Montag, 9. Dezember 2019

Die ältesten Eigendarstellungen seßhafter, europäischer Völker (ab 4200 v. Ztr.)

Inhalt:
  • A. "Statuenmenhire" des 5. bis 3. Jahrtausends (Arabien, Frankreich, Malta, Ukraine)
  • B. Einordnung in die übergreifende Geschichte der menschlichen Porträtkunst

A. Die "Statuenmenhire" des 5. bis 3. Jahrtausends (Arabien, Malta, Spanien, Frankreich, Ukraine)


Ergänzende Vorbemerkung (8.7.2020): Recht bald nach Veröffentlichung des folgenden Beitrages sind zum Mittelneolithikum Europas umwälzende neue Forschungen erschienen, die frühe Staaten mit Königs- und Adelsdynastien für diesen Zeitraum sogar bis hoch nach Irland nahelegen (19). Für die im folgenden behandelten Grab- und Gedenksteinen ist durch diese neuen Forschungen also nahegelegt, daß es sich um solche für Könige und Adelige handelte. Eine solche Interpretation war schon schon vor drei Jahren von dem führenden deutschen Archäologen Svend Hansen vorgeschlagen worden (20, 21) und von dem weiteren führenden deutschen Archäologen Harald Meller vor zwei Jahre in folgender Weise referiert worden (22, S. 284):
Menhire aus dieser Zeit zeigen angedeutete Menschenkörper, die mit einem ganzen Arsenal von Waffen wie Stabdolchen, Beilen und Dolchen behängt sind. Svend Hansen sieht in diesen ersten Großplastiken Europas "Repräsentationen der großen Helden". Wir können also sicher sein, daß (...) eine Kriegerkaste existierte, die einem heroischen Ideal verpflichtet war.
Und (22, S. 315):
Wie der Archäologe Svend Hansen überzeugend ausführte, ist der neue Sozialtypus des Heroen schon für das ausgehende 4. Jahrtausend vor Christus nachweisbar: das Ideal herausragender Personen, die über das Leben hinaus eine großartige Inszenierung ihrer selbst verdient haben.
Soweit als ergänzende Vorbemerkung. Nun der ursprüngliche Blogbeitrag.

"Proto-Indo-European mythology" (Wiki) heißt ein Wikipedia-Artikel, auf dem man zu seiner eigenen Überraschung die Abbildung einer 1,20 Meter hohen Menhirstatue finden kann, die 1973 in der Ukraine gefunden wurde (Abb. 1). Der darauf dargestellte Krieger trug - wie durch Vergleich mit vielen ähnlichen Steinen ähnlicher Zeitstellung über ganz Europa vertreut (3) mit guter Gewißheit gesagt werden kann - in beiden Händen einen Bogen und er trug außerdem zahlreiche Waffen, die unter seinen Händen dargestellt sind: Streitaxt, Beil, Dolch und ähnliche Dinge mehr. Unter dem Gürtel ist auch sein Hoden dargestellt. - Und auch dieser Umstand muß für diesen Zeitraum nicht ungewöhnlich anmuten. Denn auch schon die menschenähnlichen T-Stelen von Göbekli Tepe um 10.000 v. Ztr. stellen unter einem Gürtel männliche Geschlechtsteile (ggfs. unter einem Lendenschurz) dar (18) und auch eine so berühmte Stautue wie der "Bärtige Mann aus Warka/Uruk" (Wiki), der in eine ähnliche Zeit gehört wie diese Menhirstatue (um 3.000 v. Ztr.), war nackt dargestellt worden. Für sie gibt es die Deutung, daß es sich um die Darstellung eines "rituell nackten Priesterkönigs" (Wiki) handeln würde. - Unter dem Hoden schließlich finden sich auf der genannten ukrainischen, indogermanischen Stele noch Herdentiere dargestellt. Und so auch auf den Seitenteilen. Viele Tiere sind auch schon auf den Statuen vom Göbekli Tepe dargestellt.

Abb. 1: Die Kernosovsky-Stele (Fotograf: John Bedell), zwischen 3.600 u. 2.300 v. Ztr.
(gefunden bei Kernosovkaim im Oblast Dnepropetrovsk)

Indem man auf diese Weise auf die Existenz einer solchen Grabstele aufmerksam wird, stößt man überhaupt auf einen sehr allgemeinen, bislang selten bewußt gemachten Themenbereich. Nämlich auf die Geschichte des Porträts (Wiki) in der Menschheitsgeschichte. Oder noch allgemeiner auf die Geschichte der Skulptur (Wiki). Es wird einem erst anhand dieser Geschichte bewußt, daß wir es Jahrtausende lang im Grunde mit "gesichtslosen" Kulturen dahingehend zu tun haben, daß es keine sehr authentischen Eigendarstellungen der jeweiligen Völker und Kulturen gibt. Es wird aber, um so mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, erahnbar, daß die "Schlichtheit" der Kunstäußerungen solcher Kulturen sehr leicht völlig falsche Rückschlüsse nahelegen kann auf die vorliegende gesellschaftlich-wirtschaftliche Komplexität jener Gesellschaften, aus denen diese Kunstäußerungen hervorgegangen sind.

Insbesondere seit die Archäogenetik aufzeigt, daß sich auch in jenen Jahrtausenden, in denen diese "urtümlichen" Eigendarstellungen vorherrschten, in Europa riesige Bevölkerungsbewegungen über weite Entfernungen hinweg festzustellen sind, die umfangreichen Bevölkerungsaustausch bewirken konnten, ist man um so mehr veranlaßt, bisherige Geschichtsbilder zu hinterfragen. Gibt es doch auch Anlaß, sich bewußt zu machen, daß jene Kulturen, die fähig waren, zwar fein ziselierten Bronzeschmuck zu erarbeiten, dennoch zu gleicher Zeit noch "grobschlächtig" und "primitiv" anmutende Grabstelen aufstellten.

All solche scheinbaren "Ungleichzeitigkeiten" in der Kulturentwicklung wollen in ein einheitliches, in sich widerspruchsloses Geschichtsbild gebracht werden.

Auch wird deutlich: Regionen und Zeitepochen treten plötzlich in den Mittelpunkt der Betrachtung und an die Spitze der Kunstentwicklung eines jeweiligen Jahrtausends, die davor und danach völlig am Rand stehen können. Dies gilt für abgelegene Regionen Frankreichs, Portugals oder Spaniens, dies gilt für die Kunstgeschichte des Insel Malta, dies gilt für die Kykladen-Inseln und dies gilt auch für die arabische Halbinsel. Und welch weite Wege hier zu beobachten sind von zum Teil sehr urtümlichen Anfängen bis hin zu den Kunstwerken der klassischen Antike und schließlich bis zu denen der Neuzeit. Oftmals geht das eine aus dem anderen sehr unvermittelt hervor. Aber auch noch in der Zeit der klassischen Antike sind diese genannten "Ungleichzeitigkeiten" zu beobachten: Während um 400 v. Ztr. die "große" klassische griechische Kunst schon ihre Fülle von Meisterwerken hervorbringt, werden für Keltenfürsten wie
  • den Krieger von Hirschlanden (Wiki) (Gegend von Stuttgart)
  • den Fürsten vom Glauberg im mittleren Hessen (Wiki)
  • Pfalzfelder Grabstele (Wiki) aus dem Hunsrück
  • den Fürsten der Lusitanier im heutigen Portugal (Wiki)
  • in der Bretagne (Wiki)
  • in Nordirland (Wiki)
noch Grabstelen, Krieger- oder Götterstatuen errichtet, die außerordentlich archaisch anmuten (Wiki). So "ungleichzeitig" konnte sich Kunstgeschichte aber auch schon dreitausend Jahre früher vollziehen - wie im vorliegenden Beitrtag deutlich werden wird.

Abb. 2: Die "Schlafende Frau "von Malta, etwa 3.600 bis 3.000 v. Ztr. (Wiki)
Ganz allgemein muß wohl für Menschendarstellungen vor der Bronzezeit gesagt werden, daß in ihnen in der großen Mehrheit alle menschlichen Körperteile größere Aufmerksamkeit finden als ausgerechnet das Gesicht. Ebenso können Waffen größere Aufmerksamkeit finden als das Gesicht. Und insbesondere gibt es viele weibliche Figurinen, deren weibliche Körpermerkmale sehr ausgeprägt dargestellt sind, über deren Gesichtsausdruck aber wenig bis gar nichts gesagt werden kann, da er zu allgemein gehalten ist oder gar nicht gestaltet wurde (Abb. 2).

