Sonntag, 7. September 2008

Das "Gefühl persönlicher Verantwortung"

- und wie es derzeit in der Hirnforschung erforscht wird

Die ernste Verantwortung, die wir fühlen und die wir gegebenenfalls in der einen oder anderen Form zu übernehmen bereit sind, wenn wir an das Überleben unserer, seit Jahrtausenden gewachsenen Kulturen auf der Nordhalbkugel denken, mag man auch in manchem antiken Kunstwerk wiederfinden, das im Verlauf des Ringens um die Behauptung von Freiheit und Selbständigkeit des antiken Griechenland, bzw. des antiken Athen oder auch der antiken, römischen Republik entstanden ist, bzw. womöglich auch erst nach ihrem Untergang. So mancher Künstler war damals, wie sein Werk zeigt, von dem Geschehen des Untergangs des Prinzips der Freiheit und der Würde in der Welt zutiefst erschüttert (Abb. 1 oder 2).

Was sagt die Wissenschaft heute über die evolutionäre Herkunft, das evolutive Werden des so wesentlichen menschlichen Verantwortungsgefühls, jenes Gefühls, das womöglich erst den Menschen im tiefsten Innern zu einem ganzen Menschen macht?

Ein Weg, sich an das Gefühl der Verantwortlichkeit anzunähern, kann sein, dies über sein Gegenteil zu tun, über die Unmöglichkeit, Verantwortung übernehmen zu können. So schreiben Manfred Eigen und Ruthild Winkler in ihrem Klassiker "Das Spiel - Naturgesetze steuern den Zufall": "Der Zufall hat im Reiche des Spiels einen besonderen Namen." Nämlich: "Wir bezeichnen ihn als Glück, wenn er uns gewogen ist, und als Pech, wenn er uns nur Nachteile bringt. Damit befreien wir ihn aus seiner ursprünglichen Beziehungslosigkeit." [1] Hier wäre also in Bezug auf den Menschen von einem Schicksal die Rede, auf das er durch eigenes Handeln - auch bei sorgfältigster Überprüfung - keinen Einfluss nehmen kann. Er könnte dann gemeinsam mit dem Freiheitskämpfer Florestan aus Beethovens Oper "Fidelio" die so bewegenden, erschütternden Zeilen singen: "Süßer Trost in meinem Herzen - meine Pflicht hab ich getan." Aber solche Worte werden heutzutage nur in dem Munde sehr weniger Menschen aufrichtig klingen können.


Abb. 1: Römische Portraitbüste, 1. Jhdt. v. Ztr.,
gefunden in Herculaneum bei Pompeji;
soll vielleicht Hesiod darstellen (Wiki)
Fotograf: Massimo Finizio (Wiki)

Wenn wir allerdings auf den Ausgang eines Geschehnisses, eines Ereignisses durch Entscheidungen, durch eigenes Handeln selbst Einfluß nehmen können, dann erleben wir den negativen Ausgang eines solchen Handelns nicht nur als (willkürliches) "Pech" und Enttäuschung. Und wir erleben den positiven Ausgang eines solchen Handelns nicht nur als (willkürliches) "Glück" und Erfolgserlebnis. Vielmehr tritt zu der Enttäuschung die Reue dazu: "Hättest du es doch anders gemacht!" Und zu dem Erfolgserlebnis tritt die Bekräftigung und Bestätigung hinzu: "Jawohl, so muß man es machen! Gut gemacht!" In beiden Fällen "lernen" wir durch das, was geschehen ist über eine positive oder negative Rückkoppelung, durch an- oder abdressierende psychische "Konditionierung" ("conditioning by reinforcement"). Diese Art des Lernens hat stammesgeschichtlich im Tierreich eine lange Vorgeschichte [2].

Wenn die Ursachen des Mißerfolges nicht sofort sichtbar sind, kann der Mißerfolg und das Bedauern, die Reue über diesen beim Menschen auch zu umfangreichen Forschungen nach den Ursachen dieses Mißerfolges führen.

