Donnerstag, 22. Januar 2009

Die weltgeschichtliche Bedeutung der bandkeramischen Kultur

Wissenschaftsblogger Lars Fischer fragte nach Literatur-Angaben zu der Fußnote im vorigen Beitrag (Stud. gen.) über die Siedlungsdichte der Bandkeramiker, der ersten Bauernkultur Mitteleuropas:
"Den Hinweis auf die Bandkeramiker find ich besonders spannend. Kannst du da Quellen nennen?"
Die Antwort soll hier auch noch einmal als ein eigener Beitrag veröffentlicht werden. (Für frühere Beiträge zu den Bandkeramikern siehe ---> hier, hier, hier und hier, jetzt zusammengefaßt unter der neuen Rubrik "Bandkeramik".)

Bandkeramisches Langhaus

Die Verteilung von frühgeschichtlichen Siedlungen in der Landschaft (1 - 3) kann anhand von Scherben kartographiert werden, die über die Jahrzehnte hinweg von Archäologen und Hobbyarchäologen als Oberflächenfunde zusammen getragen worden sind.

In der Gegend des Zusammenflusses von Schwalm und Eder in Nordhessen (der engeren Heimat des Verfassers dieser Zeilen) hat man über einen Streifen guter Böden von etwa 16 Kilometer Länge und 8 Kilometer Breite 28 bandkeramische Siedlungsstellen gefunden (1). Das entspricht etwa der Zahl der Dörfer, die es in diesem Gebiet heute gibt. Und das ist eine typische Erscheinung für alle agrarischen Regionen zwischen dem Schwarzem Meer und der Kanalküste, in denen die Kulturstufe der Bandkeramik bislang gut hatte erforscht werden können. Es gibt viel und detaillierte Literatur zu vielen Regionen, etwa zu Südpolen - auch zu Schlesien, Böhmen, der Slowakei oder Niederösterreich. Auch zum Rheinland, wo Jens Lüning innovativ die Erforschung der europäischen Bandkeramik vorangetrieben hat (durch flächenmäßig weit gefaßte Archäologie des dortigen Braunkohletagebaus). Ebenso in Belgien. Und neuerdings vermehrt auch in Sachsen aufgrund des dortigen Neubaus von Autobahn-Trassen.

Auf 16 Kilometer Länge 28 Siedlungsstellen

Die frühen Ackerbau-Kulturen haben sich die waldreichen Höhenlagen in der Regel nicht erschlossen. Sie besiedelten vornehmlich die Niederungen mit den guten Böden. Diese bestanden damals aus Schwarzerde wie es sie heute noch in der außerordentlich fruchtbaren Ukraine gibt. Der gleiche Boden - frühere Schwarzerde - ist aufgrund der Jahrtausende langen Nutzung durch Ackerbau in Mitteleuropa inzwischen zu Braunerde "degeneriert".

Die heute in Mitteleuropa besiedelten Höhenlagen wurden zumeist erst im Hochmittelalter erstmals gerodet und besiedelt (siehe hier als Beispiel zwei Luftbilder aus der Oberpfalz). An ihnen ist heute noch oft die sprichwörtliche Lage als "Waldinsel", als Rodungsinsel sichtbar. (Aus der mittelalterlichen Rodungssiedlung stammen dementsprechend häufig Dorfnamen mit der Endung "-rode". )

Diese Insellage inmitten von Wald war auch typisch für die ersten Langhaus-Siedlungen der Bandkeramiker, wie Jens Lüning als einer der ersten nachgewiesen hat. Damals allerdings - wie gesagt - in den tieferen Lagen. Außerdem verbanden sich viele solcher "ältest-bandkeramischen" Rodungsinseln innerhalb weniger Jahrzehnte - oder Jahrhunderte - zu den typischen, dichtbesiedelten bandkeramischen "Siedlungskammern" oder "Siedlungsbändern" entlang der Flußläufe. Diese sind typisch für die Hochzeit der Bandkeramik, ihre mittlere Phase. In ihr reihte sich Weiler an Weiler, ungefähr in der gleichen Verteilung, wie sich heute Dorf an Dorf reiht in diesen Gebieten.

