Sonntag, 1. Juli 2018

"Söhne der Sonne" - Die Indogermanen Asiens


Inhaltsübersicht zum Video-Vortrag:

00:00:00 - Einleitung: Die genetische Geschichte Europas ist in den Grundzügen schon gut verstanden. Wie aber sieht es aus mit der genetischen Geschichte Asiens, hier vor allem Asiens westlich und nördlich von China?

00:03:45 - Ethnische Rückzugsräume, Rand- und Reliktbevölkerungen haben in der Weltgeschichte mehrfach große weitere Bedeutung bekommen - sowohl in Europa wie in Asien. Beispiele dafür: Blätterhöhle in Westfalen, Schweriner See, östlicher Ostseeraum noch lange nach der Neolithisierung, Baikalsee-Fischer noch lange nach der Indogermanisierung als Vorfahren der Turkvölker.

00:09:35 - Man findet im deutschsprachigen Raum keine Berichterstattung über den derzeitigen recht faszinierenden Forschungsstand zur genetischen Geschichte Asiens, also der Archäogenetik, Ancient-DNA-Forschung (1-3). Deshalb mache ich darüber dieses Video, obwohl ein solcher Vortrag von kompetenterer, fachwissenschaftlicher Seite gehalten werden sollte. Immerhin behandelt der Kanal "RuStAG Netzwerk 2.0" (nicht "Virulent National"!)  schon die (inzwischen etwas veraltete) Haplotypen-Genetik.

00:13:26 - Erst West-, dann Ostwanderung der Schnurkeramiker als Shintashta- und Andronowo-Kultur bis an die Grenzen Chinas. Damit ergeben sich zwei genetisch unterschiedliche Phasen der Geschichte der indogermanischen Völker des Steppenraumes, einmal die ursprüngliche Yamnaya-Kultur (3.300 v. Ztr.) mit nur geringen genetischen Anteilen anatolisch-neolithischer Herkunft und ab 2.100 v. Ztr. die Shintaschta-Kultur der Ukraine und die Andronovo-Kultur Sibiriens als Nachkommen der Schnurkeramiker Mitteleuropas.

00:26:30 - Die erste europäische Zuwanderung nach Indien, ebenso wie die Hethiter in Anatolien weisen bislang zwar beide kaukasische, aber beide keine spezifisch indogermanische Herkunft auf.

00:31:19 - Um Anteilnahme für die indogermanische Völkerwelt zu wecken, werden aus ihrer reichen kulturellen Vielfalt exemplarisch die 36 tocharischen Königreiche entlang der Seidenstraße (ab 2.000 v. Ztr.) und das Königreich der Sogder in Samarkand vorgestellt, sowie der Fernhandel der Sogder mit Kamel-Karawanen weit in das Tang-zeitliche China hinein, wo diese einerseits als "Exoten" vielfältige Darstellungen in der chinesischen Kunst gefunden haben und andererseits auch hohe Regierungsbeamte werden konnten.

00:34:45 - Die hunderte von europäischen tocharischen Wüstenmumien am Westrand Chinas gewähren die aller faszinierendsten Einblicke auch in unsere eigene mitteleuropäische Bronzezeit, die nur denkbar sind, da der Erhaltungszustand ihrer Körper, ihrer Tätowierungen, ihrer Kleidung, ihres Schmucks, ihrer hölzernen Grabausstattungen so hervorragend ist wie nirgends sonst in der indogermanischen Welt.

00:54:45 - Restvölker in Rückzugsräumen der Weltgeschichte können - aus diesen Rückzugsräumen heraus und nach erneuten genetischen und kulturellen Neuanpassungen - ganze neue Zeitepochen der Weltgeschichte einläuten und dominieren. Dies wird am Beispiel der Hunnen/Turkvölker/Mongolen aufgezeigt, deren Vorfahren einst von allen Seiten von Indogermanen umgeben und "umzingelt" waren, die dennoch ihre genetische, sprachliche und kulturelle Eigenart erhalten haben und mehrere tausend Jahre später selbst das Ruder der weltgeschichtlichen Entwicklung Asiens in die Hand genommen haben, nämlich in der Spätantike und mit dem Untergang von hunderten indogermanischer Königreiche, Fürstentümer, Stämme und Völker in Asien.

01:08:33 - In den neuesten Studien schälen sich immer mehr "Geister"-Völker des Kaukasus-Raumes als wichtige Vorfahren der genetischen Geschichte sowohl einerseits 1. Indiens als andererseits 2. Anatoliens und schließlich 3. der Indogermanen heraus.

