Donnerstag, 21. Oktober 2010

3.100 v. Ztr.: Rinderwagen-Prozessionen an den (Megalith-)Gräbern der Stammesheroen

Kurz gefaßt: Um 3.100, in der Zeit, als im Zweistromland und in Ägypten die ersten großen "Hochkulturen" der Menschheitsgeschichte entstehen, finden wir auch vom Schwarzen Meer bis nach Norddänemark hinein immer klarere Anzeichen für die Ausbildung komplexer staatlicher Strukturen. So münden langjährige Forschungen zur Geschichte von Rad und Wagen (1 - 16) durch eine aktuelle Studie über spätneolithischen "Gräberstraßen" in Norddänemark (1) in überraschend konkrete Vorstellungen zu religiösen und staatliche Strukturen in Nordeuropa zur Zeit der Trichterbecher- und der Kugelamphorekultur (3.000 v. Ztr.).

1. Rinder-gezogene Wagen früher: Kultische Bedeutung

Eine neue Forschungsstudie (1) entdeckt unerwartet Konkretes und Genaues über die Gebräuche unserer nordeuropäischen Vorfahren, Angehörige der ersten bäuerlichen Kultur  des Ostseeraumes, die Trichterbecherkultur. Und zwar in diesem Fall zunächst in Norddänemark (3.100 v. Ztr.).

Abb 1: Verteilung der Steinhaufen-Gräber in Dänemark (aus 1)

Bei der Trichterbecherkultur handelt es sich um jene Kultur, die um 4.100 v. Ztr. - zeitgleich zur Michelsberger Kultur in Mitteleuropa und dem Pariser Becken - im Ostseeraum entstanden ist (3). Offenbar müssen wir uns diese Gesellschaft noch deutlich komplexer vorstellen, was wir das gemeinhin bis heute getan haben.

Bis dato international unbekannt: Eine neue Gräberart in Dänemark

Als in den 1950er und 1960er Jahren im nördlichen Dänemark die ersten sogenannten "Steinhaufengräber" von der Wissenschaft genauer untersucht worden sind, konnte man sich - wie so oft - noch keinen Reim auf die merkwürdigen Strukturen dieser Gräber machen. Selbst 1996 war der Sachverhalt den meisten Forschern nicht klarer geworden. In nicht-dänischer Sprache ist deshalb auch bis heute erst eine einzige wissenschaftliche Studie über sie erschienen (- abgesehen von der diesjährigen [1]). Aber zwischenzeitlich sind über 200 solcher "Steinhaufengräber" an mindestens 46 Orten Nordwestjütlands bekannt geworden (s. Abb. 1) und allmählich bilden sich doch "regelhafte" Strukturen heraus.

Denn das ist das Typische, Gemeinsame all dieser Gräber: Fast immer findet man zwei länglich-parallele Gräber in Ost-West-Richtung. (Diese wurden anfangs als die Gräber zweier Menschen interpretiert.) Und "dahinter" - auf der Westseite derselben - findet sich jeweils ein größeres quadratisches Grab mit Grabbeigaben. (Dieses wurde anfangs interpretiert als das Grab einer einzelnen dritten Person.) (Vgl. Abb. 2.)

Die "Steinhaufen", von denen diese Gräber bedeckt waren, ragten höchstens noch 40 Zentimeter über die Erdoberfläche. Wäre in Nordjütland intensiver Ackerbau betrieben als dies bis heute dort aufgrund des Klimas der Fall ist, wäre der größte Teil dieser Gräber längst zerstört worden. Da dies aber nicht der Fall war, sind diese Gräber den Menschen über lange Jahrhunderte hinweg in der Landschaft sichtbar geblieben.

Aktuelle Deutung: "Bestattung" eines zweirädrigen Rinderwagens mitsamt Zugtiergespann

Erst in diesem Jahr schlugen zwei dänische Archäologen der Universität Aarhus - Niels Johannsen und Steffen Terp Laursen (a) - eine spannende Interpretation dieser Befundlage vor (1). Diese ist zwar beiläufig schon einmal von zwei anderen Autoren 1968 und 1981 vorgeschlagen worden. Aber aufgrund der damals viel schmaleren empirischen Basis mit viel weniger Überzeugungskraft.

