Samstag, 21. Februar 2026

„Noch ein solcher Sieg über die Römer und wir sind erledigt!“

Die Archäogenetik wirft Licht auf Ambrakia - Eine Kolonie Korinths und nachmalige Hauptstadt des Königs Pyrrhus I.
- Einiges zur nordwestlichen Peripherie des antiken Griechenland

Die heutige griechische Stadt Arta (Wiki) in Nordwestgriechenland, gelegen am Arachthos hieß in der Antike "Ambrakia" (Wiki). Ab 295 v. Ztr. war sie Hauptstadt von Epirus. Wo immer man in der heutigen Stadt gräbt, stößt man auf antike Überreste. Ambrakia wurde 625 v. Ztr. von Kolonisten aus Korinth gegründet. Auf dem Landweg ist Ambrakia von Korinth - wenn man sich bei Patras über die dortige Meerenge setzen läßt - 270 Kilometer entfernt (GMaps). (Will man allerdings nur über Land reisen, beträgt der Weg 600 Kilometer und führt nach dem ersten Drittel an Delphi vorbei [GMaps].) Ambrakia lag außerdem 50 Kilometer südlich von der Heiligen Eiche von Dodona.

Abb. 1: Aphrodite -Mamorstatuette aus einem Haus in Ambrakia, frühes 3. Jhdt. v. Ztr., Archäologisches Museum von Arta (MuseumArta)

Mit der nordöstlichen Peripherie des antiken Griechenland haben wir uns erst letzten Herbst hier auf dem Blog beschäftigt anläßlich einer damaligen Urlaubsreise nach Dion in Makedonien (Stg25aStg25b). Durch eine neue archäogenetische Studie (1) wird die Aufmerksamkeit auf die nordwestliche Peripherie gerichtet. Diese erlebte ihre Glanzzeit ebenfalls erst, als das Kernland - mit Korinth, Athen und Sparta - seine kulturelle und politische Mittelpunktstellung schon verloren hatte. 295 v. Ztr. wurde Ambrakia von König Pyrrhos I. von Epirus (319-272 v. Ztr.) zu seiner Hauptstadt erklärt. Er ließ zwei Theater erbauen (MuseumArta). Er stellte in seinem Palast Statuen des Herkules und der neun Schwestern (der Musen) auf - im sogenannten Musagète. Aus Ambrakia war schon im 6. Jhdt. v. Ztr. der Musiker Epigonos von Ambrakia (Wiki) hervorgegangen, der das Saiteninstrument des Epigonion in Griechenland eingeführt hat. Es sind in Ambrakia auch Musikinstrumente gefunden worden (MuseumArta).

Pyrrhos hatte die Römer in einer Schlacht besiegt. Aber um der Kennzeichnung seines Sieges gegen die Römer willen ist er bekannt geblieben: "Noch einen solchen Sieg und wir sind erledigt". Die eigenen Verluste in der Schlacht waren viel zu hoch, um auf diese Weise den Krieg langfristig durchhalten zu können. Immerhin wurde Ambrakia erst hundert Jahre später, 189 v. Ztr., und auch erst nach schwerer Belagerung durch die Römern erobert und geplündert. Die Belagerung ist durch den Historiker und Zeitgenossen Polybios (200 bis 120 v. Ztr.) (Wiki) geschildert worden (s. YtYt) (2, S. 214ff). Ambrakia hat sich nach Verhandlungen ergeben. Polybios schreibt über den siegreichen römischen Feldherrn (2, S. 218):

Die Götterbilder und sonstigen Statuen und die Gemälde, deren es um so mehr waren, als Ambrakia Residenz des Pyrrhos gewesen war, führte er aus der Stadt hinweg.

Er brachte die Statuen des Musagète und viele andere Beutestücke nach Rom, wo dort mit diesen der Musenkult eingeführt wurde (MuseumArta).

