Samstag, 10. August 2019

Die Indogermanen an der Nordgrenze Chinas - Neues über Yuezhi, Xiongnu, Weiße Hunnen und Skythen

Zur Archäogenetik der Dsungarei - und des benachbarten Tarim-Beckens

Die Inhalte dieses Blogartikels 
erläutere ich auch mündlich 
in einem Livestream 
(---> Youtube).

Die Zeit um 200 v. Ztr. wird in der chinesischen Geschichte als die "Zeit der streitenden Reiche" (Wiki) bezeichnet. Diese Zeit war nicht nur eine Blütezeit der chinesischen Kultur, sondern auch der chinesischen Philosophie, ebenso wie es zur gleichen Zeit im Westen, in der hellenischen Kultur eine Blütezeit von Kultur, Wissenschaft und Philosophie gegeben hat. Am Nord- und Westrand dieser Han-chinesischen Kultur lebten damals die halbnomadischen indogermanischen Yuezhi (Wiki) (500 v. Ztr.-200 n. Ztr.). Und scheinbar von Angehörigen dieses Volkes - oder eines ihnen nahe verwandten Volkes - konnten Archäogenetiker zehn Genome sequenzieren und die Ergebnisse vor drei Wochen veröffentlichen (1). Die Yuezhi waren vielleicht auch verwandt mit den etwas späteren Xiongnu (Wiki) (300 v. Ztr. bis 100 n. Ztr.) und von beiden könnten die noch späteren so genannten Weißen Hunnen (400-500 n. Ztr.) (Wiki) abstammen. Sie alle sind in chinesischen Schriftquellen immer wieder erwähnt.

Die neue Studie ist erarbeitet worden von chinesischen Archäogenetikern in Zusammenarbeit mit Johannes Krause (Jena). Zehn Menschen, deren Skelette chinesische Archäologen 2005, 2007 und 2009 in einer Ausgrabung im nordöstlichen Tianshan-Gebirge, am Fundort Shirenzigou, entdeckt haben, sind sequenziert worden. Das Tianshan-Gebirge trennt in dieser Region die Dsungarei (Wiki, engl) vom Tarim-Becken und ihren Oasenstädten der Seidenstraße ab. Die Dsungarei liegt südlich des Altai-Gebirges und in ihr liegt auch die Provinz-Hauptstadt Urumchi, wo es das berühmte Museum mit den Tarim-Mumien gibt. Die heutige Dsungarei ist historisch gesehen eigentlich nur die Ost-Dsungarei, zu der früher die heutige kasachische West-Dsungarei gehörte, auch Siebenstromland (Wiki) genannt. Der Fundort Shirenzigou (1)
liegt auf einer waldfreien Ebene im Tianshan-Gebirge, in einer Region, die die meiste Zeit des Jahres mit Schnee und Eis bedeckt ist (außer im Juni, Juli und August), und die in diesem Fall nicht geeignet ist für menschliches Leben. Die Ausgrabungen erbrachten große Mengen von Pferde-, Ziegen- und Rinder-Knochen, die zeigten, daß die Menschen von Shirenzigou ein eher nomadisches Leben lebten. Es wird angenommen, daß der Fundort aus einer umfangreichen Siedlung bestand, die von Herdenhaltern nur in kurzen Zeiten des Jahres aufgesucht wurden.
Original: It lies in the platform of the forest-free region of the Tianshan mountains, a region that was covered with snow and ice for the most time of the year (except for June, July and August), and in this case the region was not suitable for human habitation. The excavations of a large amount of horse, goat and bull bones showed that Shirenzigou people lived a more nomadic way of life and the site was believed to be a large-scale settlement used seasonally by pastoralists.

Über die vermutlich eher weitläufigen indogermanischen Verwandten der Tarim-Mumien am hier erforschten Fundort Shirenzigou heißt es nun (1):
Der genetische Herkunftsanteil, der sich deckt mit Menschen der Yamnaya-Kultur von Samara (an der Wolga) oder mit Menschen der Afanasievo-Kultur (in Sibirien) beträgt bei den Menschen von Shirenzigou zwischen 20 und 80 %.
Original: The Yamnaya_Samara or Afanasievo-related ancestry ranges from 20% to 80% in different Shirenzigou individuals.
Dies ist der indogermanische Herkunftsanteil. Aber über diesen heißt es weiter (1):
Die Menschen von Shirenzigou besaßen nicht jenen grünen Herkunftsanteil, der (in anderen Völkern) von den anatolisch- und europäisch-frühneolithischen Bauern stammt.
Original: Shirenzigou samples lack the green component that is enriched in Anatolian and European farmers when compared to the above present-day groups.
Was für eine spannende Erkenntnis. Und weiter heißt es:
Der asiatische Herkunftsanteil bei den Menschen von Shirenzigou sieht mehr nach dem nördlicher asiatischer Völker aus wie den Daur und den Hezhen als wie dem südlicher asiatischer Völker, denn sie haben jenen pinken Herkunftsanteil nicht, der sich bei südlichen Asiaten findet.
Original: The East Eurasian component in Shirenzigou looks more related to northern Asians such as Daur and Hezhen than to southern Asians as they do not have the pink component that is enriched in southern Asians.
Die Daur (Wiki) sind ein mongolisches Volk der Inneren Mongolei. Die Hezhen (Wiki) leben im Gebiet des Flusses Amur, sprechen eine tungusische Sprache. Bei ihnen gibt es noch Schamanen.

Abb. 1: Die Menschen von Shirenzigou weisen nicht den grünen anatolisch-neolithischen Herkunftsanteil der späteren (westlichen) indogermanischen Völker auf. Damit sind sie Nachkommen der frühesten Indogermanen (Samara, Karagash, Afanasievo, Poltovka), nicht der etwas späteren Indogermanen, die den anatolisch-neolitschen Herkunftsanteil aufweisen (Sintashta, Srubnaya, Andronovo). SHG=Skandinavische Jäger-Sammler, EHG=Osteuropäische Jäger-Sammler (aus: 1)

Zusammen mit der Grafik in Abbildung 1 können wir also feststellen: Die Menschen von Shirenzigou weisen nicht den grünen anatolisch-neolithischen Herkunftsanteil der späteren (westlichen) indogermanischen Völker auf. Damit sind sie Nachkommen der frühesten Indogermanen (Samara, Karagash, Afanasievo, Poltovka), und nicht der etwas späteren Indogermanen, die den anatolisch-neolitschen Herkunftsanteil seither aufgewiesen haben (Sintashta, Srubnaya, Andronovo).

Und bis 200 v. Ztr. haben sich die ursprünglichen Indogermanen im nordöstlichen Tianschan-Gebirge also noch nicht besonders stark mit Han-Chinesen vermischt, sondern vor allem mit Völkern aus der Mongolei. Vermutlich haben die Menschen von Shirenzigou also etwas zu tun mit den in den antiken Schriftquellen benannten .

Abb. 2: Die Chinesen, Koreaner und Japaner weisen zwei Herkunftsanteile auf: Atyal (blau) und Vorfahren der Ultschen (Ulchi, braun) (aus: 1)

Während man also bislang von einem Replacement der frühen indogermanischen Völker in Sibirien wußte durch spätere (westliche) indogermanische Völker, entdecken wir hier um 200 v. Ztr. noch Nachkommen der frühesten indogermanischen Zuwanderung nach Asien ab 3.500 v. Ztr. in Form der Afanasievo-Kultur (Wiki). Das Replacement war also doch nicht so vollständig wie man bislang angenommen hat.

Die zwei großen Herkunftsgruppen der Ostasiaten


Übrigens lernen wir hier - wie nebenbei - auch neues zur genetischen Geschichte Ostaisens hinzu, die ja vergleichend mitbetrachtet werden muß, um feststellen zu können, woher der asiatische Herkunftsanteil der Menschen von  Shirenzigou stammt (Abb. 2). Den braunen Herkunftsanteil haben Chinesen, Koreaner und Japaner gemeinsam mit einem Volk, das am Amurfluß nördlich von Nordkorea in Sibirien seit zehntausend Jahren als Fischervolk lebt, nämlich mit den Ultschen ("Ulchi"), die wir hier auf dem Blog schon mehrmals behandelt haben (7).  Der dunkelblaue Herkunftsanteil ist heute noch am unverfälschtesten repräsentiert durch die Atyal (Wiki, engl), Ureinwohner, die im gebirgigen nördlichen Innern Taiwans leben und das Fischervolk der Ami (Wiki, engl), austronesische Ureinwohner im Südosten Taiwans.

Wie man sieht, sind sie eng verwandt mit südchinesischen Völkern wie den Thai, den Dai und den Kinh und haben ihren - grob gesprochen - "südasiatischen" Herkunftsanteil vermutlich nur deshalb so "unverfälscht" und einheitlich erhalten, weil sie auf der abgelegenen Insel Taiwan leben. Von diesen beiden ursprünglichen Herkunftsgruppen stammen heute also alle Chinesen, Koreaner und Japaner ab wie man der Grafik (Abb. 2) entnehmen kann. Wahrscheinlich haben sich die beiden ursprünglicheren asiatischen Herkunftsgruppen - die nördliche und die südliche - miteinander vermischt in der Zeit als die Völker zum Ackerbau übergegangen sind, also etwa beginnend vor 8.000 Jahren. Ähnliches ist ja auch für Europa zu beschreiben.

Abb. 3: Die anatolisch-neolithischen Völker in Anatolien (Anatolia_N), in Mitteleuropa (Bandkeramiker=LBK_EN), in Spanien, sowie ihr Herkunftsanteil bei den indogermanischen Schnurkeramikern (Corded Ware), sowie bei den Armeniern. Der größere gelbe Herkunftsanteil stammt von den westeuropäischen Jäger-Sammlern (s. Abb. 1) (aus: 1)

Das Muster der genetischen Herkunftsanteile der Menschen von Shirenzigou deutet auf ein Vermischungs-Ereignis hin, das um 200 v. Ztr. noch gar nicht so lange her war. Die Menschen von Shirenzigou scheinen also das Ergebnis einer Ethnogenese eines Volkes wie dem der Weißen Hunnen ganz gut zu repräsentieren. Die Wissenschaftler halten für möglich (1) ...
... ein kürzliches Vermischungs-Ereignis zwischen Gruppen mit Yamnaya-Herkunft und ostasiatischer Herkunft.
Original: ... a recent admixture event between groups with Yamnaya-related ancestry and East Asian ancestry.
Weiter schreiben sie (1):
Von der sonstigen Archäologie her zeigt die der Fundplatz Shirenzigou die typischen Charakteristika der agro-pastoralen Yanbulake-Kultur des bronzezeitlichen Hami-Tales, das sich im südlichen Bogen des östlichen Tianshan-Gebirges befindet. Die Tier-Motive wie Hirsch-geformte Greife an dem Fundplatz spiegeln Einflüsse der Pazyryk-Kutur der Altai-Region wieder.
Original: The existing archaeological evidences suggest that the Shirenzigou site shows typical characteristics of the agro-pastoral Yanbulake Culture from the Bronze-Age Hami Basin located in the southern slope of the East Tianshan Mountains. The animal motifs such as the deer-shaped Griffin in the site also reflects the influences from the Pazyryk Culture from the Altai region.
Hirsch-Greif-Mischwesen sind ein Erkennungsmerkmal der Pazyryk-Kultur (Wiki). Diese stellt eine späte Variante der großen skythischen Völkergruppe dar, vermutlich eine solche, die ebenfalls durch Vermischung mit mongolischen Völkern entstanden ist. Allerdings könnte skythische-indogermanische Herkunft die anatolisch-neolithische Herkunftskomponente der (westlichen) Indogermanen aufweisen und das könnte ein Hinweis sein, daß es von dieser Kultur nur kuturelle, keine genetischen Einflüsse in Richtung der Menschen von Shirenzigou gegeben hat (so die vorläufige Vermutung des Bloginhabers).

Abb. 4: Archäologische Funde und Befunde, sowie Wandmalereien vom Fundort Shirenzigou (aus: 1)
 
Gläser der hier genannten Yanbulaq-Kultur (Wiki) sind nach chemischen Analysen aus China importiert worden. Die Wissenschaftler schreiben (1):
Die Menschen von Shirenzigou weisen auch eine Han-chinesische Herkunftskomponente auf, die in diese Region gelangt sein könnte durch bäuerliche Bevölkerungen in Regionen der Umgegend wie Gansu und Quinghai, die ebenso zu den heutigen Han-Chinesen beitrugen.
Original: The Shirenzigou samples also harbor a Han Chinese-related component, which may be introduced into this region by the farming populations from surrounding regions, such as Gansu and Qinghai, who also contributed to present-day Han Chinese.
Der indogermanische Anteil der Menschen von Shirenzigou dürfte also ursprünglich in Zusammenhang gestanden haben mit der ersten indogermanische archäologischen Kultur Asiens, der Afanasievo-Kultur. Über die Archäologie von Shirenzigou heißt es in der Studie (1):
The site was first excavated by a joint team consisted of the Hami Bureau of Cultural Heritage, Barkol County’s Cultural Relics Administration and the School of Cultural Heritage of North-west University between 2005 and 2007, and subsequently by the same team in 2009. (...)
From the late Bronze Age onward, the pottery and the funeral rituals of Barkol Steppe in the east Tianshan mountain region showed characteristics that were more typical of the oasis-based agricultural Yanbulake Culture of the Hami Basin. The Shirenzigou site also resembles the Pazyryk Culture, an early Iron Age culture from the Altai mountain. For example, horse sacrifice and animal motifs - golden plaques of tiger and rams - excavated from the Shirenzigou site were also popular among the Pazyryk people. Moreover, a bronze cauldron found in dwelling F2 may also indicate additional influences from the Han Chinese. In all, the current archaeological evidence shows that Shirenzigou people have a close relationship with populations of the Altai mountain as well as that of the Han Chinese. (...)
Nine individuals were from the burial tombs and the other one individual was from the dwelling. Five dated samples from this study (...) were dated around 200 BCE, corresponding to the Warring State Period or the Western Han Dynasty of the Chinese chronology.
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  1. Ning et al., Ancient Genomes Reveal Yamnaya-Related Ancestry and a Potential Source of Indo-European Speakersin Iron Age Tianshan, Current Biology (2019), https://doi.org/10.1016/j.cub.201 9.06.044
  2. Feng, Q., Lu, Y., Ni, X., Yuan, K., Yang, Y., Yang, X., ... & Lu, D. (2017). Genetic history of Xinjiang’s Uyghurs suggests Bronze Age multiple-way contacts in Eurasia. Molecular biology and evolution, 34(10), 2572-2582. doi: 10.1093/nar/gkx1032
  3. Genetic History of Xinjiang’s Uyghurs Suggests Bronze Age Multiple-Way Contacts in Eurasia, 2018, https://youtu.be/PUJetznRAV0
  4. Beautiful Xinjiang - with brief history of Uyghurs in Xinjiang, 2009, https://youtu.be/FgRU9gYNjzA
  5. Stephen Chen: Chinese engineers plan 1,000km tunnel to make Xinjiang desert bloom. South China Morning Post, 29 Oct, 2017, https://www.scmp.com/news /china/society/ article/2116750/chinese-engineers-plan-1000km-tunnel-make-xinjiang-desert-bloom
  6. Carr, Mariel:  The Mummy That Wasn’t There  What happens when a museum is forbidden to exhibit the star of its show?, 2.6.2016, https://www.sciencehistory.org/ distillations/ magazine/the-mummy-that-wasnt-there 
  7. Bading, Ingo: 8.000 Jahre lange genetische Kontinuität eines Fischervolkes in Ostsibirien, 5.2.2017, https://studgendeutsch.blogspot .com/2017/02/ 8000-jahre-lange-genetische-kontinuitat.html 
  8. Iron Age Indo-European Ancient DNA Found East Of Tarim Basin, July 26, 2019, http://dispatchesfromturtleisland. blogspot.com/2019/07/ iron-age-indo-european-ancient-dna.html
  9. Davidski: They mixed up Huns with Tocharians, July 28, 2019, http://eurogenes.blogspot.com /2019/07/they-mixed-up-tocharians-with-huns.html
  10. Quiles, Carlos: Iron Age Tocharians of Yamnaya ancestry from Afanasevo show hg. R1b-M269 and Q1a1, 25.7.2019, https://indo-european.eu/2019/07/iron-age-tocharians-of-yamna-ancestry-from-afanasievo-and-hg-r1b-m269-and-q1a1/
  11. Günther, Hans F. K.: Die nordische Rasse bei den Indogermanen Asiens. Zugleich ein Beitrag zu Frage nach Urheimat und Herkunft der Indogermanen. J. F. Lehmann, München 1934; [Nachdr.] mit Ergänzung von Jürgen Spanuth. Verlag Hohe Warte, Pähl 1982

Sonntag, 4. August 2019

Es ist "amtlich" - Das Urvolk der Indogermanen war die Chwalynsk-Kultur um 4.500 v. Ztr. an der Mittleren Wolga

Der US-amerikanische Archäologe David Anthony hat am 1. August über den neuesten Forschungsstand informiert

Der emeritierte US-amerikanische Archäologe David W. Anthony (Wiki) ist einer der derzeit führenden Archäologen betreffend der Entstehung und Ausbreitung der Indogermanen. Hier auf dem Blog hatten wir schon auf seine Forschungen hingewiesen (1). In einem am 1. August dieses Jahres veröffentlichten Aufsatz (2) macht er mit dem neuesten Erkenntnisstand zur Entstehung des Volkes, bzw. der Völkergruppe der Indogermanen bekannt. Und das ist mehr oder weniger sensationell.

