Dienstag, 25. Mai 2010

2.200 v. Ztr. - Erste Städte zwischen Slowakei und Bayern

Beispiele frühbronzezeitlicher, stadtähnlicher Gesellschaften im Donauraum

Nachdem hier auf dem Blog auf Bernstorf an der Amper, Stonehenge und Monkodonja auf der Halbinsel Istrien als Beispiele für bronzezeitliche Stadtgeschichte nördlich des Mittelmeerraumes hingewiesen worden ist, sollen in diesem Beitrag einige aktueller erforschte Beispiele ganz grob aus dem Donauraum zwischen Bayern und der Slowakei behandelt werden.

Abb.1 : Am Südrand der slowakischen Ortschaft Vráble (zu deutsch: Verebel), genauer seinem Ortsteil Fidvár, 20 Kilometer östlich der slowakischen Stadt Nitra

Am Nordrand der ungarischen Donauebene: Fidvár bei Vráble (2.200 - 1.500 v. Ztr.)

An dem in Abbildung 1 abgebildeten, heute unauffälligen Ort in der Landschaft hat sich in der Frühbronzezeit ein lebendiges Handelszentrum, eine Stadt befunden.

Von den vorgeschichtlichen Völkern, die im Karpatenbogen lebten, gingen bis zum Ende der Bronzezeit starke weltgeschichtliche Impulse aus. Insbesondere von den Schnurkeramikern, die hier mit den nördlichen Trichterbecherleuten zusammentrafen und von den auf beide Kulturen folgenden Kulturen.

Ein Teil der Karpaten mit der Hohen Tatra und dem "slowakischen Erzgebirge" liegt heute im Staatsgebiet der Slowakei. Dieses umfaßt im Südwesten die nördliche Donauebene, einen Teil der ungarischen Tiefebene und geht dann nach Norden zu ins Gebirge der Nordwestkarpaten über (s. Abb. 2).

Abb. 2: Landschaftliche Gliederung der heutigen Slowakei

Am Nordrand der Donauebene, heute etwa 180 Kilometer östlich von Wien, 150 Kilometer nördlich von Budapest und 20 Kilometer östlich der slowakischen Stadt Nitra wurde um 2.200 v. Ztr. bei dem heutigen Dorf Fidvár in der Nähe des Marktortes Vráble (das frühere deutsche Verebel) eine bronzezeitliche Höhensiedlung errichtet, die seit dem Jahr 2007 sehr gründlich erforscht wird. (Batora) (a, b, c)

Nicht zuletzt die reichen Kupfer-, Zinn- und Goldvorkommen im slowakischen Erzgebirge werden in der Frühbronzezeit zu einer "systematischen Aufsiedlung des Gebirgsrandes mit befestigten Siedlungen" beigetragen haben. (Batora)

Die Bäche und Flüsse der Umgegend des slowakischen Erzgebirges bargen reiche Flußgoldvorkommen. Und 20 Kilometer südlich derselben entstand nun also eine frühbronzezeitliche Zentralsiedlung.


Abb. 3: Siedlungsplan der frühbronzezeitlichen Stadt bei Fidvár bei Vráble nach derzeitigem Forschungsstand

Der Siedlungsplan, der aufgrund der geomagnetischen Prospektion erstellt werden konnte, konnte eine dichte Bebauung dieser Großsiedlung mit Häuserzeilen aufzeigen. Die geoelektrische Prospektion machte sogar die unter der beackerten Erdschicht noch heute vorhandenen Steinhausgrundrisse, sowie die dazwischen liegenden Laufhorizonte (Gassen) sichtbar.

Abb. 4: Der Weg von Wien nach Fidvár bei Vráble

Auch außerhalb der Befestigungsmauern konnten die Archäologen intensiv genutzte Siedlungsbereiche aufgrund von Keramikdichte ausmachen:
Erkennbar ist eine ganze Reihe von Siedlungsstellen, die sich im Vorfeld des eigentlichen Siedlungshügels kranzförmig um den äußeren Graben gruppieren. Die gesamte Siedlungsfläche nahm dabei ein etwa 15 ha großes Areal ein. Wie die Verbreitung datierbarer Keramikfunde belegt, erreichte die Ansiedlung Fidvár ihre weiteste Ausdehnung in der mittleren, durch die Aunjetitzer Kultur geprägten Siedlungsphase.

