten Abschnitt heißt es:
Wegen des riesigen Umfangs des Niger-Kongo wurde bisher keine Protosprache für die Gesamtfamilie rekonstruiert (deren Alter mit mindestens 10.000 Jahren anzusetzen ist), es gibt lediglich Rekonstruktionen für einzelne Untergruppen, am gründlichsten für die Bantusprachen.
Und:
Hinweise auf die Urheimat des Niger-Kongo sind in der Literatur äußerst spärlich. Wahrscheinlich ist aber der Bereich des westlichen Sudan (also das subsaharanische westliche Afrika), in dem die Niger-Kongo-Sprachen auch heute noch ihre größte Vielfalt zeigen. Das weit im Osten davon angesiedelte Kordofanische muss dann auf eine sehr frühe Auswanderung zurückgehen, oder die Urheimat erstreckte sich bis an den Nil, was eher unwahrscheinlich ist. Die Ausbreitung über das ganze zentrale, östliche und südliche Afrika erfolgte nahezu ausschließlich durch die Sprecher der Bantusprachen.
Westlicher Sudan? Nach längerem Recherchieren wird einem klar, dass sich in der Verbreitung der großen Sprachfamilien in Afrika (Abb. 1) auch schon eine Chronologie der Verbreitung des Ackerbaus in Afrika widerspiegeln wird. Sprich vom Entstehungsgebiet des Ackerbaus in der heutigen Südtürkei und im Levanteraum (um 10.000 v. Ztr.) wird er sich gemeinsam mit der afroasiatischen Sprachgruppe, deren Urheimat in der östlichen Sahara liegen soll (Wiki), also im heutigen Ägypten, etwa ab 6.500 v. Ztr. über Nordafrika ausgebreitet haben. Also etwa etwas früher, bzw. zeitgleich zur Ausbreitung des Ackerbaus in Europa. Wobei neben dem Ägyptischen die Berbersprachen eine Hauptrolle spielten, die früher noch eine größere Verbreitung in Nordafrika hatten als heute. Ebenso werden dann die Völker der kuschitischen, omotischen und Tschad-Sprachen im nördlichen Ostafrika entstanden sein jeweils gemeinsam mit der Annahme und Verbreitung des Ackerbaus, bzw. der Rindviehhaltung und seßhafter Lebensweise. Die semitischen Sprachen dieser Sprachgruppe (vor allem Arabisch) breiteten sich ja weltgeschichtlich gesehen erst sehr viel später nach Afrika aus (mit dem Islam). Noch weitere Einzelheiten nennt das englischsprachige Wiki ("History of Africa"):
A wet climatic phase in Africa turned the Ethiopian Highlands into a mountain forest. Omotic speakers domesticated enset around 6500–5500 BCE. Around 7000 BCE, the settlers of the Ethiopian highlands domesticated donkeys, and by 4000 BCE domesticated donkeys had spread to southwest Asia. Cushitic speakers, partially turning away from cattle herding, domesticated teff and finger millet between 5500 and 3500 BCE. In the steppes and savannahs of the Sahara and Sahel, the Nilo-Saharan speakers and Mandé peoples started to collect and domesticate wild millet, African rice and sorghum between 8000 and 6000 BCE. Later, gourds, watermelons, castor beans, and cotton were also collected and domesticated. The people started capturing wild cattle and holding them in circular thorn hedges, resulting in domestication. They also started making pottery and built stone settlements (look up Tichitt- Oualata). Fishing, using bone tipped harpoons, became a major activity in the numerous streams and lakes formed from the increased rains. In West Africa, the wet phase ushered in expanding rainforest and wooded savannah from Senegal to Cameroon. Between 9000 and 5000 BCE, Niger–Congo speakers domesticated the oil palm and raffia palm. Two seed plants, black-eyed peas and voandzeia (African groundnuts) were domesticated, followed by okra and kola nuts. Since most of the plants grew in the forest, the Niger–Congo speakers invented polished stone axes for clearing forest.
Feste Siedlungen in der Nubischen Wüste (7.000 bis 4.000 v. Ztr.)

Der reiche archäologische Fundort Nabta Playa in der Nubischen Wüste gibt aus der Zeit ab 6.500 v. Ztr. Hinweise, wie man sich die Ausbreitung des Ackerbaus in Afrika vorstellen kann (Wiki):
Seit dem 7. Jahrtausend finden sich große Ansiedlungen mit hohem Organisationsgrad. Im Nabta-Playa ist seit etwa 6000 v. Chr. auch Keramik nachgewiesen. Diese mit komplexen farbigen Mustern verzierte Keramik ähnelt Keramikstilen im Niltal bei Khartum. Die archäologischen Befunde deuten darauf hin, dass der gesellschaftliche Organisationsgrad höher war als in den Siedlungen im Niltal. (...) Im Nabta-Playa befindet sich nahe einem ausgetrockneten See mit das älteste archäoastronomische Monument. Etwa zeitgleich mit der Kreisgrabenanlage von Goseck, jedoch 1000 Jahre älter als Stonehenge, errichteten die Bewohner eine Megalith-Anlage für Kalenderzwecke zur Bestimmung der Sommersonnenwende.
Abb. 2: Astronomische Anlage in Nabta Playa in der Nubischen Wüste (um 5.000 v. Ztr.) (Wiki)
Das englischsprachige Wiki ist dazu noch genauer. Wenn man die Ergebnisse der Humangenetik unseres letzten Blogartikels berücksichtigt, wird man sagen müssen, dass die Entstehung des Ackerbaus in dieser Region nicht nur durch kulturelle Anregungen erfolgte, die die einheimische Bevölkerung, die vermutlich "negroid" war, wie es heißt, übernommen hat, sondern auch durch Wanderungsbewegungen von Menschen aus dem Norden. In ganz ähnlicher Weise ist ja auch der früheste Ackerbau in Europa verbreitet worden, diesmal durch Völker, die sich vom Balkanraum aus Richtung Mitteleuropa ausbreiteten.

Auch die Sprachenkarte Afrikas (Abb. 1) selbst scheint ja schon im Groben nahezulegen, dass sich der Ackerbau in Afrika nicht vor allem über die Meeresküsten, sondern über das Festland - und vor allem vermittelt über die Nilregion - nach Süden ausbreitete. Und hierbei wird also die nilosaharanische Sprachgruppe (Wiki), der auch der Fundort Nabta Playa zugesprochen wird, die Hauptrolle gespielt haben. Der Regenwald bildete dabei zunächst eine Grenze nach Süden. Diesen durchschritten die Vorfahren der Bantu-Völker schließlich, wie Ruth Mace erwähnte.

Für dieses grobe Bild bleibt - wie vielleicht deutlich geworden ist - noch viel Platz für weitere Einzelheiten, die zu erforschen sind oder aus der Literatur heraus nachzutragen wären.
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  1. Mace, Ruth u.a.: Phylogenetic reconstruction of Bantu kinship challenges Main Sequence Theory of human social evolution. PNAS, December 9, 2014, vol. 111, no. 49

Montag, 8. Dezember 2014

Buschleute waren einst die größte Bevölkerungsgruppe weltweit

Spannende neue Erkenntnisse aus der Erforschung der Genome der Afrikaner

Die folgende Abbildung ist eine tolle Grafik, die einige der wesentlichsten Ergebnisse einer neuen Studie in "Nature" über die Erforschung des Genoms der Afrikaner und der Geschichte derselben in den letzten 12.000 Jahren zusammenfasst (Abb. 1) (die Studie ist frei zugänglich).

Abb. 1: Datierung und Anteil der Eimischung von außerafrikanischen und Buschleute-Genen in das typische Genom der Schwarzafrikaner
Sie zeigt den Anteil der Einmischung von außerafrikanischen und Buschleute-Genen in das typische Genom der schwarzafrikanischen Bevölkerung südlich der Sahara (orange gefärbt = "SSA ancestry" = Sub-Saharan Africa ancestry). Diese Bevölkerung wird auch als die Gruppe der traditionell Ackerbau und Rindviehzucht betreibenden Bantuvölker angesprochen. Aber es wird nicht nur der Anteil gekennzeichnet, sondern auch auch die jeweilige zeitliche Datierung der Einmischung.

Vieles davon deutete sich schon in früheren Studien an. Aber hier hat man es nun einmal zusammengefaßt und komprimiert auf einen Blick und auf neuestem Stand.

6.500 v. Ztr. - Ethnogenese der Bantu-Völker angestoßen durch Neolithisierung des Mittelmeerraumes?

Nach dieser Studie, bzw. der genannten Grafik gab es zwischen 8.500 und 5.500 v. Ztr. eine geringe Einmischung der Gene von frühen "Eurasiern", also sicherlich Menschen grob gesprochen aus dem Mittelmeerraum, dem fruchtbaren Halbmond und von deren Randgebieten (s. Abb 1 linke Grafik "Eurasian ancestry"). Es erscheint nicht unwahrscheinlich, dass dies in einem näheren oder ferneren Zusammenhang steht mit der gleichzeitigen Neolithisierung des gesamten Mittelmeerraumes ab 6.500 v. Ztr.. Es könnte sich hierbei also um frühe neolithische, ackerbautreibende Völker von den Mittelmeerküsten Nordafrikas gehandelt haben, die überhaupt erst den Bantu-Völkern die Anregung gegeben haben, zum Ackerbau überzugehen, und die damit womöglich die Ethnogenese der Bantu-Völker erst initiierten.

Es wäre sicherlich interessant zu wissen, ob sich diese über Land oder über die Meeresküsten nach Westafrika ausgebreitet haben. Hier auf dem Blog ist schon auf Indizien darauf hingewiesen worden, dass die Schiffahrt auf dem Mittelmeer ab 6.500 v. Ztr. weitere Strecken überwinden konnte (direkter Seeweg von Nordafrika nach Südfrankreich, nachgewiesen anhand bestimmter Pflanzen). Deshalb könnte man es für plausibel erachten, dass sich diese Kulturen auch bis Westafrika entlang der Küsten ausgebreitet haben.