David W. Anthony ist Mitautor mehrerer Ancient-DNA-Studien der Forschungsgruppe von David Reich und er steht deshalb in engem Austausch über die neuesten Forschungsergebnisse dieser Forschungsgruppe. Aufgrund dieses engen Austausches kann er in diesem Aufsatz auf die neuesten Erkenntnisse dieser Forschungsgruppe hinweisen. Zwar ist es etwas ungewöhnlich, daß er damit nicht wartet, bis die betreffenden, sich sicherlich in Vorbereitung befindende Studie wenigstens im Preprint veröffentlicht ist. Dennoch ist es natürlich für uns sehr wertvoll, daß er schon zuvor "aus dem Nähkästchen" plaudert. Noch dazu, wo es sich um solche sensationellen Entdeckungen handelt. Es wird nichts weniger verkündet als die endgültige Lokalisierung und Datierung der Ethnogenese der Indogermanen.

Und zwar hat diese stattgefunden in der Chwalynsk-Kultur (4.700-3.800 v. Ztr.) (Wiki), benannt nach der russischen Stadt Chwalynsk an der Mittleren Wolga. Auf Wikipedia ist über diese Kultur zu erfahren (Wiki):
Das Gebiet der Chwalynsk-Kultur reichte von Saratow im Norden bis zum Nord-Kaukasus im Süden und vom Asowschen Meer im Westen bis zum Ural-Fluß im Osten.
Das ist im Grunde immer noch ein riesiges Gebiet. Aber immerhin haben wir jetzt einen konkreten Namen, eine konkrete Zeit und einen konkreten Ort. In den ersten Studien aus dem Jahr 2015 hatte man die Indogermanen noch als 50/50-Mischung von osteuropäischen und kaukasischen Jägern und Sammlern beschrieben. 2018 entdeckte man einen Anteil von 10 bis 18 % anatolisch-neolithischer Genetik bei den frühen (westlichen) Indogermanen.




Da die anatolisch-neolithische Genetik sich ab 5000 v. Ztr. nicht nur vom Balkan aus nach Osten ausbreitete (u.a. über die Cucuteni-Kultur im Süden, später über die Kugelamphoren-Kultur weiter im Norden), sondern zur gleichen Zeit auch von Anatolien aus nach Osten in den Kaukasus ausbreitete (!!!) (von wo aus sich umgekehrt gleichzeitig die kaukasisch-neolithische Genetik nach Anatolien ausbreitete) (!!!) (beides war uns bislang nicht so bekannt/bewußt gewesen), da man aber weiß, daß die anatolisch-neolithische Genetik der Indogermanen NICHT über den Kaukasus zu den Indogermanen gekommen sein kann (da es darin noch eine westeuropäische Jäger-Sammler-Komponente gibt), kann jetzt geschlußfolgert werden, daß sich der Herkunftsanteil der kaukasischen Jäger und Sammler VOR 5000 v. Ztr. genetisch von seiner Ursprungsregion im Kaukasus getrennt haben muß und sich dann irgendwann in dieser Zeit mit dem Herkunftsanteil der osteuropäischen Jäger und Sammler vermischt haben muß. Bekanntlich hat es schon ab 6.500 v. Ztr. neolithische Kulturen im Kaukasus gegeben, die in großen Bottichen Wein verarbeitet haben (1).*)  Andererseits war um 5.500 v. Ztr. Kaukasus-Genetik noch nicht bis Samara an der Mittleren Wolga vorgedrungen. Dort gab es um 5.500 v. Ztr. nur osteuropäischer Jäger und Fischer-Genetik. Und nun kommen die entscheidenden Worte von Anthony (2): 
Vor 4.500 v. Ztr. gelangt kaukasische Jäger-Sammler-Genetik zu den osteuropäischen Jägern und Fischern in die Steppen der Mittleren Wolga zwischen Samara und Saratow, zur gleichen Zeit wie domestizierte Rinder, sowie Schafe und Ziegen eben daselbst erscheinen. Das Labor von David Reich hat jetzt archäologische Gesamt-Genom-Daten von mehr als 30 Individuen von drei eneolithischen Begräbnisplätzen in den Steppen der Wolga zwischen den Städten Saratow und Samara (Khlopkov Bugor, Chwalynsk, and Ekaterinovka), die alle datiert sind auf die Mitte des 5. Jahrtausends v. Ztr..
Original: But  before 4500 BC, CHG ancestry appeared among the EHG hunter-fishers in the middle Volga steppes from Samara to Saratov, at the same time that domesticated cattle and sheep-goats appeared. The Reich lab now has whole-genome aDNA data from more than 30 individuals from three Eneolithic cemeteries in the Volga steppes between the cities of Saratov and Samara (Khlopkov Bugor, Khvalynsk, and Ekaterinovka), all dated around the middle of the fifth millennium BC. Many dates from human bone are older, even before 5000 BC, but they are affected by strong reservoir effects, derived from a diet rich in fish, making them appear too old (Shishlina et al 2009), so the dates I use here accord with published and unpublished dates from a few dated animal bones (not fish-eaters) in graves.
Weiter heißt es über die Menschen der Chwalynsk-Kultur (2):
Der Anteil der kaukasischen Jäger-Sammler-Genetik liegt bei zwei Individuen mit 20 bis 30 % beträchtlich unter dem Anteil derselben bei den späteren Yamnaya; aber das dritte Individuum von Chwalynsk hatte mehr als 50 % kaukasische Jäger-Sammler-Genetik - ebenso wie die Yamnaya. Die etwa 30 bisher noch nicht publizierten Individuen von den eneolithischen Grabstätten der Mittleren Wolga, einschließlich Chwalynsk, zeigen dieselben Vermischungen in unterschiedlichen Anteilen. Die meisten Männer gehörten zur Y-chromosomalen Haplogruppe R1b1a wie fast alle (späteren) Yamnaya-Männer, aber in Chwalynsk gab es auch eine Minderheit von anderen Y-chromosomalen Haplogruppen (R1a, Q1a, J, I2a2), die in (späteren) Yamnaya-Gräbern nicht oder nur selten (I2a2) auftreten.
Origihnal: The proportion of CHG in the Wang et al. (2018) bar graphs is about 20-30% in two individuals, substantially less CHG than in Yamnaya; but the third Khvalynsk individual had more than 50% CHG, like Yamnaya. The ca. 30 additional unpublished individuals from three middle Volga Eneolithic cemeteries, including Khvalynsk, preliminarily show the same admixed EHG/CHG ancestry in varying proportions. Most of the males belonged to Y-chromosome haplogroup R1b1a, like almost all Yamnaya males, but Khvalynsk also had some minority Y-chromosome haplogroups (R1a, Q1a, J, I2a2) that do not appear or appear only rarely (I2a2) in Yamnaya graves.
Offenbar hat dort also - zumindest unter den Männern - noch allerhand Selektion stattgefunden. Falls männliche Eliten mehr Kinder gehabt haben sollten als andere Bevölkerungsteile - was bei dem Volk von Chwalynsk - aufgrund vieler Hinweise - der Fall gewesen sein kann, könnte eine solche Selektion leicht erklärt werden. (Auch der dänisch-schwedische Archäologe Kristian Kristiansen macht auf die sehr unterschiedliche Ausbreitung von männlichen indogermanischen Y-Chromosomen und mitochondrialen weiblichen nicht-indogermanischen Haplotypen in vielen Regionen, wo Indogermanen später hingekommen sind, aufmerksam.) Jedenfalls heißt all das: Im Norden gab es mit der Samara-Kultur ein genetisch noch unvermischtes Volk osteuropäischer Jäger und Fischer. Und das diesem genetisch sehr ähnliche Volk der Chwalynsk-Kultur vermischte sich - ab etwa 4.700 v. Ztr. - mit kaukasisch-neolithischen Rinderzüchtern, die sich von Süden, vom Kaspischen Meer her die Wolga aufwärts ausbreiteten. Zu dieser Ausbreitungsbewegung bringt Anthony auch eine Karte von Fundstätten. Allerdings scheint es für diese archäologische Kultur, die sich da nach Norden ausbreitete, noch keinen fest umrissenen Namen zu geben. Jedenfalls nennt Anthony einen solchen - soweit übersehbar - nicht. (Weiter im Osten gab es die Kelteminar-Kultur, die schon große Häuser besaß. Aber um diese handelt es sich ja offenbar nicht.)

All das heißt also nun: Die kaukasus-neolithischen Völker (die wohl genetisch weitgehend identisch sind mit den kaukasischen Jägern und Sammlern) haben sich entlang der Küste des Kaspischen Meeres und von dort entlang des Unterlaufes der Wolga Richtung Norden mit ihren Haustieren - und sicherlich auch mit ihren angebauten Getreidesorten - ausgebreitet. An der Mittleren Wolga lebte aber ein streitbares, herrisches, hochmütiges Volk von Jägern und Fischern, die den südlichen Ankömmlingen nicht nur die Rinder geraubt haben werden, sondern - vielleicht - auch die Frauen. Es könnte ein früher Fall von "Raub der Sabinerinnen" vorliegen. Natürlich sind auch friedlichere Szenarien denkbar. :-) Handelsverbindungen und ähnliches.

Abb. 1: Die frühe Ausbreitung der Indogermanen (Chwalynsk-Kultur), abgelesen an der Verbreitung der Tierkopf-Szepter (aus: 3)

All das geschah zur selben Zeit als sich in Mitteleuropa die zuvor weiträumig sehr einheitliche, bevölkerungsdichte anatolisch-neolithische Bandkeramik auflöste und in regionalere Kulturen überging, die oft extensivere Weidewirtschaft betrieben, geringere Siedlungsdichte aufwiesen, "urtümlichere" Hausbauformen (trapezförmiger Grundriß) kannten und zugleich deutlich mehr einheimische, westeuropäische Jäger-Sammler-Genetik aufwiesen (bis zu 20 %) als die Bandkeramiker. Es wird erkennbar, daß es in dieser Zeit parallele Entwicklungen, Ethnogenesen in den Ländern an Rhein, Oberer Elbe, Oberer Oder, Donau und so weiter gegeben hat wie am Mittellauf der Wolga. Zwischen beiden kulturellen Großräumen gab es allerdings noch die Dnjepr-Donez-Kultur, die - offenbar - nur einheimische europäische Jäger-Sammler-Genetik, sowie robusten Knochenbau (siehe unten) aufwies und bei ihrer urtümlichen Lebensweise geblieben und später - vermutlich - ausgestorben ist. Allerdings traf ein ähnliches Schicksal später auch die mittel- und spätneolithischen Völker Mitteleuropas, als sich jenes mittelneolithische Volk der Mittleren Wolga in späteren Jahrtausenden über ganz Europa - auf Kosten eben der mittelneolithischen Völker Mitteleuropas - ausgebreitet hat. Aber wie ging es - nach Anthony - nach 4.500 v. Ztr. weiter? Auch da ist hoch interessantes zu erfahren (2):
Wang u.a. (2018) entdeckten, daß sich das Volk der Mittleren Wolga hinunter bis zu den nordkaukasischen Steppen ausbreitete, wo es Grabstätten wie Progress-2 und Vonyuchka gibt, datiert auf 4.300 v. Ztr., wo derselbe Chwalynsk-artige Vorfahrentyp erscheint, eine Mischung aus Kaukasus-Jäger-Sammlern und Osteuropäischen Jäger-Sammlern ohne anatolisch-neolithische Bauern-Herkunft, jedoch mit Y-chromosomalen Haplogruppen R1b.
Wang et al. (2018) discovered that this middle Volga mating network extended down to the North Caucasian steppes, where at cemeteries such as Progress-2 and Vonyuchka, dated 4300 BC, the same Khvalynsk-type ancestry appeared, an admixture of CHG and EHG with no Anatolian Farmer ancestry, with steppe-derived Y-chromosome haplogroup R1b. (...) The Progress-2 individuals from North Caucasus steppe graves lived not far from the pre-Maikop farmers of the Belaya valley, but they did not exchange mates, according to their DNA.
Diese Ausbreitungsbewegung nach Süden ist von einem Archäologen der Moldavischen Republik, nämlich V. A. Dergachev schon in einem Buch aus dem Jahr 2007 anhand der Ausbreitung von Tierkopf-Szepter postuliert worden (Abb. 1 und 2). Der Buchtitel lautete "Über Szepter, Pferde und Krieg - Studien in Verteidigung von Marija Gimbutas" (3). Marija Gimbutas war jene berühmte litauische Archäologin, die zuerst die Urheimat der Indogermanen an der Wolga vermutet hatte. Allerdings hatte sie als das Urvolk der Indogermanen noch die Samara-Kultur nicht die Chwalynsk-Kultur angesprochen. Da wird man sich die Details noch einmal genauer anschauen dürfen zur Frühgeschichte dieses Volkes.