01:13:00 - Die genetische Geschichte der Skythen zwischen Ungarn und dem Altai-Gebirge. Es wird auf die genetische Einmischung von Hunnen, bzw. Turkvölkernn in die unterschiedlichen Stämme und Konföderationen des großen Völkerstammes der skythischen Völker hingewiesen. Die Skythen in Ungarn weisen gar keine hunnischen Einmischungen auf, während nördlich des Tianshan die skythischen Reitervölker (Saken) schon bis zur Hälfte hunnischer Abstammung sein konnten. Im Zusammenhang mit diesen skythischen Mischvölkern entstanden dann fast rein hunnische, turksprachliche Völker wie die Xiongnu der Mongolei, die seit der Spätantike in Asien den Lauf der Weltgeschichte bestimmten.

Der Kaukasus als Angelpunkt der Völkergeschichte


Nachträgliche Ergänzungen (3./4.7.18):

Es dürfte so sein, daß die Kura-Araxes-Kultur im Gebiet des Kaukasus und des östlichen Anatolien eine große Rolle spielte bei der Ausbreitung kaukasisch-neolithischer Genetik nach Anatolien. Es deutet sich ein Bild an, daß es parallel zur gewaltigen anatolisch-neolithischen Ausbreitung bis hoch nach Skandinavien es eine parallele iranisch-neolithische Ausbreitung gegeben hat, ausgehend von jenem Bauernvolk des Tagros-Gebirges im Westiran, das die berühmte Hassuna- und Samara-Keramik hervorgebracht hat. Es breitete sich bis an die Südhänge des Kaukasus aus (vielleicht auch nach Sumer … … ?), begann im Südkaukasus ab 6.500 v. Ztr. zum ersten mal in der Menschheitsgeschichte mit Weinbau.

Im heutigen Nordirak brachte ... "es" (?) dann bald die ersten urbanen Zentren hervor (wie zeitgleich die anatolisch-neolithische Cucuteni-Tripolye-Kultur in der Ukraine, wobei aber beide zu jener Zeit noch wenig Berührung mit den Indogermanen gehabt zu haben scheinen).

Vordringend über den Hauptkamm des Kaukasus kamen die iranisch-neolithischen Bauern im Bereich der Vorfahren der Indogermanen in der Steppe (der "osteuropäischen Jäger und Sammler", die schon Keramik hatten) schon sehr früh nicht mehr weiter (im Gegensatz zu dem gleichzeitigen Geschehen in Europa, wo sich das anatolische Neolithikum ja bis nach Skandinavien ausgebreitet hat). Vielmehr kam es hier im Steppenraum - trotz der außergewöhnlich guten Schwarzerde-Böden, an die die Neolithisierung in Deutschland sehr stark gebunden war, zur Ethnogenese der Indogermanen, aber auch zu Einmischungen von osteuropäischen, bzw. auch westsibirischen Jäger-Sammler-Genen bei den sich bildenden Völkern und Kulturen im iranischen Raum.

Aber Richtung Osten (Indien) und Westen (Anatolien) hat sich die kaukasisch-neolithische Genetik noch lange später durchgesetzt, in Anatolien insbesondere ab der Kupferzeit parallel zur Kura-Araxes-Kultur, für die Ausläufer und Verwandte bis nach Syrien und Palästina hin genannt werden (s. Wikipedia). Zur ethnischen Herkunft der Kura-Araxes-Kultur gibt es derzeit noch mehrere Theorien (s. Wikipedia). Man ist sich hier vergleichbar unsicher wie man sich zuvor - beispielsweise - unsicher war bei der Kugelamphoren-Kultur (die jetzt aber als nicht-indogermanisch erwiesen ist). Manche halten indogermanische Einflüsse bei der Kura-Araxes-Kultur für denkbar, andere gar nicht. Also in diesem Bereich der Forschung ist alles noch einmal sehr spannend und werden - sicher schon in den nächsten Jahren - abschließendere Erkenntnisse präsentiert werden.