Ein Blick in die altarabische Religion kann vieles verständlich machen


Um sich in das zeitgenössische Denken rund um die Anfänge von Eigendarstellungen der Völker hineinzudenken, macht es viel Sinn, sich etwa mit einer Religion wie der altarabischen Religion (Wiki) zu beschäftigen vor der Einführung des Islams. Es wurden Heilige Orte, Heilige Berge, Heilige Steine, Heilige Felsen oder Heilige Bäume verehrt. Daß es bei den Arabern eine Verehrung Heiliger Steine gab, hat schon Herodot berichtet. Und ähnliches hat es auch bei den Hethitern gegeben (Wiki). Bei den heiligen Steinen wurde geopfert, sie wurden mit Blut beschmiert, an ihnen wurde gefeiert, an ihnen wurden politische Entscheidungen getroffen, hier wurde Recht gesprochen.

Im Alten Testament findet sich dann dementsprechend auch der große Groll des altestamentarischen Gottes gegen diese Verehrungsstätten seiner Konkurrenten. Wir finden die Aufforderung zur Zerstörung von "Idolen", "Kultsteinen" und von Idolatrie allgemein. Es richtete sich dies sicherlich auch gegen die ersten, zaghaften Porträtdarstellungen des Menschen wie sie sich in Grabstelen, Menhiren bis dahin erhalten hatten, und wie sie sich - vielleicht auch deshalb - nur zu wenigen bis heute haben erhalten können.

Behauene und unbehauene Steine wurden als Repräsentanten von Gottheiten oder Ahnen verehrt, siehe der "Steinkult", "Kultsteine", den Baitylos (Wiki). Dies alles sind Vorformen, in die sich die Menschen zunächst menschliche Gesichter nur hinein gedacht haben. Erst allmählich wurde auf ihnen auf die Darstellung des menschlichen Gesichtes selbst mehr Wert gelegt. Es scheint, als hätten die Menschen lange Jahrtausende lang unbewußt jenes bekannte Bibel-Wort befolgt, wonach sie sich kein Bild von ihrem Gott machen dürften.

Abb. 3: Arabien, 3.500 v. Ztr. (W)
Womöglich darf dahingehend gesprochen werden von einer Scheu der Künstler, das menschliche oder göttliche Gesicht darzustellen, eine Scheu, die viele Jahrtausende innegehalten wurde. Schon in den Höhlenmalereien und in den Elfenbeinschnitzereien der Eiszeit, ebenso wie in der sonstigen Keramikproduktion und auf der bemalten Keramik ab etwa 6.000 v. Ztr. ist ja deutlich genug erkennbar, daß die Kulturen zu hochwertiger auch künstlerischer Darstellung fähig waren, auch zu äußerst gelungener Charakterdarstellung von Tieren und anderen Formen der Natur (darunter eben auch denen des menschlichen Körpers). Diese Fähigkeit aber wandten sie offenbar nicht - oder nur sehr selten und ungern - auf das menschliche Gesicht selbst an.

Aufgrund dessen könnte man verleitet sein, all diese Kulturen als "primitive" zu empfinden. Dafür besteht aber - und das muß man sich klar machen - gar kein Anlaß. Gegenüber einer solchen Schlußfolgerung ist vielmehr die allerhöchste Vorsicht angebracht. Naturvölker und frühe Bauernvölker widmen dem "vergänglichen Kunstwerk", nämlich dem lebenden Menschen, so viel Aufmerksamkeit - dabei auch seiner Seele und seiner Beseeltheit, ebenso einer oft kunstvollen Körperbemalung und Tätowierung -, daß es nicht als nötig und angemessen empfunden worden sein mag, die Seele des Menschen auch noch in einem "unvergänglichen Kunstwerk" - in Holz, Stein, Ton oder Elfenbein - nachzuzeichnen.

Deshalb könnte umgekehrt die "Primitivität" von Menschendarstellungen auch als ein Hinweis angesehen werden auf das Gegenteil einer solchen Primitivität. Es könnte ein Hinweis sein auf seelische Erfülltheit, auf Innigkeit und auf ein Seelenleben, das noch nicht soweit mit sich selbst zerfallen war, daß es eine neue Orientierung im unvergänglichen Kunstwerk suchen mußte. Diese Blickweise wird einem von Seiten kunstphilosophischer Ansätze eher nachvollziehbar. Auch eine Auseinandersetzung mit dem Leben von Naturvölkern und von Völkern, die an natürlicher, naturverbundener Lebensweise festgehalten haben bis heute, kann diesbezüglich Anregung geben. Welche Fülle von Schönheit ist hier oftmals verwirklicht, ohne daß ihr jemals in unvergänglichen Kunstwerken Ausdruck verliehen würde (nur als Beispiel: 16).

Abb. 4: Arabien, 3.500 v. Ztr. (W)
Im übrigen ist man ja schon anhand des Kunstvollen in der Waffen- und Schmuckherstellung in der Kupfer- und Bronzezeit gezwungen, die steinernen Porträtversuche jener Zeit nicht als Zeichen von "Unfähigkeit" oder "Primivität" zu deuten.

Die Kunstentwicklung bis zum Ende des Frühneolithikums wird unten in einem zweiten Teil behandelt. Hier soll eingesetzt werden miß jener Stufe der Kunstentwicklung, die wir in den Kykladen-Idole (Wiki, engl) vorfinden, sowie in der figürlichen Plastik auf Malta (Wiki). Bezüglich letzterer ist etwa die eindrucksvolle dicke, schlafende Frau zu nennen (Wiki) (Abb. 2). Diese Beispiele mögen weiterhin aufzeigen, daß Künstler sehr lange zögerten, das menschliche Gesicht detailgetreu nachzubilden, auch wenn sie ansonsten schon zu kunstvoller Abstraktion befähigt gewesen sind.

Überraschend ist, daß die arabische Halbinsel zu jenen Regionen der Erde gehört, in denen die Menschen nicht nur sehr früh zu Ackerbau und Viehzucht übergegangen sind, sondern in der sich auch einige der frühesten, einfachen portraitähnlichen Grabstelen finden, und zwar solche, die jenen ähneln, die früher, gleichzeitig oder einige Jahrhunderte später auch weiter nördlich in Europa Verbreitung gefunden haben (Abb. 8, 9) (Wiki):
Am Ende des 4. Jahrtausends v. Ztr. gelangte die Bronzezeit nach Arabien - nach drastischen Umwandlungen; Metall fand weite Verbreitung und die Periode war gekennzeichnet durch ihre 2 Meter hohen Gräber, denen zur gleichen Zeit zahlreiche Tempel folgten, die wiederum viele freistehende Skulpturen enthielten, die ursprünglich mit roten Farben bemalt waren.
Original: At the end of the 4th millennium BC, Arabia entered the Bronze Age after witnessing drastic transformations; metals were widely used, and the period was characterized by its 2 m high burials which was simultaneously followed by the existence of numerous temples, that included many free-standing sculptures originally painted with red colours.
2012 schon wurden weitere Beispiele in einer Ausstellung, betitelt "Roads of Arabia" zusammen getragen und präsentiert. Sie war im Pergamon-Museum in Berlin ebenso wie im Louvre in Paris zu sehen ("Roads of Arabia", 2012; Wiki). Mit solchen Ausstellungen wächst allmählich das Bewußtsein dafür, daß die gleichzeitigen und doch sehr "ungleichzeitig" wirkenden Entwicklungen des 5. bis 3. Jahrtausends v. Ztr. weltweit künftig mehr im Zusammenhang gesehen werden sollten und könnten (Wiki).

Denn erstaunlicherweise sind eindrucksvolle, zum Teil erst in jüngerer Zeit entdeckte und in ihrer zeitlichen Zuordnung verstandene frühe Beispiele aus der Geschichte der Porträtdarstellungen oder Porträt-Andeutungen bislang der allgemeineren Öffentlichkeit kaum bewußt geworden. Es gilt dies insbesondere für die Geschichte des "Statuenmenhirs" (Wiki, engl) wie er im westlichen Europa benannt ist, bzw. der Kurgan-Stelen (Wiki) wie sie im östlichen Europa benannt sind. Aus letzterer Kunstgruppe ging ja auch jenes Kunstwerk hervor, das die Erarbeitung des vorliegenden Beitrages anregte.

Abb. 5: Die "Frau (oder Dame) von Saint-Sernin", 3300-2200 v. Ztr. (Wiki), 1,08 Meter hoch; im Gesicht sind Streifentätowierungen dargestellt. Was unter dem Gürtel auf den ersten Blick als breite und in Fransen auslaufenden Gürtelborten anmutet, wird - aufgrund des Vergleichs vieler ähnlicher Stelen miteinander - richtiger gedeutet als Beine mit Füßen (die immer fünf Zehen aufweisen). Auf der Rückseite ist der Mantel in langen, schweren Falten dargestellt, auch die Haare sind zu zwei langen Strähnen gebunden (Wiki).