Abb. 2: Die griechische Stadt Arta am Arachthos in Epirus (Wiki), das antike Ambrakia

29 v. Ztr. wurde die Stadt Nikopolis (Wiki) von den Römern am Meeresufer, vierzig Kilometer westlich von Ambrakia (GMaps) gegründet (Wiki):

Um Bewohner für die neue Stadt zu bekommen, wurden nahe gelegene Dörfer wie z. B. Kassope durch Synoikismos mit Nikopolis zusammengelegt.

Dies führte auch zur allmählichen Aufgabe Ambrakiens und der umliegenden Region, da sich die Einwohner ebenfalls größtenteils in der neuen Stadt Nikopolis ansiedelten (MuseumArta). In den armen, entwurzelten und umgesiedelten Bevölkerungsteilen von Nikopolis faßte dann offenbar das Christentum früh Fuß (Wiki).

Wie lief die Gründung einer Stadt-Kolonie ab?

Zu den Einwohnern von Ambrakia ist eine neue archäogenetische Studie erschienen, die Licht wirft darauf, daß Ambrakia tatsächlich von Korinth aus besiedelt worden ist (1). Über die Anfangszeit von Ambrakia lesen wir (Wiki):

Die Gründung (...) wurde von Gorgos, dem unehelichen Sohn des Kypselos, des Tyrannen von Korinth, in einem Gebiet gegründet, das den Dryopen gehörte. Es wurde mit einem der besten Stadtplanungssysteme der Antike erbaut. Es erlangte große Seemacht, und die dort hergestellten Damenschuhe wurden unter dem Namen Ambrakides in ganz Griechenland bekannt.

Zur Zeit der Gründung (Wiki) ...

... basierte die Wirtschaft auf Ackerbau, Fischerei, Holz für den Schiffbau und dem Export der Produkte von Epirus. Nach der Vertreibung von Gorgus’ Sohn Periander entwickelte sich die Stadt zu einer starken Demokratie.

Es geschah das parallel zur ähnlichen Entwicklung in der Mutterstadt Korinth (Wiki):

Laut Aristoteles war Ambrakia eine Demokratie, nachdem das Volk den Tyrannen Periander gestürzt hatte. Dies fiel zeitlich mit dem Sturz des bekannteren korinthischen Tyrannen Periander um 580 v. Ztr. zusammen. Die Stadt erlebte daraufhin eine Blütezeit und wurde zur bedeutendsten der korinthischen Kolonien in der Region. Im 5. Jahrhundert v. Ztr. war Ambrakia mit geschätzten 100.000 Einwohnern die größte Stadt in Epirus. Sie nahm an den Perserkriegen teil, an der Schlacht von Salamis mit sieben Schiffen und an der Schlacht von Plataiai mit 500 Soldaten.

So nahm also auch die Peripherie Anteil an den Schicksalen des Kernlandes.

Abb. 3: Körpermerkmale im antiken Korinth und seiner Pflanzstadt Ambrakia (aus 1, Anlage) - 5 von 27 Personen waren hellhaarig

Wir lesen außerdem (Wiki)

Die frühe Politik Ambrakias war geprägt von der Loyalität zu Korinth (für das die Stadt vermutlich als Handelszentrum im epirusischen Handel diente) und der daraus resultierenden Abneigung gegen Korfu (da Ambrakia 433 v. Ztr. in der Schlacht von Sybota auf korinthischer Seite zwischen der rebellischen korinthischen Kolonie Korfu (...) und Korinth kämpfte). Die Politik der Ambrakioten war von zahlreichen Grenzkonflikten mit den Amphilochiern und Akarnaniern geprägt. Daher spielte das Reich eine bedeutende Rolle im Peloponnesischen Krieg bis zur vernichtenden Niederlage bei Idomene (426 v. Ztr.), die seine Ressourcen stark beeinträchtigte.

