Freitag, 3. Dezember 2010

"Epoc" berichtet über das Volk der Sogder

Das Volk der Sogder, das vor 2000 Jahren in Samarkand gelebt hat und das dem Welteroberer Alexander dem Großen bei seinem Zug nach Indien die berühmte Prinzessin Roxane zur Ehefrau gegeben hat,  ein Volk, das aber insbesondere in der kulturellen Blütezeit Chinas eine nicht unwichtige Rolle gespielt hat - das also zwischen "West" und "Ost" stand, ist jetzt erfreulicherweise auch in der Zeitschrift "Epoc" (von "Spektrum der Wissenschaft") mit einem neuen Aufsatz gewürdigt worden (1; freies pdf.).

Über dieses bis heute weitgehend unbekannt gebliebene Volk, dessen geschichtliche Bedeutung erst in den letzten Jahren besser erkennbar geworden ist, berichtete "Studium generale" schon vor drei Jahren (2 - 6). Und dies, wie man finden kann, um mancherlei Facetten reichhaltiger als dies jetzt die drei Autoren von "Epoc" getan haben.

Man hätte gerne auch uns um einen wissenschaftsjournalistischen Beitrag bitten können.
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1. Mayke Wagner, Patrick Wertmann, Pavel Tarasov, Desmond Durkin-Meisterernst: Sogder: Die Netzwerker des Ostens - epoc, 1/11 (Online: 29.11.2010), S. 44 - 49
2. Bading, Ingo: Sogder und Tocharer zwischen Samarkand und chinesischem Kaiserhof. Studium generale, 26.5.2007
3. Bading, Ingo: Die Frühbronzezeit in den Fürstentümern der Seidenstraße. Studium generale, 4.11.2007
4. Bading, Ingo: Indoeuropäer-Frage ein "anrüchiges" Thema? Studium generale, 7.11.2007
5. Bading, Ingo: Europäisch-Stämmige im Nordosten Chinas um 500 v. Ztr.. Studium generale, 29.11.2007

Freitag, 12. November 2010

Die Bandkeramiker - ein genetisch einzigartiges Volk

Neue Genreste eines untergegangenen Volkes analysiert

Abb. 1: Erntemesser und Beile der Bandkeramiker (Wiki)
Weitere Genreste von Skeletten der ersten Bauern Mitteleuropas, der Bandkeramiker (Wiki), und zwar aus dem Umland des Harzes, sind vor kurzem vor allem wieder durch Mainzer Forscher analysiert worden (1 - 4). Die Forschungsergebnisse bestätigen  zunächst wesentliche bisherige Erkenntnisse (5 - 7), nämlich:

a) Daß die Bandkeramiker offenbar nach derzeitigem Kenntnisstand nicht - oder nur wenig - von ihrer Vorgängerkultur, den Jägern und Sammlern, sprich "Mesolithikern" Mitteleuropas, abstammen. Letztere sind zumindest in Mitteleuropa zu großen Teilen ausgestorben, wahrscheinlich jeweils etwa zeitgleich mit dem Auftreten der Bandkeramiker. (Allerdings sind aus dem näheren Ursprungsgebiet der Bandkeramiker noch keine mesolithischen Genreste analysiert worden - siehe dazu mehr unten.)

b) Daß die Bandkeramiker einige genetische Eigentümlichkeiten aufweisen, die in keiner archäologischen, geschichtlichen oder heutigen Bevölkerung weltweit bisher aufgefunden worden sind (große Häufigkeit des mitochondrialen Haplotypen N1a, der sonst nur sehr selten auftritt). Daß sie also nicht nur kulturell, sondern auch genetisch ein einzigartiges Volk waren, (das deshalb wahrscheinlich auch aus einer Flaschenhals- und Gründerpopulation am Neusiedler See erst als solches durch Ethnogenese hervorgegangen ist und wohl auch nicht genetisch identisch sein kann mit irgendeiner anderen archäologischen Kultur auf dem Balkan oder aus dem Schwarzmeer-Raum). 

c) Daß die Bandkeramiker - ebenso wie die schon erwähnten vormaligen mesolithischen Fischer, Jäger und Sammler des mitteleuropäischen Raumes - genetisch heute als zu großen Teilen ausgestorben angesehen werden müssen.

Wem waren die Bandkeramiker genetisch am meisten verwandt?

Als differenziertere Neueinsichten treten mit der neuen Analyse hinzu:

d) Daß von den insgesamt 42 bislang analysierten Individuen der Bandkeramiker in Mitteleuropa  (1, S.4)
- sechs Individuen (knapp 15 %) den fast "einzigartigen" Bandkeramiker-Haplotypen N1a aufweisen,
- (mindestens) 11 Individuen (25 %) Haplotypen aufweisen, die heute zu gleichmäßig in Europa verteilt sind, als daß ihnen eine enger umgrenztere Herkunfts- oder (Rest-)Fortexistenz-Lokalität irgendwo in Europa zugeschrieben werden könnte,
- nur (mindestens) 10 weitere Individuen (25 %) genetische Verwandtschaften aufweisen zu solchen Populationen, die tatsächlich enger eingegrenzt werden können, nämlich:
a) - (mindestens) drei (knapp 10 %) zu Populationen, die heute noch in Mitteleuropa leben (etwa Slowenen, Slowaken, Ungarn und andere)
b) - (mindestens) eines zu heutigen Engländern,
c) - (mindestens) fünf (gut 10 %) zu heutigen Südrussen, Osseten, Georgiern, Armeniern, Türken, Irakern, Iranern - also ganz grob zum heutigen Schwarzmeer- und Kaukasus-Raum.
Von diesen letzteren fünf Haplotypen leiten die Forscher als "Hauptergebnis" ihrer Studie ab, daß nicht nur die domestizierten Pflanzen und Tiere der Bandkeramiker aus der Südtürkei und dem Levanteraum stammen - was sich in der Tat in den letzten Jahrzehnten unwiderlegbar erwiesen hat -, sondern daß "im Wesentlichen" auch ihre eigenen Gene von dort her stammen:
Herausragendes Ergebnis der Studie ist der erstmalige molekulargenetische Nachweis, wonach das genetische Profil der frühen neolithischen Siedler aus Derenburg große Ähnlichkeit mit heute lebenden Populationen im Nahen Osten aufweist. 
Diese Deutung ist, soweit übersehbar, aus 10 % der genannten 25 % analysierten Genreste abgeleitet worden, die Verwandtschaft zu lokalisierbaren Populationen aufweisen. Angesichts dieses geringen Anteils verliert diese apodiktische Aussage dann doch ziemlich viel an Aussagekraft. Wenn es dann aber noch weiter heißt:
Die größte ökonomische Umwälzung in der Menschheitsgeschichte - die Neolithische Revolution - hat ihren Ursprung in einer Region, die vermutlich die Heimat aller Europäer bildet und wurde in Migrationswellen nach außen getragen,
so sind die letzten beiden Halbsätze mißverständlich bis grundlegend falsch schon deshalb, weil ja die angenommenerweise im Wesentlichen aus dem Vorderen Orient "zugewanderten" Bandkeramiker inzwischen auch schon ausgestorben sind - so sagt es auch die Studie - und durch ganz andere Bevölkerungen ersetzt worden sind.

Kritische Einwürfe zum Hauptergebnis der Studie

Es ist aber zusätzlich noch anzumerken, daß zur Deutung der genetischen Verwandtschaft von Spätmesolithikern in Mecklenburg - nicht zu dortigen heutigen Bevölkerungen, sondern zu Bevölkerungen im heutigen Lettland - auch vorgeschlagen worden ist (7), daß sich ihr genetisches Erbe in Randgebieten Europas eher hat halten können, als im mittleren Europa (statt bloß von dort her zu stammen). Warum sollte man also ein ähnliches Szenario auch für die Bandkeramiker von vornherein ausschließen, zumal jüngst eine Studie an Genresten aus einem Megalithgrab in Westfrankreich außerhalb des bandkeramischen Verbreitungsgebietes ebenfalls typische Bandkeramik-Gene aufzeigen konnte (8) (ähnlich übrigens auch bei den Spätmesolithikern in Mecklenburg: 7), was beides dahingehend gedeutet worden ist, daß sich die Gene der Bandkeramiker über das archäologisch festgestellte dichtbesiedelte Verbreitungsgebiet der Kultur der Bandkeramiker - zumal auch nach dem Untergang der bandkeramischen Kultur und in Nachfolgekulturen - hinaus ausgebreitet haben könnte (bzw. dort auch in "verdünnter" Weise fortexistiert haben könnte).

Für die aufgezeigte genetische Verwandtschaft  von 10 % der analysierten Bandkeramiker-Genreste zu heutigen Populationen im Schwarzmeerraum kann also durchaus auch ein überlagerter Prozeß von "Wanderung und Rückwanderung" angenommen werden. Da sich die bevölkerungsreiche Bandkeramik-Kultur auch weit in die Ukraine hinein ausgebreitet hat, könnte nämlich auch umgekehrt gefragt werden, ob nicht die heutigen Bandkeramiker-Verwandten im Schwarzmeer-Raum von Zuwanderern aus Mitteleuropa abstammen.

