Dienstag, 12. November 2019

Eine Hochkultur im Westen der Seidenstraße (2.300 - 1.700 v. Ztr.)

Höchstes kulturelles Niveau - Aber bislang ohne Platz in unserem kulturellen Bewußtsein
- Ein Großreich der Bronzezeit - Margiana in Turkmenistan

Der Bloginhaber hat kürzlich - eher zufällig - einen ihn begeisternden Podcast gehört (1). Dieser Podcast macht bewußt, in welchem Umfeld sich westindogermanische Völker - abstammend von den Schnurkeramikern - wie die Vorfahren der Tocharer an der Seidenstraße und oder die Vorfahren der Sogder in Samarkand - festgesetzt haben, bzw. auch, von welchen Reichtümern sie angezogen worden waren in den Zeiten ihrer Ankunft. Im Norden des Tarim-Beckens gab es schon lange die Afanasjewo-Kultur (Wiki) von vorwiegend Viehzucht treibenden Früh- und Ostindogermanen. Diese Völker wurden - in Teilen auch genetisch - von der westindogermanischen Andronowo-Kultur ersetzt. Die Vorfahren der Tarim-Mumien werden in diesen Zusammenhängen ab 2000 v. Ztr. im Tarim-Becken zugewandert sein.

Abb. 1: Frauenskulptur aus Baktrien (nördliches Afghanistan), etwa 2500-1500 v. Ztr. (Kunsthistorisches Museum Los Angeles) (aus Chlorit und Kalkstein, Höhe 13 cm) (Wiki)

Es ist aber von großer Bedeutung, sich bewußt zu machen: Im Westen der Seidenstraße gab es in der sogenannten "Margiana" (Wiki) ein Großreich, das schon sehr ausgefeilte städtische Kultur aufwies und viele Anklänge an die Hochkulturen im Industal und im Mittelmeerraum, sowie Handelskontakte zu diesen aufwies. Diese Hochkultur wurde von westindogermanischen Völkern - anzunehmenderweise - ebenfalls überlagert (/erobert). Dazu ist hier auf dem Blog schon in einem früheren Beitrag geschrieben worden (4):
"Ab 2.300 v. Ztr. findet sich in Baktrien/Turan/Ostiran dann: "... frühe iranische Bauernherkunft (60% in Baktrien und in der Margiana) mit einem kleineren Anteil von anatolischer Bauernherkunft (21 %) und westsibirischer Jäger-Sammler-Herkunft (13 %)." Bei "BMAC" handelt es sich um den "Bactria Margiana Archaeological Complex", um eine Völkergruppe in Baktrien und in der Margiana, grob gesprochen im Westteil der Seidenstraße und in der nördlich angrenzenden kasachischen Steppe. Hier lag also eine bemerkenswerte genetische Zusammensetzung vor. Es stellt sich zum Beispiel die Frage: Wie gelangte die anatolisch-neolithische Genetik so früh so weit nach Osten? Zu dieser Zeit findet sich noch keine Yamnaya-Herkunft daselbst vor. Erst ab 2.000 v. Ztr. kommt indogermanische Genetik nach Baktrien, und zwar - natürlich! - in der jüngeren Schnurkeramik- bzw. Shintashta-Version."
In der Bronzezeit gab es einen regen genetischen Austausch. Anatolisch-neolithische Genetik breitete sich Richtung Osten aus, während sich iranisch-neolithische Genetik Richtung Westen ausbreitete. Wie man sich diese Ausbreitungsvorgänge genauer vorzustellen hat, ist wohl noch nicht ganz klar. Vielleicht handelt es sich einfach um "Diffusionsvorgänge", bewirkt durch Handel und Fernhandel.

Für die Ausbreitung der indogermanischen Völker aus der Steppe heraus in alle Richtungen deuten sich demgegenüber eher Völkerwanderungen und Kriegszüge an. Vermutlich waren diese indogermanischen Völker so kinderreich, daß sie von der Margiana und von Norden aus auch in das weitgehend menschenleere Tarimbecken vorstießen und dort Fürstentümer bildeten, zugleich Handelsverbindungen herstellten zwischen der Marghiana und China. Da gibt es - mit diesen Neuerkenntnissen - neuerlich viel zu forschen. Aber ohne das Wissen um die bislang fast unbekannte Margiana-Kultur im heutigen Turkmenistan wäre das Gesamtbild dieser Vorgänge hochgradig unvollständig.

Der genannte Podcast über die "Entdeckung" der Margiana-Kultur durch deutsche Archäologen ist eine wahre Perle, weil hier zwei deutsche Archäologen quasi aus dem Nähkästchen plaudern (1) und weil man einen unmittelbaren Eindruck von ihrer Begeisterungsfähigkeit erhält und auch davon, wie Begeisterungsfähigkeit sich überträgt und beiträgt zum Bewußtwerden von vorhandenem, aber bislang kaum bekanntem archäologischen Wissen.

Ein städisch geprägtes Großreich auf hohem kulturellen Niveau


Der Podcast wurde erstellt im Zusammenhang mit einer archäologischen Ausstellung über die Margiana-Kultur. Und die beiden am meisten am Zustandekommen der Ausstellung beteiligten Archäologie-Professoren erzählen darin sehr authentisch, wie sie dazu gekommen sind, dieses Thema überhaupt zu entdecken und dann diese Ausstellung zu organisieren. Es wird auch deutlich, daß es sich um ein Thema handelt, das von der Forschung überhaupt noch wenig verstanden und historisch eingeordnet worden ist. Wir nehmen hier quasi Teil an Entdeckungen, die erinnern an jene des Heinrich Schliemann. Nämlich eben der bronzezeitlichen Margiana-Kultur, die auch - nichtssagend - Oasen-Kultur (Wiki) benannt worden ist oder - bislang sehr abstrakt und unanschaulich - "Bactria-Margiana Archaeological Complex" ("BMAC") (2, 3).

Das Großreich der Margiana bestand zwischen 2200 und 1700 v. Ztr., zur selben Zeit wie die Indus-Kultur, mit der sie viel Ähnlichkeit aufweist. Nicht nur anatolisch-neolithische Genetik gelangte - wie im obigen Zitat erwähnt - weit in den Osten. Auch Kulturelemente von Euphrat und Tigris gelangten nach Osten. Auf Wikipedia ist zu dieser Kultur verzeichnet (Wiki):
Die Oasenkultur zeigt ein für die Region und Zeit (spätes 3. bis frühes 2. Jahrtausend v. Chr.) ungewöhnlich hohes Niveau der Töpferei und Metallverarbeitung (Bronze, Silber). (...) Die (zum Teil monumentalen) Gebäude lassen somit auf mathematisches, geometrisches und astronomisches Wissen schließen. Davon zeugen auch mehrere ausgegrabene Städte mit rechtwinkeligem Straßennetz, die dicke Stadtmauern und ein palastähnliches Gebäude im Zentrum aufweisen. Mehrere Städte wurden in einem Verbund angelegt - bei der Fundstelle Adji Kui sind es neun im engen Umkreis.  In Adji Kui wurden Amulette gefunden, deren Abbildungen – darunter das häufig auftretende Adler-Schlange-Motiv – als Darstellungen von Szenen des mesopotamischen Etana-Mythos gedeutet wurden. In Gräbern gefundene Fayence-Armreife aus der Indus-Kultur sowie syrische Stempelsiegel mit geflügelter weiblicher Gottheit auf einem Panther legen nahe, dass Fernhandel stattfand. Auf eine ausgeprägte Handelskultur deuten auch Stempelsiegel zur Kennzeichnung des Besitzes sowie Zählsteine für die buchhalterische Erfassung von Waren hin.  Die Menschen der Oasenkultur domestizierten Schaf und Ziege, sowie Hausesel und vor allem Kamele. Mit ausgeklügelten Bewässerungsanlagen wurden große Felder versorgt, auf denen Gerste, Weizen und Hülsenfrüchte angebaut wurden.
Eine der bedeutendsten Ausgrabungsstätten, vielleicht die Hauptstadt des hier entdeckten bronzezeitlichen Großreiches in Turkmenistan ist Gonur Depe (Wiki).

Abb. 2: Merw (Margiana) und Baktra im Westen von Samarkand (Sogdien) und der Seidenstraße (Wiki)
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  1. Margiana - Ein Königreich der Bronzezeit in Turkmenistan - Sonderausstellung des Archäologischen Museums Hamburg, Podcast mit Prof. Dr. Schaumburg und Prof. Dr. Weiß, https://amh.de/amh18-margiana/
  2. Margiana - Ein Königreich der Bronzezeit in Turkmenistan, https://amh.de/ausstellungen/margiana-ein-koenigreich-der-bronzezeit-in-turkmenistan/
  3. Margiana - Ein Königreich der Bronzezeit in Turkmenistan - Ausstellung in Berlin, 19.6.2018, https://youtu.be/g7hoh0ACpLQ
  4. Bading, Ingo: "Söhne der Sonne" - Die Indogermanen Asiens, 1. Juli 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/07/sohne-der-sonne-die-indogermanen-asiens.html 

Samstag, 9. November 2019

Indogermanische Genetik in Italien (2.500 v. Ztr. bis heute)

Römische Republik und Italienische Renaissance
- Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Genetik einerseits und dem Aufblühen und dem Niedergang von Kultur andererseits?

Die Bevölkerungsgeschichte Mittelitaliens vom Mesolithikum bis heute ist aufgearbeitet worden (1). Dies geschah von Seiten einer archäogenetischen Forschungsgruppe um Jonathan Pritchard anhand der Typisierung von 127 archäologischen Skeletten, die in Rom und seinem Umland gefunden wurden. Man sehe sich die Abbildung 1 an: Kann man ergreifendere Forschungsergebnisse heute in kompakterer Form aus der Wissenschaft heraus erfahren als hier? Die Ergebnisse bestätigen recht genau weit verbreitete Geschichtsauffassungen der Kulturwissenschaft und der Anthropologie in der Zeit vor 1945, Sichtweisen, die danach mehr oder weniger tabuisiert worden sind. Es betrifft dies Beurteilungen des indogermanischen, genetischen Einflusses auf die Hervorbringung
  1. der Römischen Republik und 
  2. der italienischen Renaissance

Abb. 1: Die Bevölkerungsgeschichte Mittelitaliens 7.000 v. Ztr. bis heute

Ablesbar insbesondere rechts im Balken (B) (Abb. 1). Gehen wir das im einzelnen durch:

Anfangs leben in Italien - wie im übrigen West- und Mitteleuropa - westeuropäische Jäger und Sammler (WHG). Ab 6.500 v. Ztr. breiten sich anatolisch-neolithische Bauern über Europa aus, sie tragen auch einen kleinen Anteil iranisch-neolithischer Genetik in sich. Im Mittelneolithikum wächst interessanterweise in Italien - wie in Mitteleuropa - der Anteil der westeuropäischen Jäger-Sammler-Genetik wieder leicht an. Das geschah nach dem Zusammenbruch der bevölkerungsdichten frühneolithischen Kulturen und der Ethnogenese neuer extensiver wirtschaftender Völker während dieser Zeit, z.T. aus Rückzugsräumen der ursprünglich einheimischen Bevölkerung heraus.

Rückgang indogermanischer Genetik in der Frühen Kaiserzeit


Nach der Kupferzeit - also parallel zum Spätneolithikum in Mitteleuropa - erfolgt - grob um 2.500 v. Ztr. - der Einbruch der indogermanischen Völker (in Form der Glockenbecherkultur) auch in Italien (Wiki, engl). Diese indogermanische Genetik hält sich - offenbar trotz oder mit der etruskischen Kultur - konstant bis in die Zeit der Römischen Republik. Das sollte dem historisch Urteilenden zu denken geben. Und das dürfte schon eine der entscheidenderen Neuerkenntnisse dieser Studie sein. (Diese hatte man aber auch schon aus der zu 80 % hellen Haarfarbe bei den Menschendarstellungen auf den Wandgemälden von Pompeji ablesen können (3) [Wiki]. Dieser Umstand ist ja für das heutige Neapel so nicht mehr gegeben.)

Aber besonders krass ist, daß schon in der Frühen Kaiserzeit der Anteil der indogermanischen Genetik stark zurück gegangen ist in Mittelitalien. Das wird auf die vielen inneritalischen und Bürgerkriege in dieser Zeit zurück zu führen sein, vielleicht auch auf die außeritalischen Aktivitäten der Römer. Und genau so ist es auch schon in den 1950er Jahren anthropologisch beschrieben worden (3)*). Gleichzeitig breitet sich iranisch-neolithische Genetik auch in Italien aus, anzunehmenderweise aus dem ostmediterranen Bereich heraus. Das dürfte u.a. auf den Sklavenhandel in dieser Zeit zurückzuführen sein. (Auch den u.a. durch die Etrusker mitgebrachten, sowie insbesondere in der Römischen Kaiserzeit "eingesprenkelten" Herkunftsanteilen von Bauern-Genetik aus Marokko könnte noch genauer nachgegangen werden.)

Der Anteil der indogermanischen Genetik ist in der Römischen Kaiserzeit sehr ungleichmäßig verteilt, bleibt aber auf deutlich niedrigerem Niveau als zuvor. In der Spätantike wächst er dann zum Teil beträchtlich an. Das dürfte auf den Zuzug von Goten und Langobarden zurückzuführen sein.

Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit sehen wir die Anteile indogermanischer Genetik sehr ungleichmäßig in der Bevölkerung verteilt. Das könnte mit Heiratsschranken durch soziale Schichtung oder Stadt/Land-Unterschiede erklärt werden. (In der Renaissance-Kunst sehen wir ja auch noch verhältnismäßig viele hellhaarige Menschen.)

