Montag, 12. Februar 2018

Regionale Dialekt- und Fortpflanzungsgruppen innerhalb von Unterarten der Hausmaus

Die Forschungen von Professor Diethard Tautz am Max-Planck-Institut in Plön

Vier Tagen führte ich über Facebook eine intensivere private Diskussion mit einem recht kritischen Doktoranden im Bereich der deutschen Bronzezeit-Archäologie. Er begegnete meinen Thesen zur sozialen Komplexität bronzezeitlicher Gesellschaften im heutigen Mitteleuropa und von Fernhandel mit dem Mittelmeer mit sehr großer Skepsis. Ich argumentierte natürlich nicht zuletzt - wie schon oft auf dem Blog geschehen - mit der Hausmaus-Forschung. Aber seine Skepsis verunsicherte mich auch ein wenig und ließ mich auf Einwände kommen, die ich zuvor niemals bedacht hatte. Ich schrieb ihm unter anderem: 
".... Wenn die Hausmaus nicht an quasi-städtische Siedlungsweise gebunden wäre, müßte man erklären, warum die Hausmaus ab der Frühbronzezeit zwar in Südengland auftritt (aber nicht weiter nördlich) und warum sie - offenbar - auch in Skandinavien erst mit den dortigen ersten Städten und gut bezeugtem Fernhandel der Wikinger-Zeit auftritt - und nicht früher. (Ich glaube, man darf davon ausgehen, daß es keine Gen-Kultur-Koevolution in der Verhaltensgenetik der Hausmäuse gegeben hat, die dazu führte, daß sich Hausmäuse in der Bronzezeit anders verhalten haben als in der Wikingerzeit. Aber jetzt wo wir darüber reden, kommt mir der Gedanke, daß das natürlich auch der Fall sein könnte. Aber ich halte das bis auf weiteres erst einmal für unwahrscheinlich.)"
"Bis auf weiteres", so hatte ich erst vor vier Tagen geschrieben. Und dieses weitere tritt schon vier Tage später ein. Da halte ich nämlich die neueste Ausgabe des Wissenschafts-Magazins der Max-Planck-Gesellschaft in Händen. Und darin findet sich ein Artikel über brandneue (deutsche) Forschungen zur - man halte sich fest: Gen-Kultur-Koevolution der Hausmäuse (1).

Da werde ich wohl behaupten dürfen, daß ich begeistert bin.




Die in diesem Artikel behandelten Studien von Diethard Tautz warten mit einer Fülle von Neuerkenntnissen auf. Hausmäuse haben offenbar sogar innerhalb von Unterarten eigene lokale Pieps-Dialekte. Wobei die Weibchen offenbar viel mehr piepsen und über Lautäußerungen miteinander kommunizieren als die Männchen. Nämlich dann, wenn sie unter sich sind. (... Äähm, .... das kennt man doch irgendwoher ...)

Vermischt man Hausmäuse derselben Unterart aus Köln mit solchen aus dem französischen Zentralmassiv tun die das in der ersten Generation recht fröhlich. - - - In den Folgegenerationen aber wählen sie sich ihre Paarungspartner nach ihren väterlichen Vorfahren. Warum weiß noch kein Mensch.

Auch die Hausmäuse auf Helgoland paaren sich nur noch untereinander und so gut wie gar nicht mehr mit immer wieder auf Helgoland eintreffenden Neuankömmlingen derselben (westeuropäischen) Unterart.

Hausmäuse können sich auch innerhalb weniger Generationen genetisch an neue Lebensräume anpassen. Und das Verrückteste: Es konnte aufgezeigt werden, daß bei diesen genetischen Neuanpassungen neue Genabschnitte innerhalb der sogenannten Junk-DNA abgelesen werden. Hier stoßen wir also gleich auf einige der grundlegendsten, erst in den letzten Jahren bekannt gewordenen Mechanismen der Artbildung hinunter.

Die Erkenntnispotentiale der Hausmaus muß der Genetiker Allan C. Wilson schon voraus geahnt haben, als er jenen Aufsatz über die skandinavische Hausmaus schrieb, durch den auch ich selbst vor allerhand Jahren auf das spannende Thema Hausmaus gestoßen bin (2, 3).

