Freitag, 3. April 2020

Menschwerdung vor 300.000 Jahren - Auf das nördliche Afrika eingegrenzt?

Im zentralen, südlichen Afrika - etwa im heutigen Sambia südlich des Tanganijka-Sees
- Dort "im Süden" lebten unsere Vettern, die wir nicht mehr heiraten durften, um Menschen werden zu können

Unser Wissen über die Zeit der Menschwerdung in Afrika vor 300.000 Jahren wird immer komplexer (1, 2). Schon länger wird vermutet, daß ein 1921 in Sambia gefundener Schädel (Abb. 1) (Wiki) viel jünger ist als ursprünglich angenommen, nämlich nur 300.000 Jahre alt. Diese Datierung wurde nun erneut bestätigt (1, 2).


Abb. 1: Der datierte Broken Hill-Schädel, gefunden 1921, in einer Nachbildung (im Kelvingrove Art Gallery and Museum of Glasgow, Fotograf: Nachosan) (Wiki)


Damit ergibt sich aber, daß vor 300.000 Jahren mindestens drei Menschenarten nebeneinander in Afrika lebten:
  • Urtümliche Homo sapiens (von denen wir abstammen, und die sich von den gleichzeitigen Vorformen des Neandertalers, also dem Homo heidelbergensis in Europa schon unterscheiden), sowie
  • dieser in der Datierung nun bestätigte Homo heidelbergensis/Homo rhodesiensis-Fund (der sich von den zeitgleichen Heidelbergensis-Funden in Europa nicht wesentlich unterscheidet) und
  • die grazilen Homo naledi (die zwar aufrecht gingen, deren Gehirngröße aber nur wenig über der von Schimpansen lag).*)
Eine ähnliche Situation von mehreren parallelen Menschenarten wird für das zeitgliche Eurasien angenommen.*) Oder noch genauer (nach heutigem Kenntnisstand) (3):
Homo sapiens in Regionen wie Marokko und Äthiopien, Homo heidelbergensis in Süd- und Zentral-Afrika und Homo naledi in Südafrika, bekannt für seine primitiven Merkmale, einschließlich Merkmalen, die ihn fähig machen, auf Bäume klettern zu können.
Homo sapiens in places like Morocco and Ethiopia, Homo heidelbergensis in south-central Africa, and Homo naledi in South Africa, known for primitive features including traits suitable for tree-climbing.
Oder noch etwas anders der die Studie leitende Anthropologe Stringer (4):
"Bislang ist der Broken Hill-Schädel angesehen worden als Teil einer in Afrika weitverbreiteten evolutionären Sequenz mit allmählichen Übergängen vom archaischen zu modernen Menschen. Nun aber sieht es so aus, als ob die primitive Art Homo naledi in Südafrika überlebte, Homo heidelbergensis in Zentralafrika lebte und frühe Formen unserer eigenen Art in Regionen wie Marokko und Äthiopien."  
"Previously, the Broken Hill skull was viewed as part of a gradual and widespread evolutionary sequence in Africa from archaic humans to modern humans. But now it looks like the primitive species Homo naledi survived in southern Africa, H. heidelbergensis was in Central Africa, and early forms of our species existed in regions like Morocco and Ethiopia."
Damit könnte sich andeuten, daß der anatomisch moderne Mensch zwischen Äthiopien und Marokko zum anatomisch modernen Menschen geworden ist. Bekanntlich war die Sahara damals eine fruchtbare Steppenlandschaft wie man nicht nur durch geologische Untersuchungen der letzten Jahrzehnte weiß, sondern auch noch an heutigen Felsbildern daselbst ablesen kann.

Damit würde deutlicher werden, daß die schon angenommene Mosaik-Evolution in Afrika vor 300.000 Jahren tatsächlich eine solche war, daß hier also nicht Afrika-weit einheitlich eine Population einen Artwandel durchgemacht hat hinüber in eine andere, anatomisch modernere Art, sondern daß zeitgleich in unterschiedlichen Regionen Afrikas parallel unterschiedliche Entwicklungen statthatten. Und die genetischen und archäogenetischen Daten in jüngsten Studien (u.a. auch von David Reich) gaben schon Hinweise darauf, daß es nicht nur außerhalb von Afrika Einkreuzungen von Neandertalern in unsere Linie gab, sondern auch noch in Afrika Einkreuzungen ursprünglicher Menschenarten in unsere Linie (5).

Einen Vertreter einer solchen zeitgleichen, ursprünglicheren Menschenart scheint man nun mit diesem Broken Hill-Schädel vor sich zu haben (Abb. 1).

Natürlich, irgendwann muß es ja zur Abspaltung der anatomisch moderneren Menschenformen von den anatomisch archaischeren gekommen sein. Diese fand also innerhalb Afrikas und auch dort noch einmal regional begrenzt statt. Und natürlich konnten die beiden Menschenarten, die sich da anfangs unterschiedlich entwickelten, phasenweise noch Genmaterial miteinander austauschen. Es muß aber natürlich auch Zeiten der genetischen Isolation voneinander gegeben haben.

Spannend wird nun sein, noch genauer einzugrenzen, in welchem Zeitraum genau es zu einer isolierten Weitentwicklung zum anatomisch modernen Menschen hin - vermutlich im nördlichen Afrika - gekommen ist. Und wann genauer es dann nach dieser isolierten Weiterentwicklung zu einer erneuten Einkreuzug gekommen ist, ohne daß dann aber die weiter entwickelten Merkmale dabei wieder verloren gegangen sind.

Auch wäre zu klären, warum eigentlich der Homo heidelbergensis so lange parallel zum Homo naledi leben konnte, warum der eine den anderen nicht "ausgerottet" hat oder zum Aussterben gebracht hat über viele hunderttausende von Jahren hinweg. Und es dürfte spannend sein zu erfahren, wie es dann zum Genetic Replacement nicht nur ab 40.000 Jahren vom nördlichen Afrika aus in Europa gekommen ist, sondern vor vielleicht 100.000 Jahren (?) zum Genetic Replacement gekommen ist vom nördlichen Afrika aus Richtung Südafrika.
__________
*) (2): "The result suggests that later Middle Pleistocene Africa contained multiple contemporaneous hominin lineages (that is, Homo sapiens, H. heidelbergensis/H. rhodesiensis and Homo naledi), similar to Eurasia, where Homo neanderthalensis, the Denisovans, Homo floresiensis, Homo luzonensis and perhaps also Homo heidelbergensis and Homo erectus were found contemporaneously."
__________
  1. https://www.sciencenews.org/article/broken-hill-skull-fossil-may-be-from-african-ghost-population
  2. Rainer Grün et al. Dating the skull from Broken Hill, Zambia, and its position in human evolution, Nature (2020). DOI: 10.1038/s41586-020-2165-4, https://www.nature.com/articles/s41586-020-2165-4
  3. https://www.reuters.com/article/us-science-skull/landmark-skull-fossil-provides-surprising-human-evolution-clues-idUSKBN21J60V
  4. https://phys.org/news/2020-04-fossil-skull-modern-human-ancestry.html.
  5. https://www.sciencenews.org/article/some-west-africans-may-have-dna-genes-ancient-ghost-hominid.

Montag, 30. März 2020

Was geschieht im heranreifenden Embryo mit der Epigenetik?

Neueste Erkenntnisse zur epigentischen Vererbung an nachfolgende Generationen

Das folgende Video elektrisiert. Und zwar jedes mal aufs Neue, wenn man es sieht (1).





Vor allem ist es die Begeisterung, mit der dieser Forscher von seinen Forschungen berichtet. Aber es ist mehr. Er ist zugleich mit sehr grundlegenden Fragestellungen befaßt. Nämlich - letztlich - mit der Frage, wie Evolution eigentlich funktioniert, funktionieren kann, wie - vielleicht - neue Arten entstehen können. Leider gibt es zu diesem Video (noch) keine deutschen Untertitel.

Seit Jahrzehnten gibt es in der Wissenschaft Hinweise darauf, daß erworbene Eigenschaften - auch Erinnerungen, insbesondere traumatischer Art - an nachfolgende Generationen weiter gegeben werden können. Dabei handelt es sich um die berühmte "Vererbung erworbener Eigenschaften", die seit dem berühmten Evolutionsforscher Jean-Baptiste de Lamarck (1744-1829) immer wieder erneut anerkannt und verworfen worden sind. Ihre Existenz ist aber inzwischen längst gesichert. Der am besten bekannte und erforschte Mechanismus diesbezüglich ist der Umstand, daß an den DNA-Strang sogenannte "Methyl"-Gruppen angehängt sind. Diese bestimmen, ob ein bestimmter Abschnitt der DNA abgelesen werden soll oder nicht, bzw. in welchem Umfang das geschehen soll. Das wird auch als Methylisierung bezeichnet. Der Methylisierungszustand bestimmt zunächst, ob innerhalb eines Körpers aus einer undifferenzierten Körperzelle eine Leberzelle, eine Nervenzelle oder eine Darmepithelzelle wird. Denn alle diese Zellen haben ja denselben Genomsatz, der aber in jeder Zelle unterschiedlich abgelesen werden muß. Und genau das geschieht über die Methylisierung, die der wichtigste Aspekt des Themas Epigenetik bildet. Aber es gibt nun viele Hinweise darauf, daß bestimmte Arten der Steuerung dieser Methylisierung von einer Generation zur anderen weiter gegeben werden kann, wodurch man eben dann die "Vererbung erworbener Eigenschaften" hat.

Wenn man nun zum Beispiel eine untersuchte Person hat, die (wie der Autor dieser Zeilen) zwei Großväter gehabt hat, die beide starke Raucher gewesen sind und die (vermutlich) stark geraucht haben sowohl
a) vor der Zeugung ihrer Kinder (also vor der Zeugung der Eltern der untersuchten Person), bzw.
b) in der Nähe ihrer schwangeren Ehefrauen, bzw.
c) in der Nähe ihrer Kinder,
dann kann sich das noch nachteilig auswirken auf den Gesundheitszustand bis auf die Enkelgeneration (also bis auf die untersuchte Person hin). Wenn Großeltern längere Zeit gehungert haben, sind ebenfalls solche Auswirkungen festgetellt worden. Ebenso gibt es Hinweise, daß auf diese Weise die Auswirkungen von Traumatisierungen an nachfolgende Generationen weiter gegeben werden können.


Abb. 1: Epigenetische Reprogammierungen während der Embryo-Entwicklung (obere Reihe), sowie die Blut-Hoden-Schranke, die wichtig ist bei der Heranreifung der männlichen Samenzellen (untere Reihe) (aus: 1)

Die Mechanismen allerdings, über die das geschieht, sind im einzelnen noch keineswegs besonders gut verstanden. Kürzlich ist ein Überblick zum aktuellen Forschungsstand erschienen (2). Er behandelt den Forschungsstand bezüglich von Menschen und nichtmenschlichen Säugetieren, hat also nicht solche Organismen im Blick, über die im einleitenden Video dieses Blogartikels so begeistert und mitreißend berichtet wird.

