Mittwoch, 2. März 2016

"... Iss, trink und scherze - das übrige ist nicht SO viel wert ..."

Ein Ausflug in die Kultur- und Philosophiegeschichte der südtürkischen Küste
Oder: Die Küsten des Mittelmeeres träumen von der Herrlichkeit vergangenen Glanzzeiten der Menschheitsgeschichte 

Abb. 1: Der Apollon-Tempel in Side in Pamphylien (2. Jhdt. n. Ztr.)
(Fotograf: W. Lloyd MacKenzie, via Flickr)
Unsere Sehnsucht nach dem antiken Griechenland findet auch Nahrung, wenn man an heute unter Deutschen so beliebte Urlaubsorte reist wie Antalya oder Alanya. So wie der Autor erstmals für eine Woche Ende Februar 2016. Hier kann man heute mindestens ebenso günstig Urlaub machen wie auf Mallorca. Aber wohl nur eine Minderheit derjenigen, die hier Urlaub machen, sind sich bewusst, dass die Gegend von Antalya und Alanya wesentlich geschichtsträchtiger ist als etwa eine Urlaubsinsel wie Mallorca. Die antike griechische Kultur hat längs der gesamten Südküste Kleinasiens in fast regelmäßigen Abständen ihre - oft noch weitgehend unberührten - Ruinenstädte hinterlassen. Und man kann sich als Urlauber hier tief hinein versenken in das reichhaltige kulturelle Leben der Antike. Dazu sollen im vorliegenden Beitrag einige Anregungen gegeben werden.

Von Antalya nach Alanya fährt man heute mit dem Autobus etwa eineinhalb Stunden. Diese beiden modernen Hafenstädte begrenzen die antike Provinz "Pamphylien" im Westen und im Osten. Pamphylien wie überhaupt die Mittelmeerküste Kleinasien lag an der Peripherie bedeutendster kultureller Großregionen der Antike wie: der hethitischen und luwischen, der phönizischen und der griechischen. Die kulturelle Hochzeit dieser Gegend begann mit dem Zug Alexanders des Großen nach Kleinasien und Pamphylien im Jahr 333 v. Ztr.. Und sie endete mit dem Ende des Römischen Reiches in der Spätantike.

Abb. 2: Pamphylien und Cilicien in römischer Zeit
(Herkunft: Wiki)
Alexander der Große eroberte die antike Hafenstadt Side bei Antaly 333 v. Ztr. kampflos. Hier war man froh, die Herrschaft der Perser los zu sein. Der karthagische Feldherr Hannibal hinwiederum schlug 190 v. Ztr. vor dieser Hafenstadt Side eine Seeschlacht. Der immer wieder versandende Hafen von Side brachte das im ganzen Römischen Reich verbreitete Sprichwort mit sich über eine schwierige und unendlich lang dauernde Arbeit: sie sei "wie der Hafen von Side". Mit solchen Dingen wird einem deutlich, dass die Südküste Kleinasiens in der Antike fast im geographischen Mittelpunkt weiter kultureller und geschichtlicher Bezüge stand.

Fast jede hellenistische Stadt an dieser Küste besaß ihr Theater, ihre Philosophenschule, ihre Exedra, den Versammlungsort der philosophisch und kulturell Interessierten. Sie hatte ihre Dichter, Künstler, Wissenschaftler und Athleten ebenso wie es die Städte Ioniens an der Westküste Kleinasiens hatten - und wie das griechische Festland sowieso. Seit die Griechen sich um 1200 v. Ztr. in Ionien, an der Westküste Kleinasiens festgesetzt haben, hat es auch griechische Kolonien entlang der Südküste Kleinasiens gegeben. Diese haben sich aber anfangs meist akkulturalisiert an die dort bis zu Alexander dem Großen vorherrschende luwische Landessprache und Religion. Weil sich hier so viele Stämme vermischten, nannte die Griechen die Südküste Kleinasiens "Pamphylien", das heißt "alle Stämme".