Aber bis zum 19. Jahrhundert herum scheinen Bevölkerungsteile mit diesem höheren Anteil indogermanischer Genetik weniger Nachkommenschaft in Mittelitalien hinterlassen zu haben. Auffallenderweise ging damit zugleich einher - bekanntlich - der Rückgang des Beitrags Italiens zu den kulturellen Errungenschaften der Menschheit (4).

Hier wird dem historisch Urteilenden viel zu denken gegeben.

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*) In einer Arbeit, die einstmals von Alfred Rosenberg angeregt worden war.
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  1. Ancient Rome: A genetic crossroads of Europe and the Mediterranean  By Margaret L. Antonio, (...) Ron Pinhasi, Jonathan K. Pritchard, Science, 08 Nov 2019:708-714, https://science.sciencemag.org/content/366/6466/708 
  2. Khan, Razib: https://www.gnxp.com/WordPress/2019/11/07/syrian-orontes-has-long-since-dried-up-to-be-replaced-by-the-tiber-once-more/ 
  3. Günther, Hans F.K.: Lebensgeschichte des römischen Volkes. Verlag Hohe Warte 1957 
  4. Murray, Charles: Human Accomplishment, 2003

Montag, 28. Oktober 2019

"Tierkopfzepter" der Indogermanen - Ursprünglich abgeleitet aus menschlichen Oberschenkelknochen?

Und was haben sie mit "Zauberstäben" gemeinsam? 

Im August schrieben wir unseren Aufsatz über die Urheimat der Indogermanen (1) und waren fasziniert von den neuen Erkenntnissen. Dabei erwähnten wir die Tierkopfzepter des Urvolkes der Indogermanen und ihre Ausbreitung als Bestätigung und Veranschaulichung der neuen Erkenntnisse, allerdings quasi nur im Vorübergehen.

Abb. 1: .... Tierkopfzepter? .....

Heute werden wir auf die Umschlaggestaltung der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift "American Journal of Physical Anthropology" aufmerksam (Abb. 1). Und dabei packt uns der Gedanke, daß in dieser Ausgabe erneut Tierkopfzepter behandelt sein könnten. 

Falsch gedacht! Hier werden vielmehr die Oberschenkelknochen (Femora) der 2015 neu entdeckten Vormenschen-Art Homo naledi (Wiki) untersucht (2). Und dabei handelt es sich um eine Menschenart, die vermutlich vor 2,5 Millionen Jahre in Afrika entstand und bis nach Asien hinein lange parallel zu weiter fortgeschrittenen Menschenarten existierte. Neueste Datierungen legen sogar nahe, daß sie noch bis in die Zeit des anatomisch modernen Menschen in Afrika gelebt haben könnte (siehe Wikipedia).

Das ist aber nun gar nicht das Thema, für das das Interesse bei uns beim Anblick dieser Umschlaggestaltung geweckt worden war! Verfolgen wir stattdessen unser Thema weiter: Sind die indogermanischen Tierkopf-Zepter etwa ursprünglich aus menschlichen Oberschenkelknochen abgeleitet worden? Damit würde man insbesondere die merkwürdige Form der "Tierköpfe" verstehen. Womöglich auch den ansonsten schwer nachvollziehbaren Winkel, in dem sie ursprünglich am (Holz-?)Stab befestigt gewesen sein könnten. Wohlgemerkt: Wir wollen hier nur eine Hypothese formulieren. Wenn sie falszifiziert wird - auch gut. Aber erst einmal gefällt uns diese Hypothese sehr gut.

Im übrigen, so fällt uns hierbei auf, muß es ja gar nicht so unwahrscheinlich sein, daß Zepter (Wiki, engl), also Herrscherstäbe einerseits und Zauberstäbe (Wiki, engl) andererseits ursprünglich ein und dasselbe gewesen sein können. Immerhin waren ja religiöse und politische Funktionen in frühen Völkern oft in ein und derselben Person vereinigt.

Vielleicht liegt darin auch die große Bedeutung, die die indogermanische Schnurkeramische Kultur (Wiki) ihren Streitäxten zugemessen hat. Deshalb ist sie ja ursprünglich auch oft Streitaxt-Kultur benannt worden. Dieses Volk hat sich knapp 2000 Jahre nach Entstehung des Urvolkes der Indogermanen an der Mittleren Wolga, also ab 2.800 v. Ztr. aus dem Weichselraum heraus in sehr kurzer Zeit über weite Teile Europas verbreitet (und es hat sich dabei auch mit einheimischen Bauertöchtern vermischt, siehe einer der letzten Beiträge hier auf dem Blog). Ihre oft gefundenen "Streitäxte" sollen ja - nach Meinung der Forschung - gar nicht für den Kampf nützlich gewesen sein. Sie hatten also ebenfalls symbolische Bedeutung. Und diese könnte natürlich ebenfalls abgeleitet sein von solchen Tierkopfzeptern. Brachten sie "Heil"? Konnte das, was durch sie berührt wurde, "verwandelt" werden? Zum Beispiel: Zum Besitz dessen werden, der die Berührung ausführte?

Selbst noch die Funktion einer bestimmten Form von bronzenen Vollgriff-Schwertern im Nordseeraum der Bronzezeit, wiederum tausend oder 1.500 Jahre später soll mehr repräsentativer Art gewesen sein. Auch diese seien nicht für den Kampf verwendet worden. Diesen Gedanken jedenfalls ventilierte der dänische Archäologe Kristian Kristiansen in seiner wegleitenden Arbeit aus dem Jahr 2015, auf die wir hier auf dem Blog jüngst hingewiesen hatten.

Und um 800 v. Ztr. hat das Szepter, der Herrscherstab immer noch seine große Bedeutung, wie aus der Ilias von Homer hervorgeht, auf die in diesem Zusammenhang auch hingewiesen wird (3). In ihrem zweiten Gesang heißt es an einer Stelle (Gutenberg):
Da erhub sich der Held Agamemnon,
Haltend den Herrscherstab, den mit Kunst Hephästos gebildet. 
Diesen gab Hephästos dem wartenden Zeus Kronion;
Hierauf gab ihn Zeus dem bestellenden Argoserwürger;
Hermes gab ihn, der Herrscher, dem Rossebändiger Pelops;
Wieder gab ihn Pelops dem völkerweidenden Atreus;
Dann ließ Atreus ihn sterbend dem lämmerreichen Thyestes;
Aber ihn ließ Thyestes dem Held Agamemnon zu tragen,
Viel' Eilande damit und Argos reich zu beherrschen.
Mit diesen Worten ist also die Bedeutung des Herrscherstabes für die Funktion eines Großkönigs im indogermanischen Bereich klar gekennzeichnet.
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  1. Bading, Ingo: Es ist "amtlich" - Das Urvolk der Indogermanen war die Chwalynsk-Kultur um 4.500 v. Ztr. an der Mittleren Wolga - Der US-amerikanische Archäologe David Anthony hat am 1. August über den neuesten Forschungsstand informiert, 4. August 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/es-ist-amtlich-das-urvolk-der.html 
  2. Morphology of the Homo naledi femora from Lesedi. Christopher S. Walker et. al., First published: 22 June 2019, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/ajpa.23877
  3. Dergachev, V. A.: On sceptres, on horses, on war: Studies in defence of M. Gimbutas’ migration concepts, Institute of Cultural Heritage of the Moldavian Republic 2007, behandelt von Carlos Quiles, 1.7.2018, https://indo-european.eu/2018/07/about-scepters-horses-and-war-on-khvalynsk-migrants-in-the-caucasus-and-the-danube/

Samstag, 19. Oktober 2019

"Deutschlands erste Fürsten starben wie Pharaonen"

Europäische Großreiche in der Spätbronzezeit 
- "Sie gingen weit über das hinaus, was die Römer 2000 Jahre später bei den Germanen vorfanden."

Bei der Beschäftigung mit der außerordentlich eindrucksvollen Kulturhöhe im Mittelmeerraum während der Bronzezeit - insbesondere der minoischen Kultur (Abb. 1) (7) - darf man heute immer gerne auch Schlußfolgerungen ziehen in Hinsicht auf die kulturellen Verhältnisse im zeitgleichen Mittel- und Nordeuropa. Denn das kulturelle Gefälle vom Mittelmeerraum aus Richtung Norden war keinesfalls so stark, wie das in der Forschung so lange Jahrzehnte hinweg wahrgenommen worden ist. In der Wissenschaft - und sogar in der Wissenschaftsberichterstattung - setzt sich diese neue Sichtweise derzeit immer stärker durch. Darauf haben wir schon in dem gestrigen Blogartikel hingewiesen.

Abb. 1: Die Wandmalereien von Thera, um 1600 v. Ztr. - Umschlagbild eines eindrucksvollen Buches, auch auf Deutsch erschienen (1999) (7)

Und das sei hier noch einmal ergänzt. Schon 2016 hat Berthold Seewald in der "Welt" getitelt (6): "Deutschlands erste Fürsten starben wie Pharaonen" (6). Er schrieb über die Ausgrabung des "Bornhöck" genannten Grabhügels bei Halle an der Saale (Wiki) (aus der Zeit um 1800 v. Ztr.) (6):
"Hier lag das Zentrum eines hierarchisch gegliederten Reiches",
also eines solchen Großreiches wie es diese zeitgleich auch im Mittelmeerraum gegeben hat. Diese Wahrnemung bildete den Ausgangspunkt und die Grundlage für den Blogartikel von gestern. Der Erforscher des Königsgrabhügels bei Halle ("Bornhöck"), der Archäologe Harald Meller ... (6)
... vergleicht die Anlage mit den Pyramiden des pharaonischen Ägypten. Nicht nur, daß die Goldbeigaben ihn als gottgleichen Herrscher ausweisen. Sondern auch Organisation und Ressourcen, die für den Bau eingesetzt wurden, belegen bereits eine soziale Differenzierung und Arbeitsteilung, die Herrschaft ermöglichte und dabei weit über das hinausgeht, was etwa die Römer 2000 Jahre später in Germanien vorfanden.
Wären also Wandmalereien erhalten aus dem Bereich Mittel- und Nordeuropas so wie sie aus dem zeitgleichen Mittelmeerraum erhalten sind (Abb. 1, 2), würde man ähnliche Farbenfreude feststellen wie dort, vielleicht auch ähnlich ausgeprägten, geradezu "modernen" Kunstsinn wie dort. - - - Über neue Entdeckungen im Westen Griechenlands seit 2015, die die Sichtweise auf die mykenische Kultur verändern (2), soll in diesem Sinne im weiteren Blogartikel berichtet werden.

Abb. 2: Jäger und Hirsch - Wandmalerei im "Palast des Nestor" bei Pylos in Westgriechenland, um 1400 v. Ztr. (Wiki)

Weltgeschichte ist ein Atemholen und Aushauchen des Weltgeistes. So hat es der deutsche Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770-1831) zum Ausdruck gebracht. Über dieses Atemholen und Aushauchen, über das Neuentstehen von Kulturen aus dem Untergang der vorherigen heraus, über das sich auch sein Freund Friedrich Hölderlin (1770-1843) sehr bewegt Gedanken gemacht hat (9), kommt es zum weltgeschichtlichen Fortschritt. Mit jedem Atemholen wird der Weltgeist und der ihn erfahrende menschliche Geist stärker im Bewußtsein der Freiheit. So zumindest diese beiden weltberühmten, deutschen Denker und Dichter, die - im Gegensatz zu ihren Nachfahren 200 Jahre später - voller Leben und Lebenszugewandtheit, voller Zuversicht waren (voller "Fortschrittsoptimismus" wie das ein weniger beflügelter Zeitgeist heute zu nennen beliebt).

Einen Blick auf ein solches Atmen des Weltgeistes erhalten wir auch durch die Beschäftigung mit dem "Grab des Greifen-Kriegers" (Wiki, engl), das 2015 bei Pylos in Westgriechenland entdeckt worden ist, und zwar an jener Ausgrabungsstätte - dem "Palast des Nestor" (Wiki, engl), die der deutsche Archäologe Carl Blegen 1939 entdeckt und ab den frühen 1950er Jahren über viele Jahrzehnte ausgegraben hat. 

Neu entdeckt: Das Grab des Greifen-Kriegers, 1450 v. Ztr. in Westgriechenland 


Das Grab wird auf die Zeit um 1450 v. Ztr. datiert, während der "Palast des Nestor" vermutlich erst hundert oder mehr Jahre später ganz in der Nähe dieses Grabes errichtet worden ist. Aufgrund seiner reichen Beigaben wird das Schachtgrab, in dem ein 30- bis 35-jähriger König begraben war, als die bedeutendste archäologische Entdeckung auf Festland-Griechenland seit vielen Jahrzehnten erachtet (1):
Unter den Beigaben sind Schmuckstücke aus Gold, eine perlengeschmückte Kette, Siegelringe, ein Bronzeschwert mit einem Griff aus Gold und Elfenbein, Silbervasen und Elfenbeinkämme. Die Schmuckstücke sind im minoischen Stil verziert - mit Götterfiguren, Tieren wie Löwen, Stieren und Adlern und floralen Mustern. Die Qualität der Beigaben belegte den Einfluß der Minoer auf die Mykener.
Rund um den "Palast des Nestor" finden sich eine Fülle von für die mykenische Zeit typischen "Tholoi-Gräbern", die aber alle schon vor vielen Jahrhunderten oder Jahrtausenden ausgeraubt worden sind. Sie waren - und sind ja - markant überirdisch sichtbar. Daß sich im Gegensatz dazu das Grab des Greifen-Kriegers unzerstört bis 2015 erhalten hat, liegt daran, daß ein Tholoi ganz in der Nähe zwar ausgeraubt worden ist, daß man dabei dieses Grab aber nicht entdeckt hatte und daß auch keiner der vielen Oliven-Bäume in seiner Umgebung mit seinen Wurzeln das Grab zerstört hat.