Dennoch wollen wir ihn im folgenden auswerten. Dieser Überblicksartikel enthält eine solche Fülle an Neuerkenntnissen (für uns), die insgesamt von Bedeutung sind, wenn man sich in diesem Forschungsgebiet zurecht finden will. Dieser Überblick enthält also ebenso wie das Video viele Erkenntnisse, über die man erst in den letzten zehn Jahren angefangen hat, Klarheit zu gewinnen. Deshalb erfährt auch der Autor dieser Zeilen (dessen Biologiestudium 25 Jahre zurück liegt) bei diesen Gelegenheiten zum ersten mal von ihnen. Es wird inzwischen viel genauer der Frage nachgegangen, über welche Wege epigenetische Programmierungen eines erwachsenen Menschen oder eines erwachsenen Tieres an die Nachkommenschaft weiter gegeben werden können und in welchen Lebensphasen das geschiehen könnte (Abb. 1).

Die Einsichten sind zugleich auch in der Grafik, die dieser Studie entnommen wurde, übersichtlich zusammengefaßt (Abb. 1).

Was geschieht vor der Zeugung, was während der Zeugung, was in den Tagen und Wochen danach?


Es gibt vieles, was einem auch als biologisch hinreichend gebildeten Menschen hier zum ersten mal klar werden kann. Dazu gehört zum Beispiel der Umstand, daß auch voll entwickelte Samen- oder Eizellen eines Menschen oder Säugetieres ausdifferenzierte, spezialisierte Zellen sind. Und zwar so wie (fast) jede andere Zellart des Körpers auch. Denn sie weisen eine ähnlichen Methylisierungsgrad auf wie die sonstigen Körperzellen. Allerdings: Es stehen dabei die (männlichen) Samenzellen dem typischen epigenetischen Methylisierungsgrad ausdifferenzierter Körpergewebe (etwa 80 %) deutlich näher als die (weiblichen) Eizellen. Der epigenetische Methylisierungsgrad liegt bei diesen nur bei etwa 50 % liegt (Abb. 1). Ohne dem vorläufig weiter nachzugehen, schreiben wir erst mal hin: Der Grund dürfte vielleicht einfach nur sein, daß Samenzellen - wie andere Körperzellen auch - eine ganze Menge mehr "leisten" müssen auf ihrem Weg zur Eizelle als die Eizelle "leisten" muß, um sich befruchten zu lassen und in die Gebärmutter zu gelangen. (Das mag jetzt eine laienhafte Annahme sein. Wenn jemand unter Lesern dazu etwas Genaueres weiß, bitte mitteilen.)

In der Samenzelle wird der Methylisierungsgrad, der für ausdifferenzierte Körperzellen typisch ist, auf dem Weg hin zur Eizelle schon abgebaut (Abb. 1), so daß bei der Vereinigung der beiden Zellen beide in etwa den gleichen Methylisierungsgrad aufweisen. (Ohne jetzt genaueres zu wissen, könnte ich mir denken, daß dieser Abbau des Methylisierungsgrades innerhalb der Samenzelle vor allem direkt vor der Vereinigung oder unmittelbar danach geschieht.)

In den ersten zwei Wochen der Embryonalentwicklung nun geht der Methylisierungsgrad noch weiter zurück ("Post-Fertilization Reprogramming"), während dann ab der zweiten Woche der Methylisierungsgrad wieder zunimmt.

Aber nun wohlgemerkt: Diese Umstände sind deshalb so wichtig, weil wenn über diese Methylisierung erworbene Eigenschaften an die folgende Generation weiter gegeben werden sollen, muß es ja dafür noch "Restbestände" dieser Methylisierung geben. Und wie groß diese "Restbestände" an Methylisierung in den jeweiligen Lebensphasen der hier wichtigen Zellen sind, das eben wird in dieser Grafik (Abb. 1) dargestellt.

Wobei vorbehaltlich gesagt sein soll, daß Methylisierung nicht zwangsläufig der einzige Weg sein muß, über den erworbene Eigenschaften weiter gegeben werden können. In der hier benutzten Studie wird auch auf mehrere andere Möglichkeiten eingegangen. Aber Methylisierung spielt auf jeden Fall eine sehr wichtige Rolle. Und sichtbar ist eben, daß zu allen Zeiten "Restbestände" von Methylisierung übrig sind, so daß Methylisierung zumindest vom Prinzip her ein Weg sein kann, auf dem erworbene Eigenschaften von einer an die nächste Generation weitergegeben werden können.

Es ist nun auch außerordentlich spannend, sich klar zu machen, daß innerhalb des Embryos schon ab der fünften Schwangerschaftswoche die Heranreifung der Keimzellen (je nach Geschlecht: Ei- oder Samenzellen) beginnt und - was nun den Methylisierungsgrad betrifft, einen ganz anderen Weg einschlagen als das ganze übrige Körpergewebe des Embryos (Abb. 1). Während das übrige Körpergewebe des Embryos schon spätestens ab der achten Schwangerschaftswoche im Durchschnitt wieder das Methylisierungsmuster typischer ausdifferenzierter Körperzellen ausweist, findet in den künftigen Keimzellen des Embryos etwas ganz anderes statt, nämlich - - - erneut eine "Reprogrammierung" der Methylisierung. Die Methylisierung geht dabei auf fast 10 % zurück! Und erst zwischen der 16. und 19. Schwangerschaftswoche wird hier der Methylisierungsgrad wieder erreicht, der dann auch noch im Erwachsenenalter vorliegt.

Auf all diesem ergeben sich zunächst zwei Schlußfolgerungen: Genomische Prägungen können die "Reprogrammierung" nach der Befruchtung womöglich leichter überstehen als bei der Heranreifung der neuen Keimzellen (!). Das heißt, die Tochter-Generation kann - vom Prinzip her - mehr von den "erworbenen Eigenschaften" abkriegen als - zumindest auf direktem Weg (sprich noch während der Schwangerschaft) - die Enkelgeneration. Natürlich kann auch die Tochter während ihres Lebens Eigenschaften erwerben, die sie dann an ihre Kinder weiter gibt und diese können dann die direkt von der Großelteren-Generation weiter gegebenen Eigenschaften verstärken oder abschwächen.

Wohlgemerkt, soweit das über den Methylisierungsgrad geschehen würde. So möchten wir das also alles erst einmal beim ersten Augenschein formulieren. Wobei es in der Studie heißt, daß es für die Vererbung erworbener Eigenschaften, die die Reprogrammierung nach der Befruchtung überstehen, schon mehr empirische Daten gibt, als für die Vererbung erworbener Eigenschaften, die auch noch die Reprogrammierung bei der Heranreifung der neuen Keimzellen überstehen (!). Das sei noch einmal im Originaltext zitiert (2, S. 7):
Das Ausmaß, in dem geprägte Regionen durch die Umwelt verändert werden und später an nachfolgende Generationen weiter gegeben werden können (z.B. über Generationen hinweg, indem sie die Reprogrammierung der heranwachsenden Keimzellen überstehen), ist weniger gut dokumentiert.
The extent to which imprinted regions are modified by the environment, and later transmitted to subsequent generations (i.e., transgenerationally by passing through primordial germ cell reprogramming) is less well documented.
Aber nun kommen noch weitere Umstände hinzu. Im Blut eines jeden Körpers kursiert "nicht kodierende" RNA (in Abb. 1: ncRNA). Dabei handelt es sich um Erbinformation, die zwar nicht zwangsläufig "funktionslos" sein muß, die aber zumindest keine Eiweißmoleküle kodiert. Das ist mit "nichtkodierend" gemeint. Das heißt nicht zwangsläufig, daß sie nicht dennoch auf die Genablesung, bzw. auf dem Methylisierungsgrad Einfluß nehmen könnte. Und diese RNA-Moleküle kursieren nun im Blut innerhalb von sogenannten "Exosomen". Wenn Sie, lieber Leser, noch nie etwas von solchen "Exosomen" gehört haben: Dem Autor dieser Zeilen geht es ebenso! (Wessen Biologiestudium 25 Jahre zurück liegt, muß ganz schön wach bleiben, um alles mitzukriegen und zu verstehen, was an der vordersten Front der Forschung alles so geschieht.) Jedenfalls kann natürlich auch in dieser RNA Information enthalten sein. Und diese könnte ebenfalls modifizierende Einlfüsse der Umwelt als Gedächtnis enthalten und mit dieser Information Einfluß nehmen auf die Reprogrammierung in den heranreifenden Keimzellen im Embryo und auch noch während des Erwachsenenalters - wenn sie denn eine "Schranke" überwinden könnte, von deren Existenz der Autor dieser Zeilen bislang auch nichts wußte, nämlich die "Blut-Hoden-Schranke". Verrückt.

Es gibt wohl schon eine gewisse Durchlässigkeit dieser Blut-Hoden-Schranke. Aber wie sie beschaffen ist, muß noch weiter erforscht werden. So viel sollten hier nur einige Grundkenntnisse zum neuesten Kenntnisstand mitgeteilt werden.

Nun gibt es aber auch noch jenen israelischen Wissenschaftler Oded Rechavi, der im Video eingangs zu Wort gekommen war, und der auch anhand des Modellorganismus Fadenwurm aufgezeigt hat, daß Erinnerungen nicht nur über die DNA, sondern auch über die schon genannte, evolutionär ältere RNA weiter gegeben werden können.

Aber was uns zunächst am bedeutsamsten erscheint: Er hat auch gefunden, daß es im Fadenwurm-Genom eine Uhr dafür gibt, für wie viele Generationen eine solche Erinnerung vererbt wird, eine Uhr, die sogar so eingestellt werden kann, daß die Erinnerung für immer weiter vererbt wird. Und könnte damit dann nicht insgesamt Artbildung erklärt werden vom Prinzip her? Diese Uhr, bzw. diesen Mechanismus hat Rechavi "Motek" genannt, das heißt im Hebräischen "süßes Herz".

Motek ist aber eigentlich die Abkürzung für "MOdified Transgenerational Epigenetic Kinetics" (3). Im Vortrag (Video) übrigens macht er so seine Scherze. Er weist einleitend daraufhin, daß frühere Forscher zu ähnlicher Thematik kein so schönes Lebensende gehabt hatten oder er erwähnt Beschneidungen, die aufzeigen würden, daß August Weismann sich seine berühmten Versuche zur Vererbung erworbener Eigenschaften hätte sparen können. Dieser hatte nämlich generationenlang Mäusen Schwänze abgeschnitten, ohne daß die Eigenschaft kürzere Schwänze dann vererbt worden wäre. Köstlich. Ach ne, ähm: Wissenschaft. ;-)
_________________
  1. Oded Rechavi: Transgenerational Biology - The Biology of Heritable Memories. TEDxVienna, 06.12.2019, auf: TEDx Talk, https://www.the-scientist.com/videos/inheriting-memories-66954.
  2. Calen P Ryan, Christopher W Kuzawa: Germline epigenetic inheritance: Challenges and opportunities for linking human paternal experience with offspring biology and health. In: Evolutionary Anthropology, March 2020, DOI: 10.1002/evan.21828 (Researchgate)
  3. http://www.odedrechavilab.com/research-6/2019/5/28/transgenerational-small-rna-inheritance.