Diese Grabstelen repräsentieren eine durchaus wesentliche und durchaus lange Phase der "vorgeschichtlichen Kunst" (Wiki), bzw. der Geschichte der Kunst überhaupt (Wiki). Eine Phase, die noch viel zu wenig Beachtung gefunden hat. Soweit bislang Datierungen vorliegen, beginnt die Geschichte der "Statuenmenhire" in Europa schon lange vor jener Ausbreitung der Indogermanen, die ab 2.900 v. Ztr. von Ostmitteleuropa aus einsetzte. Ab jenem Zeitpunkt ist dann aber ein großer Teil der heute überlieferten Statuenmenhire vor Ort auch von den zugewanderten Indogermanen geschaffen worden. Diese mögen sich diesen Kulturgebrauch - zeitgleich mit anderen europäischen Kulturen - schon früh in der Ukraine angeeignet haben, nämlich im 4. Jahrtausend, und ihn dann fast überall dort auch fortgeführt haben, wo sie hingewandert sind. Es wird sich eher um ein allgemeines Phänomen des fünften bis dritten Jahrtausends handeln, als daß es nur einer bestimmten Kultur zugeordnet werden könnte. Diese Statuenmenhire stellen also die ältesten Eigendarstellungen der Indogermanen dar, weisen aber zugleich - zumindest in West- und Mitteleuropa - auf eine ältere eine nicht-indogermanische Vorgeschichte ihrer selbst hin, der auch im Zusammenhang stehen mag mit den schon angedeuteten Entwicklungen im Mittelmeerraum. 

Viele Grabstelen, Menhire, die bis heute überliefert worden sind, haben sich nur deshalb bis heute erhalten, weil sie als Wandsteine in Steinkistengräbern sekundär verbaut gewesen waren (3, 17). Es scheint in früheren Jahrtausenden sehr beliebt gewesen zu sein, solche vormals freistehenden Menhire als Wandsteine für Steinkistengräber zu benutzen. Ein Teil des geheimnisvollen Geistes, der diese Steine umgab, mag sich für die Menschen dann auf das Steinkistengrab insgesamt übertragen haben. Deshalb mag man sie gerne dafür benutzt haben.

Spanien - Älteste Grabstelen ab 4.200 v. Ztr.


In Spanien sind steinerne Grabstelen schon mindestens ab 4.200 v. Ztr. bekannt. Urs Schwengler, ein Schweizer Archäologe, schreibt etwa über die Stelenform "Stelen mit rundem Kopfvorsprung und Schultern" (3, S. 9):
Diese Stelen sind mit einem speziell geformten Vorsprung (protubérance céphalique) an der Spitze versehen, der einen Kopf symbolisieren oder darstellen kann. Die Ausbildung des Kopfes hat zur Folge, daß die darunter wegführende flachere Partie in Schultern übergeht. Stelen mit dieser menschlichen Silhouette, die keine weiteren Gravuren aufweisen, werden häufig auch als anthropomorph anikonisch bezeichnet (‘anikonisch im engeren Sinne’). Einige Stelen mit Schultern sind in französischen Grabanlagen als Boden- oder Deckplatten wiederverwendet worden (Mané Lud, Kersandy, Petit Mont), mehrere dieser Stelen mit Schultern tragen Gravierungen oder Skulpturen, wie diejenigen von Laniscar (Abbildung 9), Kermené und Le Câtel. Beispiele aus der spanischen Region Galicien zeigen, daß solche Stelen mit Farben bemalt waren, deren Alter sich zwischen 4251 und 3652 ca BC bestimmen ließ (Bueno et al. 2016).
Also im südlichsten Spanien finden sich solche Stelen schon Ende des 5. Jahrtausends. Es drängt sich einmal erneut der Eindruck auf - den man hinsichtlich der Indogermanen ja sehr oft gewinnt -, nämlich daß sie Gebräuche, Sitten und Erfindungen der Vorgängerkulturen einfach übernommen und fortgeführt haben. So etwa erkennbar auch in anderen Kulturbereichen, etwa an der Weiterverwendung von "Grabenwerken" (Volkssternwarten) - insbesondere auch von Stonehenge in Südengland. Und so auch bezüglich des Brauches, einfach gehauene Grabstelen aufzustellen. Im gleichen 4. Jahrtausend oder gar 5. Jahrtausend, in dem solche steinernen Grabstelen in Mitteleuropa in Gebrauch kamen, scheinen sie auch in der Ukraine bei den Indogermanen in Gebrauch gekommen zu sein.

In Südtirol finden sich unter anderem die Algunder Menhire (Wiki). Insgesamt sind 25 Stelen erhalten, auf denen zum Teil Waffen der jeweiligen Zeit abgebildet wurden (3, S. 30):
Die Stelestatuen Südtirols gehören in die erste Hälfte des 3. Jahrtausends. Auf den Stelen Lagundo B und Feldthurns sind sehr schöne Knieholmbeile graviert (siehe Abbildungen 54.6 und 54.13), welche den Typ des gut datierten Knieholmbeils des Gletschermannes vom Hauslabjoch darstellen. Dieses Beil ist mit der 14 C-Methode in die zweite Hälfte des 3. Jahrtausends datiert, zwischen 3359 BC und 3105 BC.
Vermutlich hat der Autor hier zwei Jahrtausende miteinander verwechselt und meinte das vierte Jahrtausend vor der Zeitrechnung, in das ja auch die genannte genaue Datierung mit Hilfe von C14 fällt. Somit sind ein Teil der in Mitteleuropa gefundenen Stelen keineswegs zwangsläufig indogermanischen Ursprungs. Oft ist die chronologische und damit kulturelle Ein- und Zuordnung der Stelen aber noch keineswegs besonders deutlich geklärt. Für die Schweiz gilt (3, S.  30):
Funde von Beilen mit Knieholm treten auf ab etwa 4200 BC.
Wenn solche Waffen auf steinernen Stelen in Mitteleuropa abgebildet sind, können also auch diese Waffen und die Stelen selbst nicht zwangsläufig den Indogermanen zugeordnet werden, sondern werden schon von den Vorgängerkulturen vor Ort aufgestellt worden sein.  Wenn sich hingegen auf den Steinstelen "Beile mit quadratischer Klinge" finden, deuten diese auf eine Entstehung erst in der Eisenzeit hin, womit wären Stelen, auf denen diese abgebildet sind, einer chronologisch viel späteren Zeit zuzuordnen. 

Ukraine - Grabstelen ab 3.500 v. Ztr.


Das Urvolk der Indogermanen entstand um 4.700 v. Ztr. an der Mittleren Wolga in Form der dortigen Chwalynsk-Kultur wie wir in einem früheren Beitrag dieses Jahres anhand neuester Forschungsergebnisse darstellten. Dieses Volk breitete sich schnell an beiden Ufern der Wolga bis an das Nordufer des Schwarzen Meeres aus und von dort Richtung Bulgarien. In seiner exzentrischen Art war es sehr kriegerisch (ablesbar an Verletzungen der gefundenen Skelette) und errichtete riesige Grabhügel (Kurgane). Aus dem 5. Jahrtausend scheinen allerdings noch keine Eigendarstellungen der Indogermanen bekannt zu sein. Offenbar mußten sie erst mit älteren Bauernkulturen im Westen in näheren Kontakt zu kommen, um diesen Brauch schließlich auch für sich anzuwenden.