Im Siedlungsareal wurden typische Relikte der Metallverarbeitung gefunden, wie Ambosse, Gusslöffel, Tondüsen, das Fragment einer Gussform und ein kleines Bronzeschmuckdepot. Die Häufigkeit derartiger Produktionsreste und ihre weit Verbreitung im Siedlungsareal lassen darauf schließen, dass die Bewohner der Ansiedlung Fidvár intensiv mit der Verarbeitung und Bearbeitung von Metallen befasst waren. (...)

Von außen zugänglich war die Siedlung wahrscheinlich durch ein radiales Netz breiter Wegtrassen, das mehr oder weniger rechtwinklig durch konzentrische Wege und Gassen verdichtet wurde.
Die Forscher fassen zusammen:
Mit Vráble-Fidvár steht eine Siedlungsagglomeration von bisher nicht geahnten Dimensionen vor Augen. Zwar bestand die Subsistenzgrundlage in der Fruchtbarkeit der umgebenden Lößflächen, die eigentliche Ursache für die Gründung und wirtschaftliche Prosperität der Großsiedlung dürfte aber die Ausbeutung der nahen Gold- und Zinnlagerstätten gewesen sein. Das weit gestreute Vorkommen von Produktionsresten spricht für intensive und dezentrale metallurgische Tätigkeiten in einem ausgedehnten Siedlungsareal. Bemerkenswert ist zudem die aufwändige Steinbauphase, die für die jüngste Siedlungsschicht durch die Geoelektrik wahrscheinlich gemacht werden kann und in dieser Region singulär ist. Die keramischen Funde bezeugen, dass die Bevölkerung der Ansiedlung von unterschiedlicher kultureller Herkunft war. So dürften die Vertreter der zentraleuropäischen Aunjetitzer Kultur von Westen her an den Rand des Erzgebirges gekommen sein, wohingegen die Träger der Hatvan-Kultur ursprünglich aus dem Flussgebiet der Theiß zugezogen sind. Durch die Verschmelzung von fremden und einheimischen Bevölkerungsgruppen entstand die Mad’arovce-Kultur, deren Vertreter schließlich die Burgsiedlung bewohnten. Aus noch unbekannten Gründen wurde die Niederlassung Fidvár, wie die meisten zeitgleichen Siedlungen im Karpatenbecken, um die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. aufgelassen, und der Platz wurde in späterer Zeit nicht wieder besiedelt.
Auch für diese 15 Hektar große, mitteleuropäische Stadt ist also eher von Gemeinsamkeiten als von Unterschieden zu zeitgleichen mediterranen Städten auszugehen.

Abb. 5: Ein noch genauerer Plan von Fidvár bei Vráble

An anderer Stelle schreibt der Forscher:
Zur Zeit ihrer größten Ausdehnung betrug die Größe etwa 12 ha und übertraf damit die meisten frühbronzezeitlichen Siedlung im Pannonischen Becken. So sind die Siedlungen der Nagyrév-Kultur maximal 5-6 ha groß. Ein Highlight der geomagnetischen Prospektionen ist die Entdeckung von Gräberfeldern im Randbereich der Siedlung.
Es wird erkennbar, daß hier die Forschungen noch in den Anfängen stecken und auf diesem Gebiet noch viele weitere Forschungsergebnisse zu erwarten sind.

BlocksatzNördlich von Wien: der Oberleiserberg (2.300 - 1.600 v. Ztr.) (Lochner)

50 Kilometer nördlich von Wien, zwischen verschiedenen anderen frühbronzezeitlichen Siedlungskammern im Osten und im Westen lag die inzwischen ebenfalls gut erforschte zeitgleiche Höhensiedlung vom Oberleiserberg. Er liegt grob 200 Kilometer westlich der so eben behandelten bronzezeitlichen zentralen Siedlung Fidvár im heutigen Slowenien:
Die Auswertung der Fundstücke belegt deutlich, dass die erste großflächige Besiedelung der Region Oberleiserberg bereits in der Frühen Bronzezeit (2300 bis 1600 v. Chr.) erfolgte. (...)