Freitag, 27. März 2020

Die Ethnogenese des chinesischen Volkes

Sie erfolgte offenbar (bis in historische Zeit hinein) autochthon, ohne größere Zuwanderung von auswärts

Am 25. März ist eine neue archäogenetische Studie im Preprint erschienen (1). Versuchen wir, die wesentlichsten Erkenntnisse derselben zusammenzufassen, auch wenn sie in der Studie selbst so deutlich noch nicht in Worte gefaßt sind als wir das im folgenden tun werden.

Die heutigen Mongolen ebenso wie ihre vorgeschichtlichen Vorfahren stehen genetisch auf der Mitte zwischen der Völkergruppe des Amur-Flusses (repräsentiert durch die dortigen Ultschen [2]) einerseits und den Menschen im Hochland von Tibet (Nepal) andererseits. Auf der Mitte dieser Achse - zugleich leicht in Richtung südostasiatische Genetik hin verschoben - siedeln sich nun auch die Vorfahren jener Han-Chinesen an, die um 3.000 v. Ztr. am Mittellauf des Gelben Flusses in einer kargen Steppen-Region lebten, die heute Wüste geworden ist (1) (Abb. 1: die offenen, nach unten stehenden Dreiecke in der Mitte).

Abb. 1: Die Völkerkarte Ostasiens nach der Hauptkomponenten-Analyse ihrer genetischen Verwandtschaft; rot sind alle archäogenetisch erfaßten Völker - dabei die offenen, nach unten zeigenden Dreiecke: Wuzhuangguoliang; andere Farben sind die heutigen Völker, dabei: lila (Mitte): Han-Chinesen, grün (rechts): Südchinesen, hellblau (oben rechts) Ami auf Taiwan; gelb die Ultschen am Amur-Fluß und deren Verwandte (aus: 1)
Wir stellen also zunächst fest, daß die Genetik dieser vier großen, unterscheidbaren nordasiatischen Herkunftsgruppen, also
  • der Tibeter (Abb. 1: braun),
  • der Mongolen (orange),
  • der Amur-Leute (gelb) und
  • der Han-Chinesen (lila)
sehr eng mit dem geographischen (und auch kulturellen) Abstand dieser Gruppen zueinander zu korrelieren scheint. Und dieser auffällige Umstand scheint nicht erst heute vorzuliegen, sondern schon um 3.000 v. Ztr. (1). Was diese vier Großgruppen betrifft, sehen wir also zunächst einmal genetische Kontinuität über viele tausend Jahre hinweg. Eine größere geographische Ausbreitungsbewegung einer dieser vier "einheimischen" nordasiatischen Herkunftsanteile von einer Region in eine andere - wie sie für das Neolithikum Europas festgestellt worden ist von Seiten der Archäogenetik - ist für den Zeitraum bis 3.000 v. Ztr. für bislang China nicht festgestellt worden. Hinweise auf eine solche haben sich - jedenfalls bislang - noch nicht gefunden. Ein außerordentlich auffälliger Befund, der zunächst einmal sehr deutlich in Gegensatz steht zu dem bisherigen Bild, das auch wir selbst uns hier auf dem Blog über die Ethnogenese der Chinesen - sehr vorläufig - aufgrund ihrer heutigen Genetik gemacht hatten (2).

Abb. 1a: Legende zu Abb. 1 (aus: 1)

Natürlich kommt spätestens ab 3.000 v. Ztr. in der Mongolei und an der Westgrenze Chinas und Tibets die indogermanische Steppen-Genetik hinzu. Da wir diese aber in groben Zügen schon in früheren Blogartikeln behandelt haben und verstanden haben und diese neue Studie das Bild diesbezüglich nicht wesentlich neu zeichnet, soll diese Steppen-Genetik im vorliegenden Blogartikel unberücksichtigt bleiben. Es ist bislang jedenfalls nicht erkennbar, daß die damit verbundenen indogermanischen Völker irgendeinen genetischen Einfluß auf die Ethnogenese der Han-Chinesen gehabt hätten (1).

Die älteste, bislang archäogenetisch untersuchte Kultur, aus der das Volk der Chinesen offensichtlich hervorgegangen ist, ist bislang erst auf 3.000 v. Ztr. datiert (1). Und auffälligerweise findet sich um 3.000 v. Ztr. in den Vorfahren der heutigen Chinesen noch nicht jener südostasiatische Herkunftsanteil, der heute in allen Han-Chinesen (allerdings in unterschiedlichen Anteilen) vorhanden ist (Abb. 2). Dieser südostasiatische Herkunftsanteil scheint also - geschichtlich gesehen und entgegen dem Bild, das wir uns bisher auch hier auf dem Blog vorläufig gemacht hatten (2) - in der Entwicklung des chinesischen Volkes erst sehr spät dazu gekommen zu sein (vermutlich erst nach 300 v. Ztr.), also vermutlich erst in historischer Zeit.

Also - vorläufig und überraschenderweise - ein völlig anderes Bild als es für die Archäogenetik Europas in den letzten fünf Jahren erarbeitet worden ist!

Wenn wir nun in den Zeitraum vor 3.000 v. Ztr. hinsichtlich der Ethnogenese der Han-Chinesen zurück extrapolieren, so deutet sich bislang für uns an, daß die Han-Chinesen gar nicht hervorgegangen sind aus irgendwelchen großräumigeren Völkerbewegungen oder aus dem Zusammentreffen unterschiedlicher Herkunftsanteile (wie die neolithischen Kulturen Europas). Vielmehr könnte es so sein, daß sich die Han-Chinesen einfach aus den lokal am Gelben Fluß lebenden Jäger-Sammler-Völkern heraus weiterentwickelt haben und mit ihrer eigenen, gleichbleibenden Genetik zum Ackerbau übergegangen sind. Dann würde unsere erst kürzlich aufgestellte Hypothese, bzw. sehr spekulative Vermutung (2), daß die erfolgreichste Evolution von Intelligenzgenetik der Völker auf der Nordhalbkugel regelmäßig etwas mit "Halb-und-Halb"-Mischungen genetisch sehr unterschiedlicher Herkunftsgruppen zu tun haben könnte, widerlegt sein.

Am Mittelauf des Gelben Flusses (Wiki) im Norden Chinas, wo immer schon die Wiege der chinesischen Zivilisation vermutet worden war, gibt es also einen Ausgrabungsort aus der Zeit um 3.000 v. Ztr. mit den Überresten von 20 Menschen, die sequenziert werden konnten, nämlich in Wuzhuangguoliang (zur Orientierung: Abb. 3 und 4). Die Aufbereitung der Gendaten, gewonnen aus Knochenresten von 20 unterschiedlichen Menschen dieses Ausgrabungsortes steht im Mittelpunkt der ersten, umfassenden archäogenetischen Studie zur Geschichte der Han-Chinesen, die am 25. März im Vorabdruck erschienen ist (1). Diese Studie wertet insgesamt die archäogenetischen Daten von 191 Menschen aus, die zwischen Neolithikum und Eisenzeit in verschiedenen Regionen Ostasiens gelebt haben (Jomon in Japan, Völker auf Taiwan, in Tibet, der Mongolei und so weiter).

Abb. 2: Der Anteil der südostasiatischen Reisbauern-Herkunft (orange) bei den heutigen Han-Chinesen (blau) - der sich nach Nordchina - vermutlich - erst in historischer Zeit ausgebreitet hat (aus 1)
In Abbildung 2 sehen wir nun, was wir in früheren Beiträgen schon grob behandelt hatten: Ein südchinesischer Herkunftsanteil, der vermischt ist mit einem nordchinesischen Herkunftsanteil. Allerdings ist die Vermischung zwischen beiden nicht "Halbe-Halbe", wie wir es bisher angenommen hatten, sondern jener nordchinesische Herkunftsanteil wie er in den Skeletten von Wuzhuangguoliang gefunden wurde (und der - übrigens! - auch keineswegs - wie bislang von uns angenommen - identisch ist mit der Herkunftsgruppe der Leute am Amur-Fluß), beträgt bei den heutigen Han-Chinesen zwischen 77 und 93 % (1) und der südchinesische Herkunftsanteil macht jeweils den Rest.

Aber dieser Rest kann sich bis zum Gelben Fluß erst lange nach 3.000 v. Ztr. ausgebreitet haben. Denn wenn wir nun noch berücksichtigen, daß die heutigen Japaner und Koreaner genetisch - nach dieser Studie - zu  84, bzw. 87 % Han-Genetik in sich tragen und zu 15, bzw. 12 % (einheimische) Jomon-Genetik, aber keinerlei südostasiatische Genetik (1), dann muß der Zufluß der letzteren nach Nordchina auf eine Zeit datiert werden nach der Besiedelung Koreas und Japans durch Reisbauern Han-chinesischer Herkunft, nämlich nach 300 v. Ztr. (Wiki).

Diese Überlegung wird in der ausgewerteten Studie (1) noch gar nicht formuliert, scheint uns aber doch sehr naheliegend zu sein.

Und wie schon angedeutet, stellt sich nun heraus, daß dieser nordchinesische Herkunftsanteil - wie er sich um 3.000 v. Ztr. so unvermischt in Wuzhuangguoliang am Mittellauf des Gelben Flusses findet - keinesfalls identisch ist mit der Genetik der Ultschen am Amur-Fluß nördlich von Korea, wie wir das bislang wahrgenommen hatten (2). Vielmehr zeigt sich in Abbildung 1, daß die Menschen von Wuzhuangguoliang um 3.000 v. Ztr. genetisch noch sehr viel uneinheitlicher waren ("weiter streuten") als das die Han-Chinesen heute tun (Abb. 1: offene, nach unten stehende Dreiecke). Aber sie stehen genetisch eben sehr deutlich der Mitte eines Verwandtschaftsgradienten zwischen den Ultschen am Amur-Fluß einerseits und den Tibetern im Hochland von Tibet andererseits. Und sie weichen auch von den ebenfalls auf dieser Mitte stehenden Mongolen ab. Genetisch sind die Mongolen vom südchinesischen Herkunftsanteil noch weiter entfernt als die Han-Chinesen von Wuzhuangguoliang.

Und damit ergibt sich das Bild, das wir eingangs schon beschrieben haben.

Abb. 3: Der archäologische Fundort Wuzhuangguoliang in der Nähe von Hengshan am Gelben Fluß an der Südgrenze der Inneren Mongolei
Wuzhuangguoliang ist heute Wüste, um 3.000 v. Ztr. war es Steppen-Gebiet. Die Menschen dort haben Rinder und Schweine gehalten, aber auch viel Wild gejagt.

Soweit die uns wesentlichsten Ergebnisse der Studie. Nun noch Detailerkenntnisse zu einigen der genannten Großgruppen, Detailerkenntnisse, die aber nicht mehr das große Bild betreffen, jedoch manche Differenzierungen im Detail erlauben.