Abb. 2: Die Entwicklung der indogermanischen Tierkopf-Szepter (aus: 3)
 Anthony jedenfalls schreibt weiter (2):
Nach 5.000 v. Ztr. treten domestizierte Tiere an Siedlungsorten (vormaliger Jäger und Fischer) der Unteren Wolga auf, ebenso kommen neue Siedlungsorte dazu und Opferungen in Gräbern in Chwalynsk and Ekaterinovka. Kaukasus-Jäger-Sammler-Gene und domestizierte Tiere breitete sich nach Norden entlang der Wolga aus. (...) Nach etwa 4.500 v. Ztr. vereinigte die archäologische Chwalynsk-Kultur die archäologischen Stätten der Unteren und Mittleren Wolga in einer variablen archäologischen Kultur, die domestizierte Schafe, Ziegen und Rinder (sowie möglicherweise Pferde) hielt. Nach meiner Einschätzung dürfte Chwalynsk die älteste Phase des Urindogermanischen repräsentieren.
Original: After 5000 BC domesticated animals appeared in these same sites in the lower Volga, and in new ones, and in grave sacrifices at Khvalynsk and Ekaterinovka. CHG genes and domesticated animals flowed north up the Volga, and EHG genes flowed south into the North Caucasus steppes, and the two components became admixed. After approximately 4500 BC the Khvalynsk archaeological culture united the lower and middle Volga archaeological sites into one variable archaeological culture that kept domesticated sheep, goats, and cattle (and possibly horses). In my estimation, Khvalynsk might represent the oldest phase of PIE.
Das sind entscheidende Worte von einem der besten Kenner der Archäologie der Indogermanen. In welchem komplexen kulturellen und genetischen Wechselverhältnis diese Chwalynsk-Kultur der Indogermanen mit der stadtähnliche Cucuteni-Kultur im Westen stand (also jenseits der urtümlichen Dnjepr-Donez-Kultur), darüber schreibt Anthony (2):
Yet among 48 individuals with whole-genome aDNA from 16 Neolithic and Copper Age cemeteries in Bulgaria and Romania dated 5800-4300 BC, only three showed any ancestry from a steppe mating network (Mathieson et al. 2018). Around 95% of the southeastern European farmer population tested had no steppe relatives over a period of 1500 years. They must have actively avoided marriage with steppe people, a rule broken only among the elite towards the end of the Eneolithic. All three of the steppe-admixed exceptions were from the Varna region (Mathieson et al. 2018). One of them was the famous “golden man’ at Varna (Krause et al. 2016), Grave 43, whose steppe ancestry was the most doubtful of the three. If he had steppe ancestry, it was sufficiently distant (five+ generations before him) that he was not a statistically significant outlier, but he was displaced in the steppe direction, away from the central values of the majority of typical Anatolian Farmers at Varna and elsewhere. The other two, at Varna (grave 158, a 5-7-year-old girl) and Smyadovo (grave 29, a male 20-25 years old), were statistically significant outliers who had recent steppe ancestry (consistent with grandparents or great-grandparents) of the EHG/CHG Khvalynsk/Progress-2 type, not of the Dnieper Rapids EHG/WHG type. Again, this is surprising, because the Volga is much farther away from Varna than the Dnieper. All three graves were unusually well-equipped with typical Varna pottery and ornaments, and grave 43 was spectacularly rich. Steppe people occasionally became the parents of children whose local parents belonged to Old European elite families, presumably as the result of arrangements tied to political and economic negotiations. But the children were kept in the tell towns and lived and died there. Aside from these three elite-looking Varna-region individuals dated 4650-4450 BC (Krause et al. 2016; Mathieson et al. 2018: Supplementary Materials), the majority of Eneolithic farmers who lived near the steppe region had no steppe relatives, mirroring the absence of Anatolian Farmer ancestry in Eneolithic steppe cemeteries.
Wenn also schon um 4.600 v. Ztr. Menschen der Mittleren Wolga als Eliten - Könige - in der Königsstadt Warna (4) erkennbar sind, wird man die Ethnogenese der Indogermanen selbst wohl doch noch etwas früher ansetzen müssen. Wie auch immer. Diese Indogermanen stehen dann in einem Zusammenhang mit dem Nieder- und Untergang der großartigen Cucutenni-Kultur, von denen sie dann auch Genetik aufnehmen. Anthony (2):
Steppe type graves appeared on the fringes of the lower Danube valley, at Suvorovo and Giurgiulesti. Then about 4300-4200 BC the Varna/Karanovo VI-era tell towns of the lower Danube valley and the Balkans suffered a localized but sudden and total collapse resulting in the end of tell settlements and of most of their material culture traditions. The culture that replaced them in the lower Danube valley, Cernavoda I, was relatively impoverished and showed a mixture of steppe and Old European customs. I believe that the Suvorovo-Cernavoda I movement into the lower Danube valley and the Balkans about 4300 BC separated early PIE-speakers (pre-Anatolian) from the steppe population that stayed behind in the steppes and that later developed into late PIE and Yamnaya.

Was für eine spannende Geschichte. Sie ist so komplex und neu, daß wir uns noch einmal das "große Bild" vor Augen halten wollen.

Halten wir uns das "große Bild" vor Augen


4.900 v. Ztr. ging in Mitteleuropa die Bandkeramik unter und es bildeten sich Regionalkulturen mit höherem Anteil einheimischer westeuropäischer Jäger-Fischer-Genetik heraus. 4.300 v. Ztr. bildete sich dann die Trichterbecherkultur, die erste Bauernkultur Skandinaviens. Was geschah parallel dazu an der Mittleren Wolga?

Vermutlich 4.700 v. Ztr. kam es dort zur 50/50-Vermischung zwischen osteuropäischen Jägern und Fischern und kaukasischen Herdenhaltern. Solche 50/50-Vermischungen sind punktuell sicherlich auch in Mitteleuropa vorgekommen. Nur dort hat sich daraus keine demographische Stabilität, kein Volk entwickelt. An der Wolga hingegen schon. Hier lagen offenbar andere Verhältnisse vor, die das "erleichtert" haben. An der Wolga hat man es auch mit viel weiträumigeren Gebieten zu tun als in Mitteleuropa. Vielleicht haben die unterschiedlichen Szenarien auch damit zu tun. Wir haben es mit Steppengebieten zu tun, nicht mit dicht von Urwald bewachsenen Gebieten Mitteleuropas, in der nur Rodungssiedler Rodungsinseln geschaffen hatten. Wie auch immer. Schon 4.500 v. Ztr. finden wir die Genetik der Urindogermanen in der Königsstadt Warna in Bulgarien, jene archäologische Städte, in der das älteste Gold Europas gefunden wurde. Um 4.300 v. Ztr. ist die bäuerlich-städtische Cucuteni-Kultur im Westen der Indogermanen untergegangen und die Urindogermanen haben dabei noch 10 bis 20 % der anatolisch-neolithischen Genetik der Cucuteni-Kultur in sich aufgenommen. Damit war die kulturelle und genetische Ethnogenese der Indogermanen im Wesentlichen abgeschlossen. Und all das geschah etwa in der Zeit, in der im westlichen Ostseeraum die Trichterbecherkultur und in Ostmitteleuropa die Kugelamphoren-Kultur entstanden und ihre Hochblüte erlebten. Und welche aufregenden Jahrtausende sollten dann erst noch folgen.

Während also die westeuropäischen Jäger und Fischer bei der Ethnogenese für frühneolithischen Bandkeramiker am Plattensee in Ungarn nur 7 % ihre Genetik einbringen konnten und nach Untergang der Bandkeramiker bis zu 20 % ihrer Genetik bei der Ethnogenese der mittelneolithischen europäischen Bauernkulturen (Lengyel-Kultur, Rössener Kultur, Stichbandkeramik etc. pp.), ist es kennzeichnend für die Entstehung des Volkes der Indogermanen, daß sich hier die Genetik der osteuropäischen Jäger und Fischer zu 50 % in die Ethnogenese des mittelneolithischen Volkes an der Wolga, nämlich der Indogermanen eingebracht hat.

Sicherlich sind solche Ethnogenesen, solche Neuentstehungen von Stämmen und Völkern in Osteuropa sogar häufiger in einem solchen Anteil geschehen. Aber an der Mittleren Wolga entstand dabei ein Geflecht aus Genetik und Kultur, aus seelischer Haltung, aus kulturellem Habitus wie es diese in keinem anderen Volk, keiner anderen Volksgruppe der Welt bis heute gibt: Sehr große Veränderungsbereitschaft, sehr große Streitlust, sehr großer Wille zu herrschen (davon wurde später die idelogische Lehre vom "Herrenvolk" abgeleitet), das seelische Erlebnis der Erhabenheit und Größe landschaftlicher Weite, endloser Ebenen, Großzügigkeit, adliger Sinn. Alles Eigenschaften, die den Indogermanen zugesprochen werden. Noch ein heidnischer Wikingerspruch sollte lauten:
Am engen Strand
an enger See
wird eng des Menschen Sinn.
Während nun die anatolisch-neolithische und die kaukasisch-neolithische Genetik und Kultur jeweils auf ihre emsige, fleißige, arbeitsame Weise sehr viel Dynamik in die Weltgeschichte gebracht haben, von denen auch die Entstehung der frühen Hochkulturen an Nil, Euphrat und Ganges bestimmt waren, sollte sich dieser Umstand noch einmal steigern, sollte noch einmal eine Beschleungigung in die Weltgeschichte hinein kommen mit der Kultur und Genetik der so abseitig entstandenen Indogermanen. Festzuhalten bleibt aber auch, daß die Indogermanen sich nach Europa hinein erst ab 2.700 v. Ztr. ausbreiten konnten (!), also nachdem dort die Tricherbecher-Kultur, die Michelsberger Kultur und die Kugelamphoren-Kultur lange Zeit Stabilität aufgewiesen hatten, und nachdem in diesen Kulturen nach 3.500 v. Ztr. auch der Rinderwagen üblich wurde. Welch lange Zeiträume der mittelneolithischen Stabilität in Mitteleuropa. Das darf man keineswegs außer Acht lassen für das Gesamtbild.

Es sind also von 4.300 v. Ztr. bis 2.700 v. Ztr. noch einmal 1.500 Jahre vergangen, in denen die Kultur der Indogermanen sich nicht wesentlich weiter nach Nordwesten ausbreiten konnte, obwohl dieser "Drang nach Westen" schon 4.500 v. Ztr. in Warna und 4.300 v. Ztr. beim Untergang der Cucuteni-Kultur manifest geworden war. Damit drängt sich der Eindruck auf, daß sich die Indogermanen nur dorthin ausbreiten konnten, wo die zuvor existierenden bevölkerungsdichten Bauernkulturen ihre innere Stabilität verloren hatten, bzw. - womöglich - von inen heraus einen Niedergang erlebten oder Auflösungserscheinungen zeigten.

Allerdings gibt es ja auch die These und Vermutung, daß die Erfindung des Rades und noch mehr des Sreitwagens sehr viel neue Dynamik in die Weltgeschichte hinein gebracht haben.

Noch einige Einzelheiten über die Chwalynsk-Kultur


Und halten wir auch noch einmal fest: Nicht die nördlich gelegenene und etwas frühere Samara-Kultur (Wiki) war die Urheimat der Indogermanen - wie Marija Gimbutas annahm, in dieser hat sich vermutlich nur die Ausgangspopulation der osteuropäischen Jäger und Fischer länger für sich gehalten als in der südlicher gelegenen Chwalynsk-Kultur, wo es umfangreich zur Vermischung mit kaukasisch-neolithischen Rinderzüchtern gekommen ist. Schon in der Samara-Kultur sind einige Gräber mit Steinhügeln oder niedrigen Erdschüttungen überdeckt, was als sehr frühe Formen des Kurgan (des typischen Hügelgrabes der Indogermanen, der "Kurgan-Kulturen") angesehen werden kann (Wiki):
Charakteristisch sind Tieropfer, die an den meisten Fundstellen gefunden wurden. Typischerweise wurden Köpfe und Hufe von Rindern, Schafen und Pferden in flachen Schalen über dem Grab platziert und mit Ocker bestreut. (...) Neben den Überresten von Pferden in den Gräbern sind auf Grabbeigaben auch Pferde dargestellt. Ob die Pferde bereits geritten wurden kann nicht beantwortet werden, aber als Fleischlieferant wurden sie bestimmt genutzt. Aus einer späteren Phase der Kupfersteinzeit ist ein Schlachtplatz mit zahlreichen Pferdeknochen bekannt.
In dieser ausgeprägten Bedeutung der Pferde unterscheidet sich diese Kultur von der Dnepr-Donez-Kultur, mit der es sonst viele kulturelle Ähnlichkeiten gibt. Die Chwalynsk-Kultur weist nun viele Ähnlichkeiten zur Samara-Kultur auf (Wiki):
Zwölf Gräber waren mit Steinhügeln bedeckt. Opferplätze, die denen in Samara ähnlich sind, mit Resten von Pferden, Rindern und Schafen, wurden ebenfalls gefunden. 
Das Volk der Chwalynsk-Kultur, also unsere Vorfahren, scheinen allerdings schnell einen Zug ins Große entwickelt zu haben. Hören wir doch (Wiki):
Bei Nalchik enthielt ein 67 m hoher und 30 m im Durchmesser messender irdener Kurgan ....
Halten wir dazu fest, daß das so bedeutende und eindrucksvolle Königsgrab von Seddin (Wiki) im nördlichen Brandenburg von späten Nachfahren der Chwalynsk-Kultur zehn Meter hoch war und einen Durchmesser von 63 Metern aufwies. Weiter (Wiki):
.... 121 individuelle Gräber, in denen die Bestatteten (...) auf einer Ockerstreuung ruhten und mit Steinen bedeckt waren. (...) Chwalynsk beweist die Weiterentwicklung des Kurgans. Es begann in Samara mit individuellen Gräbern oder kleinen Gruppen, die manchmal mit Steinen bedeckt wurden. Bei der Chwalynsk-Kultur finden sich Gruppengräber, die eine Familie oder lokale Gruppenzusammengehörigkeit widerspiegeln können. (...) Es gibt auch zahlreiche Belege für Schmuck: Muschelketten, Stein- und Tierzähne, Armringe aus Stein oder Knochen und Anhänger aus Eberhauern sowie Zähne von Bären, Wölfen und Hirschen.
Man spürt, daß man sich mit der Archäologie jener Kulturen erst noch sehr gründlich beschäftigen muß, bis man ein einigermaßen befriedigendes Gesamtbild des heutigen Kenntnisstandes geben könnte. Soweit übersehbar, betreibt übrigens der Arzt, Rechts-, Wirtschafts- und Sprachwissenschaftler Dr. Carlos Quiles (geb. 1981) aus Badajoz in Spanien (CarlosQuiles) den bislang einzigen deutschsprachigen Blog - außer dem unsrigen hier - zur Archäogenetik und zur Geschichte der Indogermanen (5). Hier kann man sich auch in deutscher Sprache über einige der neuesten Entwicklungen in der Forschung kundig machen. Die meisten Beiträge sind aber auch hier in Englisch erschienen. So ein solcher über eine jüngste Ausgrabung in Yekaterinovsky, 150 Kilometer nordwestlich von Saratow. Hier ist eine Grabstätte ausgegraben worden, über die im letzten Jahr berichtet worden ist (6):
Das Grab enthält das Skelett eines jungen Mannes mit traumatischen Verletzungen am Kopf, an den Beinen und an den Handknochen, sowie das Skelett einer jungen domestizierten Ziege, die reichlich mit roten Ocker bestreut war. Grabbeigaben bestanden aus drei Steinszeptern unterschiedlichen Typs, einem großen Gegenstand aus Horn in der Form eines Vogelkopfes, einer Steinaxt, Messer-artige Stücke aus Quarzit,  (...) Bieberzähne. Die Einzigartigkeit des Grabes wird deutlich anhand der vielfältigen Grabbeigaben und den erkennbaren rituellen Praktiken. Wir vermuten, daß hier ein Mann begraben wurde, der zur Elite der Gesellschaft gehörte.
The burial contains the skeleton of a young man with traumatic injuries of the skull, leg and hand bones of other individuals, skeleton of a young specimen of a domestic goat (Capra hircus) that was abundantly sprinkled with red ocher. Grave goods include three stone scepters of different types, a large item made of horn in the shape of a bird’s head, a stone adze, knife-like plates of quartzite, beads from the flaps of the shells (Unio), marmot cutters, decoration made from a beaver’s tooth. The uniqueness of the burial is determined by the combination of the composition of the grave goods and traces of ritual practices. To conclude, we suggest the buried man could belong to the elite of the society that left this burial ground.
Quiles hat übrigens auch dem jüngsten Aufsatz von Anthony einen neuen Beitrag gewidmet (7). Ergänzen wir hier nun vielleicht noch, was wir Ende Juli 2017 hier auf dem Blog - anhand (8) - aus den Forschungen der traditionellen physischen Anthropologie festgehalten hatten (9):
Andreas Vonderach hielt 2008 auch noch folgende interessante Beobachtung über die Ukraine fest, die unter dem Wissen, daß dort tatsächlich die Indogermanen entstanden sind, eine ganz neue Bedeutung bekommt:
"In der Ukraine zeigt sich mit der wahrscheinlich aus östlicheren Gebieten eingewanderten Kurgan-Bevölkerung ein völliger Bruch zur Vorbevölkerung der Dnepr-Donez-Kultur, die durch extreme Größenmaße und Robustizität, lange Schädel, breite Gesichter und Nasen und noch niedrigere Orbitae (Augenhöhlen) charakterisiert war. Der extreme, eher jungpaläolithische oder mesolithisch anmutende Typus der Dnepr-Donez-Kultur verschwindet gegen Ende des Neolithikums ohne erkennbare Spuren zu hinterlassen."
Die hier genannte Dnjepr-Donez-Kultur (Wiki) (5.000-4.200 v. Ztr.) wird von der östlicheren Yamna-Kultur (Wiki) (4.000-2.300 v. Ztr.) abgelöst, die heute allgemein den Indogermanen zugesprochen wird, und die aus der Samara-Kultur (5.200-4.400 v. Ztr.) (Wiki) an der mittleren Wolga und der parallelen Khvalynsk-Kultur (5.000-4.500 v. Ztr.) (Wiki) hervorgegangen ist. (Die frühe Yamna-Keramik läßt sich von der späten Khavalynsk-Keramik kaum unterscheiden.) Das westliche Drittel ihres Verbreitungsgebietes befindet sich nun auf dem Gebiet der vorhergehenden Dnjepr-Donez-Kultur. Bei der Entstehung der Indogermanen hat also auch schon ein Grazilisierungsprozeß stattgefunden, der durch Zuwanderung von Bevölkerung aus südlicheren Regionen (Pakistan, Iran, Kaukasus oder Levanteraum) zustande gekommen sein wird.
So schrieben wir also schon vor zwei Jahren, was die Ausführungen dieses Blogartikels noch einmal ergänzt.