Am östlichen Ende der beiden Längsgräber fand man immer wieder die Zähne und Knochen von Hausrindern. Auch die phosphatreiche und sonstige Beschaffenheit der Erde in diesen Gräbern, in denen sich in diesem Klima nur wenig Biomaterial erhalten kann, deutete auf die Verwesung von größeren Leichen. Naheliegenderweise Rinderleichen. Zwei Rinder, aufrecht oder in Schlafposition begraben, in östliche Richtung ausgerichtet - und dahinter erst das quadratische Grab eines Menschen?

Abb. 2: Typische Anordnung von vier Steinhaufen-Gräbern in Dänemark (aus 1)

Wie in der zeitgleichen Kugelamphorenkultur in Deutschland?

Die Autoren weisen nun auf Übereinstimmungen mit der zeitgleichen Kugelamphorenkultur hin, die von der Ukraine bis Dänemark reichte. Gerade auch in Deutschland hat man zu dieser Kultur in den letzten Jahren viele neue Erkenntnisse gesammelt. Man hat dort möglicherweise sogar Grabformen gefunden, die denen der "Steinhaufengräber" in Nordjütland vergleichbar sind. Auf Wikipedia erfahren wir über die Forschungen bei uns in Deutschland:
Beigaben von Rindern in fast jedem Grab, teilweise regelrechte Rinderbestattungen (z. B. Schönebeck, Dölkau, Plotha, Stobra) weisen auch auf eine kultische Verehrung. (...) Die auffällige Ost-Orientierung sowohl der Gräberfelder wie auch der Toten im Grab selbst, spiegelt vermutlich gewisse Heilsvorstellungen hinsichtlich des Reiches der aufgehenden Sonne wieder.
Auf Wikipedia ist weiterhin zu erfahren, daß diese Rinderbestattungen ein Phänomen sind, das über ganz Ostmitteleuropa verbreitet ist (vgl. auch Abb. 3):
Rinderbestattungen finden sich in der Osthälfte des heutigen Deutschlands zwischen der Ostsee und dem Erzgebirge. Das Skelett von Penkun, Lkr. Uecker-Randow stammt aus Mecklenburg-Vorpommern. Die Rinderbestattungen von Buchow-Karpzow und vom Gallberg bei Zachow im Kreis Nauen liegen in Brandenburg und sind der Havelländischen Kultur zuzuweisen. In Sachsen-Anhalt gibt es Funde in Altranstädt, Derenburg-Löwenberg, Oschersleben und Weideroda-Zauschwitz. In Sachsen sind Rinderbestattungen z. B. aus Dölkau, Plotha, Schönebeck und Stobra bekannt.
Abb. 3: Verbreitung von Rinderbestattungen im Bereich der
Kugelamphoren- und der Trichterbecherkultur (aus: 1)
Die typische Radgröße der aus dieser Zeit erhaltenen Holzräder paßt ebenso zu den vorgefundenen Befunden des quadratischen Teiles der Steinhaufengräber wie der typische Räderabstand. Letzterer ist aus archäologisch ergrabenen, erhaltenen Wagenrillen bekannt. Schlußfolgerung: Es scheint hier auf einem typischen zweirädrigen Rinderwagen jener Zeit jeweils eine Person bestattet worden zu sein. Ihr wurden diverse Beigaben, oft Keramik, oft auch eine Steinaxt beigelegt.

Straßen und Hügelgräber in der Bronzezeit

Schon seit vielen Jahrzehnten ist bekannt, daß in der Bronzezeit die Hügelgräber sehr häufig entlang von Straßen hintereinander gereiht nach und nach errichtet worden sind. Insbesondere auch auf beiden Seiten von Furten und Flußübergängen. (Dies ist neuerdings auch sehr schön zu beobachten auf dem  an einer Furt gelegenen spätbronzezeitlichen Schlachtfeld im Tollensetal in Mecklenburg.) Und genau diesen Umstand stellen die Forscher nun auch für diese spätneolithischen Rinderwagen-Gräber fest (1). Sie sind sogar an den gleichen historischen Straßenverläufen entlang aufgereiht, an denen die bronzezeitlichen Hügelgräber liegen. Diese Rinderwagen-Gräber sind wohl - und nicht nur in dieser Region - die Vorläufer-Grabform der Hügelgräber. Und mehrmals hat man zwischen ihnen auch noch die zeitgleichen Wagenrillen der befahrenen Wege finden können.

