Mittwoch, 24. September 2008

Der "Tanz" der sozialen Beziehungen, der Monogamie, des Altruismus

ResearchBlogging.orgIst Evolution vor allem ein Weg zur Überwindung des Autismus gewesen? Und warum gibt es ihn dennoch in verschiedenen Abstufungen?

1. Ein Gehirnboten-Gen mit vielfältigen Aspekten: AVPR1a

Sind die sozialen Beziehungen im Tierreich und beim Menschen in erster Linie ein "Tanz"? Ein wichtiges Hormon, das im Gehirn von Tier und Mensch emotionale und soziale Reaktionen und Verhaltensweisen beeinflußt, ist das Vasopressin. In bestimmten Gehirnbereichen (Amygdala, Mandelkern, Hippocampus und anderen) wird von den Zellen ein Vasopressin-Rezeptor-Gen (genannt "AVPR1a") abgelesen. (Wiki) Verschiedene Ablesemutationen dieses Gens steuern, wie es scheint, die Häufigkeit der Produktion von Vasopressin-Rezeptoren in diesen Zellen und damit die Stärke der Wirkung von Vasopressin auf bestimmte Gehirnbereiche mit entsprechenden Wirkungen bezüglich von Verhalten und emotionalen Reaktionen.

Diese Ablesemutationen, Steuerungs-Mutationen liegen in den Genbereichen vor oder hinter dem eigentlichen Vasopressin-Rezeptor-Gen. Entsprechend können diese vor- und hintergeschalteten Genbereiche auch je nach genetischer Variante einmal länger und einmal kürzer sein (müssen sie aber nicht). Und unterschiedliche Mutationen und Abschnitte dieser vor- oder hintergeschalteten Ablesemutationen - oft die längeren Varianten - korrelieren in auffälliger Weise mit so auf den ersten Blick ganz unterschiedlichen Erscheinungen des sozialen Lebens wie: Altruismus, tänzerische Begabung, spirituelle Begabung, Monogamie, Gefühle romantischer Liebe und mütterlicher Liebe, sowie frühe(re) erste geschlechtliche Erfahrungen. (Pritchard 2007, frei zugänglich)

Während andere Varianten - oft die kürzeren - mit etwas weniger Altruismus, weniger tänzerischer und spiritueller Begabung, mit Polygamie, späteren ersten geschlechtlichen Erfahrungen, sowie auch mit Autismus und aggressivem Verhalten korrelieren. (Auch mit Alkohol-Abhängigkeit - zumindest bei Mäusen.)

Untersucht sind diese Zusammenhänge bisher an verschiedenen amerikanischen Wühlmaus-Arten, an Zebrafinken, Feldsperlingen, an israelischen Tänzern, an israelischen Studenten, sowie an schwedischen gleichgeschlechtlichen Zwillingspaaren und ihren Ehepartnern.

2. Amerikanische Wühlmaus-Arten, Partnerbindung und - AVPR1a

Eine lange Version dieses Gens macht männliche amerikanische Prärie-Wühlmäuse (Microtus ochrogaster, aus der Gattung der Feldmäuse, bzw. der Untergattung der Wühlmäuse) monogam, eifrig im Sorgen um den eigenen, genetischen Nachwuchs und "vertrauensvoll" auch in sozialen Begegnungen mit unbekannten Individuen. Eine kurze Version dieses Gens, die die nah verwandten amerikanischen Berg-Wühlmäuse besitzen, macht deren Männchen polygam. Bei den Weibchen hat man offenbar noch keine Auswirkungen der unterschiedlichen Versionen dieses Gens festgestellt. Die meisten Wühlmaus-Arten leben aber polygam und haben dennoch lange Versionen dieses Gens. Also hier weiß man noch nicht alles, was man zu diesem Thema wissen müßte, um die Zusammenhänge vollständig verstehen zu können. Wüsten- und Feldmäuse weisen eine große Arten-Vielfalt auf, zugleich auch eine große genetische Vielfalt, in der die Evolution offenbar weltweit viele "Experimente" durchgeführt hat, auch was soziales Verhalten betrifft. (s.a. wissenschaft.de)

3. Der Tanz der Geschlechter in der Evolution und - AVPR1a

In einer israelischen, humangenetischen Studie aus dem Jahr 2005 (1) (frei zugänglich), in der die Korrelation einer Version dieses Vasopressin-Rezeptor-Gens mit tänzerischer Begabung im Mittelpunkt steht, werden die Forschungsergebnisse abschließend in folgenden größeren Kontext eingeordnet (für jeweilige Literaturangaben im Text siehe bitte das Original):
Across the vertebrates, vasopressin plays a key role in courtship behavior that frequently involves elements of song and dance. For example, male zebra finches (Taeniopygia guttata) sing directed song to females as an integral part of a courtship display that also includes elements of dance. The choreography of the dance presumably conveys or enhances some part of the message that is carried by the individual's learned song, although the exact importance and function of the dance are not known. Furthermore, arginine vasopressin plays a key role courtship behavior in zebra finches as well as in other bird species such as the territorial field sparrow (Spizella pusilla), as it does in social behaviors in mammals and other vertebrates. There is also evidence in humans that vasopressin is important in maternal and romantic love. Imaging studies have shown that brain areas rich in vasopressin receptors are activated when subjects are shown pictures designed to evoke feelings of attachment. The observation discussed above that AVPR1a is associated with a temperament trait, Reward Dependence, also strengthens the conjectured role of this gene in human social communication. Thus, studies in humans as well as in many other animal species suggest to us the reasonable notion that variations in AVPR1a microsatellite structure might also predispose some individuals to excel in dancing. (...) In this context, it is easier to see how the AVPR1a receptor microsatellite polymorphisms contribute to human dance. Human dancing can be understood in part as a form of courtship and social communication that shares a surprisingly conserved evolutionary history, characterized by apparently common neurochemical and genetic mechanisms, with mating displays and affiliative behavior observed across the vertebrates.
Was hier zunächst überrascht, ist die These, daß dieses Vasopressin-Rezeptor-Gen über den ganzen Arten-Stammbaum der Vertebraten in ähnlicher Weise für soziale Kommunikation, für Balzverhalten, Bindungsverhalten (Monogamie/Polygamie) und für Tanz verantwortlich sein soll. Das erinnert unglaublich stark an die Monogamie-These von Robin Dunbar, wonach über weite Stammbaum-Teile monogame Verhaltensweise mit Gehirngröße korreliert. Was wiederum gut zu der social brain-Hypothese paßt, die zunächst nur für Primaten formuliert worden war.

Bewegen wir uns hier in Kernbereichen dessen, was für die Evolution "des Humanum", des Sozialen im Menschen verantwortlich war? Und müssen wir uns hierbei auf viele Überraschungen gefaßt machen, vielleicht sogar - unangenehmen? Denn wo jemand eine individuelle genetische Begabung "für" etwas hat, dort fehlt einem anderen diese genetische Begabung. Natürlich hat die Evolution immer schon mit einer großen Variationsbreite gearbeitet. Wobei noch zu erklären wäre, wie deren Evolutionsstabilität zustande kam. Aber: Liegt diese Variationsbreite auch bei Menschen vor? Und was würde das heißen?

Wenn der Leser nämlich genau gelesen hat, kodiert das gleiche Gen, daß monogames Verhalten und tänzerische Begabung kodiert auch - altruistisches Verhalten. Wir lassen uns - vielleicht - gerne noch unterstellen, daß wir keine besonders ausgeprägten angeborenenen Neigungen zu Monogamie haben. Aber auch nicht zu - Altruismus ganz allgemein?

4. Der Altruismus in der Soziobiologie seit 1964

In der Soziobiologie ist seit ihren Gründungsjahren 1964, bzw. 1975/76 über Altruismus eigentlich immer nur in ganz allgemeinem Sinne gesprochen worden. Es wurde eine genetisch bedingte Anlage, Neigung für Altruismus vorausgesetzt, beim Menschen oft nur "halbbewußt" vorliegend, und es wurden die Bedingungen, "Strategien" erforscht, unter denen sich diese Anlage in der Evolution für jede Tierart wieder etwas anders und ebenso beim Menschen halten kann über die Generationen hinweg. Aufgrund welcher evolutiver Kausalzusammenhänge diese angeborene Neigung nicht ausstirbt im egoistischen, ellenbogenhaften "Daseinskampf" nach Charles Darwin. Daß es angeborene Altruismus-Unterschiede tatsächlich gäbe - wer hätte das jemals so frank und frei gewagt zu behaupten?

Die Erklärung für das Nicht-Aussterben geschah generell fast immer nach dem gleichen Prinzip, das William D. Hamilton, der Begründer der Soziobiologie, als einsamer Student 1964 in Londoner Bahnhofs-Wartesäälen formulierte, nämlich nach dem des Verwandten-Altruismus. Neuerdings kommen immer mehr auch Konzepte kultureller und genetischer "Gruppenselektion" hinzu - insofern es sich um altruistisches Verhalten in größeren Gruppen, jenseits der engeren, familiären, genetischen Verwandtschaft handelt.

Nachdem lange Zeit im Vordergrund der Forschung der Gegenseitigkeits-Altruismus (nach Robert Trivers, 1972) gestanden hatte, fragen Forscher in den letzten Jahren immer häufiger, warum er so "selten" im Tierreich auftritt (etwa Peter Hammerstein 2004 oder Marc Hauser im gleichen Jahr). Der Gegenseitigkeits-Altruismus ("tit for tat") scheint nach dem gegenwärtigen soziobiologischen, spieltheoretischen Denken besonders gut - nur - beim Menschen zu funktionieren, der genau zählen kann und der sich bewußter an vergangene Ereignisse erinnert und zukünftige vorausplant, als das selbst die intelligentesten Tiere auf unserer Erde tun. Der Gegenseitigkeits-Altruismus, also der kategorische Imperativ von Immanuel Kant, ist im engeren Sinne wahrscheinlich eine evolutiv erst sehr spät erworbene Eigenschaft, von der ja schon seit langem bekannt ist, daß sie durch viele Absicherungen gegen egoistische "Täuscher" und "Trittbrettfahrer", "blinde Passagiere" und so weiter abgesichert werden muß.

Es müssen hier im allgemeinen typisch "überwachungsstaatliche", "polizeitstaatliche" Mechanismen und bürgerschaftliches Engagement vorausgesetzt werden, damit er als eine "evolutionsstabile" Erscheinung verstanden werden kann. Die hier auftretenden Probleme hängen zusammen mit dem "Allmende-Problem", mit "cheater detection" (Erkennen von egoistischen Täuschern), mit "altruistic punishment" (altruistisches Bestrafen von Täuschern), mit dem Erhöhen von altruistischem Einsatz in ansonsten egoistischen, hedonistischen Gesellschaften durch das Vorspiegeln oder das tatsächliche Vorhandensein von äußeren Bedrohungen in gruppenselektionistischen Prozessen - und vielen anderen, tendenziell weniger gesellschaftlich freiheitlichen, liberalen Prinzipien mehr.