Die Turan-Region als Angelpunkt der Völkergeschichte


In der neuen David Reich-Studie (10-13) vom März 2018 werden unter anderem
"132 Individuen aus dem Iran und dem südlichen Teil von Zentralasien (heute Turkmenistan, Usbekistan und Tajikistan"
sequenziert und ausgewertet. Diese historische Gruppierung wird in der Studie "Iran/Turan" genannt. Die Turan-Region (Wiki) ist eine legendäre Region in der Geschichte des Iran, insbesondere in der Zeit Zarathustras (Lebenszeit irgendwann zwischen 1800 und 600 v. Chr.), sowie des sich auf ihn zurück führenden Zoroastrismus (Wiki). Sie spielt auch eine große Rolle in der Geschichte der Turkvölker. In dieser Studie liest man:
"Im östlichen Iran und Turan entdeckten wir ebenso Herkunftsanteile von westsibirischen Jägern und Sammlern, was zeigt, daß diese im Turan schon auftragen vor der Ausbreitung der (indogermanischen) Yamnaja-Herdenhalter aus der Steppe (Steppe_Early/Middle Bronze Age = Steppe_Frühe und Mittlere Bronzezeit):"
"In (...) eastern Iran and Turan we also detect admixture related to West_Siberian_Hunter_Gatherer, proving that North Eurasian admixture impacted Turan well before the spread of Yamnaya-related Steppe pastoralists (Steppe_EMBA)."
Diese als "westsibirische Jäger und Sammler" bezeichnete Gruppierung ist - soweit man sehen kann -  jene Gruppierung, die auch am Baikalsee lebte, sprich, die die Vorfahren der Turkvölker bildete. Womöglich erstreckte sich ihre ursprüngliche Verbreitung also ähnlich weit wie die der west- und osteuropäischen Jäger und Sammler, also vielleicht sogar auch ursprünglich bis in den Ostiran (?) hinein. In der Studie werden sie jedenfalls auch als Träger der keineswegs unbedeutenden Kelteminar-Kultur in Kasachstan angesprochen, am Ufer des Kaspischen Meeres (auf die hier auf dem Blog schon hingewiesen wurde als östliche Nachbar-Kultur der Ursprungsregion der Indogermanen, die neben eindrucksvollem Häuserbau - vermutlich - auch schon Hirse-Anbau kannte). Jedenfalls ist von ihnen schon Genetik in den Ostiran gelangt, bevor Yamnaya-Leute (also ... Indogermanen ...) dort hin gelangt sind. Auch hierbei dürfte man es wieder mit einem sehr bemerkenswerten Befund zu tun haben. Ab 2.300 v. Ztr. findet sich in Baktrien/Turan/Ostiran dann:
"... frühe iranische Bauernherkunft (60% in Baktrien und in der Margiana) mit einem kleineren Anteil von anatolischer  Bauernherkunft (21 %) und westsibirischer Jäger-Sammler-Herkunft (13 %)."
"... early Iranian agriculturalist-related ancestry (~60% in the BMAC) with smaller components of Anatolian agriculturalist-related ancestry (~21%) and West_Siberian_HG-related ancestry (~13%)".
Bei "BMAC" handelt es sich um den "Bactria Margiana Archaeological Complex", also um eine Völkergruppe in Baktrien und in der Margiana, grob gesprochen im Westteil der Seidenstraße und in der nördlich angrenzenden kasachischen Steppe. Hier lag also ebenfalls eine bemerkenswerte genetische Zusammensetzung vor. Zum Beispiel stellt sich die Frage: Wie gelangte die anatolisch-neolithische Genetik so früh so weit nach Osten? Aber zu dieser Zeit findet sich immer noch keine Yamnaya-Herkunft daselbst vor. Erst ab 2.000 v. Ztr. kommt indogermanische Genetik nach Baktrien, und zwar - natürlich! - in der jüngeren Schnurkeramik- bzw. Shintashta-Version.

Mit dieser neuen David Reich-Studie ist nun auch festgestellt, daß die Schnurkeramik/Shintashta-Leute, die um 2000 v. Ztr. als Andronovo-Kultur das Gebiet nördlich des Tianshan besiedelte, womöglich schon während der Zuwanderung zu 8 % mit einheimischer westsibirischer Jäger-Sammler-Genetik vermischtet und sich dadurch von ihren westlichen indogermanischen Verwandten unterschied. Damit kann man nun überblicken, daß der bronzezeitliche genetische Turkvolk-Anteil bei den Indogermanen nördlich des Tianshan in der Eisenzeit bei der Ethnogenese der östlichen Skythen dann zu bis zu 50 % anwachsen konnte.

Aber auch bei westlichen Verwandten gab es schon früh einige Ausnahmen von größerer Turkvolk- oder sogar ostasiatischer Genetik, also schon in der Bronzezeit.

Ähnlich scheint auch die Industal-Zivilisation nach dieser neuen Studie von Menschen mit einer größeren Vielfalt an Herkünften getragen worden zu sein. Es gibt da fast reine Südinder neben Menschen fast reiner anderer Herkunft und "Mischlinge" zwischen beiden. So offenbar auch schon bei den Shintashta-Leuten in der Ukraine ab 2.000 v. Ztr.. Und solche Verhältnisse dürfen dann gerne auch schon für die Indogermanen in den Oasen-Reichen des Tarim-Beckens angenommen werden.