Das hier erwähnte Korfu liegt auf einer vorgelagerten Insel in der Adria 130 Kilometer nordwestlich von Ambrakia. In der neuen archäogenetischen Studie wird am Beispiel von Ambrakia der Vorgang einer Koloniegründung erforscht (1):

Der Gründungsprozeß begann - literarischen Quellen und archäologischen Funden zufolge - wenn eine Metropolis beschloß, eine Gruppe ihrer Bürger zur Gründung einer neuen Gemeinschaft ins Ausland auszusenden (Apoikia [...]). Ein designierter Anführer, der Oikiste, wurde ausgewählt, um die Expedition zu leiten. Er erhielt weitreichende Befugnisse. Diese Person spielte eine entscheidende Rolle bei der Gründung und der zukünftigen Ausrichtung der Kolonie. Der Oikiste befragte üblicherweise das Orakel von Delphi, das ihm in verschiedenen Aspekten der Gründung, einschließlich des Standorts, Rat gab. Nach Erhalt des Orakels führte der Oikiste die erste Gruppe von Siedlern an, sicherte das Gebiet und setzte die grundlegenden Gesetze und Gebräuche (Nomima) der neuen Gemeinschaft fest. Diese Gebräuche umfaßten typischerweise einen Rechtsrahmen, einen Kalender religiöser Feste, Protokolle für die Verehrung der Götter und eine Stammesorganisation der Bürger. Die Nomima dienten als einigende Traditionen, die in Kolonien mit Siedlern unterschiedlicher Herkunft von besonderer Bedeutung waren und zu prägenden Merkmalen der bürgerlichen Identität einer Kolonie wurden. Anhand dieser Elemente (Kulte, Tempel, materielle Kultur) identifizieren Archäologen und Historiker eine Kolonie in Bezug zur Metropolis, wobei diese Verbindung nicht immer eindeutig herzustellen ist.

Aber die Archäogenetik kann nun Beweise für die Herkunft liefern.

Abb. 4: Wie nah oder entfernt waren die Ambrakioten mit anderen Populationen und Völker verwandt - Hauptkomponenten-Analyse (1) - (Erläuterung im letzten Teil des Blogartikels)

In Ambrakia konnten viele Gräber ausgegraben werden und die Skelette sequenziert werden. Ebenso konnten DNA-Proben gewonnen werden aus Tenea, einer Stadt, die nahe zu Korinth gelegen ist und weiterhin auch zwei DNA-Proben aus Ammotopos, die die vor-korinthische Bevölkerung in Epirus repräsentieren.

Was sagt die Archäogenetik über Ambrakia?

Für die gewonnenen DNA-Proben ergaben sich nun im wesentlichen zwei Verwandtschafts-Cluster (1):

Das erste Cluster (die erste Verwandtschaftsgruppe) umfaßt den Großteil der Ambrakia-Proben (eine der drei archaischen, alle sechs klassischen und vier der fünf hellenistischen Proben), die beiden bronzezeitlichen Ammotopos-Proben sowie einige der Tenea-Proben (beide archaischen, zwei der drei hellenistischen und die späthellenistisch-frührömische). Diese Gruppe ist vor allem mit Genomen der späten Bronzezeit (1700-1050 v. Ztr.) aus dem heutigen Griechenland, Genomen der frühen Eisenzeit (1100-500 v. Ztr.) aus dem heutigen Bulgarien und den Genen der Bewohner der antiken griechischen Kolonie Himera auf Sizilien (780-400 v. Ztr.) verwandt.
The first cluster includes the majority of the Amvrakia samples (one of the three Archaic, all six Classical, and four of the five Hellenistic samples), the two BA Ammotopos samples, and some of the Tenea samples (both Archaic, two of the three Hellenistic, and the Late Hellenistic-Early Roman). This cluster is primarily close to LBA (1700-1050 BCE) genomes from across present-day Greece, Early Iron Age (1100-500 BCE) genomes from present-day Bulgaria, and the locals of the Ancient Greek colony of Himera in Sicily (780-400 BCE).