5. Verhaltensgene beim Menschen allgemein

In den letzten Jahren geschieht aber nun etwas sehr, sehr Aufregendes und Grundlegendes in der Wissenschaft, worüber auch hier auf dem Blog noch nie so richtig konkret gesprochen worden ist. - Schon vor zehn Jahren wurde aufgezeigt, daß sich Menschen in einem solchen sozialen Verhaltensmerkmal wie ADHS genetisch auf individueller und auf Gruppenebene unterscheiden. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von ADHS-Gen-Trägern in einer Gesellschaft und der derzeitigen, bzw. geschichtlich "nomadischen" Lebensweise dieser Gesellschaft. So geschichtlich konservative, wenig "herumgekommene" Ethnien wie die Chinesen oder die südafrikanischen Buschleute haben keine Träger von ADHS-Genen in ihren Gesellschaften, während so geschichtlich weit gewanderte und "kriegerische" Völker wie etwa viele südamerikanische Indianerstämme höhere zweistellige Prozentzahlen von Trägern dieses Gens unter sich zählen. Das wurde schon an diversen Stellen hier auf dem Blog erwähnt. -

Was aber noch nie erwähnt wurde, ist, daß die Forschung in den letzten zehn Jahren auch auf anderen Gebieten erheblich weitergegangen ist. Es kann immer konkreter aufgezeigt werden, daß Menschen sich nicht nur kulturell auf Gruppenebene in sehr konkreten altruistischen, "prosozialen" Verhaltensneigungen unterscheiden (Stud. gen.), sondern nun auch genetisch und individuell. Zwar wußte man um unterschiedliche, angeborene Altruismus-Neigungen schon aus der Zwillingsforschung. Auch wußte man, daß viele sozio- und psycho-pathologische Erscheinungen wie Autismus oder Neigung zu Gewalt genetische Komponenten haben. Aber die neuen Erkenntnisse, die oben schon angedeutet wurden und über die im folgenden zu berichten ist, sind doch noch einmal um manches frappierender, weil sie so gut wie jeden Menschen der Gesellschaft betreffen, so daß selbst "hartgesottene" "Naturalisten" - wie der Schreiber dieser Zeilen - an der einen oder anderen Stelle fast "geschockt" innehalten: Was denn, ist das wirklich so konkret, so deutlich? "Diskriminiert" die Natur, "unterscheiden" die Gene selbst so deutlich? "Bevorteilen" sie, "benachteiligen" sie so deutlich? Jeden von uns? In ganz grundlegenden sozialen Zusammenhängen wie Ehe und Liebe - oder anderen?

Das läßt einen über vieles ganz neu nachdenken und innehalten.

6. Autismus und - AVPR1a

Um sich an diese neuen Fragen anzunähern, könnte es sich als sinnvoll erweisen, sich mit der weitgehend angeborenen Verhaltensauffälligkeit des Autismus, des Asperger-Syndroms (AS) zu beschäftigen. Diese Krankheit könnte so in etwa aufzeigen, was den Gegenpol ausmacht zu den eigentlicheren menschlichen Eigenschaften, die den Menschen zum Menschen machen, nämlich auf den Gebieten von Empathie und nonverbaler Kommunikation. (Man beachte: Auch etwa der Tanz und jede Art von Balzverhalten ist ja eine nonverbale Kommunikation.) Bei Wikipedia heißt es unter anderem über diese Krankheit:
Menschen mit AS können schlecht Augenkontakt mit anderen Menschen aufnehmen oder halten. Sie vermeiden Körperkontakt, wie etwa Händeschütteln. Sie sind unsicher, wenn es darum geht, Gespräche mit anderen zu führen, besonders wenn es sich um eher belanglosen Smalltalk handelt. Soziale Regeln, die andere intuitiv beherrschen, verstehen Menschen mit AS nicht intuitiv, sondern müssen sie sich erst mühsam aneignen. (...) Im Unterricht sind sie in der Regel wesentlich besser im schriftlichen als im mündlichen Bereich. In der Ausbildung und im Beruf macht ihnen der fachliche Bereich meist keine Schwierigkeiten, nur der Smalltalk mit Kollegen oder der Kontakt mit Kunden. Auch das Telefonieren kann Probleme bereiten. Im Studium können mündliche Prüfungen oder Vorträge große Hürden darstellen. (...) Die meisten Menschen mit AS können durch hohe Schauspielkunst nach außen hin eine Fassade aufrecht erhalten, so dass ihre Probleme auf den ersten Blick nicht gleich sichtbar sind, jedoch bei persönlichem Kontakt durchscheinen, etwa in einem Vorstellungsgespräch. Menschen mit AS gelten nach außen hin zwar als extrem schüchtern, jedoch ist das nicht das eigentliche Problem. Schüchterne Menschen verstehen die sozialen Regeln, trauen sich aber nicht, sie anzuwenden. Menschen mit AS würden sich trauen sie anzuwenden, verstehen sie aber nicht und können sie deshalb nicht anwenden. Die Fähigkeit zur kognitiven Empathie (Einfühlungsvermögen) ist gar nicht oder nur schwach ausgeprägt, jedoch die affektive Empathie (Mitgefühl) gegenüber anderen ist durchaus genauso oder sogar stärker ausgeprägt als bei nicht-autistischen Menschen (Rogers et al. 2006). Menschen mit AS können sich schlecht in andere Menschen hineinversetzen und deren Stimmungen oder Gefühle an äußeren Anzeichen ablesen. Überhaupt können sie nur schwer zwischen den Zeilen lesen und nicht-wörtliche Bedeutungen von Ausdrücken oder Redewendungen verstehen. Sie ecken an, weil sie die für andere Menschen offensichtlichen nonverbalen Signale nicht verstehen. Da es ihnen meist schwer fällt, Gefühle zu benennen und auszudrücken, passiert es oft, dass ihre Mitmenschen dies als mangelndes persönliches Interesse missdeuten. Auch können sie in gefährliche Situationen geraten, da sie äußere Anzeichen, die auf eine bevorstehende Gefahr - etwa durch Gewalttäter - hinweisen, oft nicht richtig deuten können.
Also kurz gesagt: Im alltäglichen "Tanz" der nonverbalen Kommunikation und Empathie von Menschen untereinander haben sie Mühe, ihr Tanzbein mitzuschwingen. Sie sind vielleicht nicht nur nicht religiös "musikalisch", sondern auch sozial nicht "musikalisch", auch sozial nicht "tänzerisch" begabt. Frauen sind ja durchschnittlich sowieso angeborenermaßen besser in Empathie und auch in verbaler und nonverbaler Kommunikation.

Autismus ist eine Krankheit, die eher typisch ist für Männer als für Frauen und viele "autistische" Merkmale erinnern auch an ganz normale Probleme in Paarbeziehungen zwischen Männern und Frauen, in denen Männer oft nicht fähig oder willens sind, zum Beispiel über Gefühle zu sprechen oder auf gezeigte Gefühle zu reagieren. Dieses eine Vasopressin-Rezeptor-Gen wirft eine solche Fülle von Implikationen auf, daß sie in diesem einen Beitrag bei weitem nicht erschöpfend behandelt werden können. Auch liegen auf fast allen Gebieten längst noch keine eindeutigen Forschungsergebnisse vor, sondern immer nur Andeutungen.

7. Altruismus und - AVPR1a

Doch nehmen wir uns jetzt eine weitere, konkrete Studie vor (2, pdf. frei zugänglich). Das "Diktator-Spiel" ist ein witziges, verrücktes Spiel nach der Art von Spielen, die von Spieltheoretikern wie etwa auf Zoon politikon oft und gern behandelt werden. In einer israelischen Studie, die in diesem Frühjahr veröffentlicht wurde, wurde Versuchsteilnehmern zum Beginn folgendes mitgeteilt:
"Lieber Teilnehmer,

in dieser Aufgabe werden Sie aufgefordert, eine Entscheidung zu treffen, bei der Sie etwas Geld verdienen können. Die Aufgabe wird in Paaren stattfinden, in denen einer der Teilnehmer Spieler A und der andere der Teilnehmer Spieler B sein wird. Die Auswahl, wer Spieler A und wer Spieler B sein wird, wird vom Computer zufällig getroffen. Sie werden den anderen Teilnehmer nicht kennen und werden ihn in der Zukunft nicht treffen.

In dieser Aufgabe gibt es 50 Punkte, von denen Spieler A entscheiden muss, wie er sie zwischen sich selbst und Spieler B verteilt. Das heißt, Spieler A entscheidet, wie viele Punkte er für sich selbst behält und wie viele Punkte Spieler B erhält. Für jeden Punkt, den er für sich selbst behält, wird Spieler A 1 Schekel" (israelische Währung) "erhalten und für jeden Punkt, den er Spieler B gibt, wird Spieler B 1 Schekel erhalten.

Damit ist die Aufgabe zu Ende.

Bitte drücken Sie den Button, um fortzufahren."
1 Schekel beträgt derzeit knapp 0,20 Euro, hier geht es also insgesamt um etwa 10 Euro, bzw. 10 Dollar. Spieler A ist hier also der "Diktator" und Spieler B der "Empfänger". Nun könnten wir nach Art von "Zoon politikon" fragen: Was glauben Sie wohl, liebe Leserin, wie die 200 israelischen Studenten, 100 Männer und 100 Frauen, Durchschnittsalter 26 Jahre, sich entschieden haben? Wie würden Sie sich entscheiden?
Hier das überraschend vielfältige Ergebnis:
48 Teilnehmer gaben 0 bis 5 Schekel,
18 Teilnehmer gaben 6 bist 10 Schekel,
9 Teilnehmer gaben 11 bis 15 Schekel,
32 Teilnehmer gaben 16 bis 20 Schekel,
3 Teilnehmer gaben 21 bis 24 Schekel,
78 Teilnehmer gaben 25 bis 30 Schekel,
5 Teilnehmer gaben 36 bis 40 Schekel,
1 Teilnehmer gab 41 bis 45 Schekel,
14 Teilnehmer gaben 46 bis 50 Schekel.
In unserer Kultur gibt es also zunächst eine erstaunliche Vielfalt von altruistischen und egoistischen Reaktionen. Wir Menschen scheinen weder genetisch noch kulturell besonders "einheitlich" festgelegt zu sein, was Entscheidungen in solchen schlichten und einfachen Spielen betrifft. Es wurden auch keine Geschlechtsunterschiede in den Entscheidungen festgestellt.

- Es steht also zunächst eines fest: Der Mensch ist nicht generell so egoistisch, wie es viele ökonomische Theorien vorausgesetzt hatten, bis einmal Spieltheoretiker häufiger die Menschen zu solchen Spielen aufforderten. Aber andererseits auch: Es finden sich zwischen ihnen durchaus so manche "Diktatoren", die auch viel für sich behalten, wenn sie teilen könnten und ihnen das niemand "nachtragen" kann. Ist das nicht auch exakt unsere alltägliche Erfahrung? Daß wir manches mal uns ärgerten, irgendwo Vertrauen gezeigt zu haben, das nicht erwidert wurde, während wir in anderen Fällen über uns entgegengebrachtes Vertrauen, über Hilfsbereitschaft überrascht waren? So sind halt - Menschen, möchte man sagen. Ein buntes Gemisch von solchen und solchen Eigenschaften.

Aber das ist noch nicht alles. Solche Spiele wurden - wie schon angedeutet - schon in früheren Jahrzehnten häufig gespielt und die Ergebnisse analysiert. Was neu an der Studie dieses Jahres ist, ist, dass unterschiedliche Versionen von Vasopressin-Rezeptor-Genen der Teilnehmer mit ihrem Verhalten bei diesem Spiel verglichen wurden. Mehr Teilnehmer mit langen Versionen dieses Gens gaben nun größere Summen in diesem Spiel als Teilnehmer mit kürzeren Versionen dieses Gens. Also offenbar: Der Mensch ist gar keine Graugans. Und nur Fußball-Fans sind Baumhopfe. Ansonsten ist der Mensch - eine Wühlmaus.