Von einzelnen Rodungsinseln zu Siedlungsbändern verdichtet

Aber zwischen diesen bandkeramischen "Siedlungskammern" oder "-bändern" (oder denen späterer Kulturen) lagen immer auch vergleichsweise breite Streifen weitgehend unbesiedelten Waldes. Gegenden, die immer auch "Grenzregionen" zwischen benachbarten Stämmen darstellten. Dieser Umstand gilt noch für die germanische Zeit.

Daß man sich grob für jedes heutige mitteleuropäische Dorf in guter Bodenlage (siehe als Beispiel Foto rechts: Sievershausen in Nordhessen) ein bandkeramisches Gehöft (ein bis zu 30 Meter langes Langhaus) denken kann (von mehreren kinderreichen Familien samt Vieh bewohnt), diese Faustregel läßt sich aus vielen Bandkeramik-Studien ableiten.

Anschauliche Beispiele für ein solches Siedlungsbild wie es die Hochzeit der Bandkeramik aufwies, wird man heute schwer in der Landschaft noch finden können, da im Mittelalter die mitteleuropäischen Dörfer, zumal in guter Bodenlage, alle weit über die Größe von "Weilern" hinausgewachsen sind.

7.500 Jahre Bauern in Mitteleuropa

In einer Studie über die nördliche Wetterau (nördlich von Frankfurt) - die noch heute besten, fruchtbarsten Boden aufzuweisen hat - ist die bandkeramische Siedlungsstruktur mit der Siedlungsstruktur der Abfolge der hier siedelnden späteren Kulturen verglichen worden (2). Nach dieser Studie finden sich in der nördlichen Wetterau:
1. für die älteste Bandkeramik 20 Siedlungsstellen
2. für die spätere Bandkeramik 122 Siedlungsstellen (!)
3. für die hier darauf folgende Großgartacher Kultur 28 Siedlungsstellen,
4. für die darauf folgende Rössener Kultur 43,
5. für die darauf folgende Michelsberger Kultur (Erfindung des Rades!) 36,
6. für die Hügelgräberbronzezeit 20,
7. für die Urnenfelderkultur 84 (!),
8. für die Hallstattzeit 45,
9. für die Latenezeit 50,
10. für die Römische Kaiserzeit 94 (!),
11. für die Völkerwanderungszeit 11,
12. für das Frühmittelalter 50 Siedlungsstellen. (2, S. 226)
Es wird der klare Siedlungsverdichtungs-Sprung von der ältesten (also frühesten) Bandkeramik zur späteren Bandkeramik deutlich, auf den schon oben hingewiesen worden ist. Und es wird deutlich, wie spätere Kulturen oftmals wieder auf die Siedlungsdichte der Gründungsphase der Bandkeramik zurückfielen oder wie sie nicht besonders ausgeprägt über eine solche hinaus kamen. Das gilt insbesondere auch für die Kultur, die auf den Untergang der Bandkeramik-Kultur folgte, sowie sowohl für die Hochkultur der Bronzezeit, als auch für die Völkerwanderungszeit.

Die höchste Siedlungsdichte von allen vormittelalterlichen Kulturen

Heute gibt es in dieser Region 120 Dörfer und Siedlungen. - Es sei darauf hingewiesen, daß in der hier benutzten Studie die Zahlen nur "Nebenprodukt" der dort verfolgten Argumenation sind. Aber diese Zahlen sind vielleicht noch viel aussagekräftiger, als alles übrige, was in dieser Studie mitgeteilt und geschlußfolgert wird.

Wenn nun auch die Lebenszeit der angeführten Kulturen unterschiedlich ist, wenn deshalb auch kein exakter Vergleich zwischen den angegebenen Kulturen beim Stand der Forschungen dieser Studie möglich ist, so geben diese Zahlen doch einen groben Anhalt dafür, daß zwischen 5.500 v. Ztr. und dem Frühmittelalter tatsächlich die Bandkeramik die höchste Siedlungsdichte von allen Kulturen aufwies. Zumindest einige der nachbandkerramischen Epochen/Kulturen dauerten mindestens ebenso lange wie die Spätere Bandkeramik.

