Dienstag, 26. September 2017

"... Was die großen Köpfe der Vergangenheit längst wußten ..."

Konrad Lorenz, der Forscher und Mahner, in wenig bekannten Film- und Tondokumenten

Im Jahr 1972 hielt der Begründer der Verhaltenswissenschaft Konrad Lorenz (1903-1989) (Wiki) in Göttingen einen Vortrag mit dem vergleichsweise abstrakten Titel "Soziale Bindungen und die in ihrem Dienste ritualisierten Verhaltensweisen" (5). Soweit übersehbar äußerte er in diesem Vortrag mehrere bedeutsame Erkenntnisse, die in Schriftform so von ihm niemals veröffentlicht worden sind. Sie stellen aber mehr oder weniger "Intuitionen" dar, die oft erst Jahrzehnte später - sprich erst vor wenigen Jahren - ihre außerordentlich überraschende wissenschaftliche "Verifikation" erlangt haben, also den gültigeren, allgemeinen Nachweis, daß - und wie sehr - diese Intuitionen der Wirklichkeit entsprechen.




Zu diesen Intuitionen, die er aus den verschiedensten Verhaltensbeobachtungen während seines langen Lebens gewonnen hat, und die er durch den ganzen Vortrag hindurch breit referiert, gehört insbesondere auch jene, daß Konrad Lorenz an einer Stelle im Vortrag sagt, daß die intelligentesten Arten einer Gruppe von Fischen oder Vögeln auch die intensivste Paarbindung haben, daß es also zwischen Paarbindung und Intelligenzevolution auf sehr grundlegender Ebene einen Zusammenhang gibt. Er behandelt also lang und breit die unterschiedlichsten Erscheinungen, die mit der Paarbindung bei unterschiedlichsten Tierarten verbunden sind und sagt dann (21.38'ff):
Es ist also ganz sicher so, daß die Bindung auf individuellen Kommunikationen beruht, die also individuell verschieden sein müssen. Es setzt also die individuelle Bindung immer schon eine gewisse Lernfähigkeit, eine hohe Lernfähigkeit auf dem Gebiete der Gestaltwahrnehmung und auch sonst voraus. Damit stimmt eine sehr interessante Korrelation, daß nämlich innerhalb einer Tiergruppe seien es die Fische oder die Entenvögel oder die Hühnervögel immer gerade die Klügsten, die Lernfähigsten diejenigen sind, bei denen die besten Paarbindungen stattfinden.
Konrad Lorenz gibt viele gute Beispiele für den Hintergrund und die Konsequenzen dieses Zusammenhangs. Er kommt später auch auf aggressives Verhalten und Rangordnungs-Verhalten zu sprechen. Und am Ende spricht er sogar über menschliche Gruppen und die individuellen Freundschaften, auf die sie aufgebaut sind. Nämlich ab Minute 47.53', wo er zusammen faßt:
Also Bindungen, persönliche Bindungen sind die Basis alles fruchtbaren Zusammenhaltens von kleinen menschlichen Gruppen.
Und dann kommt er auf jene seiner Intuitionen zu sprechen, die den Menschen als Gruppenwesen betreffen. Hier äußert er schon im Jahr 1972 viele Gedanken, die ebenfalls erst in den letzten Jahrzehnten (ebenfalls nicht zuletzt durch die Forschungen von Robin Dunbar) vielfältige Bestätigung, Ergänzung und Erweiterung erfahren haben durch die naturwissenschaftliche Forschung, etwa insbesondere im Bereich der Social Brain-Theorien. (Das im einzelnen nachzuweisen, kann an dieser Stelle vorerst nicht geleistet werden.)

Der erstgenannte außerordentlich bedeutsame Gedanke wurde erst vor zehn Jahren - 2007 - von dem aufgeweckten britischen Anthropologen Robin Dunbar und seinen Mitarbeitern anhand von statistischen Artvergleichen verifiziert - und zwar von diesen im Grunde ganz unbeabsichtigt. Darüber ist an anderer Stelle von uns schon 2007 berichtet worden (6, 7). Und ein Jahr später wurde in einer anderen Studie auch die Evolution von Altruismus mit Paarbindung in Verbindung gebracht (8). Schließlich haben neun Jahre später auch andere Wissenschaftler diesen Stab aufgenommen und gehen diesen Gedanken in allgemeinerer Weise nach (9, 10). Konrad Lorenz wäre über diese Forschungen hell begeistert, daran kann kein Zweifel bestehen.