Die eingangs erwähnte Kernosovsky-Stele stammt aus der Zeit tausend Jahre nach Entstehung des Urvolkes der Indogermanen. Diesen Umstand muß man sich unbedingt bewußt machen. Aber immerhin macht sie darauf aufmerksam, daß es solche recht frühen Eigendarstellungen gibt. Solche frühen indogermanischen Grabstelen aus dem 3. Jahrtausend v. Ztr. sind nun - wie bei intensiverem Hinterherfragen und -recherchieren deutlich wird - über ganz Europa verbreitet (3). Daß es zwischen all diesen eine solche Gemeinsamkeit der Herkunft gibt, ist allerdings noch nicht in allen Museen, wo es solche urtümlichen Grabstelen gibt, in das Bewußtsein der Museumsleiter gedrungen. Daß bei diesen Grabstelen unterschieden werden muß zwischen jenen vorindogermanischen Ursprungs von denen indogermanischen Ursprungs, dieses Bewußtsein scheint noch nicht sehr weit verbreitet zu sein unter Archäologen. Immerhin, zum Ursprungsgebiet der Indogermanen schreibt Urs Schwengler vor dem Hintergrund des aktuellsten archäogenetischen Forschungsstandes (3, S. 22):
In Südrußland, in der Ukraine, in der Umgebung der Halbinsel Krim und in Moldawien, Rumänien, Bulgarien und Mazedonien gibt es eine große Zahl von Steinfiguren, plastische Skulpturen, die den westeuropäischen Menhirstatuen und Stelestatuen ähnlich sind und die verschiedenen Kulturen Osteuropas und des östlichen Mitteleuropas zugeschrieben werden. Eine Gemeinsamkeit dieser Kulturen sind Bestattungen in großen Grabhügeln, den Kurganen, die über unterirdischen Grabanlagen errichtet wurden, in denen die Toten mit zahlreichen Beigaben bestattet wurden; auf oder am Rand der Kurgane wurden häufig Kurgan-Stelen aufgestellt oder als Deckplatten der Grabanlagen wiederverwendet. Die Kulturen mit diesem Bestattungsbrauch entstanden im 5. bis 3. Jahrtausend BC in den Steppengebieten Südrußlands und breiteten sich in dieser Zeit in den Raum nördlich und westlich des Schwarzen Meeres aus. Sie wurden von der litauisch-amerikanischen Archäologin Marija Gimbutas zur sogenannten Kurgankultur zusammengefaßt, deren Bewohner als kriegerische Hirtenvölker zwischen 4400 BC und 2000 BC in mehreren Wellen westwärts bis ins westliche Mitteleuropa zogen und für die Verbreitung der indoeuropäischen Sprache in ganz Europa verantwortlich sind. Die ältesten der als Kurgan-Stelen bezeichneten Skulpturen wurden im Süden der Ukraine und in der Umgebung der Halbinsel Krim gefunden; es sind einfache anthropomorphe Stelen mit einem Kopfvorsprung. Bei vielen dieser Stelen waren Gürtel und andere Motive mit Ockerfarbe dargestellt, von der beim Auffinden der Stelen noch Reste vorhanden waren. Die Kurgankultur ist deshalb auch als Ockergrabkultur bekannt. Viele dieser als Rundplastik gestalteten Stelen (Abbildung 38 - hier Abb.11) wurden in oder bei älteren Kurganen gefunden, bei denen die Grabkammer oft nur eine einfache Grube (russisch ßìà=Jama) ist. Diese weit verbreitete Kultur mit solchen einfachen Grubengräbern ist unter dem Namen Jamnaja-Kultur oder Grubengrabkultur bekannt, sie wird in den Zeitraum zwischen 3600-2300 BC datiert. (...) Die Tradition der Bestattungen in den Kurganen hielt sich bei den Skythen bis in die Eisenzeit und verschwand um die Zeitenwende.
Auch hier muß man sich diese Steinstelen also als bemalt vorstellen. Bekanntlich hielt sich diese Tradition der Bestattung in Hügelgräbern - die gegebenenfalls bekrönt sein konnten mit einer Steinstele - auch in Mitteleuropa bis in die Eisenzeit. Denken wir an das Königsgrab von Seddin um 800 v. Ztr. (Wiki), denken wir vor allem auch an die auf einem Hügelgrab aufgestellte Steinstelle des "Keltenfürsten vom Glauberg" aus der Zeit um 400 v. Ztr. (Wiki). Wir erfahren über die Steinstelen der Ukraine (Wiki) (eig. Übersetzung):
In der Ukraine gibt es um die 300, die meisten von ihnen bestehen aus sehr groben Steinplatten mit einem einfachen Kopfvorsprung und einigen Merkmalen, die in den Stein geritzt sind wie Augen oder  Brüste. Gut zwanzig von ihnen, die als Menhir-Statuen bekannt sind, sind komplexer und weisen Ornamente, Waffen, Darstellungen von Menschen und Tieren auf. 
Der einfache, frühe Typ der anthropomorphen Stele findet sich ebenso in der italienischen Alpenregion, in Südfrankreich, in Portugal, in Bulgarien und Rumänien. Während sich diese Kunstform im übrigen Europa dann scheint verloren zu haben, wurde sie in der Ukraine noch bis in die skythische Zeit weiter geführt. Es finden sich aus späteren Zeiten Beispiele auch in Preußen, auf der Krim, am Samara-Fluß, in der kasachischen Steppe, in Turkistan, am Yenisei und in der Mongolei.


Abb. 6: Die europäischen frühindogermanischen, kupferzeitlichen, bzw. spätneolithischen Steinstelen - hier vorwiegend in Frankreich und Italien - weisen eine große Vielfalt auf (aus: 3, Abb. 101). In dieser Grafik wird der Versuch einer ersten chronologischen Einordnung unternommen. Zum Beispiel: Dreieckige Kupferdolche mit Mittelrippe und halbmondförmigem Griffabschluß ("Typ Remedello") gehören in die mittlere Phase.

Halle und Tübingen - 2.800 bis 2.000 v. Ztr.


Bei dieser Gelegenheit wird einem bewußt, daß sich auch in Sachsen-Anhalt und Süddeutschland - zum Beispiel in der Region rund um Halle, in der Region rund um Bamberg und in der Region um Tübingen - jeweils gleich mehrere solcher indogermanischer Steinstelen aus dem 3. Jahrtausend v. Ztr. erhalten haben, und daß es in diesen Regionen noch Hinweise auf weitere solcher Steine gibt, deren Verbleib aber inzwischen in Vergessenheit geraten ist (3, S. 24):
Stilistische Vergleiche der beiden anthropomorphen Stelen, die im Gräberfeld ‘Lindele’ bei Rottenburg am Neckar (Baden-Württemberg) gefunden wurden zeigen, daß diese den zweifellos endneolithischen Menhirstatuen von Schafstädt (Bad Lauchstädt) und Pfütztal (Salzatal) in Sachsen-Anhalt der Zeit vor 2000 BC zugeordnet werden können. Auf Grund der dargestellten Waffen und Motive gehören auch die Menhire von Weilheim bei Tübingen in Baden-Württemberg und von Seehausen, Dingelstedt und Langeneichstädt (die ‘Dolmengöttin’) in Sachsen-Anhalt sowie wahrscheinlich der Menhir von Gelnhausen zur endneolithischen Schnurkeramik-Kultur. (...) In Deutschland gibt es zweifellos mehrere rundplastische Figuren, bei deren Darstellung sich über Einflüsse aus der Kurgan-Kultur spekulieren läßt: die Götzen von Bamberg, Ebrach und Gallmersgarten (Bayern) sowie das Raibacher Bild von Breuberg (Hessen). Die Fundsituation dieser Menhirstatuen lassen keine Datierung zu, wahrscheinlich gehören diese Objekte zur Eisenzeit, genauso wie die stilistisch völlig anders skulptierten hallstattzeitlichen Statuen von Hirschlanden, Holzgerlingen (Baden-Württemberg) und Glauberg (Hessen).
Der hier erwähnte, knapp ein Meter große Menhir von Schafstädt, 23 Kilometer südwestlich von Halle, wurde 1962 gefunden (Wiki):
In den Augenhöhlen haben sich schwarzbraune Farbreste erhalten. Unterhalb des Kopfes ist durch drei tiefe, halbkreisförmige Linien vermutlich eine Lunula (spätneolithischer, goldener Halsreifen) dargestellt. Daneben setzen zwei Arme an, die etwa in der Mitte des Steins in Hände auslaufen. (...) Zwischen den Händen ist ein Gegenstand mit sechs Zinken, vielleicht ein Kamm, dargestellt. Unterhalb der Hände stellen drei tiefe Linien, die um den ganzen Stein herum verlaufen, einen Gürtel dar.
Nicht zuletzt die Lunula (Wiki) verweist auf eine angesehene, wohlhabende Person und zugleich ist nicht zuletzt mit ihr eine Datierung in die frühe Zeit der Ausbreitung der Indogermanen über ganz Europa möglich, nämlich in de Zeit der Schnurkeramik (2.800 bis 2.200 v. Ztr.). 

Abb. 7: (Beschädigter) Menhir von Schaftstädt (Wiki), mit "Lunula"-Halsschmuck, datiert zw. 2.800 und 2.200 v. Ztr, 23 km südwestlich von Halle/Saale

Der Menhir von Pfützthal (Wiki) wurde an der Saale, zwölf Kilometer nördlich von Halle in den 1930er Jahren gefunden. Auch auf ihm ist eine Lunula zu erkennen. Wie andere solcher Bildsteine ist er - noch während der Bronzezeit - in einem Steinkistengrab sekundär verbaut worden.