Abb. 3: Geradezu Jugendstil-mäßig stilisiert - und deshalb hochmodern - mutet an, was 3.500 Jahre alt ist: Eine 2015 entdeckte Kampfdarstellung auf einem 3,4-Zentimeter langen Siegelstein aus dem Grab des Greifenkriegers, 1450 v. Ztr. (Wiki)*)

Die zahlreichen Grabbeigaben in diesem Schachtgrab, die in ihrer Art bislang der bronzezeitlichen minoischen Kultur auf Kreta zugeordnet worden waren, verwischen für die Archäologen nun eine bislang als trennscharf wahrgenommene Grenzziehung zwischen der minoischen und der mykenischen Kultur um 1500 v. Ztr.. Darüber berichtet ein neuer Aufsatz in der Zeitschrift "Archaeology" aus dem Oktober 2019 (2):
"Die große Konzentration von Reichtum in einem Einzelgrab ist geradezu schockierend,"
sagt der US-amerikanische Archäologe Dimitri Nakassis. Und weiter (2):
"Man hatte bislang klare Grenzen ziehen können zwischen der minoischen und der mykenischen Kultur aber viele neuere Arbeiten weisen darauf hin, daß das unsere Kategorien sind, nicht ihre."
Hierbei darf man sich übrigens wieder daran erinnern, daß es ähnliche Vorgänge zu gleicher Zeit auch in Mitteleuropa gegeben haben kann, etwa was den Austausch zwischen der Aunjetitzer Kultur und der zeitgleichen bronzezeitlichen Kultur in Süddeutschland angeht (siehe voriger Blogartikel). Deutlich wird jedenfalls, daß der Übernahme von Kreta durch die Festland-mykenisch-griechische Kultur um 1400 v. Ztr. ein Jahrhundert intensiven kulturellen und wirtschaftlichen Austausches voran gegangen war (2):
"Über sechs Monate Ausgrabung hinweg entdeckte das Ausgräber-Ehepaar Stocker und Davis Bronzewaffen, handwerklich fein gearbeiteten Goldschmuck, Siegelsteine, Elfenbein-Einlagen, Perlen und vieles mehr zusammen mit einem Individuum, das 30 bis 35 Jahre alt war als es starb."
Für Gräber aus der Zeit um 2000 v. Ztr. ist es einfach, einen Minoer von einem Mykener zu unterscheiden. Bis 1500 v. Ztr. hat sich das deutlich geändert. Um 1600 v. Ztr. ist ein Aufblühen minoischer Kulturelemente auf dem griechischen Festland festzustellen (2):
"Es wurden Paläste gebaut, Reichtum sammelte sich an und an solchen Orten wie Pylos oder Mykene festigte sich die Macht."
Für mehrere Jahrhunderte ahmten die Mykener die Minoer nach auch was die Architektur betrifft. Sie übernahmen auch die Schrift von den Minoern, das "Linear A" und wandelten sie in das "Linear B" um. Eine Gesellschaft bestehend aus kleinen Dörfern in Mykene wandelte sich immer mehr um in eine hierarchisch gegliederte Gesellschaft. Ausgräber Stocker (2):
"Der Greifen-Krieger sagt: 'Ich bin Teil dieser Welt der minoischen Kultur.' Mit diesem Grab bekommen wir eine Geschichte erzählt, die uns zuvor nicht zugänglich war."
Auf Kreta wurden pro Grab aus dieser Zeit höchstens ein oder zwei Siegelsteine gefunden. Sie wurden dort als administrative Zeichen ("Stempel") gedeutet. Aber hier in diesem Grab finden 50 solcher Siegelsteine! (Der eindrucksvollste siehe in Abb. 3.) War dieser Herrscher also ein Großkönig? - - - Wir brechen an dieser Stelle ab. Es sei noch erwähnt, daß von dem letzten König von Pylos vor dem Seevölkersturm um 1200 v. Ztr. sogar der Name bekannt ist: Enkheljāwōn (Wiki). Seine regionalen Besitzungen und Einnahmen, sowie sein Besitz von zwei Kriegsschiffen samt Ruderern sind schriftlich bis heute im gefundenen Palastarchiv überliefert. Solche Könige samt Kriegsschiffen sind für dieselbe Zeit - laut Felszeichnungen (letzter Blogbeitrag) - somit auch für die Fjorde Norwegens und Schwedens, sowie für die Nordseehäfen Dänemarks und Deutschlands vorauszusetzen.

Abschluß: "Laß vergehen, was vergeht!"


Die eingangs getroffene Feststellung, daß die europäischen Großreiche der Spätbronzezeit im Nordseeraum und in Deutschland "weit über das hinausgingen, was die Römer 2000 Jahre später bei den Germanen vorfanden", wirft eine Fülle von Fragen auf, mit denen der Autor dieser Zeilen befaßt ist, seit er 2002 das Buch von Joachim Latacz "Troia und Homer" aufgewühlt gelesen hat (8).

Denn: Der Geist der Bronzezeit, der vermutlich zwischen Nordsee und Mittelmeerraum ein sehr ähnlicher gewesen ist bis 1200 v. Ztr., scheint sich durch seine Verschriftlichung in der "Ilias" im antiken griechischen Kulturraum weitaus kraftvoller erhalten zu haben und zu neuer Blüte gelangt zu sein als in allen anderen Regionen Europas, einschließlich Mittelitaliens, wo noch viel länger als in Griechenland die mündliche Kulturüberlieferung vorherrschend blieb. Nämlich über die von Latacz behandelten Heldengesänge, als welche ursprünglich vermutlich auch die Gesänge der "Ilias" überliefert worden sind (8). In diesem Umstand scheint sich uns - nicht zuletzt - die unermeßliche Bedeutung von Schriftkultur für den Geist einer ganzen Region und einer Geschichtsepoche wiederzuspiegeln. Ohne Homer kein Griechenland. Und ohne Griechenland - - -? Die Gedanken stocken und können gar nicht zu Ende denken, was damit ausgesprochen wäre. All dies dürften Umstände genug sein, um zu umfassenderer geschichtsphilosophischer Deutung und Auslotung herauszufordern. Aber halten wir uns zum Schluß an den schon erwähnten Hölderlin:
"Laßt vergehn, was vergeht! Es vergeht, um wiederzukehren, es altert, um sich zu verjüngen, es trennt sich, um sich inniger zu vereinigen, es stirbt, um lebendiger zu werden."
Erlauben wir uns in diesem Sinne einen poetischen Schluß. Denn alle großen Gedanken sind poetischer Natur und münden in die Poesie: Griechenland ist tot, ja. Die deutsche Klassik ist tot, ja. Die Bronzezeit ist lange dahin, ja. Aber Jünglinge leben noch, die all das wieder zum Leben erwecken können hochgestimmten Herzens und voller Adel in der Seele.
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*)  Bitte das Bild vergrößern, um die hochgradig eindrucksvollen Darstellungen des getöteten Kriegers links unten, des jungen, langgelockten, siegesfrohen, voranstürmenden Kriegers in der Mitte, der dem mit einer Lanze bewaffneten Krieger rechts gerade das Schwert in die Brust stößt, voll in sich aufnehmen zu können. Auf 3,5 Zentimeter Länge eine solche Fülle von eindrucksvollem Geschehen und eindrucksvoller Charakteristik. Die Stimmung der jeweiligen Personen, die Art ihrer Bewaffung, ihr muskulöser Körperbau sind genau und eindrucksvoll gekennzeichnet. Nicht ganz klar ist, ob der Stoß der Lanze des rechten Kriegers am Körper seines Gegners vorbei geht oder ihn trifft. Aber wäre letzteres der Fall, müßte das Gesicht des mittleren Kriegers wohl mehr von Schmerzen erfüllt sein. - - - Es sei denn, es sollte hier sein Tod "lachendes Auges" dargestellt sein. Nicht völlig auszuschließen ist ja, daß hier dargestellt ist, wie der 30-jährige Greifen-Krieger selbst ums Leben kam, und daß der Künstler diese Szene miterlebt hat und beim Schaffen noch ganz von ihr erfüllt war. Es wird wohl gesagt werden dürfen, daß die Darstellung von einem sehr ähnlichen Geist erfüllt ist wie die "Ilias" des Homer, die 600 Jahre jünger ist.
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  1. Schmuck, Vasen, Kämme: Archäologen entdecken antiken Grabschatz. Focus Online, 27. Oktober 2015, https://www.focus.de/wissen/mensch/antiker-grabschatz-bedeutsamster-fund-seit-65-jahren-us-archaeologen-finden-in-griechenland-einen-schatz-mit-mehr-als-1400-beigaben_id_5043436.html
  2. Curry, Andrew: World of the Griffin Warrior. A single grave and its extraordinary contents are changing the way archaeologists view two great ancient Greek cultures. In: Archaeology, September/October 2019, https://www.archaeology.org/issues/352-1909/features/7900-greece-pylos-mycenaean-warrior-grave
  3. Archäologen finden künstlerisches Meisterwerk in einem 3500 Jahre alten Grab. In: Epoch Times, 19. November 2017 Aktualisiert: 1. Dezember 2018, https://www.epochtimes.de/wissen/forschung/archaeologen-finden-kuenstlerisches-meisterwerk-in-einem-3500-jahre-alten-grab-a2270623.html
  4. https://www.smithsonianmag.com/history/golden-warrior-greek-tomb-exposes-roots-western-civilization-180961441/ 
  5. Archäologen feiern spektakulären Fund in Griechenland, 20. Dezember 2017, https://www.sueddeutsche.de/wissen/archaeologie-archaeologen-gelingt-spektakulaerer-fund-in-griechenland-1.3793390
  6. Berthold Seewald: Deutschlands erste Fürsten starben wie Pharaonen. Die Welt, 29.08.2016, https://www.welt.de/geschichte/article157889662/Deutschlands-erste-Fuersten-starben-wie-Pharaonen.html 
  7. Christos Doumas u.a.: Die Wandmalereien von Thera. Metamorphosis Verlag, München 1999
  8. Latacz, Joachim: Troia und Homer. Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels. Koehler & Amelang, München u. a. 2001 (2. Auflage. ebenda 2001; 3., durchgesehene und verbesserte Auflage. ebenda 2001; 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. ebenda 2005, 6., aktualisierte und erweiterte Auflage. ebenda 2010)  
  9. Hölderlin, Friedrich: Das Werden im Vergehen (um 1800) (Zeno), https://www.textlog.de/15859.html

Freitag, 18. Oktober 2019

Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte

Zusammenfassung: Der angesehene dänische Archäologe Kristian Kristiansen gab 2015 (6) folgendes zusammenfassendes Bild zur europäischen Spätbronzezeit: Ein Großreich des Karpatenbeckens griff den süddeutschen Raum an und unterwarf das dortige Großreich. Gemeinsam mit den dort neu gewonnenen Unterworfenen und Verbündeten griff dieses Großreich das Reich der Atlanter im Nordseeraum an. In der Schlacht an der Tollense um 1280 v. d. Ztr. konnte sich das Nordseereich erfolgreich verteidigen. Das Großreich des Karpatenbeckens hat sich in der Folgezeit expansiv nach Süden gewandt. Zur gleichen Zeit geriet das Reich der Atlanter mit seinen starken Kriegsschiffen in Bewegung. Der Seevölkersturm auf den Mittelmeerraum - zu Lande und zu Wasser - begann.

Themen dieses Beitrages in Kurzform:
  • Großreiche Europas 1300 bis 1200 v. Ztr. aus Sicht der heutigen Forschung
  • "Eine Variante der mykenischen Hochkultur" im Nordseeraum (Zitat Kristiansen)
  • Ein Bild der politischen Geschichte Europas der Bronzezeit, das es so konkret noch nie gegeben hat
  • Denkbare, plausible Schlußfolgerung desselben: Mittel- und Nordeuropa als Ausgangspunkte des Seevölker-Sturmes

Um 1200 v. Ztr. führte der sogenannte "Seevölker-Sturm" (Wiki) zu einem Epochenwechsel im Mittelmeerraum. Mehrere Großreiche gingen unter, Großstädte und Paläste wurden in Schutt und Asche gelegt, neue Kulturräume entstanden. Schon seit vielen Jahrzehnten macht man sich in der Forschung Gedanken darüber, wo das sagenumwobene "Atlantis" (Wiki), das vermutlich die Heimat der Seevölker bildete, gelegen hat. In den 1950er Jahren war es ein evangelischer Pfarrer aus Schleswig-Holstein, Jürgen Spanuth (1907-1998) (Wiki), der vorschlug, die Heimat der Seevölker könnte im Nordsee-Raum gelegen haben. Aber ihm schlug damals die gebündelte Macht der deutschen Facharchäologen entgegen, die damals auf größtmögliche Distanz gehen wollten auf ihre eigene biographische Verwurzelung im Dritten Reich und Prägung dadurch. Das "durfte" also nicht sein. Denn zu viel an dieser These erinnerte an Ideologie-Elemente aus der Zeit des Dritten Reiches. Seither ist die These von Jürgen Spanuth mehr oder weniger vermintes Gelände. Von Seiten der Fachwissenschaft findet sein Name, soweit übersehbar, in ernsthaften Erörterungen bis heute keine Erwähnung mehr.

