Dienstag, 25. September 2018

Die Entstehung der weltgeschichtlich bedeutenden anatolisch-neolithischen Völkergruppe

Jene, die die vorbronzezeitliche Zivilisation so weit voran gebracht und ausgebreitet hat

Wie entstand im 7. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung in Anatolien die Ausgangspopulation jener inzwischen berühmt gewordenen Völkergruppe von genetisch "anatolisch-neolithisch" Bauernvölkern, die von dort ab 6.500 v. Ztr.
den Ackerbau rund um das gesamte Mittelmeer und über den Balkan, ab 5.500 v. Ztr. - als Bandkeramiker - durch ganz Mitteleuropa bis an die Kanalküste ausbreiteten und schließlich, ab 4.400 v. Ztr. als Trichterbecherleute - denselben nach Skandinavien brachten, ja, als Kugelamphorenkultur sich weit bis in die Ukraine hinein ausbreiteten, eine Völkergruppe, die dann aber in Europa im indogermanischen Völkersturm des Spätneolithikums, etwa ab 3.800 v. Ztr. genetisch und kulturell unterging, bzw. sich genetisch noch am ehesten heute in Sardinien erhalten hat?



Abb. 1: Rekonstruierte frühneolithische Häuser in Travo, Norditalien (Herkunft: Guiale)

In einer neuen Studie von Johannes Krause und Mitarbeitern wird das erste Genom eines Jägers und Sammlers aus Anatolien aus der Zeit um 13.000 v. Ztr. veröffentlicht. Über dieses wird gesagt (1):

"We find that the Anatolian hunter-gatherers are genetically distinct from other reported late Pleistocene populations and thus represent a previously undescribed population."
Es ist also ein den Ancient-DNA-Forschern bislang noch nicht bekanntes - genetisch einzigartiges - Volk entdeckt worden. Und dieses Volk hat dann auch ab 6.500 v. Ztr. genetisch weitgehend unverändert den Ackerbau und die seßhafte Lebensweise angenommen. Das scheint einhergegangen zu sein mit geringen genetischen Einmischungen (höchstens 10 bis 20 %) von frühen kaukasischen Bauern und von europäischen Jägern und Sammlern. Am wenigsten scheinen die levantinischen Bauern genetischen Einfluß auf die Entstehung, bzw. Weiterentwicklung dieses Volkes, bzw. der Ausgangspopulation dieser Völkergruppe genommen zu haben. Über den anatolisch-neolthischen Jäger-Sammler (AHG) heißt es (1):
"AHG derives around half of his ancestry from a Neolithic Levantine-related gene pool (48.0 ± 4.5 %; estimate ± 1 SE) and the rest from the WHG-related one (tables S4 and S5). These results support a late Pleistocene presence of both ancestries in a mixed form in central Anatolia. Notably, the genetic connection with the Levant predates the advent of farming in this region by at least five millennia and potentially correlates with evidence of human interactions between central Anatolia and the Levant during the Epipalaeolithic."
Für mich hatte es sich schon vor 20 Jahren allein aufgrund der archäologischen Daten aufgedrängt, daß das levantinische Neolithikum und sein Vorläufer, das Natufium, durch Zuwanderung von Eiszeitjägern aus Europa entstanden sein könnte, da diese ja aufgrund der fortschreitenden Verwaldung Europas am Ende der Eiszeit auch nach Süden ausgewichen sein können. Diese neuen Forschungsergebnisse scheinen mit einem solchen Szenario offenbar zumindest nicht im Widerspruch zu stehen, wird doch auf diesem Weg sogar noch ein weiteres Volk neu entdeckt (1):
"We find that Iron Gates hunter-gatherers can be modeled as a three-way mixture of Near-Eastern hunter-gatherers (25.8 ± 5.0 % AHG or 11.1 ± 2.2 % Natufian), WHG (62.9 ± 7.4 % or 78.0 ± 4.6 % respectively) and EHG (11.3 ± 3.3 % or 10.9 ± 3 % respectively)."
Hatte man also bislang gedacht, die Jäger-Sammler am Eisernen Tor in Serbien wären Mischungen aus west- und osteuropäischen Jägern und Sammlern, entdeckt man nun eine genetische Komponente des Vorderen Orients, wobei noch geklärt werden muß, wie diese zustande gekommen sein kann. In der Zusammenfassung der Studie heißt es (1):
"We find high genetic continuity (~80-90%) between the hunter-gatherer and early farmers of Anatolia and detect two distinct incoming ancestries: an early Iranian/Caucasus related one and a later one linked to the ancient Levant."
Und zu den letzteren (1):
"External genetic contributions, associated with two distinct early farming populations of the Fertile Crescent, substituted about 10% and 20% of indigenous ancestry each. The earlier one is associated with Neolithic Iran/Caucasus and the later one with Neolithic Levant."
Zuerst auf Google+, 
25.9.2018
 