Zwischen 9.100 und 4.500 v. Ztr., also etwa zeitgleich gab es bei der Ethnogenese der Bantu-Völker in Westafrika eine geringe Eimischung der Gene von Buschleuten (Abb. 1, rechte Seite: "HG ancestry" = Hunter-Gatherer-ancestry), die also damals womöglich noch bis Westafrika ausgebreitet lebten und erst danach von der schnell wachsenden Demographie der seßhaften Bantu-Völker über ganz Afrika südlich der Sahara hinweg in Restgebiete verdrängt worden sind. Darüber heißt es in der Studie (mit Bezügen zu entsprechenden vorausgehenden archäologischen Studien):
Given limited archaeological and linguistic evidence for the presence of Khoe-San populations in West Africa, this extant HG admixture might represent ancient populations, consistent with the presence of mass HG graves from the early Holocene period comprising skeletons with distinct morphological features, and with evidence of HG rock art dating to this period in the western Sahara.
Zur Vermischung mit Buschleuten kam es bei der Ausbreitung der Bantu-Völker in den nachfolgenden Jahrtausenden immer wieder, ihr genetischer Anteil in den Bantu-Bevölkerungen ist im Süden Afrikas heute noch höher als im Norden (s. Abb. 1 rechte Grafik). - Vielleicht war er früher im Norden auch noch höher und ist über den langen Zeitraum "herausselektiert" worden?

Ab 4.500 v. Ztr. - Genetische Einflußnahmen nördlicher Ackerbau- und Hochkulturen auf die Bantu-Völker

Auch spätere Eimischung von Genen vermutlich nordafrikanischer, mediterraner Ackerbauern-Kulturen (mit Rinderhaltung), bzw. der Ägypter, sowie von Genen des Vorderen Orients lassen sich in den Bantu-Völkern nachweisen (Abb. 1 linke Grafik). Unter anderem aus der Zeit, als die ägyptischen Hochkultur am Oberlauf des Nils vordrang (1.900 v. Ztr. bis 400 v. Ztr.) und als etwa zeitgleich Hochkulturen der arabischen Halbinsel auf den afrikanischen Kontinent übergriffen (1.800 v. Ztr. bis 600 v Ztr.), sowie als sich die Expansion der Araber, bzw. des Islam vollzog (300 bis 900 bzw. 1250 n. Ztr.).

Einen Tag nach der Veröffentlichung dieser Studie wurde im parallelen Wissenschaftsmagazin "Science" aufmerksam gemacht auf eine mindestens ebenso spannende Studie zur genetischen Geschichte der Buschleute, veröffentlicht in "Nature Communications" (2, 3). Die Buschleute stehen ja genetisch, geographisch und sprachlich am dichtesten an der Wurzel des Völker-Stammbaums von uns Menschen heute weltweit. Sie sind sozusagen wahrscheinlich die Hüter unseres ursprünglichsten genetischen, sprachlichen und kulturellen Erbes. Während alle anderen Völker weltweit nach der Menschwerdung vor etwa 200.000 Jahren in Afrika aus sich abwandernden kleinen Bevölkerungsgruppen hervor gingen (also etwa ab 60.000 Jahren vor heute), wobei in Gründerpopulationen viel Drift (neue Zufallsverteilungen von Genen) und Selektion stattfinden konnte (sprich genetische Neuanpassungen an die Verhältnisse vor Ort, sprich: Evolution), stammen die Buschleute heute immer noch von der einstmals grössten Bevölkerungsgruppe weltweit ab (2):
For tens of thousands of years, the Khoisan’s ancestors were members of “the largest population” on the planet, according to a new study. (...) The Khoisan inherited their genetic diversity from a large ancestral population, an idea supported by a single Khoisan genome published in 2012. 
Und weiter:
The team reconstructed population sizes for the ancestors of the Khoisan, as well as for Europeans, Asians, and another African group, the Yoruba. They found that all four groups declined in effective population size (the number of breeding adults) between 120,000 and 30,000 years ago. The non-Khoisan groups’ numbers plunged precipitously - by 30,000 years ago, European and Asian populations had plummeted by 90% from their peak, thanks to population bottlenecks caused by the migration of small groups out of Africa. But the Khoisan population declined by only 26%. (Yoruba populations dropped by 69%).
In der Originalstudie (3) heißt es:
The ancestors of the non-Khoisan groups, including Bantu-speakers and non-Africans, experienced population declines after the split and lost more than half of their genetic diversity.
Und:
The earliest human population split has been known to be between the ancestral Khoisan and the ancestors of the other human populations and was estimated to take place ~110–150 kyr ago. (...) After the earliest split, between the ancestral Khoisan and non-Khoisan populations ~100–150 kyr ago, the ancestral Khoisan population maintained their high genetic diversity, while the effective population size of the non-Khoisan continued to decline for 30~120 kyr ago and lost more than half of its diversity. The ‘Out of Africa’ migration ~40–60 kyr ago (ref. 20) accounts for the observed population split between African and non-African populations, and the subsequent smaller effective population size of non-Africans compared with non-Khoisan Africans.
Die Buschleute wurden in den letzten 2000 Jahren durch die Ausbreitung der Bantuvölker ebenfalls zu einer Art "Flaschenhals-Population", die am Rande des Aussterbens steht. Aber alles deutet darauf hin, dass auch dieser Bevölkerungsrückgang für sich noch nicht so viel Selektion und Evolution ausgelöst hat wie ihn die Vorfahren aller übrigen Völker weltweit während und nach dem Auswandern aus Afrika erfahren haben, bzw. während ihrer Ethnogenese innerhalb der anderen Weltteile später.

Die Buschleute waren einst die größte Bevölkerungsgruppe weltweit 

Dies macht deutlicher vielleicht als jemals zuvor auf eine Erkenntnis aufmerksam, die sich nach und nach immer deutlicher herausschält: Human-Evolution - zusammen mit Intelligenz- und Verhaltens-Evolution, sowie mit der Evolution von vielfältigsten Körpermerkmalen, Verdauungsmerkmalen, Krankheitsneigungen - scheint doch mehr oder weniger still zu stehen, wenn Völker zahlenmäßig groß bleiben und nicht mit neuen Lebens- und Überlebensbedingungen konfrontiert werden oder solche aktiv suchen.

Und daran schließt sich eine weitere Schlußfolgerung an, die einen ziemlich umtreiben könnte: Sollte das - sozusagen - der evolutionäre Sinn der Tatsache sein, dass sich heute weltweit die einheimischen Bevölkerungen auf der Nordhalbkugel in der demographischen Krise befinden? Nachdem sich ihre kulturellen Lebens- und Überlebensbedignungen in den letzten 500 Jahren drastisch verändert haben? Und wie werden die Neuanpassungen aussehen, die geeignet sind, diese demographische Krise zu überstehen und - sozusagen - eine "neue Welt" zu schaffen? Eine neue Welt des Menschen, des zukünftigen? Diese letztgenannte Studie läßt darüber jedenfalls intensiver nachdenken, als jede andere Studie zuvor, da sie so vieles bestätigt und ergänzt, was sich schon zuvor angedeutet hatte!

Friedrich Schiller läßt seinen Marquis Posa in seinem "Don Carlos" zum Beispiel sagen:
                              Das Jahrhundert
Ist meinem Ideal nicht reif. Ich lebe,
Ein Bürger derer, welche kommen werden.
Man könnte noch viele Erwartungen auf eine bessere Zukunft der Menschheit zitieren, wie sie unsere großen Dichter und Denker ausgesprochen haben. Die neuen genetischen Erkenntnisse müssen jedenfalls nicht als im Widerspruch zu solchen Erwartungen stehend interpretiert werden.
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ResearchBlogging.org
  1. Deepti Gurdasani, Stephen Tollman et al.: The African Genome Variation Project shapes medical genetics in Africa. In: Nature (2014) doi:10.1038/nature13997,  Received 15 July 2014, Accepted 23 October 2014 Published online 03 December 2014
  2. Gibbons, Anne: Dwindling African tribe may have been most populous group on planet. In: Science, 4.12.2014 
  3. Kim, H., Ratan, A., Perry, G., Montenegro, A., Miller, W., & Schuster, S. (2014). Khoisan hunter-gatherers have been the largest population throughout most of modern-human demographic history Nature Communications, 5 DOI: 10.1038/ncomms6692

Mittwoch, 26. November 2014

Die Wikinger auf den Azoren-Inseln

Ein neues Mosaiksteinchen aus der Hausmaus-Forschung

Sie liegen in der Mitte des atlantischen Ozeans - die Azoren-Inseln. 1369 Kilometer entfernt vom europäischen Festland im Osten, 2342 Kilometer entfernt von Neufundland in Kanada, dem nächsten Festland in Richtung Westen. Es handelt sich um neun kleine, sturmumbrauste Inseln mit subtropischem Klima. Sie sind vulkanischen Ursprungs so wie ihre nächste Nachbarinsel im Osten Madaira (700 Kilometer vom afrikanischen Festland entfernt) und die Kanarischen Inseln (100 bis 500 Kilometer vom afrikanischen Festland entfernt. Die Azorischen Inseln dienten Jahrhunderte lang als Stützpunkte für Piraten, später für Schiffahrtslinien, dann für Fluglinien und Telefonkabel zwischen Europa und Amerika.

Abb. 1: Wikingerschiff, Nachbau (in Stockholm) (Wiki a, b)
Diese abgelegenen Inseln nun sind - nach neuesten Forschungsergebnissen (1) - von norwegischen Wikingern bereist und wohl auch besiedelt worden (Abb. 1). Das legen genetische Studien an den Hausmäusen von zwei Inseln dieser Inselgruppe nahe (1). Für die dem europäischen Festland 600 Kilometer näher und etwas südlicher gelegene Insel Madeira (die nicht zu den Azoren gerechnet wird) war ein Besuch von dänischen Wikingern schon vor einigen Jahren aufgrund von genetischen Studien an den dortigen Hausmäusen nahegelegt worden. Mit der neuen Studie nun erweitert sich das Netz der bekannten Wikingerfahrten und -Siedlungen um einen bedeutenden geographischen Raum, nämlich um die untere Hälfte des Nordatlantik (Abb. 2 und 3).