Abb. 3: Karte zum Ausgriff des Deutschen Reiches während des Zweiten Weltkrieges - Zur Verdeutlichung des Ortes der Schlacht von Stalingrad an der Unteren Wolga

Gefallen, verstorben und verdorben in Stalingrad


Abschließend noch einmal eine Erinnerung an jenes weltgeschichtliche Ereignis, das uns Deutsche das letzte mal mit der hier behandelten Urheimat der Indogermanen an der Mittleren und Unteren Wolga in Verbindung brachte. In dieser Region hat vor 78 Jahren eine der bedeutendsten Schlachten der Weltgeschichte stattgefunden, die Schlacht von Stalingrad (Wiki). Als die deutschen Truppen 1942 bis Stalingrad an der Unteren Wolga gekommen waren, hatten sie sich - in der Tat und ohne daß sie es wußten - mitten in ihre einstige Urheimat vorgekämpft. Von Stalingrad 600 Kilometer wolgaaufwärts liegt die Stadt Chwalynsk (Wiki), nach der die archäologische Kultur des Urvolkes der Indogermanen, die Chwalynsk-Kultur (4.700-3.800 v. Ztr.) (Wiki) benannt ist. Am 23. August 1941 abends um 18 Uhr erreichte die 16. deutsche Panzer-Division aus Münster in Westfalen unter dem Ritterkreuzträger General Hans-Valentin Hube die Wolga bei Rynok, zehn Kilometer nördlich vom Stadtzentrum von Stalingrad. Und dieser Vorort Rynok sollte mit anderen nördlichen Vororten dann sechs Monate lang zur Stätte härtester Kämpfe werden (Wiki):
Die 16. Panzer-Division hatte den Auftrag, die Stadt im Norden abzuriegeln. (...) Die Aufklärungs-Abteilung erreichte am 23. August die Wolga - sie war damit der erste deutsche Kampfverband der 6. Armee, dem ein Vorstoß bis zum Ufer des Flusses gelang. Dort mußte die Einheit eine Igelstellung bilden, da die Verbindung zu den nachrückenden Infanterie-Divisionen durch den schnellen Vormarsch abgerissen war. Zu diesem Zeitpunkt verfügte die Division nur noch über 75 einsatzfähige Kampfpanzer, und auch die motorisierte Infanterie hatte bereits schwere Verluste erlitten.
Die deutschen Panzer griffen dann Richtung Norden Spartanovka an, das 15 Kilometer vom Stadtzentrum von Stalingrad (heute Wolgograd) entfernt liegt. Am 19. November 1941, nach dem Beginn der Einkesselung zog sich die 16. Panzer-Division von ihrer Stellung bei Rynok und Spartanovka, in der sie wochenlang schwere Kämpfe geführt hatte, zurück. In der Divisionsgeschichte heißt es (Wiki):
Die Operation der Division gegen Rynok schlug fehl. 4000 ihrer tapfersten Soldaten liegen entlang der Eisenbahnlinie von Frolow bis Stalingrad. Ein weites Feld aus Grabkreuzen erhebt sich aus der weißen Steppe.
Sie liegen - vermutlich - nahe den Grabstätten ihr ursprünglichen Vorfahren begraben. Im Januar 1943 wurde dann die gesamte Division im Rahmen der 6. Armee im Kessel von Stalingrad vernichtet. Nur 10 Prozent der über 100.000 deutschen, hier in Gefangenschaft geratenen Soldaten, haben diese Gefangenschaft überlebt. Die meisten von ihnen hat die Sowjetunion unter ganz unglaublichen Umständen erfrieren und verhungern lassen. So viele deutsche Soldaten liegen heute in Massengräbern bestattet in jener Region, aus der ihre Urväter einst aufgebrochen waren. Was für ein Geschehen (s. Abb. 3 und 4; weitere Bilder deutscher Soldaten von der Wolga: Bundesarchiv1, 2, 3, Alamy1, 2, 3, 4, Süddeutsche Zeitung.)

Abb. 4: Deutsche Soldaten an der Wolga bei Stalingrad - Im Hintergrund gut sichtbar die weite Steppe (aus: Süddeutsche Zeitung, August 1942)

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*) Anthony benennt die von uns geschilderten Umstände im Original folgendermaßen (2): "This un-admixed kind of Caucaus Hunter Gatherer (CHG)  disappeared after about 5000 BC in the Caucasus and northwestern Iran, according to Wang et al. (2018) combined with Lazaridis et al. (2016) and the forthcoming Naramsimhan et al. (2018 posted on bioarxiv). After about 5000 BC Anatolian Farmer ancestry spread east through eastern Anatolia and Transcaucasia. (Areni-1, Armenia) into Iran (Seh Gabi) while CHG ancestry spread westward into Anatolia and the Levant."
**) Der genetische Vermischungsprozeß von kaukaus-neolithischen und anatolisch-neolithischen Kulturen nach 5.000 v. Ztr. ist für sich selbst ein auffälliges Geschehen: "All tested individuals dated after 5000 BC in the Caucasus and western Iran showed CHG & Anatolian Farmer admixture on a cline across Iran with greater Anatolian Farmer ancestry in western Iran and the Caucasus and less to none in eastern Iran (Narasimhan et al. 2018). After this mixing of populations happened, the un-admixed type of early CHG ancestry probably survived only in small isolated populations." Von dieser Vermischung ist auch die Maikop-Kultur nördlich des Kaukasus betroffen. Aber nun war viel zu viel anatolisch-neolithischer genetischer Anteil in dieser Kultur, um denselben Anteil bei den Indogermanen erklären zu können.  
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  1. Bading, Ingo: Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen, 2.7.2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/neue-forschungen-zur-entstehung-der.html 
  2. Anthony, David: Archaeology, Genetics, and Language in the Steppes - A Comment on Bomhard. In: Journal of Indo-European Studies, Vol. 47, Nr. 1 & 2, Frühjahr/Sommer 2019, S. 175, im Druck, hochgeladen auf Academia am 1.8.2019, https://www.academia.edu/39985565/Archaeology_Genetics_and_ Language_in_the_Steppes_A_Comment_on_Bomhard 
  3. Dergachev, V. A.: On sceptres, on horses, on war: Studies in defence of M. Gimbutas’ migration concepts, Institute of Cultural Heritage of the Moldavian Republic 2007, behandelt von Carlos Quiles, 1.7.2018, https://indo-european.eu/2018/07/about-scepters-horses-and-war-on-khvalynsk-migrants-in-the-caucasus-and-the-danube/
  4. Bading, Ingo: Von Königen und Mäusen Die Warna-Kultur (4.400 v. Ztr.), das erste von Indogermanen gegründete Königreich - Ort der "Domestikation" der osteuorpäischen Hausmaus? 13. August 2011, https://studgendeutsch.blogspot.com/2011/08/von-konigen-und-mausen.html
  5. Quiles, Carlos: Indogermanische Völker und Sprachen. https://indogermanisch.eu/
  6. Quiles, Carlos: The unique elite Khvalynsk male from a Yekaterinovskiy Cape burial, 17.5.2018, https://indo-european.eu/2018/05/the-unique-elite-khvalynsk-male-from-a-yekaterinovskiy-cape-burial/
  7. Quiles, Carlos: Volga Basin R1b-rich Proto-Indo-Europeans of (Pre-)Yamnaya ancestry. 1.8.2019, https://indo-european.eu/2019/08/don-volga-r1b-m269-rich-proto-indo-europeans-of-pre-yamnaya-ancestry/
  8. Vonderach, Andreas: Anthropologie Europas. Völker, Typen und Gene vom Neandertaler bis zur Gegenwart. Ares-Verlag, Graz 2008
  9. Bading, Ingo: Ancient-DNA-Forschung und Physische Anthropologie gegenüber gestellt - Wie nehmen sich die Forschungsergebnisse der bisherigen Physischen Anthropologie aus vor den jüngsten Ergebnissen aus der ancient-DNA-Forschung?  27.7.2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/ancient-dna-forschung-und-physische.html 

Sonntag, 28. Juli 2019

Das Prignitz-Museum für Vorgeschichte in Heiligengrabe

Ein bedeutender Ort der wissenschaftlichen Germanenkunde vor 1945

Das Kloster Heiligengrabe (Wiki), gelegen auf halbem Weg zwischen Wittstock und Pritzwalk, gilt als das besterhaltende Kloster des Landes Brandenburg. Mit seinen vielen Gebäuden noch heute idyllisch und ruhig gelegenen, ist es dennoch verkehrsmäßig gut angebunden. Liegt es doch nur zwei Kilometer von der A24 von Berlin nach Hamburg entfernt. Das mittelalterliche Frauenkloster der Zisterzienser und das nachmittelalterliche säkularisierte Damenstift galten bis ins 20. Jahrhundert hinein als Versorgungsanstalt für unverheiratete Mädchen der adligen Familien des Landes, insbesondere auch verarmter adliger Familien. Solche gab es zum Beispiel nach den Schlesischen Kriegen Friedrichs des Großen (Ortrud Wörner-Heil, S. 422):
Das Stift galt als vornehm. Seine Leiterin, die Äbtissin, hatte einen hohen Rang am preußischen Hof. Sie hatte den gleichen Rang wie die Oberhofmeisterin der Prinzessinnen und die Hofdamen der Kronprinzessin. Sie rangierte vor den Ehefrauen der Obersten. Auch die Stiftsdamen waren hoffähig und hatten eine herausgehobene Stelle in der Hofrangordnung, mit größerem Ansehen, als es unverheirateten Frauen sonst zukam. Sie folgten den Ehefrauen der Majore.
Es ging also "standesgemäß" zu damals in Preußen.

Abb. 1: Bronzezeitliche Germanen - Gemälde von Wilhelm Petersen

1909 wurde in diesem Damenstift ein bedeutendes vorgeschichtliches Museum, das Prignitz-Museum, eingerichtet. Ganz bescheiden nannte man es zwar zunächst nur "Heimat-Museum". Aber es galt - bis zu seiner Plünderung und Vernichtung durch die Russen im Jahr 1945, bis zu seiner Auflösung durch die Kommunisten - als eines der fortschrittlichsten Museen seiner Art in ganz Deutschland - und damit in der Welt. Seit 1997 wird im heutigen Damenstift wieder ein neues Museum aufgebaut. Dieses versucht, an die große Tradition des Museums, wie es bis 1945 bestand, anzuknüpfen (2). Dazu ist ein "Verein zur Entwicklung des Kultur- und Museumsstandortes Kloster Stift zum Heiligengrabe e.V." von der Gemeinde und von Gewerbetreibenden Heiligengrabes gegründet worden. In dem heutigen Museum in Heiligengrabe wird die Existenz und Bedeutung des vormaligen Museums versucht herauszuarbeiten. (Abb. 1, 4-10). Dieses Anliegen geht vor allem zurück auf die inzwischen elf-jährige Arbeit der dortigen verdienten Kuratorin Sarah Romeyke (geb. 1970), einer Kunsthistorikerin (Lukas Verlag), die sich damit selbst in die Reihe all der vielen begeisterten Menschen stellt, die einmal dieses Museum aufgebaut und am Leben erhalten haben.

Die von ihr konzipierte, so großes Interesse weckende (2) Dauerausstellung wie sie seit Mai 2017 zu besichtigen ist, gibt - wohin man schaut - von der großen Begeisterung Kunde, mit der Sarah Romeyke der großen Bedeutung, die dieses Museum einmal in früheren Jahrzehnten hatte, auf zahlreichen Ebenen nachgeht. 2015 sagte sie der "Märkische Allgemeinen" im Interview dazu in klaren, deutlichen Worten (MAZ 2015):
Die Ausstrahlung und Bedeutung der Heiligengraber Sammlung war bereits kurz nach seiner Gründung 1909 sehr groß. Die Gründer Paul Quente und Äbtissin Adolphine von Rohr verstanden es binnen kürzester Zeit, zusammen mit dem Museumsverein im Stift eine wissenschaftlich anerkannte Plattform für die vor- und frühgeschichtliche Forschung in der Ostprignitz zu installieren. Dutzende von Grabungen in der Region, die wissenschaftliche Auswertung in den Fachjournalen, die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift und die Präsentation der Objekte in der Heiligengraber Museumssammlung waren Bestandteile einer fundierten und überregional geachteten Arbeit des Museums.
Und (MAZ 2016):
Es ist die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Mehr als 7000 Fundstücke befanden sich einst in den alten Inventarlisten vom Heimatmuseum im Kloster Stift zum Heiligengrabe. 1947 wurde das Museum aufgelöst. Die Sammlung wurde teilweise von den umliegenden Museen in Kyritz, Pritzwalk und Wittstock übernommen und im Laufe der Jahrzehnte auch an andere Orte verlagert. Gut 1250 Objekte konnten in den letzten Monaten im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum in Wünsdorf (Teltow-Fläming) identifiziert und Heiligengrabe zugeordnet werden. Die Suche geht noch weiter.