Menschen mit langen Versionen dieses Gens haben noch nach dem Tod in bestimmten Hirnregionen (Hippocampus) mehr Gen-Produkte dieses Gens (messenger RNA, also Boten-RNA), als Menschen mit kurzen Versionen dieses Gens, wie die gleiche Studie in einer parallelen Untersuchung feststellte.

Reinerbige Träger der langen Version dieses Gens (homozygote) gaben durchschnittlich 22,2 Schekel, reinerbige Träger der kurzen Version dieses Gens (also ebenfalls homozygote) gaben durchschnittlich 15,4 Schekel. Auch die Antworten in einem Fragebogen, der den Versuchsteilnehmer Fragen bezüglich ihrer Selbsteinschätzung hinsichtlich Altruismus stellte, korrelierten mit den beiden Gen-Versionen in dem genannten Sinne.

Was nun, Du Mensch, der du glaubst, so ganz unabhängig von Deinen Genen Entscheidungen zu fällen, was so Grundlegendes wie Altruismus oder Egoismus betrifft? Wie gehst Du damit um? Mit solch einer Erkenntnis? Aber warte noch eine Weile, das war noch längst nicht alles.

Es ist der Jerusalemer Verhaltensgenetiker Richard P. Ebstein (siehe Bild), aus dessen Forschungsgruppe sowohl die eingangs angeführte Tänzer-Studie als auch die eben angeführte Altruismus-Studie hervorgegangen sind. Diese Forschungsgruppe scheint sich auf ziemlich spannenden "Pfaden" menschlicher Erkenntnis zu bewegen. (Siehe auch 3) (pdf. frei zugänglich)

8. Schwedische Zwillingspaare, eheliche Bindung und AVPR1a

Das Treue-/Untreue-Gen AVPR1a, das zunächst an amerikanischen Prärie- und Bergwühlmäusen erforscht worden war (siehe oben), ist inzwischen auch beim Menschen untersucht worden (4, freier Zugang). Das machte schon vor drei Wochen die Runde in der Presse.

Den Forschern unterläuft gleich im ersten Satz ihrer Studie ein bemerkenswerter Fehler. Er zeigt, wie wenig die Forscher alle Dinge hier schon im Zusammenhang sehen, wie sie es aber - über Fehler wohl - allmählich lernen, diese Zusammenhänge zu sehen. Sie beziehen sich in der zu dem ersten Satz gehörenden Literatur-Angabe auf die Monogamie-These von Robin Dunbar, auf die wir auch hier auf dem Blog schon oft mit Betonung hingewiesen haben, und die ja wohl auch unübersehbare Bedeutung im Zusammenhang mit diesem Thema hat. (Stud. gen. 1, 2) Aber die Forscher schreiben:
Primate social organization is often characterized by bonded relationships, and recent analyses suggest that it may have been the particular demands for pair-bonding behavior that triggered the evolutionary development of the primate social brain.
Genau so nicht! Die jüngste Dunbar-Studie, die zu diesem Satz zitiert wird, war ja gerade nicht mit der Evolution von Gehirnen von Primaten befaßt, sondern von Gehirnen von einer breiten Vielfalt von Nichtprimaten. Wenn wir die These von Dunbar richtig verstanden haben, dann sagt sie, daß die Primaten-Gehirn-Evolution durch Gruppengröße vorangetrieben wurde, nicht durch Paarbindung, daß aber bei Nichtprimaten die Gehirn-Evolution durch Paarbindung vorangetrieben wurde, und daß die auf diese Weise erworbenen psychischen Fähigkeiten zur Aufrechterhaltung von langfristigen monogamen Sozialbeziehungen dann von Primaten auf noch mehr Gruppenmitglieder übertragen wurde zur Aufrechterhaltung von engen, langfristigen Sozialbeziehungen in größeren Gruppen. Also praktisch: Die sozialen Kompetenzen, Begabungen zur Ehe wurden (erst) von Primaten auf die Gruppe insgesamt übertragen.

Aber ansonsten ist die Studie natürlich ebenso frappierend wie schon die zuvor angeführten. Eine der Ablesemutationen von AVPR1a beim Menschen trägt die Nummer 334. Über dieses Allel heißt es nun in der Studie:
Fifteen percent of the men carrying no 334 allele reported marital crisis, whereas 34 % of the men carrying two copies of this allele reported marital crisis, suggesting that being homozygous for the 334 allele doubles the risk of marital crisis compared with having no 334 allele.
Und:
The frequency of nonmarried men being higher among 334 homozygotes (32 %) than among men with no 334 alleles (17 %).
Das sind schon ganz frappierende Unterschiede. Wobei zu bemerken ist, daß hier - aufgrund der spezifischen Studienbedingungen - sowieso nur Männer untersucht wurden, die in Beziehungen lebten, die schon fünf Jahre andauerten. Wie erst werden die Unterschiede ausfallen, wenn die Männer dazu genommen werden, die derzeit nicht in so langen Beziehungen leben? Und genau dieses Allel 334 spielt auch, worauf die Studie hinweist, bei Autismus eine Rolle.

Razib Khan (gnxp-a, -b) beantwortet als einziger jene Frage, die sich dem humangenetisch Informierten seit einigen Jahren immer zugleich mitstellt:
Haplotter does not suggest any recent selection, so this might be a case where behavioral polymorphism has persisted for a long time as different strategies maintain themselves at equilibrium.
Die Verteilung dieser Gentypen scheint also in allen menschlichen Bevölkerungen auf der Erde ähnlich zu sein. Und das wirft die Frage auf, welche evolutionären Vorteile eigentlich dieses 334-Allel mit sich bringt, daß es so häufig ist in menschlichen Bevölkerungen.

Dies ist ein langer Beitrag geworden und er hat für 100 aufgeworfene Fragen vielleicht 10 Antworten gegeben. So ist es immer in Forschungsgebieten, die sich in rascher Entwicklung befinden. Man darf, was die Erforschung von AVPR1a betrifft, auf die nächsten Jahre hochgradig gespannt sein.
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Literatur:

1. Rachel Bachner-Melman, Christian Dina, Ada H. Zohar, Naama Constantini, Elad Lerer, Sarah Hoch, Sarah Sella, Lubov Nemanov, Inga Gritsenko, Pesach Lichtenberg, Roni Granot, Richard P. Ebstein (2005). AVPR1a and SLC6A4 Gene Polymorphisms Are Associated with Creative Dance Performance PLoS Genetics, 1 (3) DOI: 10.1371/journal.pgen.0010042

2. A. Knafo, S. Israel, A. Darvasi, R. Bachner-Melman, F. Uzefovsky, L. Cohen, E. Feldman, E. Lerer, E. Laiba, Y. Raz, L. Nemanov, I. Gritsenko, C. Dina, G. Agam, B. Dean, G. Bornstein, R. P. Ebstein (2008). Individual differences in allocation of funds in the dictator game associated with length of the arginine vasopressin 1a receptor RS3 promoter region and correlation between RS3 length and hippocampal mRNA Genes, Brain and Behavior, 7 (3), 266-275 DOI: 10.1111/j.1601-183X.2007.00341.x
3.
Rachel Bachner-Melman, Ada H. Zohar, Naomi Bacon-Shnoor, Yoel Elizur, Lubov Nemanov, Inga Gritsenko, Richard P. Ebstein (2005). Link Between Vasopressin Receptor AVPR1A Promoter
Region Microsatellites and Measures of Social Behavior in Humans Journal of Individual Differences, 26 (1), 2-10 DOI:
10.1027/1614-0001.26.1.2

4. H. Walum, L. Westberg, S. Henningsson, J. M. Neiderhiser, D. Reiss, W. Igl, J. M. Ganiban, E. L. Spotts, N. L. Pedersen, E. Eriksson, P. Lichtenstein (2008). Genetic variation in the vasopressin receptor 1a gene (AVPR1A) associates with pair-bonding behavior in humans Proceedings of the National Academy of Sciences, 105 (37), 14153-14156 DOI: 10.1073/pnas.0803081105

Mittwoch, 17. September 2008

Single-Mütter sind intelligenter - bei Buntbarschen

ResearchBlogging.org
Gerade hatten wir noch stolz verkündet, daß über weite Bereiche des Arten-Stammbaumes hinweg Gehirngröße positiv mit der Intensität der monogamen Lebensweise korreliert (Stud. gen. 1, 2), ja daß sogar soziale Komplexität bei soziallebenden Insekten etwas mit Monogamie zu tun hat (Stud. gen.), da macht uns neuerdings die Tiergruppe der Buntbarsche einen Strich durch die Rechnung. Diese Ausreißer! (Proc. B., frei zugänglich) - Nieder mit den Buntbarschen!

Allein erziehende Mütter haben bei ihnen größere Gehirne als kooperative Elternpaare. Was ziehen wir daraus für Schlußfolgerungen? Wir sagen, hier sind nur 39 Buntbarsch-Arten miteinander verglichen worden und das ist uns noch zu wenig. Wir warten auf Nachfolge-Studien.

Aber trotzdem: Was könnte es uns noch sagen? Traue niemals einem Forschungsergebnis, solange Du nicht um die nächste Ecke geschaut hast. Natürlich ist dies keine Falsifizierung der Monogamie-These von Robin Dunbar. Aber immerhin doch eine Differenzierung. Die Natur (oder doch zumindest bis zu diesem Punkt die Wissenschaft) erlaubt es sich - wieder einmal! - unsere Erwartungen nicht zu bestätigen. - Klasse. So macht Wissenschaft Spaß.

Für fleischfressende Säugetiere gibt es größere Gehirngrößen bei alleinerziehenden Müttern offenbar ebenfalls.

"Social Brain-Hypothese" dennoch bestätigt

Aber die Forscher glauben dennoch, mit ihrer Studie die "Social Brain-Hypothese" von Robin Dunbar an den Buntbarschen bestätigt zu haben. Sie fanden nämlich das "counter-intuitive" Ergebnis - wie sagt man das ebenso kurz auf Deutsch,? - das unerwartete Ergebnis, daß jagende Buntbarsche geringere Gehirngröße haben, als Algen-abgrasende Buntbarsch-Arten. Dabei gibt es doch die weitgehend unbestätigte Hypothese, daß es der Fleischfresser Mensch war, der auf diese Weise sein großes Gehirn evoluiert hat. - Deshalb jedenfalls für die Forscher "counter-intuitive", unerwartet.

Aber sie haben eine tolle Erklärung, die wieder einmal in die Nähe der These von Gruppenselektion reicht. Sie sagen, daß Algen-abgrasende Buntbarsch-Arten in sehr, sehr komplexen Habitaten mit sehr, sehr vielen, ihnen selbst ähnlichen Buntbarsch-Arten zusammen leben müssen in Kooperation (Gegenseitigkeit) und Aggression, und daß dieses enge Zusammenleben mit anderen Arten ihre Gehirnevolution beschleunigt haben könnte. Das ist einmal eine ganz andere Sichtweise auf die Dinge. So ähnlich stellten sich ja manche Evolutionsforscher auch die Gehirnevolution beim Menschen vor vor einigen Jahrzehnten (Richard Alexander zum Beispiel), nämlich als "runaway"-Gruppenselektions-Prozess: Die Menschengruppen mit den größten Gehirnen, mit dem höchsten IQ überlebten.