Mit diesen Proben ist eine große genetische Kontinuität einerseits zwischen Ambrakia und Korinth festgestellt, zum anderen auch von der archaischen bis in die hellenistische Zeit in Ambrakia. Es gab offenbar wenig Vermischung mit den vormaligen Einwohnern von Epirus oder mit Menschen anderer Herkunft. Als weiteres Verwandtschafts-Cluster ergab sich (1):

Der zweite Cluster (die zweite Verwandtschaftsgruppe) umfaßt alle vier römischen Individuen aus Tenea und eines der drei hellenistischen Individuen aus Ambrakia. Dieses ist zeitlich eng mit archaischen (750-480 v. Ztr.), römischen (27-476 n. Ztr.) und anderen anatolischen Genomen [darunter ein hellenistisches (510–30 v. Ztr.) und ein frühbronzezeitliches (3350–2000 v. Ztr.) Genom], einem römischen Genom aus der Kaiserzeit (1–530 n. Ztr.) aus Italien sowie einigen griechischen Genomen aus der römischen (250-400 n. Ztr.), frühbronzezeitlichen und mittelbronzezeitlichen (2900–1700 v. Ztr.) und spätbronzezeitlichen (1700–1050 v. Ztr.) Periode verwandt.
The second cluster comprises all four Roman Tenea individuals and one of the three Hellenistic Amvrakia individuals. It is placed close to Archaic (750-480 BCE), Roman (27-476 CE), and other Anatolian genomes [including a Hellenistic (510-30 BCE) and an Early Bronze Age (EBA, 3350-2000 BCE) genome], a Roman Imperial (1-530 CE) genome from Italy, and a few Greek genomes from the Roman (250-400 CE), EBA_MBA (2900-1700 BCE), and LBA (1700-1050 BCE) periods.

Es handelt sich also um Menschen, die aus Anatolien stammten, wo es so gut wie keine Steppengenetik gab. Ebenso gab es keine Steppengenetik noch bei einigen bronzezeitlichen Menschen in Griechenland. In der Bronzezeit gab es ja in Griechenland - wie wir aus vorausgegangenen Studien wissen - sowohl Individuen mit 20 %, ebenso wie mit 10 % und mit 0 % Steppenherkunfts-Anteil. Erst ab der archaischen Zeit war sich die Steppenherkunft mit 8 % auf alle Bewohner des antiken Griechenland gleichmäßig verbreitet.  

Abb. 5: Pyrrhus I. von Epirus (295-272 v. Ztr.) (Wiki)

Die anatolischen Genome kamen sicherlich im Gefolge der Eroberungen Alexanders des Großen und mehr noch nach der Eroberung Griechenlands durch die Römer aus Anatolien nach Griechenland und ebenso nach Italien hinein. (Gleichzeitig breitete sich ja auch die antik-griechische Genetik nach Süditalien und bis in die Balkan-Länder aus, unter anderem dadurch daß die Römer im umfangreichem Maße versklavte Griechen mit nach Italien nahmen.) 

Als Ergebnis wird in der Zusammenfassung der Studie formuliert (1):

Ambrakia scheint während seiner Gründung in der archaischen Zeit genetisch von einer einzigen Quelle geprägt worden zu sein. Diese Quelle stammte aus dem korinthischen Gebiet und wurde durch die archaische Bevölkerung von Tenea repräsentiert, was durch eine Identitätsanalyse (IBD) belegt wird. Eine direkte Abstammung aus dem spätbronzezeitlichen Griechenland, einschließlich einer lokalen spätbronzezeitlichen Bevölkerung, die durch die nahe gelegene Siedlung Ammotopos repräsentiert wird, konnte trotz zahlreicher unabhängiger populationsgenomischer Analysen nicht nachgewiesen werden. In der darauffolgenden klassischen und hellenistischen Zeit scheint sich die Bevölkerung Ambrakias nur geringfügig verändert zu haben, und es lassen sich Hinweise auf genetische Kontinuität über die Zeit beobachten. Die Migration von Korinthern nach Ambrakia trug maßgeblich zum ursprünglichen Genpool der Kolonie bei, was darauf hindeutet, daß die korinthische Kolonisation sowohl einen genetischen als auch einen kulturellen Austausch zwischen der Metropole und ihrer Kolonie umfaßte.