Abb. 3: Die Südküste Kleinasiens war auch die Heimat der berühmten Zeder, die von dort ausgeführt wurde;
hier: Libanon-Zedern am Berg Libanon im Libanon
(Fotograf: Jerzy Strzelecki)

23 n. Ztr. - Strabo in seiner Erdbeschreibung über das südliche Kleinasien

Als Hauptquelle für die antike griechische Geschichte der Südküste Kleinasiens wird in Reiseführern (1) und auch sonst immer wieder die Erdbeschreibung des antiken griechischen Geographen Strabo (63 v. Ztr.-23 n. Ztr.) herangezogen. Dieser Geograph wurde geboren und starb in einer Stadt im nördlichen Kleinasien. Das vierzehnte Buch seiner Erdbeschreibung (2) befasst sich im ersten Kapitel mit Ionien. Im zweiten Kapitel beschreibt Strabo Karien und die ionischen Inseln Rhodos und Kos. Strabo hat noch das Nachbeben des Machtvakuums im südlichen Kleinasien während der Diadochenkämpfe und die daraus sich ergebende Ausbreitung des Piratenwesens erlebt. Ab dem dritten Kapitel (2) berichtet er zunächst über Lycien, also den westlichsten Teil der Südküste Kleinasiens, sie wäre
rauh und beschwerlich, jedoch sehr hafenreich und von wohlgesitteten Menschen bewohnt. Die Natur des Landes nämlich ist der von Pamphylien und dem Rauhen Cilicien ähnlich; allein jene Völker bedienten sich ihrer Häfen zu Sammelplätzen für den Seeraum, indem sie teils selbst Seeräuberei trieben, teils den Seeräubern Märkte für ihre Beute und Ankerplätze gewährten; wie denn z. B. in Side, einer Stadt Pamphyliens, Schiffswerfte für die Cilicier bestanden, welche dort durch einen Ausrufer Gefangene verkaufen ließen, deren Freiheit sie doch anerkannten. Die Lycier dagegen lebten fortwährend so bürgerlich und wohlgesittet, dass sie, während jene vom Glück begünstigt zur Seeherrschaft bis nach Italien hin gelangten, sich dennoch durch keinen schändlichen Gewinn reizen ließen, sondern bei der urväterlichen Verfassung des Lycischen Bundes treu verharrten. Es sind aber dreiundzwanzig Städte, welche am Stimmrecht Anteil haben ...
Diese 23 lycischen Städte im Süden Ioniens werden dann von Strabo genau beschrieben, zuletzt Termessos, eine antike Stadt kurz vor dem heutigen Antalya. Im vierten Kapitel beschreibt Strabo dann Pamphylien, sprich die Gegend rund um das heutige Antalya, das in der Antike bekannt war unter dem griechischen Namen Attaleia. Diese Stadt war benannt nach dem Erbauer Attalus Philadelphus (220-138 v. Ztr.), König von Pergamon, der hier zeitweise die Herrschaft aufrecht erhalten konnte. Als Städte östlich von Attaleia nennt Strabo zahlreiche, deren Ruinen heute noch vor Ort zumeist recht gut erhalten besichtigt werden können, so ...