Am Neckar in Rottenburg-Lindele (Wiki), zehn Kilometer westlich von Tübingen, wurden 1984 und 1995 71 Grabhügel und weitere Flachgräber aus der Zeit zwischen 800 und 200 v. Ztr. ausgegraben. In diesen fanden sich - wiederum sekundär verwendet - drei Menhire aus der Bronzezeit, etwa 1,20 und einen Meter hoch (Wiki):
Auf dem Stein sind in Draufsicht zwei stark stilisierte Rinder mit einem gemeinsamen Joch abgebildet. Dahinter (...) war vermutlich ein Wagen abgebildet. Vor den Rindern sind außerdem neun Schälchen in den Stein eingetieft.
Vier Kilometer südlich von Tübingen fand sich im Ortsteil Weilheim 1985 ein 4,50 Meter hoher Menhir (Wiki).
Auf der Vorderseite des Menhirs sind fünf (...) Stabdolche dargestellt. Daneben ist eine ovale Scheibe (Sonne), und eine hängende Mondsichel zu erkennen. (...) Südlich der Alpen wurden verwandte Statuen- oder Figurenmenhire gefunden. Aufgrund des Stabdolch-Motivs kann der Menhir in das beginnende 2. Jahrtausend v. Chr. datiert werden. Stabdolche dienten als Herrschafts- oder Würdezeichen. Für die Aufstellung verantwortlich zeichnet hier die so genannte Neckar-Gruppe, eine frühbronzezeitliche Regionalgruppe im Bereich Baden-Württembergs. 
Über diese Stabdolche haben wir schon vor Jahren hier auf dem Blog einen Beitrag veröffentlicht (5). Sie spielen für die Datierung solcher Grabstelen eine nicht geringe Rolle wie wir noch sehen werden.

Frankreich und Norditalien


Der Archäologe Urs Schwegler hat sich insbesondere mit Steinstelen in Frankreich, Spanien und Italien beschäftigt. Er schreibt (3, S. 8):
In Südfrankreich findet man einige Motive - Halsketten, dreieckige Dolchklingen und Dolche im Futteral, geschäftete Äxte und Beile, Krummstäbe, Bogen und Pfeile - auf menschengestaltig geformten Steinen, die allgemein als anthropomorphe Stelen bezeichnet werden. In verschiedenen Regionen der Alpen in Frankreich, Italien und der Schweiz sind zahllose Zeichnungen ähnlicher Motive und expliziter Menschendarstellungen auf anstehenden Felsplatten und an Felswänden graviert (parietale Kunst, Felsbildkunst).
Und (3, S. 12):
Anthropomorphe Stelen des östlichen Languedoc: Platten, die menschliche Statuen darstellen. Diese anthropomorphen Platten haben auf einer Seite eine gravierte oder skulptierte und stark stilisierte Darstellung einer menschlichen Gestalt mit der Darstellung eines Gesichts und weiteren Attributen und Motiven; die Rückseite ist glatt oder unbearbeitet. In einer Studie von 1995 (Jallot/D’Anna) sind die Stelen dieser Languedocien-Gruppe auf fünf Untergruppen verteilt.
Sehr viele dieser Stelen weisen ausgeprägte Augen, Krummstab, Dolch, Brustschild oder Brüste auf, gegebenenfalls auch Stirnband. Im westlichen Languedoc finden sich 150 Stelen (3, S. 14):
Häufig ist auf der Frontseite ein Gesicht dargestellt (manchmal mit Tätowierungsstreifen) darunter Arme mit Händen und Beine mit Füssen und fast immer ein Gürtel. ‘Weibliche’ Stelen sind anhand von Brüsten, Halsketten und Y-Anhängern zu erkennen, als ‘männliche’ Attribute gelten Schultergurt mit Dolchfutteral, geschäftete Äxte und Pfeil und Bogen (Abbildung 21). Auf der Rückseite sind Schulterblätter, Haarfrisur oder Schultergurt zuerkennen.
Anhand dieser Beschreibungen wird deutlich, was den Indogermanen im Leben wichtig war. Interessant sind ja auch die Gesichtstätowierungen, auch von weiblichen Gesichtern (siehe 3, Abb. 21). Schwegeler (3, S. 15):
Für die chronologische Einordnung von Menhirstatuen stehen eingravierte Motive im Vordergrund, insbesondere die wahrscheinlich als Statussymbol abgebildeten Waffen:
- Dolchfutterale mit ringförmigem Tragegriff, wie sie in der Region Rouergue zur Darstellung - manchmal mit Fischgratmuster - kamen. Diese Futterale wurden für Silexdolche mit Schäftung verwendet. Der Mann vom Hauslabjoch trug am Gürtel ein solches kunstvoll geflochtenes Futteral für seinen geschäfteten Dolch. Die Verwendung solcher Silexdolche ist im 4. und 3. Jahrtausend BC durch Grabfunde belegt (Zeitraum von 3500 bis 2200 BC).
- Dolche mit dreieckiger Klinge, wie sie auf vielen Stelen des Alpenraums und Nordwestitaliens (Lunigiana, Aosta-Sion, Trentino, Alto Adige) dargestellt sind. Solche dreieckige Silexdolche (Typ Remedello I, 3400 bis 2800 BC), Kupferdolche mit Halbmondknauf und meist gerippter Klinge (Typ Remedello II, 2900 bis 2200 BC) und Kupferdolche mit Kugel- oder Scheibenknauf und langer Griffzunge (Typ Ciempozuelo, 2600 bis 2200 BC) sind mit oft großer Detailtreue dargestellt.
- Steinbeilklingen und Steinbeile, von denen es viele Darstellungen aus dem Gebiet der Bretagne und der Île-de-France gibt. Funde von Jadeit- und Fibrolitklingen belegen dort deren Verwendung im 6. bis 4. Jahrtausend BC. (...)
- Geschäftete Äxte und Beile mit Klingen aus Stein und Metall. Diese Waffen und Geräte mit Stangen-, Flügel- und Knieholmschäften wurden zwischen dem 4. und dem 2. Jahrtausend verwendet. Häufig dargestellt wurden Hammeräxte; die ebenfalls oft dargestellten Beile mit Knieholmschaft wurden seit dem 4. Jahrtausend BC bis in die Eisenzeit verwendet, was eine chronologische Einordnung der Darstellungen erschwert. Darstellungen vongekrümmten Stangenholmen undFlügelholmen sehen mitunter wie die Darstellungen von Krummstäben aus und können deshalb mit diesen verwechselt werden. Auf einigen Menhirstatuen und auf Bauelementen von Dolmen sind auch Bogen, Pfeile und Köcher abgebildet.
Bogen, Pfeile und Köcher eignen sich zwar für Datierungen weniger gut, sie sind aber dennoch eine gute Geschichtsquelle für den Fall, daß die Stelen anderweitig datiert werden können und dann aufzeigen können, daß standardmäßig auch Pfeil und Bogen zur Ausrüstung gehörte, auch wenn diese in Gräbern nicht entdeckt worden sein sollten.

Abb. 8: Am vielleicht eindrucksvollsten sind Menhirstatuen der Region Rouergue (Südfrankreich)(Wiki), auf denen viele Details zur Kleidung und Bewaffnung zu sehen sind - Außer Dolchfutteralen sich noch andere Waffen dargestellt: Äxte, Beile, Bogen, Köcher und Pfeile (aus 3, Abb. 25)

Interessant mag auch sein, daß alle Menhirstatuen der Region Rouergue (Abb. 14) fast einheitlich einen breiten Gürtel tragen. Was auf den ersten Blick als zwei breite, herunter hängende Gürtel-Enden mit Fransen wahrgenommen werden könnte, sollen aber mit größerer Wahrscheinlichkeit Beine und Füße darstellen (es sind immer fünf Zehen dargestellt, ähnlich wie fünf Finger bei den Händen). Sie tragen ein Schultergehänge, das aber nicht bis zum Gürtel hinunter geht, und an dem der Köcher auf dem Rücken befestigt gewesen sein wird. Auch tragen sie fast alle Gesichtstätowierungen. Und noch einmal wird einem an dieser Stelle bewußt: Das sind die ersten Eigendarstellungen unserer Vorfahren.

Sie erinnern auch sofort an die Grabausstattung des berühmten "Bogenschützen von Amesbury" ("Amesbury Archer") (Wiki), dem Fürsten von Stonehenge, der mit seiner Armee um 2.300 v. Ztr. von Süddeutschland aus in England die Bronzezeit einführte, wobei es zum weitgehenden Aussterben der vorherigen Bevölkerung in Großbritannien gekommen ist. Die Rekonstruktionen dieses "Amesbury Archer", die sich im Internet finden, haben noch nicht die Eigendarstellungen der Leute der Glockenbecherkultur auf ihren Grabstelen in Frankreich (Abb. 10) berücksichtigt. Keine der Rekonstruktionen weist Gesichtstätowierungen auf oder einen solchen breiten, eindrucksvollen Gürtel wie er sich auf den Grabstelen findet. Vom Habitus her findet man sich erinnert an die ehrwürdigen Mäntel der tocharischen Edelleute aus der Spätantike der Seidenstraße (Abb. 15).