Die tibetische Völkergruppe


Die Großgruppe der Tibeter, also das in der Studie erörterte tibetische Cluster wird von den Forschern in drei Unter-Cluster eingeteilt, in ein "Kern-tibetisches" (dem heutigen Nepal nahestehendes), ein Nord-tibetisches (in das sich indogermanische Steppen-Genetik von der Seidenstraße her kommend eingemischt hat) und ein  "Tibet-Yi Korridor"-Cluster, angesiedelt am östlichen Ende des tibetischen Plateaus, in der Region, die das Hochland von Tibet mit den tiefer gelegenen Regionen verbindet. In dieser Region lebt beispielsweise auch die Volksgruppe der Qiang (Wiki). Außerdem leben hier Volksgruppen, die Tibetisch-sprachig sind, sowie Lolo-Burmesisch-Sprechende. Sie alle tragen heute zu 30 bis 70% südostasiatische Herkunftsanteile in sich. Und es darf wohl vorläufig davon ausgegangen werden, daß diese südostasiatischen Herkunftsanteile sich auch hier erst in historischer Zeit eingemischt haben. (Wie gesagt: alles vorläufige Wahrnehmungen.)

Die Völkergruppe am Amur-Fluß


An der Küste südlich von Wladiwostok fand man eine ganze Familie der neolithischen Boisman-Kultur (5.000 v. Ztr.) (Wiki) bestattet, und zwar ein Elternpaar und vier Kinder (1). Diese Boisman-Bauern-Kultur war ein Fischervolk und hat viele Muschelhaufen hinterlassen (1; Suppl Inform.). Und dieses Volk stand nun dem Fischervolk der Ultschen am Amur-Fluß (und gefundenen Skeletten einer dortigen Teufels-Höhle) noch vergleichsweise nahe. In der Studie heißt es dazu (1):
Die Individuen der neolithischen Boisman-Kultur (etwa 5.000 v. Ztr.) und der eisenzeitlichen Yankovsky-Kultur (etwa 1.000 v. Ztr.) zusammen mit schon früher publizierten Daten aus der Teufels-Höhle (etwa 6.000 v. Ztr.) sind genetisch untereinander alle sehr ähnlich. Sie dokumentieren das kontinuierliche Bestehen dieses Herkunftsprofils im Tal des Amur-Flusses über 8.000 Jahre hinweg. (...) Die neolithischen Boisman-Individuen teilen Herkunftsanteile mit den Jomon wie dies hatte angenommen werden können aufgrund ihrer Zwischen-Stellung zwischen der Ostmongolei und den Jomon. 
The individuals from the ~5000 BCE Neolithic Boisman culture and the ~1000 BCE Iron Age Yankovsky culture together with the previously published ~6000 BCE data from Devil’s Gate cave are genetically very similar, documenting a continuous presence of this ancestry profile in the Amur River Basin stretching back at least to eight thousand years ago (Figure 2 and Figure S2). The genetic continuity is also evident in the prevailing Y chromosomal haplogroup C2b-F1396 and mitochondrial haplogroups D4 and C5 of the Boisman individuals, which are predominant lineages in present-day Tungusic, Mongolic, and some Turkic-speakers. The Neolithic Boisman individuals shared an affinity with Jomon as suggested by their intermediate positions between Mongolia_East_N and Jomon in the PCA and confirmed by the significantly positive statistic f4 (Mongolia_East_N, Boisman; Mbuti, Jomon).
Hier handelt es sich also um jene Völkergruppe, die wir kurzgefaßt die Amur-Fluß-Leute genannt haben. Und von diesen stammen die heutigen Han-Chinesen eben keinewegs ab, wie wir bislang angenommen hatten (ausgehend von einem Blogartikel, wenn wir uns recht entsinnen, von Razib Khan.)

Die südostasiatische Völkergruppe


Auch die südostasiatische Herkunftsgruppe (bislang repräsentiert durch die taiwanesischen "Amis") konnte besser aufgeklärt werden (1):
Die archäogenetisch untersuchten archäologischen Kulturen in Taiwan und die Völker austronesischer Sprache teilen mehr Herkunftsanteile mit Tai-Kadai-sprachigen Volksgruppen im südlichen Festland-China und auf der Hainan-Insel als sie dies mit anderen Ostasiaten tun. Diese Tatsache steht im Einklang mit der Hypothese, daß jene vorgeschichtlichen Populationen, die viel genetische Ähnlichkeit mit den heutigen Tai-Kadai-Sprachigen haben, die Quelle für die Ausbreitung des Ackerbaus nach  Taiwan vor 5000 Jahre waren. 
Ancient Taiwan groups and Austronesian-speakers share significantly more alleles with Tai-Kadai speakers in southern mainland China and in Hainan Island than they do with other East Asians (Table 395S8), consistent with the hypothesis that ancient populations related to present-day Tai-Kadai speakers are the source for the spread of agriculture to Taiwan island around 5000 years ago.
Aber dann natürlich nicht nur für die Ausbreitung des Ackerbaus nach Taiwan, sondern über ganz Südchina, eben die Reisbauern am Jangtse. Etwas später heißt es dementsprechend noch einmal (1):
Fast die gesamte Herkunft der Völker austronesischer und Tai-Kadai-Sprachen besteht aus der Jangtse-Reisbauern-Herkunft und die Herkunft einiger austroasiatisch sprechender Völker leitet sich zu zwei Dritteln aus dieser Herkunftgruppe ab.
The Yangtze River farmer related ancestry contributed nearly all the ancestry of Austronesian speakers and Tai-Kadai speakers and about 2/3 of some Austroasiatic speakers.
Darüber hatten wir ja auch schon in früheren Blogartikeln geschrieben. Und hier scheint das große Bild zunächst nicht verändert zu werden durch die neue Studie.

Die Han-Chinesen


Dann eben heißt es über die Herkunft der Han-Chinesen selbst und zwar unseres Erachtens zunächst etwas irreführend (1):
Die Han-Chinesen dürften in unterschiedlichen Herkunfts-Anteilen eine Mischung sein zwischen Gruppen, die der neolithischen Wuzhuangguoliang-Kultur nahestehen und Völkern, die dem südostasiatischen Cluster nahestehen.
Han Chinese may be admixed in variable proportions between groups related to Neolithic Wuzhuangguoliang and people related to those of the Southeast Asian Cluster.
Diese Aussage wird vermutlich - wie ausgeführt - nur zutreffen für die Han-Chinesen frühestens in historischer Zeit, also frühestens nach 300 n. Ztr.. Dieser Umstand dürfte doch nicht ganz unbedeutend sein. Weiter heißt es in der Studie, was sich eben wiederum nur auf die Chinesen höchstens der letzten 2000 Jahre beziehen wird (1):
Wir können fast alle heutigen Han-Chinesen modellieren als Mischlinge zweier ursprünglicher Populationen mit 77 bis 93 % genetischer Herkunft, die in Beziehung steht zum neolithischen Wuzhuangguoliang vom Tal des Gelben Flusses, und mit dem Rest von einer Population, die in Beziehung steht zum vorgeschichtlichen Taiwan, von der wir annehmen, daß sie eng mit den Reisbauern des Jangtse-Flusstales verwandt war.
We can model almost all present-day Han Chinese as mixtures of two ancestral populations, in a variety of proportions, with 77-93% related to Neolithic Wuzhuangguoliang from the Yellow River basin, and the remainder from a population related to ancient Taiwan that we hypothesize was closely related to the rice farmers of the Yangtze River Basin.

Die mongolische Völkergruppe


Spannend ist vielleicht noch, daß die Xiongnu und die Mongolen, aus denen zu nicht geringen Anteilen jene Hunnen hervorgegangen sein werden, die die antiken indogermanischen Reiche Westasiens und des Mittelmeerraumes (Fürstentümer an der Seidenstraße, Sogder, Iraner usw.) mit der Völkerwanderung in der Spätantike zum Einsturz brachten, zu 20 bis 40 % genetischen Herkunftsanteil von Han-Chinesen hatten  zusätzlich zu Herkunftsanteilen aus der zweiten Welle der Indogermanen-Ausbreitung (Shintashta/Andronovo) und zusätzlich einheimischen mongolischen genetischen Anteilen (1).
Abb. 4: Der Gelbe Fluß, unter anderem mit seinen Nebenflüssen Wuding und Fen (Wiki)

Und auch diese Studie bestätigt wieder, daß sich in der Population von Shirenzigou die Genetik der ersten Indogermanen-Ausbreitung (Yamnaja/Afanasievo) bis 190 n. Ztr. gehalten hat. Diesen Umstand hatten wir ja hier auf dem Blog schon behandelt. Sie tragen zu je einem Drittel als Herkunftsanteile in sich: Turkvolk-Anteil (westsibirische Jäger/Sammler), Mongolen-Anteil und ursprünglicher Indogermanen-Anteil.

Keineswegs kann und soll mit diesem Blogartikel irgend etwas Abschließendes zur Thematik gesagt werden. Es dürfte immerhin spannend sein, ob sich die Umrisse des hier gezeichneten Bildes künftig durch weitere Forschungen bestätigen werden oder ob das Bild doch noch einmal ganz anders zu entwerfen ist!
__________
  1. The Genomic Formation of Human Populations in East Asia. Chuan-Chao Wang, Hui-Yuan Yeh, Alexander N Popov, (...) Stephan Schiffels, Douglas J Kennett, Li Jin, Hui Li, Johannes Krause, Ron Pinhasi, David Reich bioRxiv 2020.03.25.004606; veröffentlicht 25.3.2020, doi: https://doi.org/10.1101/2020.03.25.004606
  2. Bading, Ingo: Im Jangtse-Delta entstand ein großes, begabtes Volk - Die Entstehung des chinesischen Volkes zwischen Früh- und Spätneolithikum. 23. September 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/09/im-jangtse-delta-dort-entstand-ein.html
  3. Tricia E. Owlett: Finding greener pastures - The local development of Agro-Pastoralism in the Ordos Region, North China. Journal of Indo-Pacific Archaeology 40 (2016):42-53 (pdf)

Samstag, 14. März 2020

"Bamboo ceiling" - Das Weiterwirken ethnischer Mentalitäten in modernen Firmenkulturen

Die Benachteiligung von Ostasiaten in Führungspositionen der USA

Ostasiaten - also Menschen chinesischer, koreanischer und japanischer Abstammung - sind in Bezug auf das Erreichen von Führungspositionen in den USA sehr stark benachteiligt. Dieser Umstand wird gegenwärtig unter dem Stichwort "Bamboo ceiling" (Wiki), also "Bambus-Decke" erörtert. Dieses Wort ist eine Metapher dafür, daß Ostasiaten Führungspositionen oft in unmittelbarer Sichtweite über sich sehen, sie aber dennoch nie erreichen. Dieses Thema belehrt einmal erneut eindrucksvoll über die großen Mentalitäts-Unterschiede zwischen Kulturen und wie diese sich auf das tägliche Leben und auf Firmenkulturen auswirken.