Abb. 1: Chronologie und räumliche Verbreitung des Griffzungenschwertes Typ "Naue II" (aus: 6)

Jahrzehnte lang gab es bezüglich solcher Fragen in der Sache selbst auch kaum nennenswerte Erkenntnisfortschritte. Zwar äußerte sich in der Fachliteratur immer einmal wieder jemand überrascht über Hinweise auf wirtschaftliche und kulturelle Zusammenhänge zwischen dem bronzezeitlichen Mittelmeerraum und dem mittleren und nördlichen Europa. Aber diese Hinweise traten jeweils noch zu vereinzelt auf und die Daten war noch nicht überzeugend genug. Dieser Umstand scheint sich gerade zu ändern.

Auch in der Archäologie akkumuliert sich über die Jahre und Jahrzehnte mehr und mehr Wissen. Und um so mehr sich ansammelt, um so eher werden ausgesprägte geographische Verteilungs-"Muster" erkennbar. Und diese fordern zu Interpretationen heraus. Ein wichtiger Fortschritt war, daß im letzten Jahrzehnt die "Bronzezeitliche Stadtgeschichte Mitteleuropas" in den Fokus der Forschung gelangt ist. Darauf haben wir in einer eigenen Blogartikel-Serie hier auf dem Blog schon vor einigen Jahren hingewiesen (u.a.: 9). Damit war jedoch noch keineswegs irgend etwas Konkretes über die Urheimat der Seevölker gesagt. Immerhin wurde dadurch erkennbar, daß Mitteleuropa in der Spätbronzezeit vermutlich viel bevölkerungsreicher besiedelt gewesen ist als sich das die Forschung Jahrzehnte lang hat vorstellen können und eingestehen wollen und als das auch aus den Bodenfunden ablesbar war.

Zuletzt war es unter anderem die Entdeckung des bronzezeitlichen Schlachtfeldes an der Tollense in Mecklenburg-Vorpommern 2007, eines Schlachtfeldes aus der Zeit nach 1300 v. Ztr. (Wiki), die neue Bewegung in die Wahrnehmungen des Gesamtbildes gebracht hat. Indem wir uns mit der neuesten Studie hierzu beschäftigen, die gerade in "Antiquity" erschienen ist (1-5), erhalten wir Anstößte dazu, nach einem größeren, umfassenderen Erkenntnisrahmen für die hier neu gewonnen Einsichten (Abb. 5) zu suchen. Schon die mitgelieferte Verbreitungskarte (Abb. 5) läßt doch allzu deutlich großräumige Muster erkennen. Und indem wir nach einem solchen Rahmen suchen, stoßen wir auf die Arbeit eines angesehenen dänischen Archäologen namens Kristian Kristiansen aus dem Jahr 2015 (6). In ihr wird ein sowohl umfassendes wie zugleich auch überraschend konkretes Bild von der - geradezu - politischen Geschichte der Spätbronzezeit Europas gezeichnet. Ein Bild war so konkret zuvor niemals möglich gewesen. Wesentliche Inhalte dieser Studie aus dem Jahr 2015 sollen in diesem Blogartikel referiert werden. Zum Schluß werden wir sehen, daß sich die neuen Erkenntnisse vom Schlachtfeld an der Tollense aus diesem Jahr geradezu harmonisch und nahtlos in diesen größeren Interpretationsrahmen eingeordnen, der da schon 2015 gegeben worden war. Eine geradezu glänzende Bestätigung.

Sehr viele Erkenntnisse werden auch heute noch auf diesem Gebiet gewonnen durch die Auswertung der Verbreitung von Typen von Bronzeschwertern über ganz Europa hinweg. Dies ist zunächst die Fundgattung, die - zusammen mit anderen Hinweisen - die weitreichensten Schlußfolgerungen zuläßt.

Abb. 2: Regionen in Skandinavien mit Felszeichnungen, die Darstellungen von bronzezeitlichen Kriegsschiffen enthalten (aus Ling 2018)

Und indem wir uns damit beschäftigen, stellen wir fest, daß seit einigen Jahren der Wikipedia-Artikel zu Jürgen Spanuth immer umfangreicher geworden ist. Nachdem Spanuth Jahrzehnte lang wenig beachtet im Abseits stand, scheint es jetzt doch immer wieder Leute zu geben, die merken, daß es Grund gibt, seine Atlantis-Theorie zumindest so ernst zu nehmen, daß man sie detailliert mit dem aktuellen Stand der Forschung in Abgleich bringen sollte. Und das fällt in der einen Detailfrage einmal zu ungunsten von Spanuth aus, in der anderen Detailfrage hinwiederum zu seinen  gunsten - so wie das zwangsläufig sein muß, wenn die Forschung einige Jahrzehnte weiter gegangen ist. Keineswegs aber kann gesagt werden, daß seine These heute - sozusagen - in "Bausch und Bogen" verworfen würde oder werden könnte (Wiki). Ganz im Gegenteil. In der Arbeit von Kristiansen aus dem Jahr 2015 fällt der Name Spanuth zwar kein einziges mal (wohlweislich, vermutlich). Aber als großer Elephant steht der Name Spanuth natürlich unausgesprochen in der Mitte der Debatte und kann überall mitgelesen werden. Auf Wikipedia wird schon gleich als erster Einwand "gegen" die Spanuth-These derzeit angeführt (allerdings mit Verweis auf eine Arbeit aus dem Jahr 1993!) (Wiki):
Die Griffzungenschwerter vom Typus Naue II (= Sprockhoff II) werden von Spanuth auf Grund veralteter Quellen als "gemeingermanisch" bezeichnet und ihr Ursprung in der nordischen Bronzezeit verortet. Tatsächlich stammen die ältesten Nachweise dieser Bronzeschwerter jedoch aus Norditalien (ca. 1450 v. Chr.) und verbreiteten sich danach zunächst nach Mittel-, West- und Nordeuropa, später (um 1200 v. Chr.) über Südost-Europa nach Griechenland, die Ägäis, Kleinasien, den Nahen Osten und Ägypten. Spanuth allerdings wies nachdrücklich daraufhin, daß es nicht entscheidend sei, wo die Griffzungenschwerter ursprünglich aufkamen, sondern nur, daß sie um 1200 v. Chr. auch bei den Nord-Seevölkern und den anderen Gegnern Athens, Mykenes und Ägyptens allgemein verbreitet waren.
Und tatsächlich gehört die Häufigkeit und geographische Verbreitung von Schwerttypen in der Spätbronzezeit, sowie die Intensität ihrer Nutzung zum Kernstück der Argumentation von Kristiansen im Jahr 2015 (6).

Im Vorübergehen sei zunächst noch bemerkt, was natürlich viel breiter zu behandeln wäre, daß neueste Forschungen (dieses Jahres und früherer Jahre) tatsächlich heraus gearbeitet haben, daß die Nordische Bronzezeit das notwendige Kupfer zur Herstellung seiner reichen Bronze-Gegenstände aus dem Mittelmeerraum bezogen hat und nicht - wie noch von Spanuth vermutet - von Helgoland. Aber sogar dieser Umstand spricht insgesamt ja eher "für" als "gegen" die These von Spanuth. Denn immerhin etabliert sich auch damit derzeit immer stärker in der Forschung das Wissen, daß es engen kulturellen, wirtschaftlichen, militärischen und politischen Austausch zwischen dem Mittelmeer-Raum und dem skandinavischen Raum gegeben hat. Und genau das Wissen darum formuliert die Arbeit von Kristiansen ja nun sehr behutsam und detailliert. Und um so mehr es einen solchen gegeben hat, um so eher sollte man meinen, daß der Nordseeraum auch der Ausgangspunkt für einen Zug von "Seevölkern" dargestellt haben könnte. Vielmehr: Es fällt einem fast schwer anzunehmen, daß dieser es nicht gewesen ist.

Die "große Linie" - Politische Geschichte Europas 1400 bis 1150 v. Ztr.


Wenn man die faktenreiche Studie von Kristiansen liest (6), taucht vor dem inneren Auge ein Bild auf. Kristiansen selbst zeichnet es so konkret noch nicht. Aber er ist offenbar von ihm auch nicht gar so weit entfernt. Und vielleicht hat er es ja sogar schon im Hinterkopf. So spricht er spricht noch sehr zurückhaltend und vage von "Konföderationen" (von Stammesstaaten oder Fürstentümern), die es in Europa gegeben haben könnte. Werden wir etwas konketer: Die politische Geschichte des östlichen Mittelmeerraumes und des Vorderen Orients in der Spätbronzezeit ist von sogenannten "Großreichen" geprägt gewesen. Das Großreich der Hethiter (Wiki) führte Krieg gegen Ägypten oder gegen das Großreich der Assyrer - oder schloß Frieden und Bündnissen mit ihnen gegen den jeweiligen übrig bleibenden. Auf der anderen Seite steht in Griechenland die mykenische Palastkultur, die - wie wir spätestens aus der "Ilias" wissen - zumindest für Kriegszüge auch unter einem Großkönig vereinigt sein konnte ("Agamemnon"). Das von Kristiansen gezeichnete Bild von Mittel- und Nordeuropa scheint uns nun am meisten Sinn zu machen und wird auch nur am widerspruchslosesten neben das Bild des Mittelmeerraumes zu stellen sein, wenn wir auch hier "Großreiche" unterstellen. Gerne solche der mykenischen Art, also wo Fürstentümer und Stammesstaaten nur lose miteinander zu einem Großreich vereinigt sind.

In diesem Sinne könnte von einem Großreich der Aunjetitzer Kultur gesprochen werden. Sein Zentrum könnte in der Nähe der berühmten Fürstengräber bei Halle an der Saale gelegen haben, wo der Salzhandel einträchtige Gewinne abwarf, und wo ja auch die Himmelsscheibe von Nebra entstanden ist, bzw. als Weihgabe niedergelegt worden ist. Offensichtlich hat die Aunjetitzer Kultur in einem engen politischen und Heirats-Austausch mit der süddeutschen Bronzezeit ("Hügelgräberkultur", "Hügelgräberbronzezeit") gestanden, die damit diesem Großreich grob noch hinzugeordnet werden kann. Außerdem könnte ein Großreich der Nordischen Bronzezeit benannt werden, das man - aufgrund der vielen kulturellen Ähnlichkeiten - als "die Mykener Dänemarks" (oder Jütlands) bezeichnen könnte, Kristiansen spricht - wörtlich - von einer "nordischen Variante der mykenischen Hochkultur". Wir werden weiter unten auch noch von der großen Bedeutung des Karpatenbeckens hören, für das ebenfalls ein Großreich angenommen werden kann, ebenso wie für die etruskische Terramare-Kultur in Norditalien.

Entsprechend dem Geschehen im östlichen Mittelmeerraum dürfen auch für die politischen Verhandlungen zwischen den mitteleuropäischen Großreichen politische, militärische und Handels-Delegationen angenommen werden. Insbesondere die jungen Männer reisten an die Königshöfe ihres eigenen Großreiches oder die der benachbarten Großreiche, um Kriegsdienste zu leisten, politische Bündnisse neu zu schließen oder zu bekräftigen, Handelswaren auszutauschen, Ehefrauen mitzubringen.

In das Ahnen oder Wissen um das Bestehen solcher Großreiche  würden sich dann übrigens auch nahtlos die skandinavischen Felszeichnungen von großen Kriegsschiffen einfügen. Diese Kriegsschiffe konnten es doch - offenbar - mit den Kriegsschiffen Mykenes oder Ägyptens gleicher Zeit aufnehmen. Scheinbar hat man in der Forschung bislang selten den Mut, die Dinge so weit zu Ende zu denken, obwohl sie doch letztlich zutage liegen mögen wie das helle Licht der Sonne (Abb. 2).

Wenn sich herausstellen sollte, daß der Nordseeraum den Atlantern richtig zugeordnet wurde, könnte natürlich auch von dem Reich der Atlanter die Rede sein. Und - wie wir noch erfahren werden (6): Ein junger "Makedonen"-König aus der Slowakei rollte ab 1340 v. Ztr. die süddeutsche Ökumene (Höhenburg-Kultur / Palast-Kultur) auf und führt dann - mit den Unterworfenen und neuen Verbündeten einen Kriegszug bis Mecklenburg durch, bis in das Tal der Tollense. Dieser Angriff wird vom Reich der Atlanter zwar abgewehrt, aber auch die Menschen dieses Reiches kommen durch ihn - und womöglich andere Ursachen - in Bewegung. Und große Zahlen von Menschen wandern ab, nun mit den auf skandinavischen Felsbildern abgebildeten Schiffen entlang der Atlantikküste bis in die Mündungsarme des Nil. Der junge slowakische Fürst - oder sein Sohn oder sein Enkel - hingegen machen sich auf den Weg zur Eroberung des Mittelmeerraumes über den Landweg, über den Balkanraum hinweg. Somit könnte als Auslöser für den Seevölkersturm zunächst ein früher "Alexanderzug" vermutet werden. - Und so kommt man zu einer einigermaßen schlüssigen Erklärung dafür, wie es zu einer Art Zangenoperation von Westen und Osten auf die Großreiche des Mittelmeerraumes kommen konnte - zum: Seevölkersturm.

