Montag, 23. September 2019

Im Jangtse-Delta - Dort entstand ein großes, begabtes Volk

Die Entstehung des chinesischen Volkes zwischen Früh- und Spätneolithikum

- Auch in Ostasien stand Rassemischung während des Neolithikums an der Wiege dreier großer heutiger Industrienationen der Nordhalbkugel

Die Ostasiaten sind - offenbar - das Produkt einer "geglückten", "gleichberechtigten" Völker-Vermischung einer vorneolithischen süd- und einer vorneolithischen nordasiatischen Völkergruppe - so wie die Indogermanen eine geglückte Vermischung einer südlichen (iranischen) Völkergruppe mit einer nordeuropäischen Völkergruppe sind. - Für Asien zeichnet sich insbesondere auch die Bedeutung der südchinesischen Amis (Taiwan) für die dortige Geschichte ab.

Nachdem wir die Geschichte der Bauernvölker Europas vor und nach der Ausbreitung der Indogermanen im Spätneolitikum durch die Archäogenetik der letzten vier Jahre in groben Zügen glauben verstanden zu haben, richtet sich mit um so größerem Interesse der Blick nach Osten, insbesondere nach China. Und die Frage entsteht: Wie hat sich dort alles verhalten? Ob dort parallele Vorgänge zu beobachten sind mit ähnlichen "Gesetzmäßigkeiten" und ähnlichen vielschichtigen geschichtlichen Vorgängen? Oder verlief dort alles "ganz anders" mit "ganz anderen" "Gesetzmäßigkeiten"? Im Zentrum der Geschichte Chinas stehen zwei Flüsse: der Gelbe Fluß im Norden und der Jangtse-Fluß im Süden. Beide Flüsse fließen in etwa 800 Kilometer Entfernung voneinander von Westen nach Osten. Am nördlichen Gelben Fluß wurde über Jahrtausende hinweg vornehmlich Hirse angebaut, am Jangtse bis heute vornehmlich Reis. Wir lesen auf Wikipedia (Wiki):
Vor 8000 Jahren dürfte südlich des Gelben Flusses der erste Ackerbau betrieben worden sein, eventuell begann man auch in Südchina etwa zur gleichen Zeit mit Ackerbau. (...) Es ist belegt, daß man in Nordchina vor 8000 Jahren mit dem Anbau von Hirse begann, die mit Steinsicheln geerntet und in getöpferten Schalen oder Dreifußbehältern aufbewahrt wurde. (...) Die Kulturen Südchinas weisen einen anderen Charakter auf als jene Nordchinas. Statt Hirse domestizierten die Menschen Südchinas den Reis; der älteste Nachweis von Nassreisanbau stammt aus Hemudu und ist 7000 Jahre alt. Es gibt Funde von Reis, die mit 11.500 Jahren ein deutlich höheres Alter aufweisen, hierbei ist es aber unsicher, ob es sich um gesammelten oder angepflanzten Reis handelt.
So wie im Vorderen Orient gesammelter wilder Einkorn-Weizen eine große Bedeutung für das dortige Bevölkerungswachstum hatte lange bevor dieser Einkorn-Weizen domestiziert wurde, so kann das natürlich auch für das Jangtse-Delta angenommen werden, bzw. deutet es sich an. An beiden Orten dürften sogenannte "Erntevölker" gelebt haben, die über Halbseßhaftigkeit zur vollen Seßhaftigkeit übergegangen sind. Geradezu lächerlicher Weise hat die Archäogenetik inzwischen nun zwar die Gene vorgeschichtlicher Menschen aus allen Kontinenten und fast aller Zeitstufen sequenziert - nur Menschen des chinesischen Großraumes aus dem Neolithikum sind bislang so gut wie nicht dabei. Eine neue Studie versucht deshalb, anhand der heutigen Herkunftsanteile der asiatischen Völker Licht ins Dunkle der Volkswerdung des chinesischen Volkes während des Neolithikums zu werfen (1):
Obwohl von archäogenetischen Daten aus den neolithischen Kernländern in China noch nicht in ausreichendem Maße berichtet worden ist, versuchen wir dennoch, ein allgemeines demographisches Verhaltensmuster aufzudecken, indem wir die genetische Vielfalt benutzen, die sich in heutigen Völkern und archäogenetischen Erkenntnissen von peripheren Räumen Ostasiens gewinnen läßt, und die als ein Anhaltspunkt genutzt werden können für weitere archäogenetische Studien über die demographische Dynamik des südlichen Ostasien.
Even though the ancient genomic data from the Neolithic farming heartlands in China have not been sufficiently reported yet, we still recover a general demographic pattern using both the genetic diversity preserved in present-day populations and ancient samples from peripheral regions of East Asia, which can be served as a foothold for further archaeogenetic studies on the demographic dynamic of the southern East Asia.
Wie wir heute wissen und wie auch hier auf dem Blog schon behandelt wurde (2, 3), haben die Menschen Nord- und Südchinas im Wesentlichen dieselbe genetische Herkunft. Diese genetische Herkunft besteht aus einem südasiatischen Herkunftsanteil (Stichwort "Amis" - wird noch erläutert), der sich auch bei Thailändern, Kambodschanern (Khmer) und vielen anderen südostasiatischen Völkern findet und aus einem nordasiatischen Herkunftsanteil (Stichwort "Devil's Cave") (2, 3), der sich auch bei Mongolen und vielen anderen nordasiatischen Steppenvölkern findet. Und so entsteht die große Frage: Wann und wie konnten sich eigentlich diese beiden Herkunftsanteile bei den Chinesen so gleichmäßig miteinander vermischen wie man sie heute bei ihnen vorfindet und wie sich sich dann in der Bronzezeit mit dem Reisanbau auch nach Korea und Japan ausbreiten konnte? Das bleibt vorerst eine der letzten großen zu klärenden Fragen der Archäogenetik.

In der Vorabveröffentlichung einer neuen Studie über die Herkunft der Völker Chinas findet sich nun eine schöne Grafik, die uns schon vieles zum Nachdenken gibt (Abb. 1) (1).


Abb. 1: Die Vorfahren-Anteile der Völker (Nord-)Asiens - Rot: Südchinesisch (Taiwan); Blau: Nordasiatisch; Dunkellila: Früh-Indogermanisch; Helllila: Namazga (Turkmenistan, wohl Turkvolk-Herkunft); Grün: Ur-Vietnamesisch (Hoabinien); Hellblau: Paläosibirisch (aus 1)


Diese Grafik ist Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen und sei deshalb genauer erläutert. Schon in einem früheren Blogbeitrag haben wir auf das Fischervolk der Amis im Südosten von Taiwan hingewiesen, das aufgrund der entlegenen Lage auf der Insel Taiwan sich eine südchinesische, bzw. südostasiatische genetische Herkunft weitgehend unverfälscht erhalten hat, die in fast allen anderen Volksgruppen Asiens durch Vermischung mit nordchinesischen und anderen Herkunftsanteilen sozusagen "verfälscht" worden ist (2). In einem Blogbeitrag davor hatten wir auch schon danach gefragt, wie die Genetik der drei erfolgreichsten, IQ-stärksten Industrievölker Ostasiens zustande gekommen sein mag (3). Die Lösung dieser Frage rückt, so erahnt man mit dieser neuen Studie, nah und immer näher.

Wir sehen in der Grafik (Abb. 1) zunächst, worüber in unseren beiden genannten Beiträgen schon berichtet wurde, nämlich daß die Han-Chinesen (in der Grafik Abb. 1 ganz unten), sowie die Koreaner und Japaner (in der Grafik weiter oben) zusammen gesetzt sind aus einem nordasiatischen Herkunftsanteil ("Devil's Cave"; Blau) und einem südasiatischen Herkunftsanteil ("Amis"; Rot). Die archäologische Kultur der Hui hat zudem noch einen früh-indogermanischen Herkunftsanteil, ebenso die archäologische Kultur der (östlichen) Xiongnu. Den Tibetern und den Ureinwohnern Japans, den Jomon, fehlt allerdings der südchinesische Herkunftsanteil, der durch die Amis auf Taiwan repräsentiert wird. Dafür haben sie einen Ur-Vietnamesischen Herkunftsanteil, archäogenetisch bekannt aus der "Hoabinhian-Kultur" 12.000 bis 10.000 v. Ztr. in Vietnam (Wiki), der sich hinwiederum nicht (!) bei den heutigen Chinesen, Koreanern und Japanern findet. Daß es herkunftmäßige Verwandtschaft zwischen den Jomon und den Tibetern gibt, die zurück geführt werden kann auf die Frühzeit der Besiedlung Asiens durch anatomisch moderne Menschen, war ja schon in Andeutungen bekannt und davon war auch hier auf dem Blog schon gesprochen worden. Aber ob es schon früher Hinweise aus der Physischen Anthropologie, Sprach- oder Völkerkunde gab, daß Tibeter und Jomon zwar Vietnamesische, aber keine südchinesische (Amis-)Herkunft haben? Dieser Umstand könnte doch, so wird uns gerade bewußt, helles Licht werfen auf bislang noch sehr im Verborgenen liegende weltgeschichtliche Zusammenhänge.

Die Völker Ostasiens und ihre Herkunftsanteile - Eine neue Übersicht 


Hier deutet sich ja an, was sich auch für die Mittlere Wolga um 4.500 v. Ztr. andeutete: Die modernste Genetik des heutigen Ostasien mit (IQ von 105) konnte in Form der modernen Chinesen (Koreaner und Japaner) erst entstehen, als es zu einer "glücklichen", "gleichberechtigten" Kombination südchinesischer und nordchinesischer Genetik gekommen war. Das könnte in Parallele gesetzt werden zu einem ähnlichen Vorgang bei der Ethnogenese der Indogermanen um 4.500 v. Ztr. an der Mittleren Wolga, wo es zu einer "glücklichen", "gleichberechtigten" Kombination kaukasisch-neolithischer Bauern- und nordosteuropäischer Jäger-Sammler-Genetik gekommen war.*)

Ob so die Intelligenz-Evolution dieser beiden Völkergruppen auf der Nordhalbkugel im Zusammenspiel mit den Bauernkulturen des frühen fünften Jahrtausends, die sich von Süden her gen Norden ausbreiteten, erklärt werden kann?

Sind zwischen Gelbem Fluß und Jangtse zwei sehr unterschiedliche Völkergruppen aufeinander getroffen und ist aus dem Zusammentreffen dieser beiden sehr unterschiedlichen Völkergruppen einerseits am Gelben Fluß der seßhafte Hirseanbau und am Jangtse der seßhafte Reisanbau entstanden? Der Spielraum für denkbare Szenarien wird jedenfalls um so mehr Anhaltspunkte man zusammen trägt, kleiner.

Doch gehen wir zunächst erst einmal noch die Grafik (Abb. 1) einigermaßen zu Ende durch: Die archäologischen Kulturen der westlichen Xiongnu und die archäologische Kultur der Hunnen des Tianshan hatten den größten Anteil früh-indogermanischer Genetik dieser Zusammenstellung. Sie hatten grob eine ähnliche Herkunftszusammensetzung wie noch heute die Kalmücken, bei denen sich aber die Genetik stark in Richtung Überwiegen des nordasiatischen Herkunftsanteils verschoben hat seither. Auffälligerweise findet sich hier offenbar nirgendwo der südchinesische Amis-Herkunftsanteil. Falls es also überhaupt direkten Kontakt der indogermanischen Steppenvölker mit chinesischen Bauern gegeben hat, so hat dieser Kontakt keine umfangreichen Heiratsbeziehungen mit sich gebracht. Heiratsbeziehungen gingen die Indogermanen offenbar nur mit nordasiatischen Steppenvölkern ein, die noch keine Bauern der chinesischen Kultur im Engeren waren. Naheliegenderweise stammt der "nordchinesische" Herkunftsanteil dieser Steppenvölker also gar nicht von chinesischen Ackerbauern, sondern von Herdenhaltern nördlich des seßhaften China, die deshalb auch noch gar keine südchinesischen genetischen Anteile in sich aufgenommen hatten. Man spürt hier schon, wie dicht man der Lösung des Rätsels der Ethnogenese der Chinesen ist.

Die Mongolen hinwiederum haben den südasiatischen Herkunftsanteil, den auch die Chinesen haben, wenn auch nicht in dem Umfang wie die Chinesen. Andere genannte Steppenvölker weisen aber - wie gesagt - den nordasiatischen Herkunftsanteil der Chinesen auf aber keinerlei südasiatischen Anteil. Das könnte heißen, daß die Mongolen erst sehr spät aus Vermischung mit Chinesen entstanden sein könnten, während andere Steppenvölker schon zuvor entstanden waren aus Vermischung von Indogermanen mit rein nordasiatischen Steppenvölkern.

Wenn wir es außerdem recht verstehen, steht "Namazga" in Abb. 1 für Turkvolk-Herkunft. Allerdings wäre noch zu klären, ob die früheste Ackerbau-Kultur in Turkmenistan, nämlich die Namazga-Kultur (Wiki), wirklich eine ganz eigene, alte genetische Herkunftsgruppe repräsentierte, wie das hier nahegelegt scheint. Aber wir gehen einstweilen einmal davon aus.

Jedenfalls gewinnt man den Eindruck, daß die Amis-Herkunft sich erst - lange (?) - nach der ur-vietnamesischen Herkunft in Südasien ausgebreitet hat. Und da wäre es schon interessant, die Einzelheiten dieses Prozesses noch besser kennenzulernen. Und so sei noch einmal die Frage wiederholt: Ist diese südchinesische Amis-Herkunft der Herkunftsanteil jener Völkergruppe, die zuerst zum Ackerbau übergegangen ist in Asien, womit sie parallel gesetzt werden könnte zu den kaukasus- und anatolisch-neolithischen Völkergruppen in Europa und im Vorderen Orient?