Abb. 2: Lage der Azoren-Inseln in der Mitte des atlantischen Ozeans
Hinweise auf noch frühere Besuche und Besiedlungen der Azoren-Inseln hat man allerdings schon seit 200 Jahren. Auf dem deutschen Wikipedia heißt es (Wiki):
Karthagische und cyrenäische Münzen aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., die 1749 auf der Insel Corvo entdeckt worden sein sollen, deuten darauf hin, dass die Azoren eventuell bereits von den Phöniziern besucht wurden. In der Antike gab es Sagen um Inseln im Atlantik; so wird auch eine der Lokalisierungshypothesen zu Atlantis auf die Azoren bezogen (Ignatius Donnelly, 1882).
Nach dem englischen Wikipedia (engl) weisen evtl. auch archäologische Befunde auf den Azoren auf eine menschliche Besiedlung schon in antiken Zeiten hin.

Abb. 3: Siedlungs- und Reisegebiete der Wikinger (Wiki)
Dunkelrot bis Gelb = 8. bis 11. Jhdt.; Grün = nur regelmäßige Besuche;
Die kleinen Punkte in der Mitte des Atlantiks sind die Azoren
Und in der Humangenetik hatte man schon im Jahr 2006 Hinweise auf menschliche genetische Hinterlassenschaften der Wikinger auf den Azoren gefunden: Die Azoren-Inseln weisen die höchste Rate von Homozygoten in ganz Europa auf für ein vor allem nordeuropäisches Gen, das einen gewissen Schutz vor HIV-1 gewährt. Diese genetischen Spuren finden sich sogar bis hinunter zur Insel São Tomé und Príncipe vor der Westküste Afrikas (s. Human Biology 2006). Diese Insel liegt auf dem Breitengrad Zentralafrikas (Kongo, Kamerun usw.) im Golf von Guinea, also von den Kanarischen Inseln noch einmal viele Wochen Schiffsreise entlang der afrikanischen Küste nach Süden!

Abb. 4: Die Insel Santa Maria - Bucht von São Lourenço (Wiki)
In der neuen Hausmaus-Studie zu den Azoren-Inseln heißt es (1):
Among the islands of the Azorean archipelago, Santa Maria and Terceira produced the most unexpected results. (...) The mice on Santa Maria are predominantly clade F, which unlike the other highly represented clades in the Azores (clades B, C and D) has not been found in either Portugal or southern Spain, nor in the neighbouring archipelagos of Madeira and the Canaries. Clade F has a geographical range that matches well with the realm of influence of the Norwegian Vikings (coastal Norway, northern and western Scotland, Ireland, Iceland: Jones et al., 2012). Norwegian Vikings were certainly transporting mice of this clade (based on sequencing of Viking Age mouse specimens from Iceland and Greenland: Jones et al., 2012), and were excellent mariners, and crossed enormous water gaps, so it is not inconceivable that they visited the Azores, leaving mice as evidence of that event, as suggested for Danish Vikings and Madeira (Gündüz et al., 2001; Förster et al., 2009). (...)

The first written document with a reference to the peopling of the Azores dates back to 1439, according to which the Portuguese crown ordered “sheep to be released in the seven Azorean islands in preparation for human settlement” (Crosby, 2004).
Die Hausmäuse norwegischer (bzw. isländischer oder irischer Herkunft) finden sich auf den beiden östlichen Azoren-Inseln Terceira und Santa Maria (s. Abb. 6). In der Studie heißt es auch (1):
Interestingly, based on medieval maps and Scandinavian texts, Kelley (1979) has already speculated that Norwegian Vikings may have found their way to the Azores.
Das bezieht sich auf eine weitere Literaturangabe (2).

Abb. 5: Die Insel Santa Maria - Bucht von São Lourenço (Wiki)
Ein weiteres Mosaiksteinchen also, das die zoologisch-archäologische, genetische und historische Hausmaus-Forschung zur Entwicklung menschlicher Gesellschaften beitragen kann.

Abb. 6: Karte von den Azoren-Inseln (Wiki)
Andere Beispiele haben wir ja schon reichlich hier auf dem Blog behandelt und es werden sicherlich auch künftig noch manche spannende Mosaiksteinchen folgen.

Die Beschäftigung mit solchen Neuerkenntnissen weckt einmal erneut die Sehnsucht, sich mit diesem wilden, ungestümen, eigenwilligen Volk der Wikinger zu beschäftigen, insbesondere mit seiner Dichtung und seiner Sagawelt. In ihnen spiegelt sich ja ein vielfach so ganz anderer, viel urtümlicherer Menschentypus wieder als er heute weithin gelebt wird.

Ergänzung 17.4.17: Interessanterweise weiß offenbar die isländische Sagen-Literatur (3) über Fahrten und Besiedlungen bis hinunter zu den Azoren-Inseln, bis Madeira oder gar bis zur Insel São Tomé und Príncipe auf der Höhe des Kongo nichts zu berichten. Was in ihnen aber berichtet wird, ist dass immer wieder Schiffe sehr weit vom Kurs abgekommen sind auf ihren Fahrten zwischen Norwegen, Irland, Island, Grönland und Vinland, ja, auch verschollen sind.

Abb. 7: Züge, Landnahmen und Siedlungsgebiete der Nordmänner während der Wikingerzeit zwischen 800-1050
Herkunft: Mediatus (Wiki)
Und so ist es ja durchaus auch denkbar, dass es Schiffe bis zu den Azoren verschlagen hat, dass sich die Schiffsbesatzungen dort angesiedelt haben, dass davon aber keine solche Auskunft mehr bis nach Island zurück gekommen ist, die dann in die Sagen-Literatur einfließen konnte.

Wie ordnen sich diese neuen Erkenntnisse ein in die Diskussionen rund um die Echtheit der "Vinland-Karte"?


1957 tauchte die seither berühmte "Vinland-Karte" im Antiquariatshandel in Barcelona auf und ist seither in der Wissenschaft sehr umstritten (Wiki). Sie hat heute einen Versicherungswert von 25 Millionen US-Dollar (Abb. 8). Ihre Echtheit konnte bislang aber weder eindeutig bewiesen, noch eindeutig widerlegt werden. Und es kann sich natürlich die Frage stellen, ob die oben referierten neuen Ergebnisse aus der Hausmaus-Forschung nicht auch als ein Argument dienlich sein könnten im Zusammenhang mit den Diskussionen rund um die Echtheit dieser Vinland-Karte. So wird von Forschern gemutmaßt, dass auf dieser Karte dargestellt sind (4):
In the mid-Atlantic to the west of France and Spain were a group of islands that presumably represent the Azores. 
Aber hier wie sonst scheint die Aufmerksamkeit der bisherigen Forschung ganz auf die weiter westlich eingezeichneten Landstriche fokussiert zu sein und es wird fortgesetzt:
Then, in the North Atlantic, west of Scandinavia, are first Iceland, then Greenland. Most interesting of all, to the west of Greenland, there is drawn a large island that must represent that portion of North America explored by the Vikings, that was known to them as "Vinland." Vinland shows two large inlets, the northern one ending in an inland sea and seeming to represent Hudson Bay, while the southern seems to represent the Gulf of St. Lawrence.
An anderer Stelle (History.ca) wird natürlich auch klar gesehen, dass es sich um
an over-exaggerated representation of the Azores
handeln würde. Aber bei solcher oberflächlichen Durchsicht von Forschungsergebnissen im Internet ist noch nicht zu erkennen, ob und wie intensiv die Wissenschaft sich mit der Darstellung der Inselwelt westlich von Spanien und Afrika auf der Vinland-Karte beschäftigt hat, zumal auch mit der dort angegebenen Beschriftung. Beschriftet sind diese Inseln nämlich, soweit wir erkennen können und auch andere (4) übersetzen mit

  • "Magnae Insulae Beati Brandani Branziliae Dictae" - also: "Große schöne Brendan-Inseln, die Branzilische genannt werden"? 
  • "Desiderate insule" - also: "gesuchte Insel"? und
  • (auf der Höhe von Afrika) "Beate insule fortune" - also: "Glückliche Inseln"?

Diese Bezeichnungen beziehen sich also offensichtlich zunächst einmal auf die sagenhaften, im Mittelalter viel weiter erzählten Sankt-Brendan-Inseln (Wiki), die nach mittelalterlichen Erzählungen der irische Heilige Sankt Brendan im 6. Jahrhundert entdeckt haben soll. Interessanterweise taucht von diesem irisch-christlichen Sagengut - soweit uns bekannt - in der isländischen Sagenwelt sonst nichts auf (- stimmt das?). Aber mit ihnen in Zusammenhang gebracht wurde auch der Begriff der "Glücklichen Inseln" (Wiki). Diese Inseln wurden auf vielen Weltkarten in der Zeit von Christoph Kolumbus eingezeichnet (Wiki). Sie wurden bis ins 19. Jahrhundert hinein ernsthaft gesucht. (Manche vermuten noch heute, dass sich in diesen Sankt-Brendan-Inseln eigentlich eine Entdeckung Amerikas im sechsten Jahrhundert wiederspiegelt [Wiki]. Aber das wäre ein ganz anderes Thema.)

