Sonntag, 17. April 2016

Wie kamen deutsche Hausmäuse nach Neuseeland?

Zwei Aussiedler-Schiffe aus Hamburg 1843/44

Deutsche Siedler eines Aussiedler-Schiffes aus Hamburg siedelten um 1850 rund um die Hafenstadt Nelson in Neuseeland. Händler kamen hinauf bis an den Rotoiti-See im gebirgigen Inland. Noch heute leben an diesem abgelegenen Ort Nachkommen ihrer Hamburger Hausmäuse.

Die genetische Forschung erzählt immer wieder aufregende Geschichten. Nicht zuletzt die genetische Erforschung der weltweiten Verbreitung der Hausmaus-Arten und -Stämme. Eine neue Studie (1) hat die Ausbreitung der Hausmaus-Arten in Neuseeland erforscht. Und damit wird ja zugleich immer auch ein Beitrag geleistet zur Erforschung der menschlichen Siedlungsgeschichte einer Region. Denn die Hausmäuse sind ja von Menschen eingeführt worden (1).

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Die ersten Siedler Neuseelands kamen (über Australien) aus Großbritannien. Und so auch die Hausmäuse, die sie mitbrachten. Dann bestanden Handelskontakte mit China. Auch von dort kamen Hausmäuse. Schließlich aber kamen auch Deutsche (1):
"Mäuse des nordmitteleuropäischen Stammes D1, der verbreitet ist in Deutschland, haben sich bisher nur gefunden im Hafen von Nelson und an einem Ort 90 Kilometer im Inland," 
heißt es in der Studie. Und:  
"Die Provinz Nelson wurde von vielen deutschen Siedlern besiedelt."
Das möchte man dann doch genauer wissen. Wikipedia (Wiki):
"Der Hamburger Senatssyndicus Karl Sieveking (...) war Vertreter einer Gruppe von Hamburger Kaufleuten, die aus den Chatham-Inseln eine deutsche Kolonie machen wollten. Sie gründeten zu dem Vorhaben eigens die Deutsche Colonisation-Gesellschaft. John Nicholas Beit war der Vertreter der New Zealand Company in Hamburg, der alles versuchte, um das Ansiedlungsprojekt mit den Hamburgern zu realisieren und eigens dafür ein 71-seitiges Pamphlet erstellte." 
Dem ersten Siedlungsversuch auf den Chatham-Inseln durchkreuzte die britische Regierung, indem sie diese Inseln annektierte.
"Nachdem das Chatham-Island-Projekt fehlgeschlagen war, versuchte Beit, deutsche Siedlungswillige nach Nelson zu bekommen. Beit und De Chapeaurouge & Co, ein Unternehmen der hanseatischen Familie De Chapeaurouge, wurden sich einig und charterten die Bark St. Pauli um knapp 120 Siedler mit ihren Kindern, hauptsächlich aus Norddeutschland kommen und lutherischen Glaubens, nach Neuseeland zu bringen. Mit der Ankunft am 14. Juni 1843 in Nelson zeigte sich aber, dass das versprochene Land nicht zur Verfügung stand. Arthur Wakefield, der Vertreter der New Zealand Company in Nelson, entschärfte den Konflikt der Siedler mit Beit, indem er ihnen Land im Moutere Valley, gut 20 km westlich von Nelson gelegen, gab. Dort gründeten die Siedler die Ansiedlungen Schachtstal, zu Ehren des Kapitäns der St. Pauli so benannt, und St. Paulidorf, dem Schiff der Siedler nach benannt. Doch die Siedlungen wurde zu häufig von Überflutungen heimgesucht, so daß man im Oktober 1844 die Siedlungen schließlich wieder aufgab. Einige Familien siedelten in Nelson und Waimae Valley."
Gerade zu jener Zeit setzten sich die einheimischen Maori zum ersten mal gegenüber den Ansiedlungsversuchen zur Wehr. Im sogenannten Wairau-Tumult von 1843 wurden der genannte Wakefield, der Gründer der Siedlung Nelson, und 21 seiner Begleiter hingerichtet, als er auf einer Expedition einen Häuptling gefangen nehmen wollte und nachdem angesehene Frauen dieses Stammes ums Leben gekommen waren.