Abb. 4: Die Geographische Ausrichtung repräsentativer Rinderwagen-Gräber-"Prozessionen"
in Norddänemark: nach Osten und nach Norden, nie nach Westen
(aus: 1)
Nun ist aber weiterhin auffällig, daß diese Rinderwagen-Gräber sehr häufig hintereinander angeordnet sind wie bei einer richtigen Wagenprozession. Sie "fahren" auch alle - wie es im obigen Wikipedia-Zitat schon anklang - in die gleiche Richtung. Also entweder ziehen sie in Richtung Osten oder in Richtung Norden (s. Abb. 4). Es wäre also denkbar, daß hinter dem Rinderwagen-Grab des Vaters drei Jahrzehnte später das des Sohnes und noch später das des Enkels angelegt worden ist.  Vielleicht auch von anderen Verwandten oder von Nachbarn. Gelegentlich findet sich auch eine Anordnung von drei Rinderwagen-Gräbern nebeneinander.

Als Gräber ziehen diese Gespanne nie nach Westen, sondern in der Regel nach Osten, Nord- oder Südosten. Zusammen mit den übrigen archäologischen Gegebenheiten erschließt sich aus der räumliche Anordnung der Gräber richtiggehend das Szenario eines - vielleicht jährlichen - Zeremoniells der Stammesreligion, bzw. der Ahnenverehrung. Dies wird in den Abbildungen 5 und 6 sehr gut deutlich.

Abb. 5: Die Gegend von Vroue Hede liegt im Zentrum des Verbreitungsgebietes der Steinhaufengräber. Die Steinhaufengräber "defilieren" hier an einem Megalithgrab (länglicher Kreis) der frühen Trichterbecherzeit vorbei (aus: 1).
Der deutliche räumliche Bezug der Rinderwagengräber entlang von Straßen, die auch an Gräbern der frühen Trichterbecherzeit entlang führen, deutet sehr stark auf Jahrhunderte lange religiös-staatlich-rituelle Traditionen an diesen Orten hin, an die sich auch noch die Hügelgräberzeit gehalten haben könnte.
Diese zeremonielle "Gräber-Straße" liegt von der nächsten Wohngegend am Fluss (Abb. 6, Dreiecke) nur 300 Meter entfernt. Diese Wohngegend ist auch in der Bronzezeit beibehalten worden.
Abb. 6: Die Gegend von Herup wenige Kilometer von Vroue Hede entfernt. Auch hier "defilieren" die Steinhaufengräber an zwei Gräbern aus der frühen Trichterbecherzeit vorbei ("e", keine Megalithgräber). Außerdem an drei zeitgleich errichteten und genutzten "Kulthäusern" ("c"), die alle zur Straße hin geöffnet sind, und vor denen in Feuern verschiedene Gebrauchsgegenstände gebrannt haben (aus: 1)
Wenige Kilometer entfernt findet sich eine "Gräberstraße", an der sowohl am Nord- wie am Südrand nach zur Straße hin offene Kulthäuser gestanden haben, vor denen - möglicherweise anläßlich von Zeremonien, Umzügen - Feuer gebrannt haben.

Ein sehr eindrucksvolles archäologisches Beispiel für Gräber als Rinderwagen-Prozessionen findet sich auch im bronzezeitlichen China der frühen Zhou-Dynastie (1045-256 B.C.) (s. Tumblr).

Die Zusammenschau dieser neuen Erkenntnisse drängt einem das Bild einer geradezu "staatenbildenden" Funktion dieser Rinderwagen-Gräber-"Prozessionen" entlang der Ahnengräber auf. Sie läßt es einem zum Beispiel auch naheliegend erscheinen, daß auch schon diese Gesellschaften des europäischen Spätneolithikums ein Steuer- und Abgabensystem gekannt haben können mit zentralen Fürstentümern oder gar Königen.