Offenbar war es doch auch diese Amis-Völkergruppe, die so fortschrittlich und begabt war, daß sie nachmals zur Ausbreitung der ganzen austroasiatischen Völkergruppe im Südostpazifik Anlaß gab. Große Linien der Völker- und Weltgeschichte deuten sich hier an.**) Plötzlich bekommt diese südchinesische Amis-Völkergruppe für Asien eine ganz neue Bedeutung. Ihre Bedeutung für die Ethnogenese der drei großen heutigen ostasiatischen Industrienationen war ja bislang im Grunde entweder gar nicht bekannt oder machte man sich gar nicht so recht bewußt. Aber gerade diesem Herkunftsanteil scheint man ja die allergrößte Bedeutung zusprechen zu müssen. Wobei auch hier wieder gilt: Isoliert für sich genommen hatte sie nicht eine solche weltgeschichtliche Explosivkraft entfaltet als sie es dann tat in Kombination mit dem nordasiatischen Herkunftsanteil, was dann Bronzezeit, Achsenzeit und viele andere Folgewirkungen mit sich brachte.***)

Übrigens kann daran erinnert werden, daß auch die dritte Volksgruppe mit hohem Intelligenz-Quotienten, die aschkenasischen Juden Produkt einer "geglückten", "gleichberechtigten" Vermischung zweier sehr unterschiedlicher Herkunftsanteile zu sein scheinen, nämlich - grob gesprochen - der vorderorientalischen Herkunft und der - grob gesprochen - europäischen Herkunft. Ob wohl aus all dem eine allgemeinere Regel abgeleitet werden kann? Wie wir an zahllosen anderen Beispielen von Vermischungen sehen können, haben die wenigsten solchen Völkervermischungen solche immensen Folgen wie jene bei der Ethnogenese des chinesischen Volkes, wie jene bei der Ethnogenese der Indogermanen und wie jene bei der Ethnogenese der aschkenasischen Juden. Im Gegenteil: Insgesamt drängt die Weltgeschichte einem eher den Eindruck auf, daß Völker um so mehr an Begabung verlieren, um so mehr sie sich mit anderen vermischen - eben abgesehen von den bekannten genannten und sicherlich noch einigen weiteren - aber wenigen - Ausnahmen.

Wenn also seit dem Spätneolithikum neue Völkergruppen ("Rassen") auf der Nordhalbkugel entstanden, die auch noch die Hervorbringung der heutigen Industrienationen getragen haben, dann sind sie jeweils entstanden aus einer "geglückten", "gleichberechtigten" Vermischung zweier jeweils sehr unterschiedlicher genetischer Herkünfte. So viel darf sicherlich schon zu jetzigem Zeitpunkt als einigermaßen sicher festgehalten werden.

Es geschah das wahrscheinlich dadurch, daß die Verhaltensgenetik der einen Völkergruppe unter großem Streß in die Verhaltensgenetik einer völlig anderen Völkergruppe "integriert" wurde, daß beide miteinander "fusionierten", wobei viele genetische und kulturelle Anpassungsprozesse notwendig gewesen sein mögen, und wobei viel kulturelle und genetische Selektion dazu beigetragen haben mag, daß geglückte, erfolgreiche Produkte dabei heraus gekommen sind, die in folgenden Jahrhunderten und Jahrtausenden sehr erfolgreiche gruppenevolutionäre Strategien ausbilden sollten, Strategien, die noch heute allerorts auf der Erde besichtigt werden können (allerdings heute vielerorts auch Evolutionsstabilität verloren haben).

Große asiatische Völker wie die Vietnamesen oder die Kambodschaner (Khmer) gehören zu den austroasiatischen Sprachen (Wiki). Kleine Minderheitenvölker wie die Hmong in Südchina gehören zu der Hmong-Mien-Sprachfamilie (Wiki). Thailändisch gehört zu den Tai-Kadai- (Kra-Dai-)Sprachen (Wiki). Alle diese Völker weisen heute - obwohl unterschiedlichen Sprachfamilien angehörend - weit über 50 % südasiatische Amis-Herkunft auf (s. Abb. 1). Außer bei den südchinesischen Hmong weisen sie auch alle einen kleineren Anteil von Hoabinhian-Genetik auf. Diese Hoabinhian-Genetik hat aber keinen Einfluß auf das chinesische Volk genommen, was ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal der Chinesen von den genannten südasiatischen Völkern darstellt. Womöglich kann also als allgemeinere Regel festgestellt werden: Erfolgreich ist, wer sich vermischt, aber zugleich auch, wer sich nicht zu viel vermischt.

Die Thailänder und Kambodschaner weisen also - wie schon gesagt - einen kleinen Anteil Namazga-Genetik auf. Die Amis selbst (Wiki) sprechen nun wiederum eine Sprache der austronesischen Sprachgruppe (Wiki). Das ist ja auch naheliegend, denn sie wohnen im Ursprungsraum dieser südpazifischen Sprachgruppe mit ihrem riesigen Ausbreitungsraum, wobei das Austronesische kulturell auch Einfluß auf das Japanische genommen haben soll (wobei allerdings genetische Einflüsse kaum eine Rolle gespielt haben). Die ursprüngliche südchinesische "Amis"-Völkergruppe hat heute also Nachkommen in vier großen Sprachfamilien. Ob das auf bäuerliche Expansion vom Jangtsetal in alle Richtungen hin zurück geführt werden kann? Und ob Vergleichbares auch für andere Großgruppen (Völkergruppen) der Menschheit gesagt werden kann?

Die viel gesuchten "Geister-Populationen", die zur Ethnogenese des chinesischen Volkes beitrugen


In der Vorabdruck-Studie wird mit Bezug auf ein Zitat aus dem Buch von David Reich über jene "Geister-Population am Gelben Fluß, bzw. am Jangtse" ausgeführt, nach der die Archäogenetik derzeit sucht (1):
Die südlichen Han sind von ihrer Herkunft her angeordnet zwischen den nördlichen Ostasiaten und den südöstlichen Asiaten, was übereinstimmt mit der Theorie des "Geister-Volkes am Gelben Fluß, bzw. am Jangtse" und der Schlußfolgerung, daß die Han-Chinesen eine Vermischung beider vorgeschlagener Völkergruppen sind.
Original: Southern Hàn clusters between northern East Asians and Southeast Asians, consistent the “Yellow/Yangtze River Ghost Population” theory and the inference that Hàn Chinese is the admixture of both proposed populations.
Zu dieser Theorie finden wir im Internet die Angabe (LostFootsteps):
Das Geister-Volk am Gelben Fluß könnte eine Sprache gesprochen haben, aus der später das Burmesische, das Tibetische und das Chinesische entstand. Das Geister-Volk am Jangtse-Fluß könnte eine Sprache gesprochen haben, aus der später das Munda (in Indien), Mon, das Kambodschanische und das Vietnamesische entstand. Die Han-Chinesen entstanden wahrscheinlich aus einer Vermischung dieser beiden "Geister-Völker" um 3.000 v. Ztr..
Original: The Yellow River ghost population may have spoken a language ancestral to Burmese, Tibetan, and Chinese. The Yangtze River ghost population likely spoke a language ancestral to Munda (in India), Mon, Cambodian, and Vietnamese. The "Han" Chinese likely emerged from a mix of these two 'ghost' populations around 5,000 BP..
(Siehe auch: Anthropogenica 2018). 3.000 v. Ztr. ist sehr, sehr spät angesetzt. Auch könnte der Gedankengang noch viel zu schlicht formuliert sein. Man möchte doch eher vermuten, daß das chinesische Volk zu einer Zeit entstanden ist, als die Bevölkerungsdichte noch nicht so hoch war wie sie unter Bauernvölkern dieses Raumes um 3.000 v. Ztr. zwangsläufig gewesen sein muß. Sonst hätte sich doch die Genetik nicht so einheitlich über einen so großen Raum hinweg durchsetzen können. Jedenfalls: So einfach wie hier kann man es sich heute auch bei der Ethnogenese des Volkes der Urindogermanen nicht machen. Das könnte also auch in Ostasien noch deutlich komplexer gewesen sein als es hier im ersten Rätselraten vermutet wird. Vielleicht ist auch das folgende Detail noch weiterführend (1):
Es gibt eine enge Verbindung zwischen der materiellen Kultur des neolithischen Jangtse-Delta's und den späteren austronesischen, pazifischen Inseln.
Original: There is a strong bond between the material culture of Neolithic Yangtze Delta and later Austronesian Pacific islands.
Wenn auch die Ausbreitung des Austronesischen erst vergleichsweise spät einsetzte, deutet sich dennoch das Jangtse-Delta als ein Angelpunkt der Geschehnisse an. Ging hier um 10.000 v. Ztr. (?) ein Amis-Fischer-Volk zum Reisanbau über und breitet sich von dort aus mitsamt dem Reis-, bzw. Hirse-Anbau sehr schnell alle Richtungen hin aus? Was wohl da zwischen Gelbem Fluß und Jangtse geschah als zwei sehr unterschiedliche Kulturen und damit verbundene Begabungsgenetiken zusammen trafen?

"Hybrid fitness"?


In der Biologie ist ganz allgemein von der "hybrid fitness" die Rede (PlosGenetics2019). Dabei wird diskutiert, daß Mischlinge zwischen zwei Arten oder Unterarten einer Tier- oder Pflanzenart entweder evolutive Vor- oder Nachteile mit sich bringen können. Das wird auch unter Stichworten wie "Hybride" (Wiki, engl) und "Hybrid vigor" oder "Heterosis-Effekt" (Wiki, engl) oder "Heterozygote adventage" erörtert.

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*) In Tibet übrigens hat sich aus einer ursprünglicheren asiatischen Genetik heraus eine herrschsüchtige, männliche Priesterkaste gebildet, die parallel gesetzt werden kann zu der römisch-katholischen Priesterkaste in Euroopa, die schwerpunktmäßig ebenfalls aus einer eher ursprünglicheren europäischen Genetik hervorgegangen ist. Beide Priesterkasten schauen seit Jahrhunderten - im Verbund mit jeweiligen "Ultramontanen" - mit "Ressentiment" und Herrschsucht auf die fortschrittlicheren Völker im Norden ihrer jeweiligen Kontinente. Womöglich ist hier eine der tieferen, antreibenden Gegensätze der Weltgeschichte zu finden.
**) Zumindest dem Blogautor, andere mögen sie schon vorher erahnt haben, ohne daß der Blogautor davon etwas mitbekommen hat.
***) Auffällig, daß der Vorabdruck, auf den wir uns hier beziehen, obwohl er seit dem 9. August öffentlich ist, weder auf Twitter noch auf Facebook bis heute ein einziges mal scheint geteilt worden zu sein (1). Das ist doch sonst bei solchen Vorabdrucken nicht der Fall. Oder hatten alle potentiellen Leser und Blogger ebensowenig Zeit, sich diesen Vorabdruck bislang vorzuknöpfen wie der Autor dieser Zeilen?
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  1. Inland-coastal bifurcation of southern East Asians revealed by Hmong-Mien genomic history Zi-Yang Xia, Shi Yan, Chuan-Chao Wang, Hong-Xiang Zheng, Fan Zhang, Yu-Chi Liu, Ge Yu, Bin-Xia Yu, Li-Li Shu, Li Jin bioRxiv 730903, 9.8.2019; doi: https://doi.org/10.1101/730903, https://www.biorxiv.org/content/10.1101/730903v1.full
  2. Bading, Ingo: Die Indogermanen an der Nordgrenze Chinas - Neues über Yuezhi, Xiongnu, Weiße Hunnen und Skythen Zur Archäogenetik der Dsungarei - und des benachbarten Tarim-Beckens, 10. August 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/die-indogermanen-der-nordgrenze-chinas.html
  3. Bading, Ingo: Die Intelligenz-Evolution der Völker weltweit - Mit und ohne "genetic replacement" Im Vorderen Orient und in Ostasien gab es viel genetische Kontinuität seit 10.000 Jahren, in Europa nicht, 9. Mai 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/05/intelligenz-evolution-mit-und-ohne.html

Samstag, 21. September 2019

Die ethnische Vielfalt Indiens

 - Wie ist sie über die Jahrtausende entstanden?
- Wie hat sie sich über die Jahrtausende erhalten, bzw. verändert?
Nur einige wenige erste Eindrücke aus der gegenwärtigen Forschung

Vor zehn Jahren schrieben wir hier auf dem Blog vom "größten genetischen Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde". Dabei bezogen wir uns auf eine Studie des indischen Biologen Madhav Gadgil (geb. 1942) über "die Bedeutung des indischen Kastensystems hinsichtlich der evolutionären Anpassung" (1).

Diese Studie gab einen Eindruck von dem Zusammenleben und Aufeinander-Angewiesen-Sein der vielfältigen, traditionellen, endogam lebenden Stämme und Kasten in der indischen Gesellschaft. Sie gab auch einen Eindruck von der jeweilig recht einzigartigen ökologischen und wirtschaftlichen Spezialisierung und "Einnischung" jeder einzelnen Kaste und jedes einzelnen Stammes sowohl arbeitsteilig in die indische Gesamtgesellschaft, als auch in die jeweiligen natürlichen Lebensbedingungen und Klimazonen vor Ort. Dabei wurde klar: In Indien stellen gar nicht die Kasten, sondern die Stämme "das größte genetische Experiment am Menschen" dar.

Vor diesem Hintergrund ist es um so spannender, die damaligen Erkenntnisse und Überlegungen mit dem heutigen Stand der Archäogenetik in Abgleich zu bringen. Eine schöne, weil sehr, sehr "grobe" Übersicht über die derzeitigen Vorstellungen zur Ethnogenese der vielen hundert indischen Völkerschaften findet sich in einer Studie estnischer Humangenetiker aus dem Oktober 2018 (2, 3) (Abb. 1).


Abb. 1: Die Ethnogenese der indischen Völker (aus: 2) (a) vor 10 000 v. Ztr.; (b) 10 000 bis 3000 v. Ztr.; (c) 3000 v. Ztr. bis heute (Eisenzeit)

In der zweiten Grafik derselben (Abb. 1) ist dargestellt wie die Indus-Kultur (Wiki), hier "Indus Periphery" (IP) genannt, aus einer Vermischung von iranisch-neolithischen Herdenhaltern (IF) mit den Ureinwohnern Indiens (AASI) entstand, also mit jenen Ureinwohnern, deren Vorfahren schon vor 50.000 Jahren nach Indien zugewandert waren (Abb. 1, Grafik a)), die sich bis heute am unvermischtesten auf den Andamanen-Inseln erhalten haben. Was von Bedeutung ist: Die iranisch-neolithischen Herdenhalter hatten sich bis zur Entstehung der Indus-Kultur noch nicht mit anatolisch-neolithischen Bauern und Herdenhaltern oder Jägern und Fischern West- oder Osteuropas vermischt. Darauf hat jüngst eine Studie der Forschungsgruppe rund um David Reich im September 2019 hingewiesen (4) (Abb. 2). 



Abb. 2: (A) ....; (B) Vermischungs-Analyse von Individuen aus Süd- und Zentral-Asien mit Herkunftsanteilen von iranischen Bauern (orange), anatolischen Bauern (blaugrün), osteuropäischen Jägern und Sammlern (blau), westeuropäischen Jägern und Sammlern (grün), Andamanen/Südindien (rot)*); (C) .... (aus: 4)

Das Ergebnis dieser neuen Studie hatte sich aber - wenn wir es recht verstehen - schon in einer vorhergehenden Studie angedeutet (5, 6). Für den, der all diese Studien nicht im Detail verfolgen kann oder will, könnte aber insbesondere die dritte Grafik c) in Abbildung 1 von großem Interesse sein. (Abb. 1). Sie zeigt auf, daß sich nach 1000 v. Ztr. auch Völker der austroasiatischen Sprachgruppe (repräsentiert durch die Munda) und der tibeto-burmesischen Sprachgruppe nach Nordost-Indien ausbreiteten, und zwar nach der Zuwanderung der Indogermanen nach Indien von Nordwesten aus der Steppe heraus.