Abb. 9: Tocharische Edelleute, Wandmalerei in einer Höhle des Tarim-Beckens an der Seidenstraße, um 500 n. Ztr. (Wiki)


Noch heute findet man in traditioneller lebenden Völkern wie den Uiguren, den Kasachen oder auch bei Völkern des Kaukasus als traditionelle Bekleidung der Männer lange, ehrwürdige Mäntel, zum Teil bis zum Boden reichend und zum Teil mit breiten Borten. Das könnte auch die Kleidung der Schnurkeramiker und Glockenbecher-Leute gewesen sein.

Auch in Norditalien fanden sich viele Stelen, die grob in die Kupferzeit datiert werden (3.000 bis 2.200 v. Ztr.). Einige von ihnen können auch genauer zeitlich eingegrenzt werden (3, S. 18, 30):
Die Stelestatuen von Aosta werden auf Grund einer großen Zahl an 14C-Daten bei und in den megalithischen Strukturen dem Eneolithikum zugerechnet (2750-2400 BC ).
Und (3, S. 30):
Die Stelen und die Monumentalkompositionen des Val Camonica mit den Darstellungen von Äxten und Beilen mit Knieholmschaft und Stabdolchen gehören zum Stil III dieser Felszeichnungen und werden der ‘Kupferzeit’ zugeordnet, in die Zeit von 2900 BC bis 2400 BC (Gravierungen TypA1: stileIII A 1) und 2400 BC bis etwa 2000 BC (GravierungenTypA2: stile III A2).
Das heißt, sie stammen entweder aus der Zeit kurz vor der indogermanischen Zuwanderung oder aus der Zeit derselben selbst, also aus der Glockenbecher- oder Schnurkeramik-Kultur.

Die Vielfalt des "Waffenarsenals" der Indogermanen


Anhand der vergleichenden Untersuchung all dieser Steinstelen läßt sich die Vielfalt des "Waffenarsenals" der frühen Indogermanen sehr gut rekonstruieren wie Schwegeler aufzeigt (3, S. 25-30). Die Archäologen haben dafür jeweils ihre sehr spezifische Benennungen: Axt, Hammer, Beil, Stabdolch, Steinbeil, "Kupferbeil mit Stangenholm", "Beil mit Knieholm". Auch Dolchfutterale aus Leder oder Bast finden sich abgebildet, auch sie können in Fransen ausmünden (3, S. 32). Bronzene Stabdolche waren vermutlich übrigens keine Waffen, sondern Herrschaftszeichen (3, S. 29). Dargestellt finden sich auch Vögel, gehörnte Tiere (Steinböcke, Rinder), Pferde und Reiter. Oft sind Halsketten dargestellt, oft zusammen mit weiblichen Brüsten.

Mit diesem Blogbeitrag sollte auf das Thema insgesamt nur hingewiesen werden. Es wird deutlich, daß es noch eine Fülle von Erkenntnissen birgt, sowohl hinsichtlich zeitlicher Einordnung der Phänomene, räumliche Verbreitung derselben, Häufigkeit derselben und zahlreiche weitere Detailerkenntnisse, die aus diesen ältesten Eigendarstellungen der Indogermanen gewonnen werden können. Wie das ja auch sonst in der Geschichte der frühen Indogermanen zu beobachten ist, scheinen auch bei diesen Eigendarstellungen Kulturgebräuche von Vorgängerkulturen aufgenommen worden und weitergeführt worden zu sein. 

Im südlichen Spanien fanden sich aus der Zeit um 1.000 v. Ztr. die Kriegerstelen von Magacela (Wiki) und von Solana de Cabañas (Wiki).

Bildsteine aus der Eisenzeit


Die drei 1 bis 1,70 Meter großen "Gaustadter Bildsteine" (Wiki) (traditionell auch "Bamberger Götzen") wurden 1858 im Schwemmsand der Regnitz bei Gaustadt, einem nördlichen Stadtteil von Bamberg, etwa vier Kilometer südlich der Einmündung der Regnitz in den Main gefunden (Wiki). Es gibt Hinweise noch auf weitere solcher Steine in der Region (4). Schwegeler weist diese Steine vom Stil her eher der Eisenzeit zu.


Abb. 10: Einer der drei "Gaustadter Bildsteine", gefunden im Talboden der Regnitz nördlich von Bamberg (Wiki Commons) - Vielleicht auch erst aus der Eisenzeit


B. Einordnung in die übergreifende Geschichte der menschlichen Porträtkunst


Abb. 11: Venus von Brassempouy
Wenn man diese Vielfalt an Grabstelen und Eigendarstellungen der europäischen Kulturen des 5. bis 3. Jahrtausends zur Kenntnis genommen hat, stellt sich natürlich die Frage, in welchen größeren kunst- und kulturgeschichtlichen Zusammenhang sich diese Grabstelen einordnen, welche Vorgeschichte sie hatten, was auf sie folgte. Auf diese Frage soll abschließend in Teil B eingegangen werden.

Die älteste Darstellung des menschlichen Gesichts auf hohem künstlerischen Niveau und mit nicht geringer Aussagekraft ist bislang aus der Elfenbeinkunst der europäischen Eiszeit, aus der Zeit um 25.000 v. Ztr. aus Südwestfrankreich überliefert, nämlich in Form der "Venus von Brassempouy" (Abb. 11) (Wiki):
Dabei handelt es sich um die bisher älteste bekannte genauer ausgeführte Darstellung eines menschlichen Gesichtes. (...) Bei anderen Figuren aus dieser Zeit, die ebenfalls als Venus bezeichnet werden, findet man keine so detaillierte Ausarbeitung der Gesichtszüge.
Abb. 12: Ma'lta, Sibirien
Dieses Kunstwerk stammt aus der "Gravetien"-Kultur (Wiki), die getragen war von einem Volk, das zwischen 33.000 und 25.000 v. Ztr. von Frankreich bis nach Sibirien verbreitet war. Auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit mußte es sich in Rückzugsräume in Südwestfrankreich und Südosteuropa zurückziehen, scheint dann aber zu großen Teilen ausgestorben und durch andere Völker ersetzt worden zu sein (7).

Eine fast ähnlich aussagekräftige Gesichtsdarstellung ist aus der gleichen Zeit allerdings auch schon vom Baikalsee in Sibirien überliefert (Fundort Ma'lta) (Wiki) (Abb. 12). Hier finden sich mehrere ähnliche Figurinen (15). Gene jenes alten nordeurasischen Volkes, Englisch "Ancient North Eurasian" (Wiki), die diese Kust hervorgebracht haben, leben heute fort sowohl in der Völkergruppe der Ureinwohner Amerikas wie in den heutigen Europäern (zurückgehend auf ihren Herkunftsanteil der osteuropäischen Jäger und Sammler). Sie leben auch fort in zentral- und südasiatischen Völkern. Es handelte sich also um ein noch sehr urtümliches Volk.

Aufgrund einer Fülle von Funden ist die Kunstgeschichte der Steinzeit inzwischen erstaunlich dicht dokumentiert (Wiki). Dies gilt insbesondere hinsichtlich der "jungpaläolithischen Kleinkunst" (Wiki). Menschendarstellungen finden sich allerdings nur sehr selten darunter. Und noch seltener findet sich darunter die genauere Darstellung eines menschlichen Gesichts.

Zwar ist die Völkergeschichte der Eis- und Nacheiszeit von der Archäogenetik noch nicht so gut verstanden wie die nachherigen Geschichtsepochen in Europa und Asien (8). Immerhin aber wissen wir inzwischen, daß die bislang frühest bekannten Blonden der Menschheitsgeschichte um 15.000 v. Ztr. am Jennissei in Sibirien gelebt haben und daß sie zu der Völkergruppe der "osteuropäischen Jäger und Sammler" (Wiki) gehörten, von denen dann auch die Indogermanen ab 4.700 v. Ztr. genetisch etwa zur Hälfte abstammen. 

Abb. 13: Schigir-Idol, 9.500 v. Ztr. (W)
Das vermutlich aus dieser Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler um 9.500 v. Ztr. hervorgegangene, 1890 entdeckte, aber erst 2015 als so alt datierte "Holzidol von Schigir" (Wiki) (Abb. 13), das östlich des Ural bei Jekaterinburg gefunden wurde (also 1.600 km östlich von Moskau und 800 km östlich der Wolga), weist typischerweise nur sehr unpersönliche Gesichtszüge auf. Dies ist eine Erscheinung, die sich noch Jahrtausende in diesen Breitengraden so halten sollte.


Erste Kunst arbeitsteiliger, seßhafter Gesellschaften (ab 9.000 v. Ztr.)