Welch ein Bild! Indem wir diese Gedanken notierten, haben wir das bei Kristiansen Gelesene noch "extrapoliert" und etwas konkreter ausformuliert als es Kristiansen selbst formuliert hat. Mit dem von Kristiansen gegebenen Bild dürfte diese "Erzählung" aber zumidest nicht in Widerspruch stehen. Vielmehr finden sich viele bestätigende Hinweise - wie in diesem Blogartikel nun zusammen getragen werden soll. Erst wenn eine Forschungsthese forsch ausformuliert worden ist, kann die Detailforschung dazu motiviert werden, nach Veri- oder Falsifzierungen derselben zu suchen.

Thema "Zentrum und Peripherie" - Notwendige Vorüberlegungen


Aber all das fordert uns auch dazu auf, das Thema "Zentrum und Peripherie" neu zu durchdenken. Was können die mykenischen Griechen von den Völkern der Nordsee gewußt haben? Oder sollen wir anders fragen: Was wußten die mittelalterlichen Italiener von China und den Mongolen? Als Marco Polo von seiner Reise zurückkehrte, wurde er verlacht, als er von Millionen-Städten in China erzählte. Und so kann auch in der Bronzezeit eine vage Ahnung vorhanden gewesen sein von Völkern "weit, weit weg" und großen, blühenden Reichen. Aber konkretes Wissen muß es von denen auch dann nicht unbedingt gegeben haben, selbst wenn wir den Austausch von Handelsgütern sehr konkret feststellen können und wenn sich diese entfernten Völker in ihrem kulturellen Habitus sehr anlehnen an den eigenen - mykenischen - Kulturraum. Denn dieser Austausch wird nicht zuletzt auch oft über "Zwischestationen" erfolgt sein, vergleichbar der Seidenstraße zwischen China und dem Westen. Allerdings drängt sich bei genauerem Durchdenken auf, was Kristiansen noch gar nicht berücksichtigt: Der naheliegende Handelsweg des Nordseereiches entlang der Atlantikküste (s. Abb. 2).

Wie auch immer: Vieles über die Peripherie des eigenen - mykenischen - Kulturraumes dringt deshalb nur gerüchteweise in diesen, selbst wenn vereinzelt Kriegs- oder Handelsschiffe von dort kommen und Krieger von dort Kriegsdienste leisten. Der (mykenische) Kulturraum ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und mit dem näheren geographischen Umkreis, als daß in sowieso eher spärlich überlieferten Schriftzeugnissen zunächst detaillierte Auskünfte über weit entfernte Völker und Länder zu finden sein könnten. Noch die Wandalen des Frühmittelalters hatten nur noch vage Verbindungen mit ihrer einstigen Heimat an der Elbe wie die byzantinischen Geschichtsschreiber festhielten. Immerhin: Sie hatten sie.

Andererseits regt auch das einheitliche Auftreten "Homerischer Heroengräber" noch um 800 v. Ztr. von Jütland über Seddin und Posen bis nach Griechenland zu großer Verwunderung an (7). Kann ein solcher Grabbrauch so einheitlich über so weite Entfernungen gestaltet sein ohne direkteren Gedankenaustausch? Das ist schwer vorstellbar. Oder kann sich ein solcher Grabbrauch über Jahrhunderte (in diesem Fall: 400 Jahre) in so weit entfernten Regionen als Tradition halten, auch wenn der vielleicht vormals direktere Gedankenaustausch längst verloren gegangen ist? Letzteres ist durchaus denkbar. Aber auffällig scheint auch hier wieder, daß es "direkte" Verbindungen zwischen Griechenland und Nordeuropa zu geben scheint, wobei der mitteleuropäische Raum von dieser Tradition - nach derzeitigem Kenntnisstand - ausgenommen ist. Diesem "Muster" begegnen wir in diesen Zeiträumen so häufig, daß auch dieses zum Nachdenken auffordert.

In der Odysee des Homer gelangt Odyseus ganz zum Schluß seiner Reise in das am weitesten entfernte Land, in das Land der Phäaken, "Scheria" (Wiki). Manche vermuten, daß sich in dieser Erzählung die vage Erinnerung an ein fernes Volk im Nordmeer widerspiegelt. Die reichen archäologischen Daten (6) drängen einem aber oft den Gedanken auf, daß der Zusammenhang zwischen Jütland und Mykene ein engerer gewesen sein muß als bloß ein solcher gerüchteweiser wie er sich in solchen Erzählungen gehalten haben könnte. Nun, hier werden zunächst noch manche Fragen offen bleiben müssen.

Was schreibt Kristian Kristiansen 2015 im Einzelnen?


Aber schauen wir nun genauer in die Studie von Kristiansen (6). Er erwähnt das Wort des Caesar über die britischen Inseln: "Niemand ohne gute Gründe besucht diese außer die Händler." Ähnliches vermutet Kristiansen auch für die Bronzezeit. Und dennoch (6, S. 366):
Seit dem 15. Jahrhundert wurden Krieger während der Späten Bronzezeit im östlichen Mittelmeerraum weithin als Söldner gesucht. Das ist gut bezeugt durch Texte und auf Stelen, nicht zuletzt in Ägypten. Und dies erklärt, wie neue Schwerttypen sich innerhalb von wenigen Jahren vom Mittelmeerraum bis nach Skandinavien ausbreiten konnten. Die Kombination aus Handel mit Metall und möglicherweise Waffen ebenso wie die Fahrten von Kriegergruppen und von ihnen zugehöriger Spezialisten, führten zu einer vernetzten "globalisierten" Welt ohne historisches Vorbild.
Wahrlich große Worte. Was für ein Horizont tut sich hier auf. Er schreibt über die im Kampf sehr effektiven Griffzungenschwerter (6, S. 369):
Von diesen hochmobilen Kriegern kann angenommen werden, daß sie eine treibende Kraft gewesen sind hinter der Ausbreitung von Waffentechnologie und es kann keinen Zweifel daran geben, daß die internationale Verbreitung von Nordeuropa bis in die Ägäis wahrlich bemerkenswert ist. (...) Von ihren Kriegsfahrten brachten sie neue Eindrücke mit, Erfindungen und materiellen Wohlstand. Diese Vermutungen werden bekräftigt durch die vielen Funde von griechischer Bewaffnung wie Beinenschienen, Brustharnisch und Helme ebenso wie mykenische Schwerter und Degen, wie sie auf dem Balkan und in Mitteleuropa in der Späten Bronzezeit gefunden wurden. (...) Am vielleicht eindrucksvollsten ist dieses Krieger-Erbe erhalten in den zahlreichen Gräbern Dänemarks und Norddeutschlands, die viele Griffzungenschwerter mit Benutzungsspuren enthalten, die deutlich aufzeigen, daß sie in wirklichen Kämpfen benutzt worden sind.
Siehe dazu auch: (8, 9). Kristiansen zeigt sich beeindruckt von dem "unglaublichen Reichtum an Bronze und Gold im südlichen Skandinavien nach 1500 v. Ztr.". Er vermutet seinen Ursprung im Handel mit der bevölkerungsreichen Höhenburg- (sprich "Palast"-!?!) -Kultur Mitteleuropas, die hinwiederum in Handelskontakt mit dem Mittelmeerraum stand (über Mokodonia und andere Handelszentren) (6, S. 369):
Hierdurch wird der Beginn eines höchst bemerkenswerten Aufblühens der Kultur der Nordischen Bronzezeit markiert, die plötzlich sehr reich wurde an Kupfer, Zinn und sogar Gold. Während der nächsten Jahrhunderte wurden in Südskandinavien mehr kunstvolle Bronzegegenstände produziert und in Gräbern und als Weihgaben ("Depotfunden") niedergelegt als in jeder anderen Region Europas. Baltischer Bernstein gelangte in reiche Gräber des südlichen Mitteleuropa, Italien und in mykenische Gräber, ebenso wie in die Levante und nach Syrien.
Im Mittelmeerraum, so Kristiansen, war ein Kilogramm Bernstein vermutlich ebenso viel wert wie ein Kilogramm Gold (6, S. 369). Und ein Kilogramm kann ein Mensch noch heute gut an einem Tag nach einem Sturm am Strand aufsammeln. Aber natürlich kann sich Reichtum auch durch Kriegsdienste oder durch Sklavenhandel ansammeln - ebenso wie noch viel später in der Wikingerzeit (9). Kristiansen (6, S. 371):
Somit ist es nicht überraschend, daß Europa und die Ägäis während des 15. und 14. Jahrhunderts v. Ztr. die Benutzung ähnlicher Kriegerschwerter vom Griffzungentypus miteinander teilten ebenso wie ausgewählte Elemente eines ähnlichen Lebenstils wie den hölzernen Klappstuhl. Verbunden damit sind ebenso Gegenstände der Körperpflege wie Rasiermesser und Pinzetten. Dieses ganze mykenische "Kulturpaket", einschließlich Spiraldekoration wurde in Südskandinavien nach 1500 v. Ztr. sehr direkt angenommen, wordurch eine spezifische und ausgewählte nordische Variante der mykenischen Hochkultur geschaffen wurde, die in der dazwischen liegenden Region nicht angenommen wurde.
Kristiansen weist auch auf kulturellen und wirtschaftlichen Austausch zwischen Jütland und Süddeutschland hin. Die berühmte 18-jährige Frau von Egtved (um 1370 v. Ztr.) (Wiki, engl) ist in ihrem letzten Lebensjahr nach neuesten Forschungen, an denen Kristiansen beteiligt war, zwei mal zwischen Süddeutschland und Jütland hin- und hergereist (6, S. 372):
Krieger und Händler bewegten sich regelmäßig zwischen dem südlichen Skandinavien und Süddeutschland und wahrscheinlich sogar noch über weitere Entfernungen.

Expansion aus dem Karpatenbecken heraus (1340 v. Ztr.)?


Kristiansen weiter (6, S. 373):
Das gut geschmierte Netzwerk kollabierte dann während des Übergangs zum 13. Jahrhundert v. Ztr. und wurde ersetzt durch ein ost-mitteleuropäisches Netzwerk des Sprockhoff Typ II/Naue II-Griffzungenschwerts (Verweis auf Karte, hier in Abb. 1). (...) Neue Strontium-Isotop-Analysen zum Beispiel für Neckarsulm in Süddeutschland um 1300 v. Ztr. geben Hinweise darauf, daß Krieger von ausländischen Fürstentümern angeworben worden sein könnten. Es handelt sich um ein Männergrab mit 51 Individuen, von denen ein Drittel nicht einheimisch waren. Dennoch teilten sie vor ihrem Tod dieselbe gesunde Ernährung und sie waren überdurchschnittlich groß. (...) Die Skelette zeigen Zeichen von Reiten, was durch die Urnenfeld-Kultur eingeführt worden sein könnte.
Zuvor wurden also Pferde, wenn wir es hier recht verstehen, nur im Zusammenhang mit Streitwagen benutzt.

Abb. 3: Verbreitung des Riegsee-Schwerttyps (schwarze Punkte), Verbreitung von Hortfunden (schrafierte Fläche) - Deutung: Aus dem Karpatenbecken heraus beginnt zunächst eine Expansion Richtung Süddeutschland (aus: 6, S. 377)