So wurde insbesondere auch Feuerstein aus Mähren in der Frühen Bronzezeit von den Siedlern am Oberleiserberg zur Herstellung verschiedenster Geräte, beispielsweise Klingen und Pfeilspitzen, genutzt. "Bei der mineralogischen Analyse des Feuersteines und seiner Typenzugehörigkeit kamen wir zu dem überraschenden Ergebnis, dass die am Oberleiserberg vorhandenen Steintypen durchwegs in der Frühen Bronzezeit hergestellt und verwendet wurden. Bisher hatte man diese Geräte generell der Steinzeit zugeordnet. Zusätzlich stammt der Feuerstein großteils aus dem weit entfernten mährischen Raum. (...)

Diese Phase des intensiven Warenaustausches fand am Oberleiserberg ein abruptes Ende, als die Siedlung nach einer Brandkatastrophe aufgegeben wurde.
Im Donautal in Niederösterreich

Die umfangreichsten frühbronzezeitlichen Gräberfelder Mitteleuropas hat man bislang im Donautal in Niederösterreich gefunden: etwa 90 Kilometer westlich von Wien. Bis 1987 wurden dort insgesamt 1.300 frühbronzezeitliche Gräber archäologisch erfaßt.

Im dortigen Urzeitmuseum Nußdorf ob der Traisen, fünf Kilometer südlich der Donau (15 Kilometer östlich von Krems an der Donau, 20 Kilometer nördlich von St. Pölten), werden die dort gewonnenen reichhaltigen Forschungsergebnisse zur mitteleuropäischen Frühbronzezeit der Öffentlichkeit präsentiert. Einen Kilometer östlich vom Museum entfernt befand sich das archäologisch erforschte Gräberfeld Franzhausen, 9 Kilometer östlich dasjenige von Gemeinlebarn:
Das Untere Traisental (an der Mündung zur Donau) war in der Frühbronzezeit dicht besiedelt. Die Lebensgrundlage der Bevölkerung bildete die Landwirtschaft; Handwerk und Handel sicherten einen beachtlichen Wohlstand. Höhensiedlungen, manchmal auch befestigt, waren Zentren des Handels und der Metallverarbeitung.

In unmittelbarer Nähe des Frühbronzezeitgräberfeldes Franzhausen I befanden sich an der Terrassenkante zur Traisen mehrere bäuerliche Freilandsiedlungen in Form von kleinen Weilern. Ein nahezu vollständig ausgegrabener Siedlungsplatz ergab zwei etwa 20 m lange Wohn- und mehrere kleinere Wirtschaftsbauten. Dazwischen fanden sich noch Speicher- und Abfallgruben. Die Häuser wurden zumeist in Pfostenbauweise errichtet. Die Wände bestanden aus lehmverschmiertem Flechtwerk.

In den für Mitteleuropa (bislang) größten frühbronzezeitlichen Friedhöfen, aber auch an anderen Bestattungsplätzen, wie in Gemeinlebarn, Oberndorf/E. und Pottenbrunn konnten durch hellen, grauvioletten Moder, durch spezifische Skelettlagen und durch die sekundäre Humusfüllung des Innenraumes ehemalige Holzsärge nachgewiesen werden.

Die Gräber können an der Oberfläche verschieden große, manchmal mit Steinen eingefasste Erdhügel, wie auch durch Holzpfosten gekennzeichnet gewesen sein.
Graböffnungen in der Bronzezeit

Die Gräberfelder waren zwischen 2.200 und 1.500 v. Ztr. etwa 600 Jahre lang belegt. Nach den detaillierten Forschungen der Archäologen wurden diese reich ausgestatteten Gräber über die ganze Belegungsdauer hinweg immer wieder aufgegraben und es wurden die Gold- und Bronzebeigaben wieder herausgeholt.

Ob hier eine ärmere Bevölkerungsschicht die Gräber der Reichen heimlich aufgrub und bestahl, ob es sich um einen von den Reichen geduldeten, da recht umfangreichen und systematischen Grabraub handelte oder ob es noch andere Gründe gegeben hat für das Wiederausgraben der goldenen und bronzenen Grabbeigaben, konnte von der Forschung bislang noch nicht abschließend geklärt werden.