Um 1600 v. Ztr. kommt in die Steppe sogar ein deutlicherer iranisch-neolithischer genetischer Anteil hinzu, ja zum Teil auch bis zu 25 % ostasiatische Herkunft. Es wird allmählich erkennbar, wie komplex hier der Austausch von Menschen und Völkern war, er ging also offenbar nirgendwo nur einseitig in eine Richtung.

Offenbar waren die indogermanischen Völker und Reiche Asiens also früher als bisher gedacht sozusagen "multikulturell". Und die Verhältnisse, die man ab 600 v. Ztr. im Tarim-Becken vorfindet, können schon tausend Jahre früher viel weiter westlich vom Tarim-Becken ebenfalls gefunden werden.

Die eisenzeitliche Genetik der Skythen und Sarmaten hat sich - nach dieser Studie - schon ab 1500 v. Ztr. in Teilen der Turan-Region gebildet. Und daraus läßt sich auch die feststellbare indogermanische Zuwanderung nach Südindien zeitlich genauer eingrenzen, denn sie wird vermutlich vor der dortigen Ethnogenese der Skythen/Sarmaten ab 1500 v. Ztr. gelegen haben, da diese noch keine ostasiatische Genetik mit nach Indien brachte (11):
"Es ist möglich, daß es noch nicht genetisch untersuchte archäologische Völker in Zentralasien ohne nennenswerte ostasiatische Herkunftsanteile gibt, die sich in der Folge nach Südasien ausgebreitet haben. Jedenfalls rührt mindestens einige, wenn nicht die gesamte Herkunft der Herdenhalter der Steppe in Südasien von südwärtsgerichteten Bewegungen im 2. Jahrtausend v. Ztr.."
"It is possible that there were unsampled groups in Central Asia with negligible East Asian admixture that could have migrated later to South Asia. However, at least some (possibly all) of the Steppe pastoralist ancestry in South Asia owes its origins to southward pulses in the 2nd millennium BCE."
_____________________________________________
  1. Allentoft et. al. 2015 (Eske Willerslev): Population genomics of bronze age Eurasia. Nature Magazine 
  2. Damgaard et. al. 2018 (Eske Willerslev): The first herders and the impact of early Bronze Age steppe expansions into Asia. Science Magazine, 9. Mai 2018
  3. Damgaard et. al. 2018 (Eske Willerslev): 137 ancient human genomes from across the Eurasian steppes. Nature Magazine, 9. Mai 2018
  4. Bading, Ingo: Die Frühbronzezeit in den Fürstentümern der Seidenstraße. 4. November 2007, http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/11/die-vor-wenigen-wochen-erffnete.html 
  5. Bading, Ingo: Aufsatzreihe zu den Sogdern und Tocharern, 2007, http://studgendeutsch.blogspot.com/search/label/Sogder
  6. Bading, Ingo: Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen. Wie entstanden die modernen europäischen Völker? - Ancient-DNA-Forscher David Reich berichtet über den aktuellen Forschungsstand. 2. Juli 2017, http://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/neue-forschungen-zur-entstehung-der.html
  7. Bading, Ingo: Aufsätze zur Indoeuropäer-Frage, 2007-2017, http://studgendeutsch.blogspot.com/search/label/Indoeurop%C3%A4er
  8. Bading, Ingo: Aktuellste schriftliche Blogbeiträge seit 2018 immer auf: https://plus.google.com/+IngoBading [Google Plus-Dienst ist inzwischen - 2019 - eingestellt]
  9. London, Jack: Ein Sohn der Sonne. http://gutenberg.spiegel.de/buch/ein-sohn-der-sonne-10086/1
  10. Wade, Lizzie: Ancient DNA untangles South Asian roots. In: Science, 20 Apr 2018: Vol. 360, Issue 6386, pp. 252 DOI: 10.1126/science.360.6386.252, http://science.sciencemag.org/content/360/6386/252.full
  11. Vagheesh M Narasimhan et. al. (inkl. David Reich): The Genomic Formation of South and Central Asia. bioRxiv 292581; doi: https://doi.org/10.1101/292581 This article is a preprint and has not been peer-reviewed, 31.3.2018, https://www.biorxiv.org/content/early/2018/03/31/292581
  12. Khan, Razib: The Maturation Of The South Asian Genetic Landscape. Gene Expression, 31.3.2018, https://www.gnxp.com/WordPress/2018/03/31/the-maturation-of-the-south-asian-genetic-landscape/
  13. Rohan Venkataramakrishnan: Aryan migration: the Indus Valley civilisation is key to all South Asian populations. Scroll.in, Apr 02, 2018, https://scroll.in/article/874102/aryan-migration-everything-you-need-to-know-about-the-new-study-on-indian-genetics 

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