Mittwoch, 19. Dezember 2018

"Er sitzt wieder im Sattel, der genetische Determinismus"

Eine wissenschaftliche Revolution ist im Gange - Rund um polygenetisch vererbte Merkmale

Nach so vielen anderen wissenschaftlichen Revolutionen auf dem Gebiet der Humangenetik in den letzten Jahrzehnten ist zur Zeit wiederum eine neue im Gange (1):
"Es konnte inzwischen gezeigt werden, daß polygenetische Auswertungen die Risiko-Voraussagen für Prostata-, Eierstock- und Brustkrebs verbessern können. Sie können auf Merkmale hinweisen, die auf lokale Anpassung zurück zu führen sind ..."
- bei denen also - im Klartext gesprochen - angeborene Volks- und Rasse-Unterschiede vorliegen -
"... und die den Weg des evolutionären Wandels nachverfolgen lassen."*)
Was hier mit wenigen Worten angedeutet ist! Ob es die deutschen (Rechts-)Intellektuellen verstehen, verstehen wollen, was hier an neuem Futter zur geistigen Auseinandersetzung bereit liegt? Ob sie zugreifen (2)? Oder ob sie weiter warten, daß jemals rechtskatholische oder rechtschristliche Intellektuelle besonders eifrig dabei voranschreiten werden? Das haben sie noch nie getan und werden sie niemals tun, mögen sie den Begriff "Neue Rechte" auch noch so sehr für sich gehijackt haben. Sie haben ihn vielmehr gehijackt, um genau eine solche Auseinandersetzung seit Jahrzehnten zu lähmen und abzutöten. In seiner ursprünglichen Bedeutung heißt "Neue Rechte" nämlich: Sich auf die Forschungen des Intelligenz-Forschers Arthur Jenssen beziehen. Und es heißt zugleich: wissenschaftsnah und nichtchristlich zu sein.

Abb.: "Blueprint" von Robert Plomin,
September 2018

"Er sitzt wieder im Sattel, der genetische Determinismus"


Er ist also wieder am Start - huh, huh, huh, der: "genetische Determinismus", der allen Gesellschaftsmanipulatoren und -ideologen ein so großer Dorn im Auge ist. Im englischen Original wird es verkündet: "Genetic determinism rides again" (1). Er sitzt wieder im Sattel und reitet. Denn er ist ja der Leibhaftige selbst. Menschheit, du arme, wer beschützt Dich vor ihm?

In Form solcher "düsteren" Unheils-Botschaften kann eigentlich nur die Besprechung eines neu erschienenen Buches (1) veröffentlicht werden, das dann doch wohl so seine eigenen Qualitäten haben wird. Der Autor, Robert Plomin, bürgt gewiß für eine solche Qualität. Bislang hat man ihn immer als denjenigen Erforscher der Erblichkeit menschlicher Intelligenz-Unterschiede wahrgenommen, der noch die harmloseste Variante dieser Erblichkeits-Annahmen zu vertreten schien. Und nun das!?

In seinem neuen Buch "Blueprint" (2) ist nun auch bei ihm alles ganz anders. Und das scheint in einem Umstand begründet zu liegen, der der Erwähnung mehr als wert sein sollte. Es geht darum, daß die modernen Methoden der Gen-Sequenzierung und ihrer statistischen Auswertung es inzwischen erlauben, polygenetisch vererbte Merkmale zu erforschen in einem Umfang und in einer Präzision, wie man das bislang nur mit monogenetisch vererbten Merkmalen hat tun können. Polygenetisch heißt, daß viele hundert, ja, viele tausend und zehntausend Stellen im Genom die Ausprägung eines bestimmten Merkmales mitbestimmen, aber jeweils nur zu ganz geringen Anteilen.

Die "politisch Korrekten" hatten lange gehofft, daß polygenetische Vererbung so schwer erforschbar bleiben würde, daß man letztlich nie würde "beweisen" können, welche Vererblichkeit bei Merkmalen wie Intelligenz tatsächlich vorliegt. Das war natürlich immer schon Unsinn, weil man das seit der Zwillingsforschung alles schon bestens weiß, und weil deshalb der "genetische Determinismus" nicht "wieder" reiten muß, sondern - seit Jahrzehnten - nie aufgehört hat, hübsch regelmäßig in Trab und Galopp zu reiten. Er ist ein guter Reiter, er wird so leicht nicht abgeworfen, seine Pferde machen so leicht nicht schlapp, sie heißen schlicht: alle Bereiche der Naturwissenschaft.