... die Stadt Perge und in ihrer Nähe auf einer erhabenen Stelle der Tempel der Pergäischen Artemis, in welchem alljährlich ein Volksfest gefeiert wird. Dann folgt gegen 40 Stadien (6 km) über dem Meer die hochgelegene Stadt Syllium, die man von Perge aus sehen kann. Dann ein großer Landsee Kapria, darauf der Fluss Eurymedon, und wenn man denselben 60 Stadien (9 km) weit hinauf fährt, die ziemlich bevölkerte Stadt Aspendus, eine Gründung der Argiver. Über dieser aber liegt Petnelissus. Dann folgt ein anderer Fluss und viele davor gelegene Inselchen; dann Side, eine Pflanzstadt der Cymäer, mit einem Tempel der Athene. Nahe dabei ist auch die Küste von Klein-Cibyra und dann kommt der Fluss Melas und ein Ankerplatz. Sodann die Stadt Ptolemais und hierauf die Grenze Pamphyliens und Koracesium, der Anfang des Rauhen Ciliciens. Die ganze Küstenfahrt längst Pamphilien hält 640 Stadien (95 km).
Koracesium ist das heutige Alanya. (Ein antikes griechisches Stadion war 148,5 Meter lang. 40 Stadien sind also sechs Kilometer, 60 Stadien sind neun Kilometer, 640 Stadien sind 95 Kilometer.) Weiter schreibt Strabo, dass die Pamphylier sich nach dem Troianischen Krieg unter der Führung der beiden berühmten Seher vor Troia, nämlich Kalchas und Mopsus, in Pamphylien angesiedelt hätten:
Herodotus sagt, die Pamphylier stammten von dem Volkshaufen unter Amphilochus und Kalchas ab, welchem sich auch einige Mischlinge aus Troja angeschlossen gehabt hätten; die meisten nun seien hier geblieben, die übrigen aber hätten sich weit im Lande umher zerstreut. Kallinus meldet, Kalchas habe sein Leben in Klarus geendet, sein Volk aber habe mit Mopsus den Taurus überstiegen und sei teils in Pamphylien geblieben, teils habe es sich über Cilicien und Syrien bis nach Phönicien hin verteilt.
In diesen Schilderungen mögen sich die weitläufigen Bevölkerungsverschiebungen im Zuge des Seevölkersturmes, der dorischen Wanderungen und des Troianischen Krieges wiederspiegeln. Es ist durchaus möglich, dass hier auch nur "sagenhafte" Elemente sich eingemischt haben und nicht alles 100 Prozent historisch ist. Da die Phönizier höchstwahrscheinlich auch zu nicht geringen Teilen im Zuge des Seevölkersturmes nach Phönizien gekommen sind, ist es aber tatsächlich nicht unwahrscheinlich, dass sich in Pamphylien und Cilicien ein solches "Mischvolk" aus Troianern und Griechen angesiedelt hat, die sich mit den dort ansässigen Luwiern vermischt haben und an diese sprachlich angepasst haben. Über Koracaesium - die heutige, immer noch eindrucksvolle Bergfestung Alanya - schreibt Strabon dann im fünften Kapitel:
Zuerst also findet sich die auf einem abgerissenen Berge erbaute Veste Koracaesium, deren sich Diodotus mit dem Beinamen Tryphon als Waffenplatz bediente, wie er Syrien von den Königen abtrünnig machte und bald glücklich, bald unglücklich mit ihnen kämpfte. Ihn nun schloss zwar Antiochus, der Sohn des Demetrius, in einer Festung ein und nötigte ihn, sich selbst zu entleiben, für die Cilicier aber wurde Tryphon und die Nichtswürdigkeit der damals nach der Erbfolge in Syrien und zugleich in Cilicien herrschenden Könige die erste Veranlassung zur Errichtung des Seeräuberbundes.
Hamaxia und Syedra - Umschlagplätze der Libanon-Zeder