Große Einheitlichkeit aller Kulturmerkmale

Es wäre schön zu erfahren, ob Bandkeramik-Spezialisten die hier vorgetragenen Vermutungen im Wesentlichen bestätigen. Ob sie dieselben noch mit detaillierterem (aktuellerem) Zahlenmaterial untermauern könnten. Erstaunlicherweise ist dem Autor dieser Zeilen auch nach intensivem Studium der Forschungsliteratur keine andere Studie bekannt geworden, anhand der ein solcher Vergleich vorgenommen werden könnte wie er oben (anhand von 2) hat vorgenommen werden können (siehe auch: 3). Die Bandkeramik-Forscher scheinen das Licht der von ihnen erforschten Kultur immer noch "unter den Scheffel" stellen zu wollen!

Bandkeramikforscher staunen aber nichtsdestotrotz schon seit Jahrzehnten über die hohe Verbreitungsgeschwindigkeit, mit der sich die Bandkeramik aus dem Ursprungsgebiet, nämlich aus der Gegend rund um den Neusiedler See aus über ganz Mitteleuropa bis zur Kanalküste hin ausgebreitet hat (über das "Lößerde-Gebiet" hinweg). Sie sind auch erstaunt über die große Einheitlichkeit fast aller kulturellen Parameter über so weite Entfernungen hinweg und auch über die große kulturelle Stabilität, in der sich diese Einheitlichkeit über so viele Jahrhunderte hinweg erhalten hat.

Eine gut erforschte bandkeramische Siedlung im heutigen Ungarn gleicht überraschend stark einer solchen in den heutigen Niederlanden (etwa im Inventar der Gebrauchsgegenstände, in der Architektur, in der räumlichen Einordnung in der Landschaft, in dem Artenspektrum der verwerteten Pflanzen und Tiere und in vielem anderen mehr). Zugleich weist aber die physische Anthropologie der Bandkeramiker (Ilse Schwidetzky und andere) darauf hin, daß wir uns die Menschen dieser Kultur selbst gar nicht einmal als körperlich so besonders ausgeprägt "einheitlich" vorstellen dürfen.

Antagonismus zwischen Verhaltensgenetik und Kultur?

Man könnte sich also vorstellen, daß die Bandkeramik ihre große kulturelle Energie gewonnen hat aus dem Wechselspiel oder gar aus dem Antagonismus einer gar nicht einmal so besonders ausgeprägten Einheitlichkeit ihrer verhaltensgenetischen Grundlage, die sich - zum Zwecke des genetischen Überlebens - eine Kultur geschaffen hat, die durch ihre Einheitlichkeit ein Gegengewicht darstellte gegen die "auseinanderstrebenden" Tendenzen der möglicherweise "uneinheitlicheren" Verhaltensgenetik der Bandkeramiker.

Diese letzteren Gedanken gehen deutlich in den Bereich der Spekulation über. In jedem Fall müssen die Bandkeramiker außerordentlich erfolgreiche soziale, kulturelle und zivilisatorische Techniken entwickelt haben. Und diese stehen - wie in diesem Beitrag aufgezeigt werden konnte - einzigartig in der europäischen Geschichte da. Genau in diesem Umstand wird man die geschichtliche, nein, die weltgeschichtliche Bedeutung der Bandkeramiker zu suchen haben.

Die Evolution zertrümmert ihre besten Produkte

Um so verwunderlicher ist es dann, daß es sich die Evolution, die Humanevolution, bzw. die Weltgeschichte - wer von diesen dreien es war, gilt im einzelnen noch aufzuzeigen - "erlaubten", "erlauben konnten", ein so erfolgreiches evolutionäres Konzept wie das Konzept "Bandkeramik" nicht nur kulturell, sondern - zumindest über die vielen Jahrtausende bis heute hin - auch genetisch weitgehend aussterben zu lassen. (Die nächsten genetischen Verwandten der Bandkeramiker haben sich bis heute in einem solchen abseitigen Gebiet wie Sardinien erhalten.) Dies ist jedenfalls die Erkenntnis der jüngsten humangenetischen Erforschung der Genreste dieser Bevölkerung, die an der Universität Mainz vorgenommen worden ist: Wir heutigen Europäer stammen nicht von ihnen ab, sondern vor allem von Menschen mitsamt ihrer Genetik, die sich mit nachfolgenden Kulturen ausgebreitet haben.