Verantwortung und die Möglichkeit des Mißlingens


Die Unterscheidung zwischen bloßer Enttäuschung (engl. "disappointment") bezüglich eines rein willkürlichen, unbeeinflußbaren Ereignisses und der Reue (englisch "regret" oder "remorse") bezügliches des Ausgangs eines Ereignisses, auf das man Einfluß genommen hat, spielt in der psychologischen Forschung von heute nun eine nicht unbedeutende Rolle (Wissenschaft.de, 2004) [3]. Die Reue besonders "hängt mit dem Gefühl persönlicher Verantwortung zusammen". Denn erst die Möglichkeit des Mißlingens eines Vorhabens aufgrund eigener Fehlentscheidungen schafft ja diese "persönliche Verantwortung".

Verantwortung (Wiki) und die Möglichkeit des Mißlingens hängen also untrennbar miteinander zusammen. Man übernimmt die "Verantwortung" - sich selbst oder anderen gegenüber - dafür, daß alles getan wird, damit das Mißlingen eines bestimmten Vorhabens weitestgehend ausgeschlossen ist. Dies ist um so eher möglich, um so besser man sich mit einer Sache auskennt, um so besser beispielsweise die berufliche oder ehrenamtliche Ausbildung ist, die man genossen hat, und die zur Bewältigung der jeweiligen Aufgabe befähigt oder um so mehr Lebenserfahrung man bezüglich bestimmter Lebensumstände besitzt.

Man fühlt sich also dann für den Ausgang eines Vorhabens "verantwortlich". Man macht sich selbst dafür "haftbar". Oder man wird von anderen dafür "haftbar" gemacht.

Eine ernste Angelegenheit des erwachsenen, reifen Menschen


Die Volljährigkeit bringt erhöhte Verantwortung auch im Rechtsleben mit sich. Verantwortung zu übernehmen, ist also besonders eine Angelegenheit des erwachsenen Menschen, des reifen Menschen, des Menschen mit Lebenserfahrung. Wenn schon junge Menschen große Verantwortung übernehmen, nimmt man das mit Staunen oder Bewunderung zur Kenntnis.
Einige Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, unter anderem mit Soziopathie oder einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, sind nicht oder kaum zur Reue fähig.
Und damit sind sie offenbar auch nicht dazu fähig, sich verantwortlich fühlen zu können für das eigene Verhalten, heißt es auf dem deutschen Wikipedia und auf dem englischen:
Remorse (also called compunction) is an emotional expression of personal regret - that is, the emotion felt by the injurer after he or she has injured. Remorse is closely allied to guilt and self directed resentment (e.g. - The boy felt much remorse after hitting the old lady. The idea of remorse is used in restorative justice). One incapable of feeling remorse is often labelled a sociopath (US) or psychopath (UK).

Die Unfähigkeit, Reue und damit Verantwortung zu empfinden


Diese Fähigkeiten zur Reue und damit zur Verantwortung nun sind im menschlichen Stirnhirn lokalisiert:

Patienten mit Schädigungen des orbitofrontalen Cortex empfinden kein Bedauern und können daher aus den negativen Konsequenzen ihrer Handlungen nicht lernen, fanden Nathalie Camille und ihrer Kollegen am Institut für Kognitionswissenschaften in Bron (Frankreich) mit einem Glücksspielexperiment heraus. Während des Experiments berichteten nur die gesunden Probanden darüber, Bedauern zu empfinden, wenn sie ihre Spielentscheidungen Geld kosteten. Dadurch gelang es ihnen, im Lauf des Experiments eine gewinnbringende Strategie zu entwickeln, während die hirngeschädigten Patienten am Ende Verluste erzielt hatten.

Der orbitofrontale Cortex scheint eine wichtige Rolle beim Empfinden von Verantwortung für die eigenen Handlungen zu spielen, schließen die Wissenschaftler aus den Ergebnissen. Dies sei nicht nur bei persönlichen, sondern auch bei einer Vielzahl von sozialen Entscheidungen von Bedeutung.
Auch bei Jugendlichen, die besonders vielen Gewaltvideos und Computerspielen ausgesetzt waren, sind Bereiche des Stirnhirns, die für Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle zuständig sind, auffallend weniger durchblutet (Wissenschaft.de, 2005):
Eine derart verringerte Stirnhirnaktivität wird mit Aufmerksamkeitsproblemen, geringer Selbstkontrolle und gestörter Entscheidungsfindung in Zusammenhang gebracht.