Mit all dem bekommt man einen ersten Eindruck davon, wie komplex die Ethnogenese der indischen Völker verlaufen ist. In der estnischen Studie wird noch auf Beobachtungen aufmerksam gemacht, die uns hier auf dem Blog ebenfalls schon häufiger wichtig waren, wenn es um die Entstehung (Ethnogenese) von Völkern, Stämmen und ethnischen Gruppen geht. Die Forscher schreiben (1):
Normalerweise ist die Sprachfamilie eine ganz gute Annäherung an die genetische Struktur von indischen Populationen. In einigen Fällen aber erweist sich eine solche Voraussage als spektakulär falsch. Die größte Stammesgruppe in Indien - die dravidisch-sprachigen Gond - scheinen mehr ihrer genetischen Herkunft mit den indischen Munda-Sprachigen zu teilen als mit anderen dravidisch-sprachigen Gruppen. Auf der anderen Seite sprechen die Muashar eine indoeuropäische Sprache aber stehen genetisch wiederum den Munda-Sprachlichen nahe. Dies sind Beispiele für Sprachwechsel, in denen eine Population eine neue Sprache annimmt aber viel von ihrer genetischen Herkunft beibehält, wobei die genetische Geschichte der Gond vermutlich noch komplexer ist. Gegensätzliche Beispiele liefern die Brahui, die eine drawidische Sprache beibehalten haben, während sie genetisch ihren geographischen Nachbarn in Pakistan gleichen, weit vom sonstigen geographischen Ausbreitungsgebiet der drawidischen Sprachen entfernt.
Original: While language family is generally a good proxy for genetic structure of South Asian populations, there are several cases where such prediction is spectacularly wrong. The largest tribal group in India - the Dravidic speaking Gond - seem to share more of their genetic ancestry with the Indian Munda speakers, rather than with the other Dravidian groups. On the other hand the Mushars speak a tongue from the Indo-European group, yet genetically are again similar to Munda speakers. These are examples of language change where a population adopts a new language but retains much of their genetic legacy, although the genetic history of the Gond is likely more complex. Contrary example is provided by the Brahui, who have retained Dravidic language while genetically they resemble their geographic neighbours in Pakistan, far from the geographic realm of Dravidic languages.
Von jüngeren Ethnogenesen in Indien können schon gut verstanden werden die der Siddis, der Muslime, der Juden und der Parsen. Die indischen Juden (Wiki) kamen im 5. und 10. Jahrhundert nach Indien. Die Siddis wurden von portugisischen Sklavenhändlern als Sklaven und Krieger an indische Sultane verkauft. Sie sind heute zu 70 % afrikanischer Herkunft. Verglichen mit diesen beiden Gruppen war die Vermischung der im 7. Jahrhundert aus Persien nach Indien gelangten Parsen mit einheimischen Indern minimal. Die Parsen stehen genetisch den neolithischen Iranern näher als den modernen Iranern, da es bei letzteren im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Islam zu neuen Vermischungen gekommen ist.

Es deutet sich an, daß der indische Subkontinent noch eine Fülle weiterer allgemeiner Erkenntnisse zur Entstehung und zur Aufrechterhaltung von Völkern bereithalten kann, daß auf ihm eine große Vielfalt von "gruppenevolutionären Strategien" vergleichend und über viele Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg erforscht werden kann.

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*) Original: "(B) ADMIXTURE analysis of individuals from South and Central Asia shown with components in orange, teal, blue, green, and red maximized in Iranian farmers, Anatolian farmers, Eastern European hunter-gatherers, Western European hunter-gatherers, and Andamanese hunter-gatherers, respectively."

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  1. Bading, Ingo: "Das größte genetische Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde". 16. Juli 2009, https://studgendeutsch.blogspot.com/2009/07/das-grote-genetische-experiment-das.html 
  2. The genetic makings of South Asia. By Mait Metspalu, Mayukh Mondal, Gyaneshwer Chaubey. In: Current Opinion in Genetics & Development (2018) 53:128-133, Available online 1 October 2018, https://doi.org/10.1016/j.gde.2018.09.003
  3. Quiles, Carlos: The genetic makings of South Asia – IVC as Proto-Dravidian, October 6, 2018, https://indo-european.eu/2018/10/the-genetic-makings-of-south-asia-ivc-as-proto-dravidian/ 
  4. An Ancient Harappan Genome Lacks Ancestry from Steppe Pastoralists or Iranian Farmers. Vasant Shinde, Vagheesh M. Narasimhan (...) David Reich. Published: September 05, 2019, DOI:https://doi.org/10.1016/j.cell.2019.08.048
  5. Vagheesh M Narasimhan et. al. (inkl. David Reich): The Genomic Formation of South and Central Asia. bioRxiv 292581; doi: https://doi.org/10.1101/292581 This article is a preprint and has not been peer-reviewed, 31.3.2018, https://www.biorxiv.org/content/early/2018/03/31/292581
  6. Bading, Ingo: "Söhne der Sonne" - Die Indogermanen Asiens. 1.7.2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/07/sohne-der-sonne-die-indogermanen-asiens.html 

Über Absicht

Schon oft hat der Blogautor in Beiträgen daran erinnert, daß es im Nachdenken über Evolution einen völligen Umschwung gegeben hat, seit der britische Paläontologe Simon Conway Morris mit seinem Buch "Life's Solution" von 2003 gegen Stephen Jay Gould's Buch "Zufall Mensch" Stellung genommen hat und das biologische und auch philosophische Denken der Menschheit damit auf völlig neue Bahnen gebracht hat. Es geschah das mit einem Buch voller wissenschaftlicher Fakten. Selten genug wird dieser Umstand mit ausreichender gedanklicher Tiefe erörtert.

Herausgegeben von Michael Ruse, 2007
Aber das ist auch der Grund dafür, daß immer mehr Christen immer weniger theologische Argumente, sondern (fast) nur noch rein wissenschaftliche und entsprechende philosophische Argumente vorbringen, um - in letzter Instanz - eine Lanze für den monotheistischen Irrwahn zu brechen. (Das tat übrigens auch Stephen Jay Gould, allerdings auf seine Weise.) Und das ist heute auch die Rolle des populären - und populär gemachten - kanadischen Psychologie-Professors Jordan B. Peterson. Aber Weniger "populär" und mit viel größerer gedanklicher Tiefe kann das schon seit vielen Jahrzehnten auch bei dem britischen Wissenschafts-Philosophen Michael Ruse (geb. 1940) (Wiki) beobachtet werden. Ihn konnte man deshalb immer schon eher positiv als negativ wahrnehmen.*) Ruse scheint aber mit dem Alter sogar noch besser zu werden als er jemals war und noch weniger Theologie-geleitet zu denken als er das früher schon getan hat. Kann eigentlich mehr erwartet werden?

Jedenfalls ist ein neues Buch von Ruse mit dem Titel "Über Absicht" ("On Purpose") erschienen und wird in angesehenen Zeitschriften besprochen (1). Es geht natürlich um nichts geringes als um die These, daß alles, was ist, "beabsichtigt" sein könnte, "gewollt" sein könnte, sprich, auch einen "Sinn", ein "Ziel", einen "Zweck" haben könnte, und zwar - was hier von besonderer Bedeutung ist - ohne daß zunächst auf monotheistischen Gotteswahn rekuriert würde oder gar zu plump auf ihn hingesteuert würde, sondern indem vor allem erst einmal einfach nur auf die Tradition philosophischen Denkens seit der Antike rekuriert wird (1):
Hier ist ein Autor mit der bedeutendsten Arbeit befaßt, mit der Philosophen befaßt sein können. Er konzentriert sich darauf zu verstehen und dadurch auch seinen Lesern beim Verständnis zu helfen, welches die Rolle einer bestimmten Idee in der Entstehung, im Verständnis und in der Anwendung der Evolutionstheorie war und ist. Diese Idee ist (...) 'Teleologie', bzw. 'Absicht'. Ruse argumentiert, daß seit den Berichten über die klassischen griechischen Philosophen, insbesondere Platon und Aristoteles und weiter über die Vertiefungen und die Argumente der Aufklärung, in der Ära Darwins und in der industriellen Revolution Vorstellungen über Absicht und Fortschritt Schlüssel für das Verständnis der Natur gewesen sind. Er schlägt im weiteren vor, daß obwohl dies Herausforderungen für den Naturforscher des 19. (und des 21.) Jahrhunderts sind, wir diese Herausforderungen dennoch annehmen sollten, die Bedeutung dieses Gedankens anerkennen sollten und damit dann weiter gehen sollten.
Original: Here, the author is engaging in what, to my mind, is the most important work philosophers can do. He is focused on understanding, and thereby helping his readers understand, the role of a particular idea in the formation, understanding, and application of evolutionary theory. The idea under his philosophical and historical lens is “teleology” or purpose. Ruse argues that from the accounts of the classical Greek philosophers, particularly Plato and Aristotle, through the refinements and the arguments of the Enlightenment, and into Darwin’s era and the industrial revolution, notions of purpose and progress have been key to our understanding of nature. He goes on to suggest that although this presents challenges for the 19th-century student of nature (and the 21st), we should embrace these challenges, recognize the importance of this idea, and carry on.
Genau dieselben Gedanken hätten auch von der deutschen Philosophin Mathilde Ludendorff formuliert worden sein können. bzw. könnten im Sinne ihrer Philosophie genau so formuliert werden. Der Rezensent schließt seine Rezenension ab mit den Worten (1):
Warum singen Vögel? Was ist der Ursprung der Moral? Was ist der Ursprung von Religion? Für den Autor sind diese Fragen wert, sorgfältig überdacht zu werden. Mehr noch, das Nachdenken über diese Fragen gibt dem Leben Sinn. Obwohl moderne Biologen und Philosophen oft daran gearbeitet haben, das Konzept der Absicht in der biologischen Forschung zu eliminieren, schreibt Ruse in seinem letzten Kapitel: "All das heißt, das Gespräch über Absicht ist angemessen und bedeutungsvoll". Obwohl ich nicht vollständig mit seinen Schlußfolgerungen übereinstimmen kann, so ist doch der Weg, den er geht, um zu ihnen zu gelangen, immer erhellend.
Original: Why do birds sing? What is the source of morality? What is origin of religious belief? For the author, these are questions that are worthy of careful contemplation. Further, the contemplation of these questions gives purpose to life. Although modern biologists and philosophers have often worked to expunge the concept of purpose from biological inquiry, Ruse writes in his last chapter: “All of this means that purpose talk is proper and meaningful” (p. 223). Although I may not completely agree with his conclusions, I am always enlightened by the journey to reach them.
Wenn man möchte, kann man das als einen neuen Tonfall in der Debatte erachten. Und all das ist erschienen in der angesehenen Rezensions-Zeitschrift "The Quarterly Review of Biology", in der man wieder und wieder Perlen des Geisteslebens findet, die offenbar zu großen Teilen unabhängig von den sonstigen geistigen Entwicklungen der Menschheit im Verborgenen "wachsen" sollen.

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*) Auch wenn er - schon vor Jahren - von "Darwins Bulldogge" Richard Dawkins als "Neville Chamberlain" naturwissenschaftlichen Denkens gegenüber theologischem Irrwahn gekennzeichnet worden war. Dawkins selbst hat sich nach der Lektüre von Simon Conway Morris gedanklich stark auf Ruse zu bewegt.
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  1. Mark E. Borrello, "On Purpose by Michael Ruse," The Quarterly Review of Biology 94, no. 2 (June 2019): 209-210.  https://doi.org/10.1086/703583  

Montag, 16. September 2019

Krieger oder Zweifler - Was bist du?

Schau Dir Dein COMT-Gen an!
Nämlich: das SNP rs4680

Aus der Reihe "Meine Gene", Teil 10


Ein guter Bekannter, der in "Ostelbien", bzw. im Norden des Bundeslandes Brandenburg wohnhaft ist, wo vermutlich auch seine Vorfahren lebten, hat sich von meinen Veröffentlichungen dazu anregen lassen, seine Gene sequenzieren zu lassen. Dabei ist er auf spannende Ergebnisse gekommen, die es ihm erleichtern, seine Persönlichkeitsstruktur zu verstehen. Auch mir selbst wird dadurch erleichtert, die Persönlichkeitsstruktur von Mitmenschen zu verstehen, nachdem ich mich begonnen habe, mit dem von ihm entdeckten Thema zu beschäftigen.


Abb. 1: Unter den Europäern gibt es mehr "Zweifler" (A/A) als unter den Afrikanern und Asiaten (1)

Die Geschichte beginnt im Mai dieses Jahres, da hatte er mir geschrieben:

Hallo Ingo, ich habe meine DNA-Ergebnisse von myheritage nun bekommen und war gleich hellauf begeistert, über die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben können. Da du es warst, der mich damals erst auf diese kostengünstigen Anbieter aufmerksam gemacht hat und es dich wahrscheinlich ebenfalls interessieren wird, möchte ich dich auch gerne an meinen Ergebnissen teilhaben lassen. Meine Herkunft schlüsselt sich folgendermaßen auf: 37,6 % Engländer, 21,1 % Nord- und Westeuropäer, 16,8 % Balkanbewohner, 16,4 % Balte und 8,1 % Skandinavier. Eine Mischung, mit der ich sehr gut leben kann. Ich selber hatte mit einem größeren osteuropäischen Teil gerechnet. Deshalb hat mich der englische Anteil völlig überrascht. Mir sind nicht einmal englische Verwandte bekannt.

