Dienstag, 17. Februar 2009

Der Buntbarsch, der Gentleman

ResearchBlogging.org
In dem Buch "Life's Solution - Inevitable Humans in a Lonely Universe" (2004) (inzwischen auch auf Deutsch erschienen) nennt Simon Conway Morris als eines unter unzähligen anderen Beispielen für "konvergente Evolution" die Evolution arbeitsteiliger Gesellschaften, und zwar nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Insekten oder den Nacktmullen. Seine Aufzählung war aber noch nicht vollständig. In den letzten Jahren wurden auch arbeitsteilige Gruppen bei den ostafrikanischen Buntbarschen festgestellt. Hier gibt es Gruppen von bis zu 30 oder mehr Einzeltieren, die sich arbeitsteilig gliedern und ein gemeinsames Territorium verteidigen. Zum Beispiel bei der Art Neolamprologus tetracanthus (siehe Bild).

Die ostafrikanischen Buntbarsche allgemein sind ja auch deshalb von so großem Interesse, weil sie ein Beispiel für "jüngste Evolution", also innerhalb der letzten Jahrzehntausende sind. (Siehe frühere Beiträge auf Stud. gen..) Denn viele ostafrikanische Seen mit ihrer einzigartigen Buntbarsch-Artenfülle waren vor wenigen tausend, bis zehntausenden Jahren ausgetrocknet.

Eine spannede Studie in der Zeitschrift "Journal of Ethology" (1) berichtet: Bei Neolamprologus tetracanthus verteidigt ein Buntbarsch-Männchen ein Revier, das aus den Territorien mehrerer seiner Buntbarsch-Weibchen besteht. Aber das Männchen selbst meidet die Jagd-Territorien der eigenen Weibchen (die es jedoch gegen Fremde verteidigt), wenn es selbst auf Jagd geht. Also offenbar ein Verhalten, "gentleman-like" wie es gar nicht besser sein kann.

Im folgenden die Skizze der Territorien-Aufteilung nach der genannten Studie. Die dicken durchgezogenen Linien sind die Territorien der Männchen mit Harem, die dicken gestrichelten Linien die der Männchen ohne Weibchen. Die dünnen Linien sind die Territorien der Weibchen:

In der Zusammenfassung des Artikels heißt es:

We studied foraging site partitioning between the sexes in Neolamprologus tetracanthus, a shrimp-eating Tanganyikan cichlid with harem-polygyny. Females maintained small territories against heterospecific food competitors within large territories of males, foraging exclusively at the inner side of their own territories (foraging areas). Males fed as frequently as females in their own territories, but mostly outside female foraging areas, although they frequently entered female territories and repelled food competitors from the territories. Soon after removal of the resident females, however, harem males, as well as many food competitors, invaded the vacant territories and intensively devoured prey of female foraging areas. This indicates that although female foraging areas appear to contain more food than outside the areas, harem males refrained from foraging there when the resident females were present. We suggest that harem males will attempt to keep female foraging areas in good condition, whereby they may get females to reside in male territories and/or promote female gonadal maturation.
Und im Diskussionsteil heißt es:
Although harem males entered female territories without receiving any agonistic behavior from the territory owners, they did not forage actively in female foraging areas when females were present. However, after female removal, the males intensively foraged in female foraging areas of the vacant territories, indicating that the presence of females discouraged males from feeding in the foraging areas.
Sicherlich werfen diese arbeitsteiligen Buntbarsch-Gesellschaften noch viele weitere Forschungsfragen auf. Auch wird erkennbar, daß "Single-Mütter" bei Buntbarschen (siehe Stud. gen.) möglicherweise in einem Kontinuum von verschiedenen Formen der Kooperation zwischen Männchen und Weibchen bei Buntbarschen angesiedelt sein können - und vielleicht gar nicht einmal im strengen Sinne "Single-Mütter" sein müssen.

(Leicht überarbeiteter Beitrag aus dem alten Blog "Studium generale".)

1. Kazunori Matsumoto, Masanori Kohda (2006). Male foraging avoidance in female feeding territories in a harem polygynous cichlid in Lake Tanganyika Journal of Ethology, 25 (1), 21-27 DOI: 10.1007/s10164-006-0200-z

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