Strabo schreibt dann weiter über die antike Stadt Hamaxia (Histolia). Ihre Ruinen liegen sieben Kilometer nordwestlich von Alanya auf 400 Meter Bergeshöhe. Und über die antike Stadt Syedra (Wiki). Sie liegt 18 Kilometer südöstlich von Alanya auf 250 Meter oberhalb der Küste. Und über die antike Stadt Laertes (Histolia). Sie liegt etwa 22 Kilometer südöstlich von Alanya auf 850 Meter oberhalb der Küste. Von allen drei Ruinenfeldern hat man herrliche Blicke hinab auf das heutige Alanya und das Meer. Strabo:
Nach Koracesium folgt die Stadt Syedra, dann ein Ort namens Hamaxia auf einem Hügel mit einem Ankerplatze, wohin das Schiffbauholz gebracht wird, meistens Zedern, an welcher Holzart diese Gegenden Überfluss zu haben scheinen, weshalb auch Antonius diese zur Ausrüstung von Flotten so geeignete Landschaft der Kleopatra zuteilte.
Gemeint ist "die" berühmte Königin Kleopatra von Ägypten. Tatsächlich befindet sich in der südlichen Türkei noch heute das größte Vorkommen der -berühmten - hier angesprochenen Libanon-Zeder, also jenes Baumes, auf den ja auch in der Bibel immer einmal wieder Bezug genommen wird (3):
Weltweit befindet sich der größte Waldbestand der Libanon-Zeder in der südlichen Türkei, er bedeckt eine Fläche von 417.188,5 ha.
Doch das sind nur Restbestände, denn (Wiki, eig. Übersetzung):
Über die Jahrhunderte hat es eine starke Entwaldung gegeben, die nur noch wenige Reste des ursprünglichen Waldes übrig ließ. Diese Entwaldung war im Libanon und auf Zypern besonders stark; auf Zypern überlebten nur Bäume bis 25 Meter Höhe, während Plinius der Ältere dort von Zedern berichtete, die 40 Meter hoch waren. Gegenwärtig wird eine intensive Wiederaufforstung von Zedern im Mittelmeerraum durchgeführt, besonders in der Türkei, wo über 50 Millionen junge Zedern jährlich gepflanzt werden. (...) In der Geschichte gab es verschiedene Versuche, den Bestand der Libanon-Zedern zu erhalten. Der erste wurde durch den römischen Kaiser Hadrian unternommen, "als der größte Zedernwald des Libanon in seiner Ausdehnung schon sehr eingeschränkt war." Hadrian schuf einen kaiserlichen Wald und befahl, dass er durch steinerne, beschriebene Grenzsteine markiert werde, von denen sich zwei im Museum der Amerikanischen Universität Beirut befinden.
Was ist das Besondere an der Libanon-Zeder? (Wiki):
Sie ist äußerst dürreresistent, bevorzugt aber Standorte mit Niederschlagsmengen zwischen 590 und 1300 mm pro Jahr. Es werden kalkhaltige Böden bevorzugt. Man findet sie in Höhenlagen von 600 bis 2.100 m. ü. NN. Sie bildet unter anderem Mischwälder mit der Kilikischen Tanne (Abies cilicica), Kiefern (Pinus spec.) und Wacholder (Juniperus spec.) wie Stinkender Wacholder. (...) Die Libanon-Zeder gehört zu den meist genutzten Baumarten. Das schöne, dauerhafte und leicht zu bearbeitende Holz der Libanon-Zeder wird seit fast 5.000 Jahren verwendet. In der Antike wurde es zum Palast- und Tempelbau genutzt. Es war zudem ein gefragtes Holz zum Schiffbau und zur Möbelherstellung. Auch heute noch ist das Holz ein sehr gefragtes Bau-, Tischler- und Möbelholz. (...) Für die Phönizier galt die Libanon-Zeder als Königin des Pflanzenreiches. Sie nutzten Zedernholz unter anderem zum Schiffbau. Auch die alten Ägypter nutzten Zedernholz für ihren Schiffbau, wobei vermutet wird, dass sie diese aus dem Libanon importierten.
- Zurück zu den angesprochenen antiken griechischen Städten. In den Ruinen von Hamaxia findet man noch heute Reste einer (1, S. 105)
Exedra mit Inschriften und Sitzreihen in einem Halbkreis.
Auch hier also trafen sich die philosophisch interessierten Bürger hellenistischer Städte zum Philosophieren. Und über Syedra berichtet Hagelstad (1, S. 64):
Die Stadt hat außerdem viele Athleten hervorgebracht, was aus zahlreichen Inschriften hervorgeht, wo nicht nur die Sportler der Stadt, sondern sogar auch Athleten aus Anamorium und einer aus Aspendos, geehrt werden. Das Interesse an sportlicher Betätigung geht auch aus den Münzen des 2. und 3. Jh. hervor, wo Siegerkränze und Ringkämpfe abgebildet.
Laertes - Alterssitz verdienter Soldaten