Kommentatoren auf "Dienekes Anthropology Blog"

Manche Kommentatoren auf "Dienekes Anthropology Blog" (2), wo viele kenntnisreiche Leute mitdiskutieren, äußern ähnlich gelagerte Vorbehalte. Diese sollen hier noch zur Bekräftigung angeführt werden. Ein Kommentator "Polak" hebt zu dieser Studie etwa unter anderem die wichtigen Tatsachen hervor: 
- It showed that modern Europeans don't have strong links to these LBK farmers, nor do modern groups from the Caucasus and Iran.
- It didn't show that any of the other lineages common in Europe today came later to Europe than these Near Eastern LBK farmers.
- R1a tribes most likely largely snuffed out the descendants of the G and F* LBK farmers in Central-Eastern Europe, after learning a few tricks (ie. metallurgy), and expanding from north and east of the Carpathians during the late Neolithic.
Die heutigen Mitteleuropäer haben keine auffällige genetische Verwandtschaft mit Iranern

Mit den "R1a tribes" sind die kupfer- und bronzezeitlichen Indoeuropäer gemeint, die Schnurkeramiker und deren kennzeichnender Y-Chromosomen-Haplotyp, die zu noch nicht bekannten Anteilen die heutigen genetischen Vorfahren der Europäer bilden. Dienekes selbst hebt zu den analysierten Y-Chromosom-Haplotypen der Bandkeramiker noch die erstaunliche Tatsache hervor:
It is also fascinating that the presence of 33.3% haplogroup G2 in the German Neolithic is matched by a presence of 33.3% haplogroup G2 in 7th c. Bavarian knights, and maybe even the latest French royalty.
Haben sich also die Gene der Bandkeramiker über die männliche Linie besser in Mitteleuropa gehalten als über die weibliche? Kommentator "eurologist" hebt ebenso die wesentliche Tatsache hervor, daß noch keine Genreste in mesolithischen Skeletten im Umkreis des Ursprungsgebietes der Bandkeramiker, also im Donauraum analysiert worden sind:
There is no reason to assume the currently available mesolithic data apply to the pre-neolithic Danubian. If anything, evidence indicates that Europe was not homogeneous. The middle Danubian had 8,000 years of opportunity after LGM of easy contact with people along the Black Sea. So just based on that, one would assume the pre-neolithic middle Danubian to show some proximity to Anatolia and to the Southern Caucasus. 
Außerdem sagt er etwas noch Wichtigeres, auf das auch wir das Schwergewicht der Argumentation legen:
They declare those haplogroups that are widely distributed in the NW (but much less so in the SE) as uninformative, and those with more significant local occurrence (incidentally more so in the SE) as informative. Then they claim the ratio between these two is pertinent*. Clearly this ratio just by construct hugely favors the SE.
(*) the "uninformative" far outnumber the "informative".
Die nicht auf heutige Populationen beziehbaren Bandkeramiker-Gene bilden die Mehrheit

Das ist wohl die wichtigste Anmerkung, die man zu dieser Studie machen muß. Wollte man Ergebnisse hervorheben, die möglichst in das politisch korrekte Bild unserer vorgeblichen "Einwanderungsgesellschaft" von heute passen? Und weiter:
On the flip side, the weird N1a, thought to be so significant, has almost no match SE of Hungary (2 in Iran versus 9 in Hungary and NW of there). And, Iran is high because it matches three U5a - not exactly your typical, expected neolithic line! The other high scorers in the SE are mostly T and T2.
Und dann sagt er, er bliebe bei seiner Interpretation, daß die Bandkeramik im wesentlichen als eine lokale donauländische Population entstanden wäre, eine Interpretation, die auch dem Schreiber dieser Zeilen vorerst noch als die plausibelste erscheint, solange nicht stärkere Argumente für eine vorwiegende Herkunft aus dem Schwarzmeerraum vorgelegt werden:
I stick by my interpretation that LBK started essentially with a local middle-Danubian population, just very slightly modified by agriculturalist newcomers from Anatolia. That also matches the finding that a large 16% of lineages found are unique to LBK.
Jedenfalls: Daß derartige in vielerlei Hinsicht noch ganz vorläufige Forschungsergebnisse von einigen der Forscher ziemlich direkt als Argumente in der Sarrazin-Debatte verwandt werden (4), wird man auf den ersten Blick fast als ein wenig "dümmlich" auffassen müssen. Wenn aber die Verwendung derartiger Argumente die öffentliche Aufmerksamkeit für derartige Forschungen erhöht, mag ja auch das dazu dienlich sein, die oft so hermetisch abgeriegelten Mauern des Elfenbeinturmes der Wissenschaft aufzubrechen, um dem von unserer Bundeskanzlerin favorisierten "christlichen Menschenbild" ein moderneres und evolutionär angepaßteres entgegenzusetzen.
Wie in Bezug zu setzen zur Sarrazin-Debatte?

Denn nicht nur Thilo Sarrazin hat erkannt, daß die Wissenschaft dazu dient, die Überlebensgesetze von komplexen Gesellschaften, die Ursachen, Folgen und die Bedeutung ihres kulturellen und genetischen Entstehens ("Ethnogenese"), sowie ihres Untergangs ("Kollaps") zu erforschen. Hier ist natürlich insgesamt noch viel Arbeit zu leisten. Schlußfolgerungen aus Einzelergebnissen wie die dieser Studie können deshalb nur sehr überlegt und behutsam gezogen werden. Und schon gar nicht, so lange die Ergebnisse noch auf so schmaler Materialbasis beruhen und ein so widersprüchliches Bild aufzeigen. Um so umfangreicher das Wissen von der kulturellen und genetischen Geschichte der Menschheit insgesamt dabei mit in Rechnung gestellt wird und auf einen Nenner gebracht werden kann, um so gültiger werden die Schlußfolgerungen sein, die man aus diesem Wissen dann ableitet.

Als gemeinsame Nenner stehen die Konzepte von "Gen-Kultur-Koevolution", sowie von "gruppenevolutionären Strategien" im Raum. Welche Spielräume solche Konzepte der Humanevolution lassen, was etwa das Verschieben von großen Bevölkerungsteilen von einem Land zum anderen betrifft, ohne daß sich dies mittelfristig evolutionär nachteilig auf die künftige Humanevolution auszuwirken wird, das wird sicherlich von der Forschung in den nächsten Jahren noch genauer auszuloten sein.
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  1. ResearchBlogging.orgHaak, W., Balanovsky, O., Sanchez, J., Koshel, S., Zaporozhchenko, V., Adler, C., Der Sarkissian, C., Brandt, G., Schwarz, C., Nicklisch, N., Dresely, V., Fritsch, B., Balanovska, E., Villems, R., Meller, H., Alt, K., Cooper, A., & , . (2010). Ancient DNA from European Early Neolithic Farmers Reveals Their Near Eastern Affinities PLoS Biology, 8 (11) DOI: 10.1371/journal.pbio.1000536
  2. Dienekes: Near Eastern origin of European Neolithic farmers, Dienekes Anthropology Blog, 9.11.2010
  3. Khan, Razib: European man of many faces: Cain vs. Abel, Gene Expression, 9.11.2010
  4. Bading, Ingo: "Deutschland schafft sich ab"-Debatte: Mainzer Humangenetiker mischen sich ein. Auf: GA-j!, 11.11.2010
  5. Bading, Ingo: Die weltgeschichtliche Bedeutung der bandkeramischen Kultur. Auf: Studium generale, 22.1.2009
  6. Bading, Ingo: 4.100 v. Ztr.: Die modernen Nordeuropäer entstehen in Ostholstein. In: Studium generale, 18.9.09.
  7. Bading, Ingo: 3.100 v. Ztr.: Mecklenburger Jäger und Fischer tragen einige den Bandkeramiker-Genen verwandte Gene in sich. Auf: Studium generale, 21.11.2009
  8. Deguilloux MF, Soler L, Pemonge MH, Scarre C, Joussaume R, & Laporte L (2010). News from the west: Ancient DNA from a French megalithic burial chamber. American journal of physical anthropology PMID: 20717990

Donnerstag, 21. Oktober 2010

3.100 v. Ztr.: Der Rinderwagen in der Weltgeschichte

Prozessionen an Königsgräbern lassen um 3.100 v. Ztr. staatliche Strukturen in Norddänemark erkennen

Kurz gefasst: Um 3.100, in der Zeit, als im Zweistromland und in Ägypten die ersten großen "Hochkulturen" der Menschheitsgeschichte entstehen, finden wir auch vom Schwarzen Meer bis nach Norddänemark hinein immer klarere Anzeichen für die Ausbildung komplexer staatlicher Strukturen. So münden langjährige Forschungen zur Geschichte von Rad und Wagen (1 - 16) durch eine aktuelle Studie über spätneolithischen "Gräberstraßen" in Norddänemark (1) in überraschend konkrete Vorstellungen zu religiösen und staatliche Strukturen in Nordeuropa zur Zeit der Trichterbecher- und der Kugelamphorekultur (3.000 v. Ztr.).

1. Rinder-gezogene Wagen früher: Kultische Bedeutung

Eine neue Forschungsstudie (1) entdeckt unerwartet Konkretes und Genaues über die Gebräuche unserer nordeuropäischen Vorfahren, Angehörige der ersten bäuerlichen Kultur  des Ostseeraumes, die Trichterbecherkultur. Und zwar in diesem Fall zunächst in Norddänemark (3.100 v. Ztr.).

Abb 1: Verteilung der Steinhaufen-Gräber in Dänemark (aus 1)

Bei der Trichterbecherkultur handelt es sich um jene Kultur, die um 4.100 v. Ztr. - zeitgleich zur Michelsberger Kultur in Mitteleuropa und dem Pariser Becken - im Ostseeraum entstanden ist (3). Offenbar müssen wir uns diese Gesellschaft noch deutlich komplexer vorstellen, was wir das gemeinhin bis heute getan haben.

Bis dato international unbekannt: Eine neue Gräberart in Dänemark

Als in den 1950er und 1960er Jahren im nördlichen Dänemark die ersten sogenannten "Steinhaufengräber" von der Wissenschaft genauer untersucht worden sind, konnte man sich - wie so oft - noch keinen Reim auf die merkwürdigen Strukturen dieser Gräber machen. Selbst 1996 war der Sachverhalt den meisten Forschern nicht klarer geworden. In nicht-dänischer Sprache ist deshalb auch bis heute erst eine einzige wissenschaftliche Studie über sie erschienen (- abgesehen von der diesjährigen [1]). Aber zwischenzeitlich sind über 200 solcher "Steinhaufengräber" an mindestens 46 Orten Nordwestjütlands bekannt geworden (s. Abb. 1) und allmählich bilden sich doch "regelhafte" Strukturen heraus.