Rinderwagen heute: Beliebte Postkartenmotive

Mit der Bildersuche im Netz kann man schnell feststellen, daß der traditionelle Ochsenwagen noch heute ein sehr beliebtes Postkarten- und Kalender-Motiv darstellt. Etwa mit Suchworten wie "Ochsenwagen", "Ochsenkarren", "Bullock cart", "Ox cart" (s.a.: Wikip., engl..). Diese Beliebtheit rührt sicherlich auch daher, daß sich in ihm eine so ganz andere Zeitepoche mit einer ganz anderen "Zeittaktung" und einem ganz anderen Lebensgefühl wiederspiegelt. Der Ochsenwagen ist geradezu "Symbol" für eine ganz andere Art des Lebens (Beispiele: a, b, c, d, e, f, g). Man gerät hier in eine Bilderwelt, die in Europa schon seit mindesten hundert Jahren nicht mehr Wirklichkeit ist (a). In anderen Kulturen jedoch - vor allem in Südostasien - haben sich diese Ochsenwagen offenbar bis heute in vielen Aspekten sehr ursprünglich erhalten (Beispiele: a, b, c, d, e) (s.a. a). Vor allem diese südostasiatischen Kulturen - u.a. Indien und Burma - machen deshalb neugierig.  Kann man in ihnen vielleicht noch manches über die Lebensweise vor allem in den vorindogermanischen Kulturen Europas erfahren? 

Abb. 5: Ein typisches Postkarten-Motiv aus Südostasien

Durch den römischen Geschichtsschreiber Tacitus wissen wir, daß die Germanen eine Statue ihrer Frühjahrsgöttin auf Rinder-gezogenen Wagen in einem zeremoniellen Frühjahrs-Umzug, einer Prozession, im Land herumgeführt haben, um die Felder zu segnen. Der Rinder-gezogene Wagen hat also auch noch bei den Germanen eine große zermemonielle, religiöse Bedeutung gehabt. Erinnert sei auch an den berühmten "Sonnenwagen von Trundholm". Durch die Forschungen rund um Stonehenge (2) und an vielen anderen Orten in England, Europa und weltweit wissen wir von vielen Meter breiten und vielen hundert Meter langen "Zeremonialstraßen", die zu Gräbern führen oder die von Gräbern begleitet werden, die zu Versammlungsorten, heiligen, geweihten Bezirken und anderem mehr hinleiten.

Durch Rad und Wagen kommt eine neue Dynamik in die Geschichte (3.700 v. Ztr.)

Wahrscheinlich wurden Rinder als Zugtiere schon in der ersten Bauernkultur Europas, in der bandkeramischen Kultur, seit 5.500 v. Ztr. eingesetzt. So etwa vor Pflügen oder vor Schlitten. Wagenräder als Grabgut kennt die "Majkop-Kultur" am Westkaukasus schon zwischen 3.700 und 3.000 v. Ztr.. In einer Grabanlage in Norddeutschland finden sich Wagenspuren aus der Zeit um 3.500 v. Ztr.. Ebenso gibt es weitere bildliche Wagendarstellungen in Mitteldeutschland aus dieser Zeit (vor allem Steinkammergrab von Züschen) (9, 10). Mit diesen anfangs noch sehr schlichten, Rinder-gezogenen Wagen begann, so darf man annehmen, eine neue Epoche in der Menschheitsgeschichte.

Die neue Studie läßt sogar die Vermutung verschiedener Forscher anklingen (1, S. 31f), daß die parallelen Erscheinungen von Wagengräbern zwischen Westkaukasus und Norddänemark ähnlich wie die nachfolgende Ausbreitung der Indogermanen mit ihrer Kultur Pferde-gezogener Streitwagen auf großflächigen kulturellen oder sogar bevölkerungsmäßigen Ausbreitungsbewegungen beruhen könnte.