Strabo nun setzt seine Aufzählung in seiner Erdbeschreibung fort:
... Dann auf einem busenförmig gewölbtem Hügel die Bergfeste Laertes mit einer Rhede.
Über diese antike Stadt schreibt Huglstad (1, S. 67):
Die Stadt existierte bereits ungefähr im Jahre 625 v. Chr., da man eine Tafel mit einer phönizischen Inschrift aus dieser Periode gefunden hat. Aus der Tafel geht hervor, dass der Provinzbefehlshaber dem Besitzer der Tafel, seinem Diener, ein Stück Land vermacht hat. (...) Aus der gleichen Zeit gibt es eine phönizische Inschrift, welche die hohe Qualität des hiesigen Weines preist.
Aus Inschriften des 1. bis 3. Jahrhundert geht hervor (1, S. 67f):
Römische Soldaten aus verschiedenen Regionen des Reiches haben nach absolviertem Dienst in der Stadt ihr Rentnerdasein verbracht. (...) Aus einer anderen Inschrift geht hervor, dass die Stadt einen Olympiasieger namens Polemos hervorgebracht hat. (...) Die Agora (Marktplatz) (...) Im nördlichen Ende sieht man die in einem Halbkreis angebrachten Sitzreihen. Der untere Teil ist mit zwei Löwentatzen dekoriert. Es dreht sich hier um eine so genannte Exedra, wo die Bürger der Stadt, Philosophen u.a.m. sich entspannen und diskutieren konnten.
"Iss, trink und scherze - das übrige ist nicht so viel wert" - Die Philosophenstädte Kilikien's