Zu diesen Kulturen gehört - nach derzeitigem Stand der Erforschung von Genresten archäologisch bekannter Bevölkerungen (siehe spätere Beiträge hier auf dem Blog): die nordeuropäische Trichterbecher-Kultur ("Megalithkeramiker") und die ostmitteleuropäische Schnurkeramik-Kultur. Die letztere ist - wahrscheinlich - in den heute polnischen und ukrainischen Karpaten in Auseinandersetzung mit der nördlichen Trichterbecher-Kultur und mit der südlichen Tripolje-Kultur entstanden.

Welchen Anteil diese und anderen Kulturen an der Genetik der heutigen Europäer haben, wird sicherlich durch die Forschung in den nächsten Jahren noch deutlicher herausgearbeitet werden.

Vielleicht gilt es in der Zukunft für die Europäer, wieder eine ähnlich "vereinheitlichende" Kultur zu finden, bzw. zu entwickeln, die sozial, kulturell, zivilisatorisch und bevölkerungspolitisch auch wieder eine ähnliche Erfolgsgeschichte aufzuweisen hat, wie es für die Ausbreitungszeit und die Hochzeit der Bandkeramik gilt. Wie es aber sonst für kaum ein Volk Europas gilt, es sei denn jene Völker, die sich im europäischen Frühmittelalter gebildet haben und deren seit 1400 Jahren so außerordentlich lebendiger Lebensimpuls derzeit seinem Ende entgegenzugehen scheint.

Ergänzung (3.10.2016)


Dieser Artikel wird seit vielen Monaten auf dem Wikikpedia-Artikel "Linearbandkeramische Kultur" zitiert (derzeit Literaturangabe Nr. 128). Die neueren Forschungen von Stephen Shennan, veröffentlicht in "Nature Communications", stimmen gut mit seinen Aussagen überein (4).

(letzte Überarbeitung: 19.12.2009, Korrektur: 1.10.14)
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ResearchBlogging.org
  1. Irene Kappel: Die Jungsteinzeit in Nordhessen. In: Kassel - Hofgeismar - Fritzlar - Ziegenhain. Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern, Bd. 50, 1982, S. 42 - 78 
  2. Thomas Saile (1997). Landschaftsarchäologie in der nördlichen Wetterau (Hessen): Umfeldanalysen mit einem geographischen Informationssystem (GIS) Archäologisches Korrespondenzblatt, 27, 221-232
  3. Jens Lüning: Steinzeitliche Bauern in Deutschland. Die Landwirtschaft im Neolithikum. 2000. (St.gen. Bücher)
    Kadrow, Slawomir: Settlements and Subsistence Strategies of the Corded Ware Culture at the Beginning of the 3rd millenium BC in Southeastern Poland and in Western Ukraine. In: Dörfer, W. u.a. (Hg.): Umwelt, Wirtschaft, Siedlungen im 3. vorchristl. Jahrtausend Mitteleuropas und Skandinaviens. Internationale Tagung Kiel 4.-6. November 2005, Wachholtz Verlag, 2008, S. 243 - 252
  4. Shennan, Stephen et. al.: Regional population collapse followed initial agriculture booms in mid-Holocene Europe. In: Nature Communications, 1. Oktober 2013, http://www.nature.com/articles/ncomms3486

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das die Bewohner der Häuser mit ihrem Vieh zusammen unter einem Dach lebten, ist bisher nicht belegt. Im Gegenteil: Phosphatanalysen bandkeramischer Hausgrundrisse widerlegen regelmäßig die Existenz von Vieh in den Häusern.

Ingo Bading hat gesagt…

Vielen Dank, das ist ein sehr spannender Hinweis. Wäre dies doch womöglich ein weiteres Zeichen für die große "Fortschrittlichkeit" dieser Kultur. Auch ein weiterer Hinweis auf den sicherlich großen Kinderreichtum, der ja bei der schnellen Ausbreitung vorauszusetzen ist.

Andererseits hieße das ja, dass das Vieh auch im Winter draußen gehalten worden ist, was womöglich infolge des gegenüber heute wärmeren Klimas damals auch leichter möglich gewesen sein mag.

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