Abb. 8: Die Vinland-Karte
Eine - umstrittene - Weltkarte angeblich des 15. Jahrhunderts,
die angeblich neu gezeichnet wurde nach einem Original aus dem 13. Jahrhundert
Und was hat es mit der Bezeichnung "Branziliae Dictae" ("genannt die Branzilischen") auf sich? Auch dies wird die Bezeichnung einer sagenhaften Phantominsel, nämlich der "Brazilinsel" sein, die in dieser Zeit (seit 1375) ebenfalls auf vielen anderen Karten auftaucht (Wikiengl):
Der Name stammt aus dem Irischen von Uí Breasail („Nachfahren des Breasal“, die Bezeichnung eines Clans im Nordosten Irlands). (...) Die Insel wurde angeblich von keltischen Mönchen im sechsten Jahrhundert entdeckt.
Und nun stellt sich die Frage, wie der Umstand zu bewerten ist, dass die Vinland-Karte in der Region der heutigen Azoren die Brendan- und Brazil-Inseln lokalisiert, die einerseits in der isländischen Sagenwelt sonst vermutlich nicht vorkommen, von denen aber andererseits - sollte es sich tatsächlich um die Azoren oder Madeira handeln, Wikinger norwegischer Herkunft prinzipiell durchaus Kenntnis gehabt haben könnten. Aber gab es dann Anlass, sie - so ein wenig floskelhaft - auf der Karte "Brendan-Inseln", bzw. "Glückliche Inseln", bzw. "Brazilinseln" zu nennen? Dazu hätte den sie entdeckenden Wikingern ja zunächst einmal das irisch-christliche Sagengut bekannt sein müssen, bevor sie sie so bezeichneten? Auf den ersten Blick also muten einem diese Bezeichnungen ein wenig gar zu floskelhaft an und als nicht auf historischen Fahrten-Berichten von Seiten von Wikingern beruhend. Aber zu diesen Fragen könnte sicherlich noch mancherlei Recherche und Literatursichtung betrieben werden.

/ergänzt um den 
Vinland-Karten-Teil 
am 17.4.17/
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  1. Gabriel SI1, Mathias ML, Searle JB: Of mice and the "Age of Discovery" - The complex history of colonization of the Azorean archipelago by the house mouse (Mus musculus) as revealed by mitochondrial DNA variation. J Evol Biol. 2014 Nov 14. doi: 10.1111/jeb.12550
  2. Kelley Jr, J.E. 1979. Non-Mediterranean influences that shaped the Atlantic in the early Portolan charts. Imago Mundi, 31: 18–35
  3. Die Geschichte von Erich dem Roten und Leif dem Glücklichen. Die Saga von den Männern die auf Grönland siedeln und Amerika entdecken. Übertragen von Gustav Wenz. Verlag von Quelle & Meyer, Leipzig o.J. [1935] [Isländer-Geschichten. Hrsg. u. übertragen von Gustav Wenz, I. Reihe, 2. Bd.; zw. 1935 und 1937]
  4. Clark, Robin J. H.; Tow, Kenneth M.: Medieval or Modern? The Vinland-Map. http://www.webexhibits.org/vinland/historical.html, http://www.webexhibits.org/vinland/paleographic.html

Dienstag, 14. Oktober 2014

Zur Evolution des weiblichen Hinterns

Ein Interview für "Radio Fritz" zur Frage:
Warum finden Männer den Po von Frauen attraktiv?

Abb. 1: Venus Kallipygos (Wiki) - Die "Schönhintrige"
Letzte Woche half ich ein wenig, den Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu erfüllen. Ich ließ mich breitschlagen, dem Brandenburger Jugendsender "Radio Fritz" ein "Experten"-Interview zu geben. Zum Glück sind meine Aussagen beim Zusammenschnitt nicht entstellt worden. Meine gezahlten GEZ-Gebühren - oder ein Teil davon - wurden mir allerdings trotzdem nicht erstattet.

Und gestern wurde das Interview dann gesendet. "Radio Fritz" hatte den ganzen Tag thematisch dem weiblichen Hinterteil gewidmet. Dafür wurde der jugendsprachliche (und frühneuzeitliche) Ausdruck "Arsch" benutzt, Titel "Wer Arsch sagt, muß auch Bescheid wissen" (s. Fritz Reportagen, Fritz Interviews, Arschquiz).

Und ich nun wurde interviewt zu der Frage (Audio):
Warum stehen Männer auf Hintern? - Diese Frage beschäftigt die Menschheit schon seit Jahrtausenden. Der Anthropologe Ingo Bading klärt die RadioFritzen am Nachmittag endlich auf.
Immerhin weiß ich jetzt, wie man zum "Experten" wird. Das Thema dieses Tages hat insbesondere RBB-Mitarbeiterin Henrike Möller recherchiert und interviewt. (Wie kam sie auf mich? Etwa weil ich mich einmal 2009 auf den Scienceblogs kommentierender Weise zu dem Blogbeitrag "Sexy Ärsche" von Emmanuel Heitlinger geäußert hatte?) Das Interview mit dem Experten für Musikkultur hat dann einige Inhalte abgedeckt, die auch Thema meines Interviews waren, die aber nicht gesendet worden sind. Deshalb will ich auf dieses zuerst zu sprechen kommen (Audio):
Arsch und Rap - Warum wird vor allem in Rap-Songs immer wieder auf die Schönheit und die Fülle des weiblichen Hinterteils verwiesen? Rap-Journalist Falk Schacht kennt die Antwort.
Und Frank Schacht sagt dann im Interview (Hervorhebung nicht im Original):
Man kann sicherlich sagen, dass die Begeisterung für große Hintern im Hip-Hop deshalb so groß ist, weil Afroamerikaner da einen speziellen Faible für haben. Es ist da zumindest weiter verbreitet, als in den weißeren Musikgenres wie Metal oder Rock, zumindest wird es dort seit Jahrzehnten gepriesen. Es gibt zum Beispiel von 1972 ein Track von  Funkadelic "Loose Booty", da wird sich auch schon auf Ärsche bezogen. Ich glaube, über hundert mal werden da Ärsche in dem Song erwähnt. Und diese Begeisterung hält bis heute an. (...) In den letzten Jahren hat vor allem das Tworken, also der Tanz stark zugenommen. (...) Zirka seit Mitte der Nullerjahre.
(Weitergehendes zu den hier erwähnten Inhalten siehe übrigens: "Loose Booty". "Twerking" ist Tanzen mit Popopwackeln.) An diese Ausführungen anknüpfend, hätten gerne auch noch viele andere Inhalte des Interviews, das ich gegeben habe, gebracht werden können, nämlich über die kontinentalen Unterschiede nicht nur in der durchschnittlichen Gesäßgröße und damit zusammenhängende in der polygamen oder monogamen Lebensweise, sondern auch damit zusammenhängende, naheliegendere Schlußfolgerungen in Bezug auf die Evolution der menschlichen Intelligenz. Mein etwa einstündiges Interview wurde allerdings auf etwa eine Minute zusammen geschnitten. Nun, so nutze ich eben meinen Blog, um jene Interview-Inhalte, die ich zuvor für das Interview recherchiert hatte, bzw. die mir schon vorgegeben worden waren als Anregung, hier noch einmal in Schriftform zusammen zu stellen. Also um dem Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen auch hier gerecht zu werden. :)

"Wer Arsch sagt, muss auch Bescheid wissen."

Der Tag auf "Radio Fritz" war übrigens immer wieder mit schönen Wortspielen untermalt, die sich ja geradezu aufdrängen. So stand er etwa unter dem hübschen Motto: "Wer Arsch sagt, muss auch Bescheid wissen." Weitere Sendebeiträge zum Thema des Tages waren: "Warum sagt man 'Leck mich am Arsch'?" - Interview mit Linguist Simon Meier (Audio), "Ist Po-Grabschen eine sexuelle Belästigung?" - Interview mit Fachanwalt Christian Hieronimi (Audio), "Der Po in der Werbung" - Interview mit Marketingexperting Diana Jaffé (Audio) und - recherchiert und gesprochen von Henrike Möller: eine "Chronologie des Booty-Hypes" (Audio).

Nun denn, worüber sollte Bescheid wissen, wer Arsch sagt? Vorbemerkung: Man muss sich immer bewusst bleiben, dass es sich bei evolutionären Erklärungen der folgenden Art zumeist derzeit immer noch um so genannte "Just so"-Stories handelt. Also oft um recht willkürliche, vielleicht nahe liegende Hypothesen, die aber noch keine abschließende Bestätigung durch die Forschung (etwa in Form von Erkenntnissen zu konkreten genetischen Selektions-Prozessen, die damit verbunden sind) gefunden haben. Das bezieht sich also Ausführungen, die ich als Einstimmung zugesandt erhalten hatte wie:
In der Werbung und in der Popkultur trifft man immer häufiger auf die Zurschaustellung von Hinterteilen. Man hat das Gefühl, Gesäße hätten den Busen aktuell als Sexsymbol verdrängt. (...) Wie haben sich Schönheitsideale verändert? Welche Bedeutung hat das Gesäß für andere Kulturen? (...)
Warum ist der Mann evolutionsbiologisch darauf getrimmt, Interesse am Arsch der Frau zu haben? Hat das etwas mit den archaischen Begattungsriten zu tun? (...)
  • Früher, als wir noch nicht aufrecht gegangen sind, also noch Säugetiere wie die Affen waren, hat man sich von hinten bestiegen. 
  • Vorteil: Mann hat Frau fest im Griff, kann sie kontrollieren und Feinde schneller sehen.
  • Brust war also völlig uninteressant damals. Diese archaische Begattungsweise haben wir noch nicht abgelegt. 
  • Hintern werden bei Affen ja auch immer noch rot, wenn sie Lust auf Fortpflanzung haben. Hintern war für unsere Vorfahren also eine wichtige optische und geruchliche Signalwirkung
  • Viel Fett im Hintern suggeriert außerdem: Frau ist gesund, fruchtbar, kann Kinder ernähren (auch in schwierigen Zeiten)
Gut, das ist ja im Interview dann auch gesagt worden. Was nicht gebracht worden ist, sind folgende meiner Überlegungen zur Evolution des menschlichen Po's:

1. Durch Nacktheit wird der ganze Körper zur erogenen Zone - auch der Po

Dass der anatomisch moderne Mensch heute überhaupt die ihm eigene Anatomie aufweist, hängt sicher sehr viel damit zusammen, dass er sein Fell verloren hat, dass er eben ein "nackter Affe" geworden ist. Eine wesentliche Folge davon war ja, dass der Zärtlichkeit, dem Streicheln und dem Schmusen - über die "soziale Fellpflege" der behaarten Primaten hinaus - eine besondere Bedeutung zukam. Dass dasselbe also eine größere Befriedigung in den emotionalen Belohnungszenten im Gehirn des Menschen auslöst.