Über die Stadt Seleucia schreibt Strabo:
der stark bevölkerten und von den Cilicischen und Pamphylischen sehr abweichenden Stadt Seleucia. Hier lebten zur ... Zeit zwei bedeutende Männer, die zu der Schule der Peripipatetiker gehörenden Philosophen Athenäus und Xenarchus, von welchen Athenäus auch Staatsmann war und eine Zeit lang das Volk seiner Vaterstadt leitete, später aber, als er in freundschaftliche Verbindung ... zu Murena geraten war, nach Entdeckung der gegen den Kaiser ... gestifteten Verschwörung mit jenem fliehen musste und gefangen genommen wurde; doch ward er, als unschuldig erkannt, vom Kaiser wieder freigelassen. (...) Xenarchus aber, bei dem ich (selbst) gehört habe, verweilte nicht lange in der Heimat, indem er in Alexandria und Athen, zuletzt aber in Rom das Leben eines Lehrers wählte; und im Genus der Freundschaft des Arius und später des Kaisers Augusts blieb er bis zum Greisenalter in großer Achtung.
Über die Stadt Soli schreibt Strabo:
Merkwürdige Männer von hier waren Chrysippus, der stoische Philosoph, dessen Vater aus Tarsus, aber von dort weggezogen war, der Lustspieldichter Philemon, und Aratus, welcher die Phänomena (oder Himmelskörper) in Versen beschrieben hat.
Über Anchiale:
Eine Gründung des Sardanapal, wie Aristobulus sagt. Auch sei daselbst das Grabmal Sardanapal's und sein steinernes Bild, welches die Finger der rechten Hand so zusammen drücke, als ob er ein Schnippchen schlage, und daran finde sich folgende Inschrift mit assyrischen Buchstaben: "Sardanapal, der Sohn des Anakyndaxeres, baute Anchiale und Tarsus an einem Tage. Iss, trink und scherze; das übrige ist nicht so viel wert," nämlich eines Schnippchens. Auch Chörilus erwähnt diese Sache; besonders sind folgende Verse überall im Umlauf:
Jenes nur, was ich beim Mahl und beim Wein und in Liebe genossen,
Hab' ich anjetzt; doch zurück blieb jegliche Fülle des Reichtums.
Man merkt, dass dies Lebensgrundsätze geistreicher Menschen waren. Man sollte sich also hüten, ihre Lebensgrundsätze mit äußerlich ähnlichen heutiger Menschen zu vergleichen, die sich, indem sie glauben diese Grundsätze zu leben, für geistreich - - -  halten. Über die Stadt Tarsus schreibt Strabo:
Die dasigen Einwohner zeigen einen solchen Eifer sowohl für die Philosophie, als für alle übrigen allgemeinen Wissenschaften, dass sie selbst Athen und Alexandria und jeden anderen Ort, den man etwa sonst noch nennen kann, wo es Schulen und Unterricht der Philosophen gab, übertreffen. Nur das macht einen Unterschied, dass hier die Studierenden sämtlich Einheimische sind, Fremde aber nicht dort hinwandern; und selbst jene bleiben nicht dort, sondern vollenden ihre Bildung auswärts und bleiben, wenn sie dieselbe vollendet haben, dort. In jenen Städten aber, die ich eben nannte, außer Alexandria, geschieht das Gegenteil; in sie wandern viele und verweilen gern daselbst, von Einheimischen aber sieht man nicht viele aus Lernbegierde auswärts gehen, noch am Orte selbst sich den Wissenschaften widmen. Bei den Alexandrinern jedoch vereinigt sich beides; denn sie nehmen nicht nur viele Fremde auf, sondern entsenden auch nicht wenige der ihrigen, auch finden sich bei ihnen allerlei Schulen für die Sprachwissenschaften. (...) Von da gebürtige Männer waren die Stoiker Antipater, Archedemus und Nestor, dann zwei Athenodorus, von denen der eine, der den Beinamen Kordylion führte, im Hause des Marcus Cato lebte und bei ihm starb, der andere aber, Sandon's Sohn (...) den Kaiser Augustus unterrichtete und großer Ehre genoss, dann aber, schon ein Greis, in seine Vaterstadt zurückgekehrt, die dort bestehende Staatsverfassung aufhob, welche unter anderen besonders vom Boethus, einem ebenso schlechten Dichter als Bürger, aber als Volksschmeichler sehr mächtigem Manne, schlecht verwaltet wurde.
Von diesem Boethus, sowie von Athenodorus und ihren Streitfällen mit Heerführern und Mitbürgern weiß Strabo dann noch mancherlei Kurioses und Erheiterndes zu erzählen. So bekam der greise Athenodorus von Kritikern an die Hauswand geschrieben:
Taten der Jungen, Beratung der Männer und Fürze der Alten.
Athenodorus habe die Beleidigung als Scherz genommen, sie durchgestrichen und geschrieben:
Donner der Alten.
Doch die Jugend hinwiederum rächte sich mit noch derberen Beleidigungen ... Strabo weiter:
Diese Männer also waren Stoiker. Ein Akademiker dagegen war Nestor, der, zu meiner Zeit lebend, den Marcellus, den Sohn Octavia's, der Schwester des Kaisers, unterrichtete. Auch dieser stand als Nachfolger des Athenodorus an der Spitze der Staatsverwaltung und erhielt sich stets in der Achtung sowohl der Statthalter als der Stadt.
Unter den übrigen Philosophen (...) gehörten Plutiades und Diogenes zu denen, welche in den Städten umherziehen und einträgliche Schulen errichten. Diogenes machte auch gleichsam begeistert über jeden ihm vorgelegten Gegenstand Gedichte, meistens Trauerspiele. Sprachgelehrte, von denen auch noch Schriften vorhanden sind, waren Artemidorus und Diodorus, ein Trauerspieldichter aber Dionysides, der beste von denen, die zu dem Siebengestirn gerechnet werden. Besonders aber kann Rom die Menge der aus dieser Stadt gebürtigen Gelehrten zeigen; denn es ist voll von Tarsiern und Alexandrinern.
Wie es überhaupt als bemerkenswert bezeichnet werden kann, dass in einer geographischen Erdbeschreibung so ausführliche Beschreibungen von Philosophen einzelner Städte gegeben werden. Auch Strabo setzte offenbar die Prioritäten anders als das viele heutige Geographen tun ....