Abb. 1: Fischersmann und Fischersfrau,
 gemalt von dem chinesischen Maler
Huang Shen (1687–1772) (Wiki)
Man hatte bislang bei diesem Thema alle Asiaten in einen Topf gesteckt, es waren also auch die Inder zu dieser benachteiligten Gruppe gezählt worden. Eine neue Studie (1) macht aber nun darauf aufmerksam, daß sogar Weiße gegenüber Indern in Führungspositionen der USA benachteiligt sind (wenn man den jeweiligen Anteil in Führungspositionen in Beziehung setzt zu dem Anteil der jeweiligen Ethnie in der Gesamtbevölkerung). Und die Studie benennt als Ursache für diese starken Unterschiede zwischen Ostasiaten und Indern die Eigenschaft, bzw. das Persönlichkeitsmerkmal "Durchsetzungsvermögen".

Bei dieser Gelegenheit versteht man vielleicht auch zum ersten mal besser die Bedeutung der Inhalte des Buches von Angela Saini "Geek Nation - How Indian Science is Taking Over the World" (2). Saini ist Engländerin indischer Abstammung. Und in England dürften die Inder auch keine geringe Rolle in Führungspositionen spielen.

Die Bedeutung des Themas insgesamt wird an folgendem Umstand erkennbar (Wiki): Asiaten machen nur 5,6 % der Einwohner der USA aus, sie haben aber Anteil an 50 % der Technologie-Industrie im Silicon Valley, also der Zukunftstechnologie.

Die Tatsache, daß es derzeit noch so gut wie keine deutschsprachigen Artikel über das Thema "Bamboo celing" gibt (Ausnahme: 3), zeigt, daß Deutschland offenbar noch nicht in dem Umfang eine multikulturelle Gesellschaft ist oder als solche wahrgenommen wird wie die USA (oder Großbritannien).

Es ist sehr interessant, wie das Verhalten von Ostasiaten innerhalb von Firmenkulturen in diesem Zusammenhang beschrieben wird. Sie werden "als fleißige Arbeitsbienen" wahrgenommen, die nicht auffallen, die sich aber auch nicht zu Wort melden, wenn kontrovers diskutiert wird. Hingegen scheint es auch wieder nicht gut zu laufen, wenn sie sich im Widerspruch zu diesem weit verbreiteten Klischee verhalten (3):
"Einem temperamentvollen Asiaten werde leicht nachgesagt, daß er dazu neigt, die Fassung zu verlieren, sagt Psychologin Kawahara. Eine Studie der Universität Toronto zu Klischees am Arbeitsplatz wies nach: Emotional oder dominant auftretende Asiaten wurden von ihren weißen Kollegen häufig geschnitten. Eine gängige Forderung sei, daß sie sich den Erwartungen entsprechend verhalten und 'da bleiben sollen, wo sie hingehören', schreiben die Autorinnen Jennifer Berdahl und Ji-A Min."
Schlußfolgerung: Der Ethnozentrismus (Wiki) ist in jedem von uns viel tiefer drin als die meisten Menschen wahrhaben oder sich eingestehen wollen. Es tragen viele Faktoren zu ihm bei. 1. Unterschiedliche angeborene Muster in der Wahrnehmung, in emotionalen Reaktionen, im Denken, im Handeln, 2. frühkindlich durch Muttersprachenerwerb geprägte ebensolche Muster in der Wahrnehmung, in den Emotionen, im Denken und im Handeln, sowie 3. durch Religionen wie Stammesreligionen oder Konfuzianismus, Buddhismus oder Christentum seit Jahrhunderten gebahnte Muster und 4. schließlich alle mehr bewußter in der Peer-Group, in Schule und Ausbildung in der Gegenwart gebahnte, eingeübte, gelernte und antrainierten entsprechenden Muster. Es können zwischen diesen Ebenen durchaus Widersprüche bestehen, also Widersprüche zwischen dem in oberen Bewußtseinsschichten verschalteten Mustern zu Muster, die in tieferen Bewußtseinsschichten verschaltet sind. Sehr unterschätzt wird in dieser Hinsicht auch noch die Prägung der Kinder durch die vorherrschenden Rhythmen, bzw. durch den "Geist" der vorherrschenden Musikkultur, sprich, heute, der (außergewöhnlich unernsten, infantilisierten) "Pop-Kultur".

Ethnozentrismus ist auch durch multikulturelle Gesellschafts-Experimente nicht aus der Welt zu schaffen


Man versteht jedenfalls insgesamt, was für ein großer emotionaler Aufwand von Seiten der großen Medienanstalten betrieben werden muß, um einerseits neue, fast künstlich erdachte, gesellschaftliche Leitbilder zu kreieren und diese dann auch noch weltweit durchzusetzen zu wollen und dabei einheitlichere Ethnien und Nationen zu multikulturellen Nationen umzugestalten zu wollen und andererseits dabei auch noch ethnozentrisch verursachte Benachteiligungen einzelner Ethnien vermeiden zu wollen.

Es wird nachvollziehbar: Man braucht starke Feindbilder und muß über ausgebaute Machtpositionen - in Medienanstalten und anderwärts - verfügen, muß - zum Beispiel über Pop-Kultur - ganze Völker denkunfähig gemacht haben, um es sich zuzutrauen, das Widerstreben von Gesellschaften gegenüber solchen riesigen, gesellschaftlichen Umformungsprozessen überwinden zu können. Dieses Überwinden geschieht gegenwärtig dadurch, daß sie emotional außergewöhnlich stark polarisiert werden und dadurch über kurz oder lang zur Unterwerfung unter das neue Leitbild gezwungen werden. Es erscheint sehr zweifelhaft, daß solches Wollen, solche neuen, künstlichen und polarisierenden Leitbilder aus "der Mitte der Gesellschaft" heraus entstanden und kreiert worden sind. Dazu sind sie wohl doch viel zu künstlich und dazu ist der Besitz von Medienanstalten heute viel zu monopolisiert.

Vielmehr macht die weltweite Geschichte der letzten hundert Jahre ja ausreichend erkennbar: Man schreckt zur Erreichung solcher Ziele ja auch nicht vor Kriegen, Bürgerkriegen, Völkermorden und Atombomben zurück. Die Geschichte und Gegenwart erweisen dies zur Genüge.

Die Inder - Spielen sie eine besondere Rolle in der Weltgeschichte?


Das "Konzert der Nationen": Die Weltgeschichte hat bei der Schaffung von Hochkulturen viele Möglichkeiten bereit gestellt, komplexe arbeitsteilige Gesellschaft zu leben. Mit der hier behandelten Studie sehen wir die ostasiatische Möglichkeit, die indische Möglichkeit und die europäische Möglichkeit. Wenn es um IQ-starke Ethnien ging, sind die Inder bislang vielleicht nicht genügend als solche wahrgenommen worden, weil man ihre eigentümlichen Leistungen innerhalb der USA oder Großbritanniens nicht ausreichend für sich in den Blick genommen haben mag.

Diese neue Studie macht aber nun auf diese aufmerksam. Wenn es um wirtschaftlichen und kulturellen Erfolg geht, kommt es eben nicht nur auf Intelligenz an, sondern auch auf angeborene und kulturell geformte Verhaltensdispositionen. Während Europäer hinsichtlich ihres Verhaltens zu sehr viel Exzentrizität neigen, neigen Ostasiaten im Alltag hingegen - aufgrund ihrer an eine Konsens-Kultur angepaßte Mentalität - zu sehr viel weniger Exzentrizität. Womöglich halten die Inder diesbezüglich eine "günstige Mitte" inne? Besitzt ihre Mentalität damit womöglich eine Zukunftsfähigkeit, die die beiden anderen genannten großen Herkunftsgruppen der Menschheit nicht besitzen? Das mag zunächst nur eine vage Vermutung sein. Ihr kann und sollte aber womöglich weiter nachgegangen werden.

- Und soeben ist auch ein Artikel erschienen darüber, daß auch in Indien nicht alle Ethnien in gleichem Maße in der Wissenschaft Karriere machen, sondern daß dort die Jahrhunderte alte Ethnien der Brahminen die Wissenschaft dominieren. Das läge daran, daß die Brahminen schon seit Jahrhunderten mehr Geduld aufweisen würden für den Wissenserwerb und nicht auf das "schnelle Geld" aus wären (5). Auch wieder sehr interessant. Ein außergewöhnlicher Beitrag indischer Wissenschaftler zur Wissenschaft allgemein ist einem allerdings bislang wohl auch noch nicht aufgefallen
_______ 
  1. Why East Asians but not South Asians are underrepresented in leadership positions in the United States Jackson G. Lu, Richard E. Nisbett, and Michael W. Morris PNAS March 3, 2020 117 (9) 4590-4600; first published February 18, 2020, https://www.pnas.org/content/117/9/4590
  2. Angela Saini: Geek Nation: How Indian Science is Taking Over the World. 2011
  3. https://www.merckgroup.com/de/pro/articles/beyond-the-bamboo-ceiling.html
  4. https://www.pnas.org/content/117/10/5100
  5. Renny Thomas: Brahmins on India’s elite campuses say studying science is natural to upper castes: Study I researched Brahmin domination in science in India. 13 March, 2020, https://theprint.in/opinion/brahmins-on-india-campuses-studying-science-is-natural-to-upper-castes/378901/

Samstag, 7. März 2020

Die Toten aus der Schlacht bei Himera auf Sizilien, 480 v. Ztr.

Ausgegraben 2008 bis 2011

Da liegen sie, die gefallenenen Helden der Schlacht (Abb. 1), die gefallenenen Helden der Schlacht von Himera (Wiki, engl), geschlagen an der Nordküste Siziliens im Jahr 480 v. Ztr., die gefallenen Helden einer Schlacht, die am gleichen Tage geschlagen wurde - gegen Karthago - wie die Seeschlacht von Salamis vor den Toren Athens - gegen die Perser (1). Da liegen sie (2, 3). Der Sieg in der Seeschlacht von Salamis gegen die riesige Flotte der Perser ermöglichte das Aufblühen der klassischen griechischen Kunst, der Kultur, der Philosophie und des vielfältigen politischen Lebens der Griechen in der Ägäis. Der Sieg in der Landschlacht der Griechen von Sizilien bei Himera am gleichen Tag ermöglichte das Fortbestehen und Aufblühen der selben griechischen Kultur auf Sizilien und im westlichen Mittelmeerraum - im Angesicht der Bedrohung durch das aufsteigende karthagische Weltreich. Da liegen sie, die Gefallenen.