Dieser Umstand war in der Humanevolution sicherlich einer der ersten Schritte weg von der bloßen Fixierung auf die primären Geschlechtsorgane, wie sie gut bei Schimpansen und Bonobos beobachtbar sind. Beim Menschen hingegen wird der ganze Körper zur potentiell erogenen (oder zur "nicht spezfischen erogenen") Zone.

Und damit im Zusammenhang wird sich ergeben, dass jugendliche, rundere, wohlgeformtere Körperteile größere Beachtung gefunden haben und finden, größeres Verlangen wecken und größere Befriedigung in den emotionalen Belohnungszentren des Gehirns auslösen, als "hagerere", "abgemagerte" Körperteile wie sie bei vielen Säugetieren sonst anzutreffen sind. All das wird ja ohne Haare viel besser spürbar und weckt deshalb auch viel größeres taktiles Wohlgefallen. Diese Argumentation war aber der Interviewerin wohl nicht eingängig genug und nicht konkret genug auf den Po bezogen. Nun denn.

2. Dicker Po als Folge eines Menschen-spezifischen Fettleibigkeits-Gens 

Das ist ja im Interview erläutert worden und stützt sich auf die Wissenschaftsberichterstattung früherer Jahre, bzw. den entsprechenden Originalartikel (1) (siehe auch Zusammenfassung der jüngeren Forschungen auf der OMIM-Datenbank - "Online Mendelian Inheritance in Man" zu das 825T-Allel). Allerdings wurden meine Interview-Ausschnitte, in denen ich auf die charakteristischen kontinentalen Unterschiede der Verbreitung dieses Fettleibigkeitsgens sprach, und die, wie gesagt, gut zu dem anderen Interview passen, nicht gebracht. Siehe (Uni Essen 1999):
In homozygoter Form findet sich das Gen bei 60 v. H. aller Schwarzafrikaner und amerikanischen Schwarzen, bei 20 v. H. der untersuchten Ostasiaten - Chinesen, Japaner und Koreaner - und bei rund 10 v. H. der Kaukasier.
Eigentlich ist das eine sehr spannende Thematik. Warum ging der Anteil dieses Gens auf der Nordhalbkugel wieder zurück? Und hat das etwas damit zu tun, dass die Eiszeitjäger zwar mit der Venus von Willendorf noch recht dicke Po's zur Darstellung brachten, dass das danach dann aber womöglich im kulturellen Zusammenhang keine so große Rolle mehr gespielt hat wie zuvor (abgesehen von der Rubens-Zeit)? Die Originalstudie wäre es sicherlich wert, dass sie sich darauf noch einmal sehr genau angesehen würde.

3. Zusammenhang von dickem Po und (ursprünglicherer) polygamer Lebensweise?

Meine Argumentation ging dann aber - davon ausgehend - noch weiter. Der anatomische Unterschied zwischen Mann und Frau, Sexualdimorphismus genannt, ist in der Regel im Artenvergleich bei Primaten um so größer, um so polygamer eine Art lebt (2). Er ist zum Beispiel groß bei Gorillas und Orang-Utas, zwei Arten, bei denen jeweils ein Männchen mehrere Weibchen dominiert. Er ist wesentlich geringer bei Schimpansen oder Gibbons, die beide innerhalb größerer Gruppen familienähnliche Untergruppen aufweisen, bzw. sogar monogam leben.

Und der gleiche Zusammenhang deutet sich ja auch in menschlichen Bevölkerungen an. Von Afrika und allgemein von der Südhalbkugel, wo es eine größere Häufigkeit von polygamer Lebensweise gibt als auf der Nordhalbkugel gibt, kann womöglich gesagt werden, dass dort auch der Geschlechtsdimorphismus tendenziell stärker ausgeprägt ist, eben insbesondere erkennbar am oft größeren weiblichen Hintern, besungen noch heute oder heute sogar verstärkt wieder vom afroamerikanisch geprägten Hip Hop. Allerdings gilt dasselbe der Tendenz nach ja auch von dem größeren Penis des Mannes. In Europa und Ostasien ist dieser Geschlechtsdimorphismus weniger stark ausgeprägt, hier ist auch monogame Lebensweise häufiger als auf der Südhalbkugel.

Bei der Feststellung des vorherrschenden Schönheitsideals arbeitet die Forschung häufig mit dem Taille-Hüft-Verhältnis (waist-hip-ratio = WHR). Dazu muss man die Taillen-Größe durch die Hüft-Größe teilen.

In westlichen Ländern bevorzugen Männer ein Taillen-Hüft-Verhältnis bei den Frauen von 0,6 bis 0,7, also etwa von etwa 2:3, die sogenannten "Sanduhr-Figur". So heute auch in Asien. Es gibt aber isolierte Kulturen (Hadza in Afrika etwa, Bevölkerungsgruppen in Ecuador), wo das Ideal bei 0,9 liegt - also kein so deutlicher Unterschied zwischen Taille und Hüfte (3).

In Afrika und unter Afroamerikanern werden nun wohlbeleibtere Frauen mehr bevorzugt als andernorts (3). Auch eine Studie von 2011 stellte deutliche ethnische Unterschiede im Schönheitsideal fest (4):
Our results showed that South African men found attractive the high-WHR black figure with large breasts and the high-WHR white figure with small breasts. By contrast, British Caucasians and British Africans showed a preference for the high-WHR black figure with small breasts and the high-WHR white figure with large breasts.
4. Dicker Po und Intelligenz-Evolution

Zu dem sich daran anknüpfenden Zusammenhang zwischen Intelligenz und großen Po's (bzw. großem Penis) gibt es derzeit allerdings - merkwürdigerweise!?! - offenbar noch zwei sich konträr und diametral gegenüber stehende Forschungsergebnisse.

Der britische Anthropologe Robin Dunbar hat aufgezeigt, dass monogame Lebensweise und durchschnittlich größeres Gehirnvolumen über den gesamten Säuger-Stammbaum miteinander korrelieren: Um so monogamer eine Art lebt, um so größer ist das Gehirnvolumen (wobei die Unterschiede, die allein auf Körpergröße beruhen, herausgerechnet sind) (siehe frühere Beiträge hier auf dem Blog). Und genau diesen Zusammenhang finden wir wiederum beim Menschen: Der durchschnittliche angeborene Intelligenz-Quotient auf der Nordhalbkugel liegt deutlich höher als auf der Südhalbkugel.

Daraus würde sich grob gesagt der Zusammenhang ergeben: Größerer weiblicher Hintern hat etwas mit polygamer Lebensweise zu tun und diese hängt wieder zusammen mit einem ursprünglicheren Zustand der Intelligenz-Evolution des Menschen, der ja auch auf der Südhalbkugel festgestellt wird. (Wobei, wie natürlich zu betonen ist, der Wert eines Menschen als Menschen nicht von der Intelligenz abhängig zu machen ist - sehr oft eher im Gegenteil!)

Der Mensch stammt aus Afrika ("out of africa"). Die schon erwähnten weiblichen Figurinen der europäischen Eiszeitjäger, der ersten anatomisch modernen Menschen in Europa, die ebenfalls häufig ausgeprägte weibliche Gesäße aufzeigen, können deutlich machen, dass auch unsere Vorfahren in Europa einst eine der heutigen afrikanischen Lebensweise und Phase der Intelligenz-Evolution nahe stehende aufgewiesen haben könnten. Dies hätte sich aber in den 10.000 Jahren nach der Eiszeit - vor allem mit der Ausbildung von Agrar- und Dienstleistungsgesellschaften - deutlich geändert.

Also Evolution in Richtung auf höhere Intelligenz wäre dann einher gegangen mit Evolution in Richtung auf weniger große Hintern.

Diese Erkenntnisse und unterstellten Zusammenhänge stehen aber nun in deutlicherem Widerspruch zu neueren Forschungsergebnissen, nach denen Frauen mit größeren Brüsten und Gesäßen durchschnittlich intelligenter sein sollen als Frauen mit weniger großen Brüsten und Gesäßen (Sciences360Chicago TribuneKristie Leong 2007):
According to a study carried out by a Chicago sociologist in 2003, women with big breasts had ten point higher I.Q’s. on average than their less well endowed counterparts.
Das scheint ein ziemlich eindeutiges Ergebnis zu sein. Man darf gespannt sein, wie diese zunächst widersprüchlichen Erkenntnisse miteinander in Einklang zu bringen sein werden. Und natürlich sind mit diesen wenigen Gedankengängen nur einige von vielen Hypothesen formuliert zu der Frage, warum Männer den Po von Frauen attraktiv finden und welche Männer welchen besonders.
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  1. W. Siffert, P. Forster, K. H. Jockel, D. A. Mvere, B. Brinkmann, C. Naber, R. Crookes, P. Heyns Du, J. T. Epplen, J. Fridey, B. I. Freedman, N. Muller, D. Stolke, A. M. Sharma, K. al Moutaery, H. Grosse-Wilde, B. Buerbaum, T. Ehrlich, H. R. Ahmad, B. Horsthemke, E. D. Du Toit, A. Tiilikainen, J. Ge, Y. Wang, and D. Yang. Worldwide ethnic distribution of the G protein beta3 subunit 825T allele and its association with obesity in Caucasian, Chinese, and Black African individuals. J.Am.Soc.Nephrol. 10 (9):1921-1930, 1999
  2. Klemmstein, Wolfgang: Evolution von Sozialstrukturen. Unterrichtsmodell für die Sekundarstufe II. In: Unterricht Biologie, 18. Jg., Folge 200, Dezember 1994, S. 38-46
  3. William D. Lasseka, Steven J.C. Gaulin: Waist-hip ratio and cognitive ability. Is gluteofemoral fat a privileged store of neurodevelopmental resources? Evolution and Human Behavior 29 (2008) 26–34 (freies pdf)
  4. Viren Swami, John Jones, Dorothy Einon, Adrian Furnham: Men's preferences for women's profile waist-to-hip ratio, breast size, and ethnic group in Britain and South Africa. British Journal of Psychology, Volume 100, Issue 2, pages 313–325, May 2009, Article first published online: 18 Mar 2011, DOI: 10.1348/000712608X329525
  5. Miller, Geoffrey F.: How Mate Choice Shaped Human Nature - A Review of Sexual Selection and Human Evolution. In: Charles B. Crawford, Dennis Krebs (eds.): Handbook of Evolutionary Psychology: Ideas, Issues, and Applications. Lawrence Erlbaum Assoc Inc, 1997, S. 87-126, hier S. 112f
  6. Lynn, Richard: An examination of Rushton’s theory of differences in penis length and circumference and r-K life history theory in 113 populations. In: Personality and Individual Differences (2012), doi:10.1016/j.paid.2012.02.016 (freies pdf)
  7. K N Manolopoulos, F Karpe, K N Frayn: Gluteofemoral body fat as a determinant of metabolic health. International Journal of Obesity 34, 949-959 (June 2010) | doi:10.1038/ijo.2009.286 (kein freies pdf)