Denn das ist das Typische, Gemeinsame all dieser Gräber: Fast immer findet man zwei länglich-parallele Gräber in Ost-West-Richtung. (Diese wurden anfangs als die Gräber zweier Menschen interpretiert.) Und "dahinter" - auf der Westseite derselben - findet sich jeweils ein größeres quadratisches Grab mit Grabbeigaben. (Dieses wurde anfangs interpretiert als das Grab einer einzelnen dritten Person.) (Vgl. Abb. 2.)

Die "Steinhaufen", von denen diese Gräber bedeckt waren, ragten höchstens noch 40 Zentimeter über die Erdoberfläche. Wäre in Nordjütland intensiver Ackerbau betrieben als dies bis heute dort aufgrund des Klimas der Fall ist, wäre der größte Teil dieser Gräber längst zerstört worden. Da dies aber nicht der Fall war, sind diese Gräber den Menschen über lange Jahrhunderte hinweg in der Landschaft sichtbar geblieben.

Aktuelle Deutung: "Bestattung" eines zweirädrigen Rinderwagens mitsamt Zugtiergespann

Erst in diesem Jahr schlugen zwei dänische Archäologen der Universität Aarhus - Niels Johannsen und Steffen Terp Laursen (a) - eine spannende Interpretation dieser Befundlage vor (1). Diese ist zwar beiläufig schon einmal von zwei anderen Autoren 1968 und 1981 vorgeschlagen worden. Aber aufgrund der damals viel schmaleren empirischen Basis mit viel weniger Überzeugungskraft.

Am östlichen Ende der beiden Längsgräber fand man immer wieder die Zähne und Knochen von Hausrindern. Auch die phosphatreiche und sonstige Beschaffenheit der Erde in diesen Gräbern, in denen sich in diesem Klima nur wenig Biomaterial erhalten kann, deutete auf die Verwesung von größeren Leichen. Naheliegenderweise Rinderleichen. Zwei Rinder, aufrecht oder in Schlafposition begraben, in östliche Richtung ausgerichtet - und dahinter erst das quadratische Grab eines Menschen?

Abb. 2: Typische Anordnung von vier Steinhaufen-Gräbern in Dänemark (aus 1)

Wie in der zeitgleichen Kugelamphorenkultur in Deutschland?

Die Autoren weisen nun auf Übereinstimmungen mit der zeitgleichen Kugelamphorenkultur hin, die von der Ukraine bis Dänemark reichte. Gerade auch in Deutschland hat man zu dieser Kultur in den letzten Jahren viele neue Erkenntnisse gesammelt. Man hat dort möglicherweise sogar Grabformen gefunden, die denen der "Steinhaufengräber" in Nordjütland vergleichbar sind. Auf Wikipedia erfahren wir über die Forschungen bei uns in Deutschland:
Beigaben von Rindern in fast jedem Grab, teilweise regelrechte Rinderbestattungen (z. B. Schönebeck, Dölkau, Plotha, Stobra) weisen auch auf eine kultische Verehrung. (...) Die auffällige Ost-Orientierung sowohl der Gräberfelder wie auch der Toten im Grab selbst, spiegelt vermutlich gewisse Heilsvorstellungen hinsichtlich des Reiches der aufgehenden Sonne wieder.
Auf Wikipedia ist weiterhin zu erfahren, daß diese Rinderbestattungen ein Phänomen sind, das über ganz Ostmitteleuropa verbreitet ist (vgl. auch Abb. 3):
Rinderbestattungen finden sich in der Osthälfte des heutigen Deutschlands zwischen der Ostsee und dem Erzgebirge. Das Skelett von Penkun, Lkr. Uecker-Randow stammt aus Mecklenburg-Vorpommern. Die Rinderbestattungen von Buchow-Karpzow und vom Gallberg bei Zachow im Kreis Nauen liegen in Brandenburg und sind der Havelländischen Kultur zuzuweisen. In Sachsen-Anhalt gibt es Funde in Altranstädt, Derenburg-Löwenberg, Oschersleben und Weideroda-Zauschwitz. In Sachsen sind Rinderbestattungen z. B. aus Dölkau, Plotha, Schönebeck und Stobra bekannt.
Abb. 3: Verbreitung von Rinderbestattungen im Bereich der
Kugelamphoren- und der Trichterbecherkultur (aus: 1)
Die typische Radgröße der aus dieser Zeit erhaltenen Holzräder paßt ebenso zu den vorgefundenen Befunden des quadratischen Teiles der Steinhaufengräber wie der typische Räderabstand. Letzterer ist aus archäologisch ergrabenen, erhaltenen Wagenrillen bekannt. Schlußfolgerung: Es scheint hier auf einem typischen zweirädrigen Rinderwagen jener Zeit jeweils eine Person bestattet worden zu sein. Ihr wurden diverse Beigaben, oft Keramik, oft auch eine Steinaxt beigelegt.

Straßen und Hügelgräber in der Bronzezeit

Schon seit vielen Jahrzehnten ist bekannt, daß in der Bronzezeit die Hügelgräber sehr häufig entlang von Straßen hintereinander gereiht nach und nach errichtet worden sind. Insbesondere auch auf beiden Seiten von Furten und Flußübergängen. (Dies ist neuerdings auch sehr schön zu beobachten auf dem  an einer Furt gelegenen spätbronzezeitlichen Schlachtfeld im Tollensetal in Mecklenburg.) Und genau diesen Umstand stellen die Forscher nun auch für diese spätneolithischen Rinderwagen-Gräber fest (1). Sie sind sogar an den gleichen historischen Straßenverläufen entlang aufgereiht, an denen die bronzezeitlichen Hügelgräber liegen. Diese Rinderwagen-Gräber sind wohl - und nicht nur in dieser Region - die Vorläufer-Grabform der Hügelgräber. Und mehrmals hat man zwischen ihnen auch noch die zeitgleichen Wagenrillen der befahrenen Wege finden können.

Abb. 4: Die Geographische Ausrichtung repräsentativer Rinderwagen-Gräber-"Prozessionen"
in Norddänemark: nach Osten und nach Norden, nie nach Westen
(aus: 1)
Nun ist aber weiterhin auffällig, daß diese Rinderwagen-Gräber sehr häufig hintereinander angeordnet sind wie bei einer richtigen Wagenprozession. Sie "fahren" auch alle - wie es im obigen Wikipedia-Zitat schon anklang - in die gleiche Richtung. Also entweder ziehen sie in Richtung Osten oder in Richtung Norden (s. Abb. 4). Es wäre also denkbar, daß hinter dem Rinderwagen-Grab des Vaters drei Jahrzehnte später das des Sohnes und noch später das des Enkels angelegt worden ist.  Vielleicht auch von anderen Verwandten oder von Nachbarn. Gelegentlich findet sich auch eine Anordnung von drei Rinderwagen-Gräbern nebeneinander.

Als Gräber ziehen diese Gespanne nie nach Westen, sondern in der Regel nach Osten, Nord- oder Südosten. Zusammen mit den übrigen archäologischen Gegebenheiten erschließt sich aus der räumliche Anordnung der Gräber richtiggehend das Szenario eines - vielleicht jährlichen - Zeremoniells der Stammesreligion, bzw. der Ahnenverehrung. Dies wird in den Abbildungen 5 und 6 sehr gut deutlich.

Abb. 5: Die Gegend von Vroue Hede liegt im Zentrum des Verbreitungsgebietes der Steinhaufengräber. Die Steinhaufengräber "defilieren" hier an einem Megalithgrab (länglicher Kreis) der frühen Trichterbecherzeit vorbei (aus: 1).
Der deutliche räumliche Bezug der Rinderwagengräber entlang von Straßen, die auch an Gräbern der frühen Trichterbecherzeit entlang führen, deutet sehr stark auf Jahrhunderte lange religiös-staatlich-rituelle Traditionen an diesen Orten hin, an die sich auch noch die Hügelgräberzeit gehalten haben könnte.
Diese zeremonielle "Gräber-Straße" liegt von der nächsten Wohngegend am Fluss (Abb. 6, Dreiecke) nur 300 Meter entfernt. Diese Wohngegend ist auch in der Bronzezeit beibehalten worden.
Abb. 6: Die Gegend von Herup wenige Kilometer von Vroue Hede entfernt. Auch hier "defilieren" die Steinhaufengräber an zwei Gräbern aus der frühen Trichterbecherzeit vorbei ("e", keine Megalithgräber). Außerdem an drei zeitgleich errichteten und genutzten "Kulthäusern" ("c"), die alle zur Straße hin geöffnet sind, und vor denen in Feuern verschiedene Gebrauchsgegenstände gebrannt haben (aus: 1)
Wenige Kilometer entfernt findet sich eine "Gräberstraße", an der sowohl am Nord- wie am Südrand nach zur Straße hin offene Kulthäuser gestanden haben, vor denen - möglicherweise anläßlich von Zeremonien, Umzügen - Feuer gebrannt haben.

Ein sehr eindrucksvolles archäologisches Beispiel für Gräber als Rinderwagen-Prozessionen findet sich auch im bronzezeitlichen China der frühen Zhou-Dynastie (1045-256 B.C.) (s. Tumblr).

Die Zusammenschau dieser neuen Erkenntnisse drängt einem das Bild einer geradezu "staatenbildenden" Funktion dieser Rinderwagen-Gräber-"Prozessionen" entlang der Ahnengräber auf. Sie läßt es einem zum Beispiel auch naheliegend erscheinen, daß auch schon diese Gesellschaften des europäischen Spätneolithikums ein Steuer- und Abgabensystem gekannt haben können mit zentralen Fürstentümern oder gar Königen.