Abb. 1: Die Gefallenen aus der Schlacht von Himera, 480 v. Ztr. auf Sizilien

Welche Worte wohl mögen an ihrem Grabe, an dem Grabe von Gefallenen solcher weltgeschichtlich entscheidender Schlachten gesprochen worden sein? So ganz im Dunkeln tappen wir darüber gar nicht. Denn so völlig unähnlich werden sie nicht gewesen sein den Worten, die der berühmte athenische Politiker Perikles in seiner Grabrede auf die gefallenen Athener des Jahres 431 v. Ztr. (Wiki) wählte. Über den griechischen Historiker Thukydides sind diese Worte auf uns gekommen. Thukydides schilderte zunächst die Feierlichkeiten, die die Athener bei solchen Staatsbegräbnissen durchführten und hat dann die Rede des Perikles wörtlich zitiert. In ihr rühmt Perikles die Lebensweise der Athener, ihre Erfolge im Krieg wie im Frieden. Er sagt dann (Text):
Soll ich nun alles in wenigen Worten zusammenfassen, so ist einerseits die gesamte Stadt eine Bildungsstätte für Griechenland, andererseits wird, wie mir scheint, von unserem Geist beseelt der einzelne seine Person zugleich in größter Vielseitigkeit und anmutiger Gewandtheit tüchtig zeigen. (...) Für eine solche Stadt nun sind diese hier, um ihrer nicht beraubt zu werden, mannhaft im Kampf gefallen; für eine solche Stadt muß auch jeder der Zurückbleibenden bereit sein, sein Leben einzusetzen. (...) Ihr dürft nun die Macht der Stadt, wie sie euch täglich vor Augen steht, betrachten und ihr werdet von selbst in Liebe zu ihr erglühen.
Solche Gedanken haben gewiß auch jene beseelt, die die Gefallenen der Schlacht bei Himera bestatteten. Perikles war ein Zeitgenosse und auch zumindest Bekannter des Begründers der abendländischen Philosophie, des Philosophen Sokrates. Und dieser Sokrates hatte zu eben jener Zeit, als Perikles diese Rede hielt, selbst als Hoplit an mehreren Feldzügen der Stadt Athen teilgenommen. Sokrates dachte in keiner Weise anders als Perikles. Hier, in solchen Zusammenhängen, liegen die Wurzeln der abendländischen Kultur. Wo solche Gefallenen also begraben sind, so darf man sagen, da ist noch heute heiliger Boden. Wenn uns nur irgend etwas noch heilig sein soll in unserem Leben.

Da liegen sie also vor uns, die Gefallenen zweier Schlachten von Himera, nämlich der von 480 v. Ztr. und der von 409 v. Ztr., ausgegraben zwischen 2008 und 2011, nachdem ihr Gräberfeld entdeckt worden war beim Bau einer neuen Bahnlinie entlang der Nordküste Siziliens. Da liegen sie. Auch sie gefallen aus Liebe für ihre Stadt und aus Liebe zu ihrer Lebensweise, zu ihrer Kultur.

Abb. 2: Die Schlacht bei Himera, 480 v. Ztr. - Grafik aus dem Buch "History of Sicily" von Edward A. Freeman (Wiki)

Das "ionische Lächeln" noch ihrer Väter, der archaischen Griechen (Uni Göttingen), es war ihnen vergangen in diesen Schlachten zwischen 490 und 480 v. Ztr., die geschlagen wurden wiederum von der Vätergeneration der Generation des Perikles und des Sokrates. In jenen Schlachten, in denen alles "Spitz auf Knopf" stand. Das Aufblühen der Kultur des klassischen Griechenland, seiner Kunst, seiner Philosophie, seines vielfältigen politischen Lebens - oder das Ersticken dieses Aufblühens im Keim. Darum ging es damals bei  der Abwehr des Versuchs der Eroberung der griechischen Poliswelt - im Osten durch das persische Weltreich (Wiki) und im Westen durch das karthagische Weltreich. Diese Abwehr erfolgte in so berühmten Schlachten wie denen
  • bei Marathon - am 12. August oder September 490 v. Ztr.
  • an den Thermophylen - um den 11. August 480 v. Ztr. herum
  • in der Seeschlacht bei Salamis - am 29. September 480 v. Ztr.
  • in der Schlacht bei Plataiai - 479 v. Ztr..
Es war dies die Zeit, "als den Griechen das Lächeln verging" (Uni Göttingen), als auch in der Kunst der strenge und "ernste Stil" (Wiki) einkehrte, mit dem die klassische Epoche anhob, als in Theaterstücken wie "Die Perser" von Aischylos (Wiki) die Erschütterung, die damals durch die griechische Welt ging, Ausdruck fand.

Die Grabbräuche Athens waren solcherart, daß sonst die gefallenen athenischen Krieger auf dem Keramikos vor den Mauern der Stadt bestatten wurden, dort, wo auch Perikles seine berühmte Rede hielt. Dies aber galt für die 192 in der Schlacht bei Marathon gefallenen Athener nicht. Sie wurden direkt auf dem Schlachtfeld in einem Grabhügel bestattet (Wiki a, b). Mit ihnen wurden in diesem Grabhügel Vasen niedergelegt, deren Maler nach ihrer Wiederausgrabung am Ende des 19. Jahrhunderts sogar Berühmtheit erlangen sollte (Wiki). Denn mit ihnen war das exakte zeitliche Datieren eines Keramik-Malstiles möglich geworden.

Ein weiterer Grabhügel war für die 11 Gefallenen der verbündeten Plataier errichtet worden. Auf dem Schlachtfeld von Marathon stellten die Sieger außerdem eine Siegessäule auf (Wiki). Für heutige Verhältnisse handelte es sich um eine vergleichsweise bescheidene. Bei solchen in Marathon aufgeschütteten Grabhügeln handelte sich übrigens immer noch um den Typus des "Homerischen Heroengrabes", wie solche seit dem 10. Jahrhundert bis zum Königsgrab von Seddin in Deutschland und bis hinauf nach Dänemark verbreitet gewesen sind (4-6). Von diesem Typ sind in Attika für das 8. Jahrhundert v. Ztr. mindestens zehn Gräber, für das 7. und 6. Jahrhundert jeweils zwei, im 5. und 4. Jahrhundert noch einmal zwei Gräber nachgewiesen (6). Es gibt die Vermutung, daß auch der athenische Politiker Alkibiades (450-404 v. Ztr.) (Wiki) am Ende des 5. Jahrhunderts auf dem Keramikos in Athen noch in einem solchen Grab bestattet worden ist (6). Und wir erfahren hinsichtlich der beiden Grabhügel auf dem Schlachtfeld von Marathon (Wiki):
Einige Forscher haben aber vermutet, daß die Athener und ihre Verbündeten beim Aufrichten der Grabhügel an Homer erinnern wollten.
Some scholars have suggested that the raising of the tumuli was a deliberate attempt to evoke Homer by the Athenians and their allies.
Was den zeitgenössischen Griechen selbst nun noch allzu deutlich bewußt war, daran müssen wir Nachlebende erst durch Ausgrabungen erinnert werden (1), nämlich daß zeitgleich zu den Perserkriegen in der östlichen Ägäis im Westen auf Sizilien die griechische Welt ganz ebenso bedroht war, nämlich von Norden her durch die Etrusker und von Westen her durch die Karthager. Auf Sizilien gab es an der Nordküste unter vielen anderen griechischen und karthagischen Kolonialstädten die Stadt Himera (Wiki, engl). Und in ihrer Nähe fanden nun eben zwei weitere große, bedeutende Schlachten statt, diesmal der Griechen auf Sizilien gegen die Karthager von Nordafrika, die Sizilien erobern wollten. Die Schlachten fanden 480 v. Ztr. (Wiki, engl) und 409 v. Ztr. (Wiki) statt. Die erstgenannte Schlacht ging erfolgreich für die Griechen aus, die zweitgenannte Schlacht - auf karthagischer Seite geführt von dem berühtem Feldherrn Hannibal - ging erfolgreich für die Kartharger aus. Die Stadt Himera wurde 409 v. Ztr. in der Folge von den Karthagern dem Erdboden gleich gemacht.

Jüngst, im November 2019 wurde auf einer wissenschaftlichen Tagung in Boston zum Thema "Was an Homer ist historisch? - Jüngste Ergebnisse von Forschungen zur Bronzezeit" (1) auf diese neuen Forschungen zu der Schlacht bei Himera hingewiesen (Minute 14'33ff):



Wenn man dem Historiker Michael McCormick in diesem Video in seinen abschließenden, zusammenfassenden Worten dieser Tagung richtig versteht, haben jüngste Forschungen bestätigt, was schon von den zeitgenössischen griechischen Quellen so berichtet worden war, nämlich daß die Seeschlacht bei Salamis und die Schlacht von Himera im Jahr 480 v. Ztr. am selben Tag stattgefunden haben, am 29. September.  (Leider werden in dem Video keine Literaturhinweise dazu mitgeliefert.)

Durch diesen Hinweis erst wurden wir dazu angeregt, den vorliegenden Blogbeitrag zu erarbeiten, wurden wir also darauf gestoßen, daß 2007 bis 2011 unter einer Erdschicht von drei Metern vor den Westtoren von Himera neun Massengräber von diesen beiden Schlachten entdeckt worden sind, davon sieben aus dem Jahr 480 und zwei aus dem Jahr 409 (2). Aus dem Jahr 480 fanden sich außerdem 30 Pferde-Gräber (3):
Bemerkenswert und zugleich selten ist auch die Beisetzung von über 20 Pferden unweit der Massengräber. Gut möglich, daß es sich dabei um die in der Schlacht gefallenen Tiere der griechischen Reiterei handelt, die gemäß Diodor entscheidenden Anteil am siegreichen Ausgang der Schlacht gegen die Karthager von 480 v. Chr. hatte.
Unter den Bestatteten von 480 befanden sich auch Männer mit iberischen Beinschienen. Es handelte sich dabei sicherlich um Verbündete der Karthager aus dem heutigen Spanien. Diese wurden offenbar ebenso ehrenvoll bestattet wie die eigenen Gefallenen (2). Insgesamt handelte es sich in den Gräbern um Männer im Alter zwischen 15 und 57 Jahren, nicht selten mit Anzeichen von tiefen Wunden, die durch schneidende oder schlagende Waffen verursacht worden waren. Von diesen Waffen steckten sogar noch einige - wie Pfeile, Speerspitzen, Schwerter und Dolche - in den gefundenen Skeletten. Vor der Bestattung waren sie nicht mehr herausgezogen worden (2). 

Wenn man McCormick recht versteht (1), wird man bald mit den Ergebnissen der Sequenzierung gewonnener alter DNA aus diesen Skeletten rechnen dürfen. In einem englischsprachigen Video ist nun das dramatische Geschehen der Schlacht bei Himera 480 v. Ztr. sehr gut eingefangen worden (4):





Und wichtig zu wissen ist außerdem: In den Massengräbern von 409 v. Ztr., angelegt dicht unter den Mauern der Stadt, wurden in den oberen Schichten in chaotischer Weise auch viele Männer und Frauen jeden Alters bestattet (2). Mit diesen Funden wird das grausame und blutige Ende der Stadt "greifbar". Es sind dies die Zeitgenossen des Philosophen Sokrates (der 399 v. Ztr. mit 70 Lebensjahren zum Tode verurteilt wurde). Und es sind dies die Zeitgenossen seines Schülers, des Philosophen Platon.

Die Griechen selbst sind mit besiegen Städten nicht anders umgegangen als hier von Seiten der Karthager mit ihnen umgegangen worden ist. Es ist das ein Umstand, der immer neu zum Verwunderung Anlaß gibt (12).