Vor zwei Jahren nun hatten wir das eingangs erwähnte Video von Konrad Lorenz entdeckt (an einer Stelle, wo es zwischenzeitlich wieder aus dem Netz genommen ist). Und wir wiesen Robin Dunbar auf die Inhalte dieses deutschsprachigen Vortrages von Konrad Lorenz hin. Robin Dunbar antwortete:
Oh, that is VERY neat! Thanks VERY much for sending me this. You see, science consists in simply rediscovering what the great minds of the past already knew…..
Zu Deutsch also:
Oh, das ist SEHR nett! VIELEN Dank, daß Sie mir das gesendet haben. Sie sehen, Wissenschaft besteht schlicht darin, das erneut zu entdecken, was die großen Köpfe der Vergangenheit schon längst gewußt haben.
Mit diesem wunderschönen Satz, der die Bedeutung von Film- und Tondokumenten von Konrad Lorenz mehr als deutlich machen kann, soll der vorliegende Beitrag eingeleitet sein.

Die beiden Langspielplatten "Umweltgewissen" von 1989


Das Leben und Lebenswerk des Verhaltensforschers, Philosophen und Naturbewahrers Konrad Lorenz (1903-1989) (Wiki) ist vielfach sehr lebendig dargestellt worden (zum Beispiel: 1, 2). Wer solche Beiträge auf sich hat wirken lassen, dem sollte das Bewußtsein von der großen Bedeutung des Lebenswerkes von Konrad Lorenz für die Geistesgeschichte der Menschheit nicht mehr abhanden kommen können.




Insbesondere als Begründer der Evolutionären Erkenntnistheorie hat Konrad Lorenz grundlegendste Beiträge zu unserem heutigen, modernen Weltbild geleistet. Aus dem reichen Erkenntnissen seines Forscherlebens heraus wurde Konrad Lorenz in seinen letzten Lebensjahrzehnten zusätzlich aber auch noch zu einem der bekanntesten Gesellschaftskritiker seiner Zeit. Fast möchte man sagen, daß es schon zu seiner Zeit keinen authentischeren, thematisch breit aufgestellten und allgemein bekannten Gesellschaftskritiker gegeben hat als Konrad Lorenz. Und das mag auch noch für unsere heutige Zeit gelten.

Freilich gibt es andere Gesellschaftskritiker. Viele gibt es. Aber viel zu oft ist das, was sie vertreten, "durchstilisiert" entlang bestimmter "gruppenevolutionärer Strategien". Man spürt viel zu oft die Absicht, ist verstimmt und legt die Mahnungen unwirsch beiseite. Dies kann einem bei Konrad Lorenz nicht passieren. Hier spricht ein freier Mensch, nur sich selbst, der Wahrheit und der Kultur, der er angehört, verantwortlich.

Nun aber soll der vorliegende Beitrag dazu dienen, vormalige Überblicks-Aufsätze über das Gesamtwerk von Konrad Lorenz (z. B.: 1, 2) dadurch zu ergänzen, daß auf die vielfältigen, inzwischen bekannt und leicht zugänglich gewordenen Ton- und Filmdokumente von und mit Konrad Lorenz aufmerksam gemacht wird. Diese sind womöglich noch eindrucksvoller als jede schriftliche Übermittlung und jede Übermittlung über Bildbände. Sie geben einen Eindruck von dem tiefen Ernst im Denken, Leben und Handeln von Konrad Lorenz (3).

Der Autor dieser Zielen stieß erst vor wenigen Wochen auf eine frühere, größere Zusammenstellung von Hördokumenten von Konrad Lorenz, die schon 1989 unter dem Titel "Umweltgewissen" auf zwei Langspielplatten (bzw. Hörkassetten) veröffentlicht worden sind (3). Dabei können diese Hördokumente - laut Angabe - schon seit 2012 auf Youtube frei verfügbar angehört werden*). Auch weil man bei bloßen Hördokumenten nicht abgelenkt wird von Seh-Eindrücken, mögen solche Tondokumente manchmal noch eindrucksvoller in ihrer Wirkung sein als Filmaufnahmen von und mit Konrad Lorenz (die inzwischen ja auch reichlich verfügbar sind [4]).

Man kann Reden und Vorträge, in denen Konrad Lorenz weniger als Wissenschaftler denn als Mahner spricht (3), nicht anhören, ohne selbst von dem tiefen Ernst ergriffen zu werden, in dem Konrad Lorenz seine Gedanken vorträgt. Und somit ist über sie sicherlich noch ein direkterer, unmittelbarerer Eindruck vom Menschen und Menschheitswarner Konrad Lorenz möglich  geworden als über andere Formen der Mitteilung. Dies womöglich gerade auch für die Jugend, der es heute mitunter schwerer als früher zu fallen scheint, sich an ernsthaftere, populärwissenschaftliche Literatur in Bücherschränken und Buchhandlungen heranzuwagen.