Rinderwagen heute: Beliebte Postkartenmotive

Mit der Bildersuche im Netz kann man schnell feststellen, daß der traditionelle Ochsenwagen noch heute ein sehr beliebtes Postkarten- und Kalender-Motiv darstellt. Etwa mit Suchworten wie "Ochsenwagen", "Ochsenkarren", "Bullock cart", "Ox cart" (s.a.: Wikip., engl..). Diese Beliebtheit rührt sicherlich auch daher, daß sich in ihm eine so ganz andere Zeitepoche mit einer ganz anderen "Zeittaktung" und einem ganz anderen Lebensgefühl wiederspiegelt. Der Ochsenwagen ist geradezu "Symbol" für eine ganz andere Art des Lebens (Beispiele: a, b, c, d, e, f, g). Man gerät hier in eine Bilderwelt, die in Europa schon seit mindesten hundert Jahren nicht mehr Wirklichkeit ist (a). In anderen Kulturen jedoch - vor allem in Südostasien - haben sich diese Ochsenwagen offenbar bis heute in vielen Aspekten sehr ursprünglich erhalten (Beispiele: a, b, c, d, e) (s.a. a). Vor allem diese südostasiatischen Kulturen - u.a. Indien und Burma - machen deshalb neugierig.  Kann man in ihnen vielleicht noch manches über die Lebensweise vor allem in den vorindogermanischen Kulturen Europas erfahren? 

Abb. 5: Ein typisches Postkarten-Motiv aus Südostasien

Durch den römischen Geschichtsschreiber Tacitus wissen wir, daß die Germanen eine Statue ihrer Frühjahrsgöttin auf Rinder-gezogenen Wagen in einem zeremoniellen Frühjahrs-Umzug, einer Prozession, im Land herumgeführt haben, um die Felder zu segnen. Der Rinder-gezogene Wagen hat also auch noch bei den Germanen eine große zermemonielle, religiöse Bedeutung gehabt. Erinnert sei auch an den berühmten "Sonnenwagen von Trundholm". Durch die Forschungen rund um Stonehenge (2) und an vielen anderen Orten in England, Europa und weltweit wissen wir von vielen Meter breiten und vielen hundert Meter langen "Zeremonialstraßen", die zu Gräbern führen oder die von Gräbern begleitet werden, die zu Versammlungsorten, heiligen, geweihten Bezirken und anderem mehr hinleiten.

Durch Rad und Wagen kommt eine neue Dynamik in die Geschichte (3.700 v. Ztr.)

Wahrscheinlich wurden Rinder als Zugtiere schon in der ersten Bauernkultur Europas, in der bandkeramischen Kultur, seit 5.500 v. Ztr. eingesetzt. So etwa vor Pflügen oder vor Schlitten. Wagenräder als Grabgut kennt die "Majkop-Kultur" am Westkaukasus schon zwischen 3.700 und 3.000 v. Ztr.. In einer Grabanlage in Norddeutschland finden sich Wagenspuren aus der Zeit um 3.500 v. Ztr.. Ebenso gibt es weitere bildliche Wagendarstellungen in Mitteldeutschland aus dieser Zeit (vor allem Steinkammergrab von Züschen) (9, 10). Mit diesen anfangs noch sehr schlichten, Rinder-gezogenen Wagen begann, so darf man annehmen, eine neue Epoche in der Menschheitsgeschichte.

Die neue Studie läßt sogar die Vermutung verschiedener Forscher anklingen (1, S. 31f), daß die parallelen Erscheinungen von Wagengräbern zwischen Westkaukasus und Norddänemark ähnlich wie die nachfolgende Ausbreitung der Indogermanen mit ihrer Kultur Pferde-gezogener Streitwagen auf großflächigen kulturellen oder sogar bevölkerungsmäßigen Ausbreitungsbewegungen beruhen könnte.

Von der "Rinderwagen-" zur "Streitwagenkultur"

Man hat gewiß wenig Schwierigkeiten, sich Kulturen, in denen der Rinder-gezogene Wagen eine größere Rolle spielt, in einer Komplexität vorzustellen, die denen der vormodernen indischen oder südostasiatischen Fürstentümer und Königreiche nahekommt. Zumal wenn man zugleich auch noch von einer verbreiteten kultischen Bedeutung von Prozessionen einzelner oder vieler Rinder-gezogener Wagen erfährt.

Zahlreiche und immer neue Hinweise auf rindergezogene Wagen finden sich insbesondere für die mittel- und osteuropäische Kugelamphorenkultur, die in der Übergangszeit vom Spätneolithikum zur Bronzezeit angesiedelt ist, nämlich der Kupferzeit (im Sinne von Jan Lichardus, Saarbrücken). In Spanien entstand zu dieser Zeit in Los Millares (engl.) schon eine der ersten Städte auf dem europäischen Kontinent. Eine ähnlich reiche Kultur fand sich in Warna in Bulgarien. Es ist das auch die Zeit, als in Sumer und Ägypten die ersten "Hochkulturen" der Menschheit entstehen mit Schriftkultur.

Und es ist jene Epoche bevor die osteuropäischen Schnurkeramiker, also nach Marija Gimbutas die Indogermanen, mit ihrer Streitwagen-Kultur eine gegenüber der Rinderwagen-Kultur noch einmal gesteigerte Dynamik in die Weltgeschichte gebracht haben. Aber schon diese die Pferde-Kultur vorbereitende Kultur von Rinder-gezogenen Wagen scheint eine größere Dynamik und wirtschaftliche Komplexität in die Geschichte gebracht zu haben, als den Fußgänger-dominierten Epochen zuvor innewohnen konnte. Der Rinder-gezogene Wagen breitete sich vergleichsweise zügig nicht nur über ganz Osteuropa und bis nach Hessen hinein aus (Wartbergkultur mit Steinkammergrab von Züschen und seiner berühmten Wagendarstellung) (9, 10), sondern sogar bis in die Nordspitze Jütlands.

Kann von einem "staatenbildenden" Charakter des Rinder-gezogenen Wagens gesprochen werden?

Von der Atlantikküste bis nach Korea, von Skandinavien bis nach Persien und ins Zweistromland kennen wir bis in die keltische Zeit hinein die Sitte, daß sich Fürsten zusammen mit ihren Streitwagen, oft auch mit ihren Pferden in prächtigen Gräbern haben bestatten lassen. Ersetzt man in Gedanken einmal das schnellere Pferd und den leichteren Pferdewagen unserer von historischen Romanen und Filmen geprägten Vorstellungswelten durch das Rind und den Rinder-gezogenen Wagen, so mag einem deutlich werden, daß auch in dieser urtümlicheren Fortbewegungsweise manches Imposante, Eindrucksvolle enthalten sein kann.

Ja, Prozessionen und Völkerwanderungen, "Trecks" mit vielen hunderten von Rinder-gezogenen Wagen, diesmal aber nicht begleitet und beschützt von Reitern auf Pferden müssen in früheren Zeiten ein zugleich viel friedlicheres aber doch auch stolzes Bild abgegeben haben. Imposanter vielleicht als wir uns das heute noch vorstellen können.

* * *

2. Was kam danach? - Älteste Funde von domestizierten Pferden in Deutschland (3.500 v. Ztr.)

Das Pferd folgte übrigens gar nicht so lange nach der Einführung des Rindeswagens in die Menschheitsgeschichte als Zugtier nach (a, b, c) (12 - 16). Offenbar hatte ihm das Rind auf den von ihm ausgetretenen Wegen und Straßen "den Weg gebahnt". Es werden hier also Zeichen höherer gesellschaftlicher Komplexität deutlich, denen in anderem Zusammenhang noch einmal genauer nachgegangen werden kann. Zu diesem Thema gibt es übrigens auch ein Schwerpunktprogramm der "Deutschen Forschungsgemeinschaft", sowie auch sonst zahlreiche weitere wissenschaftliche Neuerscheinungen.

3. Was war davor? - Feuerstein-Handelsstraße von Kehlheim nach Prag (4.900 - 4.600 v. Ztr.)

Indem wir uns Fernhandelswege vorstellen, befahren von Rinder-gezogenen Wagen, stellt sich uns zugleich auch die Frage, wie man sich Fernhandelswege eigentlich in der Epoche davor vorstellen muß.

Denn schon in der Zeit der Bandkeramik hat es ja über mehrere hundert Kilometer reichende wirtschaftliche Austauschbeziehungen zwischen verschiedenen Regionen gegbeben, über die Rohstoffe wie etwa Feuerstein bezogen worden sind. Der Archäologe Alexander Binsteiner erforscht diese "ältesten Handelswege Europas" seit vielen Jahren (vgl. etwa Mittelbayr., 5.3.10):
Das neolithische Feuersteinbergwerk in Abensberg/Arnhofen ist das bedeutendste seiner Art in Europa. (...)
Die Feuersteinstraße zwischen Bayern und Böhmen ist der älteste nachgewiesene Handelsweg Europas. Er verläuft aus dem jungsteinzeitlichen Feuersteinbergwerk von Arnhofen (nahe Abensberg, Lkr. Kelheim) auf der Donau ins Regental und über den Böhmerwald in die steinzeitlichen Siedlungsräume um Pilsen bis nach Prag. Erste Begehungen fallen bereits in das 6. vorchristliche Jahrtausend; die Hochphase der Handelsroute liegt im Zeitraum von etwa 4900 bis 4600 v. Chr.
Die Route durch das Regental ist mit über 60 Fundstellen im Uferbereich des Regen belegt. Zwischen Bayern und Böhmen wurden nachweislich große Mengen an den hochwertigen Jurahornsteinen (Feuerstein) des Arnhofener Abbaugebietes gehandelt. Der große Bedarf an Feuersteinrohstoffen zur Herstellung schneidender Geräte und Waffen wurde in den steinzeitlichen Siedlungen um Pilsen und Prag bis zu 60 Prozent aus der bayerischen Mine gedeckt. (...)
Die Entdeckung der Feuersteinstraße nach Böhmen ist das Resultat einer langen Reihe von Forschungsarbeiten, die bereits während des Ötzi-Projektes an der Universität Innsbruck begannen. Hier konnte erstmals eine Direktverbindung aus den Lessinischen Bergen nördlich von Verona über den Alpenhauptkamm in das nördliche Alpenvorland (Schweiz, Bayern, Oberösterreich) für das vierte vorchristliche Jahrtausend nachgewiesen werden. Auf dieser sogenannten Kupferstraße, auf der auch Ötzi unterwegs war, als er starb, gelangten hochwertige Feuersteine aus den Monti Lessini nach Norden. Im Gegenzug transportierten die Zeitgenossen des Eismannes Kupfer aus den Lagerstätten Tirols und des Salzkammergutes nach „Italien“. Diese Untersuchungen gaben den eigentlichen Impuls für die nachfolgenden Arbeiten an der älteren Feuersteinstraße des fünften und sechsten Jahrtausends v. Chr.
Heute wird das Modell der Feuersteinstraße auf zahlreiche weitere Verbindungen in der Steinzeit angewendet, so z.B. bei der Donauroute der Bandkeramiker, die auf der Donaulinie unsere Region vor über 7000 Jahren besiedelten. Erste Spuren der Feuersteinstraße nach Böhmen gehen auf diese Zeit der Bandkeramiker zurück.
Man wird sich diese Handelswege als vielbegangene Wege vorstellen müssen, auf denen Menschen, vielleicht so wie in vielen Regionen Afrikas noch heute, Lasten über viele Kilometer hinweg zu Fuß getragen haben. Gerne auch in "Kiepen" wie der "Ötzi". Vielleicht hat man sie auch schon auf Schlitten von Rindern ziehen lassen. So ging das annähernd 2.000 Jahre lang, bis die bedeutende Innovation des Rinder-gezogenen Wagens eine größere Dynamik in die Welt- und Wirtschaftsgeschichte gebracht hat.