Nun, wir sehen das heute mit den niedrigen Kinderzahlen von Akademikern etwas, ähm - - - "differenzierter", können aber diese These von Richard Alexander keineswegs schlüssig falsifizieren. Weshalb man künftig noch mehr Gründe haben könnte, als früher schon, sich die Buntbarsche sehr genau anzuschauen. - Übrigens könnte die IQ-Evolution der Buntbarsche ja ähnlich wie bei den aschkenasischen Juden (und vielleicht anderen Völkern) etwas mit Inzucht zu tun haben, mutmaßte "Studium generale" schon vor anderthalb Jahren. (Stud. gen.)

Noch ein Gedanke, zu dem sich in dem Paper keinerlei bestätigende oder abschwächende Hinweise fanden: Vielleicht paßten die Männchen mit ihren geringeren Gehirngrößen einfach nicht mehr in die komplexen, engen Sozialsysteme der weiblichen, algen-abgrasenden Buntbarsche hinein und werden in die guten Territorien nur hereingelassen zum Zeugen von Nachwuchs? Denn gemeinsame Brutpflege ist auch hier der stammesgeschichtlich ursprüngliche Zustand.

Jedenfalls, es bleibt alles ein wenig - "counter-intuitive".

1. Alejandro Gonzalez-Voyer, Svante Winberg, Niclas Kolm (2008). Social fishes and single mothers: brain evolution in African cichlids Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0979

Montag, 15. September 2008

Wissenslogs: Die ländliche, nichtbäuerliche Wirtschaft

"Rural Nonfarm Economy" (RNE), die Entwicklung der ländlichen, nichtbäuerlichen Wirtschaft wird als ein entscheidender Faktor in der wirtschaftlichen Entwicklung der heutigen Entwicklungsländer gesehen, so erfahren wir im Interview von Stefan Ohm vom Wissenschaftsblog "Geo-Log" mit dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Steven Haggblade (Geo-Log), der zu diesem Thema gerade ein Buch veröffentlicht hat. (Amazon)

Auf dieses Thema habe ich selbst schon im Zusammenhang mit der Diskussion um die Evolution des (beruflichen) Verantwortungsbewußtseins und der Amischen hingewiesen auf den Chronologs (Natur des Glaubens von Michael Blume). Ich schrieb dort:

... Bei den Amischen kann man ja heute auch eine berufliche "Spezialisierung" im wirtschaftlichen sekundären Sektor (Handwerk usw.) beobachten, (die insbesondere von Donald Kraybill wissenschaftlich aufgearbeitet wird), da nicht alle amischen Kinder selbst Land kaufen können und selbst Landwirte werden können. Auf der Farm des Bruders richten sie deshalb handwerkliche Betriebe ein und gründen auf diese Weise selbst Familie.

Sie exerzieren gegenwärtig eine Entwicklung vor, die alle komplexer-arbeitsteiligen Gesellschaften geschichtlich durchlaufen haben, (in Mittel- und Nordeuropa besonders seit dem Frühmittelalter - aber sicherlich letztlich schon seit Einführung des Ackerbaus überhaupt).

Auch bei den Amischen ermöglicht und stabilisiert arbeitsteilige-gesellschaftliche Gliederung, Spezialisierung derjenigen, die nicht Bauern werden können, das weitere Wachstum, also die biologische Fitneß der Gruppe.

Siehe dazu das Buch von Donald Kraybill "Amish Enterprise" (Amazon).

"Pull-" und "Push-"Faktoren bezüglich ländlicher, nichtbäuerlicher Wirtschaft (NRE)

Steven Haggblade sagt nun in dem Interview:

Nonfarm earnings account for 35% to 50% of rural household income across the developing world. Landless and near-landless households everywhere depend heavily on nonfarm income for their survival, while agricultural households count on nonfarm earnings to diversify risk, moderate seasonal income swings and finance agricultural input purchases. (...)

Since many of the resource flows from agriculture to the secondary and tertiary sectors of the economy transit functionally and spatially via the rural nonfarm economy, an understanding of the forces that drive change in the RNFE becomes central to understanding the processes that drive overall economic growth. Rural households diversify into nonfarm activities in response to “pull” factors such as growing markets and rising rural purchasing power or in response to “push” factors such as falling rural wage rates and declining land availability. Thus the trajectory of rural nonfarm growth and development differs substantially across settings, driven by changes in agriculture, population and integration with urban markets.

Und dann sagt er weiter:

In successfully transforming economies, policy makers see the RNFE as a sector that can productively absorb the many agricultural workers and small farmers being squeezed out of agriculture by increasingly commercialized and capital intensive modes of farming. Given frequently low capital requirements in the nonfarm economy, policy makers in both settings view the RNFE as offering a potential pathway out of poverty for many of their rural poor.

(Ich schrieb dort gerade den folgenden Kommentar.)

Wenn ich Haggblade recht verstehe, dann sieht er im gegenwärtigen Afrika die "Zug"-Faktoren, die in einer prosperierenden landwirtschaftlichen Entwicklung liegen, positiv, die "Druck"-Faktoren, die aus einer stagnierenden oder rückläufigen landwirtschaftlichen Entwicklung folgen, als negative Folgen für die RNE. Es entsteht der Eindruck, als würde Haggblade alles von einer prosperierenden landwirtschaftlichen Entwicklung erwarten. Ich habe das Buch selbst noch nicht gelesen und würde deshalb gerne fragen: Ist dieser Eindruck richtig?

Wie war es in der europäischen Entwicklung?

Als Mittelalter- und Neuzeithistoriker würde ich dazu sagen: In der europäischen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Entwicklung war ja alles ein bischen anders. Da bekamen nur diejenigen eine Heiratserlaubnis, die eine zuverlässige wirtschaftliche Versorgung der künftigen Familie nachweisen konnten, damit diese neu gegründeten Familien nicht künftig die Armenhäusern der jeweiligen Dörfer füllen würden, die von den Dorfbewohnern jeweils ja selbst finanziert werden mußten, ihnen selbst zur Last fielen.

Damit war ein letztlich durch "sexuelle Askese" (Max Weber) angetriebener Anreiz gegeben, sich wirtschaftlich so zu positionieren, daß man an diese wertvolle Glücks-Ressource "Sexualität" herankam (als Mann oder auch als Frau). (Auch spätes Heiraten von wirtschaftlich nicht gut Versorgten wurde dadurch gefördert, was ja die Nachkommenzahl herabsetzt.)

In der Dritten Welt gibt es diese typisch europäische mittelalterliche und frühneuzeitliche Steuerung des Bevölkerungswachstums, um allgemeinen gesellschaftlichen Rückgang des Wohlstandes zu vermeiden, so weit ich weiß ja nicht.

Übrigens gab es diese Steuerung laut dem französischen Bevölkerungswissenschaftler Pierre Chaunu ("Die verhütete Zukunft") auch nicht in der Geschichte Chinas, in der immer fast 100 % der Bevölkerung auch verheiratet war, und in der chinesische Kaiser es sich sogar zur Pflicht machten, dafür zu sorgen, daß alle Chinesen heiraten konnten. Was immer wieder zu übertrieben starkem Bevölkerungswachstum führte, ohne daß die wirtschaftliche Komplexität parallel mitwachsen konnte.

Die chinesische Geschichte war dementsprechend von geradezu periodisch wiederkehrenden, katastrophalen Bevölkerungszusammenbrüchen gekennzeichnet, die nicht zu vergleichen wären mit den parallelen in Europa. Diesen gegenüber hätte Europa eine viel kontinuierlichere Entwicklung aufzuweisen. (Ich weiß nicht, ob das alles wirklich exakt so stimmt - so aber zumindest Chaunu.)

Wenn man die Aids-Epidemie im heutigen Afrika berücksichtigt und anderes, auf das diese Gesellschaften immer noch nur sehr unflexibel reagieren können, möchte man doch meinen, daß Afrika sich - unbewußt - eher an das von Chaunu beschriebene "chinesische Modell" ökonomisch-demographischer Entwicklung hält, als an das mittelalterlich-frühneuzeitlich europäische.

Nimmt denn Haggblade in seinem Buch auch demographische Entwicklungen in die Betrachtung hinein?

Donnerstag, 11. September 2008

Gruppenselektion - ein neuer Beitrag aus der empirischen Forschung

ResearchBlogging.orgDie Vogelart der Baumhopfe (engl. "green woodhoopoe", lat. "Phoeniculus purpureus") lebt in Wäldern von fast ganz Afrika südlich der Sahara und ist entfernt mit den europäischen Wiedehopfen verwandt. Baumhopfe sind ein beliebtes Briefmarken-Motiv von afrikanischen Staaten und leben in Gruppen mit 2 bis 8 Individuen, von denen sich aber immer nur jeweils ein Paar fortpflanzt. Baumhopfe sind bei der Nahrungssuche in der Baumrinde ständig in Bewegung und schwer zu fotographieren. Ihr Territorium verteidigen sie das ganze Jahr über nach außen. Innerhalb der Gruppen gibt es aber wenig Auseinandersetzungen zwischen den Gruppenangehörigen.

Fast 60 % der Gruppen bestehen aus mehr Individuen als dem sich fortpflanzenden Paar. Die "Helfer am Nest" sind zu 90 % mit mindestens einem der beiden sich fortpflanzenden Individuen familiär verwandt (also z.B. Geschwister oder erwachsene Nachkommen des sich fortpflanzenden Paares). Die erwachsenen Tiere der Gruppe pflegen sich das ganze Jahr über mit der gleichen Regelmäßigkeit das Kopf- und Nackengefieder aus hygienischen Gründen. Das Pflegen des übrigen Gefieders hat wie das Fellausen bei den Primaten soziale Funktion. Seine Häufigkeit schwankt mit der Jahreszeit und es ist häufiger in größeren Gruppen.

In der östlichen Kap-Provinz Südafrikas hat der Vogel-Verhaltensforscher Andrew Radford in den waldreichen Flußtälern sechs Monate lang (zwischen November 2000 und Mai 2001) 12 solcher Gruppen beobachtet. (1) Die Größe der Territorien ändert sich offenbar in den Auseinandersetzungen zwischen Gruppen so gut wie nie.

Gruppenauseinandesetzungen ...

In der Regel verlaufen nun Gruppenauseinandersetzungen bei den Baumhopfen in der Weise, daß eine Gruppe in das Territorium der Nachbargruppe eindringt. Nur sehr selten kommt es zu physischen Auseinandersetzungen. Vielmehr beugen sich die Vögel auf und nieder und "skandieren" "chorweise" gegeneinander und gruppenweise abwechselnd ihre "Schlachtrufe". Die sich nicht fortpflanzenden Gruppenmitglieder tragen dazu mehr bei als das jeweils sich fortpflanzende Paar. Radford sagt, es geschehe das wie bei "Fußball-Fans", die die Fans der gegnerischen Manschaft zu "überstimmen" suchen. Die in Südafrika einheimischen Buschleute benennen diese Vögel nach diesem "Skandieren" mit dem Namen "Das schnatternde (oder gackerende) Lachen der Frauen".