Und (6, S. 376):
Das alte Netzwerk mit Süddeutschland, das einen stetigen Austausch von Metall für Bernstein während des größten Teiles des 15. und 14. Jahrhunderts v. Ztr. sicherstellte und das Möglichkeiten für Krieger und Händler bot, in beiderlei Richtungen zu reisen, wurde zerschnitten aufgrund von Kriegen verbunden mit sozialer und religiöser Reformation im ganzen östlichen Zentraleuropa. Die archäologischen Hinweise hierauf sind zweifach: das Ersetzen des Schwerttyps mit oktogonalen Griffen durch das Riegsee-Vollgriffschwert, das niemals Dänemark erreichte. Aber wir finden plötzlich eine Gruppe von Riegsee-Schwertern in der Slowakei, dem neuen Zentrum für Kontakte mit dem Norden. Wir dürfen dies als den Versuch interpretieren, neue politische Allianzen zu schmieden. Aber vielleicht ist es auch das Ergebnis von Ost-West-Feindschaften regionalerer Art. Zur selben Zeit sehen wir eine geographische Ausbreitung von Hortfunden ("hording", vermutl. Depotfunde, Weihgaben), die eine alte rituelle Tradition der Karparten darstellen, die aber nun auch in Mitteldeutschland und im früheren Jugoslawien auftreten. Das legt entweder ein Eindringen von neuen Völkern vom Karpatenbecken aus nahe und/oder neue kriegerische Verwicklungen. (...) Im südlichen Deutschland wurde eines der Zentren des Handels, Bernstorff, um 1340 v. Ztr. schwer befestigt und kurz danach niedergebrannt und verwüstet. Bernstorff ist mit einer Größe von 14 Hektar die größte befestigte Siedlung im südlichen Deutschland und westlichen Mitteleuropa. Seine umfangreichen Befestigungsanlagen wurden in der Mittleren Bronzezeit angelegt (Mitte des 14. Jhdts. v. Ztr.), als sich das Machtgleichgewicht zwischen dem östlichen und westlichen Mitteleuropa wandelte und kurz danach wurden sie über eine Länge von 1,6 Kilometer zerstört und heruntergebrannt.
Die heutige rumänische Stadt Temeswar (Wiki) im rumänischen Banat, bzw. in der Großen Ungarischen Tiefebene im Karpatenbogen, ist nach ihrer Zerstörung durch die Tartaren 1241 von Siedlern aus Deutschland wieder aufgebaut worden, die insgesamt zu den "Banater Schwaben", bzw. "Donauschwaben" zählten. Ihre Nachfahren lebten hier bis in die 1990er Jahre und stellten bis Anfang des Zweiten Weltkrieges innerhalb der Stadt die Mehrheit. 21 Kilometer nördlich der Stadt Temeswar liegt das Dorf Schadan (rumänisch Cornesti), wo ebenfalls unter anderem auch deutsche Bauern angesiedelt worden und 2 Kilometer von diesem Dorf entfernt ist schon seit dem 18. Jahrhundert eine riesige Festungsanalge Cornesti Iarcuri (Wiki) bekannt, die seit 2007 intensiv archäologisch erforscht wird, und deren vierfache Befestigungsringe einstmals 1.700 ha umfaßten. Kristiansen schreibt über diese (6, S. 383):
Archäologisches Material und wenige Radiocarbon-Daten legen nahe, daß die Errichtung  während der frühen Urnenfeld-Kultur stattgefunden hat. (...) Die bisherigen archäologischen Arbeiten legen nahe, daß hier etwas völlig Neues stattgefunden hat hinsichtlich des Organisationsgrades großer Populationen. (...) Ein solcher Bevölkerungsüberschuß wäre ein natürlich gegebener Haupt-Unruhefaktor für spätere Wanderungen, insbesondere wenn die Siedlung während des 12. Jahrhunderts v. Ztr. ganz oder teilweise aufgegeben worden ist.
Die Urnenfeld-Kultur (Wiki) begann um 1300 v. Ztr.. Kristiansen weist dann daraufhin, daß die Expansion aus dem Karpatenraum heraus zusammen fällt mit der Schlacht an der Tollense in Mecklenburg und dem Zusammenbruch regelmäßiger Austausch-Beziehungen zwischen dem Nordseeraum und Süddeutschland. Es könnte sich um Expansionsbewegungen gehandelt haben "erst nach Norden, später nach Süden" (6, S. 383). Und damit hätte man dann in Umrissen schon die Geschichte, die oben mit noch etwas konkreteren Metaphern ("junger Makedonen-König") gezeichnet worden ist. Aus dieser Zeit weisen die Schwerter Süddeutschlands viel häufiger Abnutzungsspuren auf als zuvor. 50 % von ihnen sind nun stark abgenutzt. Entweder wurden sie wirklich mehr gebraucht als zuvor oder sie blieben länger in Benutzung, weil der bisherige, stetige, kostengünstige Zufluß von Kupfer (für neue Schwerter) auf den bisherigen Handelswegen ins Stocken geraten war.*) In dieses Szenario ordnet Kristiansen dann auch noch die Terramare-Kultur in Norditalien ein (6, S. 383):
Hier erreichte eine große Bevölkerungs-Konzentration ihren Höhepunkt um 1200 v. Ztr. und mehr als 100.000 Menschen haben ihre Heimstätten auf. Einige von ihnen siedelten sich anderwärts in Italien an. Andere wurden augenscheinlich Teil der "Seevölker".
Kristiansen spricht dann die Gruppe der sogenannten Krieger-Gräber ("warrior graves") in Achaea in Griechenland aus der Zeit des 12. Jahrhunderts v. Ztr. an, aus der Zeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch der mykenischen Palastkultur, und daß diese Gräber Schwerter vom Naue II-Typ enthielten zusammen mit mykenischen Schwertern (6, S. 384):
Es könnte vermutet werden, daß diese neuen "Krieger-Prinzen" in der Tat Söldner nördlichen Ursprungs waren, die in Griechenland blieben und einheimische Regenten wurden. Diese Sichtweise wird unterstützt durch die Tatsache, daß die meisten der Waffen in diesen Gräbern europäischen Ursprungs waren.
Damit in Zusammenhang stellt Kristiansen auch, daß in berühmten, entdeckten Schiffswracks sich Hinweise finden darauf, daß auf diesen schwer beladenen Handelsschiffen im Mittelmeer Söldner aus Skandinavien als bewaffnete Wachen mitgefahren sind, etwa auf dem Schiffswrack von Uluburum (Wiki) aus der Zeit um 1350 v. Ztr.. Soweit hier zunächst das Bild, das Kristiansen - aufgrund der Forschungslage bislang noch sehr skizzenhaft - zeichnet.

Es sei aber an dieser Stelle auch festgehalten, daß nach der Karte in Abbildung 1 die Mehrheit der dort abgebildeten jütländischen Griffzungen-Schwerter (Typ Naue II) erst aus der Zeit 1150 bis 1050 v. Ztr. stammen. Fast zwingt dieser Umstand ja zu der Schlußfolgerung, daß eine große Zahl der Krieger der Seevölker, der Atlanter - wenn sie dann an Kriegszügen im Zusammenhang mit dem Seevölkersturm teilgenommen haben sollten - wieder nach Jütland zurück gekehrt sind. Ob ein solches Szenario denkbar ist oder ob diese räumliche und zeitliche Fundhäufung auch noch anders erklärt werden kann?

Schutzwaffen der europäischen Bronzezeit


Aber lassen wir dieses "große Szenario", das Kristiansen da skizzenhaft entworfen hat, einmal so stehen und versuchen wir, neuere Forschungen in dieses einzuordnen. Im Mittelpunkt der weiteren Betrachtung stehen wieder zwei Verbreitungskarten von Metallfunden aus der Bronzezeit (Abb. 4 und 5). In Abbildung 4 findet sich die Verbreitung der ältesten metallenen europäischen Schutzwaffen abgebildet. Sie stammt aus dem Jahr 2016 (11). In Abbildung 5 findet sich dann die Verbreitung von zwei noch spezielleren Arten von Metallfunden abgebildet, nämlich solcher wie sie 2016 auf dem Schlachtfeld an der Tollense in Mecklenburg gefunden worden sind und wie sie soeben - vor einigen Tagen - veröffentlicht worden sind. (Wie fast alle hier zitierten Arbeiten liegen auch diese dankenswerter Weise im Open Access vor.)

Abb. 4: Fundorte metallener Schutzwaffen der europäischen Bronzezeit, 1400 bis 1000 v. Ztr. (aus: 11)
Zu Abbildung 4 (11):
"Wir  kennen  heute  aus  der  gesamten  europäischen  Bronzezeit  rund  90  Schilde,  120 Helme,  30  Panzer  und  75  Beinschienen."
An Metallhelmen dieser Zeit finden sich in Westeuropa Kammhelme (Abb. 4 rot) und Kappenhelme ohne Knauf (Abb. 4 orange), in Osteuropa Kappenhelme mit Knauf (Abb. 4 grün). Interessanterweise die Grenze der Verbreitungsgebiete eine Linie grob entlang der Elbe, des Bayerischen Waldes und verlängert bis hinunter zur Adria. In Nordeuropa finden sich fast nur Schilde und nur sehr wenige (osteuropäische) Kappenhelme. Deutlich wird auch, daß sich metallene Schutzwaffen in der europäischen Mittelgebirgszone viel häufiger finden als nördlich derselben. Diese Verbreitungsmuster lassen sich der "Erzählung", die Kristiansen gegeben hat, zuordnen.

Es darf wohl davon ausgegangen werden (was Kristiansen nicht durchgängig hervorhebt), daß sich im gesamten Bereich der Mittelgebirge protourbane Zentren fanden ("Höhenburgen") in etwa 30 Kilometer Abstand, mit denen eine deutlich höhere Siedlungsdichte einhergegangen sein wird als nördlich der Mittelgebirge. Die hohen Populationszahlen, die Kristiansen also für das Karpatenbecken und Norditalien zwischen 1300 und 1200 v. Ztr. feststellt, wird man wohl für weite Teile des Mittelgebirgsraumes annehmen müssen.

Abb. 5: Verbreitungskarte von kleinen Bronzeblech-Rollen (vermutl. Scharnieren) (rote Sterne) und Schwertern des Riegsee-Typs (grüne Sterne) in Europa (aus: 1)
Und auch in der zweiten Karte (Abb. 5) finden wir eine grobe Ost-West-Teilung, wobei die isolierten Funde im Tollense-Tal darauf hinweisen, daß diese wohl eher durch ein einmaliges Ereignis so weit abgelegen in den Norden geraten sein können. Und wir verstehen jetzt vielleicht noch besser die Berechtigung der Überlegungen von Kristiansen aus dem Jahr 2015. Wodurch wohl sonst sollen diese Funde so weit in den Norden geraten sein als durch einen - gemeinsamen? - Kriegszug von Kriegern aus Süddeutschland, bzw. dem Karpatenraum Richtung Ostsee?

Haben wir doch auch gerade erst erfahren, daß die jungen Männer der Herrenhöfe des Lechtales in Bayern gerne auf Brautschau und auf Abenteuer ausgingen und außer Landes weilten, nicht zuletzt auch im Bereich der Aunjetitzer Kultur, von wo viele ihrer Frauen herstammten. Warum sollte sich ein König der Aunjetitzer Kultur, bzw. der Hügelgräberkultur durch so viele prächtige junge Männer aus Süddeutschland nicht dazu veranlaßt gefühlt haben, einen großen Eroberungszug gen Norden zu führen? Zumal ein König es als sinnvoll ansehen mag, einer große Zahl ausländischer junger Männer innerhalb seines Reiches besser an den Grenzen desselben zu tun zu geben - damit sie nicht auf andere, dumme Gedanken kommen. Man kommt - wie damit sichtbar wird - sehr bald ins "Romanschreiben", wenn man sich mit diesen aktuellen Forschungen beschäftigt und findet nicht wenig später, daß Kristian Kristiansen diesen "Roman-Entwurf" schon im Jahr 2015 deutlich umfassender ausgearbeitet hatte.

Denkbar ist auch, daß die Völker und Stämme des Ostseeraumes wiederholte Kriegs- und Plündungszüge gen Süden geführt haben (siehe größer Abnutzungsspuren ihrer Schwerter) und daß deshalb der König der Hügelgräberkultur (oder aus dem Karpatenraum) einen Rachefeldzug geführt hat.

Es könnte aber auffällig erscheinen, daß es in der Frühbronzezeit um 2.000 v. Ztr. in der Verteilung der Metallfunde in Europa noch nicht eine so deutliche Unterteilung in Mittelgebirgszone und nördlich davon gegeben hat. Womöglich hat sich dieses Gefälle erst im Laufe des 2. Jahrtausends v. Ztr. herausgebildet durch deutlich stärkeres Bevölkerungswachstum in der Mittelgebirgszone denn im Ostseeraum. Ähnliches ist ja für diesen Zeitraum auch in England zu beobachten. Nur in Südenglnad war in der Bronzezeit die Hausmaus verbreitet. Und ähnlich wird sich die Hausmaus auch mit der protourbanen Kultur der Höhenburgen in der Bronzezeit nur bis zum Nordrand der Mittelgebirge ausgebreitet haben. (Die kontinentale Verbreitungsgeschichte der Hausmaus in der Bronzezeit zu erforschen, dazu fordern wir hier auf dem Blog schon seit mehr als zehn Jahren auf.)

Neue aufschlußreiche Bronzefunde vom Schlachtfeld an der Tollense (1300 v. Ztr.)


In einer inzwischen verrotteten Stofftasche oder einem Holbehälter führte nun ein an der Tollensse vermutlich erschlagener Elitekrieger, Adelskrieger - vom Schlage eines Achill oder eines Hektor - 31 kleine Bronzeteile mit sich, darunter viel "Metallschrott", wie ihn mancher handwerklich begabte Krieger damals mit sich geführt hat (1-5)**).

Und unter den Bronzeteilen fanden sich Stücke von (vormaligen) Messern, Meißeln (chisle) und Ahlen (awl). Solche Werkzeuge fand man auch sonst im Tollense-Tal, sowie in Norddeutschland oder in Südskandinavien. Als besonders aufschlußreich könnte sich aber erweisen, daß sich unter diesen Metallstücken auch Bronzebleche ("sheet bronze") fanden, und zwar darunter drei 1 Millimeter dünne Bronzebleche, die zu Rollen mit einem Durchmesser von 2,4 bis 3 Zentimeter gedreht waren und am Ende mit Löchern, bzw. Perforationen versehen waren. Solche kleinen Bronzeblech-Rollen ("bronze cylinder") sind in Nordeuropa dieser Zeitstellung bislang noch nie gefunden worden, aber schon sehr häufig in Gräbern dieser Zeitstellung in Ostfrankreich und Süddeutschland (rote Sterne in Abb. 5). Die dortige Forschung vermutet, daß es sich bei diesen Bronze-Rollen um Halterungen, bzw. Scharniere ("fittings") für Holzschachteln oder Stofftaschen handelt. In solchen könnten offenbar Werkzeuge, Metallschrott und Gewichte für Waagen transportiert worden sein, die sich oft gemeinsam mit diesen Bronzeblech-Rollen finden - und so ja auch jetzt im Tollense-Tal bei Welzin.

Auch viele bronzene Gewandnadeln fanden sich auf dem Schlachtfeld an der Tollense so wie man sie sonst vor allem aus Kriegergräbern in Süddeutschland kennt. Die Funde implizieren jedenfalls, daß Könige in Vorpommern Krieger aus viel weiter südlich gelegenen Teilen rekrutieren konnten oder daß Heere aus Süddeutschland und aus der Hügelgräberkultur (Vorläufer der Kelten) oder der Richtung Ostsee unterwegs waren.