Nun, da die Angelsachsen vor 1.300 Jahren aus Angeln (Dänemark) und Sachsen zu den britischen Inseln ausgewandert sind und dort bis heute leben, sind sie eben insgesamt recht deutlich mit uns Deutschen verwandt, so möchte man meinen. Auch mit uns Deutschen in Ostelbien, die viele Vorfahren haben, die im Hochmittelalter aus den Niederlanden oder von Flandern aus in das Land östlich der Elbe auswanderten (wo es ja noch heute den "Fläming" gibt). Heute aber, im September dieses Jahres, schreibt er mir nun:

Hallo Ingo,

ich habe jetzt meine ganze Familie bei myheritage analysieren lassen. Die Ergebnisse der Herkunft sind spannend, aber die Erforschung der eigenen SNPs sind auch sehr interessant und aufschlussreich. Und nun komme ich auch gleich zu meinem Anliegen. Ich habe mich jetzt ausgiebig mit dem SNP rs4680 beschäftigt. Dieses SNP ist Teil des COMT Gens, welches für ein Enzym kodiert, das den Dopaminabbau im präfrontalen Kortex steuert. Ich bin Träger der "Risikovariante" AA. Das heißt, dass die Fähigkeit des COMT-Enzyms nur eine Leistung von 25% gegenüber der GG Variante besitzt. AA Träger sind für Depression, Angsterkrankung und Stress anfälliger, da das Dopamin dafür sorgt, dass besonders nach stressreichen Erlebnissen die Gedanken länger um diese kreisen und sich eine Grübelstimmung einstellt. Rumination und Perseveration sollen hier als Stichwörter erwähnt sein. Dem gegenüber stehen die GG Träger, welche schneller wieder auf andere Gedanken kommen können.

Die GG und AA Träger werden deshalb auch als Warrior (Krieger) (GG) und Worrier (Zweifler) (AA) bezeichnet. Dieses SNP ist ein in seiner Wirkung sehr gut erforschtes SNP, deshalb gäbe es noch viel mehr zu erwähnen. Du bist übrigens AG Träger. Das habe ich bei OpenSNP nachgeschaut. Der Wildtyp ist übrigens GG. Interessant ist auch die Verteilung von rs4680 in der Bevölkerung. In europäischen Völkern gibt es eine gleichmäßige Verteilung von je 25% für AA und GG, und 50% für AG. In Afrika dagegen ist die AA Variante nur zu knapp 9% verbreitet. Dafür überwiegt die GG Variante mit etwa 53% (1; Graphik unten auf der Seite).

Nun habe ich mir Gedanken zur gesellschaftlichen Bedeutung dieses SNP gemacht. Du bist ja ein Mensch, der das Christentum eher abzulehnen scheint. Ich bin ihm recht aufgeschlossen gegenüber. Das liegt nicht zuletzt an seiner Tiefgründigkeit, die bei intensiverer Betrachtung zum Vorschein kommt. Auch hier gäbe es viel zu sagen, doch ich will mich nur auf einige Beispiele beschränken. Die Beichte setzt ein intensives Auseinandersetzen mit sich und seinen Taten voraus, welches wohl durch ein Wiederkauen von Gedanken an das eigene Fehlverhalten begünstigt wird. "Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa" (meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld) wird in der katholischen Kirche oft von den Gläubigen bekannt. In Österreich soll sich noch der Brauch erhalten haben sich dabei auf die eigene Brust zu schlagen.

Deshalb glaube ich, dass sich das Christentum besonders in Europa ausbreiten konnte, weil es eben in seiner Philosophie ganz besonders 25% der Bevölkerung in deren mentalen Verfassung ansprechen konnte. Die ersten Christen in Rom mussten sich aus Angst vor Verfolgung in den Katakomben treffen. Und überirdisch wurden die Gladiatorenkämpfe bejubelt. Zwei völlig unterschiedliche Empfindungsebenen lassen sich so erkennen. Der lebensfrohe, ungestüme Welteroberer und der in sich gekehrte, selbstreflektierende Denker. Eben der Warrior und der Worrier. Meine Theorie ist nun, dass dieses SNP weit mehr zur Geschichte Europas beigetragen hat, als uns bewusst ist. Geschichte ist stets eine Verschiebung der Macht gewesen, doch oftmals kamen auch neue Gedanken mit den neuen Mächten. Insbesondere die Verdrängung der europäischen Kulturen durch den christlichen Glauben und wieder die Abkehr von demselben durch die Aufklärung, aber auch durch Ideologien, wie dem Kommunismus, der die Tat der Arbeit und nicht das Gebet als Schlüssel zum Heil pries.  Vielleicht ist dieses SNP, womöglich unter vielen anderen, ein ewiger potentieller Auslöser für Zwist im eigenen Volk. Gerade auch, weil es quantitativ so ausgewogen ist und unserem Volk einen manisch-depressiven Charakter zu verleihen scheint.  Was hältst du von meinen Gedanken?

Diese Gedanken finde ich außerordentlich spannend. Als erstes möchte ich dazu bemerken, daß es auch umgekehrt gewesen sein kann, daß nämlich die Einführung des Christentums es begünstigt haben könnte, daß Menschen mit AA kinderreicher waren im Verhältnis zu Menschen mit GG. Womöglich könnte eine solche These schon anhand der Daten der Wikinger-Studie die in diesem Sommer veröffentlicht wurde, und über die hier auf dem Blog schon berichtet wurde (2, 3), überprüft werden. Wäre dies nicht durch die Einführung des Christentums bewirkt worden, müßte es ja andere Selektionsfaktoren geben, die es bewirkt haben, daß in Europa und Indien der Anteil der AA-Zweifler größer ist als in Afrika und Asien. In einer weiteren Zuschrift ergänzte er:

Ich habe meine Theorie, dass rs4680 auf die religiöse Geschichte Europas Einfluss hatte untermauern wollen und bin auf den Gedanken gekommen, bei OpenSNP die OpenHuman Sammlung von Rohdaten nach rs4680 zu durchsuchen und das Ergebnis in Verbindung mit den Angaben der Nutzer zu ihrer religiösen Einstellung zu bringen. Ich habe mir etliche Rohdatensätze heruntergeladen und diese dank einiger Konsolenbefehle meines Linuxsystems schnell nach dem SNP durchsuchen können. Das Ergebnis möchte ich dir gerne mitteilen.

Als erstes interessierten mich die SNPs derer, die sich selber als Atheisten bezeichnet haben. Ich konnte 110 Datensätze verwenden. Das Ergebnis lautet:

GG 38 (34,5%)
AG 43 (39,0%)
AA 29 (26,4%)

Auch wenn das noch zu wenig Datensätze sind, um eine klare Aussage zu treffen, so gibt es eine klare Verschiebung der Häufigkeit nach Richtung GG. So wie ich es erwartet habe. Als nächstes schaute ich nach den bekennenden Christen. Leider waren nur 15 Datensätze verwendbar. Das Ergebnis lautet:

GG 2 (13,3%)
AG 8 (53,3%)
AA 5 (33,3%)

Auch hier bestätigte sich mein Verdacht. Die Agnostiker machen 26 Datensätze aus. Das Ergebnis lautet:

GG  6 (23,1%)
AG 12 (46,2%)
AA  8 (30,8%)

Agnostiker sind in meinen Augen Menschen, die offen für Religion und Spiritualität sind, sich aber aus den verschiedensten Gründen nie für eine Religion entscheiden konnten. Sie sind daher religiösen Menschen eher zuzuordnen, als bekennenden Atheisten. Wenn man die Gruppen jetzt einteilt in strenge Atheisten, deren Religionsablehnung ein klares Bekenntnis zur Ungläubigkeit ist, und auf der anderen Seite und Christen und Agnostiker als Spiritualität Suchende, so kommt die Gruppe der Christen und Atheisten zusammen auf folgendes Ergebnis für 41 Datensätze:

GG  8 (19,5%)
AG 20 (48,8%)
AA 13 (31,7%)

Auch hier ist eine klare Tendenz Richtung AA zu erkennen. Die letzte und ebenfalls wichtige Gruppe, ist die derjenigen, die bei Religion einfach No angegeben haben. Quasi die Persoen, denen Religion egal ist, die keinen Glauben, auch nicht den Glauben des Unglaubens der Atheisten. Denn in dieser Gruppe ist die Verteilung so, wie das SNP in der Bevölkerung verteilt ist. 33 Datensätze ergeben:

GG  8 (24,2%)
AG 16 (48,5%)
AA  9 (27,3%)

Ich werde demnächst noch Datensätze nach dem Punkt spirituelles Interesse durchsuchen. Bin schon auf die Ergebnisse gespannt.


Wenn mein Bekannter so weiter macht, sollte er sich mal an die eine oder andere deutsche Forschungsgruppe wenden, die ähnliche Anliegen verfolgt. Ich halte diese Forschungsansätze allemal für wert, daß man ihnen weiter nachgeht. Die Anregung, sich mit rs4680 zu beschäftigen, erhielt er übrigens hier (5) (ab Minute 20).

Ich selbst habe AG, ebenso meine Mutter und meine Tochter. Die Mutter meiner Tochter hat allerdings GG. (Vielleicht paßt das zu dem Umstand, daß letztere im Gegensatz zu mir 18 % südeuropäische Gene hat und sogar 1,7 % afrikanische Gene. 15 % südeuropäische Gene hat aber auch meine Mutter*)).

Eine iranische Studie aus dem letzten Jahr fand bei 100 an Schizophrenie Erkrankten und 100 bipolar Erkrankten einen deutlichen Zusammenhang zwischen SNP rs4680 und Schizophrenie (4):


AA- Schizophrenie: 94      Bipolar: 67      Kontrollgruppe: 74
GG0101
AG62325

Sonderbar ist allerdings der hohe Anteil von AA in den 100 psychisch Gesunden der Kontrollgruppe. Ob dieser typisch ist für den südwestlichen Iran? Die Forscher schreiben noch dazu (4):
Viele Wissenschaftler haben den rs4680-Polymorphismus des COMT-Genes studiert. Die Verbindung der Variante mit Schizophrenie ist komplex und könnte auch von der genetischen Substruktur menschlicher Populationen beeinflußt sein.
Many researchers have studied the rs4680 polymorphism of COMT gene. The association of this variant with SCZ is complex and might be influenced by genetic substructure of human populations (Glatt et al., 2003).
Neulich im Radio übrigens hörte ich ein Interview zum Thema Angst, das ich ganz interessant fand (6). Insbesondere das Beispiel mit dem Boxer darin ab Minute 6 fand ich interessant. Hier geht es darum, daß auch Ängste und Zweifel in etwas Produktives umgewandelt werden können, bzw. vielleicht gerade erst diese. Und dazu fällt mir ein, daß es nach einer Forschungsstudie von vor allerhand Jahren in Ostasien viel mehr genetische Anlagen zu Depression gibt als in Europa, tatsächlich erkrankt sind an Depression aber viel mehr Menschen in Europa als in Asien. Die vertretene Forschungsthese dazu lautet: Die hohe Veranlagung zu Depression führt zur Ausbildung einer Kultur in Ostasien (der Konsenskultur), die dafür sorgt, daß die Menschen ihre Depression besser im Griff behalten können (nun, traditionell zumindest, in jüngster Zeit vielleicht auch nicht mehr so). Da bei uns es aber gar nicht eine SO starke Neigung zu Depression gibt wie in Asien, geht unsere Kultur viel sorgloser damit um.

Auch solche Zusammenhänge sollte man im Auge behalten, auch bezüglich des Themas genetische Veranlagung zu Angst und Zweifel.
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*) Die u.a. von niederösterreichischen Bauern und der venezianischen Adelsfamilie Nobile Cicogna abstammt.
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  1. https://www.selfdecode.com/snp/rs4680/
  2. Bading, Ingo: "Polygenetische Risiko-Faktoren" vor 1.000 Jahren - Die Nachfahren der Wikinger blieben sich genetisch gleich in Skandinavien bist heute. 20. Juli 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/polygenetische-risiko-faktoren-vor-1000.html
  3. Bading, Ingo: https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/09/wikinger-gene-in-elite-grabern-gropolens.html 
  4. Genetic Variations of DAOA (rs947267 and rs3918342) and COMT Genes (rs165599 and rs4680) in Schizophrenia and Bipolar I Disorder. Leila Ahmadi, Seyed Reza Kazemi Nezhad, Parisima Behbahani, Nilofar Khajeddin, and Mehdi Pourmehdi-Boroujeni. Basic Clin Neurosci. 2018 Nov-Dec; 9(6): 429–438. Published online 2018 Nov 1. doi: 10.32598/bcn.9.6.429, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6359688/ 
  5. Genetische Programmierung - Wie Gene unsere Persönlichkeit beeinflussen. Doku 2015, 11.12.2015, https://youtu.be/z6w678W3p30
  6. Gregor Eisenhauer, Schriftsteller und Nachrufschreiber  ... zu seinem neuen Buch "Wie wir die Angst vor der Angst verlieren". 05.08.2019, https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/ programm/schema/sendungen /rbbkultur_am_nachmittag/archiv/ 20190805_1505/zu_gast_ 1610.html 
  7. Gregor Eisenhauer: Wie wir die Angst vor der Angst verlieren. Furchtlos in sieben Tagen. DuMont Verlag, 2019

Samstag, 7. September 2019

Die Wikinger, ihre Gene und ihr Sklavenhandel in Ostdeutschland und Osteuropa

Stammte der Hochadel des Frühmittelalters in Rußland, im Baltikum, in Pommern und Polen zu einem Viertel bis zur Hälfte von den Wikingern ab?

Seit mehr als hundert Jahren ist es sehr umstritten, in wieweit die frühmittelalterlichen Herrscherhäuser in Osteuropa, bzw. Ostdeutschland von Wikingern abstammen. Zu ihnen gehören
  • das erste polnische Herrscherhaus, die Piasten (Wiki),
  • die vielen schlesischen Herzogshäuser (Wiki), 
  • das erste böhmische Herrscherhaus, die Premysliden (Wiki), 
  • das erste russische Herrscherhaus, die Rurikiden (Wiki), 
  • die pommersche Herzogsfamilie der Greifen (Wiki), 
  • die westpreußische Herzogsfamilie der Samboriden (Wiki)
  • die Herzogsfamilie von Rügen (Wiki)
  • vormalige Herzogs- und Adelsfamilien der Pruzzen (Wiki).
Zu den Piasten gibt es diesbezüglich schon seit mehreren Jahren polnische Forschungen, deren Ergebnisse aber - soweit übersehbar - bislang nicht veröffentlicht worden sind (FamilyTreeDNA). Forschungen zu den Rurikiden beziehen sich bislang - soweit übersehbar - nur auf den wenig aussagekräftigen Y-chromosomalen Haplotypen (FamilyTreeDNA). Viele der genannten Herzogsfamilien sind am Ende des Mittelalters in der männlichen Hauptlinie ausgestorben. Das muß aber nicht heißen, daß es nicht heute noch Nachkommen derselben über die weibliche Linie oder über Nebenlinien geben könnte. Inwieweit es solche der genannten Herzogshäuser in Schlesien, Pommern, Rügen oder Westpreußen gibt, wäre sicher eine interessante Fragestellung, die womöglich auch mit Hilfe der Genetik geklärt werden kann. Überhaupt dürfte durch die Archäogenetik auf die Geschichte des deutschen Hochadels und Adels manches neue Licht fallen (Wiki) (s.a. 23).