Auf den beiden Schallplatten "Umweltgewissen" finden sich zum Beispiel auch viele Kerngedanken von Konrad Lorenz angesprochen, und zwar oft auch ganz neu oder anders formuliert als man es von anderen Quellen her kannte. So spricht Konrad Lorenz auf diesen etwa über die "Sinnentleerung der Welt" (3) (im dritten Video). Er äußert Gedanken, wie dieser Sinnentleerung entgegen gesteuert werden kann. Diese Gedanken stehen in voller Übereinstimmung mit den Anliegen unserer eigenen Blogarbeit. Und so findet man noch viele andere überraschende Gedanken und Handlungen auf diesen beiden Langspielplatten, von denen andernorts (vor allem in Büchern) noch nichts zu hören war.

Diese beiden Langspielplatten aus dem Jahr 1989 sind aber nun - und auch das überraschenderweise - gar nicht einmal die einzigen Tondokumente, die von Konrad Lorenz überliefert sind und inzwischen frei verfügbar geworden sind. Auf der Internetseite von "Konrad Lorenz Haus Altenberg" findet sich eine Zusammenstellung aller frei verfügbaren Tondokumente und Filme von und über Konrad Lorenz, die womöglich regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht wird. Und indem man auf diese Internetseite stößt, stößt man auf einen unglaublich reichen Schatz (4). Auf dieser Seite finden sich auch zahlreiche ausführliche Radio-Interviews mit Konrad Lorenz, sowie Ansprachen anläßlich von Preisverleihungen.


/Zuerst veröffentlicht auf:
"Für Kultur", 10.9.17/

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*) Es erscheint einem hier nicht zum ersten mal merkwürdig, wie lang bestimmte, wertvolle Video's auf Youtube veröffentlicht sind, ohne daß man jemals auf sie gestoßen ist. (In diesem Fall fünf Jahre lang!) Ob es hier bewußte Manipulationen der Suchalgorithmen gibt, die verhindern, daß man solche früher entdeckt, stehe dahin. (Solche Manipulationen sind ja inzwischen von der Firma Google gut bezeugt.) Jedenfalls wundert sich der Autor dieser Zeilen, der in den letzten Jahren gewiß häufiger nach neuen Video's von und über Konrad Lorenz gesucht hat, daß ihm die Hördokumente, auf die in diesem Beitrag hingewiesen wird, bislang entgangen sind - obwohl sie doch schon im Jahr 2012 veröffentlicht worden sind. (Oder sind wir in früheren Jahren über sie hinweg gegangen, da es sich "nur" um Hördokumente gehandelt hat? Das soll an dieser Stelle nicht völlig ausgeschlossen sein.)
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  1. Schäfler, Wilhelm: Tierfreund, Erforscher tierischen und menschlichen Verhaltens, Philosoph und Naturbewahrer. Leben und Werk von Konrad Lorenz. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 63, September 1989, S. 1-12
  2. Leupold, Hermin: Wie sind die menschlichen Denk- und Erlebnisfähigkeiten zustandegekommen? Die evolutionäre Entstehung der angeborenen Formen menschlicher Erfahrung. In: In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 72, März 1991, S. 1-11
  3. Lorenz, Konrad: Umweltgewissen. Ein Hörbild mit Stimmdokumenten aus zwei Jahrzehnten begleitet von Bernd Lötsch. 2 Langspielplatten, CBS Schallplatten GesmbH, Wien 1989, https://www.youtube.com/watch?v=Nk8h8etRmjs&t=1s, https://www.youtube.com/watch?v=w_7NBsRYSd4&t=66s, https://www.youtube.com/watch?v=6_-p_Gg-UUc, https://www.youtube.com/watch?v=LSP13I5_osk, https://www.youtube.com/watch?v=6GwhGanh15s, https://www.youtube.com/watch?v=fB9alMDQJ4o; (s.a. Discogs)
  4. Filme und Audiodokumente über Konrad Lorenz. Konrad Lorenz Haus Altenberg, http://klha.at/kl_filme.html [10.9.2017] 
  5. Lorenz, Konrad: Soziale Bindungen und die in ihrem Dienste ritualisierten Verhaltensweisen. Vortrag anläßlich der Tagung Encyclopaedia Cinematographica, Göttingen 3. Oktober 1972, Film des Instituts für den wissenschaftlichen Film, https://www.youtube.com/watch?v=1kTDEpa4cRM&index=6&list=PLV4uV6GKLmOsizq8bRZmmI3o1I_6CAM5x
  6. Bading, Ingo: Ist die monogame Bindung der Kern aller Intelligenz-Evolution auf der Erde? Die sensationellen neuen Thesen des britischen Anthropologen Robin Dunbar. Auf: Studium generale, 31. August 2008 (zuerst 15.11.2007), http://studgendeutsch.blogspot.de/2008/08/ist-die-monogame-bindung-der-kern-aller.html
  7. Bading, Ingo: Das menschliche Gehirn ist evoluiert, "um zu lieben". Auf: Studium generale, 16. November 2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/11/das-menschliche-gehirn-ist-evoluiert-um.html
  8. Bading, Ingo: Stand die monogame Lebensweise an der stammesgeschichtlichen Wurzel allen komplex-sozialen Lebens auf der Erde? Auf: Studium generale, 31. August 2008, http://studgendeutsch.blogspot.de/2008/08/stand-die-monogame-lebensweise-der.html
  9. Jacqueline R. Dillard: Disentangling the Correlated Evolution of Monogamy and Cooperation. In: Trends in Ecology & Evolution 31(7), May 2016, https://www.researchgate.net/publication/301829279_Disentangling_the_Correlated_Evolution_of_Monogamy_and_Cooperation 
  10. Jacqueline R. Dillard and David F. Westneat: Monogamy and Cooperation Are Connected Through Multiple Links - Why does cooperation evolve most often in monogamous animals. In: The Scientist, 1. August 2016, http://www.the-scientist.com/?articles.view/articleNo/46608/title/Opinion--Monogamy-and-Cooperation-Are-Connected-Through-Multiple-Links/