Jetzt darf man also nur noch warten, daß sich endlich einmal der erste deutsche Archäologe der Hausmaus-Forschung zuwendet. Deutschland und Mitteleuropa sind archäologisch gesehen - soweit man das mitbekommt - fast der letzte weiße Fleck hinsichtlich der Hausmaus-Forschung innerhalb der weltweiten archäologischen Forschung.

Aber womöglich wird man über ancient-DNA bald auch direkt erforschen können, an welche Lebensweise und Umweltbedingungen Hausmäuse der Bronzezeit angepaßt waren. Wenn man denn nicht gar zu generelle Schlüsse ziehen will aus einem Überblick nach heutigem Kenntnisstand über die Weltgeschichte der Hausmaus auf jene Umwelten, in denen Hausmäuse in der Regel nur zu leben scheinen.

Ergänzung 6.7.2019

Den Professor Diethard Tautz hatte ich in ganz schlechter Erinnerung, da er während des Sarrazin-Debatte des Jahres 2010 und seither - wie man finden kann - unsägliche Argumente zusammen trägt, aufgrund deren er meint, zum Schluß kommen zu können, daß es angeborene Begabungsunterschiede zwischen Völker und Rassen beim Menschen nicht gäbe. Er ist seit 2009 Vorsitzender des Verbandes der Deutschen Biologen (VBIO) und auf meine Kritik an der diesbezüglichen Stellungnahme dieses Verbandes seinerzeit (4) hat auch der geschätzte deutsche Intelligenzforscher Volkmar Weiß (Leipzig) positiv Bezug genommen in eigenen Stellungnahmen zu dem Thema.

In diesem Beitrag aber entdeckte ich, daß Diethard Tautz ANSONSTEN ja so "dumm" gar nicht ist wie er sich beim Thema Volks- und Rassenunterschiede beim Menschen gibt. Und ab Minute 18:30 eines neuen Vortrages aus dem Juni 2019 (5) berichtet Tautz etwa von der gänzlichen Vereisung der Erde (Schneeball-Erde) und weist auf Forschungsdaten hin, daß diese zu einer Beschleunigung der Evolution geführt haben könnte. Und zwar ablesbar an der Evolution der Genome. Die mit diesen Ausführungen geweckten Erwartungen werden aber im weiteren Vortrag dann doch nicht eingelöst. Man fragt sich auch, wie man über so viele so spannende Fragestellungen so vergleichsweise gelangweilt berichten kann. Am Ende des Vortrages (nach 1 Stunde und 9 Minuten) geht er auch kurz auf die Rasseunterschiede beim Menschen ein, und warum es die aus genetischer Sicht gar nicht geben könne ....

Ergänzt: 6.7.2019

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  1. Stolze, Cornelia: Eine Maus beißt sich durch. Die kleinen Nager als Modellsystem für die Arbeitsweise der Evolution. In: MaxPlanckForschung 4/2017, S. 56-63, https://www.mpg.de/11901153/W003_Biologie_Medizin_056-063.pdf, https://www.mpg.de/11901153/W003_Biologie_Medizin_056-063.pdf
  2. Gyllensten U., Wilson Allan C. (1987): Interspecific mitochondrial DNA transfer and the colonization of Scandinavia by mice. In: Genetical research , 49 (1), 1987, S. 25-29
  3. Bading, Ingo: Die Hausmäuse in der Weltgeschichte, 2008, https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/05/die-hausmaus-in-der-weltgeschichte.html
  4. Bading, Ingo: Thilo Sarrazin: Unsägliche Stellungnahme des Dachverbandes deutscher Biologen. Staatsaffäre Sarrazin, 5. September 2010, https://studgenpol.blogspot.com/2010/09/unsagliche-stellungnahme-des.html
  5. Tautz, Diethard: Evolution und das Selbstverständnis des Menschen im Fokus. Vortrag bei der Rhein-Main-Regionalgruppe der Giordano-Bruno-Stiftung, 8. Juni 2019, https://youtu.be/0IbN2vckW7k, http://gbs-rhein-neckar.de/unsere-veranstaltungen/evolution-selbstverstaendnis-des-menschen-fokus
  6. Rebecca Winkels: „Die Genetik der Intelligenz entspricht nicht der Mendelschen Vererbungslehre”. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Diethard Tautz 5. September 2018, https://www.die-debatte.org/intelligenz-interview-tautz/
  7. Tautz, Diethard: Speciation 2010: Diethard Tautz - Mus musculus domesticus, 20.3.2014, https://youtu.be/0nZ3VFHnQcw

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