Freitag, 26. September 2014

Helle Haut und Augen evoluierten in Nordeuropa schon vor dem Ackerbau

Die Gene von neun vorgeschichtlichen europäischen Skeletten sind neu sequenziert und ausgewertet worden

In der "Nature"-Folge vom 18. September findet sich ein neuer Forschungsartikel zur genetischen Geschichte von uns Europäern (1). Die Genetiker haben die erhaltene Gene von neun Skeletten sequenziert: Aus einem männlichen Jäger-Sammler-Skelett aus einer Höhle bei Loschbour in der Luxemburger Gegend aus der Zeit um 6.000 v. Ztr., aus sieben zumeist männlichen Fischer-Jäger-Sammler-Skeletten (vermutlich) der Ertebolle-Kultur in Motala in Schweden um 6.000 v. Ztr. und aus einem weiblichen Skelett der bäuerlichen Linearbandkeramik um 5.000 v. Ztr. aus der Stuttgarter Gegend. In der Auswertung bezieht sich die Studie auch auf die schon zuvor erforschten Gene eines Jäger-Sammler-Skelettes aus La Brana in Spanien etwa derselben Zeitstellung.

Abb. 1: Grafik aus der Studie(1)  - Erläuterung: Onge (Andamanen), Karitiana (brasilianische Ureinwohner), ANE (früheste Nordeurasier), WHG (westeuropäische Jäger-Sammler), EEF (frühe europäische Bauern), MA1 (schwedische Jäger-Sammler) (Nature)
Die Studie hält fest, dass die Fischer, Jäger und Sammler um 6.000 v. Ztr. in Schweden - ebenso wie die mitteleuropäischen Bauern tausend Jahre später - schon jene Gene für helle Haut hatten, wie wir sie auch heute noch in Europa haben - nicht aber die anderen erforschten Skelette.

Die Studie hält außerdem fest, dass die Besitzer der schwedischen Skelette - ebenso wie die Jäger-Sammler in Luxemburg und in Spanien - hellfarbige Augen hatten. Während die Bauern in der Stuttgarter Gegend tausend Jahre später braune Augen hatten. Die Jäger-Sammler in der Luxemburger Gegend hatten dunkle Haare wie die auf sie folgenden Bauern tausend Jahre später. Schon aus diesen wenigen Forschungsergebnissen wird deutlich, welche historische Bevölkerungsvielfalt es im historischen Längs- und Querschnitt allein in Europa in der Humanevolution innerhalb von etwa 2000 Jahren gegeben hat!

Die Forscher weisen auch auf volksspezifische Gene zur Stärke-Verdauung in den von ihnen erforschten Skeletten, bzw. Völkern hin.

Was die Studie nicht ausreichend herausstellt, was aber schon in früheren Studien dargelegt wurde und auch hier auf dem Blog behandelt wurde, ist der Umstand, dass alle hier erforschten Völker - die Mesolithiker Luxemburgs und Schwedens (Ertebolle-Kultur) wie auch die Bandkeramiker - im wesentlichen als ausgestorben angesehen werden müssen. Wenn wir Europäer heute ähnliche Gene wie sie haben, dann aufgrund von Selektions-Ereignissen in Flaschenhals-Populationen während der Ethnogenese der nachfolgenden Völker während und nach dem Aussterben der vorhergehenden und in Vermischung mit diesen. Selektions-Ereignissen, die dazu führten, dass kulturell oder sonstig vorteilhafte Gene ausgestorbener Völker in nachfolgenden Völkern beibehalten wurden, während kulturell oder sonstig unvorteilhafte Gene verloren gingen. (Zum Verständnis der dabei stattfindenden Selektionsprozesse sei an das Konzept der Gen-Kultur-Koevolution erinnert.)

Deshalb scheint uns der Forschungsansatz dieser Studie, den "Anteil" der Gene von Vorgänger-Bevölkerungen in unseren eigenen Genen benennen zu wollen, nicht besonders weiterführend zu sein. Vielmehr wäre doch herauszuarbeiten, was eigentlich das Neue zum Beispiel an der Genetik jener Trichterbecher-Kultur darstellte, von der wir zu nicht geringen Teilen abstammen im Vergleich zu den hier erforschten Völkern und was dann weiterhin die Schnurkeramiker dem noch hinzugefügt haben, die ja, wie schon früher hier auf dem Blog behandelt, einen nicht geringen Einfluss auf unsere heutige Genetik in Europa genommen haben.

Wie die Grafik in Abbildung 1 zeigt, geht es der Studie aber auch darum, die Genetik der späten Mesolithiker und frühen Neolithiker Mittel- und Nordeuropas in Bezug zu setzen zur neu erkannten Genetik der sibirischen Eiszeit-Jäger am Baikalsee ("Ancient north Eurasien"), die schon im vorletzten Beitrag Thema war. Die Gene der letzteren finden sich sowohl bei den südamerikanischen Ureinwohnern wie den Karitiana, wie auch in der Ertebolle-Kultur an der Ostsee, wie auch in uns, nicht aber in Luxemburger Jäger-Sammlern und in den Linearbandkeramikern. Auch trugen die ausgestorbenen Linearbandkeramiker noch Gene der ersten europäischen Eiszeitjäger in sich ("basal Eurasien"), die die Luxemburger Jäger-Sammler nicht in sich trugen. Nun, die Ethnogenese der Bandkeramiker vollzog sich ja auch am Plattensee durch Vermischung einheimischer Jäger-Sammler mit aus dem Balkanraum zugewanderten Bauern.

Aber ich glaube wie gesagt, dass man die in dieser Grafik aufgezeigten Zusammenhänge nicht zu wichtig nehmen sollte, da unser Kenntnisstand was das Aussterben von Völkern und nachfolgende Ethnogenese betrifft, eigentlich schon viel weiter ist.

Abb. 2: Titelblatt von "Nature", 18.9.2014
Dass nun dieser Artikel auf der Titelseite der "Nature"-Ausgabe beworben wird mit dem Wort "Melting Pot" (s. Abb. 2) ist natürlich wieder einmal mehr den ideologischen Vorgaben des Zeitgeistes als den Forschungsergebnissen der Wissenschaft geschuldet. Wie hätten denn diese ganzen in der Studie benannten genetischen Unterschiede zwischen den Völkern entstehen können, wenn es immer nur genetische "Einschmelzungen" und keinerlei geographische und kulturelle genetische Abgrenzungen gegeben hätte (z.B. auch Heiratsgrenzen)? Und was hätten denn letztere bitteschön mit "Melting Pot" zu tun? Die Humanevolution kennt doch allzu offensichtlich immer beide Tendenzen: Kurzzeitige Vermischungen durch vorheriges Aussterben und Neuzuwanderung bei der Ethnogenese einerseits und längerfristigere genetische Bevölkerungs-Stabilität ohne großartige neue Vermischungen andererseits. (Das Volk der Bandkeramiker etwa lebte in Mitteleuropa 800 Jahre lang ungestört und ganz ohne weitere Vermischungen.) All das ist etwa auch gut aufzeigbar an der Ethnogenese der aschkenasischen Juden vor etwa tausend oder fünfzehnhundert Jahren im deutschsprachigen Europa an der Grenze von der Antike zum Mittelalter und seitherige ziemlich strikte rein kulturelle Heiratsgrenzen nicht nur gegenüber den europäischen "Wirtsvölkern", sondern sogar gegenüber dem Ausgangsvolk, den sephardischen Juden.

Die Sarrazin-Debatte geht weiter ....

In der gleichen "Nature"-Ausgabe findet sich übrigens auch eine Rezension zu drei neuen Büchern zum Thema Rassen, Völker und Genetik in der menschlichen Humanevolution und Geschichte (18. September 2014) (2). 

- Einmal wieder ein Blick gefällig, ob sich seit dem Jahr 2000, seit der "Mondlandung" in der modernen Humangenetik und der damit verbundenen vielen Neuerkenntnisse hinsichtlich der evoluierten genetischen (Begabungs-)Unterschiede zwischen Völkern und Rassen etwas geändert hat in der Wissenschafts-Berichterstattung über diese?

Aber nicht doch! Bitte schrauben Sie die Erwartungen nicht zu hoch, lieber Leser. Das bedeutendste besprochene Buch stammt von dem verdienten Leiter der Wissenschaftsredaktion der "New York Times" Nicholas Wade. Wade berichtet schon seit Jahren - spätestens seit seinem hervorragenden und empfehlenswerten Buch "Before the Dawn" - über dieses Thema, vor allem auch immer wieder in seiner Zeitung, der größten Tageszeitung der Welt.