Diese Konflikte können bis zu 45 Minuten dauern und auf dem Höhepunkt wird oft eine Blume oder eine Baumflechte in den Schnabel genommen und von einem Gruppenmitglied zum nächsten weitergereicht, "wie das Schwenken einer Fahne oder eines Schals während eines Fußballspiels" (so wiederum Andrew Radford laut "Telegraph" und "Times").

Wenn die eindringende Gruppe dieses Skandieren gewinnt, bleibt sie bis zu einer Stunde in dem Territorium, sucht hier nach Nahrung und untersucht Nestlöcher, während sich die einheimische Gruppe tiefer in dasselbe zurückzieht. In der Regel kehrt die eindringende Gruppe dann in ihr eigenes Territorium zurück. Verliert die eindringende Gruppe, kehrt sie sofort in ihr Territorium zurück.

... und das psychische "Wundenlecken"
Während der Stunde nach dem Konflikt putzten sich die erwachsenen Gruppenmitglieder nun mehr als doppelt so häufig das Körpergefieder als in der sonstigen Zeit, laut Radford's Studie 2,45 mal pro Stunde im Gegensatz zu den sonstigen 0,86 mal pro Stunde. Und zwar besonders die beiden sich fortpflanzenden Tiere den sich nicht-fortpflanzenden. - Geradezu wie aus "Dankbarkeit", bzw. um sie bei künftigen Auseinandersetzungen zu ähnlichem tapferen Verhalten zu ermutigen. Besonders ausgesprägt war dieses Putzen nämlich bei jenen Gruppen, die verloren hatten - und zwar nach langen Auseinandersetzungen, nicht nur kurzen. "Der volle Einsatz der Gruppenmitglieder ist wichtig, denn die Gruppengröße bestimmt oftmals den Ausgang der Auseinandersetzungen," schreibt Radford.

Gruppenselektion?

Diese Studie und ihr Ergebnis ist für sich selbst sehr schön und anschaulich. Zu fragen bleibt, ob der theoretische Rahmen, in den diese Studie gestellt wird - nämlich dem der Gruppenselektion - besonders deutlich durch diese Studie bestätigt wird. Konkret: Würde der Zusammenhalt in den Gruppen und die Unterstützung innerhalb der Gruppe geringer sein, wenn der äußere Druck durch andere Gruppen nicht vorhanden wäre? So lautet ja die These dieser Studie:

that the amount of intergroup conflict in which a group is involved could influence the amount of cooperation.

daß also das Ausmaß der Zwischengruppen-Konfliktes das Ausmaß der Kooperation beeinflußten könnte.
Nach dem Motto: In Zeiten außenpolitischer Bedrohungen, in Kriegszeiten sind Gruppen oft zu größeren innenpolitischen Kompromissen bereit. Ein viel benutztes und mißbrauchtes Instrument in der menschlichen Politik.

Um das in diesem Fall plausibel machen zu können, müßten wohl noch viele von den in der Studie vorgeschlagenen Nachfolge-Studien unternommen werden. Sie werden wahrscheinlich ein recht differenziertes Bild und keineswegs ein so plattes Bild ergeben wie das vielleicht manche heutige Politiker gern hätten.

Offensichtlich ist aber schon jetzt, daß bei 90 % familiärer Verwandtschaft innerhalb der Gruppe besondere gruppenselektionistische Mechanismen gar nicht herangezogen werden müssen, um das altruistische Verhalten der "Helfer am Nest" zu erklären. Die hier beschriebenen Mechanismen könnten aber dennoch einen typischen gruppenpsychischen Mechanismus kennzeichnen, der auch das Verhalten von Gruppen mit weniger durchschnittlichem Verwandtschaftsgrad kennzeichnet. Aber ob ein solches Verhalten ganz ohne genetische Verwandtschaft langfristig evolutionsstabil wäre, ist doch stark infrage zu stellen und kann auch an dieser Tierart wohl gar nicht nachgewiesen werden.

(Ergänzende Auskünfte und auch Abbildungen auf dem Ergänzungsblog.)

1. Andrew N. Radford (2008). Duration and outcome of intergroup conflict influences intragroup affiliative behaviour Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0787

Mittwoch, 10. September 2008

Regionale genetische Verwandtschaft in vorindustriellen Gesellschaften

Von über 1.000 Menschen, deren vier Großeltern aus derselben geographischen Region (innerhalb Europas) stammen, kann aufgrund der Zusammenschau von etwa 500.000 ihrer genetischen Marker in ihrem Genom ihr geographischer Herkunftsort auf 300 bis 700 Kilometer im Umkreis eingegrenzt werden. (1) (Die Ergebnisse dieser jüngst veröffentlichten "Nature"-Studie von John Novembre und Mitarbeitern gingen auch breit durch die Wissenschafts-Berichterstattung der Tageszeitungen.) (Siehe auch Abbildung aus der Studie - durch Draufklicken vergrößern!)

Damit hat die Genom-Forschung eine "Auflösung" und "Tiefenschärfe" erreicht, die diejenige der traditionellen (vor allem Physischen) Anthropologie anfängt zu übertreffen. Vom bloßen physischen Erscheinungsbild her kann selbst bei wissenschaftlicher Beurteilung eines Gerichtsgutachters ein solcher Genauigkeitsgrad nicht erreicht werden. In der Schweiz können mit dieser Zusammenschau von 500.000 genetischen Markern - laut Studie - sogar die Gruppe der deutschsprachigen von der der franzöisch- und italienisch-sprachigen Schweizer unterschieden werden. Ebenso in Italien - offenbar - jene Italiener, die aus Sardinien und Korsika stammen. Ebenso andere regionale, kulturelle und geographische Unterschiede in Europa.

Es ist ja klar, daß mit dieser Zusammenschau von 500.000 genetischen Markern (durchschnittliche) größere oder geringere genetische Verwandtschaft festgestellt werden kann. Und genetische Verwandtschaft stabilisiert bekanntlich altruistisches Verhalten in der Evolution und Humanevolution. Diese neue Studie nähert sich also aus anderer Richtung an etwa dasselbe Phänomen an, an das sich die isländischen Humangenetiker (um Agnar Helgason und Kari Stefansson) Anfang des Jahres aus der Richtung der Verwandten-Heiraten und ihres unterschiedlichen Reproduktionserfolges annäherten (s. Stud. gen.): Nämlich an das Phänomen genetischer Verwandtschaft zwischen Menschen, die in derselben geographischen Region leben und deshalb auch (mehr oder weniger "zwangsläufig") häufiger untereinander heiraten.

Genetische Verwandtschaft nimmt Einfluß auf altruistisches oder egoistisches Verhalten


Die Wissenschaftswelt ist überrascht, daß die Bevölkerung Europas offenbar trotz der vielen Wanderungsbewegungen in den letzten Jahrhunderten und Jahrtausenden aufgrund der doch recht stabilen, längerfristigen Seßhaftigkeit bäuerlicher Gesellschaften sich derart präzise genetisch - noch heute - strukturiert.

Eine weitere Fragestellung wäre jetzt, wie diese Verwandtschafts-Feststellung aufgrund der Genom-Analyse zusammen paßt mit - eher unbewußterer - Verwandtschafts-Feststellung durch Geruchswahrnehmung, die ja bei der Heiratspartner-Wahl eine nicht geringe Rolle spielt. Kann die Geruchswahrnehmung des Menschen Menschen unterscheiden (oder auch nur deren verschwitzte T-Shirts), deren vier Großeltern aus Wohnregionen stammen, die 300, 500, 1.000 Kilometer von der Wohnregion der eigenen vier Großeltern entfernt leben? Man könnte die Fähigkeit zu einer solchen (zumeist eher nur halbbewußten) Wahrnehmung, Unterscheidung irgendwo auf dieser Skala beginnend durchaus für wahrscheinlich halten. Ob darüber schon Erkenntnisse vorliegen, entzieht sich gegenwärtig der Kenntnis des Autors dieser Zeilen.
Using a multiple-regression-based assignment approach, one can place 50% of individuals within 310 km of their reported origin and 90% within 700 km of their origin. Across all populations, 50% of individuals are placed within 540 km of their reported origin, and 90% of individuals within 840 km. These numbers exclude individuals who reported mixed grandparental ancestry, who are typically assigned to locations between those expected from their grandparental origins.
Man beachte, daß hier also im wesentlichen "autochthone" Bevölkerungen untersucht wurden. Das Genom des Autors dieser Zeilen hätte dazu nicht benutzt werden können, zwei Großeltern stammen zwar aus zwei Dörfern, die nur zehn Kilometer voneinander entfernt sind, der dritte Großelternteil stammt jedoch aus einer Region über 1.000 Kilometer entfernt von diesen und der vierte Großelternteil davon noch einmal um (mindestens) 500 Kilometer entfernt. (Vielleicht sollte man mal innerfamiliäre Geruchs-Forschung betreiben! ;-) ) Die in dieser Studie festgestellte genetische Strukturierung spiegelt also so ungefähr die vorindustrielle genetische Struktur Europas wieder, in der über 90 % der Bevölkerung auf dem Land lebten und bei Heiraten nicht weit herumkamen. Schon bei der bürgerlichen Bevölkerung der vorindustriellen Städte wird es anders sein.

Man merkt also, wie sich die Wissenschaft aus mehreren unterschiedlichen Richtungen annähert an die Frage, welche tatsächlichen durchschnittlichen genetischen Verwandtschafts-Verhältnisse auch noch in vorindustriellen Gesellschaften bei Menschen vorliegen und wie sich das auf ihr altruistisches, bzw. egoistisches Verhalten und auf ihre Fortpflanzung auswirkt. Hochgradig spannende Fragen. Es wird immer unplausibler zu vermuten, daß der Verwandten-Altruismus in vorindustriellen Gesellschaften marginal oder bedeutungslos geworden wäre. Zumal wenn man es zusammen mit der Tatsache sieht, daß die arbeitsteilige Strukturierung der Gesellschaft - aufgrund der Möglichkeit effizienterer Hilfeleistung - ihn seine Bedeutung beibehalten läßt, auch wenn der durchschnittliche Verwandtschaftsgrad zwischen Altruist und Nutznießer sinkt.

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ResearchBlogging.org

1. John Novembre, Toby Johnson, Katarzyna Bryc, Zoltán Kutalik, Adam R. Boyko, Adam Auton, Amit Indap, Karen S. King, Sven Bergmann, Matthew R. Nelson, Matthew Stephens, Carlos D. Bustamante (2008). Genes mirror geography within Europe Nature DOI: 10.1038/nature07331

Dienstag, 9. September 2008

Besessenheit und menschliche Religiosität

Die Templeton Foundation fördert derzeit ein Projekt des britischen Psychologen Justin Barrett (siehe Bild) und seiner Mitarbeiterin Emma Cohen (siehe Bild) auf dem Gebiet der Evolutionären Religionswissenschaft mit 1,9 Millionen Pfund. Dieses Projekt an der Universität Oxford sollte man im Auge behalten, insbesondere da hier nicht nur monotheistische Religiosität erforscht wird, sondern auch andere Formen der Religosität, so etwa südamerikanische "Volksreligionen". (University Oxford News, Times, 19.2.2008):

“... The next step therefore is to look at some of the detailed questions – which religious beliefs are most common, and most natural for the human mind to grasp. The exciting questions in this field are in the details – how does the mind vary in its response to different forms of religion, such as polytheism and monotheism for example, and what is the relationships between religion and evolutionary biology."