Auswirkungen auf die Stabilität von Gesellschaften?


Es gibt also Möglichkeiten, die Fähigkeit zur menschlichen Freiheit (siehe St. gen.) so weit auszuschöpfen, daß darunter die Fähigkeit zur menschlichen Verantwortungsübernahme leidet.
Dies wird in diffiziler und abgestufter Weise auch für andere Gebiete gelten als nur für die emotional-brutale Medienbeeinflussung. Wobei dennoch berücksichtigt sein soll, daß schon in der Antike mediale Beeinflussung - in Form von Besuchen der Theater und Zirkusse - als besonders schädlich für die Moral der Menschen erkannt worden ist.

Könnte es sein, daß menschliche, arbeitsteilige Gesellschaften nur dann dauerhaft stabil bleiben, wenn ein höherer Prozentsatz ihrer Angehörigen die Fähigkeit zum Fühlen von Verantwortung nicht nur nicht "degenerieren" läßt, sondern weiterentwickelt? Aufgrund welcher bewußter oder halbbewußter verhaltenspsychologischer, evolutionspsychologischer Mechanismen und Motivationen könnte die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme, zum Fühlen von Verantwortung nun aber wachsen? Und zwar ohne daß diese Mechanismen in Widerspruch geraten zu den Gesetzen der genetischen Fitneß-Maximierung wie sie in der Soziobiologie und Evolutionären Anthropologie erforscht werden [s. z.B. 6]?

Abb. 2: Römische, bzw. hellenistische Portraitbüste
1. Jhdt. v. Ztr.
Gefunden in Herculaneum bei Pompeji (Wiki)
Herkunft: Wiki
Die Übernahme von Verantwortung wird in komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften - zum Beispiel - ermöglicht, bzw. erleichtert, durch eine langjährige Berufsausbildung. Und das dürfte auch schon für die ersten arbeitsteiligen Gesellschaften in der Menschheitsgeschichte vor zehn- bis zwölftausend Jahren gelten.

Gerade in frühen arbeitsteilig gegliederten Gesellschaften wurde die ungewohnte emotionale Destabilisierung des einzelnen aufgrund der beruflichen Spezialisierung oft durch umfangreiche religiöse Rituale aufgefangen. Es sei in diesem Zusammenhang etwa erinnert an die "Moieties" bei den amerikanischen Pueblo-Indianern, also an Vorstufen von beruflichen "Gilden" und "Zünften", "Maurerbünden" etc. pp.. Die "aufreibende" Arbeit, der "Streß" in der Ausbildung und in der Ausübung des Berufes, die ja zwangsläufig mit einer gewissen äußeren Absonderung von der übrigen Gesellschaft verbunden sind (das ist ja eben das Wesen von "Spezialisierung"), können dazu führen, daß derjenige oder diejenige, die derartige berufliche Verantwortung übernehmen, diese Verantwortung (nur) auf Kosten der eigenen direkten Fitneß, also auf Kosten eigener Fortpflanzungsmöglichkeiten, Kinder übernehmen (können). In der heutigen Zeit ist dies ja offensichtlich ein ganz häufiges Geschehen.

Berufliche Spezialisierung auf Kosten eigener Nachkommen?


Aber wir wissen es auch von vielen kulturschöpfenden und -tragenden Menschen in den letzten 2000 Jahren, die besondere Verantwortung für ihre Gesellschaft übernommen haben, daß sie oft weniger eigene Kinder hatten, als die Durchschnittsbevölkerung. Denken wir an Kinderlose - oder doch zumindest Kinderarme - schöpferische Menschen wie Michelangelo, Friedrich der Große, Lessing, Kant, Beethoven, Hölderlin, Schubert oder Brahms. Die Aufzählung könnte wohl noch lange fortgesetzt werden und beschränkt sich sicherlich nicht nur auf die aller oberste Spitze derjenigen, die für das "Human Accomplishment", für die höchsten kulturellen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte [4] verantwortlich gewesen sind. Die Frage, ob die Menschen, die kulturelle Höchstleistungen in der Geschichte hervorgebracht haben, insgesamt durchschnittliche Nachkommenzahlen hatten oder nicht, ist nach Kenntnis des Autors dieser Zeilen noch nicht auf breiter Grundlage untersucht worden.