Aber Vorsicht. Mit diesem Thema und seiner "angemessenen" Aufarbeitung in der Wissenschafts-Berichterstattung sind viele Machtinteressen verbunden, gewaltige Machtinteressen. Sich weltweit erstreckende. Denn: Wenn Menschenrassen "real" sind, biologisch zu erforschende Phänomene sind, oh Gott, oh Gott, muss dann nicht unser ganzes Denken über Menschen, Völker und Rassen auf eine neue Grundlage gestellt werden? Stehen dann nicht mehr als hundert Jahre Zeitgeschichte, "making the world safe for democracy" infrage? Rüttelt das nicht an den weltanschaulichen Grundlagen des derzeitigen "Systems", das - zum Beispiel - bedingt, wie jüngst auf unserem Parallelblog ausgeführt, dass Kinderschänder-Ringe in demokratisch gewählten Parlamenten der westlichen Welt Jahrzehnte lang nicht verfolgt werden?

Und dementsprechend: Was für ein Hauen und Stechen einmal erneut nur in dieser kleinen Besprechung in der bedeutendsten Wissenschaftszeitschrift der Welt. Wer menschliche Rasse als biologische Realität ansieht (die sogenannten "Rasse-Realisten"), dem werden hier - das ist, glaube ich neu! - ideologische Scheuklappen unterstellt!!! Wer das nicht tut, der wird als "Ideologie-frei" beschrieben! Dabei war es doch bislang umgekehrt! Einmal eine ganz neue Masche, wie es scheint, eine Masche nur, die dann gar nicht konsequent durchgehalten wird ...

Wie sehr da die Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden, gibt der Rezensent im Grunde genommen selbst zu, wenn er über - - - "Optimisten" (!!!) Sätze schreibt wie die folgenden (3; Hervorheb. n. i. Orig.):
The completion of the draft human­ genome sequence in 2000 led some opti­mists to forecast the end of race (one of them, Craig Venter, wrote the foreword to Yudell’s book), but use of the term in the biomedical literature has actually increased since then. For clinicians, race is a matter of pragma­tism. Although each of us is genetically and epigenetically unique, our ancestry leaves footprints in our genomes. Consequently, clinicians use familiar racial categories such as ‘black’ or ‘Ashkenazi Jewish’ as crude mark­ers of genotypes, in a step towards individual­ized medicine. For them, the reality of race is immaterial; diagnosis and treatment are what count.
Die Biomedizin benutzt zwar ständig die Kategorien Rasse und genetische Herkunft, Abstammung in ihren Untersuchungen, um den Menschen helfen zu können, weil eben menschlichen Gruppen - wie schon oben einmal erneut gesehen - seit vielen hundert, tausend oder zehntausend Jahren nicht mehr miteinander geheiratet haben - aufgrund kultureller und/oder geographischer Entfernung, weshalb sie in diesen hunderten, tausenden und zehntausenden Jahren - jeweils ganz unterschiedlich genetisch evoluiert sind, wodurch die so wertvolle genetische Vielfalt weltweit entstanden ist. Aber trotzdem sind Rasse und Herkunft, so diese Rezension - "immateriell"!!!! Man lasse sich dieses Wort einmal auf der Zunge zergehen! "Immateriell". Gene, die helle oder dunkle Haut hervorrufen, die Erwachsenen-Rohmilchverdauung hervorrufen, die Intelligenz-Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Zwillingspaaren, Geschwistern, Völkern und Rassen hervorrufen, sogar solche, die erst tausend Jahre alt sind (nämlich zum Beispiel die zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden) sind - immateriell. Bravo! Ganz hervorragende Wissenschaftsberichterstattung in der bedeutendsten Wissenschaftszeitschrift der Welt.

Völker und Rassen - Die "immateriellen" genetischen Unterschiede zwischen ihnen

Aber warum erklären wir dann menschliche Rassen und Völker nicht gleich zu "übernatürlichen Akteuren"?! So wie es ja die Okkultgläubigen schon lange gemacht haben. Oder etwa zu Bewohnern von Alpha Centauri!? - Nein, Scherz beiseite: Hier gibt wieder einmal ein (nur "immaterieller"?) "Genosse Stalin" die ideologische Linie vor. Weiter nichts. Ideologie und Streben nach Machterhalt - andere Gründe gibt es nicht für diese leicht durchschaubare Schizophrenie.

Während nun Wade - laut dieser Rezension und wie man es aus vielen seiner Publikationen kennt - über Wissenschaft schreibt, schreiben die beiden anderen besprochenen Autoren über - Wissenschaftsgeschichte! Das macht sich doch hübsch. Einmal erneut werden breit Eugenik und Nationalsozialismus ausgebreitet. Unbedingt notwendig. - Ich betrachte dieses Schwarz-Weiß-Malen allmählich als verbrecherisch. Es ist doch offensichtlich, dass derjenige, der so in Schwarz-Weiß malt wie hier einmal wieder geschehen, eigentlich die heutige Generation von Menschen auf dieser Erde unfähig machen will, sich mit dem Thema der genetischen Völker- und Rassenunterschiede human und differenziert auseinander zu setzen auf der Augenhöhe des Menschlichen unserer Zeit. Er tut so, als gäbe es nur zwei Alternativen: Entweder "Rasse-Realismus" konsequenterweise verbunden mit Völkermord (!) (und - selbstredend - Krieg) ODER die "schöne neue Welt" der bloß "immateriellen" Rassen, dieser bloßen "sozialen Konstrukte", deren Überwindung erforderlich ist, damit die Menschen endlich alle soooo friedlich zusammen leben können, wie sie es ja heute schon weltweit tun - nicht wahr, lieber Leser? Wenn nur nicht ständig diese Ewiggestrigen in die Naturwissenschaft etwas hineininterpretieren wollten, was sich doch so gaaaaaar nicht in ihr findet.

Die Leute sollen auch auf diesem Gebiet für so blöd und entmoralisiert verkauft werden, wie sie auch sonst von unserer Unterhaltungsindustrie für dummblöd und entmoralisiert verkauft werden. Was hier der Tiefstand ist, ist eben der Umstand, dass es sich um eine hoch anerkannte und sonst auch hoch anzuerkennenden Naturwissenschafts-Zeitschrift handelt. Nun gut, in den letzten Worten der Rezension scheint dem dann doch wieder etwas Tribut gezollt worden zu sein, denn schließlich klingen sie dann wohl doch wieder etwas differenzierter (2; Hervorh. n. i. O.):
A full-throated, intellectually rigorous anti-racism must critically assess both biological and cultural evidence about race. It must acknowledge that no work on race science can be free of ideology — and, precisely for that reason, it must not place historical actors before a moral green screen showing an image of contemporary values. Rather, it must set the stage for each scene with meticulous, empathetic historical detail. Such work would allow the scientific study of 'racial superiority' — inherently grounded in subjectivity and bias — to fall on its own sword.
Dem ist nun hinwiederum vollständig zuzustimmen. Denn die heutige Wissenschaft weiß längst, dass jedes Volk und jede Rasse seine eigene "rassische Überlegenheit" aufweist gegenüber allen anderen Rassen und Völkern. Jedes hat in seiner Einzigartigkeit seine eigenen hervorragenden Begabungen, kulturell und/oder genetisch weitergegeben. Keines ist mehr- oder minderwertig. Und jetzt? Geht jetzt die Welt unter, wenn wir uns auf diese Linie einigen? Natürlich nicht.

Das wichtigste Fachbuch erschien letztes Jahr in überarbeiteter Neuauflage

Von noch größerem Interesse aber dürfte sein, dass das grundlegendste humangenetische Fachbuch, das 2003 erstmals die "kopernikanische Wende" auf dem Gebiet der Humangenetik in Bezug auf das Thema "Völker und Genetik" in breitester Form zur Darstellung gebracht hatte, schon letztes Jahr eine gründlich überarbeitete Neuauflage erfahren hat (3), die angesichts des raschen Fortschritts in der Forschung auch dringend notwendig geworden war. Darauf werden wir hier auf dem Blog noch zurückkommen, heißt es doch schon im Klappentext:
.... The only textbook to integrate genetic, archaeological, and linguistic perspectives on human evolution, and to offer a genomic perspective, reflecting the shift from studies of specific regions of the genome towards comprehensive genomewide analyses of human genetic diversity ...
Dieses Buch vor allem wohl sollte auch Thilo Sarrazin gründlich studieren für seinen kommenden Bestseller auf der Linie von "Deutschland schafft sich ab".
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  1. Iosif Lazaridis u.a.: Ancient human genomes suggest three ancestral populations for present-day Europeans. Nature, 18.9.14
  2. Nathaniel Comfort: Under the skin. The enduring trend of misrepresenting race. Nature, 18.9.14, S. 306f
  3. Mark Jobling, Edward Hollox u.a.: Human Evolutionary Genetics. Origins, Peoples and Disease. Taylor & Francis Ltd., 2nd edition, revised, 3. Juli 2013

Donnerstag, 18. September 2014

Die Städte der Indogermanen und ihre Hausmäuse

Eine neue Studie zur genetischen Geschichte der osteuropäisch-asiatischen und der indischen Hausmaus

Seit 2008 verfolgen wir hier auf dem Blog in inzwischen sechs Beiträgen die Forschung zur Herkunft der europäischen Hausmaus-Arten. Es gibt eine westeuropäische (Mus domesticus) und eine osteuropäische (Mus musculus) Hausmaus-Art. Die Art-Grenze zwischen beiden zieht sich auffallender Weise - so wie es der Eiserne Vorhang während des Kalten Krieges tat - von Ostholstein aus nach Süden bis in den Balkanraum und von dort über Anatolien bis in den Kaukasus. Nördlich der Donau und des Kaukasus gibt es die osteuropäische Hausmaus (in Abbildung 1 die blauen Punkte), südlich der Donau und des Kaukasus gibt es die westeuropäische Hausmaus (siehe Abbildung 1 die roten Punkte).

Abb. 1: Die Verbreitung der Hausmaus-Arten in Asien. Nach einer japanische Studie aus dem Jahr 2013 (1) (rote Punkte = westeuropäische, blaue Punkte = osteuropäische, gelbe Punkte = indische Hausmäuse)
In Skandinavien (nicht in der Abbildung 1 verzeichnet!) lebt seit der Wikingerzeit eine Hausmaus-Art, die eine Mischung beider vorgenannter Arten darstellt. Sie entstand, was hier auf dem Blog der Ausgangspunkt war, in Oldenburg in Ostholstein. Und wo sie auftritt - etwa auf der Insel Madeira - ist sie ein Hinweis auf erste wikingerzeitliche Besiedlung.