Indem wir über solche Fragen nachdenken, erinnern wir uns, daß sich in der hier auf dem Blog schon behandelten dänischen Studie zur Archäogenetik der Wikinger von vor einem Monat (1, 2) auch diesbezüglich schon erste Ergebnisse finden lassen könnten, die deutlich werden lassen könnten, daß sich solche Fragen in näherer Zukunft  besser werden klären lassen als das bisher möglich war. Archäogenetische Erkenntnisse aus Adelsgräbern des siebten Jahrhunderts wie denen der Alemannen (23) oder aus anderen Regionen und Jahrhunderten werden sich in näherer Zukunft detaillierter in Beziehung setzen lassen können zu der Genetik der Adelsfamilien, sowie bäuerlicher und bürgerlicher Familien derselben Regionen.


Abb. 1: Grabhügel der Rus-Krieger entlang des Wolchow bei Nowgorod, nahe dem Dorf Alt-Ladoga, wo 753 n. Ztr. die älteste und größte Siedlung skandinavischer Waräger in Osteuropa begründet wurde, vergleichbar mit Birka und Haithabu. Ab 862 herrschte hier Rjurik, der Begründer des russischen Herrscherhauses der Rurikiden. (Fotograf: Prof. Mark A. Wilson; Wiki)

In der genannten Wikingerstudie Studie wurden unter anderem 33 Skelette aus dem heutigen Rußland, vier aus der Ukraine, 40 von der Insel Ösel (Estland), acht aus dem heutigen Polen und fünf aus Italien untersucht, die aufgrund von Zeitstellung, Grabsitte und Grabbeigaben sich in kulturellen Zusammenhängen der Wikinger bewegt haben. Leider war die Gesamtgenom-Sequenzierung für die acht aus dem heutigen Polen stammenden Skelette - von den sehr spannenden, erst jüngst ausgegrabenen frühmittelalterlichen Fundorten an der Weichsel - Bodzia, Sandomir und Krakau - sowie aus Zehden an der Oder und Czersk in der Kaschubei in  Westpreußen - nur für zwei derselben erfolgreich, nämlich für zwei Skelette aus Bodzia. Aber diese beiden Ergebnisse gewähren - zusammengenommen mit erfolgreichen Sequenzierungen anderer Fundorte in ganz Osteuropa - schon einen recht tiefen Blick, einen Blick, der einem intuitiv naheliegend erscheint als Gesamtlösung des Problems.

Indem wir uns zunächst nur für wenige Einzelprobleme auf diesem Forschungsgebiet interessierten, wurde uns nach und nach erst bewußt, wie auch diese Gensequenzierungen den Blick überhaupt erweitern auf die Geschichte der Wikinger in ganz Osteuropa (Abb. 3, 5). Und so ist der nachfolgende Blogartikel in den drei Tagen seit seiner Veröffentlichung durch Ergänzungen auf das Doppelte seines Umfangs angewachsen.

Nach Suppl. 04 der Studie (1) konnten also zunächst Gene von Skeletten von zwei Elitegräbern aus Bodzia aus der Zeit um 1050 n. Ztr. vollständig sequenziert werden (VK154 und VK156). Beide wiesen zur Hälfte polnische und zu einem Viertel bis zur Hälfte skandinavische Herkunftsanteile auf. (Davon ist im Text der Studie selbst gar nicht die Rede, weshalb uns dieses spannende Ergebnis bislang entgangen war. Erst durch genaues Studium der umfangreichen Anhänge dieser Studie stoßen wir auf dieses Ergebnis.) Unsere eigene Interpretation der Ergebnisse der Studie finden wir auch in einer Interpretation andernorts wieder, was uns dann schon etwas sicherer macht (ForumBiodiversity, 17.7.2019):
Sie waren also zur Hälfte Polen und der Rest ihrer Herkunft stammte aus Schweden (20.9-26.8%), Finnland (11.5-25.8%) and Dänemark (1.3-10.1%).
So they were half-Poles with the rest of their ancestry mostly from Sweden (20.9-26.8%), Finland (11.5-25.8%) and Denmark (1.3-10.1%).
Andernorts wird außerdem darauf hingewiesen, daß der Y-chromosomale Haplotyp von insgesamt acht sequenzierten Männern aus dem heutigen Polen in dieser Studie festgestellt werden konnte, und daß die Verteilung ihrer Haplotypen gut zur heutigen Verteilung dieser Haplotypen in Polen passen würde, die heutige Verteilung ist nämlich (ForumBiodiversity, 17.7.2019):
R1a1 57.5%
R1b 12.5%
I1 8.5%
I2*/I2a 5.5%
Die für Skandinavier typische Haplogruppe I-M253 (Wiki) (zu 30 bis 40 % im heutigen Skandinavien verbreitet) findet sich unter den archäologischen Funden im heutigen Polen bislang noch nicht. Wenn auch Aussagen zur Häufigkeitsverteilung von Y-chromosomalen Haplotypen bei weitem nicht so aussagekräftig sind wie Aussagen von Gesamtgenom-Sequenzierungen, so passen die Ergebnisse im Allgemeinen doch nicht schlecht zu den auch sonst aus den historischen Quellen bekannten, internationalen Heiratsverbindungen der Piasten bis nach England, Dänemark und Schweden einerseits und bis nach Kiew andererseits. Solche weitreichenden Heiratsverbindungen wird es auch sonst im Hochadel des frühen Piastenreiches gegeben haben und sie können dazu geführt haben, daß um das Jahr 1000 herum die führenden polnischen Adelsgeschlechter (der "Hochadel") zu etwa einem Viertel bis zur Hälfte skandinavischer Abstammung war, was gut dazu paßt, daß sie sich auch äußerlich sehr stark an die Kultur der Wikinger angepaßt haben - wie ausschnittsweise in diesem Beitrag noch anhand von willkürlich ausgewählten archäologischen Forschungen gezeigt werden soll.

Der heutige genetische Herkunftsanteil der Wikinger innerhalb von Polen insgesamt beträgt laut Studie etwa 5 % (1):
Das genetische Erbe der Wikinger außerhalb von Skandinavien hat - wenn auch geringe - Kontinutitä bis heute. Eine kleine Komponente findet sich in Polen (bis zu 5%) und im südlichen Europa.
Original: Outside  of  Scandinavia,  the  genetic  legacy  of  the  Vikings  is  consistent,  though  limited.  A  small component  is  present  in  Poland  (up  to  5%)  and  the  south  of  Europe.
Entsprechende Aussagen zu Rußland, zu Estland, zur Tschechei, zu Pommern, West- und Ostpreußen, Schlesien und Posen finden sich in der Studie leider nicht. Aber auch hier wird es sicher bald Klärungen geben, zumal diese Klärungen für die britischen Inseln, für Island und so weiter längst weit fortgeschritten sind (Wiki) (19, 24). So finden sich heute auf den Shetland-Inseln bis zu 25 % Wikinger-Gene, in Schottland und Irland aber niemals mehr als 10 % (24) (Abb. 7). Aber wenn sich 5 % für das heutige Gesamtpolen finden, dann könnte dieser Anteil in der ursprünglichen Bevölkerung Pommerns, Westpreußens und Ostpreußens - also jener Bevölkerung, die bis 1945 dort lebte - noch deutlich größer gewesen sein. Dem Blogautor ist ein blonder, blauäugiger Mensch bekannt, der seine Gene bei MyHeritage hat sequenzieren lassen, und dessen einer Elternteil aus Pommern stammte (1939 in Stolp in Pommern geboren), von wo auch dessen beide Eltern stammten. Der andere Elternteil stammt aus Wilhelmshaven. Diesem Menschen wird von MyHeritage 30 % skandinavische und 10 % baltische Herkunft attestiert. Auch wenn man ein solches Ergebnis - zumal es Einzelergebnis ist - nicht auf die Goldwaage legen darf, wird in näherer Zukunft sicher bekannt werden, welchen Wikinger-Gen-Anteil es insgesamt unter den deutschen Pommern, West- und Ostpreußen gegeben hat. Und solche Forschungsergebnisse dürften doch nicht uninteressant sein.

Spannend ist aber auch das folgende Ergebnis (ForumBiodiversity 19.7.2019) (Abb. 2):

Abb. 2: Hauptkomponenten-Analyse der Ancient-DNA-Sequenzierungen auf Gotland  (ForumBiodiversity 19.7.2019)

"Es scheint als ob die Hälfte der Einwohner der Insel Gotland zur Wikingerzeit aus dem heutigen Polen stammten."
Original: "So it seems that in the Viking Age half of Gotland was Polish-like."
Dieses Ergebnis macht einem noch einmal besonders bewußt, daß ja nicht nur Skandinavier nach Polen kamen, sondern eben auch Polen nach Skandinavien, worauf in der Studie ja auch in allgemeinerer Form hingewiesen wurde (1). Auch dieser Umstand will sehr stark im Auge behalten werden. Da Menschen ohne Wikinger-Herkunft auch auf Island und in anderen Teilen Nordeuropas oft als Unterschichten (evtl. auch als Sklaven von Wikingern) an andere Orte gebracht wurden, ist ein solches Geschehen natürlich auch für die Insel Gotland zunächst nicht völlig auszuschließen.

Die vielleicht an archäologischen Funden reichste Schatzinsel der Welt, Bornholm, ist schon 2003 von Gisela Graichen zum Ausgangspunkt einer besonders guten und sehenswerten Dokumentation zur Geschichte der Wikinger im russischen Raum gemacht worden. Diese ist sehr geeignet, in das Thema einzuführen (21). Ausgangspunkt darin sind die reichen arabischen Münzfunde auf Bornholm (Abb. 5). Auf diese wollen wir weiter unten noch zurückkommen. Daß dieser Reichtum zu nicht geringen Teilen durch Sklavenhandel zustande gekommen sein könnte, wofür wir weiter unten noch allerhand Hinweise zusammen tragen, ist von Gisela Graichen aber noch nicht besonders hervorgehoben worden (bzw. nicht von den Archäologen, mit denen sie zusammen gearbeitet hat).


Abb. 3: Die vielen Handelsrouten zwischen Byzanz, dem Kalifat und Skandinavien (aus: 22)


Rußland


In der Archäogenetik-Studie finden sich auch Ergebnisse für Rußland, Man muß sie nur etwas gründlicher suchen (Abb 4):



Abb. 4: Hauptkomponenten-Analyse der Ancient-DNA-Sequenzierungen von Bodza, vom Ladoga-See und von Gnezdovo (unterste Reihe) (ForumBiodiversity)

Vom Ladoga-See konnten schon 1938/39 gewonnene Skelette aus der Burganlage Gorodische erfolgreich sequenziert werden. Es konnten nur Skelette aus christlicher Zeit sequenziert werden, aus Gräbern ohne Grabhügel, da davor Brandbestattung vorherrschte. Der Herkunftsanteil der acht erfolgreich Sequenzierten ist dennoch zu größten Teilen immer noch skandinavisch (Abb. 3). Die Archäologen ordnen dieses Ergebnis folgendermaßen historisch ein (20):
Nach den schriftlichen Berichten wurde in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts das Gebiet des Ladoga-Sees vom Großprinzen der Rus, Jaroslaw Mudry (Jaroslaw dem Weisen) seiner Frau, der schwedischen Prinzessin Ingegerd Olofsdotteras als Heiratsgeschenk gegeben. Diese setzte als Gouverneur des Landes ihren Verwandten Jarl Ranvald Ulfsson ein. Die skandinavischen Königssagas berichten von christlichen Wikingern unter den Kriegern des Ragnvald Ulfsson, die das Land gegen heidnische Stämme verteidigten. 
Original: According  to  written sources  in  first  half  11  century  Ladoga  area  was  given  by  Grand  Prince  of  Rus’  Yaroslav  Mudry (Yaroslav the Wise) to his wife Swedish Princess Ingegerd Olofsdotteras a marriage gift, who in turn set her relative Earl Ragnvald Ulfsson as governor of the land. Scandinavian Kongesagaer (kings’sagas) testifies presence of Viking Christians in the military troops of Ragnvald Ulfsson for defense from local pagan tribes.
Schon aufgrund der morophologischen Merkmale waren von den 65 1938/39 gewonnenen Skeletten die Skelette des südlichen Teiles des Gräberfeldes Skandinaviern zugeordnet worden, die des nördlichen Gräberfeldes einer vermischten slawisch-finnisch-skandinavischen Population. Wenn wir es recht verstehen, bestätigen die archäogenetischen Erkenntnisse im wesentlichen die Erkenntnisse der traditionellen Anthropologie.

Nahe dem Dorf Alt-Ladoga am Ladoga-See entstand 753 n. Ztr. die älteste und eine der größten Siedlungen skandinavischer Waräger in Osteuropa, von Größe und Bedeutung her vergleichbar mit Birka und Haithabu. Ab 862 herrschte hier Rjurik, der Begründer des russischen Herrscherhauses der Rurikiden. 

Zwei erfolgreich sequenzierte, in der großen wikingischen Handlungssiedlung bei Gnezdovo (Wiki), 13 Kilometer westlich des heutigen Smolensk Bestattetete sind von ihrer Herkunft ähnlich wie die in Bodzna an der Weichsel Betatteten, stehen aber der einheimischen Genetik näher als der skandinavischen. Der Siedlungsort Gnezdovo lag auf beiden Seiten des Oberlaufes des Dnjepr. Der Siedlungsort ist umgeben von 4500 bis 5000 Hügelgräbern, von denen die Hälfte (nichtchristliche) Brandbestattungen aufweisen. Gnezdovo liegt auf halbem Weg zwischen dem Ladoga-See und Kiew, und zwar 700 Kilometer südlich vom Ladoga-See und 600 Kilometer nördlich von Kiew. In Ost-West-Richtung liegt es auf halbem Weg zwischen Bialystok und der Wolga (bei Moskau), also den damaligen Wolga-Bulgaren. Es hat unglaublich reiche und eindrucksvolle Funde aus dem 9. und 10. Jahrhundert zu Tage gebracht (20):
Seltene Brandgräber (...) finden sich in der frühesten Siedlungsphase. Der bekannte Hügel L-13 gehört zu diesen Hügelgräbern. In ihm fand sich der älteste Gnezovo-Fund, nämlich eine byzantinische Amphora mit einer eingerzitzten slawischen Inschrift. (...) Werkstätten stellten Schmuck für skandinavische und slawische Frauen her, Zaumzeug- und Gürtelplatten wurden in der Tradition der Wolgabulgaren hergestellt, ebenso Gegenstände der Langhügel-Kultur vor Ort. (...) 450 orientalische, byzantinische und westeuropäische Münzen wurden gefunden. Sie stammen aus dem 6. bis mittleren 11. Jahrhundert. Außerdem enthielten 13 Hortfunde über 1400 orientalische Silbermünzen.
Original: Rare burial mounds with cremations (...) are related to the earliest period of the settlement’s existence. (...) The well-known mound L-13 is one of these mounds. L-13 mound gave the earliest for Gnezdovo find of Byzantine amphora with the Slavic inscription-graffito. (...) Workshops produced adornments for Scandinavian and Slavic women, bridle and belt plates made in the Volga Bulgarian tradition and items specific for the local culture of long mounds. (...) About 450 Oriental, Byzantine, and West European coins (...) have been found (...). Dates of coin minting vary from the 6th to the mid-11th centuries. 13 Gnezdovo hoardings contain over 1400 Oriental silver coins.
Mit "orientalische" Münzen werden arabische Münzen gemeint sein. Anhand der Bestattungsart und Grabausstattung kann 25 % der Gräber ein skandinavischer kultureller Hintergrund zugeschrieben werden. Die letzten, wenigen Gräber finden sich aus der Zeit um 1000. Nun wandelte sich Gnezdovo von einer Handelsstadt zu einem Adelsgut und das nahegelegene Smolensk übernahm die vormalige Rolle von Gnezdovo. Als weitere russische Ausgrabungsstätte mit Wikinger-Bezug in Osteuropa wird benannt Shestovitsy in der Region Chernigov in der Ukraine, ein Ort 130 Kilometer nördlich von Kiew nahe dem Dnjepr.