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  1. Late Pleistocene human genome suggests a local origin for the first farmers of central Anatolia. September 2018.DOI: 10.1101/422295, Autoren: Michal Feldman, Eva Fernandez Dominguez, Luke Reynolds u.a., sowie Johannes Krause, Preprint biorixv, https://www.researchgate.net/publication/327788563_Late_Pleistocene_human_genome_suggests_a_local_origin_for_the_first_ farmers_of_central_Anatolia

Freitag, 21. September 2018

Ameisen - Gehirngröße korreliert mit arbeitsteiliger Spezialisierung

Um so monogamer, um so größer das Gehirn (bei Vögeln und Säugetieren). Um so größer die Gruppe, die zusammen hält, um so größer das Gehirn (bei Primaten). So lauten die bisherigen Forschungsergebnisse der Social-Brain-Theorie nach Robin Dunbar.

Ob diese Prinzipien auch für Ameisen, Bienen und andere soziale Insekten gelten? Diese Frage stellt sich schon seit 20 Jahren, seit Robin Dunbar die ersten Ergebnisse veröffentlichte. Damals hielt man es fast für absurd, Gehirngrößen von Insekten zu "messen". Aber genau das geschieht heute. Und heute ist bekannt (worüber ich auf meinem Blog schon berichtete): Um so monogamer, um so leichter der evolutionäre Übergang zu komplex-sozialem, gesellschaftlich-arbeitsteiligem Leben (Boosmas' Monogamie-Prinzip von 2008). Gilt bei diesen dann auch - wie bei Primaten und Menschen: Um so größer die Gruppe, die zusammen hält, um so größer das Gehirn?
 
Abb. 1: Querschnitte durch Gehirne von Ameisen (aus: 1)

Erste Daten scheinen darauf hinzuweisen (1), allerdings ergibt sich noch kein einheitliches Bild. Einige Daten sagen: Um so herausforderungsvoller die Aufgaben in einer komplexer arbeitsteilig gegliederten Gesellschaft, um so größer das Gehirn - aber - nach einer Studie (1) - nicht die Gehirn-Aktivität - bei einer Ameisenart.

Beim Menschen korreliert ja heute die berufliche Spezialisierung mit dem Intelligenz-Quotienten.

Bei Wespen wurde neuerdings festgestellt, daß die Gehirngröße mit der sozialen Dominanz korreliert, das heißt, die Königin hat das größte Gehirn (2).
 
Zuerst auf Google+
21.9.2018
 


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  1. Social complexity influences brain investment and neural operation costs in ants. By J. Frances Kamhi, Wulfila Gronenberg, Simon K. A. Robson, James F. A. Traniello, Published 19 October 2016.DOI: 10.1098/rspb.2016.1949 , http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/283/1841/20161949
  2. Sean O’Donnell, Susan J. Bulova, Sara DeLeon, Meghan Barrett, Katherine Fiocca: Caste differences in the mushroom bodies of swarm-founding paper wasps: implications for brain plasticity and brain evolution (Vespidae, Epiponini). In: Behavioral Ecology and Sociobiology, 13.7.2017, https://link.springer.com/article/10.1007/s00265-017-2344-y
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