Wenn man übrigens die Körper der gefallenen Krieger in der Tollense (Wiki) hat verwesen lassen so lange, bis der Fluß die Knochen durch seine Strömung an ihre heutigen Fundorte verteilen konnte, ist dieser Umstand ein Hinweis darauf, daß diese Gegend wohl für längere Zeit von Menschen gemieden worden ist, bzw. nicht besonders dicht besiedelt gewesen ist, ja, daß auch die Furt über die Tollense, um die es in der Schlacht gegangen sein mag, höchstens noch selten genutzt wurde. Der Fluß fließt Richtung Norden, hat also die Skelette und Knochen Richtung Norden hin in seinem Flußbett verteilt. Bevor man die Toten den Geiern überließ, hat man das Schlachtfeld natürlich gründlich nach Waffen abgesucht. Deshalb finden sich solche höchstens noch als Zufalsfunde. Einen hölzernen Weg von Osten her bis zur Furt an der Tollense gab es schon seit etwa 1900 v. Ztr..

Die Verbreitungskarte in Abbildung 5 regte uns an, umfassender zu recherchieren und daraus ist der vorliegende Blogartikel entstanden. Und somit schließt sich der Kreis. Aufregende Entwicklungen in der Forschung!

__________________
*) Kristiansen und Koautorin hatten Benutzungsspuren und das Nachschleifen der rasiermesserscharfen Schwerter Mittel- und Nordeuropas der Bronzezeit zunächst zwischen 1500 und 1150 v. Ztr. untersucht. Sie fanden, daß in Mitteleuropa (in diesem Fall wurden Schwerter aus Ungarn untersucht) 45 % der Schwerter geringe Benutzungsspuren aufweisen, 40 % mittelmäßige und 15 % starke. In Jütland wiesen 20 % geringe, 52 % mittelmäßige und 28 % starke Benutzungsspuren auf. In Jütland scheinen die Schwerter in diesem Zeitraum also deutlich häufiger in Benutzung gewesen zu sein als in Mitteleuropa. Allerdings war es womöglich in Mitteleuropa leichter oder günstiger, ein neues Schwert zu erwerben als in Jütland, weshalb die Schwerter in Jütland auch länger in Benutzung gewesen sein können.
**) Original (2): "The new find, unearthed in 2016, includes cylindrical fragments of bronze, along with a bronze knife, awl, and small chisel. The jumble of tools and scrap metal resemble someone’s personal effects, rather than a ritual deposit or hoard. Archaeologists say the tools were likely in a bag or box that decayed. But the contents were held in place by the thick mud of the riverbed—until divers found them some 3000 years later. Dozens of similar collections of scrap bronze, along with small tools for cutting it, have turned up in the graves of high-status warriors from much farther south, along the northern foothills of the Alps from eastern France all the way to the modern-day Czech Republic. (At the time, bronze was the height of metallurgical—and military—technology.) But this densely packed cluster of bronze objects is the first of its kind found this far north."

_______________
  1. Uhlig, T., Krüger, J., Lidke, G., Jantzen, D., Lorenz, S., Ialongo, N., & Terberger, T. (2019). Lost in combat? A scrap metal find from the Bronze Age battlefield site at Tollense. Antiquity, 93(371), 1211–1230. doi:10.15184/aqy.2019.137
  2. Curry, Andrew: 3000-year-old toolkit suggests skilled warriors crossed Europe to fight an epic battle. Science Mag., 15. Oct. 2019, https://www.sciencemag.org/news/2019/10/3000-year-old-toolkit-suggests-skilled-warriors-crossed-europe-fight-epic-battle 
  3. Pressemitteilung Universität Göttingen, Oktober 2019, https://www.uni-goettingen.de/de/3240.html?id=5647 
  4. Oktober 2019, https://www.goettinger-tageblatt.de/Campus/Goettingen/Forscherteam-der-Universitaet-Goettingen-entdeckt-31-ungewoehnliche-Objekte-im-Tollensetal 
  5. Homepage des Hauptautors Tobias Uhlig: http://www.uni-goettingen.de/de/606555.html 
  6. Kristiansen, Kristian; Suchowska-Ducke, Paulina: Connected Histories: the Dynamics of Bronze AgeInteraction and Trade 1500–1100 BC, Proceedings of the Prehistoric Society 81, 2015, pp. 361–392, doi:10.1017/ppr.2015.17 (Cambridge)
  7. Bading, Ingo: Hektor, Patroklos und Achill - Sie lebten auch in Deutschland, 29.07.2019, https://youtu.be/13WSEl5tkx0 (Blogartikel dazu in Vorbereitung)
  8. Bading, Ingo: Der "helmumflatterte Hektor" - Spätbronzezeitliche Krieger-Kulturen im Mittelmeer-Raum, in Nebra und an der Nordsee. Juli 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/07/der-helmumflatterte-hektor.html
  9. Bading, Ingo: 2.200 - 1.600 v. Ztr. - Zu einigen Charakteristika der mitteleuropäischen, frühbronzezeitlichen Stadtkultur - Salzhandel und Geldwährung - Ösenhalsringe und Vollgriffdolche in der Bronzezeit. Mai 2010, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/05/2200-1600-v-ztr-zu-einigen.html
  10. Bading, Ingo: Die Wikinger, ihre Gene und ihr Sklavenhandel in Ostdeutschland und Osteuropa, 7.9.2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/09/wikinger-gene-in-elite-grabern-gropolens.html
  11. Mödlinger, Marianne: Bronzezeitliche Schutzwaffen. In: Krieg - eine archäologische Spurensuche. Begleitband zur Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) 6. November 2015 bis 22. Mai 2016 (Hrsg. Harald Meller und Michael Schefzik), Landesamt für archäologische Denkmalpflege Sachsen-Anhalt - Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) 2015. (Konrad Theiss Verlag) (Academia.edu)
  12. Tomedi, Gerhard; Eggzur, Markus: Chronologie Bronze- und Früheisenzeitlicher Kammhelme. Archäologisches Korrespondenzblatt 44, 2014 (Academia.edu)
  13. Melheim, Anne Lene; Sabatini, Serena: Nordic-Mediterranean relations in the second millennium BC - New Pespectives on the Bronze Age. Proceedings of the 13th Nordic Bronze Age Symposium held in Gothenburg 9th to 13th June 2015. 2017, 355-362, https://www.duo.uio.no/handle/10852/65102
  14. Ling, J., Chacon, R., & Chacon, Y. (2018). Rock Art, Secret Societies, Long-Distance Exchange, and Warfare in Bronze Age Scandinavia. Quantitative Methods in the Humanities and Social Sciences, 149–174. doi:10.1007/978-3-319-78828-9_8  

Dienstag, 15. Oktober 2019

Tamera im Urwald? - Ein Gesellschaft frei von Zwängen, Tabus und Unterdrückung?

Bonobo-Männchen sind "Muttersöhnchen", Aggressivität gibt es dennoch

Das Buch "Through a Window" von Jane Goodall (geb. 1934) (Wiki) aus dem Jahr 1991 ist inzwischen schon längst zu einem Wissenschafts-Klassiker geworden (1). Über dieses hat man das Sozialleben wildlebender Schimpansen umfassend und eindrucksvoll kennenlernen können. Seit der Veröffentlichung dieses Buches glaubt man, die Grundmuster des Zusammenlebens der Schimpansen gut und einigermaßen vollständig übersehen zu können. Natürlich wurden auch seither und werden künftig Einzelheiten zum Gesamtbild hinzugefügt. Aber an den groben Umrissen, an den großen Linien des Bildes hat sich seither nur noch wenig geändert. Die Vollständigkeit des Bildes war damals dadurch erreicht worden dadurch, daß nicht nur Beobachtungen mitgeteilt werden konnten zum Zusammenleben der Schimpansen innerhalb der Gruppe, sondern auch zu den regelmäßigen und blutigen Kriegen und Kriegszügen, die Schimpansen mit allen anderen Gruppen um eigenes Territorium führen.

Wer die damaligen Erkenntnisse sehr beeindruckt hatte in sich aufnehmen können, für den stand seither immer die Frage im Raum, wie es diesbezüglich mit der Schwesterart der Schimpansen, mit den Bonobos (Wiki), bestellt ist, die - durch den Kongo von den Schimpansen getrennt am Südufer desselben leben. Daß das Sozialleben dieser Bonobos nach - zum Teil - ganz anderen "Rationalitäten" durchstrukturiert ist, das war der Forschung schon sehr bald bewußt geworden. Dies wird womöglich jedem Zoobesucher bewußt, der Bonobos beobachtet: Sexualität findet bei ihnen zwischen fast allen Gruppenmitgliedern statt und ist noch viel stärker in das Alltagsleben eingebunden als bei den Schimpansen.

Abb. 1: Bonobo - Fotografin: Amanda Downing, Wiki

Über Jahre hinweg hat die Forschung aber immer nur eher oberflächliches Wissen zusammen tragen können (2) oder einzelne Aspekte des Soziallebens der Bonobos umreißen können. Erst seit etwa 2017 formen sich all die vielen Einzelbeobachtungen zu einem zusammenhängenden, umfassenderen Bild. Und auch hier scheint nun die Vollständigkeit des Bildes - im Oktober 2019 - dadurch erreicht zu werden, daß nun eine japanische Wissenschaftler-Gruppe das Verhalten der Bonobos beim wiederholten Zusammentreffen von verschiedenen Bonobo-Gruppen sehr genau in seinen Regelhaftigkeiten beschreiben kann (3).

Schon in früheren Jahren war berichtet worden, daß diese Zusammentreffen von Bonobo-Gruppen viel friedlicher verlaufen als die von Schimpansen-Gruppen, die eigentlich immer kriegerischer Natur sind. Dann hatten andere Forscher wieder berichtet, daß aggressives Verhalten sehr wohl auch bei dem Zusmmentreffen von Bonobo-Gruppen zu beobachten sei. Diese widersprüchlichen Nachrichten konnten allseits nur für Verwirrung sorgen. Wie war es damit denn nun wirklich bei den Bonobos bestellt? Welche von beiden Nachrichten stimmte? Nun: Beide. Und warum das so ist, das scheint nun in der neuen Studie dieses Monats sehr einleuchtend erläutert zu werden (3). Auffälligerweise ist diese Studie in der Wissenschaftspresse bislang überhaupt nicht behandelt worden, weder in der englischsprachigen, noch in der deutschsprachigen. Das kommt uns sonderbar vor. Scheint diese Studie doch die Lösung des "Bonobo-Problems" an sich zu enthalten - jedenfalls nachdem seit 2017 schon manche andere zentrale Erkenntnis veröffentlicht worden ist (siehe unten), die dann jeweils auch in der Presse behandelt worden war.

Bonobos - Grundmuster ihres Zusammenlebens können jetzt wesentlich vollständiger überblickt werden


Das genannte Vorherrschen von Sexualität im Alltagsleben der Bonobos führt dazu, daß die Dominanzverhältnisse bei Bonobos ganz anders strukturiert sind als bei Schimpansen. Es wird nun also bekannt, daß Bonobo-Männchen bei dem Zusammentreffen von zwei unterschiedlichen Bonobo-Gruppen durchaus aggressiv sind und sein können - so wie Schimpansen, daß sie sich dazu auch zusammen schließen können - so wie Schimpansen, daß diese Aggressivität aber unterlaufen wird von dem Umstand, daß die Weibchen beider Gruppen dominanter sind und diese Dominanz den friedlichen Charakter des Zusammentreffens von zwei Bonobo-Gruppen sicherstellt. Ganz schön verrückt. Ganz schön verrückt! In der Zusammenfassung der Studie heißt es (3):
Gruppen von Bonobos begegnen einander regelmäßig und vermischen sich miteinander und ziehen miteinander umher für einige Stunden oder einige Tage. Während dieses Zusammenseins von zwei Gruppen zeigen Individuen über die jeweiligen Gruppengrenzen hinweg sowohl aggressive wie freundschaftliche Verhaltensweisen.
Orig.: Groups of bonobos encounter each other frequently and may mingle and range together from a few hours to a few days. During these inter‐group associations, individuals across groups exhibit both aggressive and affiliative interactions.
Verhalten in wiederholten Zusammentreffen von drei Bonobo-Gruppen wurden ausgewertet (3):
Bonobos erhöhen beim Zusammentreffen mit anderen Gruppen die Kooperation innerhalb der Gruppen mehr als dies geschieht, wenn es Auseinandersetzungen innerhalb der jeweiligen Gruppe gibt. Auch wurden Aggressionen gegen eigene Gruppenmitglieder vermindert im Vergleich zum Alltagsverhalten. Männchen griffen ausgewählt und gemeinsam Männchen der anderen Gruppe an. Zwischengruppen-Aggressionen unter Weibchen hingegen waren selten. Mehr noch: Weibchen bildeten manchmal Koalitionen mit Individuen der anderen Gruppe, um ein gemeinames Ziel anzugreifen.
Original: Bonobos increased the level of cooperation to attack out‐group individuals more than they do to attack within‐group individuals. Additionally, they reduced the aggression between within‐group members during inter‐group associations, compared to that when not associated with other groups. Males selectively and cooperatively attacked out‐group males. Inter‐group aggression among females was rare. Furthermore, females sometimes formed coalitions with out‐group individuals to attack a common target.
Also Männchen bleiben doch Männchen - auch bei den Bonobos. Vor allem aber merkt man dieser Zusammenfassung an, daß sie sehr differenziert argumentiert. Leider ist uns der Volltext der Studie - entgegen allen Prinzipien von Wissenschaftlichkeit - gegenwärtig nicht zugänglich. Deshalb muß uns diese Zusammenfassung reichen. Aber man merkt schon, daß beim Zusammentreffen von zwei Bonobo-Gruppen sehr komplexes Verhalten auftritt, und daß Bonobos letztlich dann doch wirklich "völlig anders" sind als Schimpansen, nicht quasi von einem "völlig anderen Stern" stammen. Männer bleiben eben Männer. Aber als Schlußfolgerung wird dennoch formuliert (3):
Unsere Ergebnisse unterstützen die Hypothese, daß Zwischengruppen-Wettbewerb bei Bonobos existiert, wobei Männchen über Gruppengrenzen hinweg im Wettbewerb um Weibchen (Paarungspartner) stehen. Weibchen waren über Gruppengrenzen hinweg tolerant und sogar kooperativ miteinander. Unabhängig von der idealen männlichen Strategie, sorgen weibliche tolerante und kooperative Beziehungen über Gruppengrenzen hinweg und weibliche Inner-Gruppen-Dominanz über Männchen für tolerante Beziehungen zwischen Gruppen bei Bonobos.
Orig.: Our results support the hypothesis that inter‐group competition occurs in bonobos, with males across groups competing over mates. Females across groups were tolerant and even cooperative with each other. Regardless of the ideal male strategy, female tolerant and cooperative relationships across groups and female within‐group superiority over males could preserve tolerant inter‐group relationships in bonobos.
Da hat jemand klar strukturierte Sätze formuliert. Und man kann nur sagen: Wow. (Wow, wow, wow.) Schon von Schimpansen-Gruppen war vor Jahrzehnten bekannt geworden, daß Weibchen bei Agression innerhalb der Gruppe, bei Rangkämpfen, ausgleichenden Einfluß ausüben können, insbesondere dominantere Weibchen. Unter anderem der niederländische Verhaltensforscher Frans der Waal hatte das in verschiedenen Veröffentlichungen wiederholt herausgestellt. Weiter aber reichte der Einfluß der Schimpansen-Weibchen nicht. Bei Bonobos hingegen ist dieser Einfluß deutlich größer.

