Montag, 26. März 2007

Hat Kevin MacDonald recht?

Der Soziobiologe Kevin MacDonald (geb. 1944) hat in drei Büchern zwischen 1994 und 1998 eine umstrittene evolutionsbiologische Theorie des Judentums aufgestellt.

Seit er im Jahr 2000 als Gutachter zu Gunsten des Historikers David Irving in dem Prozeß Irvings gegen Deborah Lipstadt in London auftrat, wird ihm von verschiedenen Seiten Antisemitismus vorgeworfen und seine Arbeiten werden seither in der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit nur noch wenig diskutiert.

Richard Dawkins beispielsweise hat sich gehütet, ihn in seinem neuen Buch "God Delusion" zu zitieren, behandelte aber anstelle dessen einen Freund Kevin MacDonalds ausführlicher, nämlich John Hartung und dessen evolutionsbiologische Interpretationen des jüdischen Monotheismus. 

Abb.: James Watson

Nachdem im Jahr 2005 die (jüdischen) Humangenetiker Henry Harpending und Gregory Cochran eine Theorie zur Evolution des hohen angeborenen Intelligenz-Quotienten des aschkenasischen (traditionell deutschsprachigen) Judentums aufgestellt haben, die viele Parallelen zu der Theorie Kevin MacDonald's aufweist, und nachdem diese beispielsweise auch von dem bekannten Evolutionären Psychologen Steven Pinker zustimmend behandelt worden ist, taucht immer wieder einmal die Frage auf, wie man in der Öffentlichkeit eigentlich mit den Arbeiten Kevin MacDonald umgehen soll. 

Dazu wurde nun eine Diskussion in einem neuen amerikanisch-jüdischen Online-Kultur-Magazin, genannt "Jewcy", geführt unter dem Titel "Is Kevin MacDonald right?" Im Zusammenhang dieser Diskussion wiederholte der konservative amerikanische Journalist John Derbyshire ("National Review") das von ihm aufgestellte "Gesetz":

"ALLES, was ein Nichtjude AUCH IMMER über Juden sagt - es wird von irgendjemandem irgendwo geben, der das als antisemitisch wahrnimmt."
“ANYTHING WHATSOEVER said by a Gentile about Jews will be perceived as antisemitic by someone, somewhere.”

 Bislang scheint ihm darin niemand so recht vehement widersprochen zu haben. Vielmehr scheint es bisher eine schweigende Übereinkunft darüber gegeben zu haben, daß es gut ist, wenn Nichtjuden so denken. Doch genau dies scheint sich durch die Fortschritte in der Human- und IQ-Genetik der letzten Jahre, die auch die genannte Arbeit von 2005 hervorgerufen haben, stark geändert zu haben oder es wird sich daran auch künftig noch vieles ändern. Und so war es denn auch James Watson (geb. 1928), der legendäre Entdecker der Doppelhelix, der vor einigen Wochen im Zusammenhang mit dem Antisemitismus-Vorwurf erstmals öffentlich darauf hinwies, daß es gefährlich ist, wenn es eine bestimmte Gruppe im öffentlichen Leben gibt, die eigentlich überhaupt nicht mehr öffentlich kritisiert werden kann (gnxp2007). Und das gleiche betont nun neuerdings auch der jüdische Journalist Joey Kurtzman (Stg2007) in "Jewcy": 

„Ich glaube auch, daß eine offenere Diskussion über Juden und das Judentum „gut für die Juden“ sein wird. Der schützende Schleier, mit dem die amerikanische Kultur Minderheiten umgibt, ist für uns ein zweischneidiges Schwert. Fundierte Kritik von außen ist für jede Gemeinschaft, die sich verbessern will, von Vorteil.“
"I also think more open discussion of Jews and Jewishness will be “good for the Jews.” The protective veil in which American culture shrouds minority groups is a mixed blessing for us. Informed external criticism is a good thing for any community trying to improve itself."

Und deshalb fordert er den nichtjüdischen Journalisten John Derbyshire offen auf, in öffentlichen Debatten über das Judentum mutiger zu sein:

„Hättest du Kevin MacDonalds Ideen mehr Gehör geschenkt, hättest du wahrscheinlich viel Kritik einstecken müssen, klar. Aber so ist das Leben als Intellektueller in der Öffentlichkeit. Willkommen im Irrenhaus. Kritik ist erlaubt, und durch die Demokratisierung von Ideen und Argumenten im Internet haben immer mehr Menschen die Möglichkeit dazu. Manche greifen dabei zu üblen persönlichen Angriffen. So ist das Leben. Argumentative Integrität ist in öffentlichen Debatten leider selten geworden. Damit mußt du leben.“
"If you’d given Kevin MacDonald’s ideas a more positive hearing, you’d have likely gotten a ton of criticism, sure. But that’s life as a public intellectual. Welcome to the monkeyhouse. People are allowed to criticize you, and with the democratization of ideas and arguments through the Web, more and more people now have the platform to do just that. Some will resort to nasty ad hominems. Such is life. Argumentative integrity is too rare a bird in public debate. Deal with it."