Kommentare:

Genhorst hat gesagt…

Ja, der gute alte Konrad. In der englischsprachigen Welt ist er mittlerweile komplett unbekannt. Dawkins und Pinker haben ihn ja mal diffamiert.

Ingo Bading hat gesagt…

Unbekannter als bei uns? Woran willst Du das fest machen?
Kevin MacDonald und sicherlich viele seiner Generation haben als Studenten die scharfen Auseinandersetzungen gerade in den USA erlebt zwischen Behaviorismus und der damals modernen Verhaltensforschung. Und den unumschränkten Sieg der letzteren.
Und die Soziobiologie des Richard Dawkins ist gar nicht denkbar ohne die Vorgeschichte der Verhaltensforschung. Es mag über Lorenz nicht viel geredet werden, aber die Kenntnisreichen kennen ihn. Robin Dunbar ist ein bekannter und bedeutender Autor und Wissenschaftler in der englischsprachigen Welt. Und er nennt Lorenz einen "großen Kopf". ALLE Verhaltensforscher heute wissen, daß Lorenz ihre Wissenschaft begründet hat. Frans de Waal etwa, Jane Goodall.

Das mag wie mit Kant sein. Mal gibt es Epochen, da ist er mehr Mode, mal Epochen, da ist er weniger Mode. Aber Kant bleibt Kant.

Ingo Bading hat gesagt…

Oder Frank Salter, der gehört ja auch zur englischsprachigen Welt. Den hab ich ja selbst in Seewiesen reden gehört. War ein Schüler von Eibl-Eibesfeldt.

Das ist im übrigen wohl wie bei den Ehefrauen. Über die guten wird bekanntlich am wenigsten gesprochen. :)

Ingo Bading hat gesagt…

Auf Google Scholar 260 Nachweise allein für die Suchworte "Konrad Lorenz imprinting". In der Wissenschaft ist Konrad Lorenz nicht unbekannt, sondern schlichtweg Lehrbuchwissen.

Ingo Bading hat gesagt…

Auf Google Scholar seit 2016 meinte ich:

https://scholar.google.de/scholar?as_ylo=2016&q=konrad+lorenz+imprinting&hl=de&as_sdt=0,5

Ingo Bading hat gesagt…

Im Text schrieb ich: "Auch weil man bei bloßen Hördokumenten nicht abgelenkt wird von Seh-Eindrücken, mögen solche Tondokumente manchmal noch eindrucksvoller in ihrer Wirkung sein als Filmaufnahmen von und mit Konrad Lorenz."

Tatsächlich scheinen reine Höreindrücke überhaupt die Empathie zu fördern, wenn sich eine neue Studie als gültig erweisen sollte:

Kraus, M. W. (2017). Voice-only communication enhances empathic accuracy. American Psychologist, 72(7), 644-654. http://dx.doi.org/10.1037/amp0000147

Genhorst hat gesagt…

oh meinte ich so gar nicht ;) aber in der soziobiologie ist er ja nicht so populär, oder?