Die womöglichst nächstjüngeren Beispiele authentischer Darstellung von menschlichen Gesichtern finden sich dann in den ersten bäuerlichen, ja, städtischen, aber noch vorkeramischen Kulturen des Vorderen Orients (9.000 bis 6.000 v. Ztr.) (Wiki). Nämlich in Form der hier verbreiteten Kunstform der "übermodellierten Schädel" ("plastered skulls") (Wiki) (Abb. 14). In ihnen sind - vermutlich - verstorbene Stadtherrscher dargestellt, oft mit nicht geringer Lebensechtheit. Oft wirken sie despotisch. Beispiele stammen aus Palästina (Jericho), Jordanien (Ain Ghazal [Wiki], Amman) und Syrien (Tell Ramad).

Aus derselben Zeit und Kulturstufe stammen sitzende und stehende weibliche Tonfigurinen mit sogenannten "Kaffeebohnen-Augen" (Abb. 15) (1, 2), die aus heutiger Sicht ebenfalls eher furchterregende und einschüchternde Wirkung haben. Es entsteht von solchen Menschendarstellungen her der Eindruck, als ob man es mit despotisch regierten frühbäuerlichen und frühstädtischen Gesellschaften zu tun habe.

Auch aus der anatolisch-neolithischen Völkergruppe, die sich ab 6.500 v. Ztr. von Anatolien aus schrittweise über ganz Europa bis nach Skandinavien, England und in die Ukraine ausgebreitet hat, sind inzwischen eine Fülle von Kleinkunst-Werken bekannt. Aber - soweit übersehbar - sind sie bislang noch nicht vollständig genug in einem Übersichtsband vergleichend zusammen gestellt worden. Svend Hansen hat zwar verdienstvollerweise 2007 den Versuch zu einem Überblick gemacht (10). Aber in diesem sind im folgenden von uns hier zu erwähnende österreichischen Figurinen der frühneolithischen Kleinkunst weder in Wort noch im Bild enthalten

Abb. 14: 'Ain Ghazal (Wiki)
Der Autor dieser Zeilen hat sich schon vor Jahrzehnten intensiv mit den Forschungen zur Bandkeramik auseinander gesetzt, stößt aber beim Recherchieren zu dem vorliegenden Beitrag auf gleich mehrere eindrucksvolle Werke frühneolithischer Kleinkunst, die ihm bislang gar nicht bekannt gewesen sind. Schon seit längerem bekannt sind die liebenswürdigen, kleinen Tierdarstellungen (Schweine, Rinder) aus der Kultur der Bandkeramik. Aber überraschenderweise findet sich in Eisenstadt im Landesmuseum Burgenland ausgestellt eine schon 1933 (!) ausgegrabene "Venus von Draßburg" wiederum aus der Kultur der Bandkeramik (11). Hier auf dem Blog haben wir 2007 schon darauf hingewiesen, daß damals Überreste einer 50 cm hohen Frauenstatue aus der Nachfolgekultur der Bandkeramik im Donauraum, nämlich aus der Lengyel-Kultur (Wiki) gefunden worden war (12). Die Tatsache, daß hier insbesondere die Beine einer Statue gefunden worden, erinnert daran, daß aus der gleichen Völkergruppe etwa ein Jahrtausend später auf der Insel Malta nicht völlig unähnliche, stehende Frauenfiguren geschaffen wurden (Wiki).

Abb. 15: Tell Seker al-Aheimar
Solche Umstände machen schon deutlich, daß sich unser Bild zu dieser Phase der Kunstgeschichte anfängt zu vervollständigen, und daß auch Gemeinsamkeiten über weite Entfernungen und Jahrhunderte hinweg aufscheinen. Wir finden aber erst jetzt auf "Wikipedia Commons" die Abbildung (Wiki) einer "Venus von Unterpullendorf" (Abb. 16), deren Bruchstücke ebenfalls schon 1954 (!) entdeckt worden waren. Sie gehört in den kulturellen Zusammenhang der Lengyel-Kultur und ist ebenfalls im Landesmuseum Burgenland in Eisenstadt zu besichtigen (LM Burgld). Über Google Bücher erfahren wir (13, S. 140):
Die "Venus von Draßburg" stellt die zweitälteste Frauendarstellung Österreichs dar. Aus Unterpullendorf liegen bemalte Keramikproben und Idolfragmente, so eine komplett ergänzte Frauenfigur der Legyelkultur vor.
Und mit letzterem ist gemeint (14, S. 160):
Nahe des Ortes Unterpullendorf (Burgenland) fand man 1954 Bruchstücke verschiedener, zwischen 10 und 30 Zentimeter großer, üppiger Frauenfiguren, wahrscheinlich aus dem Neolithikum etwa 4.500 v. Ztr.. Aus den Einzelteilen wurde eine Venus von Unterpullendorf rekonstruiert, die im Eisenstädter Landesuseum bestaunt werden kann.
Abb. 16: Unterpullendorf (W)
Schon anhand nur dieser weniger Hinweise wird erkennbar, daß über die (Klein-)Kunst der frühneolithischen, europäischen Bauern ein ganz eigenes Kapitel zu schreiben wäre, das manchen Erkenntnisgewinn bergen könnte. Denn diese frühen europäischen, bäuerlichen Kulturen haben bislang leider noch kaum Spuren in unserem ikonographischen Gedächtnis hinterlassen, obwohl das längst hätte geschehen können. Auf "Wikipedia Commons" sind zunächst zwar "Neolithic Venus Figurines" (Wiki) in einer Übersichtsrubrik erfaßt. Aber damit ist das gesamte Spektrum der bislang überlieferten "frühneolithische europäischen Kleinkunst" noch keineswegs erfaßt (Beispiele: Wiki a, b, c). Auch hier wird wieder deutlich, daß Gesichtsdarstellungen in Europa und anderwärts vor der Bronzezeit eher seltene Ausnahmen im Gesamtspektrum der überlieferten menschlichen Kunstproduktion darstellen.

Hinweis auf hohe Sozialdisziplinierung?


Wenn wir nun aber das für diese Kulturstufe - seltene - Gesicht der "Venus von Unterpullendorf" auf uns wirken lassen, stellen wir fest, daß es auf den ersten Blick ebenfalls eher einschüchternd wirkt. Und in diesem Zusammenhang wird man daran erinnert, daß es manche Hinweise darauf gibt, daß die frühesten Bauernkulturen Mitteleuropas, die Bandkeramik und auch noch ihre unmittelbarerern Folgekulturen vergleichsweise hohe "Sozialdisziplinierung" (Wiki) aufgewiesen haben könnten. Diese mag auch durch einschüchternde Gottvorstellungen und einschüchternde sonstige soziale Gebräuche, despotische Herrschaftsformen - wie sie womöglich immer schon im Vorderen Orient verbreitet waren - verstärkt worden sein.

Abb. 17: Spätphase der Cucuteni-Tripolje-Kultur, Figurine (W)
Der hohe Grad der Sozialdisziplinierung der Bandkeramik ist jedenfalls gut erkennbar an der Einheitlichkeit dieser Kultur in Bezug auf die Wahl der Siedlungsorte (durchgängig Lößboden), der Anordnung der Siedlungen in der Landschaft, der Hausbauweise und an vielen weiteren ähnlichen Details, die sich in dieser Kultur über viele tausende von Kilometern hinweg gleichen. Schon früh haben die Archäologen mit Staunen festgestellt: Eine bandkeramische Siedlung in der Ukraine gleicht "wie ein  Ei dem anderen" einer bandkeramischen Siedlung in den Niederlanden. Die Menschen dieser Kultur müssen sich also sehr streng an einmal etablierte Gebräuche und Sitten gehalten haben. Sie scheinen von diesen dann, wohin sie auch kamen, so gut wie gar nicht abgewichen zu sein und sie dann womöglich auch nur sehr zögerlich über die Jahrhunderte hinweg an neue Entwicklungen (Erschöpfung der Schwarzböden?) angepaßt (in diesem Fall etwa durch Düngung, Brache und ähnliches).

Darin mag eine gewisse Starrheit erahnbar sein, die einerseits den großen demographischen Erfolg der Bandkeramik in ihrer Früh- und Hochzeit bewirkt haben wird, durch den auch andere bäuerliche Gesellschaften von Rodungssiedlern noch lange später kennzeichnet waren. Durch die Begegnung mit den einheimischen Völkernschaften mag diese Starrheit bei der Ethnogenese der Bandkeramik ebenso wie bei der Ethnogenese der Nachfolgekulturen, die ja schon höheren einheimischen genetischen Anteil aufwiesen, dann etwas abgemildert worden sein. In Siebenbürgen gelang es der Cucuteni-Tripolje-Kultur sogar, die vormalige ursprüngliche Bodenqualität der durch die Bandkeramik erschöpften Braunböden zurück zu gewinnen (siehe anderer Beitrag hier auf dem Blog).