Sowohl im Haupttext wie im Supplement (Anhang) werden dann auch die Körpermerkmale der untersuchten, antiken DNA-Proben behandelt.

Dunkle Menschentypen im antiken Griechenland

Im Supplement heißt es (1, Suppl.):

Alle Individuen wiesen die höchste Wahrscheinlichkeit dafür auf, daß sie braune Augen hatten. Die meisten hatten vermutlich einen mittleren Hautton, drei von ihnen jedoch eine dunklere Hautfarbe (zwei aus dem klassischen Ambrakia und einer aus dem römischen Tenea). Ebenso hatten die meisten vermutlich braunes Haar mit einem dunklen Schimmer. Bemerkenswerterweise zeigte das späthellenistisch-frührömische Individuum aus Tenea trotz unserer Bemühungen, falsch-positive Ergebnisse für rote Haare auszuschließen, weiterhin eine hohe Wahrscheinlichkeit für diesen Phänotyp.
All individuals showed the highest probability for brown eyes. Most individuals likely had an intermediate skin tone, while three of them had a darker skin color (two from Classical Amvrakia and one from Roman Tenea). Similarly, most individuals likely had brown hair with a dark shade. Notably, despite our attempts to eliminate false positive results for red hair, the Late Hellenistic - Early Roman individual from Tenea still exhibited a high probability for this phenotype.

Vielleicht paßt letztere Angabe zu dem Umstand, daß ja sich auch der Name des oben erwähnten Königs Pyrrhus von "Feuerkopf", bzw. "rothaarig" ableitet. Auch beispielsweise Alexander der Große wird ja offenbar als blond beschrieben - wie überhaupt der Steppengenetik-Anteil bei den ursprünglichen Einwohnern der nördlichen Peripherie von Griechenland höher geblieben sein könnte (?).

Abb. 6: Mosaik in Ambraktia, 4. Jhdt. v. Ztr. (MuseumArta)

Es wird interessanterweise ausgeführt, daß die genetisch festgestellte Hautfarbe der DNA-Proben nicht mit der hellen Hautfarbe der Personen übereinstimmt, die in einem Mosaik im Kleinen Theater in Ambrakia (MuseumArta, Hermes) dargestellt gefunden worden sind (s. Abb. 6) (1):

Obwohl die phänotypischen Ergebnisse faszinierend sind, sollte ihre Zuordnung zu künstlerischen Darstellungen aus den Untersuchungsgebieten mit Vorsicht erfolgen. Künstlerische Darstellungen von Menschen aus diesen Regionen sind rar, und in den wenigen Fällen, in denen sie existieren, spiegeln sie oft eher symbolische oder idealisierte Bilder als realistische Darstellungen wider. So zeigt beispielsweise ein Mosaik aus weißen und schwarzen Kieselsteinen aus dem Kleinen Theater in Ambrakia mythologische Szenen mit menschlichen Figuren (dem jungen Eros). Die Verwendung weißer Kieselsteine, die helle Hauttöne andeuten sollen, unterstreicht den vorwiegend symbolischen und narrativen Ausdruck im Gegensatz zum physischen Realismus. Ähnlich verhält es sich in Tenea, wo ein seltenes Beispiel monumentaler Grabmalerei aus dem frühen 6. Jahrhundert v. Chr. ebenfalls mythologische Themen ohne die Darstellung menschlicher Figuren zeigt. Diese Kunstwerke sind zwar kulturell bedeutsam, liefern aber keine verläßlichen Belege für das physische Aussehen, da sie fantasievollen und symbolischen Darstellungen den Vorrang vor dem Realismus einräumen. Zudem sind in der Region kaum Skulpturen oder Tonfiguren erhalten, die Pigmentreste aufweisen, welche für eine phänotypische Analyse ausreichen würden. Aus den genannten Gründen sind direkte Korrelationen zwischen unseren phänotypischen Befunden und der künstlerischen Dokumentation leider nicht möglich.