(Textlich - nicht inhaltlich - stark umgearbeitet, 1.5.2011)

________________________

  1. ResearchBlogging.orgJohannsen, N., & Laursen, S. (2010). Routes and Wheeled Transport in Late 4th–Early 3rd Millennium Funerary Customs of the Jutland Peninsula: Regional Evidence and European Context Praehistorische Zeitschrift, 85 (1), 15-58 DOI: 10.1515/PZ.2010.004
  2. Bading, Ingo: 2.600 / 2.300 v. Ztr. - Die Stadt von Stonehenge. Studium generale - Research Blogging, 13.5.2010
  3. Bading, Ingo: 4.100 v. Ztr.: Die modernen Nordeuropäer entstehen in Ostholstein. Studium generale, 18.11.2009
  4. Bading, Ingo: 3.100 v. Ztr.: Mecklenburger Jäger und Fischer tragen einige den Bandkeramiker-Genen verwandte Gene in sich. Studium generale - Research Blogging, 13.5.2010 
  5. Gladilin, Wladislav: Die Felsbilder der Kamennaja Mogila in der Ukraine. In: Jahrbuch für prähistorische und ethnografische Kunst 22, 1966/67, S. 82 - 92
  6. Häusler, Alexander: Zur ältesten Geschichte von Rad und Wagen im nordpontischen Raum. In: Ethnogr.-Archäol. Z. 22/1981, S. 581 - 647
  7. Häusler, Alexander: Neue Belege zur Geschichte von Rad und Wagen im nordponitschen Raum. In: Ethnogr.-Archäol. Z. 25/1984, S. 629 - 682
  8. Treue, Wilhelm (Hg.): Achse, Rad und Wagen. Fünftausend Jahre Kultur- und Technikgeschichte. Göttingen 1986
  9. Günther, Klaus: Neolithische Bildzeichen an einem ehemaligen Megalithgrab bei Warburg, Kreis Höxter (Westfalen). In: Germania 68/1990, S. 39 - 65
  10. Günther, Klaus: Ein Großsteingrab mit Bildzeichen bei Warburg. In: Hellenkemper u.a. (Hg.): Archäologie in Nordrhein-Westfalen. Köln 1990, S. 143 - 148
  11. Schlichtherle, Helmut: Prähistorische Siedlungen, Bohlenwege und Fischfanganlagen - Fortschritte der archäologischen Federseeforschung, Denkmalpflege Baden-Württemberg, Nachrichtenblatt, 2002, Heft 3, S. 115 - 121 (freies pdf.)
  12. Priglmeier, Katja: Bronzezeitlicher Transport mit Pferd und Wagen in Mitteleuropa. In: Mühldorfer, B.; Zeitler, J. P.: Mykene, Nürnberg, Stonehenge. Handel und Austausch in der Bronzezeit. Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg e.V.. VKA-Verlag, Fürth 2000, S. 67 - 74
  13. Eberl, Ulrich: Die galoppierende Kultur-Revolution. Das Pferd und der Streitwagen. In: Bild der Wissenschaft, 8/2001, S. 82 - 87
  14. Mansfeld, Günter: Der Tqisbolo-gora. Eine Siedlungsgrabung als georgisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt in der Republik Georgien. In: Antike Welt, 27/1996, S. 365 - 380.
  15. Bertram, Jan-Krzysztof: Seasonal sites and structured systems. Aspects of the settlement organization in the Iori-Alazani-Region in the 2nd/early 1st millenium BCE (Tqisbolo-gora, Didi Gora, Udabno). Vortrag auf der Tagung "Mountain and Valleys. A Symposion on Highland/Lowland Interaction in the Bronze Age settlement systems of Eastern Anatolia, Transcaucasia and Northwestern Iran". Van, Türkei, Augst 2004.
  16. Bertram, Jan-Krzysztof: Didi Gora und Udabno. Die Ausgrabung am Didi Gora. Auf: Netzseite des Instituts für Ur- und Frühgeschichte, Tübingen, 10.12.2004, bzw. --> hier. [16.1.2010]

Donnerstag, 2. September 2010

Thilo Sarrazin: Der wissenschaftliche Paradigmenwechsel hinter seinen Sachargumenten

200.000 Jahre Humanevolution - Die derzeitige Forschung im Überblick - Ein Buchprojekt

Durch die Diskussionen rund um Thilo Sarrazin ist das im folgenden vorgestellte Buchprojekt aus dem Jahr 2007 aktuell wie nie. Wer die Diskussionen rund um Thilo Sarrazin in ihren wissenschaftlichen Hintergründen verstehen will, muß sich mit allen Themen dieses Buchprojektes und mit der Literatur dieses Buchprojektes befassen. Der Paradigmenwechsel in der Anthropologie, der in den letzten zehn Jahren stattgefunden hat, und auf den sich Thilo Sarrazin stützt, ist eine Herausforderung für unser Menschen- und Weltbild: Kann ich nur ein humaner Mensch sein, wenn die Menschen aller Völker im wesentlichen genetisch gleich sind und gleiche Startbedingungen haben? Oder gibt es auch einen Humanismus, der mit genetischer Ungleichheit human umgehen kann? Das ist die entscheidende Frage. Wenn sie gelöst ist, ist die Sachdebatte rund um Thilo Sarrazin leicht. Denn in der Tat: Schwerkraft ist Schwerkraft. Und die Evolution des Menschen geht auf genetischer Ebene weiter - in jeder Region und Kultur der Welt anders. Und wir nehmen darauf Einfluß, wie immer wir auch handeln. (- Soweit die Aktualisierung vom 2.9.2010. Nun weiter im Text von 2007:)

Die Netzseite Lulu.com bietet die Möglichkeit, umfangreichere Manuskripte kostenlos als pdf.-Datei ins Netz zu stellen. Diese Möglichkeit ist einmal genutzt worden, um ein 88-seitiges Literaturverzeichnis für ein Buchprojekt zum Thema "200.000 Jahre Humanevolution" öffentlich verfügbar zu machen. (Lulu/Ingo Bading) Einen solchen Forschungs-Überblick wird sicherlich mancher für nützlich halten. Denn eine wissenschaftliche oder populärwissenschaftliche Darstellung des derzeitigen Forschungsstandes in der Humangenetik ist ein offensichtliches Desiderat. Dies gilt auch für den englischen Sprachraum. An einer Zusammenarbeit interessierte Verlage oder Koautoren dürfen sich gerne beim Bearbeiter melden!

An dieser Stelle nur die thematische Gliederung des Manuskriptes. (Wie sichtbar werden kann, handelt es sich um das reichhaltigste Themenspektrum, das überhaupt nur denkbar ist.)

Einleitung: Humangenomforschung auf neuen Wegen

a) Das Suchen nach Zeichen von Selektion im menschlichen Genom (Koppelungs-Ungleichgewicht)
b) Der „Rebell mit einem Labor“ (Bruce Lahn)
c) Geht die Evolution weiter? (Robert Moyzis, Jonathan Pritchard)

1. Teil: Die Menschheits-Geschichte aus Sicht der Gene
Allgemeineres

A) Ursprünge in Ostafrika: Menschsein in einem Klicksprachen-Volk (190.000 – 65.000 Jahre vor heute)

a) Menschwerdung: eine kleine Gruppe am Rande des Aussterbens (190.000 Jahre vor heute)
b) Die ersten Menschen archäologisch in Äthiopien - ohne spezifische heutige Rassemerkmale? (195.000 v. Ztr.)
c) Ein „Tänzer-Gen“ entsteht: Tanzen und Singen als frühe, gemeinschaftsverstärkende Kommunikationsformen des Menschen (190.000 Jahre vor heute)
d) „Klatsch und Tratsch“ – moralisches Bewerten die wichtigste Funktion bei der Sprachentstehung? (Robin Dunbar)
e) Die Klicksprache – die erste Sprache des Menschen? (190.000 Jahre vor heute)
f) Ein Fettleibigkeits-Gen entsteht (190.000 Jahre vor heute) – noch an der „Venus von Willendorf/Österreich“ zu beobachten (26.000 Jahre vor heute) und danach in Europa verloren gegangen?
g) Evolutionäre Ästhetik: Savannen-Hypothese
h) Ein Bitterstoff-Geschmacks-Gen entsteht (190.000 v.Ztr.)
i) Menschenopfer, Schädelkult und Kannibalismus (seit 190.000 v. Ztr.)
j) „Krieger-Gene” bei Primaten und Menschenvölkern (Schwarzafrikaner, Andamanen, Indogermanen, Kelten, Germanen, Wikinger, Yanömamö, Maori, „Linkshänder-Völker“ …)
k) „Krieger-Gene“ - archäologisch Hinweise (weltweit, zeitübergreifend)
l) Der Mensch schmückt sich (spätestens ab 100.000 Jahre v. Ztr.)
m) Die menschliche Kleiderlaus entsteht (ERST [!] 80.000 Jahre v. Ztr.)
n) Buschleute Intelligenz-Quotient: 57