Side - Das Korinth des antiken südlichen Kleinasiens?

Das größte städtische Zentrum der Luwier an der Südküste Kleinasiens war die antike Stadt Side - wie gesagt nahe gelegen dem heutigen Antalya (Wiki) (s. auch Abb. 1). Wie gesagt spiegelt sich im Namen dieser Landschaft "Pamphylien" wieder, dass im Verlauf des Seevölkerstumes um 1200 v. Ztr. und im Verlauf des Trojanischen Krieges und der dorischen Wanderungen an die Südküste Kleinasiens sowohl Griechen wie Trojaner wie Phönizer gelangten. Und dass sie sich dort mit den zuvor schon dort ansässigen Luwiern vermischten und sich kulturell an diese anpassten. Alexander der Großen besetzte 333 v. Ztr. kampflos Side und damit wurde der Startpunkt für die Hellenisierung Pamphyliens gesetzt. Der Däne Huglstad schreibt über die Geschichte von Side (1, S. 123):
Das Wort Side ist anatolischen Ursprungs und deutet darauf hin, woher die ersten Bewohner kamen. Vermutlich waren es Hethiter aus Anatolien. Unter Ausgrabungen hat man nämlich eine basaltene Säulenbasis späthethitischen Ursprungs gefunden. Diese ist auf das 7. Jh. v. Chr. datiert.
Siehe hier.
Möglicherweise sind Menschen während der kleinen Völkerwanderung, die nach der Eroberung und Zerstörung Trojas um 1200 v. Chr. stattfand, zugezogen. Die griechischen Historiker Strabon und Arrianos berichten davon, dass die ersten griechisch sprechenden Einwohner aus der Stadt Kyme im westlichen Anatolien, 50 km nördlich von Izmir, kämen, und als sie kamen, konnten sie die Sprache, die in diesem Gebiet gesprochen wurde, nicht verstehen. Diese Kolonisation fand wahrscheinlich im 7 Jh. v. Chr. statt, aber vieles deutet darauf hin, dass die Neuankömmlinge so gut integriert wurden, dass sie ihre griechische Sprache vergaßen. Es sind demnach mehrere Inschriften ausgegraben worden, die nicht gedeutet und übersetzt werden können, und sie stammen alle aus dem 3. und 2. Jh. v. Chr.. Münzen, die bis 500 v. Chr. zurückreichen, haben Zeichen, die nicht gedeutet werden können, und erst im 2. Jh. v. Chr. tauchen griechische Münzen auf. Auch die griechische Götterwelt muss in Vergessenheit geraten sein, da anatolische Götter (...) angebetet wurden.
Nach 333 wurden diese anatolischen Götter, wurde also
Kybele zur griechischen Göttin Athene und Men wurde durch Apollon ersetzt. Nach dem Tode Alexanders fiel Side zunächst unter die ptolomäische Dynastie Ägyptens und danach unter die seleukidische Dynastie Syriens, die beide von den Heerführern Alexanders gegründet worden waren. Der Hafen wurde ausgebaut, und die Stadt wurde schnell eine der wichtigsten und reichsten Städte an der Südküste mit ungefähr 40.000 Einwohnern.
Korinth gilt als eine der größten Städte des antiken Griechenland und hatte 90.000 Einwohner (Wiki). Vielleicht ist es darum nicht gar zu fernliegend, Side das "Korinth des antiken südlichen Kleinasiens" zu nennen, um die antike Bedeutung dieser Stadt klar zu machen. Hagelstad:
Im Jahre Jahre 190 v. Chr. war Side Zeuge einer großen Seeschlacht zwischen einer Flotte aus Rhodos mit der Unterstützung Roms und des Königreiches Pergamon und der Flotte des syrischen Königs Antiochos III., die unter dem Kommando des später so berühmten Hannibal, des Feldherrn von Karthago, standen. Side war auf der Seite Hannibals und Antiochos', aber die Flotte aus Rhodos gewann die Schlacht. Es gelang jedoch Side, sich von Pergamon freizuhalten und unabhängig zu bleiben.
Hagelstad schreibt über das Kulturleben von Side, das sich noch in den heutigen Ruinen wiederfindet (1, S. 130):
Am östlichen Ende steht ein großer mit Säulen geschmückter Bau mit drei Sälen, der für eine Bibliothek oder einen Palast gehalten wird. Der Bau war ursprünglich in zwei Geschossen gebaut, und besonders der mittlere Raum, der Kaisersaal, war mir Statuen der griechischen Götter und einer Statue von Kaiser Antonius Pius (138-161), reich verziert. (...) Die zwei Seitenräume haben Nischen, die als Bücherregale benutzt werden konnten.
Da der eher periphere Raum der Südküste Kleinaseins auch nach der Hellenisierung durch Alexander den Großen (er eroberte 334/333 v. Ztr. Kleinasien) (Wiki) in den hellenistischen Nachfolgereichen umstritten und umkämpft blieb - der König von Pergamon beispielsweise konnte hier seine Herrschaft nicht dauerhaft durchsetzen, obwohl er zeitweise Coracaesium (Alanya) zu seinem militärischen Stützpunkt ausbaute - konnte sich über viele Jahrzehnte hinweg in dieser Region ein Piratenwesen ausbreiten.