Die ersten Hausmäuse in Großbritannien traten in der Frühbronzezeit in Südengland auf in der Gegend von Stonehenge, breiteten sich aber - interessanterweise! - über lange Jahrhunderte innerhalb Englands nicht weiter nach Norden aus.

Alle hier auf dem Blog behandelten Daten deuteten bisher darauf hin, dass die Hausmaus um sich auszubreiten eine vergleichsweise große, fast "stadtartige" Bevölkerungsdichte benötigt und überregionalen Handelsaustausch. Verhältnisse jedenfalls, wie sie es in der Wikinger-Zeit gegeben hat, dementsprechend (und inzwischen immer besser bekannt) auch ab dem europäischen Endneolithikum (der Schnurkeramik- und Glockenbecher-Kultur) und der Frühbronzezeit (z.B. Aunjetitzer Kultur mit Stadt-ähnlichen Höhenburgen und überregionalem Handel).

In dem ältesten Beitrag zum Thema hier auf dem Blog ist allerdings gerade nachgetragen worden, dass es auch schon seit vielen Jahrzehnten Hinweise auf Hausmäuse - und sogar Katzen - in Siedlungen der Bandkeramik gibt, dass auch neuere genetische Studien deren Existenz dort annehmen (2012, S. 80), also innerhalb der ersten sesshaften Bauernkultur in Mitteleuropa, die ja zugleich schon die höchste Siedlungsdichte vor dem Frühmittelalter hatte. 

Man könnte es für denkbar halten, dass es nach dem Untergang der Bandkeramik und bis zur Frühbronzezeit in Mitteleuropa keine Hausmäuse mehr gegeben hat aufgrund der geringeren Siedlungsdichte der extensiver Rinderherden-Haltung betreibenden Nachfolgekulturen. Wie sonst soll die genannte noch heute vorhandene markante Artgrenze zwischen west- und osteuropäischer Hausmaus quer durch Europa zustande gekommen sein, die mit dem Verbreitungsgebiet der bandkeramischen Kultur vom Schwarzen Meer bis zur Kanalküste ganz gewiss nicht erklärt werden kann.

Die westeuropäische Hausmaus stammte jedenfalls aus dem Mittelmeerraum, rund um dessen Küsten sie sich mit den ersten bäuerlichen Siedlern ausgebreitet hat. Und sie ist in jenem Fruchtbaren Halbmond - wahrscheinlich in Südanatolien - entstanden, wo auch der größte Teil unserer domestizierten "sonstigen" Haustierarten und -pflanzen herstammt. Man hat die Hausmaus dort überraschenderweise schon in den halb-sesshaften Siedlungen des "Natufiums" gefunden (9.000 v. Ztr.), also schon zu einer Zeit, als dort Getreide noch gar nicht angebaut wurde, sondern nur wilde Getreidearten geerntet und gelagert wurden. Während die Menschen gleichzeitig von Massen-Jagden auf wilde Gazellen-Herden lebten, was zusammen genommen auch eine hohe Bevölkerungsdichte ermöglichte.

Zuletzt hatten wir 2011 hier auf dem Blog auf eine Studie über die osteuropäischen Hausmaus-Knochen und - Zähne hingewiesen, die man in der vorgeschichtlichen bulgarischen Königsstadt Warna am Schwarzen Meer gefunden hat aus der Zeit um 4000 v. Ztr., die also wahrscheinlich von indogermanischen Völkern der Steppe vom Kaspischen Meer aus nach Warna gebracht worden sind und sich von dort aus dann mit den endneolithischen Schnurkeramikern bis hoch an die Ostsee ausgebreitet haben.

Eine neue japanische Studie widerspricht

In den letzten drei Jahren ist die Hausmaus-Forschung kräftig weitergegangen und es ist viel dazu publiziert worden, sogar ganze Bücher nur zu diesem Thema. Und so ist es natürlich spannend, einmal wieder einen Blick in sie hineinzuwerfen. Eine 2013 erschienene japanische Studie (1) (siehe auch Abbildung 1) erweitert ganz besonders das Wissen. Geht sie doch der Herkunft und Verbreitung der osteuropäischen Hausmaus genauer nach als das bisher geschehen ist. Womit sie inhaltlich unmittelbar an unseren letzten Beitrag zum Thema hier auf dem Blog anknüpft. Zugleich verfolgt sie auch die Ausbreitung der indischen Hausmaus nach Südostasien hinein sehr detailliert.

Japanische Genetiker haben schon vor Jahrzehnten über ganz Asien hinweg Blutproben von Hausmäusen gesammelt. Diese konnten für die neue Studie erneut ausgewertet werden mit den verbesserten Gen-Sequenzierungs-Techniken, die in unseren Tagen verfügbar sind.

Die Forscher verschlagworten ihre Studie mit dem reichlich widersprüchlichen Begriff "wild house mouse". Denn sie vertreten die These, dass zwar die indische Hausmaus sich erst mit dem Domestizierung von Hirse und Reis von Nordindien nach Indien und Südostasien ausgebreitet habe. Das Entstehungsgebiet der osteuropäischen Hausmaus lokalisieren sie rund um das Kaspische Meer, was zunächst auch recht plausibel klingt. Allerdings soll diese sich nun von dort aus schon während der Eiszeit vor zehn- bis zwanzigtausend Jahren (!) über die Wüstenoasen der Taklamakan nach China hinein und über ganz Asien bis hoch nach Korea und Japan ausgebreitet haben, ebenso in Richtung Europa. Die Genetiker glauben für diese These mehrere unabhängige Belege anführen zu können, auf die hier nicht im einzelnen eingegangen werden soll. Man darf aber gespannt sein, ob sich diese These, dass die erste Verbreitung der osteuropäischen Hausmaus nicht an größere menschliche Bevölkerungsdichte gebunden gewesen sein soll, halten wird. Denn sie steht konträr zu unserem derzeitigen Wissen über die Verbreitung der westeuropäischen Hausmaus vom Fruchtbaren Halbmond aus bis nach England und Skandinavien und der indischen Hausmaus von Nordindien aus über ganz Südostasien.

Sieht man sich das erstmals von genetischer Seite in dieser Studie gründlicher aufgearbeitete Verbreitungsgebiet der osteuropäischen Hausmaus an (die dunkel- und hellblauen Punkte in der Abbildung 1), dann will einem eine Ausbreitung dieser Hausmaus-Art gemeinsam mit den endneolithischen ersten Städten der indoeuropäischen Kurganvölker am Nordrand des Kaspischen und Schwarzen Meeres bis hoch nach Sibirien und bis nach Warna und bis in das sonstige Osteuropa hinein - so wie diese Stadtentwicklung so verdienstvoll von dem Archäologen Hermann Parzinger überblicksartig in einem ersten Wurf dargestellt worden ist (2) - viel plausibler erscheinen.

Etwas mysteriös scheint sich auch die Frage zu gestalten nach der Geschichte der "Clade F"-Maus, die es heute sowohl in Deutschland gibt, andererseits (siehe Abbildung 1) auch eine so prononcierte, punktuelle weitläufige Verbreitung aufweist, dass sie einerseits in Somalia auftritt und andererseits im tiefsten China, bzw. Nordwestchina. Und zwar jeweils ganz punktuell. Die Orte ihres Auftretens in Nordwestchina - Lanzhou und Xining - werden auf der Handelsroute der Sogder während der Tang-Zeit in China gelegen haben. Ist diese Clade F also womöglich mit den Tocharern direkt von Westeuropa aus nach Innerasien gekommen?

Die Bedeutung der Hausmaus-Forschung sollte deutlicher als bisher ins Bewusstsein der Archäologen treten

Und auf dieser Linie gibt es noch zahlreiche weitere offene Fragen, wenn man sich die Verhältnisse regional vor Ort ansieht. Auch hier wird die Ancient-DNA-Forschung künftig sicherlich viel neues Licht auf die Dinge werfen können. Aber solange die Archäologen gar nicht auf breiterer Linie als bisher wahrnehmen und ihnen bewusst wird, dass die Hausmäuse vielleicht der hervorragendste Indikator für stadtähnliche Bevölkerungsdichten einer archäologischen Kultur und für überregionalen Handel darstellen und sich hierbei eignet womöglich zu einem weltweiten Vergleich - und das scheint in der Tat noch weite Wege zu haben - so lange werden wir bezüglich der genetischen Geschichte der Hausmaus wohl in den nächsten Jahren immer wieder einmal nur so vereinzelte, punktuelle Forschungsergebnisse erhalten wie bisher.

Dabei eignet sich das Thema hervorragend für ein breit angelegtes, internationales, interdisziplinäres Projekt wie sie so gerne von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und anderen gefördert werden. So lange das nicht erkannt ist, werden wir wohl auf ein rundes und abgeschlossenes Bild, in dem sich eine wichtige Etappe in der sozioökonomischen Entwicklung der Kulturen weltweit abspiegeln könnte, noch einige Jahrzehnte mehr als nötig warten müssen.

ResearchBlogging.org
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  1. Suzuki H, Nunome M, Kinoshita G, Aplin KP, Vogel P, Kryukov AP, Jin ML, Han SH, Maryanto I, Tsuchiya K, Ikeda H, Shiroishi T, Yonekawa H, & Moriwaki K (2013). Evolutionary and dispersal history of Eurasian house mice Mus musculus clarified by more extensive geographic sampling of mitochondrial DNA. Heredity, 111 (5), 375-90 PMID: 23820581Heredity (2013) 111, 375–390 (freies pdf) (die wichtigste Abb.)
  2. Parzinger, Hermann: Die frühen Völker Eurasiens. Vom Neolithikum zum Mittelalter. Verlag C.H. Beck, München 2006
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