"Hellas ziehend aus tiefer  Knechtschaft"


Dieses Ende der Stadt Himera 409 v. Ztr. war natürlich in den 470er Jahren noch nicht vorauszusehen. In ihnen hat vielmehr der griechische Dichterphilosoph Pindar in der ersten seiner "Pythischen Oden", verfaßt aus Anlaß eines Wagensieges des Hieron von Syrakus (Wiki) in den Wettkämpfen bei Delphi 474 v. Ztr., noch einmal - kurz - an die die Menschen erschütternden Ereignisse der letzten Jahre erinnert. Er erinnerte daran, daß die Etrusker von den Griechen auf Sizilien unter Hieron in der Seeschlacht von Cumä besiegt worden waren, die Karthager in der Schlacht von Himera, die Perser in den Schlachten von Salamis und Plataiai (beim "Kithäron"). Und Pindar wünschte, daß in den Städten auf Sizilien, in denen Hieron regierte, immer die dorische Staatsverfassung aufrecht erhalten bleibe, und daß weder die Karthager ("Phönizier"), noch die Etrusker ("Tyrrhener") erneutes Kriegsgeschrei nach Sizilien bringen möchten. Der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin hat sich um 1800 herum intensiv um die Dichtungen des Pindar bemüht. In Werkstatt-Versuchen hat er diese erste Pythische Ode ganz wörtlich übersetzt, oft ohne den eigentlichen Sinnzusammenhang kenntlich zu machen, der aber erahnbar bleibt:
Ich bitte, winke, Kronion, das stille,
Daß das Haus der Phönizier
Und der Tirrhenier Kriegsgeschrei hüte,
Den frechen Schiffbruch sehend,
Den vor Kuma;
Wie, durch der Syrakusier Fürsten
Bezähmt, sie gelitten,
Von schnellewandelnden Schiffen
Welcher ihnen ins Meer warf die Jugend,
Hellas ziehend aus tiefer
Knechtschaft. Ich suche
Bei Salamis der Athener Dank
Und Lohn; in Sparta nenn ich
Vor Kithäron die Schlacht,
In denen die Meder sich abgemüht die krummgebogten;
Doch bei dem wohlumwässerten Ufer
Himera, den Kindern den Hymnos
Dinomenens vollbringend,
Den sie empfingen zur Tugend
Kriegrischer Männer, kämpfender.
In den weiteren Worten seiner Ode entschuldigt sich Pindar dann quasi für die Kürze dieser Schlachten-Aufzählung. Er sagt sinngemäß (entnommen einem Kommentar zur Hölderlin-Übersetzung):
"Sprichst du das Rechte zur rechten Zeit, vieler Dinge Enden zusammenknüpfend in Kürze, so folgt geringerer Tadel der Menschen, denn lästiges Übermaß stumpft ab die regen Erwartungen. Bei den Menschen lastet heimlich auf den Seelen am meisten das Hören von fremdem Ruhm."
Diese Worte machen einerseits deutlich, wie ergriffen die Griechen noch sechs Jahre nach diesen Schlachten von dem Geschehen waren. Auf den größten, in diesen Schlachten erworbenen Ruhm verschwendete Pindar die sparsamsten Worte, um die Seelen seiner Zuhörer nicht zu sehr zu "belasten", die sich nicht zuletzt auch bedrückt fühlten durch den sagenhaften Ruhm, den sich jeweils die eigenen Feldherren errungen hatten. Diese eigenen Feldherren haben die Griechen ja deshalb im Nachhinein oft auch gar nicht besonders gut behandelt. In der Regel war es ja zu den Kriegen überhaupt erst gekommen, weil sich die Griechen in den Städten selbst uneins waren und Perser- und Karthager-freundliche Regierungen von ihnen feindlichen Regierungen wechselweise abgelöst wurden.

Abschließend sei nach diesem Ausflug in die große Weltgeschichte ein kurzer Ausschnitt gebracht aus der Dichtung "Der Archipelagus" (Wiki) von Friedrich Hölderlin. In dieser steht die Schlacht bei Salamis im Mittelpunkt. Hölderlin hat das geschichtliche Geschehen - aus einem geschichtsphilosophischen Denken heraus, das viele Gemeinsamkeiten aufweist mit dem seines Jugendfreundes G.F.W. Hegel - tiefer gefaßt als das die Dichter und Philosophen in den Jahrhunderten vor ihm und nach ihm getan haben:
Denn des Genius Feind, der vielgebietende Perse,
Jahrlang zählt' er sie schon, der Waffen Menge, der Knechte,
Spottend des griechischen Lands und seiner wenigen Inseln,
Und sie deuchten dem Herrscher ein Spiel, und noch, wie ein Traum, war
Ihm das innige Volk, vom Göttergeiste gerüstet.
Leicht aus spricht er das Wort und schnell, wie der flammende Bergquell,
Wenn er, furchtbar umher vom gärenden Aetna gegossen,
Städte begräbt in der purpurnen Flut und blühende Gärten,
Bis der brennende Strom im heiligen Meere sich kühlet,
So mit dem Könige nun, versengend, städteverwüstend,
Stürzt von Ekbatana daher sein prächtig Getümmel;
Weh! und Athene, die herrliche, fällt; wohl schauen und ringen
Vom Gebirg, wo das Wild ihr Geschrei hört, fliehende Greise
Nach den Wohnungen dort zurück und den rauchenden Tempeln;
Aber es weckt der Söhne Gebet die heilige Asche
Nun nicht mehr, im Tal ist der Tod, und die Wolke des Brandes
Schwindet am Himmel dahin, und weiter im Lande zu ernten,
Zieht, vom Frevel erhitzt, mit der Beute der Perse vorüber.

Aber an Salamis Ufern, o Tag an Salamis Ufern! ...
 _________________
  1. Michael McCormick: Concluding Remarks. Zu der Tagung "From Homer to History - Recent Results from Bronze Age Investigations" des Max Planck Harvard Research Center for the Archaeoscience of the Ancient Mediterranea (MHHAM) an der Universität Harvard, 1. November 2019, https://youtu.be/eQEhDFp7nH8.
  2. Himera: One of the greatest archaeological discoveries of recent decades emerges from oblivion. 11/21/2018, https://archaeologynewsnetwork.blogspot.com/2018/11/himera-one-of-greatest-archaeological.html
  3. Elena Mango: Himera - Kolonie am Kreuzweg der Kulturen. UniPress der Universität Bern 2013 (pdf)  
  4. Hansen, Svend: Seddin - ein „homerisches Begräbnis“. In: Svend Hansen u. F. Schopper (Hrsg.): Der Grabhügel von Seddin im norddeutschen und südskandinavischen Kontext. Internationale Konferenz 16. bis 20. Juni 2014, Brandenburg an der Havel. Gemeinsame Veranstaltung des Excellence Clusters TOPOI, des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseums und der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts. In: Arbeitsberichte zur Bodendenkmalpflege in Brandenburg 33, 2018, (Academia.edu).
  5. Bading, Ingo: Das Königsgrab von Seddin, 830 v. Ztr., 29.07.2019, https://youtu.be/13WSEl5tkx0. 
  6. Guggisberg, Martin A.: Gräber von Bürgern und Heroen: "Homerische"Bestattungen im klassischen Athen. Sonderdruck (S. 287-317) aus: Körperinszenierung - Objektsammlung - Monumentalisierung: Totenritual und Grabkult in frühen Gesellschaften. Archäologische Quellen in kulturwissenschaftlicher Perspektive. Hrsg. v. C. Kümmel, B. Schweizer, U. Veit u. Mitarbeit v. M. Augstein. Tübinger Archäologische Taschenbücher, Band 6 Waxmann Verlag GmbH  Münster u.a. 2008 (Academia.edu).
  7. The Battle of Himera (480 BCE) - First Sicilian War. Battles in History, 17.09.2017, https://youtu.be/vzGmF3qCdnA.
  8. How the Battle of Himera Started the Sicilian Wars, 08.01.2019, Battles of the Ancients
  9. I resti della battaglia di Himera (480 a.c.), 20.9.2011, https://youtu.be/KfH22ssDdtk
  10. Felix: Great Battle of History: Himera, 409 B.C., 16.02.2015, https://youtu.be/odJ2jOdtmEs
  11. Serena Viva, Norma Lonoce, Giorgia Vincenti ... Pier Francesco Fabbri: The mass burials from the western necropolis of the Greek colony of Himera (Sicily) related to the battles of 480 and 409 BCE. In: International Journal of Osteoarchaeology, January 2020, DOI: 10.1002/oa.2858 (Researchgate)
  12. Bading, Ingo: "Im ruhigen Ton der klassischen griechischen Tragödie ..." In der antik-griechischen Kultur galt der Mord an Wehrlosen noch nicht per se als moralisch minderwertig. 23. November 2013, https://studgendeutsch.blogspot.com/2013/11/im-ruhigen-ton-der-klassischen.html.

Freitag, 6. März 2020

Spaniens Vorgeschichte - Neue Erkenntnisse aus der Archäogenetik

Zuwanderungen nach Spanien in der Bronze- und Eisenzeit

Fußend auf einer neuen Studie zur Archäogenetik, sprich genetischen Geschichte der iberischen Halbinsel aus dem Jahr 2019 (1) hat der Humangenetiker David Reich im November 2019 in einem kurzen Vortrag an der Universität Harvard (2) den neuesten Erkenntnisstand zusammen gefaßt. Und wie bei fast jedem Vortrag von David Reich seit einigen Jahren wird man wieder überschüttet mit einer Fülle von neuen Einsichten zur Geschichte der Menschheit - übrigens keinesfalls nur der iberischen Halbinsel selbst.


Abb. 1: Verteilungskarte der keltischen und iberischen Stämme um 300 v. Ztr. (erstellt von Alcides Pinto auf der Grundlage einer Karte des portugisischen Archäologen Luís Fraga in "Campo Arqueológico de Tavira" (Wiki)

Eine erste indoeuropäische Zuwanderung nach Spanien erfolgte in Form der Glockenbecher-Kultur um 2.200 v. Ztr.. Durch sie hat im Laufe der folgenden Jahrhunderte kein Mann der ursprünglichen Bevölkerung der iberischen Halbinsel Nachkommen hinterlassen. Das haben wir schon in einem früheren Beitrag hier auf dem Blog behandelt (3). Es finden sich vielmehr Gräber von Ehepaaren, bei denen der Ehemann reine indogermanische Steppen-Genetik in sich trägt, die Ehefrau reine einheimische neolithische Genetik. Die daraus hervorgegangene Mischbevölkerung der Bronzezeit der iberischen Halbinsel war dann genetisch zur Hälfte indogermanisch ("Steppen-Genetik") und zur Hälfte vormals einheimische neolithische Genetik. 

Dazu eine Nebenbemerkung: In auffallendem Maße sind über viele Jahrtausende hinweg dieselben Muster zu beobachten. Noch in der germanischen Völkerwanderung vor und nach 375 v. Ztr. sehen wir - aufgrund archäogenetischer Ergebnisse der letzten Jahre zu Goten, Langobarden, Bajuwaren und anderen Völkern - aus dem germanischen Norden zuwandernde Männer mit vergleichsweise einheitlicher indogermanischer Steppen-Genetik vor Ort lebende einheimische Frauen mit Genetik vorwiegend aus dem mediterranen Raum heiraten (sowohl anatolisch-neolithischer Herkunft wie späterer romanischer Herkunft, die nach Norden gelangte durch die Ausbreitung des Römischen Weltreiches). 