B) Die schwarzafrikanische Art des Menschseins

a) Das erste Herzmedikament nur für Schwarze (2001 – 2006)
b) Entspringt die höhere Anfälligkeit von Afrikanern für Bluthochdruck und Vitamin D-Mangel einer evolutionären Anpassung an heiße Temperaturen mit vor UV-Strahlung schützender Haut?
c) Größere Anfälligkeit von Schwarzafrikanern für Brustkrebs, Prostatakrebs, Lungenkrebs und anderes
d) Kein Verlust von Geruchs-Genen wie bei Europäern und Asiaten
e) Genetisch andere Art von Schizophrenie als bei Europäern und Asiaten?
f) Andere Art von Alzheimer bei Weißen als bei Schwarzen
f) Körper – wie geschaffen für Sport?
g) Schwarzafrikanischer Intelligenz-Quotient: 68 (in USA mit 30 % europäischen Genen: 85)

C) „Negritos“: Aus Afrika hinaus entlang des indischen Ozeans bis Australien (um 65.000 Jahre vor heute)

a) Eine Gen-Variante für Veränderungs-Freudigkeit entsteht (und damit das „Zappelphilipp“-Syndrom ADHS) (65.000 Jahre vor heute) und wird unterschiedlich in den Völkern weltweit selektiert
b) Entlang der Küste von Afrika nach Australien (65.000 Jahre vor heute)
c) Die Andamanen (65.000 Jahre vor heute)
d) Die Australoiden in Thailand (bis mindestens 24.000 v. Ztr.)

D) Ainu-Vorfahren besiedeln Ostasien (40.000 Jahre v. Ztr.)

a) Die Ainus - Verwandtschaft mit Andamanen und Tibetern (um 40.000 v.h.) (um 10.000 v. Ztr. erste Keramik - zeitgleich zum Vorderen Orient)
b) Höherer IQ auf der Nordhalbkugel aufgrund effizienterer Mitochondrien?

E) Die europäische Art des Menschseins – vom Atlantik bis Sibirien (40.000 v. Ztr.)

a) Die Neandertaler (150.000 v.h. entstanden, 29.000 v. Ztr. ausgestorben)
b) 30.000 Jahre vor heute: Mammutjäger zwischen Nordspanien und Ostsibirien
c) Geringere Häufigkeit genetischer Depressionsneigung in Europa als in Ostasien (Serotonin-Transporter-Gen) aufgrund von Selektion?
d) Orientale und Europäer – mehr als Asiaten und Afrikaner auf Blutverluste selektiert? – Eine Gen-Variante für Thrombose-Neigung entsteht (22.000 v. Ztr.)
e) Die Nordeuropäer – Haut-, Augen-, Haar-Farben-Gene unter starker Selektion (40.000/10.000 v. Ztr.)
f) Andere Art von Schizophrenie als bei Afrikanern und Asiaten?
g) Andere Art von Alzheimer bei Weißen als bei Schwarzen
h) Besonders hohe Anfälligkeit für Multiple Sklerose, Mukoviszidose (Zystische Fibrose) und Osteoporose (Knochenschwund)
i) 60 % andere Arzneimittel-Wirkstoffe in Europa als in Japan
j) Intelligenz-Quotient Europäer: 100

F) Amerika wird besiedelt (15.000 Jahre bis 6.000 Jahre vor heute)

a) Die Europäer (20.000 v. Ztr.), Ainu-Ähnliche (mit Flaschenkürbis) (10.000 v. Ztr.) und die Eskimo/Navajo (3.000 v. Ztr.) besiedeln Amerika nach Körperkontakt mit spätem Homo erectus (Kopflaus-Übertragung)
b) Intelligenz-Quotient amerikanische Ureinwohner: 85 - 91

G) Seßhaftigkeit bringt Veränderungen mit sich (10.000 v. Ztr. – 5.000 v. Ztr.)

a) Erste Negroide in Nubien (?) (12.500 v. Ztr.) / Rückwanderung von Asien nach Afrika?
b) Vorkeramisches und keramische Neolithikum in Südanatolien (10.000 v. Ztr.)
c) Die ersten mitteleuropäischen Bauern (Bandkeramiker - 5.600 v. Ztr. am Neusiedler See entstanden, 4.900 v. Ztr. ausgestorben)
d) Die bäuerlichen „Polynesier“ auf Taiwan (5.500 v. Ztr.) (ab 3.500 v. Ztr. Pazifik besiedelt)
e) Schwarzafrikanische Bantu-Bauern verbreiten die Malaria und Malaria-Resistenz

H) Die ostasiatische Art des Menschseins - zusammen mit dem Hirse- und Reisanbau evoluiert? (6.000 v. Ztr.)

a) Die gemeinsamen Vorfahren der heutigen Han-Chinesen, Koreaner und „Yayoi“-Japaner entstehen in Nordchina/Manschurei (wohl durch Vermischung nord-, süd- und ostchinesischer Anteile bei Einflußnahme von Vorfahren der Indogermanen) (vor 5.100 v. Ztr.)
b) Größere Häufigkeit genetischer Depressionsneigung in Ostasien als in Europa (Serotonin-Transporter-Gen) aufgrund von fehlender Selektion in einer Konsens- und Kollektivkultur (Gen-Kultur-Koevolution)?
c) Keine siebenfache Sequenz eines ADHS-Gens bei Ostasiaten: Selektion gegen "aufsässige Charaktere"?
d) Besonders hohe Anfälligkeit von Nichteuropäern für Diabetes (amerikanische Ureinwohner, Polynesier, Ostasiaten)
e) Angeborene größere Schmerzempfindlichkeit?
f) Besonders hohe Anfälligkeit für Alkoholunverträglichkeit
g) Andere Art von Schizophrenie als bei Afrikanern und Europäern?
h) 60 % andere Arzneimittel-Wirkstoffe in Japan als in Europa
i) Eine „Scham”-, keine “Schuld“-Kultur (eine Kollektiv-, keine Individual-Kultur)
j) Evolution stärker durch einzelne Männer geprägt? - Tschingis-Khan, … und Mao Tse Tung (1200 n. Ztr.)
k) Intelligenz-Quotient Ostasiaten: 105

I) Das Menschsein als Kentum-sprachiger, bronzezeitlicher Milchverdauer (Westindogermanen 4.500 v. Ztr. – 1.200 v. Ztr.)

a) Die Kentum-sprachigen und ihr Milchverdauungs-Gen – (4.500 v. Ztr. erworben [Ural/Trichterbecher], nach 2.000 weltweit verbreitet [Tocharer, Tuareg])
b) Die Kentum-sprachigen, bronzezeitlichen Milchverdauer - ihr Pocken- und HIV-Schutz (4.500 v. Ztr. erworben [Trichterbecher], nach 2.000 weltweit verbreitet)
c) Die Kentum-sprachigen, bronzezeitlichen Milchverdauer (?) – ein Gen korreliert mit Kinderreichtum (4.500 v. Ztr. erworben [Trichterbecher], nach 2.000 weltweit verbreitet)
d) Die Kentum-sprachigen, bronzezeitlichen Milchverdauer – besonders auf Blutverluste selektioniert? (4.000 v. Ztr.)
e) Die Kaste der Hindus
f) Die Tocharer (1.800 v. Ztr. nach Xinjang zugewandert) und verwandte Völker (Skythen-Vorfahren) bringen die Bronzezeit nach China (1200 v. Ztr.), Korea und Japan (300 v. Ztr.)

J) Menschsein in Europa, Afrika und Asien nach dem Seevölker-Sturm (1.200 v. Ztr. – 850 n. Ztr.)

a) Die Etrusker – Aussterben oder genetische Fortexistenz? (um 100 v. Ztr.)
b) Die Kalenjin - Langlauf-Begabung im Hochland von Kenia (um 100 n. Ztr. ?)
c) Einige zehntausend Angeln und Sachsen kommen nach Britannien (450 n. Ztr.)

K) Die Evolution geht weiter – auch heute (seit etwa 850 n. Ztr.)

a) Die Art des Menschseins des aschkenasischen Judentums – IQ-Evolution durch extreme Inzucht und extreme IQ-Auslese bei der Heiratswahl (siehe auch HIV-Schutz, Kinderreichtums-Gen) (seit 850 n. Ztr.)
b) Die Evolution des aschkenasischen IQ (Cochran/Harpending, 2005)
c) Brachte Vermischung männlicher Skandinavier mit den Inuit in Grönland den letzteren einen höheren IQ? (IQ: 91)
d) Die Nachkommen der als Sklaven Verschleppten
e) Die Genetik der Rassemischung
f) Ideen heute: Die Nobelpreisträger-Samenbank des Robert Graham und ihre 200 Kinder (1980 – 2000)

2. Teil: Neubewertungen: Der Mensch, das Gruppenwesen

a) Die Physische Anthropologie der Rasseunterschiede wird rehabilitiert
b) In der Populationsgenetik breitet sich ein neues Paradigma aus („Lewontin’s Fallacy“): Völker als Einheiten der Evolution
c) Armand Leroi und Richard Dawkins popularisieren das neue Paradigma
d) Neubewertungen im Rückblick auf Charles Murray und Jon Entine?
e) Nicholas Wade popularisiert das neue Paradigma
f) Gregory Cochran: Lewontin, Diamond, Gould, Boas und ihr „wissenschaftlicher Betrug“
g) Neue Diskussionen in der Psychologie über Populationsunterschiede im IQ flammen auf
h) Der Zusammenhang zwischen Gehirnstruktur, Gehirnentwicklung und Intelligenz wird erforscht

A) Die Evolutionäre Psychologie liefert umfassendere Theorie-Konzepte

a) Zu Konzepten von Gruppenselektion
b) „Ethnische genetische Interessen”? (Frank Salter, 2004)
c) Wahrnehmung und emotionale Reaktionen auf „Fremdes“ und „Verwandtes“ (Der Dawkins’sche Ansatz)
d) Sprache als sozialer Marker - Evolution von Gruppen- und Sprachvielfalt

B) Die Sprachpsychologie schaltet sich ein

a) Die tiefe Prägung der Wahrnehmung, des Denkens und Verhaltens durch die Muttersprache
b) Die Prägung des mathematischen Denkens durch die Muttersprache
c) Daraus folgende Probleme der Zweisprachigkeit
d) Lassen zusammen spielende Kinder verschiedener Muttersprache neue Muttersprachen und damit neue Völker entstehen?
e) Die Menschheitsgeschichte aus sprachvergleichender Sicht (Joseph H. Greenberg)

C) Kurzfristigere kulturelle Werte-Verschiebungen als Selektionsfaktoren

D) Philosophische Ansätze zur Einordnung

Humanismus heute. Ein neuer Konsens auf Grund zustimmunsgpflichtiger naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse. Aber: Wie umgehen mit genetischen Unterschieden? Moral des Ressentiments oder der freudigen geegnseitigen Anerkennung, des Respektes, des Wohlwollens und der Großzügigkeit zwischen den Völkern und Kulturen?