Abb. 5: Die Häufigkeit arabischer Münzfunde - Sie ist am größten in Bornholm und Schweden, es folgen: Pommern, Westpreußen, Posen, Schlesien, Estland, Kiew und Wolga-Bulgaren (aus: 22)

Die Insel Ösel vor Estland - Zwei Kriegsschiffe, bemannt mit 40 Kriegern wurden bestattet (750 v. Ztr.)


Aber die vielleicht aufsehenerregendsten wikingischen Bestattungsfunde stammen von der Ösel, der größten Insel Estland. Auf Estnisch heißt die Insel Saarema. Sie hat während des Ersten Weltkrieges einen wichtigen Stützpunkt der russischen Flotte beherbergt und ist deshalb Ende 1917 von den Deutschen erobert worden (Unternehmen Albion). Dabei fiel der deutsche Kriegsdichter Walter Flex (Wiki), der den Deutschen durch sein Büchlein "Der Wanderer zwischen beiden Welten" ans Herz gewachsen ist. Und diese Insel nun birgt auch reiche Wikingerfunde (s. Abb. 5), die Zeitstellung haben (ab 750 v. Ztr.), die noch vor den ersten Wikingerlandungen in England liegt. Auf Ösel finden sich auch Runensteine. Ab 2008 wurden auf dieser Insel nahe dem Ort Salme direkt an der vormaligen Küste - also einstmals fast "auf dem Strand" - die Überreste einer vendelzeitlichen Schiffsbestattung gefunden (Wiki). Auf dem elf Meter langen Ruderschiff fanden sich die Überreste von sieben Männern. Ihnen waren drei Schwerter und viele Spielsteine beigegeben, auch ein Habicht, ein Specht, sowie Schafe, Schweine, Kühe und Hunde (20). Datiert wird die Bestattung auf 750 n. Ztr.. 2010 und 2011 wurde dann aber noch ein zweites Schiff, nun sogar 17 Meter lang und mit 38 Kriegern entdeckt und ausgegraben. Es stammt aus der gleichen Zeit, ist vermutlich sogar im Zusammenhang mit denselben Ereignissen angelegt worden (20):
Den Toten waren reiche Beigaben an die Seite gegeben worden, meistens Waffen, darunter mehr als 50 Pfeilspitzen, einige Speere und über 40 Schwerter (ganze und zerbrochene). (...) Eines der Schwerter war mit Juwelen geschmückt. (...) Sie hatten außerdem fast 300 Spielsteine aus Walfisch-Knochen (Schachfiguren) bei sich (...). Die Toten waren mit ihren Schilden bedeckt.  
Original: The dead had been provided with rich grave goods, which mostly consisted of weapons, including more than 50 arrowheads, some spears and about 40 swords (whole and broken). At least five swords had hilts of gilded bronze, among them one ring-hilt sword with a blade of pattern welded steel. One sword had a blade ornamented with an inlay of golden wire and a handle decorated with garnets. Other items included nearly 300 gaming pieces of whale bone, antler combs, small padlocks, whetstones of schist, beads etc. The dead had been covered with shields with iron  bosses.
Auf diesem Schiff befanden sich auch ein Falke und zahlreiche Stockenten. Mindestens fünf Tote hatten Wunden, die nicht mehr verheilt sind. Es handelt sich also um ein Begräbnis nach einer Schlacht (Wiki):
Eine skandinavische Sage berichtet von dem schwedischen König Yngvar, der in Estland fiel. "Die Männer Estlands kamen aus dem Landesinneren mit einer großen Armee, und es gab eine Schlacht; aber die Armee des Landes war so tapfer, daß die Schweden ihr nicht standhalten konnten, und König Yngvar fiel und seine Männer flohen", heißt es.

Abb. 6: DNA-Sequenzierungen von Salme, Estland
 
Während nun die Archäologen schreiben (20), nach den chemischen Knochenanalysen wären diese auf Ösel bestatteten Krieger aus Mittelschweden gekommen, zeigt die DNA-Sequenzierung (Abb. 6), wenn wir es recht verstehen, daß diese Krieger doch gar nicht so deutlich in die frühmittelalterliche genetische "Normalverteilung" von Schweden passen (?). Im Text der Studie wird jedoch genau dies unterstellt (1). Dabei scheinen sie doch nach unserer Wahrnehmung (Abb. 6) im Vergleich mit allen anderen Wikinger-Sequenzierungen eine einzigartige Signatur aufzuweisen. Sie liegen genetisch verschoben von den Schweden hin zu Finnen und Polen und uns drägt sich der Eindruck auf, daß es sich um Angehörige einer Bevölkerung handelt, die sich auf Ösel mit den dort Einheimischen vermischt haben kann. (Aber das ist nur ein laienhafter Eindruck, den wir hier nur festhalten wollen, ohne ihn weiter verteidigen zu können.)

Aber welches reiche Bild bietet sich, wenn man - ausgehend von den neuen DNA-Sequenzierungen zur Wikingerzeit - anfängt, sich in diese Thematik tiefer einzuarbeiten! Welch ein reiches Bild bietet hier die Frühgeschichte Rußlands (21). Welch ein reiches Bild bietet die Frühgeschichte Estlands, die Frühgeschichte Polens, Schlesiens!

Reiche arabische Münzfunde - Zeugnisse für Sklavenhandel?


Die Karte der Häufigkeitsverteilung arabischer Münzfunde in Osteuropa läßt vielleicht schon die größten Schwerpunkte der Handels- und Siedlungstätigkeit der Wikinger erkennen (Abb. 5) (22). Diese Häufigkeit ist am größten in Bornholm (21) und Schweden. Aber es folgen: Pommern (Wolin!), Westpreußen (Truso!), Posen (Bodza!), Schlesien (!?), Estland (Ösel!), Kiew und sogar die Wolga-Bulgaren treten hervor. Es ist hier eindeutig ein osteuropäisches Handelsnetzwerk erkennbar. Die arabischen Münzen finden sich in Frankreich, England und Norwegen fast gar nicht, in Dänemark viel weniger als sonst im skandinavischen Raum. Warum mehr arabische als byzantinische Münzen im Osteuropa jener Zeit Verbreitung fanden, findet sich auf Wikipedia noch nicht sehr detailliert erklärt (ob es deshalb von der Forschung schon gut verstanden ist, stehe dahin) (Wiki):
Die schiffbaren Handelswege verliefen über die Flüsse Dnepr und Wolga, bis an das Schwarze Meer und die Kaspische See. Über diese Routen erreichten Händler Konstantinopel und trieben Handel mit dem Reich der Abbasiden mit der Hauptstadt Bagdad und dem Emirat der Samaniden mit den Hauptorten Buchara und Samarkand. (...) Eine Schlüsselrolle für den Handel zwischen Asien und dem Orient mit Rußland und Nordeuropa nahm in dieser Zeit das Reich der Chasaren ein. Durch ihr Gebiet an Dnepr, Wolga und im Kaukasus führte, größtenteils über Wasserwege, die Verbindung zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer, der Weg von den Warägern zu den Griechen. Über das Schwarze Meer konnte Konstantinopel auf Schiffen erreicht werden, über das Kaspische Meer das Emirat von Buchara unter der Herrschaft der Samaniden und das Reich der Kalifen aus dem Hause der Abbasiden. (...) Ab dem Jahr 840 n. Chr. wurden die Münzimporte aus der islamischen Welt in den Ostseeraum geringer und kamen zwischen 860 und 870 vollständig zum Erliegen. Der Grund dafür war der sinkende Silbergehalt der Münzen, denen immer mehr Kupfer und zum Gewichtsausgleich Blei beigemengt wurde. Mögliche Ursachen für die Münzverschlechterungen könnten das Versiegen der Minen im Hindukusch oder Unruhen im Emirat von Nasr II. gewesen sein. Tatsächlich kam es im Jahr 843 n. Chr. dort zu Aufständen, weil die Armee keinen Sold erhielt. Dies ließ sich durch eine Verschlechterung der Münzen leicht beheben, da in einer Münzgeldwirtschaft die Münzen ihren Nominalwert beibehalten. In der Gewichtsgeldwirtschaft des Ostseeraums war dies aber nicht möglich. Das schnelle Ende der Silberimporte aus diesem Raum könnte jedoch durch die Unterbrechungen der Handelswege ausgelöst worden sein, die durch Angriffe auf das Reich der Chasaren in den späten 860er Jahren bedingt wurden.
Es wäre sicher eine spannende Fragestellung, wieviel von dem im Ostseeraum gefundenen Reichtum, repräsentiert unter anderem in den umfangreichen und deshalb auffälligen arabischen Münzenfunden, durch den Sklavenhandel mit dem Kalifat von Bagdad zustande gekommen ist. Der Sklavenhandel stellte damals eine einträchtige Einkunftsquelle dar, auch für zahlreiche andere ethnische Gruppen, die Fernhandel zwischen dem christlichen Europa und dem islamischen Orient betrieben (Wiki):
Die slawischen Sklaven waren, wie aus arabischen Aufzeichnungen hervorgeht, der begehrteste Artikel für die moslemische Sklavenhaltergesellschaft. Bernard Lewis hält fest, daß neben den Juden viele Europäer mit dem Export von Sklaven zu tun gehabt hätten. Darunter seien Christen gewesen, „Bürger der großen Handelsstädte Italiens und Frankreichs ebenso wie griechische Sklavenhändler, die im östlichen Mittelmeer tätig waren. Eine bedeutende Stellung nahmen die Venezianer ein, die schon im 8. Jahrhundert begannen, den Griechen Konkurrenz zu machen.“ Besonders hinzuweisen ist auf die Rolle der Waräger und des Volkes der Rus, die eifrige Sklavenjäger waren und ihre slawischen Gefangenen entweder direkt verkauften oder über italienische Kaufleute oder die Radhaniten nach Spanien, Byzanz, in die moslemischen Länder oder nach Zentralasien weitervermitteln ließen. Maurice Lombard betont, daß durch die Nachfrage aus den großen Verbrauchszentren der islamischen Welt über die jeweiligen Zwischenhändler „die wirtschaftliche Aktivität des barbarischen Abendlandes“ wiederaufgelebt sei und „dessen Handel, Geldzirkulation und städtische Bewegung unter diesem Nachfrageschub wieder zu pulsieren begannen“. Insgesamt handle es sich um eine Tatsache von immenser Bedeutung: „die Austauschrichtung kehrt sich um; der Okzident wird vom Importeur zum Exporteur. An die Stelle des Abflusses von Zahlungsmitteln kommt es gegen Ende des 8. Jahrhunderts langsam wieder zu einem Zufluß, der sich vom 9. zum 11. Jahrhundert vergrößert.“
Im Arabischen gibt es für diese Sklaven sogar einen eigenen Begriff, der von einer ethnischen Selbstbezeichnung osteuropäischer Völker abgeleitet ist (Wiki):
Saqaliba (arabisch صقالبة, DMG ṣaqāliba ‚Slawen‘) bezeichnet in mittelalterlichen arabischen Quellen Slawen und andere hellhäutige und rötliche Völker Nord- und Mitteleuropas. Die Bezeichnung aṣ-ṣaqāliba (sing. Ṣaqlabī, Ṣiqlabī) ist dem mittelgriechischen Σλάβος entlehnt, das mit der slawischen Selbstbezeichnung Slovĕnin in Verbindung steht. Wegen der großen Zahl slawischer Sklaven hat das Wort in mehreren europäischen Sprachen die Bedeutung „Sklave“ angenommen (englisch slave, französisch esclave, italienisch schiavo), so auch im Spanien der Umayyaden, wo Ṣaqāliba alle fremden Sklaven bezeichnete.
Der Handel mit diesen "slawischen Sklaven" ging einerseits von der Elbe und von Böhmen aus bis ins islamische Spanien und in den Levanteraum. Dabei wurden die männlichen Sklaven dann entweder an ihrem Zielort entmannt und in Eunuchen verwandelt (Wiki) oder schon auf dem Weg dorthin (etwa in Verdun). Für den osteuropäischen Raum scheint aber der etwaige Zusammenhang zwischen den reichen arabischen Münzfunden und dem Sklavenhandel über das Reich das Chasaren hinweg bis in das Kalifat von Bagdad noch weitaus weniger deutlich ins Blickfeld der Forschung gelangt zu sein (jedenfalls findet man es bislang nicht sehr gut auf Wikipedia behandelt).

Die schon genannte Filmdokumentation von Gisela Graichen hat ja schon 2003 daran erinnert, daß in kommunistischer Zeit Archäologen in der Sowjetunion ins Gefängnis gekommen sind, wenn sie den Wikinger-Einfluß auf die Frühgeschichte Rußlands zu stark betont haben (21). Womöglich haben diese Verhältnisse noch Auswirkungen auf die Forschung bis heute.

Im weiteren sollen einige neuere Forschungen und ältere Erkentnisse aufgegriffen werden, um Eindrücke von der hier vorliegenden, umfassenden Thematik zu gewinnen. Es handelt sich bei diesem Beitrag nur um ein erstes suchendes Vortasten.

Prag


1928 wurde auf der Prager Burg an prominenter Stelle ein Grab aus dem 10. Jahrhundert entdeckt, von dem die deutsche archäologische Forschung sehr bald annahm, daß es sich um ein Wikingergrab handele (3-6).