Aber denken wir auch daran, daß überhaupt die westeuropäischen Gesellschaften des Mittelalters und der Neuzeit im Gegensatz zu den osteuropäischen Gesellschaften und mehr noch im Gegensatz zu den ostasiatischen Gesellschaften durch einen hohen Anteil Nichtverheirateter und sehr spät Heiratender gekennzeichnet sind. Dies kann sich sowohl auf stärker spezialisierte Handwerkerberufe erstrecken (in den städtischen Siedlungen), wie auch auf weniger spezialisierte Kleinhäusler- und Tagelöhner-Schichten (in den ländlichen Siedlungen).

In jedem Fall: Sollte es in einer bestimmten Gesellschaft und unter bestimmten Zeitumständen Verhaltens- und Intelligenz-Gene geben, die besonders dazu veranlassen oder es erleichtern, Verantwortung zu übernehmen und kulturelle, wirtschaftliche oder politische Leistungen zu erbringen (nicht nur Höchstleistungen, sondern auch Durchschnittsleistungen), die die Fähigkeit mit sich bringen, "to delay gratification", wie es in der Forschung vielerorts heißt [bspw. 5], dann müßte weiterhin noch geklärt werden, aufgrund welcher evolutiver Zusammenhänge dafür gesorgt ist, daß nicht gerade diese Verhaltensgene im Laufe der Generationen in ihrer Häufigkeit in der Population abnehmen in arbeitsteiligen Gesellschaften, in denen Menschen zu derartiger Verantwortungsübernahme ja sogar auf Kosten der eigenen, direkten Fitneß bereit sind oder sein können.

Klöster und hohe Nichtverheirateten-Rate


Im europäischen Mittelalter gehörte dazu zum Beispiel sehr weitgehend die gesamte intellektuelle Elite in den Klöstern. Daß also die westeuropäischen Gesellschaften trotz dieser vermutlich immensen "Selektion gegen höhere Intelligenz" im Mittelalter durch die Klöster und in Form von kinderlosen Priestern in der Neuzeit dennoch so hohe kulturelle und wirtschaftliche Erfolge aufzuweisen hatten und haben, bleibt aus evolutionspsychologischer Sicht sicherlich weiterhin erklärungsbedürftig. (Die Überlegungen des Historikers Gregory Clark wird man dabei durchaus in Rechnung stellen können. Aber vermutlich werden sie sich als noch nicht ausreichend, bzw. tlw. fehlerhaft erweisen.)

All das sind Fragestellungen, denen in künftigen Beiträgen weiter nachgegangen werden soll. (Aber dabei soll noch wesentlich grundlegender angesetzt werden, als bei dem Ansatz des Historikers Gregory Clark. - Und um zurück zum Ausgangspunkt zu kommen: Der Begriff Reue hat übrigens auch deutlich religiöse Bezüge, denen man nachgehen könnte im Rahmen der sich derzeit rasch weiter entwickelnden "Religionsbiologie".)

/überarbeitet: 17.6.17/

ResearchBlogging.org
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  1. Eigen, Manfred; Winkler, Ruthild (1975): Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall. Piper, München, Zürich (9. Aufl.) 1990, S. 22
  2. Lorenz, Konrad (1973): Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1977
  3. N. Camille (2004). The Involvement of the Orbitofrontal Cortex in the Experience of Regret Science, 304 (5674), 1167-1170 DOI: 10.1126/science.1094550
  4. Murray, Charles (2003): Human Accomplishment. The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 B.C. to 1950. Harper Collins.
  5. V REYESGARCIA, R GODOY, T HUANCA, W LEONARD, T MCDADE, S TANNER, V VADEZ (2007). The origins of monetary income inequality☆Patience, human capital, and division of labor Evolution and Human Behavior, 28 (1), 37-47 DOI: 10.1016/j.evolhumbehav.2006.07.001
  6. Voland, Eckart: Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. 4. Auflage. Springer, Berlin 2013

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