Von der "Rinderwagen-" zur "Streitwagenkultur"

Man hat gewiß wenig Schwierigkeiten, sich Kulturen, in denen der Rinder-gezogene Wagen eine größere Rolle spielt, in einer Komplexität vorzustellen, die denen der vormodernen indischen oder südostasiatischen Fürstentümer und Königreiche nahekommt. Zumal wenn man zugleich auch noch von einer verbreiteten kultischen Bedeutung von Prozessionen einzelner oder vieler Rinder-gezogener Wagen erfährt.

Zahlreiche und immer neue Hinweise auf rindergezogene Wagen finden sich insbesondere für die mittel- und osteuropäische Kugelamphorenkultur, die in der Übergangszeit vom Spätneolithikum zur Bronzezeit angesiedelt ist, nämlich der Kupferzeit (im Sinne von Jan Lichardus, Saarbrücken). In Spanien entstand zu dieser Zeit in Los Millares (engl.) schon eine der ersten Städte auf dem europäischen Kontinent. Eine ähnlich reiche Kultur fand sich in Warna in Bulgarien. Es ist das auch die Zeit, als in Sumer und Ägypten die ersten "Hochkulturen" der Menschheit entstehen mit Schriftkultur.

Und es ist jene Epoche bevor die osteuropäischen Schnurkeramiker, also nach Marija Gimbutas die Indogermanen, mit ihrer Streitwagen-Kultur eine gegenüber der Rinderwagen-Kultur noch einmal gesteigerte Dynamik in die Weltgeschichte gebracht haben. Aber schon diese die Pferde-Kultur vorbereitende Kultur von Rinder-gezogenen Wagen scheint eine größere Dynamik und wirtschaftliche Komplexität in die Geschichte gebracht zu haben, als den Fußgänger-dominierten Epochen zuvor innewohnen konnte. Der Rinder-gezogene Wagen breitete sich vergleichsweise zügig nicht nur über ganz Osteuropa und bis nach Hessen hinein aus (Wartbergkultur mit Steinkammergrab von Züschen und seiner berühmten Wagendarstellung) (9, 10), sondern sogar bis in die Nordspitze Jütlands.

Kann von einem "staatenbildenden" Charakter des Rinder-gezogenen Wagens gesprochen werden?

Von der Atlantikküste bis nach Korea, von Skandinavien bis nach Persien und ins Zweistromland kennen wir bis in die keltische Zeit hinein die Sitte, daß sich Fürsten zusammen mit ihren Streitwagen, oft auch mit ihren Pferden in prächtigen Gräbern haben bestatten lassen. Ersetzt man in Gedanken einmal das schnellere Pferd und den leichteren Pferdewagen unserer von historischen Romanen und Filmen geprägten Vorstellungswelten durch das Rind und den Rinder-gezogenen Wagen, so mag einem deutlich werden, daß auch in dieser urtümlicheren Fortbewegungsweise manches Imposante, Eindrucksvolle enthalten sein kann.

Ja, Prozessionen und Völkerwanderungen, "Trecks" mit vielen hunderten von Rinder-gezogenen Wagen, diesmal aber nicht begleitet und beschützt von Reitern auf Pferden müssen in früheren Zeiten ein zugleich viel friedlicheres aber doch auch stolzes Bild abgegeben haben. Imposanter vielleicht als wir uns das heute noch vorstellen können.

* * *

2. Was kam danach? - Älteste Funde von domestizierten Pferden in Deutschland (3.500 v. Ztr.)

Das Pferd folgte übrigens gar nicht so lange nach der Einführung des Rindeswagens in die Menschheitsgeschichte als Zugtier nach (a, b, c) (12 - 16). Offenbar hatte ihm das Rind auf den von ihm ausgetretenen Wegen und Straßen "den Weg gebahnt". Es werden hier also Zeichen höherer gesellschaftlicher Komplexität deutlich, denen in anderem Zusammenhang noch einmal genauer nachgegangen werden kann. Zu diesem Thema gibt es übrigens auch ein Schwerpunktprogramm der "Deutschen Forschungsgemeinschaft", sowie auch sonst zahlreiche weitere wissenschaftliche Neuerscheinungen.