Abb. 2: Die 1512 errichtete Heiliggrab- oder Blut-Kapelle (nicht die Stiftskirche!) in Heiligengrabe hat 1904 durch Kaiser Wilhelm II. eine prächtige innere Ausstattung (s. Wiki) erhalten. Sie stellt den eigentlichen Wallfahrtsort in der Klosteranlage dar. Der Legende nach wurde sie über einem Hinrichtungsplatz (Galgenberg) erbaut. - Ein kleiner Ausschnitt aus der recht großen und geschlossenen architektonischen Klosteranlage samt weitläufigen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. - Eigenes Foto.


Über die Dauerausstellung ist weiter zu erfahren (Ausstellung):
Im Februar 2015 erhielt das Museum den von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung ausgelobten „Initiativpreis“ für ein innovatives Konzept zur Aufarbeitung der Geschichte des ehemaligen archäologischen und prähistorischen Heimatmuseums (1909–1947) in Heiligengrabe sowie die Erforschung des Verbleibs seiner Sammlung. Die ersten Ergebnisse dieser Arbeit werden nunmehr im Obergeschoß des Kreuzgangs gezeigt, wo das Heimatmuseum bis 1947 untergebracht war. (...) Die Ausstellung verdeutlicht, daß die Sammlung einst ein Spiegel der Anteilnahme ganzer Bevölkerungsschichten an der Museumsarbeit war und sich großenteils aus deren immensen Sammeleifer speiste. Besonderes Augenmerk der Ausstellung liegt dabei auch auf den ideologisch belasteten Beweggründen der einstigen Initiatoren des Museums. Mit der Analyse dieser Zusammenhänge zwischen Museumsarbeit und politischen Gegebenheiten der Kaiserzeit und des Nationalsozialismus wird zugleich auf ein schwieriges Stück Vergangenheit der eigenen Institution verwiesen.
Und (Museum):
Seit Mai 2017 ist hier nun, inmitten der Abtei, die neu konzipierte und gestaltete Dauerausstellung zur Klostergeschichte zu sehen. Der ebenfalls inzwischen für Besucher erschlossene obere südliche Kreuzgang, welcher in mittelalterlicher Zeit als Verbindung zwischen Abtei und Nonnenempore diente sowie ein wichtiger Ort der Kontemplation für die geistliche Frauengemeinschaft war, ist der Geschichte des ehemaligen Heimatmuseums gewidmet, das hier von 1909 bis 1947 seinen Platz hatte.
Und (Bokelmann/Flyer):
Die Ausstellung wurde unterstützt durch das Ministerim für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.
Arbeitet man sich aber nun, angestoßen durch die großes Interesse weckenden Anregungen in der seit Mai 2017 bestehenden Dauerausstellung (2) in die Geschichte dieses Museums ein, steht man vor immer wieder erschütterndem Geschehen, vor einer ganzen Reihe von bewegenden Lebensschicksalen jener Menschen, die sich um den Aufbau dieses Museums verdient gemacht hatten, ja: Vor einer ganzen Geistesrichtung der deutschen Geschichte, die heute kaum noch wahrgenommen wird, kaum noch zur Kenntnis genommen wird, deren heute kaum noch gedacht wird, nämlich der begeisternden wissenschaftlichen Germanenkunde vor 1945, die zugleich getragen war von der Begeisterung für eine Lebensweise unserer Vorfahren, der Germanen, mit der - stillschweigend oder offen ausgesprochen - eine Begeisterung verbunden sein konnte für eine Alternative zum als veraltet und muffig empfunden Christentum des beginnenden 20. Jahrhunderts, auch mit einer neuen, fast religiös aufgeladenen Heimatverbundenheit aus dieser Begeisterung heraus.

Die Vorgeschichte der Prignitz bietet heute, hundert Jahre später, natürlich noch ein viel umfangreicheres, reichhaltigeres Bild, als sie dies zur Zeit der Gründung dieses Museums bieten konnte (Wiki). Um diesen Reichtum deutlich zu machen, hat auch das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologische Landesmuseum (BLDAM) in der Prignitz entlang "Zentraler Archäologischer Orte", entlang sogenannter "Leuchttürme der Landesgeschichte" einen "Archäologischen Pfad" eingerichtet (Landkreis Prignitz). Für diesen wurde auch eine eigene Broschüre erstellt (pdf). Und von den betroffenen Gemeinden ist sogar zur weiteren kulturellen, musealen und touristischen Erschließung dieses Archäologischen Pfades eine "Prignitzer Erklärung" verfaßt worden. All das sind sicherlich Bestrebungen, die die einstigen Bestrebungen im Prignitz-Museum in Heiligengrabe weiter verfolgen. Aber dieser große allgemeine Aufbruch hin zu einem neuen Verständnis unserer vorchristlichen Vergangenheit, den es da seit 1909 in Heiligengrabe gegeben hat, letztlich hin zu einer neuen Religion, von einem solchen verspürt man heute nur noch wenig - in der Prignitz oder auch in Deutschland allgemein, innerhalb der Wissenschaft oder auch über sie hinaus.

Archäologie der Prignitz - Ein kurzer Überblick zum heutigen Wissensstand


Dennoch lassen wir zunächst nüchterne, wissenschaftliche Fakten reden, von denen auch dieser "Archäologische Pfad" Zeugnis geben will: Zwischen 3.300 und 3.100 v. Ztr. haben Menschen der Trichterbecherkultur, die um 4.300 v. Ztr. entstanden war, nahe des Dorfes Melle bei Lenzen an der Elbe ein Großsteingrab errichtet (Wiki). Es ist als einziges von mehreren dieser Gegend übrig geblieben. Die Menschen der Trichterbecherkultur, des ersten seßhaften Bauernvolkes in diesem Raum, waren nach den neuesten Ergebnissen der Archäogenetik zu 80 % anatolisch-neolithischer und zu 20 % einheimischer Abstammung. Sie stammten also vorwiegend von den mitteleuropäischen Bandkeramikern und deren Nachfolgekulturen Zur Zeit der Errichtung dieses Grabes war schon die Benutzung des Rades in Form von Rinderwagen gebräuchlich geworden.

Ab 2.500 v. Ztr. breiteten sich die indogermanischen Schnurkeramiker - aus dem Weichselraum kommend, bzw. letztlich von der Wolga kommend - über die Prignitz bis nach Skandinavien aus. Sie breiteten jene Muttersprache und Genetik über ganz Europa aus, die noch heute dort vorherrschen. Wir stammen noch heute von ihnen ab, unsere Gene stammen zu 70 bis 80 % von den Schnurkeramikern ab, der Rest unserer Gene stammt von den anatolisch-neolithischen Bauern, die vor den Schnurkeramikern hier lebten, ab, sowie von den letzten Jägern und Sammlern, die vor der Trichterbecherkultur in Europa - vermutlich 30.000 Jahre lang ununterbrochen - lebten. Um 2.200 herum ging aus den Schnurkeramikern in Nordeuropa die Nordische Bronzezeit und - im Mittleren Elberaum - die bedeutende Aunjetitzer Kultur hervor. Aus der Aunjetitzer Kultur ging später in kultureller und genetischer Kontinuität die große Völkergruppe der Kelten hervor, aus der Nordischen Bronzezeit die große Völkergruppe der Germanen. In welchen Zusammenhängen die Menschen und Volksstämme der Prignitz mit der Schlacht im Tollensetal (Wiki) im nahegelegenen Mecklenburg um 1250 v. Ztr. standen, deren Überreste erst seit zehn Jahren erforscht werden, werden vielleicht künftige Forschungen noch heraus bringen.

Aber als eines der spätesten, bedeutenden Zeugnisse der Bronzezeit mit ihren Handelsbeziehungen bis in den Mittelmeerraum gilt das "Königsgrab von Seddin" (Wiki) aus der Zeit um 820 v. Ztr., 16 Kilometer westlich von Pritzwalk. Einstmals weithin sichtbar, liegt es heute noch inmitten waldbewachsener Hügel. Nimmt man die Erkenntnisse rund um das Königsgrab von Seddin, die sich noch heute fast jedes Jahr durch neue Forschungen erweitern zusammen mit den Erkenntnissen rund um den etwa zeitgleichen Eberswalder Goldschatz (Wiki), der erstmals 1913 von Gustaf Kossinna veröffentlicht worden ist, dann wird einem deutlich, daß die Könige und Fürsten schon damals nicht geizten in ihrer Liebe für prächtige Gold- und Bronzeschätze.

Abb. 3: Das Königsgrab von Seddin 1899 (Herkunft: Stadtmuseum Berlin)
 
In der Eisenzeit und während der Römerzeit lebten dann die Vorfahren der Alemannen im Elberaum, ebenso die Langobarden - beide Völker vermutlich aus Jütland kommend. An diese schlossen sich in der östlichen Prignitz die Semnonen an. Alle diese Völker werden von der Forschung zusammen gefaßt als die "elbgermanischen" Stämme (Wiki). In der Völkerwanderung wanderten die Langobarden ab 375 n. Ztr. von der Prignitz aus über das Mittelelbe-Saalegebiet Richtung Süden (Helmut Schröcke 2003, S. 30, GB):
In der Prignitz nördlich der Elbe wurden Gräberfelder nach 400 nicht mehr belegt und bis 600 war der Siedlungsabbruch fast vollständig. Die Funde aus der Prignitz zeigen Ähnlichkeiten zu den nach 400 im Mittelelbe-Saalegebiet beginnenden Brandgräbern.
Für das Wissen um all diese heidnischen Vorfahren begeisterten sich nun schon viele tausende von Menschen vor mehr als hundert Jahren in der Prignitz.

"Der treue Kossinnaschüler Paul Quente"


Es war nun der junge Landschaftsmaler Paul Quente (1887-1915), der die Anregung gegeben hat zur Gründung des Heimatmuseums in Heiligengrabe, und der sein erster Museumsleiter wurde. Ab 1909, ab seinem 22. Lebensjahr hat er dieses international vernetzte archäologische Heimatmuseum aufgebaut. Aber dann ist er schon im Oktober 1915 - mit 28 Jahren - im Ersten Weltkrieg am berühmten Hartmannsweilerkopf im Elsaß als Kriegsfreiwilliger des Garde-Schützen-Regimentes - gefallen. Bewegte Nachrufe erschienen auf ihn in bedeutenden Fachzeitschriften. Als Beispiele seien genannt (Prähistorischen Zeitschrift 1915, S. 84):
Paul Quente 1887-1915, der Gründer und Leiter des Kloster-Museums zu Heiligengrabe (Prignitz), starb am 15. Oktober 1915 den Heldentod für das Vaterland. Die Vorgeschichteforschung verliert in ihm einen Jünger, dessen Bestrebungen ...
Und (Zeitschrift für Ethnologie, Bd. 47, 1915, S. 427):
Gestorben ist ferner der Kunstmaler Paul Quente, der Begründer des Prignitz-Museums in Heiligengrabe, den Mitgliedern der Gesellschaft durch seine Ausgrabungen in Dahlhausen und anderen Orten der Prignitz und durch seine Veröffentlichungen in der Prähistorischen Zeitschrift bekannt. Er fiel als Kriegsfreiwilliger im Garde-Schützen-Bataillon. Der Gesellschaft gehörte er seit dem Jahre 1909 an.
Was für ein Lebensschicksal steht schon am Anfang dieses Museums. Erinnert ein solches Lebensschicksal nicht an jenes noch ungleich bedeutungsvollere, nämlich das des Hölderlin-Forschers Norbert von Hellingrath (1888-1916) (Wiki)? Schon als ganz junger Mensch hatte auch dieser Wesentlichstes für das Geistesleben seines Volkes und der Welt geleistet - als ob er geahnt hätte, daß ihm für so wertvolle Lebensleistungen nicht mehr viel Zeit blieben. So auch Paul Quente. Wenn man seinen Namen in der heutigen Ausstellung das erste mal im flüchtigen Vorübergehen liest, hinterläßt er keinen großen Eindruck. Erst wenn man sein Lebensschicksal voll zur Kenntnis nimmt, gewinnt der Name an Bedeutung. Quente wurde in Weißenfels an der Saale geboren. Er gehört zu den vielen Menschen damals in Deutschland, die sich von führenden Archäologen wie Gustaf Kossinna (1849-1931) (Wiki) und anderen für die Vorgeschichte begeistern ließen. Schon mit 19 Jahren hat er vorgeschichtliche Funde an Sammlungen abgegeben (Mainzer Zeitschrift 1906, S. 87, GB):
Wir erhielten: Aus Deutschland: Spätpaläolithische und frühneolithische Feuersteinobjekte von Rügen, zum Teil geschenkt von Herrn Kunstmaler Paul Quente in Heiligengrabe bei Techow i. d. Prignitz.
Paul Quente besuchte Vorlesungen von Gustaf Kossinna  in Berlin und wurde sein "treuer Schüler". 1910 hat er dann 23 Gräber ausgegraben (Matthes 1929, S. 114). Und in der "Politisch-Anthropologischen Monatsschrift für prakische Politik, für Politische Bildung und Erziehung auf Biologischer Grundlage" hieß es (Band 10, 1912 S. 499, GB):
Entdeckung eines Langobardenfriedhofs in der Mark. Bei Dahlhausen in der Prignitz hat Paul Quente vor kurzem ein großes Gräberfeld entdeckt, über das er in der „Neuen Prähistorischen Zeitschrift“ berichtet.
Diese Ausgrabungen wurden auch andernorts zur Kenntnis genommen (Jahresbericht über die Erscheinungen auf dem Gebiete der germanischen Philologie, Band 33, 1913, S. 24, GB):
Paul Quente, Das langobardische urnenfeld von Dahlhausen in der Prignitz. Prähist. zs. 3, 156-162. - im nördlichsten teile des gräberfeldes fand sich auch die verbrennungsstätte (Ustrina) als 6 1/2 m langer und 2 2/3 m breiter steingepflasterter platz. ....
1913 begründete Paul Quente "Mitteilungen des Heimat- und Museumsvereins in Heiligengrabe", die bis zum Jahr 1940 erschienen sind. In einer Studie des Jahres 2011 über diese Zeitschrift heißt es zusammenfassend (Czubatynski 2011):
Die von 1913 bis 1940 in unregelmä߃…iger Folge erschienene Zeitschrift ist neben den Hei-matkalendern und den Prignitzer Volksbü€chern das einzige in der Prignitz gedruckte Periodikum, das sich der Geschichtsforschung im engeren Sinne gewidmet hat. Insofern ist die Zeitschrift nicht nur fü€r die kulturelle Arbeit im Kloster Heiligengrabe ein außerordentlich wichtiges Zeitzeugnis, sondern - freilich nur mit groß…er Vorsicht - auch als Vorläƒufer der „Mitteilungen des Vereins fü€r Geschichte der Prignitz“ zu betrachten. Angesichts des nach dem Krieg fast vö‚llig zerst‚rten Heiligengraber Museums besitzt die Zeitschrift heute einen unzweifelhaft hohen dokumentarischen Wert. (...) Der „Verein zur Fö‚rderung der Heimatforschung und des Heimatmuseums fü€r die Prignitz in Heiligengrabe“ (so die Selbstbezeichnung auf dem ersten Jahrgang der Zeitschrift) stieß offensichtlich auf ein sehr breites Interesse…. In den Vereinsnachrichten von 1914 (siehe unten Nr. 036, S. 12) konnte die Stiftsdame und Schriftfü€hrerin Meta von Goddenthow mitteilen, daß …der Verein ü€ber 800 (!) Mitglieder hat.
In den aufgeführten Inhaltsverzeichnissen dieser Zeitschrift läßt sich aber gut das vielfältige Wirken von Paul Quente nachvollziehen (Czubatynski 2011). 1914 hat er erneut eine Ausgrabung vorgenommen (s. Matthes 1929, S. 178). 1914 heißt es dann in der von Gustaf Kossinna seit 1909 herausgegebenen "Mannus - Zeitschrift für Vorgeschichte" (Wiki) (S. 389):
Es folgten zwei Vorträge von Paul Quente - Heiligengrabe über die Ostprignitz, deren erster sämtliche geschlossenen „Funde aus der Bronzezeit der Ostprignitz“ vorführte, während der andere unter dem Titel „Die letzten vorwendischen Germanen östlich der Elbe" die Prignitzer Urnengräber des 4. - 6. (?) nachchristlichen Jahrhunderts behandelte. Den Beschluß der Sitzung machte ein Vortrag von Professor Kossinna.
Im Jahr 1914 ist auch ein "Heimat- und Museums-Verein in Heiligengrabe" gegründet worden. 1936 ist in "Mannus" noch einmal die Aufbauarbeit von Paul Quente in Heiligengrabe erwähnt:
In Heiligengrabe war schon vor dem Kriege durch die aufopfernde Sammel- und Forschungstätigkeit des Kunstmalers und treuen Kossinnaschülers Paul Quente und unter der hochherzigen Förderung der damaligen Äbtissin, Frau v. Rohr ....
Im selben Jahr erinnerte auch der deutsche Archäologe Hans Reinerth, der Nachfolger Gustaf Kossinnas in der Zeitschrift "Germanen-Erbe" (GB):
Paul Quente, der Gründer des Heimatmuseums Heiligengrabe, war der erste, der den wirklich erhabenen Charakter dieses durch die Vorgeschichte gestalteten Landschaftsbildes erkannte.
Man spürt aus diesen Worten heraus, wie damals nicht nur die Natur und die Kunst, sondern auch die Archäologie für viele Menschen zum Religionsersatz wurde. Dies wird auch bei anderen Personen im Umfeld des Prignitz-Museums in Heiligengrabe deutlich.