Immerhin ist den Forschern die Problematik des Mißverhältnisses zwischen der antiken phänotypischen Alltags-Welt auf der Straße und der Art der Menschendarstellung im Kunstschaffen bewußt. Es sei noch darauf hingewiesen, daß die Mosaik-Darstellung auch eher fast blonde Haare andeutet (Abb. 6).

Wie hoch war jeweils der Steppengenetik-Anteil?

Wir wollen noch anmerken, daß merkwürdigerweise in der ganzen Studie nie von Steppen-Herkunft die Rede ist. So wird nicht klar, welcher Steppengenetik-Anteil jeweils festgestellt worden ist. 

Vielleicht können wir die Steppengenetik-Anteile "erahnen", wenn wir auf die Abbildung der Hauptkommponenten-Analyse schauen (Abb. 4). Auf dieser sehen wir zunächst ganz außen an den Rändern jeweils die ursprünglichen Jäger-Sammler-Völkergruppen, die in Europa und dem Nahen Osten vor dem Übergang zum Ackerbau lebten. Die Genetik der osteuropäischen Jäger und Sammler, die einen wesentlichen Teil der Steppen-Herkunft bildet, ist mit weißen, offenen Quadraten markiert (in der Grafik oben links: "RUS_M_EHG_7050-5500BCE").

In der Grafik sehen wir im linken Bildteil die europäischen Völker und im rechten Bildteil die anatolischen und iranischen Völker der Antike. Die anatolischen Völker haben in der Antike so gut wie keine Steppengenetik aufgewiesen (dunkelgrün, hellgrün und blau markiert). (Sie weisen unterschiedliche Anteile von anatolisch-neolithischer und iranisch-neolithischer Herkunft auf, vermischt mit natufischer, bzw. levantinisch-neolithischer Herkunft.) Dieser Herkunft ist in der Studie das Cluster 2 zugeordnet (im vergrößerten Ausschnitt der Grafik oben rechts).

Im mittleren linken Teil der Grafik sehen wir Menschenfunde aus dem antiken Italien (dunkelgrün), dem antiken Albanien (rosa), sowie dem antiken Sizilien (hellgrün). Zwischen diesen beiden Clustern nun - Anatolien einerseits und Adria/Italien andererseits - sind die antiken Griechen und Ambraktionen verwandtschaftlich verortet (rot und dunkles Dunkelblau).

Im vergrößerten Ausschnitt derselben sehen wir, daß die beiden Ammotopos-Individuen (hellgrüne, offene Kreise) ein wenig Richtung Italien und Sizilien verschoben sind. In Italien hat es in der Bronzezeit und bis in republikanische Zeit hinein zwischen 10 und 20 % Steppengenetik gegeben. Die beiden Ammotopos-Individuen werden also einen Steppengenetik-Anteil gehabt haben, der etwas höher war als der 8-Prozent-Durchschnitt im klassischen antiken Griechenland. Mehr können wir aus dieser Grafik aktuell zu dieser Frage nicht heraus lesen. 

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  1. Genetic affinities between the ancient Greek colony of Amvrakia and its metropolis. P Nikolaos, T Eugenia, V Despoina, P Stefanos et al.. In: Genome Biology, 7.2.2026 (GenBio2026)
  2. Des Polybios Geschichte. Übersetzt von A[dolf] Haakh. Hoffmann, Stuttgart 1858 (Neueste Sammlung ausgewählter Griechischer und Römischer Classiker. Band 25) (Digitalisate im Münchener DigitalisierungsZentrum: Bd. 7 [Buch XX–XXX]

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