3.200 v. Ztr. - Die Zeit Hochkulturen beginnt


Abb. 18: Frauenmaske von Uruk, 3.100 v. Ztr. (W)
Wie aber ging es dann weiter? Wo finden sich die ältesten Darstellungen von Menschen mit authentischen Gesichtszügen? Auf 3.100 v. Ztr. wird die "Frauenmaske von Uruk" (Wiki) (Abb. 18) datiert, die aus Mamor gefertigt wurde. Ähnlich der "Bärtige Mann aus Warka"/Uruk (Wiki). Ganz allgemein stehen wir ab dieser Zeit einer Fülle von Bild- und Kunstwerken gegenüber, die auch viele Menschendarstellungen mit einschließt, vor allem zunächst in Mesopotamien (Wiki, engl) und Ägypten (Wiki), einige Jahrhunderte später auch in angrenzenden Hochkulturen des Vorderen Orients, sowie in der Indus- und in der Marghiana-Kultur.

Die großen Museen der Welt, auch die archäologischen Museen prunken mit diesen. Auffallenderweise wird die Darstellung des menschlichen Gesichtes gerade in jener Zeit normal und selbstverständlich, in der auch die Anwendung der Schrift normal und selbstverständlich geworden war. Vielleicht gibt es Zusammenhänge zwischen diesen beiden Phänomenen. Für Ägypten erfahren wir, um nur wenige Andeutungen zu geben (Wiki):
Bereits 2600-2160 v. Ztr. gab es Bilder mit individuellen Porträts und Gruppenbilder. Um 1551-1070 v. Ztr. erreichte die persönliche Porträtdarstellung ihren Höhepunkt in Ägypten, es gab Modellbüsten. Um 1400 v. Ztr. entstand das erste tradierte Büstenporträt: die Büste der Nofretete. Es folgt die Totenmaske des Tutanchamun, (...) ein zeit- und kulturtypisches ägyptisches Idealantlitz.
Und für Sumer (Wiki):
Die 28 überlieferten ziemlich kleinen Statuen von Gudea, den Herrschern von Lagash in Sumer zwischen 2.144 und 2.124 v. Ztr. weisen in ihrer Darstellung durchgängig einige Individualität auf. 
Jene Individualität, die hier den Statuen von Gudea (Wiki) zugesprochen wird, möchte man aber doch auch schon der oben eingestellten "Frauenmaske von Uruk" zusprechen, die viele Jahrhunderte älter datiert ist. In Bezug auf die mykenische Kultur ist zu erfahren (Wiki):
Die wohl bedeutendste Totenmaske ist die sogenannte Goldmaske des Agamemnon, (...) ein idealisiertes Bildnis eines mykenischen Fürsten aus der Zeit um 1500 v. Chr.
Auch auf minoischen Siegelsteinen auf Kreta, deren Gebrauch dann auch auf Festlandgriechenland üblich wurde, finden wir außerordentlich kunstvolle Darstellungen von Kriegerpersönlichkeiten wie schon in einem Blogbeitrag vor einigen Wochen aufgezeigt worden ist. In dieser Zeit ist die minoische Kunst auf Kreta, sind ihre Menschendarstellungen insbesondere auch in der Wandmalerei hoch entwickelt (Wiki, engl).

/ Neuer Titel, von vormals 
"Die ältesten Eigendarstellungen der Indogermanen",
25.2.2020 /

_________________________
  1. Yoshihiro Nishiaki: A Unique Neolithic Female Figurine From Tell Seker Al-Aheimar, Northeast Syria. January 2007, Paléorient 33(2):117-125, DOI: 10.2307/41496815 (Researchgate
  2. Jane Peterson: Domesticating gender: Neolithic patterns from the southern Levant. Journal of Anthropological Archaeology Volume 29, Issue 3, September 2010, Pages 249-264, https://doi.org/10.1016/j.jaa.2010.03.002
  3. Schwegler, Urs: Elemente prähistorischer Kunst in Europavom Neolithikum bis zur Eisenzeit - Mit einem Online-Corpus von gravierten und skulptierten Steinobjekten bei Megalithanlagen, Menhirstatuen, Stelestatuen und Menhiren. 2019 (pdf) (Academia) (Lit.verz.: pdf)
  4. Frank Kaiser, Katina Raschke, Pierre Strecker: Die Bamberger Götzen, 04.02.2019, https://youtu.be/MCr-nyJfN08
  5. Bading, Ingo: 2.200 - 1.600 v. Ztr. - Zu einigen Charakteristika der mitteleuropäischen, frühbronzezeitlichen Stadtkultur Salzhandel und Geldwährung - Ösenhalsringe und Vollgriffdolche in der Bronzezeit, Mai 2010, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/05/2200-1600-v-ztr-zu-einigen.html
  6. Schachner, Andreas: Zur Bildkunst des 2. Jahrtausends v. Chr. zwischen Van-See und Kaspischem Meer am Beispiel einer Stele im Museum von Astara (Azerbaycan). Archäologische Mitteilungen aus Iran und Turan 33, 2001, 115-142 (Academia  
  7. Bading, Ingo:  Die ersten Europäer ab 43.000 v. Ztr. starben aus - Erst die Gene ihrer Nachfolger ab 35.000 v. Ztr. hielten sich bis heute - Neue Ergebnisse der Ancient-DNA-Forschung, 2016, https://studgendeutsch.blogspot.com/2016/06/die-genetische-geschichte-der.html
  8. Bading, Ingo: Jäger und Sammler im Kaukasus - Ganz unterschiedliche Völker 22.000 und 9.000 v. Ztr. - Die Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler ist schon 30.000 Jahre alt, Oktober 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/10/jager-und-sammler-im-kaukasus-ganz.html  
  9. Mallory, James P.: The anthropomorphic stelae of the Ukraine. The early iconography of the Indo-Europeans. Institute for the Study of Man, 1994
  10. Svend Hansen: Kleinkunst und Großplastik. Menschendarstellungen von Vorderasien-Anatolien bis in den Donauraum. In: Vor 12000 Jahren in Anatolien. Die ältesten Monumente der Menschheit. Ausstellungkatalog Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Karlsruhe 2007, S. 192-206 (Academia)
  11. Helena Novak: Die mittelalterliche Burg von Drassburg, o.D. (Universität Wien)
  12. Bading, Ingo: Eine Frauenstatue bei den frühen Ackerbauern Mitteleuropas, Oktober 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/10/frauenverehrung-und-astronomie-bei-den.html
  13. Andreas Lippert, Martin Bitschnau: Reclams Archäologieführer Österreich und Südtirol: Denkmäler und Museen der Urgeschichte, der Römerzeit und des frühen Mittelalters, Reclam, 1985 (GB)
  14. Gunnar Strunz: Burgenland - Natur und Kultur zwischen Neusiedler See und Alpen. 2012 (GB)
  15. Danel (noeticacademydanel): Paleolithic cultures in Siberia The Mal'ta - Buret' venuses and culture in Siberia. http://www.danel.com.hr/Paleolithic%20cultures%20in%20Siberia.html
  16. Schiefenhövel, Wulf (Hrsg.): Eibl-Eibesfeldt. Sein Schlüssel zur Verhaltensforschung. Langen Müller Verlag, München 1993 
  17. Bueno Ramírez, Primitiva/Carrera-Ramírez, Fernando/deBalbín-Behrmann, Rodrigo/Baroso-Bermejo, Rosa/Darriba, Xermãn/Paz, A. (2016b): Stones before stones. Reused stelae and menhirs in Galician megaliths. In: PublicImages, PrivateReadings: Multi-Perspective Approaches to the Post-Palaeolithic Rock Art. Proceedings of the XVII UISPP World Congress (1-7 September 2014, Burgos, Spain. Volume 5/Session A11e, 1-16 (Academia.edu
  18. Notroff, Jens: GobekliTepe‘s monumental T-pillars are actually giant anthropomorphic sculptures, 8.3.2019, https://twitter.com/jens2go/status/1104064601988255745.
  19. Bading, Ingo: "Eine dynastische Elite in der Megalithkultur" Europas (3.500 v. Ztr.) - Waren die Megalith-Gräber Grablegen von Großkönigen? - Königsdynastien und ihre Städte im europäischen Mittelneolithikum (4200 bis 3100 v. Ztr.), 19.6.2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/05/die-hausmaus-breitete-sie-sich-mit-dem.html
  20. Hansen, Svend: Der Held in historischer Perspektive. In: T. Link/H. Peter-Röcher (Hg.): Gewalt und Gesellschaft. Dimensionen der Gewalt in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Bonn 2014
  21. Angelika Vierzig: Menschen in Stein. Anthropomorphe Stelen des 4. und 3. Jahrtausends v. Chr. zwischen Kaukasus und Atlantik (Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie) Bonn 2017
  22. Meller, Harald, Michel, Kai: Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas. Propyläen 2018

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