E) Ausgewählte Themen: Was werden die nächsten Jahre bringen?

a) Schlaglichter aus der Verhaltensgenetik und Genom-Sequenz-Forschung des letzten Jahrzehnts
b) Schlüsselgene im menschlichen Genom: Serotonin (1998 – 2005)
c) Schlüsselgene im menschlichen Genom: Oxytozin
d) Noch einmal: IQ-Evolution aschkenasische Juden im breiteren Kontext heutiger Diskussionen (K. MacDonald, Eric L. Goldstein, )
e) Aus der Domestikations-Forschung
f) Religiosität und (Gruppen-)Evolution (D. S. Wilson)
g) Religiosität und (Gruppen-)Evolution (Dean Hamer und andere)
h) Wahrheit und Lüge in der Intelligenz-Evolution von soziallebenden Tieren und des Menschen (Richard D. Alexander)

Erstveröffentlichung hier auf dem Blog: 22.09.07

Dienstag, 25. Mai 2010

Stimmt das etwa: "Ein Volk zu sein, ist die Religion unserer Zeit"?

Zur "Dialektik der Aufklärung" betreffs moderner Humangenetik

"Ein Volk zu sein, ist die Religion unserer Zeit," rief der deutsche "National-" und Freiheitsdichter Ernst Moritz Arndt zur Zeit der deutschen Freiheitskriege gegen Napoleon aus. In dem gleichen Jahrzehnt dichtete der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin: "Oh du der Geisterkräfte gewaltigste, du löwenstolze Liebe des Vaterlands!" Und Friedrich Schiller dichtete sein berühmtes: "Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not und trennen noch Gefahr ..." Und wiederum Friedrich Hölderlin dichtete: "Oh heilig Herz der Völker, oh Vaterland ...".

Johann Gottfried Herder prägte in ähnlichen Zeiten das Wort: "Völker sind Gedanken Gottes". Jacob Grimm begründete nicht nur viele moderne, geisteswissenschaftliche Disziplinen, in denen insbesondere die Eigenart der Völker über ihre jeweilig einzigartigen kulturellen Hervorbringungen erforscht wurde (Germanistik ..., Slawistik ...., Volkskunde ...), sondern gewann aus diesen Forschungen als politisch frei und niemals "korrekt" denkender Mensch auch den Impetus, um an der Entwicklung Deutschlands hin zu einem demokratischen und sozial gerechten Rechts- und Verfassungsstaat mitzuwirken (... "Göttinger Sieben", ... Abgeordneter der deutschen Nationalversammlung von 1848 ...).

Niedergang des Christentums - Aufgang einer neuen "Religion"?

Es waren die Jahre nach der Französischen Revolution und vor den europäischen Freiheits- und Nationalkriegen gegen Kaiser Napoleon. ("... Mit Mann und Roß und Wagen, so hat sie Gott geschlagen ...") Es waren die Jahre, als den europäischen Eliten ihr vormals unerschütterlicher Glaube an die unumschränkte Wahrheit der christlichen Religion in vielen wichtigen Teilen - und dann auch zumeist für immer - abhanden gekommen war, so wie als einem der ersten: Giordano Bruno. Es war jene Zeit, als einer der ersten und zugleich letzten großen, freigeistigen Theologen der abendländischen Geschichte, als Friedrich Schleiermacher in Berlin seine bedeutendste Schrift herausgab: "Über Religion - an die Gebildeten unter ihren Verächtern".

Und als Ersatz wählten diese "Verächter" (aber auch andere) sehr oft jene "Religion", die ein Ernst Moritz Arndt und so viele andere Dichter des 19. Jahrhunderts in Worte faßten, wobei sie fast immer auch zugleich auf die Zweischneidigkeit dieser "Religion" aufmerksam machten, dichtete doch ein solcher Dichter wie Ernst Moritz Arndt gerne auch blutrünstigste Kampfgedichte voller Franzosenhaß.

- Eine "kopernikanische Wende" durch die Humangenetik?

Aber was haben all diese Geschichten des 19. Jahrhunderts mit der Humangenetik des 21. Jahrhunderts zu tun? - - - Mit der vollständigen Sequenzierung des menschlichen Genoms, die im Jahr 2000 verkündet wurde, mit der Erforschung "gruppenevolutionärer Strategien" durch die Soziobiologie, die besonders seit den 1990er Jahren an Fahrt aufgenommen hat (auch zusammen mit der neuen Disziplin der Religionsdemographie und -biologie), mit der Erkenntnis von der hohen Erblichkeit der menschlichen Intelligenz und ihrer sehr deutlich unterschiedlichen Verteilung auf die Völker und Rassen weltweit und über die Epochen der Humanevolution hinweg hat sich ein - möglicherweise kopernikanischer - Umschwung in der Wissenschaft und damit früher oder später auch im Weltbild überhaupt angebahnt. (siehe auch Einleitung von: 2)

Möglicherweise hatte nämlich Ernst Moritz Arndt viel stärker recht, als wir ihm das bis heute gerne hätten zugestehen wollen, ja, als das vielleicht sogar die politisch extremsten Nachfolger auf dem Gebiet nationaler und nationalistischer Politikgestaltung gewagt hätten vorauszusagen als Ergebnis künftiger anthropologischer und evolutionärer Forschung.

"Ein Volk zu sein war und ist die Religion aller Zeiten!"

Vielleicht ist die Lehre aus dieser kopernikanischen Wende in der derzeitigen Anthropologie nämlich tatsächlich vor allem die Erkenntnis: "Ein Volk zu sein war und ist die Religion aller Zeiten!" Denn wenn das aschkenasische Judentum tatsächlich die "Speerspitze der Evolution" bilden sollte, da es den höchsten, durchschnittlichen, angeborenen Intelligenzquotienten weltweit aufweist - und das, obwohl es erst etwa 1.000 bis 1.500 Jahre alt ist -, wenn dies tatsächlich der Fall sein sollte, dann wäre zu fragen, ob der Fall der "Evolution der aschkansischen Intelligenz" (1) verallgemeinert werden kann, ja, muß auf die Humanevolution, auf die Evolution von Völkern überhaupt.

Vom Volk der Bibel jedenfalls kann sicherlich schon seit mindestens zweitausend Jahren gesagt werden, daß "ein Volk zu sein" für dieses "Religion" immer schon gewesen ist. Und darin wird möglicherweise auch die Ursache für den evolutionären Erfolg dieser letzten "Speerspitze der Evolution" zu suchen sein, was Intelligenz-Evolution betrifft. Und war nicht diese "Religion" letztlich die Religion aller Völker, bevor sie zu globalistischen sogenannten "Weltreligionen" bekehrt wurden - nämlich: "ein Volk zu sein"?

Hat nicht auch der Freiheitskämpfer Arminius (der Recke vom Teutoburger Wald, heute genannt Wiehengebirge, bekannt aus dem Jahre 9 n. Ztr.) seinem auf Römerseite stehenden Bruder gegenüber die eigenen Götter beschworen und die eigenen kulturellen Überlieferungen, als er ihn auf seine Seite herüberziehen wollte - nach dem Bericht der römischen Historiker? Waren nicht früher alle Völker und Stämme stolz auf sich selbst? Und ist dieser Stolz auf die individuelle, kulturelle und gerne auch biologische Eigenart der eigenen Gruppe, der eigenen Kultur nicht immer schon - ausgesprochen oder unausgesprochen - "Religion" des Menschen in der gesamten Zeit der Weltgeschichte und der Humanevolution gewesen?

Wäre dies etwa jemals bei den Jäger- und Sammler-Völkern anders gewesen? Bei den zahllosen, aufeinander folgenden schriftlosen oder Schrift besitzenden Völkern und Kulturen des Neolithikums, der Bronzezeit und der Eisenzeit? Sind nicht sogar viele Völker und Stämme auf sich selbst so selbstverständlich stolz, daß sie nur sich selbst "Mensch" nennen, die Menschen aller anderen Völker aber mit herabwertenden Bezeichnungen, die eher an Tiere denn an Menschen erinnern? (Die Piraha, die keine Zahlworte haben, sind so stolz, daß sie sich selbst "gerader Kopf" = Piraha und alle anderen "krummer Kopf" nennen! Und wie vielleicht weise ist dieses Vorgehen! - ?)

Alle Völker finden sich selbst besser als andere

Und wäre gerade der geistesgeschichtlich sicherlich weitgehend "notwendige" Untergang der supernaturalistischen "Weltreligionen" Christentum und Islam eine Entwicklung, die auf mehr oder weniger "natürlichem" Wege Platz schaffen würde für eine Rückkehr zu den ursprünglichen Gesetzmäßigkeiten von Humanevolution überhaupt, die jetzt durch die Humangenetik und Soziobiologie allmählich - wieder - aufgedeckt werden?