Mikrogeschichte einer genetisch isolierten Hausmaus-Population an einem abgelegenen Gebirgsort


1844 kam ein weiteres Schiff mit 140 deutschen Siedlern nach Nelson, die mehrere Dörfer im Umkreis gründeten, nämlich Ranzau, Sarau, Rosental und Neudorf.

Bei der Siedlung in 90 Kilometer Entfernung von Nelson handelt es sich um das Gebirgsdorf Saint Arnaud (früher Rotoiti) am Rotoiti-See. Es wurde und wird heute vor allem von Jägern, Fischern, Wasser-, Wander- und Skitouristen besucht. 1843 kamen die ersten Briten an diesen See, 1846 trieben sie die ersten Schafherden hier hinauf, 1847 bauten sie eine erste Hütte an einem viel begangenen Paß 8 Kilometer vom heutigen Gebirgsdorf entfernt. Dieser Paß war schon zu Maori-Zeiten ein viel begangener Weg und Fluchtweg ins Inland hinein und heraus. Über ihn flüchteten auch Überlebende des Wairau-Tumults von 1843. Und da das Haus bis dahin das höchst gelegene Haus Neuseelands war, wurde es Top House genannt.

Ab 1859 erforschte der deutsche Geologe Julius von Haast Neuseeland, auch um neue Siedlungsgebiete für Deutsche zu finden. Die von ihm geleiteten Expedition kam dabei auch an den Rotoiti-See (2).

Und im gleichen Jahr übernahm Adolph Wiesenhavern das Top House als Gasthaus, das als solches auch lizensiert wurde. Dieses Haus wird noch heute als ein historisches Gästehaus geführt. Es hat auch eine eigene Internetseite. Letztes Jahr ist es auch von einer Gruppe von Lokalhistorikern besucht worden.

Sicher wäre es eine spannende Frage, wo nun genau das genetische Material der untersuchten Hausmäuse des Rotoiti-Sees gesammelt wurde und wie es um die Mikrogeschichte der Hausmäuse vor Ort bestellt ist. Ist es plausibel, daß sie durch diesen Adolph Wiesenhavern um 1859 herum in diese Region gelangten?

Gerade eine solche eher abgelegene Region mit geringer Besiedlung dürfte es erlauben, einiges Genauere über grundlegendere Gesetzmäßigkeiten der Beziehung Mensch-Hausmaus heraus zu bekommen, bzw. die Hausmaus könnte umgekehrt auch neue Erkenntnisse zur Mikrogeschichte vor Ort erbringen.
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  1. What can the geographic distribution of mtDNA haplotypes tell us about the invasion of New Zealand by house mice Mus musculus? By Carolyn King, Alana Alexander, Tanya Chubb, Ray Cursons, Jamie MacKay, Helen McCormick, Elaine Murphy, Andrew Veale, Heng Zhang, First Online: 11 March 2016, Biological Invasions, June 2016, Volume 18, Issue 6, pp 1551–1565, https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs10530-016-1100-y
  2. James N. Bade: The German connection. New Zealand and German-speaking Europe in the nineteenth century. Oxford University Press, 1994, S. 147
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Siedlungsgeschichte_deutschsprachiger_Einwanderer_in_Neuseeland,
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Upper_Moutere,
  5. http://www.theprow.org.nz/places/tophouse/#.VxNC_dSLSUl,
  6. http://www.stuff.co.nz/marlborough-express/features/history/2513476/Access-escape-action-Tophouse-has-had-it-all
  7. Waimea South Meets Tophouse By waisouth on December 31, 2015, https://waisouth.wordpress.com/2015/12/31/waimea-south-meets-at-tophouse/,
  8. https://de.wikipedia.org/wiki/Wairau-Tumult
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