Ingo Bading hat gesagt…

Das ist schon lange nicht mehr so, ist eine längst überholte Sache, soweit ich das sehe.

1. Natürlich hat William D. Hamilton 1964 GEGEN das Konzept vom Artwohl die Soziobiologie begründet (mit seiner Doktorarbeit). Da gab es von Seiten der frühen Soziobiologie manche Polemik gegen Vertreter des Artwohls (zu denen Konrad Lorenz und seine ganze Generation gehörte). Aber das ist schon lange kalter Kaffee, ganz zuletzt schon dadurch, daß ja die Soziobiologie selbst - und als erster wiederum W.D. Hamilton selbst - das Konzept der Gruppenselektion wieder belebt hat (das in manchem ja als eine Neuauflage des Artwohl-Konzeptes empfunden werden kann).

2. Die Klassische Verhaltensforschung hat sich anfangs - auch aus anderen Gründen - sehr stark gegen die Soziobiologie gewehrt. Es gab da anfangs viel Unverständnis, oft nur jenes, das schon durch Buchtitel wie "Das egoistische Gen" hervorgerufen wurde. Das war ja mehr Provokation und auf einen atheistischen Zeitgeist abgestimmt, als daß der Buchtitel etwas mit der Sache selbst zu tun hatte. Der Sache selbst nach erklärt die Soziobiologie vor allem ALTRUISMUS (nicht Egoismus). Das haben auch die Vertreter der klassischen Verhaltensforschung anfangs oft nicht richtig verstanden.

Von Konrad Lorenz gibt es dazu nur wenige, verständnislose Äußerungen (ich glaube, von Norbert Bischof in "Gescheiter als alle die Laffen" genüßlich gesammelt und angeführt). Aber Konrad Lorenz starb ja 1989, bevor es diesbezüglich zu einem Ausgleich hatte kommen können. Dann hat insbesondere Eibl-Eibesfeldt sein Unverständnis und seine Kritik an der Soziobiologie weiter gepflegt.

Aber schon ein anderer Schüler von Konrad Lorenz hat ja das erste deutschsprachige Buch über die Soziobiologie geschrieben, übrigens sehr lesenswert: Wolfgang Wickler - "Prinzip Eigennutz" (zuerst 1981). Da steckte natürlich noch viel Aufbegehren gegen den Übervater Konrad Lorenz mit drin und vielleicht auch gegen Konkurrenten im Schülerkreis von Lorenz.

Aber mit "Der Mensch, das riskierte Wesen. Zur Naturgeschichte menschlicher Unvernunft" hat Eibl-Eibesfeld dann schon 1988 wieder, so kann man sagen, das Kriegsbeil zwischen Verhaltensforschung und Soziobiologie begraben, nachdem er erkannt hatte, daß zwischen beiden Denkarten ja gar kein Widerspruch besteht. Seit 1988 gibt es keinen Gegensatz mehr zwischen beiden.

Und ich wüßte wahrlich nicht, warum Konrad Lorenz unter Soziobiologen heute nicht populär sein sollte. Soziobiologie ist ein Zweig der Verhaltensforschung und Konrad Lorenz war der Begründer derselben. Dessen ist sich jeder bewußt. Und jeder ist sich der Verdienste bewußt, die sich Konrad Lorenz im Kampf gegen den Behaviorismus um den wissenschaftlichen Fortschritt erworben hat. ERST dadurch gewann das Denken der Soziobiologie ja jene Grundlagen, auf denen es beruht, nämlich die Erkenntnis, daß Verhalten angeborene Komponenten beinhaltet. Ohne diese Erkenntnis ist die Soziobiologie nicht denkbar. Ein Soziobiologe ist sich bewußt, daß die Soziobiologie ohne Konrad Lorenz und den von ihm eingeleiteten Paradigmenwechsel nie hätte begründet werden können. Ein Soziobiologe, für den Konrad Lorenz nicht populär wäre, dem könnte seine ganze eigene Fachrichtung nicht "populär" sein.

Aber heute benennt man das alles ja ganz richtig als "Evolutionäre Anthropologie". In diesem übergreifenden Fach sammeln sich ja Klassische Verhaltensforschung, Soziobiologie, Evolutionäre Psychologie und noch viele weitere Zweige. Und es ist doch allen bewußt, daß sich diese Zweige alle gegenseitig ergänzen zu einem vollen Bild, und daß sie sich nicht mehr widersprechen.

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