In der Münchner Schotterebene

Für die Münchner Schotterebene liegt zur Siedlungsentwicklung eine Forschungsstudie vor. (Schefzik) Laut dieser Studie ist während der Frühbronzezeit in der Münchner Ebene - mit ihrem groben Durchmesser von 80 Kilometer - ebenfalls ein Siedlungsdichte-Maximum erreicht worden. Obwohl ein Vergleich über Zeitepochen hinweg methodisch sehr viele Probleme mit sich bringt, die von der Forschung noch nicht abschließend gelöst worden sind, wird man diese Angabe doch als einen Näherungswert betrachten können.

Unter Außerachtlassung der fundleereren Zwischenphasen (... Abwanderungen?) ergeben sich laut dieser Studie für die Münchner Ebene folgende Siedlungsdichte-Maxima: für das Neolithikum (ohne Schnurkeramik und Glockenbecher) 53 Fundstellen, für die Frühbronzezeit 65 Fundstellen, für die Mittelbronzezeit (ohne die Zwischenphase) 39 Fundstellen, für die Urnenfelderzeit 44 Fundstellen, für die Hallstattzeit 79 Fundstellen und für die Spätlatenezeit 73 Fundstellen. (Schefzik, S. 55)

Allerdings sind da alle Fundstellen gleichgewertet: Siedlungsfunde, Grabfunde und Funde von Weihgaben/Deponierungen an geweihten Orten (Moore, Viereckschanzen). Ebenso ist die unterschiedliche Dauer der jeweiligen Epoche aus diesen Zahlen noch nicht herausgerechnet. So hat man beispielsweise für die spätjungsteinzeitlichen Schnurkeramik- und Glockenbecherkulturen bislang in der Müncher Ebene noch keine Siedlungsfunde, sondern nur Grabfunde machen können.

Aber selbst wenn sich das Verhältnis zwischen der Zahl der Siedlungs- und der Zahl der Grabfunde, bzw. der Weihgaben-Funde von Epoche zu Epoche verschieben sollte, kann aus diesen Zahlen abgelesen werden, daß die Frühbronzezeit einen Vergleich ihrer gesellschaftlichen Komplexität und Siedlungsdichte mit den anderen Epochen nicht zu scheuen braucht. Für praktisch jede Periode von der Frühbronze- bis zur Spätlatenezeit ließen sich hier sowohl Einzelhöfe als auch weiler- bzw. dorfartige Ansieldungen beobachten. (Schefzik, S. 155)

Zusammengestellt bis zum 22.1.10,
überarbeitet und veröffentlicht: 25.5.10

Literatur:

- Bátora, J., B. Eitel, F. Falkenstein, K. Rassmann: Fidvár bei Vráble - Archäologische Prospektionen auf einer frühbronzezeitlichen Zentralsiedlung am Rande des Slowakischen Erzgebirges. Universität Würzburg, 9.9.2009 [22.1.10]
- Bátora, Jozef.: Vergleichende Untersuchungen zum frühbronzezeitlichen Siedlungswesen am Südwestrand des Slowakischen Erzgebirges. Deutsches Archäologisches Institut, 25.9.09 [22.1.10]

- Spatzier, André: Untersuchungen zu Chronologie, Grabstörung und Struktur des frühbronzezeitlichen Gräberfelds Franzhausen I, Niederösterreich. Praehistorische Zeitschrift, Bd. 82, Heft 2, November 2007, S. 215 – 247, DOI: 10.1515/PZ.2007.011
- Sprenger, Silvia: Zur Bedeutung des Grabraubs für sozioarchäologische Grabfeldanalysen am Beispiel des frühbronzezeitlichen Gräberfeldes Franzhausen I, Niederösterreich. Vortrag gehalten an der Universität Frankfurt (Mitschrift), 7.7.1998 (s.a. --> Diss.)
- Teschler-Nicola, Maria: Soziale und biologische Differenzierung in der frühen Bronzezeit am Beispiel des Gräberfeldes F von Gemeinlebarn, Niederösterreich. In: Ann. Naturhist. Mus. Wien, Januar 1989, S. 135 - 145 (freies pdf.)
- Schefzik, Michael: Die bronze- und eisenzeitliche Besiedlungsgeschichte der Münchner Ebene. Eine Untersuchung zu Gebäude- und Siedlungsformen im süddeutschen Raum. Rahden/Westf. 2001

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