Adolphine von Rohr als Förderin des Museums


Der junge Paul Quente hat die damalige Äbtissin des Stiftes Heiligengrabe, Adolphine von Rohr (1855-1923) (Wiki), für den Aufbau eines Museums begeistern können. Allein aufgrund der Begeisterungsfähigkeit dieser Äbtissin hatte es so schnelle Fortschritte gegeben in der Entwicklung seiner Pläne. 1909 war sie 52 Jahre alt und es wird deutlich, wie gut damals zwei unterschiedliche Generationen aufeinander abgestimmt arbeiten konnten in der Verfolgung wertvoller kultureller und wissenschaftlicher Bestrebungen.

Aber wer war denn nun diese Äbtissin? Auch in ihrem Lebensschicksal spielt der Krieg und der Schlachtentod eine nicht unwesentliche Rolle. War sie doch die Tochter des preußische Generals von Gersdorff. Ihr Vater war, als sie selbst 15 Jahre alt war, 1870 in der Schlacht von Sedan gefallen. Wer sich an solche Lebensschicksale erinnert, steht anders im Leben als wer das nicht tut oder gleichgültig über sie hinweg geht. Treue Aufopferung für das Vaterland war damals selbstverständlich in den Völkern Europas. Aus dieser treuen Aufopferung lebten auch sonst eine Fülle kultureller und quasi-religiöser Bestrebungen. Fünf Jahre später heiratete Adolphine einen von Rohr. Sie erlebte eine Totgeburt. 1892 ist ihr Ehemann an Typhus gestorben. Nach dem Tod ihres Ehemannes hat Adolphine Krankenpflege-Kurse belegt und war Hofdame bei der Fürstenfamilie von Waldeck. Über ihr eine erneute Wendung in ihrem Leben steht dann auf Wikipedia (Wiki):
1899 ernannte Kaiser Wilhelm II. Adolphine von Rohr gegen heftige Einwände des Klosterkonvents, der an ihrer früheren Verheiratung Anstoß nahm, zur Äbtissin von Heiligengrabe. (...) Als Äbtissin setzte sie sich für eine Rückbesinnung auf die sozialen Aufgaben eines Damenstifts ein und förderte insbesondere die schulische und berufliche Ausbildung junger mittelloser Mädchen. Kaiser Wilhelm, der sie schätzte und unterstützte, besuchte sie im Kloster und verlieh ihr 1901 den Äbtissinnenstab. Sie setzte unter anderem die Anerkennung der Schule als „Höhere Mädchenschule“ im Jahr 1908 durch. Neben ihren sozialen Bemühungen unterstützte sie auch heimatkundliche Forschungen und half mit bei der Gründung eines heimatkundlichen Museums im Südflügel der Abtei im Jahr 1909. Sie erwirkte zum Ende des Ersten Weltkrieges beim „Staatskommissar für die Regelung der Wohlfahrtspflege in Preußen“ die Genehmigung für den Verkauf von Druckschriften der Vaterländischen Verlags- und Kunstanstalt, Inhaber: Verein für Berliner Stadtmission, Berlin, zur „Unterstützung der Kriegswaisen in der Erziehungsanstalt des Klosters Heiligengrabe (Prignitz).“
Machen wir uns vielleicht an diesem Lebensgang den folgenden Umstand bewußt: Fast alle Überlieferungen heidnisch-germanischen Geisteslebens, die unmittelbar auf uns gekommen sind - etwa die Island-Sagas oder altdeutsche Heldenlieder - sind von christlichen Klerikern im Mittelalter aufgezeichnet worden. Diese fühlten eine Liebe und Verehrung gegenüber diesem heidnischen Erbe und Geistesgut. Und eine solche Liebe und Verehrung gegenüber heidnischer Vorgeschichte lebte - offensichtlich - auch in so mancher evangelischen Äbtissin und in anderen Stiftsdamen, die in jener Zeit in Heiligengrabe lebten und wirkten. Dieser Umstand wird durch die Arbeit des damals neu gegründeten Heimatmuseums Heiligengrabe eindrucksvoll verdeutlicht.

Ein monotheistischer Eifer, der mit Kälte, Gleichgültigkeit oder Ablehnung dem Heidentum der eigenen Vorfahren gegenüber steht, ist hier in Heiligengrabe jedenfalls nicht erkennbar! Wohl uns, daß wir Menschen sehen und keine Hassenden.

Es kommt einem heute fast fremd vor, daß sich christliche Kleriker für die Erforschung und geradezu andächtige Beschäftigung mit der heidnischen Vorgeschichte einsetzen. Es darf allerdings berücksichtigt bleiben: Vor 1914 war das Christentum allseits in der Mehrheit der Deutschen noch so stark gefestigt, daß überzeugte konservative Christen sich - quasi - ohne Sorge um den Glauben der ihnen Anvertrauten mit Liebe und Andacht der Pflege der Erinnerung an heidnisches Glaubensleben in Deutschland widmen konnten. Ein - im Grunde - eigenartiges Geschehen, zumindest aus heutiger Sicht. Es darf uns bewegen, uns Heutige, die wir vielleicht immer noch auf der Suche sind nach erfüllenden Lebensinhalten jenseits jenes bolschewistischen und kapitalisitischen Materialismus, der im Jahr 1945 von Ost und West über Deutschland hereingebrochen ist.


Abb. 4: Die "Volkshochschule" der Prignitz

Auf einer heutigen Museumstafel wird über die "Spuren einer verlorenen Museumssammlung" aufschlußreich berichtet (Abb. 4). Daß die germanische Vorgeschichtsforschung ihren Antrieb "aus dem Wettbewerb mit Frankreich" erhalten habe - wie auf dieser Wandtafel zu lesen steht (Abb. 4), scheint sehr wenig durchdacht formuliert worden zu sein. Deutschland, das sich mit Recht als führende Kulturnation Europas sah, hatte es damals wirklich nicht nötig, kulturell in "Wettbewerb mit Frankreich" zu treten. Eher schon war es weithin im 19. Jahrhundert zur Abwendung vom orientalischen Christentum gekommen und man suchte - in Auseinandersetzung mit den eigenen vorchristlichen Vorfahren - neue Orientierungen zu gewinnen. Dabei gab es - natürlich - auch eine Abwendung von den bis dahin hoch gehaltenen Werten der antiken Mittelmeer-Kulturen und der romanisch-sprachigen Völkerwelt. In Frankreich wurden zur gleichen Zeit eher die Kelten - aber durchaus auch die germanischen Franken (siehe Graf Gobineau und andere) - erforscht. Ansonsten aber enthält die Museumstafel wertvolle Auskünfte.

Der Archäologe Jörg Lechler in Heiligengrabe 1920 bis 1923




Abb. 5: Der deutsche Archäologe Jörg Lechler
 
Wissenschaftlicher Leiter des Museums seit 1920 war ein weiterer "Kossinnaschüler", nämlich der deutsche Archäologe Dr. Jörg Lechler (1894-1969). Dieser hat einige der volkstümlichsten archäologischen Bücher der 1930er Jahre verfaßt, so vor allem das begeisternde Buch "5000 Jahre Deutschland". Jörg Lechler kam vom heute noch bedeutenden Museum für Vorgeschichte in Halle und hielt enge Zusammenarbeit mit diesem aufrecht, ebenso natürlich mit Gustaf Kossinna. Solange es das Prignitz-Museum gab - bis 1945 -, wurde in Deutschland ungeteilte Begeisterung für die germanische Vorgeschichte gefördert.

Abb. 6: "5000 Jahre ..."
Die Biographie des Archäologen Dr. Jörg Lechler (1894-1969) ist sehr spannend. Ernst Propst hat über sie berichtet (1) (zu ihm eigenes Literaturverzeichnis):
Er studierte in Berlin und Halle/Saale. 1913 bis 1918 grub er das Gräberfeld auf dem Sehringsberg bei Helmsdorf aus. 1923 bis 1924 war er Assistent am Tell-Halaf-Museum in Berlin und von 1924 bis 1935 Archäologe in der Prignitz. Ab 1936 lebte er in Detroit (USA), wo er bis 1965 am Art Institute der Wayne University arbeitete. Lechler prägte 1925 den Begriff Helms­dorfer Gruppe.
In dieser Kurzbiographie fällt der Ortsname Heiligengrabe kein einziges mal. Deshalb hat auch der Autor dieser Zeilen, der bislang nur diese Kurzbiographie gelesen hatte, von dem bedeutungsvollen Wirken Jörg Lechlers in Heiligengrabe bislang nichts ahnen können. Überhaupt: Die ganze wissenschaftliche Kossinna-Schule, so wird einem hier bewußt, scheint nach 1945 von der nachlebenden Archäologen-Generation tief, ganz, ganz tief in den Boden der Vergessenheit gestampft worden zu sein, so daß es heute - beispielsweise - für einen Jörg Lechler noch nicht einmal einen Wikipedia-Artikel gibt und man - selbst als viel belesener und wissenschaftsnaher Mensch so wie der Autor dieser Zeilen - auffallend wenig über sie bislang hat in Erfahrung bringen können. Daß man also mehr durch Zufall in die Ausstellung in Heiligengrabe geraten muß, um von diesem begeisternden Wirken früherer Archäologen-Generationen etwas zu erfahren. 1923 leitete Jörg Lechler einen Aufsatz ein mit den Worten (GB):
Das Heimatmuseum in Heiligengrabe (Prignitz) bringt dem Altmeister der deutschen Dorfgeschichte diesen kleinen Beitrag als Zeugnis dafür, wie "gute Taten fortzeugend Gutes gebären müssen".
Um welchen Altmeister es sich hier handelt, wäre noch interessant zu erfahren. Jörg Lechler hat sein weiteres Leben in den USA verbracht und ist auch dort gestorben, nämlich in Detroit (Nova Welt):
Er gilt als einer der Pioniere der Bronzezeit, die den Namen einer in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbreiteten Stufe, Kultur oder Gruppe der Bronzezeit in die Fachliteratur eingeführt haben.
Abb. 7: Jörg Lechler
Eine vorläufig zu ihm (mit Hilfe von Justbooks und Google Bücher) zusammengestellte Bibliographie (4-14) spiegelt wohl sein Wirken schon recht deutlich wieder. Lechler hat sich in den 1930er Jahren vor allem durch populärwissenschaftliche Bücher einen Namen gemacht. Noch heute eindrucksvoll zu lesen ist sein Buch "5.000 Jahre Deutschland", das den archäologischen Forschungsstand des Jahres 1935 sehr eindrucksvoll wiedergibt und an ein breites Publikum gerichtet ist. Ein vergleichbares Buch über den heutigen archäologischen Kenntnisstand könnte kaum genannt werden. Es müßte heute - nach der C14-Revolution in der modernen Archäologie in den 1950er Jahren und nach der Ancient-DNA-Revolution seit 2015 - benannt werden "8.000 Jahre Deutschland" (sofern - wie 1935 - mit einem solchen Titel die Geschichte seßhafte Kulturen in Mitteleuropa gekennzeichnet sein sollte). 1939 veröffentlichte Jörg Lechler auch - sehr, sehr fortschrittlich - ein Buch über die vorkolumbianische Entdeckung Amerikas. Auf diesem Gebiet ist Jörg Lechler erst in den letzten Jahren und Jahrzehnten von der Wissenschaft, die diese These lange mit Stirnrunzeln angesehen hat, im vollsten Umfang bestätigt worden (Wiki). So altbacken und "überdreht" war man also in den 1930er Jahren keineswegs. Nehmt das, Ihr deutschen Hasser Eurer eigenen, herrlichen, deutschen Wissenschaftsgeschichte. Über sein Buch heißt es (Justbooks):
Dr. Lechler stieß bei seinen Forschungen auf Verbindungen von Wikingern und Moslems, woraus sich ein Fragenzusammenhang ergab, der sich zwischen Portugal, Grönland und  Vinland um die vorkolumbianische Entdeckung Amerikas spannt.
Was für ein weiter Blick! Von wegen "germanozentrisches Weltbild". 1983 erschien das schöne Buch von Jörg Lechler "5000 Jahre Deutschland - Germanisches Leben in 700 Bildern" im Nachdruck erneut. Auf Jörg Lechler sind wir schon 2012 in anderem Zusammenhang aufmerksam geworden (18, 19).

Abb. 8: In den 1930er Jahren viel gelesene archäologische Bücher von Gustaf Kossinna, seinem Schüler Jörg Lechler und anderen

Über die vom Museum, bzw. seinem Trägerverein herausgegebene Zeitschrift  heißt es für die frühen 1020er Jahre (Czubatynski 2011):
In dem einzigen, 1924 verö‚ffentlichten Mitgliederverzeichnis wurden noch 317 Personen aufgefü€hrt - eine aus heutiger Sicht immer noch erstaunlich groß…e Zahl. Auch wenn die Zeitschrift auf dü€nne Hefte schrumpfte, so hatte man es doch durch zäƒhe Arbeit und groß…e Opferbereitschaft geschafft, das Erscheinen trotz Inflation und Weltwirtschaftskrise nicht einstellen zu mü€ssen. Schon allein diese Tatsache mu…ß als gro…ßes Verdienst des Vereins gewü€rdigt werden.
Der Museumsleiter Jörg Lechler hat in dieser Zeitschrift archäologische Themen behandelt und (Czubatynski 2011):
Als eifrigste Autorin ist €übrigens mit 69 von 267 Beitrƒgen die Stiftsdame Annemarie von Auerswald zu nennen. (...) Im ü€brigen legte der Verein offenbar besonderen Wert auf die Einbeziehung mö‚glichst breiter Bevö‚lkerungsschichten. Dies hatte freilich zur Folge, daß… (äƒhnlich wie in den Heimatkalendern) zahlreiche Aufsäƒtze von geringem Umfang gedruckt wurden, die fü€r die wissenschaftliche Diskussion von relativ geringem Wert waren.
Tja, und das schreibt derselbe Autor, der sich so erstaunt zeigt über die hohe Mitgliederzahl des damaligen Vereins. Ob es wohl zwischen beiden Umständen Zusammenhänge gibt? Wer Wissenschaft popularisieren will, muß populäre Beiträge bringen, Mensch, Mensch. Ist Wissenschaft nur für die Wissenschaft da - oder für das Volk? Vielleicht hatte das Museum Heiligengrabe schon in den 1920er Jahren mehr verstanden als noch heute so mancher heimatkundliche Verein ... In der heutigen Ausstellung wird auf der Wandtafel "Wurzeln in der Tiefe, Wipfel im Licht" diesbezüglich ein ganz anderer Ton angeschlagen (2; Min. 4:44):
Das schon weithin bekannte Museum wurde als "Träger der Heimatverbundenheit" gesehen und entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einem Zentrum der prähistorischen Forschung in Brandenburg. Heiligengrabe bildete den praktischen und ideellen Stützpunkt für die archäologische Landesaufnahme, deren Ergebnisse 1929 von Walter Matthes (...) im Band "Urgeschichte der Ostprignitz" publiziert wurden.