Aber nach solch grundsätzlichen Bemerkungen, die man doch einmal hatte loswerden müssen, da so viel über diese Thematik geschwiegen anstatt geredet wird seit mehreren Jahren, soll noch mit einigen Anmerkungen auf eine neue historische Studie (3) aufmerksam gemacht werden, die letztlich darauf zielt, die Forschung des letzten Jahrhunderts zur Geschichte des Judentums mit den humangenetischen und soziobiologischen Forschungen zur Evolution der aschkenasischen Intelligenz der beiden letzten Jahrzehnte (2) in Einklang zu bringen.

Auf dieser Linie wird wohl in nächster Zeit noch so manche weitere Studie erscheinen. Natürlich auch zu anderen Völkern.

Gen-Kultur-Koevolution schafft Völkervielfalt

Auf dem Blog von Lars Fischer hat es ja kürzlich schon eine schöne Diskussion über das Thema "Gen-Kultur-Koevolution" gegeben, in der unter anderem Edgar Dahl und Michael Blume manches Wichtige zur Thematik festgestellt haben (Fischblog, 12.4.10), in der allerdings noch kaum thematisiert wurde, daß eben die Vielfalt der menschlichen Kulturen und Lebensweisen weltweit schon seit tausenden und zehntausenden von Jahren unterschiedliche Selektionsbedigungen für die Völker weltweit geschaffen haben, an die sich die Genome der Völker dann auch angepaßt haben, wie wir heute in diesen Genomen immer besser erkennen können (s.a. 4) - und zwar sowohl was die Genetik physiologischer Körpermerkmale betrifft, als auch was die Genetik von psychischen Merkmalen betrifft.

Dabei wies Leser "itz" freundlicherweise auf einen neuen Artikel des NYT-Wissenschaftsjournalisten Nicholas Wade hin (NYT, 1.3.10), der die eingangs genannte kopernikanische Wende schon in seinem Buch "Before the Dawn" im Jahr 2006 umrissen hatte, und der sie jüngst wieder einmal neu erläuterte in seinem Aufsatz: "Human Culture, an Evolutionary Force". Und hier machte Wade unter anderem auch auf folgenden Meinungsumschwung innerhalb der Wissenschaft aufmerksam:
The idea that genes and culture co-evolve has been around for several decades but has started to win converts only recently. Two leading proponents, Robert Boyd of the University of California, Los Angeles, and Peter J. Richerson of the University of California, Davis, have argued for years that genes and culture were intertwined in shaping human evolution. “It wasn’t like we were despised, just kind of ignored,” Dr. Boyd said. But in the last few years, references by other scientists to their writings have “gone up hugely,” he said.
Und unter diesen Umständen macht es sicher Sinn, wenn man sich eine der jüngsten Arbeiten von Boyd und Richerson einmal wieder genauer anschaut, z.B. jene, die im Rahmen eines auch sonst hochkarätig besetzten Kolloquiums im letzten Dezember veröffentlicht worden ist (2). Denn durch diese Arbeit wird man eben - unter anderem - auch auf die im folgenden kurz zu behandelnde neue Studie (3) aufmerksam gemacht.

Die historischen Umstände zur Zeit der Ethnogenese des aschkenasischen Judentums

Diese letztere Studie erläutert und präzisiert noch einmal unser historisches Wissen um die Umstände der Entstehung des aschkenasischen Judentums - zunächst als früh-, bzw. hochmittelalterliche Rand- und Splittergruppe des bis dahin demographisch und auch sonstig dominierenden sephardischen Judentums. Und was diese Arbeit besonders deutlich hervorhebt, das ist der Umstand, daß zur Zeit der Entstehung des aschkenasischen Judentums das politische, wirtschaftliche und religiöse Zentrum des damals "weltweiten" Judentums sehr selbstverständlich im islamischen Machtbereich lag (3, S. 915):
During the eighth-ninth centuries the demographic, economic, and religious center of Jewish communities was the Abbasid Empire in the Near East.
Und man bekommt von diesem Blickwinkel her noch ein besseres Verständnis für die historische Situation, innerhalb derer die Gründerpopulation des aschkenasischen Judentums sich etabliert haben muß. Die aschkenasischen Juden waren am Anfang - nach allen präsentierten demographischen und sonstigen historischen Daten - sicherlich bloß eine marginale untergeordnete Randgruppe des Judentums der damals bekannten Welt, eine Randgruppe, die sich eben in die Dienste der "barbarischen", germanischen, bzw. nordeuropäischen Fürsten stellte (3, S. 916). Sicherlich blickte man um 800 von Bagdad aus auf die an der Seine, an der Themse und am Rhein operierenden Juden, mit denen man in Briefkontakt stand, mit mancherlei Mitleid oder gar Herablassung. Denn damals erachtete man sich selbst in Bagdad sicherlich als kulturell höherwertig, bzw. seine ganze dortige kulturelle und ökonomische Umgebung.

Aschkenasische Juden um 800: Zunächst eine kleine, abseitige "Splittergruppe" im andersartigen Norden

Aber wenn man die möglicherweise mental als besonders "harsch" und "barbarisch" empfundenen Lebensbedingungen, unter denen die ursprünglich aus einem Mittelmeervolk stammenden deutschsprachigen (jiddisch-sprachigen = aschkenasischen) Juden leben mußten, wenn man diese Bedingungen mit jenen von Bagdad oder Cordoba in Spanien verglich, dann konnte sich bei der damaligen Splittergruppe der deutschsprachigen Juden durchaus auch eine Art Sonderbewußtsein herausbilden. Man konnte einen gewissen Stolz der Tatsache gegenüber entwickeln, daß man es auch unter so andersartigen Bedingungen "aushielt". Und diese Bedingungen könnten diese ethnische Splittergruppe auch unter besondere genetische Selektionsbedingungen gestellt haben, die dann eben zu den besonderen genetischen und kulturellen Eigenarten der aschkenasischen Juden führten, die sie von ihren sephardischen (also traditionell romanisch- oder arabischsprachigen) Brüdern und Schwestern bis heute so deutlich absetzen.

- Auf weitere Einzelheiten soll an dieser Stelle nicht eingangen werden, zumal das Thema schon oft hier auf dem Blog in der einen oder anderen Weise behandelt worden ist und zumal mindestens zwei der zitierten Artikel (1, 3) auch frei im Netz zugänglich sind. Aber da sich das Thema auf der Schnittstelle von Genetik und klassischer Geschichtswissenschaft bewegt, sind eben auch ganz traditionell arbeitende Historiker aufgerufen, sich mit der Thematik überhaupt zu beschäftigen. -

Straßburger Eide von 842 ein wichtiges Datum

Jedenfalls ein klassischer Fall von Ethnogenese ("Volkwerdung") etwa zu gleicher Zeit und parallel zu den Ethnogenesen (= "Volkwerdungen") der heute noch bestehenden anderen europäischen Völker, wie sie sich nach dem Abschwellen der Unruhezeit der Völkerwanderung vollzogen - aufgrund sprachlicher, politischer und sonstiger kultureller Entwicklungen. Als ein wichtiges Datum bei der kulturellen - und damit zugleich auch biologischen - Herausbildung des aschkenasischen Judentums werden auch die Straßburger Eide 842 zu nennen sein, durch die die sprachliche Trennung des französischen vom deutschen Volk erstmals in Schriftdokumenten manifest wurde.

Ob übrigens die Hauptthese der hier angesprochenen Arbeit (3) durch diese Arbeit selbst als erhärtet angesehen werden kann, nämlich daß die religiöse Forderung nach Schulbildung die Juden schon früher als andere Völker auf IQ-Selektion hin ausrichtete, muß schon deshalb infrage gestellt werden, weil in dieser Arbeit größtenteils von den sephardischen Juden die Rede ist, deren durchschnittlicher angeborener Intelligenzquotient heute gerade nicht über dem der übrigen europäischen Völker liegt, wie das eben so auffälligerweise allein für das aschkenasische Judentum gilt. So viel wie hinsichtlich des aschkenasischen Judentums gibt es hinsichtlich des sephardischen Judentums gar nicht zu erklären, was IQ-Evolution betrifft.

Aber das entwertet bestimmt nicht die vielen und oft detailreichen historischen Angaben, die auch sonst der Studie entnommen werden können. - "Ein Volk zu sein", ist die Religion des Judentums, auch oftmals des heute nicht mehr bibelgläubigen (5). Und dieser Umstand könnte in vielerlei Hinsicht ein exemplarischer Fall für die Evolutionsforschung überhaupt darstellen.


ResearchBlogging.org1. COCHRAN, G., HARDY, J., & HARPENDING, H. (2005). NATURAL HISTORY OF ASHKENAZI INTELLIGENCE Journal of Biosocial Science, 38 (05) DOI: 10.1017/S0021932005027069
2.
Richerson, P., Boyd, R., & Henrich, J. (2010). Colloquium Paper: Gene-culture coevolution in the age of genomics Proceedings of the National Academy of Sciences, 107 (Supplement_2), 8985-8992 DOI: 10.1073/pnas.0914631107
3.
Botticini, M., & Eckstein, Z. (2007). From Farmers to Merchants, Conversions and Diaspora: Human Capital and Jewish History Journal of the European Economic Association, 5 (5), 885-926 DOI: 10.1162/JEEA.2007.5.5.885
4. Hancock, A., Witonsky, D., Ehler, E., Alkorta-Aranburu, G., Beall, C., Gebremedhin, A., Sukernik, R., Utermann, G., Pritchard, J., Coop, G., & Di Rienzo, A. (2010). Colloquium Paper: Human adaptations to diet, subsistence, and ecoregion are due to subtle shifts in allele frequency Proceedings of the National Academy of Sciences, 107 (Supplement_2), 8924-8930 DOI: 10.1073/pnas.0914625107
5. MacDonald, Kevin: A Culture of Critique. An Evolutionary Analysis of Jewish Involvement in Twentieth-Century Intellectual and Political Movements, 1998.
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