2.000 v. Ztr. - Luwier und Hethiter

Abschließend noch einmal die Frage: Woher kamen eigentlich die hier ansässigen Luwier, die die nachfolgend ankommenden Griechen und Trojaner sprachlich oft zunächst gar nicht verstehen konnten? Spätestens seit etwa 2000 v. Ztr. lebte im zentralen Kleinasien das indogermanische Volk der Hethiter und in Südwestkleinasien lebte seit dieser Zeit das indogermanische Volk der Luwier. Es handelt sich um zwei sprachlich und geschichtlich recht eng verwandte Völker. Für ähnliche Zeit wird in Griechenland die Zuwanderung der (mykenischen) "Urgriechen" angenommen (Wiki). Sie alle drei werden abgeleitet von dem Volk der Urindogermanen, das um 3.000 v. Ztr. nördlich des Schwarzen Meeres gelebt hat. Dies ist jenes "Kurganvolk", von dem auch die Schnurkeramiker und damit die heutigen Mitteleuropäer genetisch im wesentlichen abstammen. Die heute genetisch weitgehend ausgestorbenen antiken Hethiter, Luwier und Griechen waren uns heutigen Mitteleuropäern sowohl genetisch wie sprachlich näher verwandt als es die heutige Bevölkerung in Kleinasien ist. Sicherlich auch daher rührt die große Jahrhunderte lange Faszination der germanischen Völker Europas für die antike Kultur des östlichen Mittelmeerraumes. Die Sprache unserer antiken Verwandten im südlichen Kleinasien, genannt Luwisch, wird von der Forschung unterteilt in Karisch, Lykisch, Pisidisch und Sidetisch. Letztere Sprache wurde in der ursprünglich hethitischen Stadtgründung Side, auf halben Wege zwischen dem heutigen Antalya und Alanya gelegen, gesprochen. Auf Wikipedia heißt es:
Die lykische Sprache bediente sich ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. einer Schrift, die vermutlich von einem westgriechischen Alphabet abgeleitet wurde und ist durch circa 180 Steininschriften und 200 Münzlegenden aus dem 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. dokumentiert. Der Zeitraum der Sprachdenkmäler umfasst nur etwa 180 Jahre.
Das ist also die Zeit vor dem Eroberungszug Alexanders des Großen. Über die Religion der Luwier ist zu erfahren (Wiki):
Religionshistorisch kann die Luwische Religion in zwei Perioden geteilt werden. Die bronzezeitliche Periode und die eisenzeitliche oder spätluwische Periode. Während der Bronzezeit standen die Luwier unter der Herrschaft der Hethiter. Sie sprachen das Luwische, eine dem Hethitischen nahestehende Sprache. (...) Nach dem Zerfall des Hethitischen Reiches
- also nach 1200 v. Ztr. -
bildeten sich in Nordsyrien und Südostanatolien mehrere Spätluwische Staaten, die zum Teil unter aramäischen Einfluss gerieten und spätestens im 8. Jahrhundert v. Chr. von den Assyrern unterworfen wurden. Wichtige luwische Zentren waren damals Karkamis, Melid und Tabal. Die luwische Religion ist noch bis in die frühe Römerzeit im südlichen Anatolien, besonders in Kilikien erkennbar, vor allem in theophoren Personennamen.
Die Hethiter und die Luwier waren keine seefahrenden und See-erfahrenen Völker. Übrigens ist die Zugehörigkeit der Bewohner der antiken Stadt Troia zur luwischen Kultur umstritten. Auf Wikipedia heißt es:
Ob das Land Wiluša-Tarwiša, das Gebiet der antiken Troas, zu den luwischen Staaten gehörte, kann anhand der Zeugnisse nicht entschieden werden und wird in der Forschung kontrovers diskutiert.
________________________________________________________________
  1. Huglstad, Allan: Alanya und Umgebung. Von Antalya bis Anamur. Alanya 2008 (220 S.)
  2. Strabo's Erdbeschreibung. Übersetzt und durch Anmerkungen erläutert von Albert Forbiger. 7 Bde. Hoffmann, Stuttgart 1856-1860. Bd. 5 Internet Archive(Bücher XI-XIV, Kleinasien), XIV. Buch, 1. Kap., S. 77ff, 2. Kap., S. 107ff, 3. Kap., S. 128, 5. Kap., S. 135ff
  3. Fatih Aytar, Said Dağdaş, Celalettin Duran: Biology and Control of Calomicrus apicalis Demaison, 1891 (Col.: Chrysomelidae), a New Pest of Cedrus libani A. Rich. in Turkey. In: Silva Lus. vol.19 n. Especial Lisboa  2011

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