Die Kelten - Sie erobern Spanien (800 v. Ztr.)


Was aber nun vermulich noch viel weniger bekannt ist: Um 800 v. Ztr. hat es auf der iberischen Halbinsel eine erneute indogermanische - genauer: keltische - Zuwanderung von Norden her gegeben. Das Ursprungsgebiet dieser Zuwanderung ist offensichtlich die Hallstatt-Kultur (Wiki) was in der Archäologie schon länger diskutiert wurde. Dadurch ist auf die iberische Halbinsel erneut zusätzliche indogermanische Genetik hinzugekommen, und zwar in recht beträchtlichem Umfang. So stellt die Genetik der neuen keltischen Zuwanderer in Nordspanien nach der Zuwanderung etwa 30 % der gesamten Genetik der Bevölkerung, in Südspanien etwa 20 % und in Nordostspanien (Katalonien) immer noch etwa 15 %

Dementsprechend sprach der größte Teil der iberischen Halbinsel - nämlich im Nordwesten - danach keltische Sprachen (abgesehen von dem Proto-Baskischen). In Süd- und Ostspanien hingegen haben sich bis zur Römerzeit einheimische iberische Sprachen erhalten. Die Herkunft dieser iberischen Sprachen (Wiki) ist aber noch ganz unklar. Sie liegt im Dunkel der Geschichte verborgen.

Auch das Baskische nun hat sich als Sprache erhalten, obwohl die Basken heute nicht weniger eisenzeitliche (also keltische) indogermanische Steppen-Genetik in sich tragen als andere Bewohner der iberischen Halbinsel. Allerdings haben sich die Basken nach der Eisenzeit genetisch nicht mehr verändert, während sich alle anderen Bewohner der spanischen Halbinsel noch weiter genetisch veränderten. Und zwar erfolgte dies durch Vermischung mit Menschen ostmediterraner und nordafrikanischer Herkunft in der Zeit der griechischen und römischen Kolonisation und Eroberung, sowie der Zeit der arabischen Eroberung. Damit ist nun der ganze Mythos der Basken als ein "Urvolk Europas" zu großen Teilen entzaubert.

Diese archäogenetischen Erkenntnisse klären - wiederum - eine archäologische Debatte, die weit über hundert Jahre alt ist. So lesen wir etwa auf dem deutschen Wikipedia gegenwärtig immer noch (Wiki):
Im nordspanischen Galicien fanden sich ebenfalls einige latènezeitliche Fibeln, doch kann dort nicht von einem geschlossenen keltischen Kulturhorizont im Sinne der Latène-Kultur die Rede sein. (...) Während der ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. einsetzenden Wanderungswellen wird die keltische Kultur auch in Nordspanien und Portugal faßbar, wobei hier kein Verdrängen ortsansässiger Kulturen nachgewiesen werden kann. Ein allmähliches Annehmen mitteleuropäischer Kulturelemente durch die ansässigen Gesellschaften ist weit wahrscheinlicher. Die in Nordspanien und Portugal lebenden Menschen der späten Eisenzeit werden deshalb auch als Keltiberer bezeichnet.
Es wird in diesen Worten deutlich, was für eine große Unklarheit bislang in der Forschung herrschte darüber, ob tatsächlich Menschen, Stämme, Völker der keltischen Völkergruppe nach Spanien eingewandert waren und wenn ja: in welchem Umfang. Das englische Wikipedia ist - wie so häufig - etwas genauer und etwas dichter am aktuellen Forschungsstand dran (Wiki):
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hat man die Anwesenheit der Kelten auf der iberischen Halbinsel anerkannt mit einer materiellen Kultur, die in Beziehung gesetzt werden kann zu der Hallstatt- und La Tène-Kultur. Doch (...) die Anwesenheit der keltischen Kultur in dieser Region war keineswegs in vollem Umfang anerkannt. Erst die moderne Wissenschaft konnte klar beweisen, daß die Anwesenheit der Kelten und ihr Einfluß sehr grundlegend waren im heutigen Spanien und Portugal (mit der vielleicht höchsten Siedlungsdichte im westlichen Europa), insbesondere in den mittleren, westlichen und nördlichen Regionen.
Until the end of the 19th century, traditional scholarship dealing with the Celts did acknowledge their presence in the Iberian Peninsula as a material culture relatable to the Hallstatt and La Tène cultures. However, since according to the definition of the Iron Age in the 19th century Celtic populations were supposedly rare in Iberia and did not provide a cultural scenario that could easily be linked to that of Central Europe, the presence of Celtic culture in that region was generally not fully recognised. Modern scholarship, however, has clearly proven that Celtic presence and influences were most substantial in what is today Spain and Portugal (with perhaps the highest settlement saturation in Western Europe), particularly in the central, western and northern regions.
Nun, allein aus archäologischer Sicht hätte man sicher noch viele Jahrzehnte über den Umfang der keltischen Zuwanderung in die iberische Halbinsel diskutieren können. Diese bislang offene Frage ist - wieder einmal - sehr definitiv und abschließend geklärt worden. Durch die Archäogenetik.

Die antiken Griechen


Aber noch weitergehende Erkenntnisse sind gewonnen worden. 24 Individuen einer antiken griechischen Kolonialstadt im heutigen Katalonien - nämlich von Emporion (Wiki) - wurden sequenziert. Und die Hälfte derselben trugen klar eisenzeitliche spanische Herkunft in sich, die andere Hälfte klar - - - bronzezeitliche ägäische Herkunft (2). 

Und Reich kann einen Bericht des griechischen Historikers Strabon anführen darüber, daß Einheimische genau das wollten, nämlich einen gemeinsamen Stadtwall um zwei unterschiedliche Städte, eine Stadt der Einheimischen und eine der aus der Ägäis zugewanderten Griechen (2). Aber: Bronzezeitliche ägäische Herkunft - was das wohl heißt? Womöglich heißt das, daß sich die antiken Griechen vor und nach den Dunklen Jahrhunderten, die zwischen Bronze- und Eisenzeit lagen, also vor und nach dem Seevölkersturm und der Dorischen Wanderung um 1200 v. Ztr., genetisch nur wenig verändert haben?!? Weniger jedenfalls als womöglich die Menschen an der Mittelmeerküste Spaniens durch die Zuwanderung der Kelten?!?

Hier muß man einfach die weiteren Forschungen zur genetischen Geschichte der antiken Griechen abwarten. Auf sie darf man sehr gespannt sein. In der Tat hatten ja erste archäogenetische Studien zu den Minoern, den Mykenern und den Hethitern noch keinerlei indogermanische Steppen-Genetik gefunden. Aber es wäre das doch ein sehr rätselhafter Umstand, wenn wir im östlichen Mittelmeerraum zwar die bedeutensten antiken Völker der Indogermanen vorfinden, wenn wir aber ausgerechnet bei ihnen zugleich so gar keine indogermanische Steppen-Genetik entdecken sollten können. Diese Frage jedenfalls steht weiterhin als großes Rätsel vor uns.

An der Mittelmeerküste Spaniens - Seit langem höhere Bevölkerungsdichte?


Höhere Bevölkerungsdichte auf der iberischen Insel in den schon weiter entwickelten Stadtkulturen an der Mittelmeerküste kann vielleicht schon mit der Los Millares-Kultur ab 3.200 v. Ztr. (Wiki) aber dann - mit der Zuwanderung der Glockenbecher-Kultur - auch in der El-Argar-Kultur ab 2.200 v. Ztr. (Wiki) vermutet werden. Womöglich war ab dieser Zeit die Bevölkerungsdichte an der Mittelmeerküste ähnlich wie sie zeitgleich in der Ägäis war. Und dieser Umstand könnte vielleicht erklären, warum der einheimische genetische Anteil an der spanischen Mittelmeeerküste trotz der keltischen Zuwanderungen aus dem Norden höher blieb als in anderen Teilen der iberischen Halbinsel und warum sich hier auch die iberischen Sprachen bis zur Römerzeit erhalten haben. In anderen Teilen der iberischen Halbinsel finden sich - womöglich: erst - ab 1.000 v. Ztr. stadtähnliche Kulturen. Hier wäre die Castro-Kultur (Wiki) im Nordwesten der iberischen Halbinsel zu nennen. Und über die Keltiberer im Landesinnern ist zu erfahren (Wiki):
Von Chronisten werden die Keltiberer als kriegerisch beschrieben. Im 2. Jahrhundert v. Chr. wurden sie von den Römern unterworfen. Zumindest die Iberer in den römischen Städten wurden in der Folge allmählich romanisiert, christianisiert und römische Bürger. Im Gegensatz zu diesen assimilierten Iberoromanen (Hispano-Romanen) kämpften auf dem weniger romanisierten Land einige vor allem keltische Stämme noch zu Anfang des fünften Jahrhunderts gemeinsam mit den Bagauden und den Sueben gegen die römische Herrschaft.
In römischer und islamischer Zeit kam nach Südspanien dann nordafrikanische Herkunftsanteile (2). Nach der Reconquista gingen diese nordafrikanischen Herkunftsanteile in Südspanien in der Häufigkeit aber wieder zurück (2).  
________________
  1. Olalde I, Mallick S, Patterson N, (...) Haak W, Pinhasi R, Lalueza-Fox C, Reich D (2019) The genomic history of the Iberian Peninsula over the past 8000 years. Science 363, 1230-4
  2. Reich, David: The Genomic History of the Iberian Peninsula over the past eight-thousand years. Vortrag auf der Tagung "From Homer to History - Recent Results from Bronze Age Investigations" des Max Planck Harvard Research Center for the Archaeoscience of the Ancient Mediterranea (MHHAM) an der Universität Harvard, 1. November 2019, https://youtu.be/aOix-8DSzRQ.
  3. Bading, Ingo: Die einheimischen Männer des Neolithikums in Spanien starben aus - Sie überlebten die Jahrhundete langen indogermanischen Zuwanderungen nicht - 1000 Jahre später hinterließen sie keine männlichen Nachkommen mehr (2.800 bis 1.800 v. Ztr.), 4. Oktober 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/10/die-einheimischen-manner-des.html
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Registriert unter Wissenschafts-Blogs

bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis

Haftungsausschluß

Urheber- und Kennzeichenrecht

1. Der Autor ist bestrebt, in allen Publikationen die Urheberrechte der verwendeten Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu beachten, von ihm selbst erstellte Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu nutzen oder auf lizenzfreie Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zurückzugreifen.

2. Keine Abmahnung ohne sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen.

Wenn der Inhalt oder die Aufmachung meiner Seiten gegen fremde Rechte Dritter oder gesetzliche Bestimmungen verstößt, so wünschen wir eine entsprechende Nachricht ohne Kostennote. Wir werden die entsprechenden Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte sofort löschen, falls zu Recht beanstandet.