Es ist also nur Rhetorik, wenn man uns weismachen will, die Erblichkeit aller menschlichen Merkmale wäre zeitweise so etwas wie "widerlegt" gewesen und der böse Reiter hätte eine Weile lang "Ruhe" gegeben. Das hat er nie, nur rechtschristliche Intellektuelle haben alles, was darüber zu sagen ist, beschwiegen, und haben mit dümmlicher Rhetorik versucht, das Thema so klein wie nur möglich zu halten. Das scheint nun noch weniger möglich geworden zu sein als es bislang sowieso schon möglich war.

In der Tat scheint diese "polygenetische Revolution" etwas völlig Neues darzustellen. Und in dem neuen Buch "Blueprint" von Robert Plomin (2) kann man sich über diese Revolution offenbar gut kundig machen. Es wird dann auch gleich geunkt, daß die Abwesenheit jeder Erwähnung des Wortes "Rasse" in diesem Buch sehr verdächtig sei. Vermutlich ist der Gebrauch dieses Wortes unnötig, da das dahinter stehende Konzept offenbar überall mitgelesen werden kann.

In Interviews schlägt Robert Plomin ganz ausdrücklich und bewußt einen Bogen um "Gruppen-Unterschiede", er meint, er müsse nicht alles behandeln. Womit eigentlich alles gesagt ist.

Aber sei es drum: "Er sitzt wieder im Sattel, der genetische Determinismus", besser gesagt: das Wissen um die große Erblichkeit aller menschlichen Merkmale, aller menschlichen Eigenschaften.
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*) Original: "Polygenic scores have been shown to improve risk predictions for prostate, ovarian and breast cancers. They can point to traits that might have been influenced by local adaptation, and gauge the pace of evolutionary change."
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  1. Comfort, Nathaniel: Genetic determinism rides again Nathaniel Comfort questions a psychologist’s troubling claims about genes and behaviour. Nature, 25.9.2018, https://www.nature.com/articles/d41586-018-06784-5
  2. Plomin, Robert: Blueprint - How DNA Makes Us Who We Are. Allen Lane, September 2018, https://www.amazon.de/Blueprint-How-DNA-Makes-Who/dp/0241367697/
  3. Warren, Matthew: The approach to predictive medicine that is taking genomics research by storm. Nature, 10.10.2018, https://www.nature.com/articles/d41586-018-06956-3

Kosmologie und Neuplatonismus



"Die Gleichungen des Lebens - Wie die Physik der Evolution den Weg vorschreibt"


In einer jüngst erschienen Rezension heißt es (1):
"Der Mathematiker und Philosoph Alfred North Whitehead sagte einmal, daß die ganze Philosophie nur aus einer Serie von Fußnoten zu (dem griechischen Philosophen) Platon bestehe."
Was für ein schöner Satz. Und weiter (1):
"In der Tat, auch die ganze westliche Kultur könnte als eine Serie von Fußnoten zu Plato genannt werden."
Und weiter (1):
"Im Zentrum der Theorie Platons von den Formen steht die Form des Guten. Alles folgt aus dieser (also alle Formen dieser Welt) und so ist - in bedeutungsvollem Sinne - alles Eines."
Und dies steht so schlicht nur einmal eben in der Dezember-Ausgabe einer modernen, naturwissenschaftlichen Zeitschrift unserer Tage, nämlich der "Quaterly Review of Biology" (1). Weiter schreibt der hier zitierte Michael Ruse über den spätantiken, bedeutenden katholischen Philosophen und Kirchenvater Augustinus (1):
"Das Augustinische Deuten Gottes als etwas Supersensiblem außerhalb von Raum und Zeit ewig Existierenden, das verantwortlich ist für alles Leben heute und in der Vergangenheit, ist aus diesem griechischen, philosophischen Denken abgeleitet."
Und damit ist gesagt: Auch das edelste, christliche Denken konnte sich - und kann sich bis heute - der Höhe des Geistesfluges des antiken Griechenland nicht verschließen.