Dies wird erforscht am "Ian Ramsey Center for science and religion" an der Universität Oxford. Hier ist die Projektseite. In dem Bericht bei Reuters vom 20.2.08 finden sich noch weitere Erläuterungen dazu:

"Groups that have religious sentiment might be more likely to co-operate, giving them a comparative advantage," Barret said. (...) As well as the monotheistic religions of Christianity, Islam and Judaism, researchers will also look at belief systems with multiple gods from Hinduism to ancient religions still practiced in parts of Latin America.

Barrett said he was a committed Christian but that with such a range of colleagues from theologists to anthropologists, it should not interfere with the study.
Über das letzterschienene Buch von Emma Cohen berichtet die Projektseite:
Emma Cohen's recent Oxford University Press volume "The Mind Possessed", uses insights from the cognitive science of religion to explain why Afro-Brazilian religionists think about spirit possession the way they do. Contrary to what “common-sense” might tell you, people do not simply believe what authority-figures tell them. Rather, natural mental structures push people into holding certain ideas about the relationship between minds and bodies and what happens when a spirit “mind” takes over a human body—ideas that their theological experts do not teach. Consequently, these ideas populate spirit possession cults, and even modern popular culture, well beyond Brazil.
Wer ihr Buch "The Mind Possessed" aus dem Jahr 2007 (wörtlich übersetzt: "Das besessene Gehirn") im Netz sucht, stößt leicht auf einen gleichnamigen Buchtitel aus dem Jahr 1973 "Mind Possessed - Physiology of Possession, Mysticism and Faith Healing". Und dieses letztere Buch stammt von dem britischen Psychologen William Sargant. William Sargant ist auf "Studium generale" schon behandelt worden (Stud. gen. 16. und 19.03. 2007). Möglicherweise ist dieser Buchtitel nur ein neu gewählter für das schon in den 1950er Jahren erschienene und 1997 wieder aufgelegte Buch von Sargant "Battle for the Mind - A Physiology of Conversion and Brain-Washing".

Hier tun sich insgesamt viele neue Perspektiven auf. Besessenheit als ein zentraler Bestandteil menschlicher Religiosität ... - Sagte nicht Hirnforscher Joachim Bauer, daß Liebe eine "Suchterscheinung" ist? Vielleicht ist alle Religion Liebe, Sucht - - - Besessenheit. Ihrem Wesen nach.

Sonntag, 7. September 2008

Das "Gefühl persönlicher Verantwortung"

- und wie es derzeit in der Hirnforschung erforscht wird

Die ernste Verantwortung, die wir fühlen und die wir gegebenenfalls in der einen oder anderen Form zu übernehmen bereit sind, wenn wir an das Überleben unserer, seit Jahrtausenden gewachsenen Kulturen auf der Nordhalbkugel denken, mag man auch in manchem antiken Kunstwerk wiederfinden, das im Verlauf des Ringens um die Behauptung von Freiheit und Selbständigkeit des antiken Griechenland, bzw. des antiken Athen oder auch der antiken, römischen Republik entstanden ist, bzw. womöglich auch erst nach ihrem Untergang. So mancher Künstler war damals, wie sein Werk zeigt, von dem Geschehen des Untergangs des Prinzips der Freiheit und der Würde in der Welt zutiefst erschüttert (Abb. 1 oder 2).

Was sagt die Wissenschaft heute über die evolutionäre Herkunft, das evolutive Werden des so wesentlichen menschlichen Verantwortungsgefühls, jenes Gefühls, das womöglich erst den Menschen im tiefsten Innern zu einem ganzen Menschen macht?

Ein Weg, sich an das Gefühl der Verantwortlichkeit anzunähern, kann sein, dies über sein Gegenteil zu tun, über die Unmöglichkeit, Verantwortung übernehmen zu können. So schreiben Manfred Eigen und Ruthild Winkler in ihrem Klassiker "Das Spiel - Naturgesetze steuern den Zufall": "Der Zufall hat im Reiche des Spiels einen besonderen Namen." Nämlich: "Wir bezeichnen ihn als Glück, wenn er uns gewogen ist, und als Pech, wenn er uns nur Nachteile bringt. Damit befreien wir ihn aus seiner ursprünglichen Beziehungslosigkeit." [1] Hier wäre also in Bezug auf den Menschen von einem Schicksal die Rede, auf das er durch eigenes Handeln - auch bei sorgfältigster Überprüfung - keinen Einfluss nehmen kann. Er könnte dann gemeinsam mit dem Freiheitskämpfer Florestan aus Beethovens Oper "Fidelio" die so bewegenden, erschütternden Zeilen singen: "Süßer Trost in meinem Herzen - meine Pflicht hab ich getan." Aber solche Worte werden heutzutage nur in dem Munde sehr weniger Menschen aufrichtig klingen können.


Abb. 1: Römische Portraitbüste, 1. Jhdt. v. Ztr.,
gefunden in Herculaneum bei Pompeji;
soll vielleicht Hesiod darstellen (Wiki)
Fotograf: Massimo Finizio (Wiki)

Wenn wir allerdings auf den Ausgang eines Geschehnisses, eines Ereignisses durch Entscheidungen, durch eigenes Handeln selbst Einfluß nehmen können, dann erleben wir den negativen Ausgang eines solchen Handelns nicht nur als (willkürliches) "Pech" und Enttäuschung. Und wir erleben den positiven Ausgang eines solchen Handelns nicht nur als (willkürliches) "Glück" und Erfolgserlebnis. Vielmehr tritt zu der Enttäuschung die Reue dazu: "Hättest du es doch anders gemacht!" Und zu dem Erfolgserlebnis tritt die Bekräftigung und Bestätigung hinzu: "Jawohl, so muß man es machen! Gut gemacht!" In beiden Fällen "lernen" wir durch das, was geschehen ist über eine positive oder negative Rückkoppelung, durch an- oder abdressierende psychische "Konditionierung" ("conditioning by reinforcement"). Diese Art des Lernens hat stammesgeschichtlich im Tierreich eine lange Vorgeschichte [2].

Wenn die Ursachen des Mißerfolges nicht sofort sichtbar sind, kann der Mißerfolg und das Bedauern, die Reue über diesen beim Menschen auch zu umfangreichen Forschungen nach den Ursachen dieses Mißerfolges führen.

Verantwortung und die Möglichkeit des Mißlingens


Die Unterscheidung zwischen bloßer Enttäuschung (engl. "disappointment") bezüglich eines rein willkürlichen, unbeeinflußbaren Ereignisses und der Reue (englisch "regret" oder "remorse") bezügliches des Ausgangs eines Ereignisses, auf das man Einfluß genommen hat, spielt in der psychologischen Forschung von heute nun eine nicht unbedeutende Rolle (Wissenschaft.de, 2004) [3]. Die Reue besonders "hängt mit dem Gefühl persönlicher Verantwortung zusammen". Denn erst die Möglichkeit des Mißlingens eines Vorhabens aufgrund eigener Fehlentscheidungen schafft ja diese "persönliche Verantwortung".

Verantwortung (Wiki) und die Möglichkeit des Mißlingens hängen also untrennbar miteinander zusammen. Man übernimmt die "Verantwortung" - sich selbst oder anderen gegenüber - dafür, daß alles getan wird, damit das Mißlingen eines bestimmten Vorhabens weitestgehend ausgeschlossen ist. Dies ist um so eher möglich, um so besser man sich mit einer Sache auskennt, um so besser beispielsweise die berufliche oder ehrenamtliche Ausbildung ist, die man genossen hat, und die zur Bewältigung der jeweiligen Aufgabe befähigt oder um so mehr Lebenserfahrung man bezüglich bestimmter Lebensumstände besitzt.

Man fühlt sich also dann für den Ausgang eines Vorhabens "verantwortlich". Man macht sich selbst dafür "haftbar". Oder man wird von anderen dafür "haftbar" gemacht.

Eine ernste Angelegenheit des erwachsenen, reifen Menschen


Die Volljährigkeit bringt erhöhte Verantwortung auch im Rechtsleben mit sich. Verantwortung zu übernehmen, ist also besonders eine Angelegenheit des erwachsenen Menschen, des reifen Menschen, des Menschen mit Lebenserfahrung. Wenn schon junge Menschen große Verantwortung übernehmen, nimmt man das mit Staunen oder Bewunderung zur Kenntnis.
Einige Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, unter anderem mit Soziopathie oder einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, sind nicht oder kaum zur Reue fähig.
Und damit sind sie offenbar auch nicht dazu fähig, sich verantwortlich fühlen zu können für das eigene Verhalten, heißt es auf dem deutschen Wikipedia und auf dem englischen:
Remorse (also called compunction) is an emotional expression of personal regret - that is, the emotion felt by the injurer after he or she has injured. Remorse is closely allied to guilt and self directed resentment (e.g. - The boy felt much remorse after hitting the old lady. The idea of remorse is used in restorative justice). One incapable of feeling remorse is often labelled a sociopath (US) or psychopath (UK).

Die Unfähigkeit, Reue und damit Verantwortung zu empfinden


Diese Fähigkeiten zur Reue und damit zur Verantwortung nun sind im menschlichen Stirnhirn lokalisiert:

Patienten mit Schädigungen des orbitofrontalen Cortex empfinden kein Bedauern und können daher aus den negativen Konsequenzen ihrer Handlungen nicht lernen, fanden Nathalie Camille und ihrer Kollegen am Institut für Kognitionswissenschaften in Bron (Frankreich) mit einem Glücksspielexperiment heraus. Während des Experiments berichteten nur die gesunden Probanden darüber, Bedauern zu empfinden, wenn sie ihre Spielentscheidungen Geld kosteten. Dadurch gelang es ihnen, im Lauf des Experiments eine gewinnbringende Strategie zu entwickeln, während die hirngeschädigten Patienten am Ende Verluste erzielt hatten.

Der orbitofrontale Cortex scheint eine wichtige Rolle beim Empfinden von Verantwortung für die eigenen Handlungen zu spielen, schließen die Wissenschaftler aus den Ergebnissen. Dies sei nicht nur bei persönlichen, sondern auch bei einer Vielzahl von sozialen Entscheidungen von Bedeutung.
Auch bei Jugendlichen, die besonders vielen Gewaltvideos und Computerspielen ausgesetzt waren, sind Bereiche des Stirnhirns, die für Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle zuständig sind, auffallend weniger durchblutet (Wissenschaft.de, 2005):
Eine derart verringerte Stirnhirnaktivität wird mit Aufmerksamkeitsproblemen, geringer Selbstkontrolle und gestörter Entscheidungsfindung in Zusammenhang gebracht.

Auswirkungen auf die Stabilität von Gesellschaften?


Es gibt also Möglichkeiten, die Fähigkeit zur menschlichen Freiheit (siehe St. gen.) so weit auszuschöpfen, daß darunter die Fähigkeit zur menschlichen Verantwortungsübernahme leidet.
Dies wird in diffiziler und abgestufter Weise auch für andere Gebiete gelten als nur für die emotional-brutale Medienbeeinflussung. Wobei dennoch berücksichtigt sein soll, daß schon in der Antike mediale Beeinflussung - in Form von Besuchen der Theater und Zirkusse - als besonders schädlich für die Moral der Menschen erkannt worden ist.