3. Was war davor? - Feuerstein-Handelsstraße von Kehlheim nach Prag (4.900 - 4.600 v. Ztr.)

Indem wir uns Fernhandelswege vorstellen, befahren von Rinder-gezogenen Wagen, stellt sich uns zugleich auch die Frage, wie man sich Fernhandelswege eigentlich in der Epoche davor vorstellen muß.

Denn schon in der Zeit der Bandkeramik hat es ja über mehrere hundert Kilometer reichende wirtschaftliche Austauschbeziehungen zwischen verschiedenen Regionen gegbeben, über die Rohstoffe wie etwa Feuerstein bezogen worden sind. Der Archäologe Alexander Binsteiner erforscht diese "ältesten Handelswege Europas" seit vielen Jahren (vgl. etwa Mittelbayr., 5.3.10):
Das neolithische Feuersteinbergwerk in Abensberg/Arnhofen ist das bedeutendste seiner Art in Europa. (...)
Die Feuersteinstraße zwischen Bayern und Böhmen ist der älteste nachgewiesene Handelsweg Europas. Er verläuft aus dem jungsteinzeitlichen Feuersteinbergwerk von Arnhofen (nahe Abensberg, Lkr. Kelheim) auf der Donau ins Regental und über den Böhmerwald in die steinzeitlichen Siedlungsräume um Pilsen bis nach Prag. Erste Begehungen fallen bereits in das 6. vorchristliche Jahrtausend; die Hochphase der Handelsroute liegt im Zeitraum von etwa 4900 bis 4600 v. Chr.
Die Route durch das Regental ist mit über 60 Fundstellen im Uferbereich des Regen belegt. Zwischen Bayern und Böhmen wurden nachweislich große Mengen an den hochwertigen Jurahornsteinen (Feuerstein) des Arnhofener Abbaugebietes gehandelt. Der große Bedarf an Feuersteinrohstoffen zur Herstellung schneidender Geräte und Waffen wurde in den steinzeitlichen Siedlungen um Pilsen und Prag bis zu 60 Prozent aus der bayerischen Mine gedeckt. (...)
Die Entdeckung der Feuersteinstraße nach Böhmen ist das Resultat einer langen Reihe von Forschungsarbeiten, die bereits während des Ötzi-Projektes an der Universität Innsbruck begannen. Hier konnte erstmals eine Direktverbindung aus den Lessinischen Bergen nördlich von Verona über den Alpenhauptkamm in das nördliche Alpenvorland (Schweiz, Bayern, Oberösterreich) für das vierte vorchristliche Jahrtausend nachgewiesen werden. Auf dieser sogenannten Kupferstraße, auf der auch Ötzi unterwegs war, als er starb, gelangten hochwertige Feuersteine aus den Monti Lessini nach Norden. Im Gegenzug transportierten die Zeitgenossen des Eismannes Kupfer aus den Lagerstätten Tirols und des Salzkammergutes nach „Italien“. Diese Untersuchungen gaben den eigentlichen Impuls für die nachfolgenden Arbeiten an der älteren Feuersteinstraße des fünften und sechsten Jahrtausends v. Chr.
Heute wird das Modell der Feuersteinstraße auf zahlreiche weitere Verbindungen in der Steinzeit angewendet, so z.B. bei der Donauroute der Bandkeramiker, die auf der Donaulinie unsere Region vor über 7000 Jahren besiedelten. Erste Spuren der Feuersteinstraße nach Böhmen gehen auf diese Zeit der Bandkeramiker zurück.
Man wird sich diese Handelswege als vielbegangene Wege vorstellen müssen, auf denen Menschen, vielleicht so wie in vielen Regionen Afrikas noch heute, Lasten über viele Kilometer hinweg zu Fuß getragen haben. Gerne auch in "Kiepen" wie der "Ötzi". Vielleicht hat man sie auch schon auf Schlitten von Rindern ziehen lassen. So ging das annähernd 2.000 Jahre lang, bis die bedeutende Innovation des Rinder-gezogenen Wagens eine größere Dynamik in die Welt- und Wirtschaftsgeschichte gebracht hat.