Ruse spricht dann noch davon, daß Platons bedeutendster Schüler Aristoteles ja zudem noch praktizierender Biologe war, unter anderem hervorragender Meeresbiologe (mit Erkenntnissen, die erst im 20. Jahrhundert wieder gewonnen wurden), und daß dieser Schüler den transzendentalen, ursprünglichen "Formen" seines Lehrers Platon seine Lehre von den "Endzwecken" hinzufügte (oder auch: entgegen setzte), nämlich die Lehre davon, daß Dinge nicht nur eine grundlegende Form haben, sondern auch funktionieren müssen. Das Fliegen der Vögel zum Beispiel hat nicht nur etwas mit der Form ihrer Flügel zu tun, sondern genauer auch mit ihrem Funktionieren beim Flug.

Es wäre einmal spannend, diese Gedanken anhand der wichtigsten Originaltexte von Platon und Aristoteles noch einmal nachvollziehen zu können.

Wer begeistert ist von dem spätantiken Philosophen Plotin, der sich nur als ein Ausleger des Philosophen Platon begriff, und für den auch das Erfüllen des Guten das Ziel der Entstehung dieser Welt war, wird hiermit darauf hingewiesen welche großen Zusammenhänge bis heute über die Jahrtausende hinweg in der abendländischen Philosophie und im Foscherdrang bestehen. Wir stehen also einem primitiven monotheistischen Schöpfer-Mythos keineswegs so philosophisch alternativlos gegenüber wie uns das immer weisgemacht wird. Vielmehr bildet sich gerade unter Naturwissenschaftlern und Philosophen gleichzeitig - und das über 2500 Jahre hinweg - ein Konsensus darüber heraus, wie die Welt entstanden ist und welchen Sinn man dieser Weltentstehung geben kann.


Platon und das Anthropische Prinzip


Seit der Antike scheint das platonische Denken in diesen Dingen dem aristotelischen Denken als entgegen gesetzt empfunden worden zu sein. Erinnert man sich nicht zum Beispiel auch daran, daß Giordano Bruno sehr viel mit diesen Dingen beschäftigt war in seinen philosophischen Büchern (Endursache, Zweckursache usw.)? Allerdings kann man sich gar nicht recht denken, daß nicht auch Aristoteles in der Grundlehre seines Lehrers Platon wurzelt, nämlich daß auch alles Funktionieren, ja, daß der (aristotelische) Endzweck selbst etwas mit dem Erfüllen des Wunsches zum Guten zu tun hat (in der kosmologischen Entwicklung, in der Evolution und im menschlichen Leben). Beide könnten also - im Wesentlichen - das Gleiche gesagt haben, ihr "Gegensatz" könnte also im Grunde längst als überholt empfunden werden.

Auch die weitere Buchbesprechung von Ruse kann den Leser keinesfalls vom Gegenteil überzeugen, zumal der Bezug heutiger Debatten (Stephen Jay Gould gegen Simon Conway Morris) zu dieser antiken philosophischen Debatte nicht als ein sehr enger aufgezeigt werden kann. (Er scheint eher ein "herbei geholter" zu sein.) Aber als Einleitung, um über moderne Wissenschaft überhaupt zu sprechen, sind solche solche antiken philosophischen Gedanken immer noch mehr als begeisternd, bzw. erhellend. Denn sie spannen diesen weiten, großen geistigen Horizont auf.


Michael Ruse ist ein namhafter US-amerikanischer Wissenschaftsphilosoph. Der Titel seiner Rezension würde aus dem Englischen übersetzt heißen: "Die Gleichungen des Lebens - Wie die Physik der Evolution den Weg vorschreibt". Autor des von ihm rezensierten Buches ist Charles S. Cockell (1).