Könnte es sein, daß menschliche, arbeitsteilige Gesellschaften nur dann dauerhaft stabil bleiben, wenn ein höherer Prozentsatz ihrer Angehörigen die Fähigkeit zum Fühlen von Verantwortung nicht nur nicht "degenerieren" läßt, sondern weiterentwickelt? Aufgrund welcher bewußter oder halbbewußter verhaltenspsychologischer, evolutionspsychologischer Mechanismen und Motivationen könnte die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme, zum Fühlen von Verantwortung nun aber wachsen? Und zwar ohne daß diese Mechanismen in Widerspruch geraten zu den Gesetzen der genetischen Fitneß-Maximierung wie sie in der Soziobiologie und Evolutionären Anthropologie erforscht werden [s. z.B. 6]?

Abb. 2: Römische, bzw. hellenistische Portraitbüste
1. Jhdt. v. Ztr.
Gefunden in Herculaneum bei Pompeji (Wiki)
Herkunft: Wiki
Die Übernahme von Verantwortung wird in komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften - zum Beispiel - ermöglicht, bzw. erleichtert, durch eine langjährige Berufsausbildung. Und das dürfte auch schon für die ersten arbeitsteiligen Gesellschaften in der Menschheitsgeschichte vor zehn- bis zwölftausend Jahren gelten.

Gerade in frühen arbeitsteilig gegliederten Gesellschaften wurde die ungewohnte emotionale Destabilisierung des einzelnen aufgrund der beruflichen Spezialisierung oft durch umfangreiche religiöse Rituale aufgefangen. Es sei in diesem Zusammenhang etwa erinnert an die "Moieties" bei den amerikanischen Pueblo-Indianern, also an Vorstufen von beruflichen "Gilden" und "Zünften", "Maurerbünden" etc. pp.. Die "aufreibende" Arbeit, der "Streß" in der Ausbildung und in der Ausübung des Berufes, die ja zwangsläufig mit einer gewissen äußeren Absonderung von der übrigen Gesellschaft verbunden sind (das ist ja eben das Wesen von "Spezialisierung"), können dazu führen, daß derjenige oder diejenige, die derartige berufliche Verantwortung übernehmen, diese Verantwortung (nur) auf Kosten der eigenen direkten Fitneß, also auf Kosten eigener Fortpflanzungsmöglichkeiten, Kinder übernehmen (können). In der heutigen Zeit ist dies ja offensichtlich ein ganz häufiges Geschehen.

Berufliche Spezialisierung auf Kosten eigener Nachkommen?


Aber wir wissen es auch von vielen kulturschöpfenden und -tragenden Menschen in den letzten 2000 Jahren, die besondere Verantwortung für ihre Gesellschaft übernommen haben, daß sie oft weniger eigene Kinder hatten, als die Durchschnittsbevölkerung. Denken wir an Kinderlose - oder doch zumindest Kinderarme - schöpferische Menschen wie Michelangelo, Friedrich der Große, Lessing, Kant, Beethoven, Hölderlin, Schubert oder Brahms. Die Aufzählung könnte wohl noch lange fortgesetzt werden und beschränkt sich sicherlich nicht nur auf die aller oberste Spitze derjenigen, die für das "Human Accomplishment", für die höchsten kulturellen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte [4] verantwortlich gewesen sind. Die Frage, ob die Menschen, die kulturelle Höchstleistungen in der Geschichte hervorgebracht haben, insgesamt durchschnittliche Nachkommenzahlen hatten oder nicht, ist nach Kenntnis des Autors dieser Zeilen noch nicht auf breiter Grundlage untersucht worden.

Aber denken wir auch daran, daß überhaupt die westeuropäischen Gesellschaften des Mittelalters und der Neuzeit im Gegensatz zu den osteuropäischen Gesellschaften und mehr noch im Gegensatz zu den ostasiatischen Gesellschaften durch einen hohen Anteil Nichtverheirateter und sehr spät Heiratender gekennzeichnet sind. Dies kann sich sowohl auf stärker spezialisierte Handwerkerberufe erstrecken (in den städtischen Siedlungen), wie auch auf weniger spezialisierte Kleinhäusler- und Tagelöhner-Schichten (in den ländlichen Siedlungen).

In jedem Fall: Sollte es in einer bestimmten Gesellschaft und unter bestimmten Zeitumständen Verhaltens- und Intelligenz-Gene geben, die besonders dazu veranlassen oder es erleichtern, Verantwortung zu übernehmen und kulturelle, wirtschaftliche oder politische Leistungen zu erbringen (nicht nur Höchstleistungen, sondern auch Durchschnittsleistungen), die die Fähigkeit mit sich bringen, "to delay gratification", wie es in der Forschung vielerorts heißt [bspw. 5], dann müßte weiterhin noch geklärt werden, aufgrund welcher evolutiver Zusammenhänge dafür gesorgt ist, daß nicht gerade diese Verhaltensgene im Laufe der Generationen in ihrer Häufigkeit in der Population abnehmen in arbeitsteiligen Gesellschaften, in denen Menschen zu derartiger Verantwortungsübernahme ja sogar auf Kosten der eigenen, direkten Fitneß bereit sind oder sein können.

Klöster und hohe Nichtverheirateten-Rate


Im europäischen Mittelalter gehörte dazu zum Beispiel sehr weitgehend die gesamte intellektuelle Elite in den Klöstern. Daß also die westeuropäischen Gesellschaften trotz dieser vermutlich immensen "Selektion gegen höhere Intelligenz" im Mittelalter durch die Klöster und in Form von kinderlosen Priestern in der Neuzeit dennoch so hohe kulturelle und wirtschaftliche Erfolge aufzuweisen hatten und haben, bleibt aus evolutionspsychologischer Sicht sicherlich weiterhin erklärungsbedürftig. (Die Überlegungen des Historikers Gregory Clark wird man dabei durchaus in Rechnung stellen können. Aber vermutlich werden sie sich als noch nicht ausreichend, bzw. tlw. fehlerhaft erweisen.)

All das sind Fragestellungen, denen in künftigen Beiträgen weiter nachgegangen werden soll. (Aber dabei soll noch wesentlich grundlegender angesetzt werden, als bei dem Ansatz des Historikers Gregory Clark. - Und um zurück zum Ausgangspunkt zu kommen: Der Begriff Reue hat übrigens auch deutlich religiöse Bezüge, denen man nachgehen könnte im Rahmen der sich derzeit rasch weiter entwickelnden "Religionsbiologie".)

/überarbeitet: 17.6.17/

ResearchBlogging.org
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  1. Eigen, Manfred; Winkler, Ruthild (1975): Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall. Piper, München, Zürich (9. Aufl.) 1990, S. 22
  2. Lorenz, Konrad (1973): Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1977
  3. N. Camille (2004). The Involvement of the Orbitofrontal Cortex in the Experience of Regret Science, 304 (5674), 1167-1170 DOI: 10.1126/science.1094550
  4. Murray, Charles (2003): Human Accomplishment. The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 B.C. to 1950. Harper Collins.
  5. V REYESGARCIA, R GODOY, T HUANCA, W LEONARD, T MCDADE, S TANNER, V VADEZ (2007). The origins of monetary income inequality☆Patience, human capital, and division of labor Evolution and Human Behavior, 28 (1), 37-47 DOI: 10.1016/j.evolhumbehav.2006.07.001
  6. Voland, Eckart: Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. 4. Auflage. Springer, Berlin 2013

Samstag, 6. September 2008

Freiheit und Verantwortlichkeit

- der Kommunitarismus,
ein geeigneter Interpretationsrahmen für ein modernes, naturalistisches Menschenbild?


Es wächst das Unbehagen an einem Zusammenleben, in dem jeder seinen Vorteil ohne Rücksicht auf die anderen zu suchen scheint. Ich-Überschätzung bringt Ehen in Gefahr und läßt Familienbande brüchig werden.

Heide Simonis, SPD-Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, fordert eine „Bürgergesellschaft gegen sozialen Zerfall“, die grüne Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer eine „zweite Umweltbewegung: den Wiederaufbau der sozialen Umwelt“.

Wie können Moral und gemeinschaftliche Werte stärker in einer Gesellschaft verankert werden?

„Mit bloßem Individualismus vernichtet der Individualismus sich selbst“, konstatiert Werner Peters, Begründer der Kölner Kommunitaristen.
So lauten Passagen einer Titelgeschichte des "Focus" zu dem Thema "Kommunitarismus". Sie ist schon elf Jahre alt und stammt von Frank Gerbert (17. März 1997, siehe auch Abbildung). In der Presse taucht der Gedanke des Kommunitarismus (Wikipedia) immer wieder einmal auf, er besitzt aber nicht wirklich "Popularität". Anlaß für den Titel der genannten "Focus"-Ausgabe war damals eine Münchener Podiumsdiskussion unter dem Titel "Vereint im Egoismus? Was unsere Gesellschaft noch zusammenhält".

Man glaubt dem Bericht anzumerken, daß er schon über zehn Jahre alt ist und daß sich die Weltkugel und das gesellschaftliche Bewußtsein schon wieder - relativ schnell - um einiges "weitergedreht" haben. Könnte man sich eine Titelgeschichte präzise in diesem Tonfall heute noch vorstellen? Dafür wird anstelle dessen heute in solchen Zusammenhängen vielleicht mehr von Religion geredet und gedacht als damals. Und es ist sicherlich richtig, diese beiden Bereiche verstärkt zusammen zu sehen. Das Thema "Kommunitarismus", "Gemeinschaftlichkeit" des Menschen, Gemeinschaftsbezug, Verantwortlichkeit, das auch im naturalistischen Menschenbild durch die Wiederbelebung des Theorems von der Gruppenselektion vermehrt an Aktualität gewinnt (siehe zuletzt: Natur des Glaubens), veranlaßt zu einigen grundlegenderen Erörterungen. (Diese Erörterungen fassen übrigens vieles zusammen, was auf diesem Blog in den letzten eineinhalb Jahren verstreut an verschiedenen Stellen und in unterschiedlichen Zusammenhängen diskutiert worden ist. Sie bringen so ungefähr eine Annäherung an die tiefere "Philosophie" dieses Blogs.)

Freiheit


Freiheit
ist ein Phänomen, das von naturalistischen Denkern gegenwärtig - merkwürdigerweise - nicht besonders stark betont und hervorgehoben wird in der Deutung des (naturalistischen) Menschenbildes. Und doch ist Freiheit eines der auffälligsten Phänomene, Prinzipien in der Natur. In der Natur drückt es sich grundsätzlich aus als das "Prinzip Zufall", dem das Prinzip Gesetzmäßigkeit, Regelhaftigkeit, Naturgesetz gegenübersteht. Manfred Eigen hat in seinem wertvollen Buch "Das Spiel" (sinngemäß) formuliert: "Das Leben ist ein Spiel, in dem nichts festliegt außer den Regeln." Und diese Erkenntnis hatte schon Friedrich Schiller 200 Jahre zuvor vorweggenommen, als er sagte: "Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt." Und dieses "Spiel" ist natürlich der Ausdruck einer äußeren oder inneren Freiheit, von Freiheitsräumen, von vielfältigen innerpsychischen und äußeren Möglichkeiten, denen sich der Mensch bewußt ist oder die er sich bewußt machen kann.