Der deutsche Archäologe Prof. Walter Matthes


1929 also sollte der Archäologe und Anthroposoph Walter Matthes (1901-1997) (Wiki) die noch heute als bedeutsam bewertete Überblicksdarstellung "Urgeschichte des Kreises Ostprignitz" herausbringen. Er war zeitweise in Neuruppin zur Schule gegangen und von 1925 bis 1928 mit der Durchführung der archäologischen Landesaufnahme des Landkreises Ostprignitz betraut worden. Seit 1932 arbeitete Matthes dann im "Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte" des Archäologen Hans Reinerth mit. 1934 wurde er dann Professor für Vorgeschichte an der Universität Hamburg. Diese Professur behielt er bis 1969 inne. Während des Zweiten Weltkrieges gehörte er zur Vorgeschichtsabteilung des Stabes Rosenberg und forschte dabei in Frankreich, Rußland und Italien.

Wie für fast alle mit der deutschen Vorgeschichte verbundenen Menschen vor 1945 war auch die Verbundenheit von Matthes mit dem Nationalsozialismus fast selbstverständlich. Nur Jörg Lechler geriet offensichtlich schon vor 1945 in Zwiespalt. Er war mit einer Jüdin verheiratet, die sich 1936 das Leben genommen hat. Womöglich war dies auch ein Anstoß dafür, daß Lechler eine Professur in den USA übernahm und dann bis an sein Lebensende nur noch für Besuche nach Deutschland kam.


Abb. 9: Ein heidnisches Erntedankfest in Heiligengrabe im September 1933 - Mädchen - offensichtlich der evangelischen Stiftsschule - tragen nachgefertigen Bronzeschmuck - ein frühes Beispiel von Reenactment (offenbar angestoßen und organisiert von Jörg Lechler, der darüber dann auch eine Schrift heraus brachte)

1933 gab Jörg Lechler die kleine Schrift "Das Heimatfest in Heiligengrabe am 10. Scheiding 1933" heraus. Zu dem Heimatfest war auch der neue Gauleiter Kube erschienen und es war von 18.000 Menschen besucht worden. Eindrucksvoll findet sich auf der Titelseite (Abb. 9) dargestellt quasi ein heidnisches, vorgeschichtliches, bronzezeitliches Erntedankfest. Mädchen - wahrscheinlich der evangelischen Stiftsschule in Heiligengrabe - tragen nachgefertigen Bronzeschmuck. Fortschrittlichstes "Reenactment" im Jahr 1933. Aber es stand natürlich in - aus heutiger Sicht - "falschen" ideologischen Zusammenhängen, deshalb dürfen wir uns heute darüber nicht so ungeteilt freuen wie sich die Menschen damals darüber gefreut haben. Oder doch? Wir wissen es nicht so genau, was eine geistig verrottete, bigotte Meinungsdiktatur in Deutschland uns heute dazu - gegebenenfalls wieder mit Tritten und Schlägen - einbleut.


Abb. 10: Die Stiftsdame und Museumsleiterin Annemarie von Auerswald (1876-1945)



Die Archäologin Annemarie von Auerswald in Heiligengrabe 1909 bis 1945


Die Stiftsdame Annemarie von Auerswald (1876-3.3.1945) (Wiki) war ab 1909 Mitarbeiterin am Prignitz-Museum Heiligengrabe, 1924 bis 1926 war sie dann wissenschaftliche Hilfsarbeiterin am Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin und 1933 bis 1945 war sie dann Leiterin des Museums in Heiligengrabe. Hören wir nun noch einmal im Zusammenhang eine Darstellung der Arbeit des Museums in Heiligengrabe in dieser Zeit (Werner von Kieckersbusch, Chronik Heiligengrabe, S. 468f):
Die Sammlung wuchs sehr schnell zu einem höchst wertvollen Denkmal der märkischen, insbesondere der Prignitzer Vergangenheit. Unter der sachverständigen Conventualin Annemarie von Auerswald fanden in der näheren und weiteren Umgebung zahlreiche Ausgrabungen statt, die äußert wertvolle und interessante Funde zeitigten. Urnen, Skelette, Waffen, Schmuckgegenstände usw. aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit kamen ans Tageslicht und fanden in dem Museum den ihnen gebührenden Platz. Auch zahlreiche Erinnerungsstücke an die Schlacht von Wittstock wurden hier untergebracht. (...) Unter Beteiligung weiter Kreise der Prignitz wurde im Jahre 1914 ein "Heimat- und Museums-Verein in Heiligengrabe" gegründet, der die Pflege und Mehrung des Museumsgutes übernahm und ein eigenes Mitteilungsblatt herausgab. (...) Es ist höchst bedauerlich, daß die wertvolle Sammlung im Mai 1945 bei der Besetzung durch die Russen restlos vernichtet und ausgeplündert wurde.
Immerhin (Wiki):
Teile des musealen Bestandes konnten von Albert Guthke, der 1936 bis 1941 als Assistent im Heimatmuseum Heiligengrabe tätig war, 1946/47 aufgearbeitet und in den Bestand des 1954 von ihm gegründeten Heimatmuseums Pritzwalk überführt werden. Weitere Exponate wurden auf die umliegenden, neu gegründeten Kreismuseen der Region verteilt.
Ein wesentlicher Bestandteil der Sammlung war übrigens das sogenannte "Hungertuch von Heiligengrabe" (Kieckersbusch, S. 468f):
Das Glanzstück der Sammlung war das sogenannte "Hungertuch", eins der kostbaren alten Kulturgüter der Prignitz. Sehr wahrscheinlich stammt das Tuch (Größe: 3,50 m lang, 1,50 m hoch) aus dem 13. Jahrhundert. In der Mitte war der thronende Christus in der Mandorla dargestellt und zu beiden Seiten in zwei übereinander laufenden Streifen die ganze Heilsgeschichte. Der Reichtum der Erfindung, die zeichnerische Geschicklichkeit und die überaus sorgsame Nadelarbeit machte dieses Stück besonders kostbar. Das Tuch war im Jahre 1888 von dem Lehrer Meyer in der zum Patronat von Heiligengrabe gehörenden Kirche Breitenfeld beim Reinemachen ganz zerdrückt, verstaubt und zerschlissen im Müll gefunden worden. Er verwahrte das ehrwürdige Stück hinter dem Altar, wo es im Jahre 1911 von Paul Quente wieder ans Tageslicht gebracht wurde.
Dieses Hungertuch war auch dem Archäologen Jörg Lechler bedeutsam geworden. Dieser hatte ja mit einer Arbeit über das Hakenkreuz als archäologisches Symbol promoviert. Und in "5000 Jahre Deutschland" schrieb er (S. 211) (zitiert hier nach Google-Bücher-Ausschnitt):
... dies das Hakenkreuz als Sinnbild Wodans bei den Germanen charakterisierte, so auf dem Hungertuch in Heiligengrabe in der Mark Brandenburg (Abb. 683).
Er geht noch weitere Beispiele durch, die, so Lechler, zeigen (S. 211),
wie stark die Kirche es für eine Notwendigkeit erachtete, die heidnischen Symbole mit christlichen Werten zu erfüllen.
"Die heidnischen Symbole mit christlichen Werten erfüllen" - was alles mit diesen wenigen Worten gesagt ist. Geschieht das nicht seit 2000 Jahren und heute mehr als je: das wertvolle nicht-monotheistische Entwicklungen mit monotheistischen oder sonstigen okkulten Werten erfüllt werden und damit praktisch "gehijackt" werden, "übernommen" werden und in eine ganz andere Richtung weiter geführt werden als es ihnen ursprünglich innelag? Annemarie von Auerswald hat Sachbücher veröffentlicht, hervorgehend aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit (2), ebenso Romane im völkischen Geist der damaligen Zeit. Ob sie heute in ihrer Gänze noch lesbar sind, stehe dahin. 1940 etwa veröffentlichte sie die Erzählung "Die Tochter vom Gerwartshof". Darüber heißt es in einer Rezension (Stef. Cramme 2004):
Die Buchkarte eines ehemaligen Exemplars der Volksbücherei Köln trägt die Annotation "Anschauliche Darstellung altgermanischen Lebens zur Zeit der Völkerwanderung. Für Mädchen geeignet".
Die Handlung der Erzählung und die vermittelten Werte entsprechen dem Zeitgeist Ende der 1930er Jahre. Es geht um die Bewahrung und Gewinnung von Siedlungsland, ebenso wie um die Bewahrung von Rassereinheit. Und es geht um das gute und schlechte Werben von Männern um ein junges Mädchen und ihre Reaktionen darauf.


"Dienen lerne beizeiten das Weib" - Im adligen Mädcheninternat in Heiligengrabe


Das Damenstift Heiligengrabe hat auch ein Mädcheninternat betrieben. Ziel desselben war es in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die Mädchen zu Hauslehrerinnen und Gouvernanten auszubilden, um sie wirtschaftlich unabhängiger zu machen als sie es sonst wären (Ortrud Wörner-Heil, S. 420). Erziehungsideal war noch in der Vorkriegszeit jenes "Dienen lerne beizeiten das Weib" aus Goethes Hermann und Dorothea, ein Ideal, gegen das sich eine völkische Reformerin wie Mathilde Ludendorff (1877-1966) schon in ihrer Jugend empört hatte, und gegen das sich schon während des Ersten Weltrkieges auch die Internatsschülerinnen in Heiligengrabe begannen aufzulehnen. So etwa die nachmalig bekannter gewordene Wagner-Enkelin Friedelind Wagner (1918-1991) (Wiki). Auch eine Tisa von Schulenburg ist in den 1930er Jahren in Heiligengrabe am Damenstift zur Schule gegangen. Ihren 1983 veröffentlichten Erinnerungen an diese Zeit gab sie den Titel "Des Kaisers weibliche Kadetten". Als solche wurden die Schülerinnen des Internats jedenfalls angesprochen, wenn damit - bis auf einen asketischen Lebenswandel - nur wenig konkreten Inhalte verbunden sein konnten. Aus der Sicht sprühlebendiger Jugend schreibt sie in ihren Erinnerungen über die Stiftsdamen (zit. n. Ortud Wörner-Heil, S. 422):
Die alten Damen in den Häuschen schienen uns unvorstellbar alt, verhutzelt, seltsam.
Nun, es ist zu berücksichtigen, daß ein solches Damenstift ja immer auch Altersheim war. Und wenn die Stiftsdamen noch Anfang des 20. Jahrhunderts eine vom Kaiser eingesetzte, vormals verheiratete Äbtissin ablehnten eben nur deshalb, weil sie schon einmal verheiratet war, so darf man doch vermuten, daß sich an diesem Stift auch unglaublicher christlich-moralischer Unrat halten konnte. Ansonsten hätte man ja ein solches Zusammenleben von Jung und Alt durchaus auch als etwas Fortschrittliches empfunden können. Daß aber überhaupt adlige evangelische Damen praktisch wie katholische Nonnen lebten, ist ja insgesamt eine etwas merkwürdige Erscheinung. Somit gab es im Damenstift Heiligengrabe offensichtlich beides: Sprühende Lebendigkeit und Fortschrittlichkeit einerseits ebenso wie eingetrockneter, christlicher Obskurantismus andererseits. Aber die Vorgeschichtsforschung und der Erste Weltkrieg scheinen doch manche frische Luft in die moralisch stickige Klosterluft gebracht zu haben. Wird doch für die Zeit nach 1918 als Beispiel für Themenstellungen von Schulaufsätzen genannt (Ortrud Wörner-Heil, S. 427):
"Was kann ich tun zur Wiederbelebung des deutschen Geistes?"
Nun, wirklich eine Frage, die man noch heute - oder gerade heute - als elementar empfinden kann, und die man wohl nur sinnvoll wird beantworten können jenseits aller christlichen Muffigkeit. Die Internatsschülerin Elsbeth von Oppen besuchte das adlige Mädcheninternat bis 1920, sie (Ortrud Wörner-Heil, S. 424)
erlebte eine Welt der Unruhe und des Umbruchs. sie erlebte den erzieherischen vaterländischen Geist im Krieg, der nach dem Krieg bei vielen - Lehrkräften wie auch Mitschülerinnen - als nationale Wiedergeburt neue Zielrichtung fand. Sie erlebte aber auch aufmüpfige Mitschülerinnen, die nicht mehr des Kaisers Kadetten sein wollten und außerdem verstörte, von der Kriegsniederlage und der Revolution erschütterte Stiftsdamen.
Merkwürdig genug wäre es, wenn die Stiftsdamen nicht verstört und erschüttert gewesen wären. Aber auffallend genug, daß eine solche Erscheinung heute, wo es ebenfalls genug Anlaß für Verstörung und Erschütterung über die Schicksale unseres deutschen Vaterlandes gibt, quasi als "ungewöhnlich" charakterisiert werden kann. Auch
hatten sie sich schon vorher empört gezeigt über das "Dienen lerne beizeiten das Weib" aus Goethes Hermann und Dorothea. (...) Tisa von der Schulenburg nahm sich Lily Braun (...), die aus ihrer Standeswelt ausgebrochen war, zu ihrem Vorbild.
Die mit einem Juden verheiratete Adelstochter und Sozialdemokratin Lily Braun war nun zufälligerweise gerade in jener Zeit eine Freundin der nachmaligen Lebensreformerin Mathilde Ludendorff. Es wird also sehr deutlich, daß sich diese Mädchen und das zugehörige Damenstift in einem Spannungsverhältnis bewegten, das sehr kennzeichnend für die damalige Zeit war und sich im Grunde bis heute nicht gelöst hat - es sei denn in Form von Gedankenlosigkeit und Geschichtsvergessenheit der Deutschen. Aber ist das eine "Lösung"?