Es geht darum, wie die physikalischen Gesetze dieser Welt die Grenzen vorgeben, innerhalb derer sich Evolution - sprich Leben allgemein - bewegen kann. Dem Leser der Rezension wird wie nebenbei auch bewußt gemacht, daß ja Koffein (= Teein) unabhängig voneinander in drei Pflanzenlinien evoluiert ist. Also auch bei Koffein handelt es sich um eines der inzwischen so unzähligen Beispiele von konvergenter Evolution, das heißt, es ist eine Folge solcher Erscheinungen wie, daß sowohl Insekten wie Vögel wie Säugetiere unabhängig voneinander evolutiv das Fliegen entdeckt, erfunden haben. Diese Erscheinung wird inzwischen herangezogen, um zu argumentieren, daß auch der Mensch "unvermeidlich" entstehen mußte in der Evolution, wenn sie denn einmal angefangen hatte, denn alles Wesentliche, was evoluiert, evoluierte mehrmals unabhängig voneinander sehr ähnlich. Dies ist eben der Gedanke, der erstmals von Simon Conway Morris - gegen Stephen Jay Goulds übertriebene Betonung des Zufalls - in die wissenschaftliche Forschung und Erörterung eingebracht worden ist. Die Evolution "will" also immer wieder auf das gleiche hinaus.

Sie "wollte" also - womöglich, offenbar - auch das Naturheilmittel Koffein erschaffen. Doch wie hat sie sich das mit den abträglichen Nebenwirkungen des Koffein-Konsums "gedacht"? Das sollte womöglich noch weiter erforscht werden!

Zum Video



Etwa eine Woche, nachdem ich den Text bis zu diesem Punkt verfaßt hatte, nahm ich das oben eingestelte Video auf. In ihm geht es darum, daß der kanadische Philosoph John Leslie (geb. 1940) die These vertritt, daß das Anthropische Prinzip der modernen Kosmologie philosophisch am ehesten mit den Ideen des Neuplatonismus, also des Philosophen Plotin, gedeutet werden kann (2-4). Wir erfahren (6, S. 13):
"John Leslie hält für möglich, daß eine höhere Instanz, der Gott seines neuplatonischen Glaubens, die Parameter des Universums so ausgewählt hat, daß beobachtendes Leben entstehen mußte. Dieser Gott ist nicht als Person, sondern als Prinzip der Güte aufzufassen, das zur Verwirklichung drängt."
Plotin (5) hat die sogenannte "ungeschriebene Lehre" seines Vorgängers Platon (7) schriftlich ausgearbeitet und festgehalten. In wesentlichsten Aussagen sind die Philosophien Mathilde Ludendorffs,  Plotins und Platons deckungsgleich.

19:15 - Philosophischer Einwand von Bernulf Kanitscheider (1939-2017) gegen John Leslie.

Weiterführendes: (8-11).

/Inhaltsangabe des Videos 
um den restlichen 
Blogbeitrag ergänzt: 
21.12.2018/

___________________________________
  1. Ruse, Michael: Rezension von "The Equations of Life - How Physics Shapes Evolution. By Charles S. Cockell. NewYork: BasicBooks (Hachette Book Group). 337 p., 2018" in The Quarterly Review of Biology, Vol. 93, Dezember 2018, S. 355f
  2. Genz, Henning: War es ein Gott? Zufall, Notwendigkeit und Kreativität in der Entwicklung des Universums. Händler, München 2006
  3. https://en.m.wikipedia.org/wiki/John_A._Leslie
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Anthropisches_Prinzip
  5. https://de.wikipedia.org/wiki/Plotin
  6. Hasinger, Günther: Das Schicksal des Universums. Eine Reise vom Anfang zum Ende. Verlag C.H. Beck, München 2007
  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Platon
  8. Leupold, Hermin (d. i. Gerold Adam): Warum ist das Weltall so wie es ist? Das Anthropische Prinzip der Kosmologie und seine philosophische Bedeutung. In: ders.: Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Die Deutsche Volkshochschule, Bühnsdorf 2001, neu aufgelegt: 2014
  9. Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe. Zuerst 1966, erweitert 1973
  10. https://de.wikipedia.org/wiki/Bernulf_Kanitscheider
  11. Bading, Ingo: Das Unbehagen am Anthropischen Prinzip - Bekundet vom Philosophen Bernulf Kanitscheider. In: Studium Generale, 19. Januar 2008, http://studgendeutsch.blogspot.com/2008/01/das-unbehagen-am-anthropischen-prinzip.html
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