Verantwortlichkeit

Während nun auf der einen Seite das Phänomen Freiheit nicht besonders stark betont und hervorgehoben wird gegenwärtig von naturalistisch Denkenden (was noch vielfältige Erörterungen veranlassen könnte *) ), wird auf der anderen Seite aber auffälligerweise auch das Prinzip Verantwortlichkeit nicht besonders hervorgehoben im naturalistischen Denken der Gegenwart. Und dies ist nun ein vielleicht noch auffälligerer Befund. (Sehr wichtige Ausnahme: Amazon.) Meistens wird stattdessen lieber der allgemeiner gehaltene Begriff "Altruismus" benutzt. Diesen Begriff läßt man sich inzwischen vielleicht doch ganz gerne gefallen (nachdem er zuerst durch den Buchtitel "Das egoistische Gen" popularisiert worden war vor 18 Jahren [!]), weil er für unser menschliches Selbstbild nicht besonders deutlichen Aufforderungscharakter hat. Denn "altruistisch", "sozial", "kooperativ", nunja, das kann ja jeder irgendwo, irgendwann, irgendwie einmal sein (zumal, wenn ihm noch genügend Spielraum zum Ausleben von Egoismus übrig bleibt). Über seine Person an sich muß das aber dann noch überhaupt nicht besonders viel aussagen. (Wie das übrigens alle wissen, die längere Zeit - etwa - in Dienstleistungs-Berufen tätig waren: Äußere "Beflissenheit" und "Kooperationsbereitschaft" sagen meistens so gut wie gar nichts aus über den eigentlichen, "inneren", wirklich "menschlichen" Gehalt eines - - - sogenannten "Kollegen" oder überhaupt der sozialen Beziehungen in typischen "aalglatten" Dienstleistungs-Gesellschaften.)

Freiheit in Würde

Wenn also dieser menschliche Altruismus nicht in deutlichem Zusammenhang gesehen wird mit der menschlichen Fähigkeit zu allseits vorherrschenden gesellschaftlichen und sozialen "Pathologien", Fehlentwicklungen, (hedonistischen oder asketischen) Selbsttäuschungen, die ja ebenfalls als Ausdruck dieser großen Freiheitsgrade im menschlichen Verhalten gedeutet werden können, dann bekommt man auch nicht den Blick frei darauf, daß der Mensch, seitdem er Mensch geworden ist und diese großen Freiheitsgrade im Verhalten besitzt und immer weitere hinzugewonnen hat, immer schon auch mehr oder weniger deutlich in der "Verantwortung" stand und steht, nämlich, diese große Freiheit, die er leben kann, nun auch in "Würde" zu leben.

Deutet man das menschliche Selbstbild so, dann wird "Altruismus" nicht mit der lächerlichen "Jeden Tag eine gute Tat"-Einstellung verwechselt. Dann wird deutlich, daß Altruismus selbst in seiner Gesamtheit und in der inidividuellen Art der Verwurzelung in der Persönlichkeit über den Wert und die Würde im menschlichen Bereich entscheidet. So also würde stärker der Aufforderungscharakter deutlich, der in der Tatsache an sich, daß der Mensch Verantwortungsbewußtsein besitzt, liegen könnte.

Wenn man aber über diese Zusammenhänge nachdenkt, dann könnte einem bewußt werden, daß zwischen Freiheit und Verantwortlichkeit tatsächlich ein innerer Zusammenhang besteht (- auch von der evolutiven ultimaten Fitneßebene her gesehen). Und daß möglicherweise über beide nicht mehr sehr häufig unter naturalistisch Denkenden gesprochen wird, weil der tiefe innere Zusammenhang zwischen diesen beiden Prinzipien nicht mehr so stark empfunden wird. Es könnte das ja auch eine Empfindung sein, die den Menschen nicht nur bürgerschaftlich stolz und selbstbewußt, sondern zugleich auch "schmerzensreich" machen könnte, zumal unter Verhältnissen einer sehr egoistischen Gesellschaft. (Und das Hauptbestreben der heutigen Menschen ist es ja, möglichst "schmerzfrei" leben.)

Denn tatsächlich ist es ja so: Wenn man dem Menschen ein großes Maß an selbstverantworteten Freiheitsgraden zuspricht in seinem eigenen Verhalten (hier immer vom Menschenbild her gesehen, nicht nur von einer Verfassungsordnung her), dann muß als Gegenkraft in der menschlichen Psyche um der Freiheit willen, um Freiheit in "Würde" leben zu können, auch ein solches Prinzip wie Verantwortlichkeit lebendig sein, bzw. es sollte günstigstenfalls lebendig erhalten werden. Und das wird auf gesellschaftlicher Ebene ebenso gelten wie auf familiärer und individueller.

Die Gesellschafts-Philosophie des "Kommunitarismus"

Wir sehen weltweit und historisch eine sehr große Vielfalt von Gesellschafts- und Kulturpsychologien verwirklicht, von Mentalitäten und Verhaltenstendenzen in Bezug auf diese beiden Möglichkeiten in der menschlichen Psyche, in Bezug auf Freiheit und Verantwortlichkeit. Ganz grob spricht man von individualistischen Gesellschaften und gesellschaftlichen Verhaltenstendenzen und von kollektivistischen Gesellschaften und gesellschaftlichen Verhaltenstendenzen. Und in diesem Zusammenhang werden die traditionellen gesellschaftlichen Verhaltenstendenzen in Ostasien häufig als "kollektivistisch" interpretiert und die heute in westlichen Gesellschaften vorherrschenden als "individualistisch". Auf politischem oder wirtschaftlichem Gebiet spricht man von dem außer Rand und Band geratenen (also "verantwortungslosen" [... ?!]) Neoliberalismus.**)

Dieser Beitrag hat vor allem das Ziel, auf diese Dinge hinzuweisen und vor allem auch auf die Gesellschafts-Philosophie des "Kommunitarismus" (Wikipedia), die aus der Anerkennung und Hochwertung der Werte der liberalen Gesellschaft heraus (so kann man es zumindest verstehen) versucht, die Gesellschaft insgesamt und den einzelnen Bürger zu mehr gesellschaftlichem und sozialem Verantwortungsbewußtsein, Engagement und zu größerem gesellschaftlichen Zusammenhalt aufzufordern.

Der "Kommunitarismus" ist weitgehend unabhängig vom naturalistischen Weltbild entstanden und formuliert worden. Er könnte aber als geeignet angesehen werden, das naturalistische Weltbild und die Weiterentwicklungen in der Theoretischen Biologie um die beiden Prinzipien Freiheit und Verantwortlichkeit zu ergänzen und engagierter zu durchdenken, und so auch die Perspektiven der anthropologischen, soziobiologischen Forschung zu erweitern. (Wissenschaft selbst hat ja - günstigstenfalls - zweierlei Verantwortlichkeiten und zwar möglichst je zu 100 % zu erfüllen: einmal die Verantwortung "der Wahrheit", der wissenschaftlichen Redlichkeit gegenüber, zum anderen hat sie eine gesellschaftliche Verantwortung. Diesen beiden versucht dieser Blog "Studium generale" gerecht zu werden. Und aus beiden fließt insbesondere auch die Motivation zur Arbeit an diesem Blog.)

"Gruppenselektion" und liberale Gesellschaft

In welcher Weise kann sich nun eine solche Wiederbelebung des Theorems der Gruppenselektion in der anthropologischen Forschung positiv auswirken auf die Deutung des menschlichen und gesellschaftlichen Selbstbildes? Wenn man sich mit der Evolution des menschlichen "commitment" (Amazon), des Verantwortungsbewußtseins (allgemeiner: des Altruismus) in Gesellschaften beschäftigt, dann wird einem tatsächlich heute das Fehlen einer allgemeineren Philosophie deutlich, die das menschliche Denken dahingehend strukturiert, die Gemeinschafts-Aspekte des menschlichen Verhaltens grundsätzlicher in den Blick zu nehmen und zu berücksichtigen auch im eigenen Leben und auch in den wichtigeren Lebensentscheidungen.

Wenn man nun die gegenwärtigen Entwicklungen in der Theoretischen Biologie und Anthropologie in eine Wechselwirkung treten lassen würde mit solchen gesellschaftlichen Philosophien wie der des Kommunitarismus, dann sollte das - günstigstenfalls - synergetische Wirkungen entfalten können. Im Wikipedia-Artikel wird der Kommunitarismus zum Teil als im Gegensatz zum Liberalismus stehend formuliert. Man könnte es aber auch präziser sagen: Verantwortlichkeit ermöglicht und stabilisiert erst menschliche, gesellschaftliche Freiheit und entsprechend ermöglichen und stabilisieren "kommunitaristische", verantwortungsbewußte, "gemeinschaftliche" Einstellungen günstigstenfalls auch die Verwirklichung einer echt freiheitlichen, liberalen Gesellschaft.

Zum Ausklang noch einmal Friedrich Schiller.
Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei
und würd' er in Ketten geboren.
Laßt euch nicht irren des Pöbels Geschrei,
nicht den Mißbrauch rasender Toren:
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht -
vor dem freien Menschen erzittert nicht.

(aus: Worte des Glaubens)
_____________________

*) Es könnte von Interesse sein, einmal genauer zu analysieren, wie es um den Gedanken der Freiheit bei naturalistisch Denkenden eigentlich bestellt ist. Beispielsweise betonen sowohl Religionswissenschaftler Michael Blume wie natürlich auch Atheisten - etwa des "Humanistischen Pressedienstes" - das Recht zur freien Religionsausübung, das Recht zur Meinungsfreiheit und anderes mehr. Im Zusammenhang dieses Beitrages ist aber (implizit) ein etwas grundlegenderer und erweiterer Freiheitsbegriff angesprochen. Nämlich die Tatsache, daß der Mensch an sich - als Mensch - frei ist, daß er ein per se freies Wesen ist. Daß es in der Natur per se - und damit auch in seiner - große Freiheitsgrade gibt. Daß der Mensch Freiheit besitzt, weil er Mensch ist, weil ihm die Evolution dieses stolze Selbstbewußtsein ermöglicht hat, und weil sie auch - nachweisbar - "Sicherungen" eingebaut hat in der menschlichen Psyche gegen Übersteigerungen dieses stolzen menschlichen Freiheits-Gefühls.
Also das alles nicht nur, weil der Mensch - heute, zufällig, außerdem auch noch - in einer freiheitlichen Gesellschaft lebt, deren Freiheiten wir ja zu Recht sehr schätzen, und die wir darum auch bereit sein sollten, jederzeit in selbstbewußtem bürgerschaftlichem Engagement zu verteidigen. Sondern weil wir und unsere menschlichen Gesellschaften von Natur aus frei sind - insbesondere dann (so ja der Tenor dieses Beitrages), wenn ihre Bürger selbstbewußte Verantwortlichkeit für diese "Natur" unserer Gesellschaft, also für ihre "Natürlichkeit" empfinden und sie dann auch verstärkt und betont leben.


**) Der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel hat den Gedanken geäußert, den er sicherlich von seinem Jugendfreund Friedrich Hölderlin übernommen hat, daß die Weltgeschichte, die Geschichte arbeitsteiliger menschlicher Gesellschaften ein "Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit", auch der gesellschaftlichen Freiheit darstellt. Auch diesem Gedanken könnte in diesem Zusammenhang weiter nachgegangen werden. Vielleicht leben wir deshalb auch geschichtlich gesehen - und damit tatsächlich auch aus Sicht der Evolution - in der freiheitlichsten Gesellschaft der Weltgeschichte. (Oder doch zumindest in einer Vorstufe derselben.)
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