(Textlich - nicht inhaltlich - stark umgearbeitet, 1.5.2011)

________________________

  1. ResearchBlogging.orgJohannsen, N., & Laursen, S. (2010). Routes and Wheeled Transport in Late 4th–Early 3rd Millennium Funerary Customs of the Jutland Peninsula: Regional Evidence and European Context Praehistorische Zeitschrift, 85 (1), 15-58 DOI: 10.1515/PZ.2010.004
  2. Bading, Ingo: 2.600 / 2.300 v. Ztr. - Die Stadt von Stonehenge. Studium generale - Research Blogging, 13.5.2010
  3. Bading, Ingo: 4.100 v. Ztr.: Die modernen Nordeuropäer entstehen in Ostholstein. Studium generale, 18.11.2009
  4. Bading, Ingo: 3.100 v. Ztr.: Mecklenburger Jäger und Fischer tragen einige den Bandkeramiker-Genen verwandte Gene in sich. Studium generale - Research Blogging, 13.5.2010 
  5. Gladilin, Wladislav: Die Felsbilder der Kamennaja Mogila in der Ukraine. In: Jahrbuch für prähistorische und ethnografische Kunst 22, 1966/67, S. 82 - 92
  6. Häusler, Alexander: Zur ältesten Geschichte von Rad und Wagen im nordpontischen Raum. In: Ethnogr.-Archäol. Z. 22/1981, S. 581 - 647
  7. Häusler, Alexander: Neue Belege zur Geschichte von Rad und Wagen im nordponitschen Raum. In: Ethnogr.-Archäol. Z. 25/1984, S. 629 - 682
  8. Treue, Wilhelm (Hg.): Achse, Rad und Wagen. Fünftausend Jahre Kultur- und Technikgeschichte. Göttingen 1986
  9. Günther, Klaus: Neolithische Bildzeichen an einem ehemaligen Megalithgrab bei Warburg, Kreis Höxter (Westfalen). In: Germania 68/1990, S. 39 - 65
  10. Günther, Klaus: Ein Großsteingrab mit Bildzeichen bei Warburg. In: Hellenkemper u.a. (Hg.): Archäologie in Nordrhein-Westfalen. Köln 1990, S. 143 - 148
  11. Schlichtherle, Helmut: Prähistorische Siedlungen, Bohlenwege und Fischfanganlagen - Fortschritte der archäologischen Federseeforschung, Denkmalpflege Baden-Württemberg, Nachrichtenblatt, 2002, Heft 3, S. 115 - 121 (freies pdf.)
  12. Priglmeier, Katja: Bronzezeitlicher Transport mit Pferd und Wagen in Mitteleuropa. In: Mühldorfer, B.; Zeitler, J. P.: Mykene, Nürnberg, Stonehenge. Handel und Austausch in der Bronzezeit. Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg e.V.. VKA-Verlag, Fürth 2000, S. 67 - 74
  13. Eberl, Ulrich: Die galoppierende Kultur-Revolution. Das Pferd und der Streitwagen. In: Bild der Wissenschaft, 8/2001, S. 82 - 87
  14. Mansfeld, Günter: Der Tqisbolo-gora. Eine Siedlungsgrabung als georgisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt in der Republik Georgien. In: Antike Welt, 27/1996, S. 365 - 380.
  15. Bertram, Jan-Krzysztof: Seasonal sites and structured systems. Aspects of the settlement organization in the Iori-Alazani-Region in the 2nd/early 1st millenium BCE (Tqisbolo-gora, Didi Gora, Udabno). Vortrag auf der Tagung "Mountain and Valleys. A Symposion on Highland/Lowland Interaction in the Bronze Age settlement systems of Eastern Anatolia, Transcaucasia and Northwestern Iran". Van, Türkei, Augst 2004.
  16. Bertram, Jan-Krzysztof: Didi Gora und Udabno. Die Ausgrabung am Didi Gora. Auf: Netzseite des Instituts für Ur- und Frühgeschichte, Tübingen, 10.12.2004, bzw. --> hier. [16.1.2010]

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