Sonntag, 21. Oktober 2018

Irenäus Eibl-Eibesfeldt ist gestorben

Auf der Internetseite des Max Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen kann man entdecken, daß der hoch zu schätzende deutsche und österreichische Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt (1928-2018) (Wiki) im Juni dieses Jahres in seinem 89. Lebensjahr nach kurzer Krankheit gestorben ist.



Irenäus Eibl-Eibesfeldt hat meinen eigenen wissenschaftlichen Lebensweg sehr stark mit bestimmt. Ich habe wohl fast jedes seiner Bücher gelesen. Sein dickes Lehrbuch "Die Biologie des menschlichen Verhaltens" habe ich sehr gründlich studiert und das Werk hat immer einen ehrenden Platz in meinem Bücherschrank inne gehabt und es bestimmt mein Welt- und Menschenbild bis heute. Ebenso etwa sein "Der Mensch, das riskierte Wesen".

Ich selbst schrieb ihn sogar einmal 1995 an, als ich mich nach einem Doktorvater umsah. Damals antwortete mir zunächst sein Schüler Wulf Schiefenhövel, da sich Eibl-Eibesfeldt gerade einmal wieder auf Forschungsreise befand. Aber auch Eibl-Eibesfeldt selbst antwortete mir schließlich wohlwollend und ging mit Interesse auf meine Überlegungen ein. Ich hatte mich in der Zwischenzeit aber schon an einen damals jüngeren, aufstrebenden Wissenschaftler, an Eckart Voland, damals Göttingen, gewandt.

2003 konnte ich Eibl-Eibesfeld auch noch einmal persönlich erleben auf einer Tagung der deutschen Soziobiologen in Seewiesen, die Schiefenhövel organisiert hatte, und zu der viele namhafte Schüler von Konrad Lorenz gekommen sind. Der namhafteste unter ihnen war Eibl-Eibesfeldt. Er saß in der vordersten Reihe und wenn einer von diesen inzwischen alt gewordenen Schülern von Konrad Lorenz während der Tagung das Wort ergriff, war sofort ein ganz anderes Leben im Raum, herrschte sofort eine viel lebendigere Stimmung vor. Auch der letzte Schüler von Eibl-Eibesfeldt, Frank Salter, referierte auf dieser Tagung. Aber während die meisten referierenden Soziobiologen abstrakte Statistiken, Tabellen und mathematische Überlegungen vorstellte, konnten alle diese Schüler von Konrad Lorenz - auch Norbert Bischof war dabei, ebenso das Ehepaar Großmann aus Regensburg - alle so bunt und farbig und schillernd erzählen, hatten sie alle dabei so viele Detail-Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Bereichen des Tierlebens vor Augen und sprachen nun jeweils aus diesem Fundus eines langen Forscherlebens heraus.

Gegen die multikulturelle Gesellschaft


Die anwesenden Soziobiologen der ihnen nachfolgenden Forschergeneration, die ich damals erlebte, dachten und argumentierten nie aus einer so breiten lebendigen Anschauung heraus, aus einem so reichen, erlebten empirischen, beobachteten Erfahrungsschatz heraus wie das noch die erste Forschergeneration nach Konrad Lorenz getan hat.

Konrad Lorenz hat als Verhaltensforscher bis an sein Lebensende auch klar politisch Stellung bezogen. Er ging dabei an die Grenzen des Ertäglichen, eine Grenze, die es gerade noch als zulässig erscheinen ließ, daß ihm der Nobelpreis verliehen wurde. Diese Tradition setzte sein Schüler Eibel-Eibesfeldt vorbildlich fort und überschritt in den letzten Jahrzehnten seines Lebens auch - wieder und wieder - die Grenzen des "Erträglichen" (!!!) und warnte unbekümmert vor der multikulturellen Gesellschaft. Er tat das wie kein zweiter angesehener deutscher Wissenschaftler. Und das ist sicherlich der Grund, weshalb viele jüngere Menschen von seinem Leben und Tod kaum etwas mitbekommen haben werden und weshalb sogar ich selbst erst vier Monate nach seinem Tod erfahre, daß er gestorben ist. Wer sich so klar und deutlich gegen die multikulturelle Gesellschaft aussprach wie Eibl-Eibesfeldt, dessen öffentliches und sogar wissenschaftliches Ansehen werden nicht mehr mit dem gleichen Wohlwollen behandelt wie zuvor.

Wissenschaftliche Dokumentation "Wir Menschen" von 1976


Aber in Nachrufen auf ihn ist insbesondere auch davon die Rede, daß seine umfangreiche humanethologische Filmsammlung inzwischen vom Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main aufgekauft worden ist und daß es Überlegungen gibt, sie zum UNESCO-Weltkulturerbe zu erklären, da es sich um Aufnahmen von Menschen und Kulturen handelt, die es oft schon heute in dieser Form gar nicht mehr gibt.

In allen großen Zeitungen erschienen - meist kürzere - Nachrufe auf ihn. Aber vor allem die Nachrufe auf der Internetseite des Bayerischen Rundfunks erscheinen mir lesenswert (1-3). Schön ist es auch, wenn Wulf Schiefenhövel über seinen Lehrer erzählt. Wulf Schiefenhövel ist am ehesten einer der Angehörigen der Enkelgeneration von Konrad Lorenz, der ebenso ungeheuer lebendig und farbenprächtig von seinem wissenschaftlichen Leben erzählen kann wie sein wissenschaftlicher Mentor Eibl-Eibesfeldt und dessen Mentor Konrad Lorenz.

Sogar die TAZ findet wohlwollende Worte für ihn (4) - jetzt, wo er tot ist. Übrigens kann man sich - meines Erachtens - an das Lebenswerk von Eibl-Eibesfeldt viel besser annähern über seine Bücher als über zahlreiche Interviews, die man im Internet auch von ihm findet. Aber bei der Recherche hierzu entdecke ich auch gerade, daß die Sendereihe "Wir Menschen" von Hans Hass aus dem Jahr 1976 vollständig zugänglich ist im Internet (5). Ich mag alle Filme von Hans Hass. Sie sind so durch und durch voller Begeisterung. Und ich entdecke gerade, daß inzwischen auf Youtube wohl fast alle großen berühmten Filme von Hans Hass frei zugänglich sind. Sie sind ein wertvoller Kulturschatz.

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  1. https://www.br.de/themen/wissen/humanethologe-irenaeus-eibl-eibesfeldt-100.html
  2. https://www.br.de/nachricht/oberbayern/inhalt/verhaltensforscher-irenaeus-eibl-eibesfeld-ist-tot-100.html
  3. https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/eins-zu-eins-der-talk/irenaeus-eibl-eibesfeldt-verhaltsforscher-evolutionsbiologe-100.html
  4. http://www.taz.de/!5510384/
  5. https://youtu.be/cKGzQWaKqBk

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