Abb 6: Die politischen Machtzentren (schwarze Kreise) und kulturell skandinavische Elite-Gräber (rot) zwischen Weichsel, Warthe und Oder - Als bedeutender wikingischer Siedlungsort fehlt unter anderem Wiskiauten an der Nordküste des Samlandes in Ostpreußen (aus: 10)

Dieses Forschungsergebnis geriet dann sehr schnell in die Mühlen der ideologischen Auswertungen der Zeitläufe vor und nach 1945. Ich weiß noch, wie Professor Gotthold Rhode, Mainz, Verfasser einer viel gelesenen "Geschichte Polens" und zugleich bekannter Vertreter der Deutschen aus der Provinz Posen, in den frühen 1990er Jahren im Seminar über die Annahme, daß das Königreich Polen von den Wikingern gegründet worden sei, sprach: sehr behutsam und zurückhaltend. Aber inzwischen hat sich eben bezüglich all dieser Fragen so viel getan in der Forschung, daß es wirklich an der Zeit wäre, daß dazu einmal ein guter deutschsprachiger Überblick gegeben würde. In der Zusammenfassung einer ganz neu erschienenen wissenschaftlichen Studie zu dem prominenten Grab auf der Prager Burg wird ausgeführt, daß insbesondere aussagekräftige Grabbeigaben "bemerkenswerte Ähnlichkeit aufweisen mit anderen skandinavischen Exemplaren"*).

Damit gibt es also weiterhin Hinweise darauf, daß das Herzogs- und Königshaus der Premysliden (Wiki) von Menschen begründet wurde, die kulturell und durch Heiratsverbindungen in wikingischen Zusammenhängen standen.

Bodzia an der Weichsel


Bodzia liegt 40 Kilometer südöstlich von Thorn und 15 Kilometer nördlich von Włocławek an der Weichsel und wie die beiden ersteren auf dem linken Ufer derselben etwa drei Kilometer entfernt vom Ufer. Bodzia liegt etwa 20 Kilometer östlich der Grenze des Deutschen Reiches bis 1918, bzw. der damaligen Provinz Posen. Hier nun wurde 2009 bis 2011 ein frühmittelalterliches Gräberfeld ausgegraben, in dem 52 Skelette gesichert werden konnten, darunter 14 Männer und 21 Frauen, ein Gräberfeld, in dem offensichtlich der damalige wikingisch lebende und verheiratete Hochadel Polens Angehörige bestattete. Fast alle Gräber sind in Nord-Süd-Richtung orientiert, was für diese Zeit sehr ungewöhnlich ist. (1, Suppl. 02):
Die Anordnung des Grabfeldes hat keinerlei Analogien in Europa. Es besteht aus zwei Reihen von Gräbern mit großen Grabgruben, die in einem viereckigen Grabraum angeordnet sind. Das Gräberfeld ist eingeteilt in rechteckige Gräber, die über dem Erdboden markiert waren in vier Reihen entlang der Ost-West-Achse. (...) Ein bezeichnendes Charateristikum aller Gräber ist die Fülle von beigegebenen Gegenständen, einschließlich Waffen (Schwert, Langsax, Speerspitzen, Pickaxt der Chasaraen) im Fall der Männer und zahlreichem Schmuck (Ringe, Anhänger, Amulette, Kaptorga, Halsketten usw.) - im Falle der Frauen. Eine Vielzahl von Münzen fand sich, 67 Stücke in 58 Gräbern. Sie stammen aus dem Heiligen Römischen Reich, aus England, dem Reich der Premysliden und aus Polen. (...) Ein junger Krieger (E864/I) war mit drei jungen Frauen begraben; eine von ihnen war unter ihm platziert. (...) Auf einer Riemenzunge (strap-end) befindet sich ein Zweizack, das Tamga (Stammeszeichen) des Prinzen Swjatopolk I. (1015-1019) des Angeklagten - Sohn von Wladimir dem Großen und Ehemann einer Tochter des polnischen Königs Boleslaw I., des Tapferen.
Original: The layout of the cemetery has no analogies in Europe. It is formed of rows of graves with large burial pits placed in quadrangular burial spaces. The burial field is divided into rectangular sepulchral spaces, marked on the surface and arranged into 4 rows oriented along the east-west axis. Some of these plots are adjacent, especially those in the northern row with the shape of a trapezium narrowing down  to  the  east. (...)  A characteristic feature of all the burials here is the bountiful  presence  of  a  range  of  items,  including  weapons  (sword,  langsax,  spearhead,  Khazarian-type pickaxe) – in the case of men, and numerous ornaments (rings, pendants, amulets, kaptorgas, necklaces, etc.) – in the case of women. There are abundant coins: 67 items from 58 graves. These relate to the Holy Roman Empire, England, the Premyslid State and Poland. (...) A young warrior (E864/I) buried together with three young women; one of them was placed below him. (...) On the strap-end there is a bident - the tamga of Prince Sviatopolk the Accursed (1015-1019) - son of Vladimir the Great and husband of a daughter of Polish king Boleslav I (the Brave).
Um was es sich bei der hier erwähnten Kaptorga handelt, findet sich in einem Video aus dem letzten Jahr erläutert anhand einer Replik der in Bodzia gefundenen (8). Der hier erwähnte Swjatopolk I. (978/9-1019) (Wiki) war bis 1019 Fürst von Turow und danach Großfürst von Kiew. Er war mit einer Tochter des legendären polnischen Herrschers Bolesław I. des Tapferen (965/7-1025) (Wiki) verheiratet. Das heißt, die Gräber dürften aus der Mitte des 11. Jahrhunderts stammen. Die Wirtel eines Frauengrabes war aus wolhynischem Schiefer gearbeitet. Und so ließe sich sicherlich noch eine Fülle von spannenden Einzelheiten zu diesen Ausgrabungen nennen. Auf Wikipedia ist festgehalten (Wiki):
Es finden sich Grabrituale und -beigaben der Kiewer Rus, skandinavischer, angelsächsischer, friesischer und khasarischer Herkunft. Die multikulturelle Natur dieses Gräberfeldes und die Nähe zur Handelsroute der Weichsel legen nahe, daß es sich um eine ausländische Handelssiedlung handelt, die die Ostsee mit dem Byzantinischen Reich verband.
Original: Artefacts uncovered in the site were mostly of foreign origin, which is atypical of other sites in the area. (...) The site demonstrates burial rituals and artefacts of Kievan Rus, Scandinavian, Anglo-Saxon, Frisian and Khazar origin. The nature of multiculturality at the site, and proximity to the Vistula River trade route, indicates that it was perhaps a foreign trade settlement connecting the Baltic to the Byzantine Empire.
Skelette von diesem Ausgrabungsort jedenfalls gewährten den ersten Blick in die genetische Herkunft des frühmittelalterlichen Hochadels von Polen (siehe oben in der Einleitung). - 2006 schon wurde übrigens eine Fahrt nachgestellt in einem nachgebauten Wikingerschiff von Danzig die Weichsel, den Bug und den San mit Segelkraft aufwärts bis zur heutigen polnisch-ukrainischen Grenze (9). Dort wurde das Boot - wie vermutlich einstmals ebenso von den Wikingern - auf dem Landweg übergesetzt, um auf dem Oberlauf des Dnjestr wieder ins Wasser gelassen zu werden und dann mit der Strömung bis hinunter nach Odessa, bis ins Schwarze Meer zu rudern und zu segeln. Die landschaflichen Eindrücke dieses Filmes (9) sind unglaublich, ebenso die sehr authentischen Eindrücke davon, mit welchen Schwierigkeiten die Wikinger zu tun gehabt haben müssen bei solchen Fahrten die Flußläufe auf- und abwärts.

Das ist "Thor Heyerdal" auf eine ganz neue, unerwartete Weise in einer Region und in Beschäftigung mit einer geschichtlichen Zeit und einem Volk, die uns Deutsche und Polen viel näher stehen als das bei den Fahrten des Thor Heyerdal mit seiner "Kontiki" im Pazifik der Fall gewesen war. Die Wikinger wußten natürlich gut von dem sagenhaften Reichtum des Kaisers von Byzanz, von dem mehrmals in den Sagas erwähnt wird, daß ihn ein Besuch abgestattet worden ist von einem Wikinger aus Island. "Schild stieß an Schild - es ruderten Wikinger," so heißt es im berühmten Helgi-Lied und so wird auch einleitend und am Ende dieser Fernsehdokumentation eindrucksvoll gesungen (9).

Übrigens war der Dnjestr bis ins 18. Jahrhundert hinein der Grenzfluß seßhafter Völker westlich des Flusses gegenüber den Nomadenvölkern des "Wilden Feldes" östlich des Flusses (Wiki).

Abb. 7: Herkunftsgruppen der Iren und Schotten, sowie der Bewohner der Orkney's und der Shetland-Inseln. Sie stammen ab von Engländern (hellrot), Walisern (grün-braun), Schotten (grün), Dänen (hellblau), Schweden (blau) und Norwegern (lila) (aus: 24)


Wiskiauten im Samland


Auf der von uns eingestellten Karte (Abb. 6) (10) ist der bedeutende wikingische Siedlungsort Wiskiauten (Wiki) am südlichen Ende der Kurischen Nehrung an der Nordküste des Samlandes nicht eingetragen. Hier fanden sich 500 Grabhügel und Reste einer Siedlung. Entsprechend gibt auch diese Karte noch nicht vollgültig den Forschungsstand wieder. Aber immerhin läßt sie die weitreichenden Verbindungen der Wikinger erahnen.

Kalthaus (bei Kulm) an der Weichsel


Der polnische Archäologe Władysław Duczko (geb. 1946) (Wiki), der ab 1990 als Professor in Uppsala tätig war, meint, vor allem Funde von Runenschriften gäbe einem Siedlungsort aus archäologischer Sicht den Charakter einer Wikingersiedlung. Er stochert ja in der Zeit vor der Archäogenetik diesbezüglich noch im Nebel wie es die Archäologen seit mehr als einhundert Jahren tun (11):
Der einzige Ort außer Wollin und Cammin in Pommern mit Runenfunden ist Kalthaus nahe der Weichsel, wo zwei Fundstücke aus der Siedlung - ein Spielstück und ein .... - Inschriften trugen, die norwegische Schrift repräsentieren. In Kalthaus sind auch einige Waffen und Gräber des norwegischen Typus gefunden worden, welche nahelegen, daß wir nach den Besitzern dieser Runen-beschriebenen Objekte unter den Norwegern suchen sollten, die hier lebten.
Original: The only place in Poland with runic finds, except Wolin and Kamień Pomorski, is Kałdus, near the Vistula River, where two artefacts from the settlement, a gaming piece and a cross-pendant, had inscriptions representing Norse writing (cf. W. Chudziak in this volume). Some weapons and burials of Norse type have also been found in Kałdus, which indicate that we should search for the owners of the runic objects among the Norsemen living here.
Der hier erwähnte frühmittelalterliche Siedlungsort auf einer Anhöhe oberhalb der Weichsel in Westpreußen liegt im Norden des Dorfes Kalthaus (poln. Kałdus) (Wiki), drei Kilometer südwestlich von Kulm (Wiki):
Am Lorenzberg (Góra św. Wawrzyńca), einer Geländeerhöhung im Norden des Dorfes, entstand im frühen Mittelalter während der Herrschaft der Piasten eines der größten Wirtschafts- und Verwaltungszentren an der Weichsel. Seit 1996 durchgeführte archäologische Forschungen der Universität Thorn, die an seit dem späten 19. Jahrhundert vorgenommene Ausgrabungen anschließen, haben die Existenz einer nicht vollendeten frühromanischen Basilika aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts sowie große Gräberfelder, unter anderem mit Kammergräbern von Siedlern skandinavischer Herkunft, nachgewiesen.
Es wurde gefunden (Chelmno-Info):
"ein großflächiger Friedhof mit über 1500 Gräbern, die auf eine zahlreiche Einwohnerschaft unterschiedlicher Herkunft schließen lassen. Die Archäologen der Universität Thorn entdeckten unter anderem fünf Grabkammern, deren Konstruktion und Ausstattung davon zeugen, daß in ihnen Skandinavier beigesetzt worden sind. Prof. Chudziak geht davon aus, daß sich die Wikinger im Weichselgebiet zunächst vor allem als Händler betätigten und im Laufe der Entwicklung des Piastenstaates auch im Weichselgebiet ihre Dienste als Krieger anboten oder sogar Verwaltungsfunktionen übernahmen. In der Siedlung bei Kalthaus lebte zur Piastenzeit eine größere Gruppe von Personen skandinavischer Herkunft als Nachbarn der einheimischen Slawen."
Genauer gesagt lebten im Kulmer Land (Wiki) die Pruzzen, ein baltischer Volksstamm, der hier benachbart war zu südlichen polnischen Stämmen.

Pień an der Weichsel


Auch weichselaufwärts in Pień, zehn Kilometer nordwestlich von Bromberg, wurden Wikinger-Gräber gefunden.

Sandomir an der Weichsel


Sandomir wurde um 970 dem entstehenden polnischen Staat eingegliedert. Hier wurden 2013 bis 2015 die bislang ältesten Gräber aus der Zeit um 1000 n. Ztr. erforscht. Sie weisen viele ausländische Merkmale, bzw. Wikinger-Merkmale auf, unter anderem (1; Suppl. 02):
eine Axt aus Grab Nr. 7, die am ehesten Entsprechungen in Funden aus Gräbern der Waräger und Rus in Osteuropa findet. (...) Die Ausrüstungsteile (hufgeformte Bronzebuckel, Äxte, als Feuerstangen genutzte Schlüssel) und die Form der Gräber legen nahe, daß in diesem Gräberfeld ebenso Waräger und Rus bestattet worden sind. 
Original: an axe from grave No. 7, which has the closest analogy to the finds from the cemeteries of the Varangian and Rus’ cemeteries from Eastern Europe. (...) The equipment  elements  (horseshoe-shaped bronze buckles, axe, key used as firesteels) and the form of the graves might indicate that the Varangians and Rus' people were also buried in the cemetery.
Leider haben die hier sequenzierten Skelette zwar Y- und mitochondriale Haplotypen erbracht, aber konnten nicht für Gesamtgenom-Sequenzierung aufbereitet werden.