Das Fotoarchiv des Stiftes Heiligengrabe umfaßt Zeitdokumente der Jahre 1880 bis 2000, in ihm sind auch Fotografien vom erwähnten - wegweisenden - Heimatfest aus dem September 1933 enthalten, weshalb um so mehr angenommen werden kann, daß an dem damaligen "Reenactment" die Stiftsschülerinnen Anteil genommen haben. An Inhalten des Archivs werden aufgezählt (Fotoerbe):
Zahlreiche Porträtaufnahmen von Äbtissinnen, Stiftsdamen, Stiftsschülerinnen, Stiftshauptmännern und -pröpsten aus der Zeit der Stiftsschule von ca. 1880 - 1945/ (1997);
Ansichten von Bauten (Abtei, Kirche, Kapelle, Friedhof, Damenplatz, Klostergelände und Wirtschaftgebäude); Innenansichten von der Abtei, Kirche und Kapelle; Landschaftsaufnahmen von der Umgebung Heiligengrabes;
Kaiserbesuch (Wilhelm II. in Heiligengrabe 1903); zahlreiche Aufnahmen vom Alltag und Schulleben der Höheren Mädchenschule in Heiligengrabe (Klassenzimmer, alle Klassenzüge, Lehrerinnen/Stiftsdamen; Ausflüge/Klassenfahrten;
Heimatfest 10.9.1933 in Heiligengrabe; private Fotos z.T. aus dem Nachlaß einzelner Stiftsschülerinnen; Innenaufnahmen u. Eingangssituation (Abteiinnenhof) vom ehemaligen Heiligengraber Heimatmuseum (1909-1945);
als professionelle Fotografen sind in einigen Fällen nachweisbar Max Zeisig (Perleberg), Albert Schwarz (Hoffotograf, Berlin), Paul Donnerhack (Atelier Wittstock/Pritzwalk/Meyenburg), L. Haase und Comp. Berlin (Königl. Hoffotogr.) etc.
Die Fotos stammen z.T. aus dem Nachlaß ehemaliger Stiftsdamen und -schülerinnen; aus dem Depositum des Stiftsarchivs; auch Schenkung Sammlung Nora Neese und „Verein ehemaliger Heiligengraberinnen“; darunter ganze Fotoalben aus dem Privatbesitz ehemaliger Schülerinnen; kein Ankauf. Benutzung: Einsichtnahme nur nach vorheriger Absprache möglich; Bestand z.T. nur eingeschränkt zugänglich; Veröffentlichungen nur nach Genehmigung  [Quelle: Mitteilung des Museums Kloster Stift zum Heiligengrabe, 30.03.2011]
In dem "Reenactment" von heidnischen bronzezeitlichen Frauen im September 1933 darf man - wenn man möchte - durchaus ebenfalls Auflehnung sehen gegen das bigott-christliche Erziehungsziel "Dienen lerne des Weib", wissen doch die heidnichen isländischen Sagas und die heidnische Edda, die dem Geist der Nordischen Bronzezeit sicherlich näher stehen als alles orientalische Christentum von einer ganz anderen seelischen Haltung von Frauen zu berichten als sie in Goethes Hermann und Dorothea wiederzufinden ist.

Abb. 11: Albert Guthke (entnommen: Pawelka, ‎Foelsch, ‎Rehberg: Städte der Prignitz, 2004, S. 83, GB)


Albert Guthke - Er sammelte die Reste ein


Nachdem Annemarie von Auerswald im März 1945 gestorben war, blieb das weitere Schicksal der vorgeschichtlichen Sammlung von Heiligengrabe mit dem Namen Albert Guthke (1900-1981) (Wiki) verbunden:
Er stammte aus einer alteingesessenen Bauernfamilie aus Dahlhausen, einem Ortsteil von Heiligengrabe in der Prignitz. Diese Herkunft war für Albert Guthke prägend.
Prägend, so darf man vermuten, weil ja ebendort eine der frühen Ausgrabungen von Paul Quente stattgefunden hatte, die Guthke als Jungen beeindruckt haben mag (s.o.). Guthke (Wiki)
studierte 1919 bis 1926 Deutsch, Geschichte und Philosophie. (...) 1936 bis 1941 war er tätig als Assistent im „Heimatmuseum für die Prignitz“ im Kloster Stift zum Heiligengrabe unter der Leitung von Annemarie von Auerswald.
Wahrscheinlich ist er Ende April Mai 1945 - wie so viele damals - mit seiner Familie über die Elbe geflüchtet. Am 2. Mai 1945 erreichten die Russen Pritzwalk. Weiter heißt es jedenfalls (Wiki):
1945 bis 1946 als Museumspfleger am Museum Lüneburg, anschließend als Museumsleiter in Kyritz und schließlich in Pritzwalk. 1954 bis 1958 studierte er an der Fachschule für Heimatmuseen in Köthen und Weißenfels. 1946 bis 1960 lebten er und seine Familie in Dahlhausen und ab 1960 in Pritzwalk. Nachdem zum Ende des Zweiten Weltkrieges das „Heimatmuseum für die Prignitz“ im Kloster Stift zum Heiligengrabe geschlossen und die ehemals reiche ur- und frühgeschichtliche Sammlung fast völlig vernichtet worden war, arbeitete Albert Guthke die Reste des musealen Bestandes 1946/47 auf und überführte sie in den Bestand des 1954 von ihm gegründeten Heimatmuseums Pritzwalk, weil ein Wiedererstehen eines Ostprignitz-Museums im kirchlichen Stift Heiligengrabe politisch nicht erwünscht war. Er wirkte als Leiter des Heimatmuseums bis zum Ruhestand im Jahr 1972. Dabei leistete er einen Beitrag zur Erforschung der Prignitz mit der Herausgabe von wissenschaftlicher Veröffentlichungen, insbesondere der zweibändigen Schriftenreihe "Prignitz-Forschungen" (Pritzwalk, 1966 und 1971). 

/ Diese vorliegende Darstellung soll in allen Teilen künftig noch ergänzt werden. /
_________________________________________
  1. Ortrud Wörner-Heil: Adelige Frauen als Pionierinnen der Berufsbildung: Die ländliche Hauswirtschaft und der Reifensteiner Verband. Kassel University Press 2010 (GB
  2. Bading, Ingo: Das Prignitz-Museum für Vorgeschichte in Heiligengrabe - Kurze Videoaufnahmen, 23.7.2019, https://youtu.be/Bov71hLty_k, 2. Teil: https://youtu.be/IrbDUahATmA
  3. Quente, Paul: Das langobardische Urnenfeld von Dahlhausen (um 200-500 nach Chr.) Prignitzer Volksbücher, Heft 39, 1913
  4. Quente, Paul. Ein germanisches Dorf bei Kyritz. In: Mannus 1914, S. 97ff (GB)
  5. Matthes, Walter: Urgeschichte des Kreises Ostprignitz. C. Kabitzsch, Leipzig 1929 (GB)
  6. Matthes, Walter: Die Germanen in der Prignitz zur Zeit der Völkerwanderung im Spiegel der Urnenfelder von Dahlhausen, Kuhbier und Kyritz. Nach den Arbeiten von Paul Quente, Georg Girke und Jörg Lechler. Dem Gedächtnis Paul Quentes gewidmet. C. Kabitzsch, 1931 (138 S.) (GB)
  7. Matthes, Walter: Die nördlichen Elbgermanen in spätrömischer Zeit. Untersuchungen über Kulturhinterlassenschaft und ihr Siedlungsgebiet unter besonderer Berücksichtigung brandenburgischer Urnenfriedhöfe. C. Kabitzsch, 1931 (114 S.)
  8. von Kieckebusch, Werner (1887-1975): Chronik des Klosters zum Heiligengrabe - Von der Reformation bis 1945. Erarbeitet im Auftrag der Evangelischen Kirche Brandenburg in den 1940er Jahren bis 1949, veröffentlicht aber erst: Lukas-Verlag 2008 (GB), S. 468 
  9. Christiansen, Uwe; Petersen, Hans-Christian: Wilhelm Petersen - Der Maler des Nordens. Grabert-Verlag, Tübingen 1993
  10. Czubatynski, Uwe: Die Mitteilungen des Heimat- und Museumsvereins in Heiligengrabe. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Prignitz 11 (2011), S. 129ff (pdf)
  11. Koch, Julia Katharina: Frauen in der Archäologie - eine lexikalisch-biographische Übersicht. In: Jana Esther Fries, Doris Gutsmiedl-Schümann (Hrsg.): Ausgräberinnen, Forscherinnen, Pionierinnen: Ausgewählte Porträts früher Archäologinnen im Kontext ihrer Zeit. 2013 (GB), S. 260
  12. Hans Joachim Bodenbach: Der Archäologe Walter Matthes als Erforscher der Ostprignitz. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Prignitz, [ehemaliger Landkreis Ostprignitz], Bd. 15 (2015)
  13. Romeyke, Sarah: Vom Nonnenchor zum Damenplatz. 700 Jahre Kloster und Stift zum Heiligengrabe, Kultur- und Museumsstandort Heiligengrabe Bd. 1, Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte 2009 
  14. Romeyke, Sarah: Preußens Töchter. Die Stiftskinder von Heiligengrabe 1847–1945, Kultur- und Museumsstandort Heiligengrabe Bd. 5,  Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte 2015 (GB)
  15. Ruch, Christamaria: Sarah Romeyke spricht über den Initiativpreis für das Museum im Kloster Stift zum Heiligengrabe - Auf den Spuren einer verlorenen Sammlung. In: Märkische Allgemeine Zeitung, 7.2.2015, https://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Sarah-Romeyke-spricht-ueber-den-Initiativpreis-fuer-das-Museum-im-Kloster-Stift-zum-Heiligengrabe
  16. Ruch, Christamaria: Museum in Heiligengrabe - Neue Ausstellung wird im Kloster vorbereitet. In: Märkische Allgemeine, 21.03.2016, https://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Neue-Ausstellung-wird-im-Kloster-vorbereitet
  17. Ruch, Christamaria: Neue Dauerausstellung im Kloster Stift Heiligengrabe. In: Märkische Allgemeine Zeitung, 17.05.2017, https://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Neue-Dauerausstellung-im-Kloster-Stift
  18. o.V.: Zur Geschichte des Museums. https://klosterstift-heiligengrabe.de/kloster/klosteranlage/museum
  19. Bokelmann, Christine: Museum im Kloster Stift zum Heiligengrabe. Flyer o.D. [nach 2015]  
  20. Bading, Ingo: Kossinna lacht - er lacht und lacht und lacht. Neue Erkenntnisse aus der Archäogenetik. Studium generale, 29.11.2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/11/kossinna-lacht-er-lacht-und-lacht-und.html

Jörg Lechler

  1. Propst, Ernst: Kurzbiographie des Archäologen Jörg Lechler. Archäologie-News, 26.9.2005
  2. Lechler, Jörg: Vom Hakenkreuz. Die Geschichte eines Symbols. Mit Geleitwort von [Hans] Hahne. Curt Kabitzsch-Verlag, Leipzig  1921 (= Vorzeit. Nachweise und Zusammenfassungen aus dem Arbeitsgebiet der Vorgeschichtsforschung, Band 1) (Justbooks) (27 S. Text, 351 Abb. = 89 S.); 2. erw. u. vermehrte Auflage 1934,  https://archive.org/ stream/VomHakenkreuz/Vom%20  Hakenkreuz#page/n0/mode/2up; Woher kommt das Hakenkreuz? Geschichte des Symbols und internationale Verbreitung. "Faksimileausgabe der beiden gesuchten Werke von J. Lechler 'Vom Hakenkreuz. Die Geschichte eines Symbols' und W. Scheuermann 'Woher kommt das Hakenkreuz' aus den Jahrer 1921/1933. Verlag Roland Faksimile, Bremen 2001 (104 S.)
  3. Lechler, Jörg: [Dorfgeschichte Ostprignitz] In: Mannus: Zeitschrift für Vorgeschichte, C. Kabitzsch (A. Stuber's Verlag), 1923, S. 36 (GB)
  4. Lechler, Jörg: Der Paläontologe. In: Mitteilungen des Heimat- und Museumsvereins in Heiligengrabe 7/1925, S. 23f
  5. Lechler, Jörg: Enis Errettung - Eine lehrhafte und doch gruselige Geschichte aus der Steinzeit Mitteldeutschlands. In: Mitteilungen des Heimat- und Museumsvereins in Heiligengrabe 9/1926, S. 1ff
  6. Lechler, Jörg: Das Gräberfeld auf dem Sehringsberge bei Helmsdorf. Verlag Curt Kabitzsch, Leipzig  1927 (66 S.) (Google Bücher)
  7. Kossinna, Gustaf: Altgermanische Kulturhöhe. Leipzig EA 1927 (seit der 4. Auflage 1934 mit Bildern versehen von Jörg Lechler)
  8. Lechler, Jörg: Das Heimatfest in Heiligengrabe am 10. Scheiding 1933. Heiligengrabe 1933
  9. Lechler, Jörg: Vor 3000 Jahren. Ein frühgermanisches Kulturbild. Brehm 1934; Volk und Wissen Band 5. Stenger, Erfurt 1939 (31 S.) (Google Bücher)
  10. Gautier, Emile F. und Jörg Lechler (Hrsg.): Geiserich, König der Wandalen. Die Zerstörung einer Legende.  Societäts-Verlag, Frankfurt/Main 1934, 1940 (365 S.)
  11. Lechler, Jörg: Germanische Vorgeschichte. Band 137 der Stoffsammlung für die Arbeit der Albert-Forster-Schule, bzw. für die Schulungsarbeit der Deutschen Angestelltenschaft. Verlag Hauptamt f. Schulung d. Dt. Angestelltenschaft, Albert-Forster-Schule, 1934, 1935 (51 S.)
  12. Lechler, Jörg: Sinn und Weg des Hakenkreuzes. In: Der Schulungsbrief, Dezember 1935 (hrsg. vom  Reichsschulungsamt der NSDAP und der Deutschen Arbeitsfront) (41 S.); engl. unter "Meaning and Path of the Swastika" (o.J.) 
  13. Lechler, Jörg: Ein germanisches Kultfest vor 3000 Jahren. Erläuterung zu dem Anschauungsbilde "Germanische Sonnenwendfeier (Bronzezeit)" (Bilder zur deutschen Vorgeschichte Nr. 8) Wachsmuth, 1935 (21 S.)
  14. Lechler, Jörg: "Heil!", in: Der Schulungsbrief, hrsg. v. Reichsschulungsamt der NSDAP und der Deutschen Arbeitsfront, Berlin, April 1936, 3. Jg., 4. F., S. 129
  15. Andree, Julius; Weinert, Hans; Lechler, Jörg: Das Werden der Menschheit und die Anfänge der Kultur. Mit 348 Textbildern und 7 Beilagen. Deutsches Verlagshaus Bong & Co.,  Berlin/Leipzig,  [1936] (404 S.)
  16. Lechler, Jörg: 5000 Jahre Deutschland. Eine Führung in 700 Bildern durch die deutsche Vorzeit und germanische Kultur. Verlag C. Kabitzsch 1937 (217 S.) (Google Bücher);  Faks. d. Ausg. v. 1937 mit dem Untertitel "Germanisches Leben in 700 Bildern" im Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur, 3. Aufl. 1983 (Amaz.)
  17. Lechler, Jörg: Die Entdecker Amerikas vor Columbus. Mit einem Beitrag von Edward F. Gray, Genralkonsul a. D.. Verlag Curt Kabitzsch, Leipzig 1939 (118 S.); Faksimile-Verlag / Bremen 1992 (= Forschungsreihe Historische Faksimiles)
  18. Bading, Ingo: Nur bruchstückhaft bekannt - Aufsätze Mathilde Ludendorffs vor 1927. Studiengruppe Naturalismus, 10.6.2012, https://studiengruppe.blogspot.com/2012/06/die-nur-bruchstuckhaft-bekannten.html
  19. von Kemnitz, Mathilde: Das Hakenkreuz. In: Der Weltkampf. Monatsschrift für die Judenfrage aller Länder, 1. Jg., Folge 5, Oktober 1924 (Hrsg. von Alfred Rosenberg), S. 25 - 29 (Scribd)
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