Die Mütter - Sie bestimmten den Fortpflanzungserfolg ihrer Söhne


Und um das besser zu verstehen, wollen wir im folgenden festhalten, was ich schon 2017 aufgrund damaliger veröffentlichter Forschungen zu den Bonobos auf Facebook festgehalten hatte: Der Günstling der Frauen hat die meisten Kinder (4-8).  Die Forschungsgruppe von Martin Surbeck vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig hatte 2017 einige neue Einsichten über das - einigermaßen irre - Gruppenleben der Bonobo veröffentlicht. Die ihnen nächsten verwandten Schimpansen sind kriegerisch und bilden Männerbanden ("Männerbünde") (4, 5). Männliche Bonobos hingegen umgeben sich am liebsten mit Weibchen und sind in der Regel gemischtgeschlechtlich unterwegs (4, 5). Bonobos scheinen auch ihr Territorium kaum zu verteidigen. Vielmehr gibt es freundschaftlichen Austausch mit benachbarten Gruppen (4, 5). Sie sind - zumindest aus der Perspektive des typischen Schimpansen - einigermaßen irre.

Die Männchen verbünden sich bei den Bonbobos mit Weibchen, gerne mit der eigenen Mutter, wenn sie Streit mit anderen Männchen haben (4, 5).  (Und an dieser Stelle erläutert der Autor die neuen Einsichten ein wenig "poetisch", wenn auch mit einem flachen Vergleich: Mein Gott, sind das "Luschen", ruft "Ausbilder Schmidt" [Wiki] dazwischen. Er würde komplett ausrasten und durchdrehen, müßte er bei den Bonobos leben. Mag diese Nebenbemerkung hier als Idee für den nächsten Kino-Kassenschlager stehen bleiben ...) 

Das Rangsystem der Bonobos ist gemischtgeschlechtlich und nicht wie bei den Schimpansen so, daß alle männlichen Schimpansen rangmäßig über allen weiblichen Schimpansinnen stehen, und daß sich dort zwar die Rangabfolge im Laufe des Lebens der männlichen Schimpansen ändern kann (infolge von Rangkämpfen), daß aber die Weibchen ihre Stellung in der Rangabfolge von ihrer Mutter übernehmen und nur "aufsteigen" im Rang, wenn ein Weibchen über ihnen stirbt.

Ja, und da hätte man ja nun doch denken sollen: Bei den so super aggressiven, männerbündlerischen Schimpansen, die nach "Ausbilder Schmidt"-Schema ticken, sollte doch das Alpha-Männchen der Gruppe viel ungleichgewichtig mehr Nachkommen (auf Kosten der anderen Männchen in der Gruppe) haben als der erfolgreichste Vater der Gruppe bei den Bonobos.

Aber weit gefehlt. Weit gefehlt. Immer wieder einmal gelingt es der Natur, menschliche Erwartungen zu unterlaufen. Denn das war - wieder einmal! - aus einer typischen (männlichen, sprich: Ausbilder Schmidt-)Perspektive heraus gedacht. Vielmehr führt bei den Bonobos die Günstlingswirtschaft zu viel ungleichgewichtigeren Verhältnissen.

Der bevorzugte männliche Günstling der Weibchen bei den Bonobos ist nämlich Vater von 60 Prozent der Nachkommen in der Gruppe (3-5). Das ist das Alphatier, das in diesem Fall von seinen menschlichen Beobachtern "Camillo" genannt wurde. Ob das nun daran liegt, daß er ein so toller Frauenflüsterer ist? Steht er den ganzen Tag - bildlich gesprochen - vor dem Spiegel und wendet nun offenbar eine total andere Strategie an als das typische, einigermaßen grobschlächtige Alpha-Männchen bei den Schimpansen? Und das auch noch mit mehr Erfolg? Denn bei den Schimpansen ist der männliche Fortpflanzungserfolg ja viel "demokratischer", gleichmäßiger verteilt.

Nein, wiederum zu Ausbilder-Schmidt-mäßig gedacht: Bei den Bonobos scheint es vielmehr die Mutter des jeweiligen Günstlings zu sein, die den Ausschlag gibt. Sie scheint dafür zu sorgen, daß ihr Sohn genügend Fortpflanzungserfolg hat. Ein männlicher Schimpanse ohne seine eigene Mutter innerhalb der Gruppe steht völlig am Rand derselben. Das sind also sehr deutlich andere Verhältnisse als bei den Schimpansen. Lauter "Muttersöhnchen", so möchte man sagen, diese Bonobos.

Ausbilder Schmidt und mancher andere würde da jedenfalls auswandern wollen. Ob es reicht, über den Kongo zu schwimmen hinüber nach Norden zu den Schimpansen? (Aber gibt es da nicht Krokodile?)

Nachdem sich also 2017 in der Forschung schon in vielen Punkten bestätigte, daß die Bonobo's sehr wohl eine deutlich stärker weiblich-dominierte und Sexualitäts-dominierte Lebensweise aufweisen (4-8), ist dies im Mai 2019 in einer weiteren Studie dann noch einmal bekräftigt worden (9): Wenn die Mutter eines männlichen Bonobos mit in derselben Gruppe lebt, hat dieser Bonobo erhöhte Fortpflanzungschancen. Dieser Zusammenhang ist bei den Schimpansen nicht gegeben.

Tamera im Urwald? - Ein Gesellschaft frei von Zwängen, Tabus und Unterdrückung?


Übrigens hat man diesen Zusammenhang inzwischen auch im Wuppertaler Zoo begriffen (10). Dort versuchte man, einen männlichen Bonobo-Waisen in eine schon bestehende Gruppe zu integrieren. Aber zwei männliche Halbwüchsige gingen ihn aggressiv an - solange ihre Mutter dabei war. Erst nachdem sie von ihrer Mutter getrennt waren, wurden sie diesem Waisenkind gegenüber friedlich (10). An solchen Beispielen wird womöglich gut deutlich, daß die Dominanz der Weibchen nicht in jedem Fall zu weniger Aggression führen muß. Vielleicht trägt gerade sie auch zu einem gerüttelten Maß jener Aggresion bei, die dennoch bei den eingangs behandelten Zwischengruppen-Treffen auftritt. Ob man wohl sagen kann, daß auch dies - wenigstens zum Teil - eine Auswirkung des "ethnozentrischen", mütterlichen Oxytocin's ist, das seine "beiden Seiten" hat, das heißt, sowohl Zuwendung, Günstlingswirtschaft nach innen ebenso wie Ausgrenzung (wiederum Günstlingswirtschaft) nach außen mit sich bringt?

Wer sich im übrigen ein anschauliches Bild von den Bonobos machen möchte, dem kann eine zugängliche Fernsehdokumentation mit der US-amerikanischen Verhaltensforscherin Frances J. White (Wiki) aus dem Jahr 2007 empfohlen werden (11, 12). Sie kehrte - nach den verheerenden Kriegen im Kongo - 2005 zu ihrer Forschungsstation zurück. Dabei wurde sie von einem Filmteam begleitet. Und dabei entstand die Dokumentation "The Last Great Ape", die zwei Jahre später, 2007, ausgestrahlt wurde (11).

Abschließend: Wenn man sich mit den Bonobos beschäftigt, fühlt man sich natürlich immer wieder einmal an menschliche Lebensgemeinschafts-Projekte erinnert, etwa solche wie "Tamera" (Wiki). Darauf soll aber hier nur hingewiesen werden, um zu zeigen, daß es Möglichkeiten geben könnte, das Verhalten der Bonobos in konkretere Bezüge zu stellen zum Verhalten des Menschen. In wie weit ein solcher Bezug Sinn macht, können wohl nur "Insider" solcher Lebensgemeinschafts-Projekte sagen.*) Bestimmen in ihnen dominantere Frauen die Sozialbeziehungen? Und führt dies auch zu Ausgrenzungen männlicher Individuen, die sofort aufhören oder geringer werden, wenn diese Frauen nicht anwesend sind? Eine Frage, die in diesem Zusammenhang auftaucht: Wie wird die - offenbar doch nicht ohne Einfluß bleibende - Rangordnung zwischen den Weibchen von Bonobo-Gruppen ausgehandelt?

___________________________
*) Ergänzendes zum Thema: In einer anderen noch älteren Studie wurde herausgearbeitet, daß das Lachen der Bonobos viel Ähnlichkeit mit dem Lachen menschlicher Baby's aufweisen würde.
____________________
  1. Goodall, Jane: Through a Window - 30 years observing the Gombe chimpanzees. Weidenfeld & Nicolson, London 1991; Deutsch: Ein Herz für Schimpansen. Meine 30 Jahre am Gombe-Strom. Rowohlt, Reinbek 1996 
  2. Bading, Ingo: Bonobos - wirklich die "politisch korrekten" Primaten? 25. Juli 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/07/bonobos-wirklich-die-politisch.html 
  3. Nahoko Tokuyama, Tetsuya Sakamaki, Takeshi Furuichi: Inter‐group aggressive interaction patterns indicate male mate defense and female cooperation across bonobo groups at Wamba, Democratic Republic of the Congo. In: American Journal of Physical Anthropology, First published: 06 October 2019 https://doi.org/10.1002/ajpa.23929
  4. "Unsere zwei Gesichter" - Interview mit Primatenforscher Dr. Martin Surbeck. In: Landeszeitung Lüneburg, Juni 2017, http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2017-06/40873066-landeszeitung-lueneburg-unsere-zwei-gesichter-interview-mit-primatenforscher-dr-martin-surbeck-007.htm
  5. Kriegerische Auseinandersetzungen könnten unterschiedliche Sozialstrukturen bei Schimpansen und Bonobos erklären. Pressemitteilung Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), Halle-Jena-Leipzig, 03.05.2017, https://www.idiv.de/de/news/news_single_view/news_article/warfare-may.html
  6. Die ganze Wahrheit über Bonobo-Sex, 10.7.2017, http://derstandard.at/2000061089847/Die-ganze-Wahrheit-ueber-Bonobo-Sex
  7. In fathering, peace-loving bonobos don't spread the love. Juli 2017, https://phys.org/news/2017-07-fathering-peace-loving-bonobos-dont.html
  8. In bonobo communities, just a few males monopolize reproduction, https://www.upi.com/Science_News/2017/07/10/In-bonobo-communities-just-a-few-males-monopolize-reproduction/3531499718904/
  9. Martin Surbeck, Christophe Boesch, (...) RichardWrangham, Emily Wroblewski, Klaus Zuberbühler, Linda Vigilant, Kevin Langergraber: Males with a mother living in their group have higher paternity success in bonobos but not chimpanzees. In: Current Biology, Volume 29, Issue 10, 20 May 2019, Pages R354-R355, https://doi.org/10.1016/j.cub.2019.03.040, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982219303380
  10. Tischendorf, Anja: Darum ist Affe Bili so blutig!, 23.1.2019, https://www.bild.de/regional/duesseldorf/duesseldorf-aktuell/wuppertaler-zoo-darum-ist-bonobo-affe-bili-so-blutig-59699964.bild.html
  11. Dick Barlett, Harlan Reiniger, Andres Chastney, George Farley: The Last Great Ape. NOVA Documentary, 2007, https://youtu.be/A1ZtGv0qJGA, https://www.dailymotion.com/video/x2ex34t, https://youtu.be/OiFE7UuPRjY; https://www.pbs.org/wgbh/nova/bonobos/about.html; Transkript: https://www.pbs.org/wgbh/nova/transcripts/3403_bonobos.html
  12. Frances White - Internetseite, Universität von Oregon, 2011, https://blogs.uoregon.edu/fwhite/, https://anthropology.uoregon.edu/profile/fwhite/
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