Zehden an der Oder


Zehden (Wiki) (polnisch Cedynia) liegt auf der rechten Seite der Oder nördlich des Oderbruchs. Über die Geschichte dieses Ortes im Früh- und Hochmittelalter ist bekannt (Wiki):
Am 24. Juni 972 fand bei dem Ort die Schlacht von Zehden statt, in der Czcibor, Bruder des Piastenherzogs Mieszko I., die Truppen des Lausitzer Markgrafen Hodo schlug. Zu dieser Zeit wurde der Ort noch Cidin genannt. Um 1187 befand sich bei Zedin wahrscheinlich eine pommersche Burg. Bereits vor dem Übergang des Ortes an die Mark Brandenburg unter den Askaniern um 1250 bestand eine deutsche Siedlung städtischen Charakters, ein Oppidum. Markgraf Albrecht III. belehnte 1299 die von Jagows mit dem Oppidum, die es 1356 dem Zisterzienserinnenkloster in Zehden, das schon im 13. Jahrhundert seinen Sitz von Schönfließ in den Ort verlegt hatte, überließen. Im 14. Jahrhundert war Zehden ein Mediatstädtchen mit Ratmannen, Schultheiß und Schöffen. 
Und hier in Zehden nun wurden über 1.300 mittelalterliche Gräber entdeckt (1; Suppl. 02). Das Grab 558 nahe der Kirche unterschied sich von allen anderen Gräbern. Der ihm beigegebene Schwerttyp wurde um 1100 herum benutzt. Aber auch das Gesamtgenom dieses Skeletts konnte nicht gewonnen werden.

Czersk in Westpreußen


Die Stadt Czersk (Wiki) gehörte bis 1920 zum Landkreis Konitz (Wiki) in Westpreußen. Sie gehörte zur Kaschubei, wo bis 1234 bis zu seinem Aussterben das Geschlecht der Samboriden (Wiki) herrschte, und die 1309 vom Deutschen Orden gewonnen wurde (OME-Lexikon). Im Landkreis Konitz lebten 1910 28.000 evangelische Deutsche und 35.000 katholische Polen und Kaschuben. Der Landkreis Konitz kam 1920 aufgrund des Versailler Vertrages als Teil des sogenannten "Korridors" an Polen. In der Nähe der Kirche der Stadt Czersk nun findet sich ein Grab aus der Zeit um 1100 n. Ztr. mit wikingischen Bezügen (1; Suppl. 02):
Einige Forscher interpretieren Grab 609 als das Grab von Magnus Haroldson, einen der drei Söhne von Harald II. Godwinson, dem letzten angelsächsischen König von England.
Harald Godwinson (1022-1066) (Wiki) ist jener König, der die berühmte Schlacht bei Hastings gegen die Normannen unter Wilhelm dem Eroberer am 14. Oktober 1066 verloren hat und dabei auf dramatische Weise gefallen ist. Seine Verwandten mußten ins Exil gehen. Und seine Tochter Gytha heiratete vier Jahre später den Großfürsten von Kiew Wladimir Wsewolodowitsch Monomach (1113-1125). Wenn man sich deutlich macht, daß damals solche weitreichenden Heiratsverbindungen möglich waren, wird die Geschichte des Einflusses der Wikinger auf den Hochadel der entstehenden slawischen Staaten in Rußland, Polen und Böhmen besser verständlich.


Krakau an der Weichsel


Ein Gräberfeld auf einer Sanddüne am Ufer der Weichsel nahe von steil abfallenden Felsen bei Krakau-Zakrzówek enthielt mehr als 75 Gräber (1; Suppl. 02). Grab 19 hatte eine zentrale, hervorgehobene Lage, die Knochen erbrachten aber keine auswertbare DNA, hingegen die Knochen eines gewöhnlichen Grabes, das einen Wetzstein enthielt.

Vorläufiger Abschluß


Die bis hier nur sehr ausschnittsweise angeführten  Angaben zu neueren archäologischen Forschungsergebnissen machen Hunger darauf, noch viel mehr zu erfahren über den gesamten Wissensstand der weitreichenden Handels-, Kriegs- und Heiratsverbindungen, sowie der Lebensweise der Wikinger von England bis nach Kiew (Wiki) (s.a. 12-18). Auch die vergleichsweise umfangreich vorliegenden Schriftquellen werden einem hier noch viele Einsichten bescheren können. 

Man wird vielleicht vergleichsweise so sagen können: Während im Mittelalter alle paar Jahre ein deutscher König über die Alpen nach Rom zog, um sich dort zum Kaiser krönen zu lassen und unbotmäßige Städte in Norditalien zur Raison zu bringen, zogen alle paar Jahre Gruppen von Wikingerschiffen als angesehene Delegation des Hochadels von Kiew an den Königshof von England oder vom Königshof in England nach Kiew, bzw. an zahlreiche andere Königs- und Herzogshöfe auf halbem Weg zwischen diesen beiden Endpunkten. Indem wir den weiten Bewegungsraum der Wikinger dieser Zeit auf uns wirken lassen, verstehen wir vielleicht auch besser, warum damals die Deutschen einen solchen "Drang" hatten, ständig aufs Neue nach Italien zu ziehen. Es war einfach der Geist der Zeit. Der Adel und die Handelsleute saßen einfach nicht allzu gerne allzu lange ruhig zu Hause.

Und so dicht wie die politischen, religiösen und Handelsverbindungen über die Alpen hinweg im Früh- und Hochmittelalter waren, so waren sie es eben auch von Kiew und von der Wolga bis nach England. Und so wird immer mehr Interessierten bewußt (Forum Biodiversity 2.9.2019):
Wikingerfrauen in Osteuropa stammten unter anderem aus adligen norwegischen Familien, die Waräger-Herrscher in Osteuropa heriateten. So wie die Heilige Olga, bzw Helga von Kiew, Rogneda von Polotsk (Ragnhild ist ein Name, der auch im modernen Island gebräuchlich ist). Rogneda war die Großmutter der französischen Königin Anne von Kiew.
Original: We had female Vikings in eastern Europe, but those were from noble Norse families who married Varangian rulers in eastern Europe. Such as saint Olga of Kiev (Helga), Rogneda of Polotsk (Ragnhild - the name is found in modern Iceland). Rogneda was grandmother of French queen Anne of Kiev. 
Und vielleicht gilt für den frühmittelalterlichen Hochadel Polens, Pommerns oder Estlands, was für den frühmittelalterlichen Hochadel Rußlands galt (Wiki):
Die Rus stellten zunächst den Großteil der Adels-, Händler- und Kriegerschicht des Staates. Die dominierende Kultur und Sprache war (dennoch) Slawisch.
Spannend könnte auch die Frage sein, ob sich im Uradel des Baltikums, Preußens, Pommerns oder Schlesiens auffälligere Wikinger-Herkunfts-Anteile finden lassen. Der Autor dieser Zeilen stammt zum Beispiel - über die livländische Adelsfamilie von Samson-Himmelstjerna - von einer vormals bekannten baltischen Adelsfamilie ab, die den dort sehr einheimisch klingenden Namen "von Patkul" trug (Wiki). (Allerdings stellt dieser Zweig seiner Herkunft nur einen sehr geringen Anteil seiner Gesamtherkunft dar.) Aber Menschen, deren Eltern und Vorfahren bis heute innerhalb der Adelsfamilien des Ostseeraumes geheiratet haben, könnten vielleicht einmal den Herkunftsanteil der Wikinger in ihrem Gesamterbgut bekannt machen. Das sollte doch auch so manchem Historiker interessant erscheinen und könnte zur Klärung von so mancher, seit einem Jahrhundert umstrittenen Frage beitragen. Aber natürlich hatten nicht nur Adelsfamilien Wikinger-Gene. Und da die Schweden auch nach dem Mittelalter im südlichen Ostseeraum noch Nachkommen zurück gelassen haben, muß man natürlich auch schauen, ob man diese beiden Herkunftsanteile heute noch voneinander trennen kann.

Natürlich stellt sich auch die Frage, warum die Wikinger insgesamt so faszinieren können. Aber wenn wir uns spektakuläre Schiffsbegräbnisse wie die beiden seit 2008 auf der Insel Ösel entdeckten anschauen und es zusammen halten mit der altnordischen Saga-Überlieferung, brauchen wir eigentlich nicht allzu lange zu fragen: Diese Menschen führten ein Leben von einem sehr eigenen Zuschnitt. Und an ein solches Leben zu erinnern, erinnert uns an Wesensmerkmale, an Persönlichkeitsmerkmale, die durch nachherige Kulturentwicklungen sehr stark, womöglich viel zu stark in den Hintergrund gedrängt wurden, denn - wie es in einem altnordischen Schriftdokument heißt:
"An engem Strand, an enger See wird eng des Menschen Sinn."
Original (ungefähr, der Erinnerung nach zitiert): "Littilla sanda, littilla saeva, littil ero ged guma."


/ Ergänzt durch Ausführungen 
zum Thema Sklavenhandel: 
5.10.2019 /
________________________ 
*) Im Original: "... the fire-steel. A standard item of Viking personal equipment, the shape of the Prague Castle example is different from others found in Bohemia. Although corrosion complicates identification (the original was lost in the Prague floods of 2002), the surviving drawings show the artefact to be remarkably similar to other Scandinavian examples. Furthermore, as noted above, the trefoil extensions resemble those found on axes from Gotland and Öland". 
___________ 
  1. Population genomics of the Viking world. Ashot Margaryan, Daniel John Lawson, Martin Sikora, (...) Kristian Kristiansen, Rasmus Nielsen, Thomas Werge, Eske Willerslev. bioRxiv 703405; Preprint, 17.7.2019, doi: https://doi.org/10.1101/703405https://www.biorxiv.org/content/10.1101/703405v1.supplementary-material
  2. Bading, Ingo: Polygenetische Risikofaktoren vor 1000 Jahren, 20.7.2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/polygenetische-risiko-faktoren-vor-1000.html
  3. Saunders, N. J., Frolík, J., & Heyd, V. (2019). Zeitgeist archaeology: conflict, identity and ideology at Prague Castle, 1918–2018. Antiquity, 93(370), 1009–1025. doi:10.15184/aqy.2019.107, url to share this paper: sci-hub.tw/10.15184/aqy.2019.107
  4. https://phys.org/news/2019-08-evidence-contested-identity-medieval-skeleton.html 
  5. https://www.foxnews.com/science/mysterious-medieval-skeleton-at-prague-castle-reveals-its-secrets
  6. Storch: Wikinger auf dem Hradschin? Wittikobund 2017 (pdf)
  7. https://www.polish-online.com/polen/staedte/gnesen-mieszko-I-wikinger.php 
  8. Was ist eine Kaptorga?, Kaptorga - Visual History, 14.06.2018, https://youtu.be/vvCGvzdN0cQ
  9. Bucka, Malgorzata: Auf den Spuren der Wikinger (360° - GEO Reportage). Dokumentation einer Bootsfahrt von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer im Jahr 2006; veröffentlicht 2018, https://youtu.be/Zsj8iSV3nQE
  10. Buko, Andrzej: Bodzia - A Late Viking-Age Elite Cemetery in Central Poland (East Central and Eastern Europe in the Middle Ages, 450-1450, Band 27) Brill Academic, 2014 (GB)
  11. Duczko, Władysław: With Vikings or without? Scandinavians in Early Medieval Poland. Approaching an old problem. In: Scandinavian Culture in Medieval Poland, ed. S. Moździoch, B. Stanisławski, P. Wiszewski, Reihe Interdisciplinary Medieval Studies t. II, Wrocław 2013 (Academia)
  12. Rohrer, Wiebke: Wikinger oder Slawen? Die ethnische Interpretation frühpiastischer Bestattungen mit Waffenbeigabe in der  deutschen und polnischen Archäologie. [Studien zur Ostmitteleuropa-Forschung 26] Verlag Herder-Institut Marburg 2012 [Diss. 2010, Universität Freiburg] (pdf)
  13. Duczko, Władysław: Viking Rus. Studies on the presence of Scandinavians in Eastern Europe, kolekcja History, seria The Northern World, Bd. 12. Brill, Leiden, Boston 2004 (praca habilitacyjna) (GB)
  14. Martin M.: Reiches wikingerzeitliches Gräberfeld in Polen, 21. Dezember 2011, http://www.nornirsaett.de/ratselhaftes-wikingerzeitliches-graber-in-polen/
  15. Chudziak, Wojciech: Remarks on particular material traces of Scandinavian culture in Pomerania. In: Scandinavian Culture in Medieval Poland, ed. S. Moździoch, B. Stanisławski, P. Wiszewski, Reihe Interdisciplinary Medieval Studies t. II, Wrocław 2013 (Academia
  16. Buko, Andrzej: Vortrag in polnischer Sprache über Bodzia: Elity społeczne państwa pierwszych Piastów? (przykład odkryć na cmentarzysku w Bodzi k. Włocławka). Mai 2013, https://youtu.be/NGq3tF4Xt5g
  17. Duczko, Władysław: Status and Magic. Ornaments used by the Bodzia Elites, w: Bodzia. A Late Viking-Age Elite Cemetery in Central Poland, wyd. Brill, Leiden–Boston 2015
  18. Wikingerpark auf der Insel Wolin in Polen - am Ufer der Dziwna. Ein Travelnetto-Video, 02.09.2016, https://youtu.be/8dgmq-HMSy8
  19. The genetic landscape of Scotland and the Isles. Edmund Gilbert (...) Gianpiero L. Cavalleri, James F. Wilson. In: Proceedings of the National Academy of Sciences Sep 2019, 201904761; DOI: 10.1073/pnas.1904761116
  20. Vikings in Medieval Russia. By Natalia Grigoreva and Vyacheslav Moiseyev / Gnezdovo, Russia. By Tamara Pushkina and Alexandra Buzhilova. Im Anhang 1 von (1) (pdf)
  21. Graichen, Gisela: Die Schatzinsel der Wikinger. Reihe: Schliemanns Erben. ZDF 2003. Auf: mwiemeikel22, 07.04.2013, https://youtu.be/geUY3utqSpI  [tolle Dokumentation zu Bornholm, Ladoga-See und anderen Ausgrabungen in Rußland]
  22. In The Footsteps of Rurik. A guide to the Viking History of Northwest Russia. By Dan Carlsson and Adrian Selin. Books on Demand, Norderstedt 2012 (Academia
  23. Ancient genome-wide analyses infer kinship structure in an Early Medieval Alemannic graveyard  By Niall O’Sullivan, Cosimo Posth, Valentina Coia, Verena J. Schuenemann, T. Douglas Price, Joachim Wahl, Ron Pinhasi, Albert Zink, Johannes Krause, Frank Maixner. In:  Science Advances, 05 Sep 2018, https://advances.sciencemag.org/content/4/9/eaao1262
  24. The genetic landscape of Scotland and the Isles. Edmund Gilbert, Seamus O’Reilly (...) Gianpiero L. Cavalleri, James F. Wilson. In: Proceedings of the National Academy of Sciences Sep 2019, 116 (38) 19064-19070; DOI: 10.1073/pnas.1904761116 
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