Und im Anschluß daran fragt er: 

„Ist es wirklich so, daß man sich beruflich selbst vernichten oder gar seine Karrierechancen ruinieren würde, wenn man sich mit jüdischer Kultur auseinandersetzt und Kevin MacDonalds Werk positiv rezensiert? Ich vermute, daß die Angst vor harscher, emotionaler Kritik die Menschen von solchen Themen abhält, weniger die realistische Wahrscheinlichkeit einer Schädigung ihrer Karriere. Erlauben Sie mir meine Neugier: Was würde passieren, wenn Sie morgen einen Artikel an die National Review schicken würden, in dem Sie schreiben: „Kevin MacDonald hat da wirklich etwas Wichtiges entdeckt. Er leistet großartige Arbeit, und ich finde, jeder sollte ihn lesen.“ Was für ein Chaos würde dann ausbrechen? Wie konkret würde Ihre Karriere darunter leiden?“
"Is it really true that you would be committing professional sepuku, or even just damaging your career prospects, by digging into Jewish culture and giving a positive review to Kevin MacDonald’s work? I suspect that what drives people away from these topics is a fear of harsh, emotional criticism, rather than a realistic likelihood of damage to their career. Indulge my curiousity: what would happen if tomorrow you submitted a piece to National Review saying, “Kevin MacDonald is really onto something. He’s doing great work and I think everyone should read him.” What sort of craziness would ensue? How would your career be damaged in concrete terms?"

Über diese Frage wird in dem Email-Austausch nicht so richtig Einigkeit hergestellt. Am Ende werden dann aber doch auch inhaltliche Fragen zu Kevin MacDonald behandelt. Ich bringe hier nur Zitate zu der vielleicht wesentlichste Frage. John Derbyshire fragt bezüglich des letzten Buches von Kevin MacDonald "A Culture of Critique":  

"... And then there is the issue of intention, which he" (Kevin MacDonald) "is slippery about. To what degree is this “group evolutionary strategy” conscious? He clearly doesn’t think there is a “Jew Central” organizing it all, so I guess it is self-organizing, but what’s the mechanism of transmission? Why would it consciously be kept up by self-de-Judaized Jews, which is what most of the Jewish intellectuals in Critique are? If any of it is conscious, does MacDonald think there is a component of malice against Gentiles? (I think he does think so, but don’t recall him saying it explicitly.) If none of it is conscious, what does he think drives it? Genetics? Or what?" 

Und Joey Kurzman klärt ihn auf, was Kevin MacDonald meint - und bringt seine Meinung zum Ausdruck, daß MacDonald damit sogar richtig liegt: 

"You raise a good point about intentionality. Jews, of course, don’t use the term “group evolutionary strategy,” but I assume MacDonald would say that to the extent that we attempt to act in ways that are “good for the Jews,” or work to ensure “Jewish continuity,” and so on, we are advancing the group evolutionary strategy (GES) he posits. For Jews who do these things consciously—and that’s a great many of us, including myself—intentionality is straightforward.As for how the strategy is perpetuated, well, MacDonald knows there is no Elders of Zion–style conclave in a basement somewhere in Brussels or Borough Park where Jews organize their group evolutionary strategy. But he certainly does see an important role for Jewish leadership in all this. Of the 15 million-or-so Jews in the world, only a very small percentage work for Jewish organizations. MacDonald argues that this small group of organizational Jews attempts to inculcate communal goals among the rest of the Jewish population.And of course that’s all true, and blindingly obvious. Anyone who is at all familiar with major Jewish organizations knows that they work incredibly hard to disseminate among young Jews a sense of Jewish peoplehood and a commitment to communal goals." 

Und abschließend sagt er:  

"... But what seems to me undeniable is that MacDonald has presented us with a fascinating and genuinely novel examination of the history and internal workings of the Jewish world. His trilogy is a hell of a read. To any Jewcy readers tired of pious, “hooray-for-us!” Jewish historiography, or just interested in seeing traditional Jewish history through a kaleidoscope, I happily recommend it." 

Abb.: Joey Kurtzman
Abb.: John Derbyshire

Solche Worte hat man bisher aus dem Mund jüdischer Intellektueller in einem jüdischen Kulturmagazin noch nicht gehört. Dadurch ermutigt, sage auch ich, daß ich Kevin MacDonald sehr lesenswert finde, und daß man aus seinen Büchern - ebenso wie aus dem Buch von Yuri Slezkine - viel über die intellektuelle Geschichte des 20. Jahrhunderts (und im Rückschluß wohl auch über frühere Jahrhunderte) lernen kann.


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